Die Stimmen über dem Meer

 

42761551z

 

Bettina Storks, Die Stimmen über dem Meer, Bloomsbury 2015, ISBN 978-3-8270-1252-4

 

 

Mit ihrem Debütroman „Das Haus am Himmelsrand“ konnte die früher als Redakteurin arbeitende Schriftstellerin Bettina Storks bei Bloomsbury ein breites Publikum begeistern und überzeugen.

In ihrem neuen Roman „Die Stimmen über dem Meer“ entführt sie den mit jeder weiteren Seite mehr gefangenen Leser in „das Land am Ende der Welt“ , wie die Bretonen seit alters her ihre unvergleichlich schöne Heimat nennen. Und auch Bettina Storks,obwohl sie darüber keine Angaben macht, ist dem Zauber dieses Landes am Atlantik und seiner Geschichte voller Kultur und Bräuche offenbar total erlegen, sonst hätte sie diesen bezaubernden, spannenden und kulturell lehrreichen Roman nicht so schreiben können.

Ein Roman, in dem es neben einer auch von einer Liebesgeschichte geprägten Haupthandlung immer wieder geht um bretonische Geschichte und Kultur, um die Einzigartigkeit eines Landstrichs, dem auch Jean-Luc Bannalec mit seinen Kriminalromanen schon viele literarische Denkmäler gesetzt hat.

Morgane, die als Übersetzerin in München mit einem ehrgeizigen beruflich sehr angespannten  Mann in einer von ihr immer für glücklich gehaltenen Beziehung lebt, hat als Kind ihre bretonische Mutter bei einem Unfall ans Meer verloren.

Nun nach vielen Jahren in Deutschland bekommt sie von ihrer verstorbenen Tante, bei der sie als Kind unzählige unvergessene Ferienaufenthalte erlebt hat, nicht nur ein Haus vererbt, sondern auch die zunächst völlig unzugängliche Paulette, von der sich bald herausstellt, dass sie über eine lange Zeit die Partnerin der Tante war, der diese ein lebenslanges Wohnrecht zusicherte.

Von der Idee, das Haus zu verkaufen, kommt Morgane bald ebenso ab, wie von dem Plan, zu ihrem Partner nach München zurückzukehren. Auch als sich herausstellt, dass das Haus mit erheblichen Schulden belastet ist, wird ihre vom ersten Tag ihres Aufenthaltes geweckte Begeisterung und Faszination für diese raue und wunderschöne Landschaft zwischen den Meeren nicht geschmälert,  zumal die reiche Sagenwelt seiner Kultur sie immer mehr in ihren Bann zieht, scheint sie doch genau ihre Geschichte zu erzählen…..

Ein bezaubernder Roman über das Finstere, der in mir erneut (nach den Romanen von Bannalec) den unbändigen Wunsch weckte, dieses bedrohte Stück Land am Ende der Welt einmal selbst zu besuchen und mich von seiner Schönheit bezaubern zu lassen.

 

 

 

 

Das Buch der Zumutungen

 

 

 

42651880z

 

 

Stefan aus dem Siepen, Das Buch der Zumutungen,  DTV 2015, ISBN 978-3-423-28061-7

Von dem im deutschen diplomatischen Dienst tätigen Schriftsteller im Nebenberuf Stefan aus dem Siepen habe ich zum ersten Mal gehört und gelesen, als ich vor drei Jahren seinem außergewöhnlichen Roman „Das Seil“ begegnet bin, dessen Lektüre mich nachhaltig beeindruckte.  Auch der Nachfolger „Der Riese“ 2014 konnte mich überzeugen.

Nun legt er ein Buch vor, das er „Das Buch der Zumutungen“ nennt und in dem er in der Tradition der deutschen Kulturkritik in insgesamt 303 kurzen Betrachtungen und Anekdoten unsere moderne Existenz in den Blick nimmt. Da geht es um Phänomene des Alltags, um Fragen religiöser und weltanschaulicher Art, immer wieder um die deutsche Sprache und ihren Niedergang,  um Ereignisse des Zeitgeschehens der letzten Jahre, um Kunst und Literatur und um den Sport und seine Funktion in einer Gesellschaft, die nach dem Rückgang der Religionen unter einer gähnenden metaphysischen Leere leidet.

Stefan aus dem Siepen beobachtet sehr genau und formuliert mit knapper, aber immer treffender Sprache sogenannte Zumutungen – kulturkritische Bemerkungen zwischen Ernst und Humor.

Ein kurzes, aber für das Buch typisches Beispiel:
„Gutes Deutsch. Was nur in Deutschland möglich ist: wer sich fehlerlos und gewandt ausdrückt, gilt als Sonderling. “

Mit viel Esprit und sprachlicher Eleganz zeigt er die Schatten auf und interpretiert ihre Bedeutung und Funktion.

Ein Buch, das mir viele Aha-Erlebnisse bescherte und mir über viele Wochen, die ich mit ihm verbrachte köstliche Unterhaltung bot.

Keine Toleranz den Intoleranten

 

 

 

42686559z

 

Alexander Kissler, Keine Toleranz den Intoleranten, Gütersloher Verlagsanstalt 2015, ISBN 978-3-579-07098-8

 

Dieses Buch ist eine Streitschrift im besten Sinne des Wortes. Der Publizist Alexander Kissler, der in der Vergangenheit sich schon oft mit differenzierten und pointierten Beiträgen in die politischen und kulturellen Debatten in unserem Land eingemischt hat, nimmt in seinem neuen Buch die Reaktionen der Öffentlichkeit und Politik der westlichen Gesellschaften und Kulturen nach den Pariser Anschlägen auf Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt im Januar 2015 genau unter seine kritische Lupe.

Dass schon wenig später ein noch viel schwererer Anschlag von fanatischen Islamisten die französische Weltmetropole treffen würde, konnte er beim Schreiben dieses Buches noch nicht ahnen. Aber ich bin sicher, es hat ihn nicht überrascht. Denn die Reaktionen bisher unterscheiden sich nicht wesentlich von denen im Januar.

Da wird verbal aufgerüstet, es wird nach schärferen Gesetzen gerufen und so die über eine lange Zeit erkämpfte Freiheit der westlichen Demokratien in Frage gestellt. Und damit wird genau in die Falle getappt, die die Islamisten aufgestellt haben.

Doch Alexander Kissler geht es um mehr als nur die aktuelle Analyse. Er verfolgt mit stellenweise bissigen und auch bitteren Kommentaren,  hauptsächlich natürlich mit dem Fokus auf Deutschland, wie die Medien, die Politiker, die Kirchen und die Intellektuellen, wenn sie sich denn überhaupt zu Wort melden, lieber eine Position und einen Wert nach dem anderen verwässern oder gar ganz aufgeben, als klar und deutlich zu erkennen und es dann auch auszusprechen,  dass durch immer mehr Verständnis dem Islam gegenüber die nötigen Abgrenzungen und Distanzierung ausbleiben und eine Werteposition nach der anderen aufgegeben wird.

Mir persönlich etwa ärgert es zunehmend, dass meine evangelische Kirche, auf deren Liberalität und Humanität ich stolz bin im Zusammenhang mit den Flüchtlingen zur Zeit nur von ihrer genuinen Aufgabe spricht, Fremde aufzunehmen anstatt darauf hinzuweisen, dass sich schon bald moslemische Parallel-Gesellschaften und Kulturen herausbilden werden, die unsere christlichen Werte nicht anerkennen und das auch niemals tun werden. Es gibt kein einziges Beispiel, dass in irgendeinem Land islamische Migranten das getan hätten.  Der Reflex, den Kissler scharf angreift, ist der, jede solcher Entwicklungen zu erklären und zu entschuldigen mit Verweisen auf den Kolonialismus und die Unrechtsgeschichte des Westens und seiner jüdisch-christlich geprägten Kultur. Kein Wort hingegen zu Angriffen von Moslems auf Christen in vielen Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge.

Kissler zitiert mehrfach unter anderen den linken Philosophen Slavo Zizek, der in seinem Buch „Blasphemische Gedanken. Islam und   Moderne “ immer wieder betont, dass die auf ihre Sünden regelrecht stolze Larmoyanz des Westens den Feinden des Westens in die Karten spielt. Als Hauptsatz der „politisch korrekten Selbstbezichtigung des Westens“ identifiziert er den Satz: „Wenn etwas Schreckliches in der Dritten Welt geschieht, dann muss es auf irgendeine Weise eine Folge des (Neo-) Kolonialismus sein. “

Viele weitere Stimmen von Zeitgenossen ruft Kissler auf, die allesamt stehen für eine aufgeklärte und liberale, demokratische begründete Haltung und Philosophie.

Es ist sowas wie ein Schuldkomplex und stellenweise bis zum Selbsthass sich steigernde der Öffentlichkeit der westlichen Gesellschaften,  die seinen erklärten Feinden ein zunehmend leichtes Seite bieten.

Ein Wandel ist dringend nötig: „Der Westen muss wieder fähig werden Auskunft zu geben,  jedem und jeder, ueber die Genesen seiner Freiheiten. Er muss neu ausbuchstabieren und verteidigen können,  wie er wurde, was er ist: ein Versprechen auf Glück, eine Geschichte von der Würde eines jeden Menschen, die unverlierbar ist, weil jeder Mensch gleich geboren wird, weil jeder Mensch als Person mit einem Schrei ins Leben tritt und noch immer weiß,  was er zu Voltaires Zeiten wusste,  ‚was du nicht willst, das man dir tun soll, das tue du auch nicht.'“

Das, darauf weist der Rezensent hin,  steht schon im Neuen Testament. Auch so ein Dokument unserer Kultur, das uns
Orientierung geben könnte, von  dem aber immer mehr immer weniger wissen.

 

Das Weihnachtskind

 

42679778z

 

Rose Lagercrantz, Das Weihnachtskind, Moritz Verlag 2015, ISBN 978-3-89565-309-4

 

Rose Lagercrantz geb. 1947, ist eine sehr bekannte schwedische Schriftstellerin, die für Kinder Jugendliche und für Erwachsene mehrere Dutzend Bücher verfasste, von denen viele in viele verschiedene Sprachen übersetzt wurden.

In ihrer Kindheit, so schreibt sie, habe sie nicht gewusst, warum Weihnachten gefeiert wird. Wahrscheinlich geht es heute immer mehr Kindern ganz genau so, wo schon die Erwachsenen darüber nicht mehr genau Auskunft gegeben können. Deshalb habe sie auf Anregung von Lis (wohl eine Enkelin) diese uralte Geschichte aufgeschrieben.

Ihre kindgerechte und der Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums nachempfundene Erzählung fängt sowohl sozialgeschichtlich als auch theologisch den Sinn und die Bedeutung der Geburt Jesu ein. Die zauberhaften Illustrationen von Jutta Bauer, die der Verlag für dieses Buch gewinnen konnte, interpretieren die Geschichte auf ihre ganz eigene Weise.

Wer sich also selbst religionsgeschichtlich etwas schwach auf der Brust fühlt, dem sei dieses schone Bilderbuch zum Vorlesen für seine Kinder nicht nur am Heiligen Abend sehr empfohlen.

Leise pieselt das Reh

 

 

 

42557898z

 

Werner Holzwarth, Leise pieselt das Reh. Altes Liedgut frisch aufgepöbelt, Klett Kinderbuch 2015, ISBN 978-3-95470-124-7

 

Das ist mal wieder ein Buch für Kinder, wie sie der Klett Kinderbuch Verlag seit seinem Auftauchen auf dem Kinderbuchmarkt schon öfter präsentiert hat. Frech und aufmüpfig kommen sie daher, bringen Kinder zum Lachen und pädagogisch korrekte Erwachsenen zum Stirnrunzeln.

Werner Holzwarth, der vor vielen Jahren mit seinem „Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ einen bis heute andauernd Erfolg auf dem Bilderbuchmarkt präsentierte, hat sich wieder mit dem befasst, was Kinder am allerliebsten haben.

Wer kennt das das nicht aus seiner eigenen Kindheit, als man zusammen mit anderen dichtete: „Frère Jaques, halt die Klappe“ und damit beim Singen die ganze Klasse zum Lachen brachte. Diese Abänderungen bleiben sofort haften und man kann sie im Nu auswendig singen und auch manchmal grölen.

Für alle Eltern die gerne solchen Quatsch mal mitmachen und vor allen Dingen für ihre Kinder liefert Werner Holzwarth mit diesem Buch Nachschub.

Alte Kinderlieder werden mit witzigen, frechen und manchmal regelrecht unverschämten Texten nachgedichtet. Eine beigefügte CD mit genialen Interpretationen der Lieder erhöht den immensen Spaß beim Singen oder auch bloß beim Anhören.

Genial witzig und zum Kaputtlachen. Das, was Kinder bei allem Lebensernst in der Schule auch mal brauchen. Schenken Sie es Ihnen!

Mein Rucksack ist mein Haus

 

 

42715984z

Maria Stadler, Mein Rucksack ist mein Haus, Atlantis 2015, ISBN 978-3-7152-0703-2

 

Der Kleine Hannes, vom Alter her ist er vielleicht gerade in die Schule gekommen, möchte in die Welt hinausgehen und teilt das auch seiner vielbeschäftigten Mutter mit. Sie neckt in mit dem Verweis auf „Hänschen klein“, doch er packt zielsicher seinen Rucksack und in einem unbeobachteten Moment verschwindet er aus der Haustür und geht immer er Nase nach in den Wald.

Alles hat er in seinen geliebten Rucksack gepackt, genügend Proviant und auch seine Lieblingsspielsachen. Ja, man a das Gefühl, er wolle nur deshalb hinaus in die Welt, um einmal seinen Rucksack auszuprobieren. Zu seiner Mutter sagte er noch, bevor er ging: „Mein Rucksack ist mein Haus.“

Er geht nicht sehr weit in den Wald hinein, als er Rast macht und von seinen Vorräten isst. Als es dunkel wird, spürt er, an die Eltern denkend, kurz einen Anflug von Traurigkeit, doch dann deckt er sich mit dem Rucksack zu und schläft.

Bald schon fängt es an zu schneien, weil der Winter zurückgekehrt ist und eine Menge Tiere schnuppern an dem fremden Waldgast. Alle finden sie Platz unter Hannes‘ Rucksack, wärmen sich und schlafen ein.

Derweil, haben die Eltern von Hannes schon mit ihrer Suche nach dem Sohn beginnen, doch erst als die Sonne aufgeht, finden sie und staunen über die vielen Tiere, die aus Hannes Rucksack heraus purzeln.

Ein schönes Buch mit zauberhaften Bildern, das erzählt von einem richtigen Jungenabenteuer, von dem man nicht genau weiß, ob es Traum oder Wirklichkeit ist und von einer wunderbaren Heimkehr. Ein Buch, das aber an keiner Stelle problematisiert, dass Hannes einfach so von zu Hause fortgeht, ohne Bescheid zu sagen.

Rosaleens Fest

 

43682356z

 

Anne Enright, Rosaleens Fest,  DVA 2015, ISBN 978-3-421-04700-7

 

In ihrem neuen Roman „Rosaleens Fest“, der für die Auszeichnung des Booker -Preises 2015 nominiert war, den sie vor Jahren mit ihrem Buch „Familientreffen“ schon einmal gewann,  geht es wieder einmal um eines der Lieblingsthemen und -sujets der irischen Schriftstellerin Anne Enright. Die Familie,  was sie zusammenhält und charakterisiert,  wie Kinder von ihr geprägt werden, vor allen Dingen von starken Mutterfiguren, wie sie versuchen,  ihr in ein eigenes Leben zu entfliehen und wie sie am Ende doch anerkennen müssen,  dass das Zuhause nicht nur der Ort ist, wo die unterschiedlichen Lebensprobleme begannen,  sondern erstaunlicherweise auch der, wo sie gelöst werden können.

Rosaleen ist in der Gegenwartsebene des Buches, also im Jahr 2005, als sie ihre vier Kinder zu Weihnachten nach Hause ruft,  etwa Mitte siebzig Jahre alt.

Sie hat zwei Söhne,  Dan, der zunächst Priester werden wollte und Emmet. Dan ist homosexuell und geht bald nach Amerika,  wo ihn Anne Enright im ersten Teil des Buches in den achtziger Jahren begleitet, als Aids noch auf eine vernichtende und meist tödliche Weise in der Schwulenszene wütete.

Emmet hat sich der Entwicklungshilfe verschrieben. Auch ihm und seinem Leben und seinen immer wieder von bitterer Enttäuschung heimgesuchten Idealen folgt Anne Enright über eine lange Strecke.  Ihr gelingt es hervorragend an diesen beiden in die Ferne geflohenen Söhnen etwas zu zeigen von einer Welt,  die in diesem Zeitraum der achtziger und neunziger Jahre schon beginnt sich zu globalisieren und an vielen Orten aus den Fugen gerät und nicht nur in Irland sondern überall Krisen, Chaos und Elend produziert.

Doch die beiden Töchter Rosaleens, das Nesthäkchen Hanna, die nach enttäuschten Theaterambitionen in  der traurigen Welt des Alkohols und Selbstmitleids hart gelandet ist und die Familienfrau und Mutter Constance, die sich leer gebrannt und in der Aufopferung für ihre Familie selbst verloren hat, haben sich von ihrer Mutter und Familie ebensowenig abgenabelt und selbständig gemacht wie ihre Brüder, die die Lösung in einer mit Freiheit imaginierten Fremde gesucht haben.  Jeder auf seine eigene Weise, meist nicht recht bewusst, versucht sein Leben so zu führen,  als ob er es als Kind der trotz allem geliebten Mutter recht machen wollte.

 

In wechselnden chronologisch geordneten Rückblicken verfolgt Anne Enright das Leben der vier Kinder und ihrer Mutter von 1980 bis zu jenem Winter 2005, als Rosaleen ihre Kinder zum Weihnachtsfest einlädt, wo sie ihnen offenbaren will, dass sie das Haus in Ardeevin, in dem die vier Geschwister aufgewachsen sind und mit dem sie die widersprüchlichsten Erinnerungen verbinden, verkaufen möchte.

Alle reisen pünktlich an mit Gedanken und Hoffnungen auf so etwas wie Versöhnung mit einer nie wirklich mit ihrem Leben zufriedenen Mutter.  Doch was sie erleben, scheint altbekannte
und eingespielt. Same procedure as every year.

„Rosaleens Fest“ ist ein dichter Familienroman, der sich hinabwagt in die Gründe und Abgründe von Liebe und Hass,  der menschliches Verhalten und Fehlverhalten schonungslos beschreibt und dennoch voller Verständnis ist für seine allesamt irgendwie gescheiterten Figuren.  Und vor allen Dingen voller Hochachtung dafür, was eine Familie und was eine Mutter bei allen Schwächen und Fehlern leisten und bedeuten.

Mit einer enormen emotionalen Wucht will der Roman zeigen und in Erinnerung rufen, was das Leben wirklich ausmacht.

Ein mit großer Meisterschaft geschriebenes Buch.

 

Vaterhaus

 

42716529z

 

 

Bea Dieker, Vaterhaus, Jung und Jung 2015, ISBN 978-3-99027-074-5

In ihrem ersten,  wohl stark autobiographisch geprägten Roman geht die in Frankfurt lebende Künstlerin Bea Dieker ihren Erinnerungen an ihre Kindheit nach. Sie tut das auf eine derart ehrliche und authentische Weise, dass jedenfalls beim Rezensenten immer wieder Bilder, Worte und Szenen aus seiner eigenen Lebensgeschichte vor das innere Auge traten.

In einem wahren Kraftakt, dessen Sprache man die Anstrengung des ganzen literarischen Unternehmens abspuert, lässt sie das Haus, in dem sie aufwuchs und dem sie schlussendlich in ihre persönliche Freiheit entfloh, wieder auferstehen. Jede detaillierte Beschreibung unzähliger Einzelheiten wie etwa Farben, Gerüche und Einrichtungsgegenstände ist mit konkreten Erinnerungen verbunden. Sie nennt es nicht ohne Grund das „Vaterhaus“, weil dieser Mann so wie ihr ebenfalls im Haus lebender Großvater die ihre Kindheit prägende Figur war. Schildert sie den Großvater in seiner Werkstatt eher mit liebevollen und warmen Toenen, kommt der Vater selbst weniger gut weg. An einer Stelle, die Bea Diekers Sprachkunst deutlich macht, schildert sie atemlos, wie sie vor dem die Mutter schlagenden und misshandelten Vater flieht:
„Nicht umkommen wollen durch ihn. Es selbst tun. Er noch jenseits des Geländers. Drehe mich, wende mich ihm frontal entgegen. Erhobene Hand. Drohe. Einschrittnaeherundichspringe (….) Später, viel später, ungesehene Flucht auf mein Zimmer. Abgeschlossen. Das Bett, die Eisenstange umklammert. Wissen, wenn er käme, töten zu können. Den Vater töten können. ….“

Es ist das Leben der Sechziger- und Siebzigerjahre, das sie beschreibt, eine Zeit, in der die Menschen wie der Vater der Ich-Erzählerin nicht selten betrunken waren von den Versprechungen eines immer noch besseren Lebens. Mit großer Sorgfalt und einem durch den zeitlichen Abstand distanzierten Blick versucht sie sich ihrer Vergangenheit zu nähern um mit sich und ihrer Lebensgeschichte so etwas wie eine Versöhnung herzustellen.

Es bleibt offen, ob ihr das wirklich gelingt. Als sie viele Jahre später gegen Ende des schmalen Romans für einige Tage als ihr Vater im Sterben liegt für mehrere Nächte dort ist, da ist alles fremd. „Im Unbehagen einquartiert“ nennt sie das und ruft damit auf der letzten Seite des Buches bei mir nochmals Erinnerungen wach, die zwischen Schrecken und großer Trauer um etwas endgültig Verlorenes wechseln.  Das Bild der Autorin auf der hinteren Umschlagseite trägt genau diesen Ausdruck. Er lässt mich ihr in diesem Augenblick ganz nahe sein.

Verabredet mit dem Glück

 

42708630z

 

Andreas Kumpf, Verabredet mit dem Glück, Verlag Anton Pustet 2015, ISBN 988-3-7025-0803-6
Im Vorwort zu seinem hier vorliegenden Buch berichtet der Psychologe und Coach Andreas Kumpf von einer ihn erschütternden Beobachtung, bei der ihm vor Jahren auffiel, wie viele Menschen, an denen er in der Stadt vorbei lief, in ihren Gesichtern einen Ausdruck großen Unglücks trugen. Damals begann er sich auch wissenschaftlich mit dem Thema zu beschäftigen. Die Psychologie vor allem hat eine Menge dazu zu sagen, spricht von Lebenskurven und Hormonen, aber bei der Antwort auf die Frage, wie genau man glücklich wird und es auch bleibt, kommt nur wenig Erkenntnis.

Andreas Kumpf hat sich auf die Suche gemacht und in insgesamt 130 Gesprächen mit den unterschiedlichsten Menschen etwas herausgefunden,  was bei  allen Gesprächspartnern eine Rolle spielte und generalisierbar scheint.

Siebzehn von diesen Gesprächen hat er im Buch dokumentiert. Neben ganz normalen, der Öffentlichkeit völlig unbekannten Menschen, hat er neben Ärzten und Psychotherapeuten auch Vertreter der großen Weltreligionen befragt. Auffällig ist, aber nicht besonders erwähnt, dass darunter kein Vertreter des Islam war.

Egal, mit wem er sprach: in jeder Lebensgeschichte gibt es einen Moment, einen Punkt, der den sich anschließenden Kurs des Lebenswegs bestimmt. In Richtung Glück oder zumindest in Richtung Glückssuche.

Es scheint ziemlich klar, dass sich dieser Punkt zu jedem Zeitpunkt des Lebens ereignen oder „offenbaren“ kann. Es liegt an  jedem Einzelnen, diesen Kairos zu erkennen und eine entsprechende Entscheidung zu treffen.
Andreas Kumpf glaubt, dass die Lektüre seiner Porträts seinen Lesern helfen kann, diesen Punkt im eigenen Leben nicht nur zu entdecken, sondern seiner Botschaft zu folgen.
Das  Porträt, das mir am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben ist, ist das mit Paul Chaim Eisenberg, dem Oberrabbiner von Wien. Er erzählt von einer Stelle aus dem Talmud, wo es heißt:
„Wer wird geehrt? Der, der die anderen ehrt! Wer ist weise? Der, der von jedem Menschen lernt! Wer ist ein Held? Der, der seine Triebe beherrscht! Wer ist reich? Der, der glücklich ist mit dem was er hat.“

Genau das mache glücklich, wenn man es teilen kann, also in der Lage ist, andere zu beglücken.

Das stimmt, bestätigt der Rezensent, der in der dunkelsten Phase seines Lebens diese Einsicht hatte und ihr seitdem jeden Tag gefolgt und glücklich dabei ist

Eine Welt aus Zeichen

 

 

42587288z

 

Martin Kuckenburg, Eine Welt aus Zeichen. Die Geschichte der Schrift, Theiss 2015, ISBN 978-3-8062-2627-0

 

In einem reich illustrierten sehr repräsentativen Band aus dem Theiss Verlag beschreibt der Wissenschaftsjournalist Martin Kuckenburg die Geschichte der Schrift. Er hat das Buch sowohl regional als auch chronologisch-strukturell aufgebaut und beschreibt „eine Welt aus Zeichen“ in drei Hauptkapiteln

 

  • Bild und Keil – die frühen Schriftkulturen des Alten Orients
  • Orakelknochen und Maya-Glyphen – Schriftsysteme in anderen Weltteilen
  • Vom Mittelmeer um die Welt – Entstehung und Siegeszug des Alphabets

Beeindruckende Bilder, Zeichnungen und immer wieder im Text herausgehobene wichtige Zitate lockern ein lehrreiches und ungemein verständliches Buch auf, in dem mir jedenfalls deutlich wurde, wie eminent wichtig die Schrift und auch ihre Weiterentwicklung für die Kultur und das Denken der Menschen war und ist und auch in Zukunft sein wird.

In seinem Ausblick am Ende des Buches zur Zukunft der Schrift bezeichnet er die modernen, oft erst im Computerzeitalter entstandenen Auflockerungen der Schrift und Verstöße gegen die herkömmlichen Schreibregeln als eine Bereicherung. Bildsymbole und Ideogramme seien wie in den frühen Schriften keine Notbehelfe. Vielmehr: „Zumindest im Bereich der Computerschrift und der informellen Kommunikation werden sie derzeit auch bei uns ein Stück wiederbelebt, und weit davon entfernt, der Schriftkultur zu schaden, wird diese Entwicklung im Gegenteil sogar zu ihrer Zukunftsfähigkeit und lebendigen Fortdauer in einer immer stärker visuell geprägten Welt beitragen.“

Etwas, woran sich der Rezensent, der sich damit schwer tut, noch gewöhnen muss. Aber niemand muss ja diese neuen Elemente benutzen. Er wird auch so verstanden. Wichtig ist nur, dass man irgendwann die Texte seiner Kinder und Enkel noch verstehen kann.