Alle Beiträge von Winfried Stanzick

I saw a man

 

 

44125187z

 

Owen Sheers, I saw a man, Der Hörverlag 2016, ISBN 978-3-8445-2120-7

Er stammt aus Wales, wo er auch einen Teil der Handlung seines hier anzuzeigenden Romans spielen lässt, ist 41 Jahre alt und hat in vielen großen Zeitungen und Zeitschriften seines Heimatlandes in der Vergangenheit Reportagen veröffentlicht. Schon Owen Sheers erster Roman („Resistance“)  wurde in 10 Sprachen übersetzt (die deutsche Version wird sicher von DVA nach dem Erfolg des zweiten bald in Angriff genommen werden) und sein neuer Roman „I saw a man“ schickt sich an, noch erfolgreicher zu werden.

Owen Sheers Roman ist ein Thriller, der es an Spannung mit den ganz großen des Genres aufnehmen kann. Kaum hat man das Buch aufgeschlagen, ist man vom ersten Satz an in den Bann gezogen:
„Der Vorfall, der ihrer aller Leben veränderte, ereignete sich an einem Samstagnachmittag im Juni, kurz nachdem Michael Turner – in der Annahme, es sei niemand da – das Haus der Nelsons durch die Hintertür betreten hatte. London ächzte unter einer Hitzewelle. Überall im South Hill Drive standen die Fenster offen, und das Blech der Autos war so heiß, dass die Schweißnähte in der Sonne knackten.“

Doch Michael Turner ist kein Dieb und Einbrecher, sondern er will als guter Nachbar und Freund von Josh und Samantha Nelson sich nur einen ausgeliehenen Schraubenzieher zurückholen. Scheinbar ist niemand zu Hause, obwohl die Hintertür offen ist. Und so macht er sich auf die Suche.

Owen Sheers schafft es bis weit über die Hälfte des Buches, den Leser  über diesen „Vorfall, der ihrer aller Leben veränderte“ im Unklaren zu lassen, über das, was in diesen kurzen Augenblicken, als Michael Turner in dem Haus unterwegs ist und die Treppen hochsteigt, geschieht. Das steigert die Spannung ins fast Unerträgliche und motiviert den Leser, ohne Pause weiterzulesen: in vielen Rückblenden erzählt Owen Sheers die Lebensgeschichte von Michael und seiner Frau Caroline, und wie Michael die Nelsons kennengelernt und mit ihnen Freundschaft geschlossen hat.

Michael Turner ist Journalist, dessen Spezialität es ist, dass er für seine durchaus erfolgreichen Reportagen sozusagen eintaucht in das soziale Feld, das er dann beschreibt. So entstand auch sein erstes Buch „BrotherHoods“ über zwei Brüder in New York City, das zu einem Weltbestseller mutiert. Seine Frau Caroline war über viele Jahre als „embedded journalist“ für verschiedene Fernsehsender in allen Krisenherden der Welt unterwegs, suchte regelrecht die Gefahr. Sie ist, als sie mit Michael nach Wales in ein kleines Cottage zieht, mit ihrer Arbeit für eine kleine Produktionsfirma nicht zufrieden, und so ist es fast zwangsläufig, dass sie sofort zusagt, als in ihrer Firma ein Auftrag für Dreharbeiten in Pakistan zu vergeben ist.  Dort wird Caroline von einer US-Drohne getötet.

Sehr bald schon führt Owen Sheers mit Major Daniel McCullen jenen Mann ein, der von einer geheimen Einsatzzentrale in den USA den Einsatz jener Drohne steuerte, die Caroline und ihr Team tötete und dessen Leben damit ins Wanken gerät. In diesen Teilen des Buches erfährt der Leser viel Kritisches über die Drohnen-Politik der USA.

Immer wieder wechselt der Blinkwinkel zwischen der Szene im Haus der Nelsons, dem Leben Daniel McCullens und der Vergangenheit Michaels hin und her. Vor allen Dingen führt Owen Sheers, die Spannung immer weiter steigernd, den Leser erzählend an die Jetztzeit heran. Denn Michael hat nach Carolines Tod Wales verlassen und in London in Hampstead Heath die Wohnung eines Freundes gemietet. In seinen Nachbarn Josh und Samantha Nelson findet er eine Art Familie. Dauernd laden die beiden ihn ein zum Essen und er wird auch für die beiden Töchter zu so etwas wie einem väterlichen Freund. Mit der Zeit spürt Michael, dass es in der Ehe der Nelsons nicht stimmt, ohne dass er dem weiter nachgeht.

Josh arbeitet sehr erfolgreich bei der Lehman Brothers Bank, und, da die Gegenwartshandlung im Jahr 2008 spielt, ahnt der Leser bei der ersten Erwähnung von Joshs Beruf, was bald kommen wird. Für seine Frau Samantha, als studierte Fotografin wegen der beiden Töchter eine eher frustrierte Hausfrauenexistenz mit vielen Cocktailparties führend und den nicht nur dort viel Alkohol konsumierenden Josh kommt Michael als nachbarlicher Freund gerade recht. Wenn er da ist, sind sie von ihren Problemen abgelenkt und ihre beiden Töchter freuen sich.

Irgendwann am Ende der ersten Hälfte des Buches sind die Vorgeschichten erzählt und der das Leben der Protagonisten verändernde Vorfall geschehen. Nun kommt Owen Sheers, die Spannung nur unwesentlich reduzierend zum  eigentlichen Thema des Buches über die Folgen eines einzigen schicksalhaften Moments. Für die drei Männer, Josh, Michael und auch Daniel, von denen jeder einzelne in einem solchen Moment schuldig geworden ist, geht es nun darum, mit dieser Schuld umzugehen. Schuld, die sich in allen drei Fällen mischt mit großem Verlust und sie unabhängig voneinander, aber auch in zartem Kontakt miteinander zwingt, sich ihrer Schuld zu stellen.

Mit einem sehr überraschenden Ende bindet Owen Sheers seine Kompositionsfäden zusammen und hinterlässt beim Leser den Eindruck, gerade ein großes Stück Literatur gelesen zu haben.

Man darf auf die Verfilmung dieses Stoffes gespannt sein. Die Filmrechte sind jedenfalls schon verlauft. Der hier vorliegenden gekürzten Lesung von Devid Striesow jedenfalls gelingt es hervorragend etwas von jenem Drama zu vermitteln,  das zeigt, was mit einer Freundschaft passiert, wenn Geheimnisse und Lügen ihre heimtückische Natur entfalten.

Kuckuck

 

41949676z

Guiliano Ferri, Kuckuck, Minedition 2015, ISBN 978-3-86566-278-1

 

Schon ganz kleine Babys lieben ein Spiel, das alle Erwachsenen selbst gerne gespielt haben und das sie deshalb schon nach wenigen Minuten, wenn sie einem kleinen Kind begegnen anfangen zu spielen: Kuckuck.

Das Verstecken und Wiederauftauchen lässt Kinder lachen und jauchzen, sie üben sich darin ihre eigene Identität zu finden.

In diesem schönen Bilderbuch von Guiliano Ferri wollen zunächst verschiedene Tier entdeckt und benannt werden, bevor es auf der letzten Seite mit einem Spiegel um das eigene Selbst geht.

Ein Buch, das neugierig macht und zum Entdecken einlädt.

Kommt ein Pferd in die Bar

 

44192531z

 

David Grossman, Kommt ein Pferd in die Bar, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-25050-5

 

Schon lange gehört der israelische Schriftsteller David Grossman nicht nur in Israel, sondern weltweit zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Für seinen Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ 2010 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, hat er seitdem sich immer wieder zu der verzweifelten Lage seines Heimatlandes geäußert. Nun legt er mit dem Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ ein neues, ungewöhnliches Werk vor, in dem er auf eine intensive Weise, die mit jeder Seite mehr unter die Haut geht, Zuschauer und Leser an der tragischen Lebensgeschichte eines Comedians teilnehmen lässt. An einer Stelle, die Vorstellung hat schon ihren Lauf genommen, beschreibt er das so:

„Er seufzt, kratzt sich das spärliche Haar an der Schläfe. Natürlich merkt er, dass der ganze Abend in eine Schieflage geraten ist. Der Ast, auf dem er gerade sitzt, ist bereits schwerer als der ganze Baum. Auch das Publikum merkt es. Die Leute werfen sich Blicke zu, rutschen unruhig auf ihren Stühlen herum. Sie begreifen immer weniger, in was sie hier wider Willen hineingezogen werden. Sie wären längst gegangen oder hätten ihn sogar von der Bühne gepfiffen, wenn da nicht etwas Verlockendes wäre, dem man so schwer widerstehen kann: ein Blick in die Hölle von jemand anderem.“

Ort der Handlung ist das ganze Buch über eine Bühne in einem kleinen Kabarett in dem Ort Netanya. Die Zuschauer erwarten einen lustigen Abend. Sie wollen sich amüsieren und haben dafür auch Eintritt entrichtet. Auf der Bühne steht Dovele, an seinem 57. Geburtstag. Er hat zu diesem Auftritt einen Jugendfreund eingeladen, Avishai, einen pensionierten Richter. Der war damals vor Jahrzehnten auch in dem Zeltlager, aus dem eines Tages Dovele herausgerissen und zu einer Beerdigung gefahren wurde. Aus seiner Sicht beschreibt David Grossman einen Abend und eine Vorstellung, die nicht nur den Zuschauern unter die Haut geht, sondern auch dem Leser dieses Buches.

Dovele beginnt, indem er ohne Unterlass Witze erzählt, gute und schlechte. Er ist grob, er ist zart, immer wieder spricht er Menschen aus dem Publikum schamlos an. Er spielt mit der Sprache und biegt sie sich zurecht. Er mutet dem Publikum eine gnadenlose Abrechnung zu mit der Welt und mit seinem Leben. Wie Ohrfeigen verpasst er dem Publikum die Revue seines eigenen Lebens, zuerst mit Scherzen, dann auch mit heftiger Gewalt gegen sich selbst. Man gewinnt den Eindruck, das wird seine letzte Vorstellung sein

Da ist eine Frau im Publikum, die Dovele offenbar von früher kennt. Immer wieder versucht sie verzweifelt ihm klarzumachen, dass sie ihn doch als guten Menschen kennengelernt hat. Sie will ihn abhalten von seinem Weg, sich auf der Bühne immer weiter die Seele blutig zu reißen. Und zu schreien. Denn Dovele wird immer lauter, immer härter und brutaler werden seine Witze und seine Sprache. Da legt David Grossman Wesensschichten frei eines durch seine Vergangenheit gebeutelten Menschen (es stellt sich heraus, dass die Mutter „dort“ war, im KZ) und rührt damit Wesensschichten in der Seele des Lesers an, die dieser vielleicht lange nicht (mehr) wahrgenommen hat. Das macht die Lektüre dieses außergewöhnlichen Buches so emotional und mitreißend im wahrsten Sinne des Wortes. Avishai beschreibt das so: „Wie hat er das geschafft, frage ich mich, wie hat er uns so schnell umgedreht, sein Publikum und in gewisser Weise auch mich? Wie hat er uns dazu gebracht, uns in seiner Seele zu Hause zu fühlen und uns zu seinen Geiseln gemacht?! Die meisten Gäste im Saal sitzen gebeugt da und starren ihn an, wie von einem Zauber gebannt.“

Als deutlich wird, dass Dovele all diese Scherze und Slapsticks schon seit seiner Kindheit eingeübt hat, um seiner vom Holocaust in der Seele gezeichneten Mutter auch nur ein einziges Lächeln abzuringen, konnte ich beim Lesen meine Tränen nicht zurückhalten.

Und es wird klar, es geht nicht nur im Comedy, gegenüber der Avishai bei dem Telefonat mit Dovele, als der ihn zur der Vorstellung einlädt, wie um ein Zeuge aus seiner Vergangenheit dabei zu haben, seine mir zunächst sympathischen Vorbehalte so formuliert:

„Plötzlich, aus dem Nichts, war ich auf ihn losgegangen, als sei er der Stellvertreter schlechthin für die Leichtfertigkeit des Menschen in allen ihren Ausdrucksformen: Für euch, polterte ich los, ist doch im Grunde alles nur Stoff, aus dem man Witze machen kann, jede Sache, jeder Mensch, alles ist erlaubt, warum nicht. Wer nur ein bisschen improvisieren und schnell genug denken kann, darf alles lächerlich machen, ob mit Parodie oder Karikatur, Krankheiten, Kriege, Tod, alles ist lachbar, warum nicht?“

Doch es wird viel mehr als Comedy. Es wird nackter, schmerzhafter Lebensernst. Und es wird ein Zeugnis, wie bis weit in die zweite Generation hinein der Holocaust Seelen von Menschen zerstört und ganze Lebensentwürfe atomisiert.

Auf eine faszinierende, stellenweise auch bedrückende Weise gelingt es David Grossman, den Leser zum Teil eines Publikums zu machen, das sich zunächst über die Witze Doveles amüsiert, dem mehr und mehr aber das Lachen auf den Lippen gefriert. Immer mehr Menschen aus dem Publikum verlassen den Raum, weil sie es nicht mehr ertragen, was sie da sehen. Ich kann mir auch vorstellen, dass viele Leser mehrfach überlegen, die Lektüre des Buches abzubrechen, weil es ihnen entweder zu nahe kommt, oder ihre inneren Schutzmechanismen so hoch sind, dass es sie nicht dort erreicht, wo es wirken will.

Als Leser, der nicht flieht, gehört man plötzlich zu den wenigen Zuschauern, die sich von Dovele’s Geschichte fesseln und berühren lassen. Ich konnte mich dem Sog, der Dramatik und der Emotionalität dieser Geschichte nicht entziehen.

 

Ein großer Roman, ein Buch wie ein „versteckter Sprengkörper“(Ha´aretz).

Haus

 

 

41768309z

 

Felicitas Horstschäfer, Johannes Vogt, Haus, Gerstenberg 2015, ISBN 978-3-8369-5802-8

 

Menschen wohnen in Häusern, seit langen Zeiten schon. Aber es gibt sehr viele unterschiedliche Häuser. Es gibt normale Einfamilienhäuser, große Wohnblocks in der Stadt. Es gibt Häuser im Wald, Zelte und Iglus.

Es gibt Höhlen in der Erde, Baumhäuser für Kinder; Schiffe als Wohnungen für Piraten und Burgen für Ritter.

Es gibt verschiedene Häuser für Gott, Kirchen und Moscheen. Und es gibt Hausboote und Wohnwagen.

All das will in diesem schönen Bilderbuch von Kindern entdeckt werden. Vielleicht können sie ja zu jedem dieser Häuser eine Geschichte erfinden oder malen über die Menschen, die darin wohnen, bzw. sich zeitweise darin aufhalten.

I Saw A Man

 

 

 

44123289z

Owen Sheers, I saw a man, DVA 2016, ISBN 978-3-421-04669-7

 

Er stammt aus Wales, wo er auch einen Teil der Handlung seines hier anzuzeigenden Romans spielen lässt, ist 41 Jahre alt und hat in vielen großen Zeitungen und Zeitschriften seines Heimatlandes in der Vergangenheit Reportagen veröffentlicht. Schon Owen Sheers erster Roman („Resistance“) wurde in 10 Sprachen übersetzt (die deutsche Version wird sicher von DVA nach dem Erfolg des zweiten bald in Angriff genommen werden) und sein neuer Roman „I saw a man“ schickt sich an, noch erfolgreicher zu werden.

Owen Sheers Roman ist ein Thriller, der es an Spannung mit den ganz großen des Genres aufnehmen kann. Kaum hat man das Buch aufgeschlagen, ist man vom ersten Satz an in den Bann gezogen:

„Der Vorfall, der ihrer aller Leben veränderte, ereignete sich an einem Samstagnachmittag im Juni, kurz nachdem Michael Turner – in der Annahme, es sei niemand da – das Haus der Nelsons durch die Hintertür betreten hatte. London ächzte unter einer Hitzewelle. Überall im South Hill Drive standen die Fenster offen, und das Blech der Autos war so heiß, dass die Schweißnähte in der Sonne knackten.“

Doch Michael Turner ist kein Dieb und Einbrecher, sondern er will als guter Nachbar und Freund von Josh und Samantha Nelson sich nur einen ausgeliehenen Schraubenzieher zurückholen. Scheinbar ist niemand zu Hause, obwohl die Hintertür offen ist. Und so macht er sich auf die Suche.

Owen Sheers schafft es bis weit über die Hälfte des Buches, den Leser über diesen „Vorfall, der ihrer aller Leben veränderte“ im Unklaren zu lassen, über das, was in diesen kurzen Augenblicken, als Michael Turner in dem Haus unterwegs ist und die Treppen hochsteigt, geschieht. Das steigert die Spannung ins fast Unerträgliche und motiviert den Leser, ohne Pause weiterzulesen: in vielen Rückblenden erzählt Owen Sheers die Lebensgeschichte von Michael und seiner Frau Caroline, und wie Michael die Nelsons kennengelernt und mit ihnen Freundschaft geschlossen hat.

Michael Turner ist Journalist, dessen Spezialität es ist, dass er für seine durchaus erfolgreichen Reportagen sozusagen eintaucht in das soziale Feld, das er dann beschreibt. So entstand auch sein erstes Buch „BrotherHoods“ über zwei Brüder in New York City, das zu einem Weltbestseller mutiert. Seine Frau Caroline war über viele Jahre als „embedded journalist“ für verschiedene Fernsehsender in allen Krisenherden der Welt unterwegs, suchte regelrecht die Gefahr. Sie ist, als sie mit Michael nach Wales in ein kleines Cottage zieht, mit ihrer Arbeit für eine kleine Produktionsfirma nicht zufrieden, und so ist es fast zwangsläufig, dass sie sofort zusagt, als in ihrer Firma ein Auftrag für Dreharbeiten in Pakistan zu vergeben ist. Dort wird Caroline von einer US-Drohne getötet.

Sehr bald schon führt Owen Sheers mit Major Daniel McCullen jenen Mann ein, der von einer geheimen Einsatzzentrale in den USA den Einsatz jener Drohne steuerte, die Caroline und ihr Team tötete und dessen Leben damit ins Wanken gerät. In diesen Teilen des Buches erfährt der Leser viel Kritisches über die Drohnen-Politik der USA.

Immer wieder wechselt der Blinkwinkel zwischen der Szene im Haus der Nelsons, dem Leben Daniel McCullens und der Vergangenheit Michaels hin und her. Vor allen Dingen führt Owen Sheers, die Spannung immer weiter steigernd, den Leser erzählend an die Jetztzeit heran. Denn Michael hat nach Carolines Tod Wales verlassen und in London in Hampstead Heath die Wohnung eines Freundes gemietet. In seinen Nachbarn Josh und Samantha Nelson findet er eine Art Familie. Dauernd laden die beiden ihn ein zum Essen und er wird auch für die beiden Töchter zu so etwas wie einem väterlichen Freund. Mit der Zeit spürt Michael, dass es in der Ehe der Nelsons nicht stimmt, ohne dass er dem weiter nachgeht.

Josh arbeitet sehr erfolgreich bei der Lehman Brothers Bank, und, da die Gegenwartshandlung im Jahr 2008 spielt, ahnt der Leser bei der ersten Erwähnung von Joshs Beruf, was bald kommen wird. Für seine Frau Samantha, als studierte Fotografin wegen der beiden Töchter eine eher frustrierte Hausfrauenexistenz mit vielen Cocktailparties führend und den nicht nur dort viel Alkohol konsumierenden Josh kommt Michael als nachbarlicher Freund gerade recht. Wenn er da ist, sind sie von ihren Problemen abgelenkt und ihre beiden Töchter freuen sich.

Irgendwann am Ende der ersten Hälfte des Buches sind die Vorgeschichten erzählt und der das Leben der Protagonisten verändernde Vorfall geschehen. Nun kommt Owen Sheers, die Spannung nur unwesentlich reduzierend zum eigentlichen Thema des Buches über die Folgen eines einzigen schicksalhaften Moments. Für die drei Männer, Josh, Michael und auch Daniel, von denen jeder einzelne in einem solchen Moment schuldig geworden ist, geht es nun darum, mit dieser Schuld umzugehen. Schuld, die sich in allen drei Fällen mischt mit großem Verlust und sie unabhängig voneinander, aber auch in zartem Kontakt miteinander zwingt, sich ihrer Schuld zu stellen.

Mit einem sehr überraschenden Ende bindet Owen Sheers seine Kompositionsfäden zusammen und hinterlässt beim Leser den Eindruck, gerade ein großes Stück Literatur gelesen zu haben.

Man darf auf die Verfilmung dieses Stoffes gespannt sein. Die Filmrechte sind jedenfalls schon verlauft.

 

 

 

 

Der schönste Grund, Briefe zu schreiben

 

 

 

44162245z

 

Angeles Donate, Der schönste Grund, Briefe zu schreiben, Thiele Verlag 2016, ISBN 978-3-85179-341-3

 

Wieder haben die Späher des Thiele Verlag im Süden Europas ein wunderschönes Buch entdeckt und sich dazu entschlossen es in Deutschland zu veröffentlichen. Anja Rüdiger hat es aus dem Spanischen gut übersetzt, und so können die Leser über etwa 400 Seiten ein außerordentliches literarisches Debüt von Angeles Donate verfolgen. Ein Romandebüt, in dem es um die Macht der Liebe geht, um die Kunst des Briefeschreibens und um das Geheimnis, wie das Schreiben von Briefen Erkenntnis bringen kann, über sich selbst und über andere.

Es beginnt damit, dass in einem kleinen spanischen Dorf namens Provenir die für dieses Dorf seit vielen Jahren zuständige Briefträgerin und Leiterin der Poststelle, Sara, von ihrer vorgesetzten Behörde einen Brief bekommt. Ihr wird mitgeteilt, dass das über einhundert Jahre alte Postamt bald geschlossen werden soll, und Sara nach Madrid versetzt werden wird.

Für die alleinerziehende Mutter von drei Kindern ist diese Nachricht eine Katastrophe. Aber auch für ihre achtzigjährige Nachbarin Rosa wäre das furchtbar, denn sie hat in Sara und ihren Söhnen eine Art Familie gefunden, an der sie seit langem hängt und die ihr so etwas wie Schutz und Geborgenheit im Alter gibt.

Es dauert nicht lange, da hat Rosa eine zündende Idee. Wenn sie das Briefaufkommen im Ort steigern könnte, dann würde die Post vielleicht von der Schließung der Filiale absehen, und Sara könnte ihren Job behalten. Also setzt sie anonym eine Briefkette in Gang und beginnt mit einem Brief an ihre ehemalige Schulfreundin Luisa, der sie schon längst einmal schreiben wollte, aber nie dazu kam. All ihre Gedanken bringt sie zu Papier, insbesondere die, die sie schon seit Jahren quälen und von denen sie nicht loskommt.

Doch dieser Brief wird nicht von Luisa gelesen, sondern von ihrer Enkelin Alma, die nur kurz nach dem geerbten Haus ihrer Oma schauen will und, so wird sich zeigen, nicht nur durch den anonymen Brief für länger in dem kleinen Ort gehalten wird.

Während die Briefkette mit manchen längeren Pausen weitergeht, lernt der Leser weitere bisher sozusagen im Schatten des Dorfes lebende Menschen und ihre Lebensgeschichten kennen. Eine alte Dichterin, eine Telefonsexanbieterin, ein junger Mann, der seinen Vater pflegt und viele weitere. Und Sara wundert sich über die vielen zusätzlichen Briefe, weiß aber lange von nichts und tröstet sich mit dem Chatten mit ihrem Jugendfreund, der auf einer Bohrinsel in der Nordsee arbeitet. Noch!

Angeles Donate verbindet über die Briefe, die zunächst völlig beziehungslos durch das Dorf gesendet werden, Geschichten und Schicksale von ganz konkreten Menschen miteinander und fügt sie ein in eine lineare Handlung, die den Leser nicht nur immer wieder zu Tränen rührt, sondern auch gespannt darauf warten lässt, was nun als nächstes passiert und wie die Geschichte mit der Postfiliale nun ausgehen wird.

In einem dramatischen Höhepunkt erhält Sara neununddreißig anonyme Briefumschläge, in jedem ein Zitat eines Dichters über die Liebe, eines schöner und wahrhaftiger als das andere. Und dann kommt ihr 40. Geburtstag mit einer Riesenüberraschung….

Ein schönes Buch, ein Roman über die Liebe und die Kraft des geschriebenen Wortes, ein Buch darüber, wie Menschen sich ihrer Vergangenheit stellen und sich wieder von ihr lösen, bereit und fähig für eine bessere Zukunft. Ein Buch über die Liebe, ohne Kitsch. Ein leidenschaftliches Buch über die Kunst des Briefeschreibens. Wann haben Sie sich zuletzt darin geübt?

 

 

Deine Sehnsucht wird dich führen

 

 

44124461z

 

Sabine Asgodom, Deine Sehnsucht wird dich führen, Kösel 2016, ISBN 978-3-466-31041-8

 

„Wie Menschen erreichen, wovon sie träumen“ lautet der Untertitel des neuen Buches der bekannten und erfolgreichen Management-Trainerinnen in Deutschland, Sabine Asgodom. Wovon träumen Menschen nicht alles, seit sie schon als Kinder begannen, sich ihre Zukunft und ihr Leben vorzustellen. Die Träume verändern sich mit der Zeit, werden erwachsener und konkreter, aber in der Regel werden sie nicht verwirklicht. Deshalb, so sagt Asgodom, weil wir sie selbst nicht ernst nehmen, immer wieder andere Prioritäten setzen, uns anpassen und so unsere Träume aus den Augen verlieren und auch aus dem Herzen.

Doch an den unterschiedlichsten Stellen brechen sich unsere Träume und Visionen Bahn. Nicht selten versteckt und als solche erst einmal nicht zu erkennen in Krisen und Krankheiten. Spätestens dann, manchmal auch mit Hilfe einer Therapie stellen sich die Lebensfragen neu: „Was ist mir wichtig? Wie will ich leben? Woran will ich arbeiten?“

Diese Fragen stellen wir uns auch zu Beginn unserer Ausbildung oder am ersten Tag in einem neuen Job. Doch in der Routine des Alltags ordnen wir die eigenen Ziele denen unter, die andere uns vorgeben.

Sabine Asgodom ist davon überzeugt, dass Erfolg immer ein Lebenserfolg ist. Ein Lebenserfolg, der erarbeitet und erstrebt werden kann, wenn wir wieder neu lernen unser Herz zu befragen und uns jucht vollständig von dem bestimmen lassen, was unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftssystem uns diktieren.

Die eigene Sehnsucht nach Leben, nach etwas Neuem, und sei es auch noch so marginal und klein, wieder ernst nehmen, dabei die Träume und Visionen von seiner konkreten Gestalt als Kompass verwenden und einsetzen, und Zufälle, aber auch Krisen und Lebenskrisen als Hilfestellung willkommen heißen, davon handelt dieses Buch.

 

 

 

 

 

Lehrerdämmerung

 

 

 

44066609z

 

Christoph Türcke, Lehrerdämmerung. Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet, C.H. Beck 2016, ISBN 978-3-406-68882-9

 

„Es geht um weit mehr als einen Schulstreit. Mit der Rolle der Lehrer stehen zugleich entscheidende politische Grundeinstellungen zur Debatte“, schriebt der emeritierte Philosophieprofessor Christoph Türcke am Ende seiner wichtigen Streitschrift. „Man kann das Wort „Lehrerdämmerung“ depressiv verstehen: Lehrer erübrigen sich; Lernbegleiter genügen. Man kann es aber auch hoffnungsvoll lesen: Den Lehrern dämmert, dass sie sich das nicht gefallen lassen müssen. Wenn sie für den Erhalt und das Ethos ihre Berufes wirklich kämpfen, werden sie eine Orientierungsdebatte auslösen, die an die Grundfesten der neoliberalen Welt rüttelt.“

Große Worte nach einer vernichtenden Kritik der sogenannten neuen Lernkultur in unseren Schulen. An vielen Beispielen beschreibt Türcke die einer neoliberalen Ideologie angelehnte Reduktion der Schule und deren Lerninhalte auf reine Sach- und Fachkompetenzen. Persönlichkeitsentwicklung und Charakterbildung, Kritikfähigkeit und politisches (Selbst)bewusstein, musische Neigungen und künstlerisches Ausdruck, all das soll in der schönen neuen Lernwelt der Arbeitsblätter und Lernbegleiter keinen Platz und Ort mehr haben. Junge Menschen werden, lediglich auf ihre Kompetenzen reduziert, angesehen wie Maschinen. Und die Lehrer werden ihrer Würde beraubt, wenn man sie nur noch als „Kompetenzbeschaffungsgehilfen“ definiert.

Türckes Buch ist an flammender Aufruf an alle Lehrer, sich diese Selbstdegradierung und -abschaffung nicht mehr länger bieten zu lassen.

Rückbesinnung tut not auf das, was „Lehren“ eigentlich ist. Ich wünsche dem Buch und seinem Geist eine starke Verbreitung innerhalb der Lehrerschaft und der Kultusbürokratie.

 

 

 

 

Prinz Bummelletzter

 

 

44191763z

 

 

Sybille Hein, Prinz Bummelletzter, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-24751-2

 

Eine schöne Geschichte erzählt Sybille Hein wieder in ihrem neuen Bilderbuch. Eine Geschichte, so richtig geeignet für all die Kinder im Kindergartenalter und deren genervte Eltern, die, aus welchem Grund auch immer, es jeden Tag schaffen, zu spät in den Kindergarten zu kommen. Für alle, die vor lauter Träumen vergessen zu frühstücken, und die immer den Eindruck haben, wenn sie kommen, ist der Markt schon gelaufen.

So geht es auch dem kleinen Trödler Prinz Willibald, dessen Brüder, natürlich alle von der schnellen und handgreiflichen Truppe, ihm die übelsten Schimpfwörter an den Kopf werfen, ihn Kriechgurke, Lahmschnecke, Trödel-Dödel und Trantüte nennen und ihm den Spitznamen Prinz Bummelletzter gegeben haben.

In seiner Phantasie hat Willibald ganz konkrete auch zeitlich durchstrukturierte Pläne. Er will erst Räuber jagen, dann eine Stunde später Riesen fangen und wieder nach einer Stunde einen Drachen schleudern.

Als er eines Morgens beim Frühstück, zu dem er natürlich viel zu spät kommt, einen Zettel seiner schon verschwundenen Brüder findet, auf dem sie mitteilen, sie seien zum Mittagessen zurück, müssten nur vorher noch schnell Prinzessin Fritza vor dem Drachen retten, da denkt sich Willibald: „Eine Prinzessin retten, das könnte mir auch gefallen.“

Doch bis er soweit ist, alles Nötige gepackt und sich auf den Weg gemacht hat, ist alles schon vorbei. Der Drache hat die Brüder besiegt und von der Prinzessin keine Spur. Doch dann kommt Willibalds Auftritt, sachte und bedacht. Und nachdem der vom Kampf erschöpfte Drache ins Gras gesunken ist, taucht auch die Prinzessin auf.

Natürlich verlieben sie sich ineinander, doch sie nehmen sich dafür genauso viel Zeit, wie für die Rückkehr. „Und wie sie gebummelt haben.“

Fazit: Für jeden Topf gibt es einen passenden Deckel. Und: manchmal erreicht man mehr, wenn man nicht der erste ist, sondern sich Zeit und alle ruhig auf sich zukommen lässt. Wunderbar!

 

 

Herr Seepferdchen. Pop-Up Buch

 

 

41778871z

 

 

Eric Carle, Herr Seepferdchen. Pop-Up Buch, Gerstenberg 2015, ISBN 978-3-8369-5834-9

 

So wie in seiner weltberühmten und von Generationen von Kindern geliebten „Raupe Nimmersatt“ gelingt es Eric Carle auch hier in „Herr Seepferdchen“, das 2005 zum ersten Mal auf Deutsch erschien und hier in einer wunderbaren und raffiniert gestalteten Pop-Up Ausgabe vorliegt, die entscheidenden Lebenserfahrungen kleiner Kinder in einer Tiergeschichte darzustellen.

Hier ist es die für alle Kinder notwendige Erfahrung, sich behütet zu wissen. Bei den Seepferdchen ist es so wie bei einigen anderen im Wasser lebenden Wesen der Vater, der die Kleinen behütet und in seinem Beutel heranwachsen lässt, ihnen die Welt zeigt und sie mit anderen Meereswesen bekannt macht, bevor er sie dann irgendwann in ihre Selbständigkeit entlässt. Mit den Worten: „Ich hab dich sehr lieb, aber jetzt kannst du allein zurechtkommen!“ drückt er etwas aus, was jede Mutter und jeder Vater zu den unterschiedlichsten Abschnitten der Entwicklung ihrer Kinder sagen und tun sollten.

Ein wunderbares Bilderbuch, dem eine ähnliche Bekanntheit wie der berühmten Raupe zu wünschen wäre.