Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Hunkelers Geheimnis

 

 

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Hansjörg Schneider, Hunkelers Geheimnis, Diogenes 2015, ISBN 978-3-257-06937-2

 

Der pensionierte Basler Kommissär Peter Hunkeler liegt im Krankenhaus. Er ist an der Prostata operiert worden, und es hat sich herausgestellt, dass es kein Krebs war. Hunkeler fühlt sich verschont und spürt, wie schon in den früheren Jahren so etwas wie Dankbarkeit für sein Leben, auch wenn seine Erinnerungen mit steigendem Alter immer intensiver werden.

Hansjörg Schneider, der in einem Interview bestätigt hat, das Hunkeler, seine Lebensgeschichte und seine Gedanken sehr mit seiner eigenen Biographie und seinen Gedanken zu tun haben.

Hunkeler liegt also im Krankenhaus und neben ihm im gleichen Zimmer ein alter Bekannter: Stephan Fankhauser, einst wie Hunkeler bei den Achtundsechzigern, ist er durch die Institutionen marschiert und Leiter der Balser Volkssparkasse geworden. Nun ist er schwerkrank. Eines Nachts beobachtet Hunkeler, wie eine Krankenschwester mit einen Rubinring an der Hand, Fankhauser eine Spritze setzt. Der wehrt sich heftig und ist am nächsten Morgen tot. Hunkeler weiß nicht recht, ob er einer Täuschung durch die eigenen Medikamente aufgesessen ist, doch es wird sich später herausstellen, dass er richtig beobachtet hat.

Später, während einer Handlung, in der Schneider wieder in die Schweizer Geschichte zurückgeht und sie parallel setzt zu zeitgenössischen Ereignissen, hier die Finanzkrise.

Und während der er Hunkeler seien eigenen Gedanken denken lässt:

„In seiner Jugend, dachte Hunkeler, waren die Schweizer stolz gewesen auf ihr Land. Man sprach vom freien Schweizer und meinte sich selbst. Man war stolz darauf, dass man den Flüchtlingen Asyl gewährte. Man war auch stolz auf die Banken. Denn in ihnen lag das Geld unschuldig Verfolgter in sicherer Verwahrung. Ein Stück vom Freiheitskämpfer Wilhelm Tell steckte in jedem Eidgenossen und jeder Eidgenossin.“

Doch die Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg hat sich als rassistisch herausgestellt und die einst angesehenen Banken sind in unglaubliche Skandale verwickelt. Und was zunächst aussieht wie eine Sinnestäuschung hat Zusammenhänge bis in die ferne Vergangenheit.

Seit 1993, als der Basler Schriftsteller Hansjörg Schneider seinen ersten Kriminalroman um den Kommissär Peter Hunkeler veröffentlichte, ist er als Krimiautor ein Geheimtipp geworden. Obwohl seine Bücher keine hohen Auflagen erreichen, wie etwa die seiner modern gewordenen schwedischen Kollegen, sind die Romane auf höchstem Niveau, mit viel politischer Analyse, gesellschaftlich-hintergründigem Witz und immer auch angereichert mit einer subtilen Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, besonders denen in Basel und in der Schweiz.

Peter Hunkeler war früher verheiratet, hat aus dieser Ehe auch eine erwachsene Tochter, mit der sein Kontakt aber spärlich ist. Seit vielen Jahren ist er zusammen mit Hedwig, einer engagierten Erzieherin, die es trotz allem Stress versteht, ihr Leben zu genießen und auf diese Weise Peter Hunkeler immer wieder einen guten Ruhepol bietet, auch wenn ihre Streitgespräche ein wahrer Lesegenuss sind. Besonders wenn sie Wochenenden oder andere freie Tage in ihrem Häuschen im Elsass direkt hinter der französisch-schweizerischen Grenze verbringen.

Hunkeler hat eine bewegte Lebensgeschichte hinter sich. In der Studentenbewegung engagiert, hat er sich eine libertär-liberal-linke Position bewahrt, die nie dogmatisch war oder wird. Vielleicht ist er darin das treue Abbild seines genialen Schöpfers. Er kennt in Basel Gott und die Welt und seine sozialen Kontakte machen vor Klassenschranken und sozialen Milieus nicht Halt. Er verkehrt mit Schriftstellern, Künstlern und Theaterleuten, Lebenskünstlern, halbseidenen Figuren an der Grenze zur Unterwelt. Er trifft sie auf der Straße, in Cafes, vor allem aber abends und nachts in den alten Basler Beizen, die vom Aussterben bedroht sind, und denen Hansjörg Schneider in seinen Büchern nebenbei ein Denkmal setzt.
Er liebt Menschen und die Geschichten, die mit ihnen verbunden sind. Und weil er sich so gut in Menschen hinein versetzen kann, löst er alle seine Fälle mit diesem „Gspüri“. Auch diesen Fall, er ihm nach seiner Entlassung aus dem Krankhaus keine Ruhe lässt. Und wie schon zu seiner aktiven Zeit meiden ihn die Kollegen, mit denen er wieder zu tun bekommt. Seine Eigenständigkeit und innere Ruhe machen ihnen Angst, erst recht, wo er nun keine Verpflichtungen mehr hat. Und wie schon damals erweist sich der Staatsanwalt Suter als heimlicher Unterstützer.

Das vorliegende Buch Schneiders ist vielleicht der Beste aller neun Hunkelerbände. Seine Altersweisheit und sein unideologischer Blick auch auf seine eigene Vergangenheit lassen ihn erkennen, was trotz allem sein Basel für ihn liebenswert macht, auch als politische Heimat.

 

 

 

 

Mein großes Baustellenbuch

 

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Anne-Sophie Baumann, Didier Balicevic, Mein großes Baustellenbuch, Gerstenberg 2015, ISBN 978-3-8369-5861-5

 

Solche Bücher hat mein Sohn als er klein war, geliebt. Baustellen, Fahrzeuge, die dort gebraucht werden, Menschen, die dort die unterschiedlichsten Bauwerke errichten und vor allen Dingen viele Informationen über den Ablauf der Arbeiten und über deren Techniken.

Und wenn dann noch, wie in dem vorliegenden Buch von Anne-Sophie Baumann und Didier Balicevic, unzählige Aufklappen und Drehräder mit weiteren Entdeckungen dazukommen, dann ist der Buchgenuss für einen kleinen Jungen vollkommen.

Gezeigt werden auf je einer Doppelseite die Baustelle eines Hauses, wie ein Kran gebaut wird und eine Straße, eine U-Bahn und eine Brücke. Der Aufbau einer Achterbahn wird gezeigt und wie ein Flugzeug gebaut wird. Der Bau eines Schiffes und der Aufbau eines Zirkuszeltes bilden den Abschluss in einem Buch, mit dem sie jedem Jungen eine Freude machen werden, die lange anhält. Denn über viele Jahre wird er dieses Buch immer wieder in Hand nehmen, immer mehr verstehen und immer wieder Neues entdecken.

Bald ist Weihnachten. Für Jungen ab etwa vier Jahren ein ideales Geschenk.

Dsa sind alles Bilder und Wörter

 

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Yayo Kawamura, Das alles sind Bilder und Wörter, Coppenrath 2015, ISBN 978-3-649-61869-0

Dies ist ein wunderbares Buch für alle Kinder ab etwa 18 Monaten, also genau der Zeit, in der die Sprachentwicklung explodiert, der Wortschatz zunimmt und die Kleinen auf eine Weise wissbegierig sind und lernbereit, wie es später nur noch selten in dieser Intensität vorkommt.

Über 200 Begriffe aus der ganzen Welt des Kleinkindes sind nach Themen geordnet abgebildet und benannt. Was lässt sich das alles erkennen und benennen: Im Zuhause, im Garten, bei den Tieren und bei den Fahrzeugen, in der Küche und im Ablauf des Jahres mit den Jahreszeiten.

Jedes einzelnen Bild ist eine Einladung an die Kinder zum Sprechen und Erzählen. Ähnlich wie bei den Wimmelbüchern brauchen sie hierzu aber auch die Unterstützung und die Begeisterung von Erwachsenen, die mit ihren zusammen dieses Buch anschauen und die unzähligen Geschichten entdecken, die mit der fantasievollen Zusammenfügung einzelner Begriffe zum Leben erweckt und erzählt werden wollen.

Irlands schönste Gärten

 

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Jane Powers, Irlands schönste Gärten, DVA 2015, ISBN 978-3-421-03839-5

 

Dieser wunderbare Bildband, der durch die ausgewogene Balance zwischen aufschlussreichen Texten und geradezu magischen Bildern besticht, entführt den Leser in die fantastische Welt der irischen Gärten.

Jane Powers, die Autorin dieses beeindruckenden Buches wurde in Irland als Tochter amerikanischer Eltern geboren und verbrachte ihre Kindheit in Irland und den USA. Sie schreibt seit über 20 Jahren über Gartenthemen, Umweltfragen, Kunsthandwerk und anderes mehr in irischen und englischen Zeitschriften und Gartenmagazinen wie Gardens Illustrated und The Garden Design Journal; mehr als 15 Jahre war sie gardening correspondent der irischen Sunday Times. Ihre große Liebe gehört den Gärten und dem Gärtnern sowie den damit verbundenen Menschen, Pflanzen und Schauplätzen. Jane Powers lebt in Dún Laoghaire, einem kleinen Küstenort in der Nähe von Dublin; ihren eigenen Garten pflegt sie nach ökologischen Gesichtspunkten.

Etwa 60 Gartenrefugien umfasst die Reise, auf die sie zusammen mit ihrem Fotograf Jonathan Hession ihre Leser mitnimmt. Sie führt von den großen Anwesen berühmter Adelsfamilien über die der Natur abgetrotzten ummauerten Gärten von Klöstern und Herrenhäusern bis hin zu den blühenden Paradiesen passionierter Pflanzensammler. Allesamt Gärten voller Blumenvielfalt und mit einer berauschenden Farbenpracht, wie sie Irlandliebhaber schon lange von ihren Besuchen kennen.

Natur, die begeistert.

Der Tod auf dem Apfelbaum

 

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Kathrin Schärer, Der Tod auf dem Apfelbaum, Atlantis 2015, ISBN 978-3-7152-0701-8

Das neue Bilderbuch von Kathrin Schärer ist ein wahres Kunstwerk. In Wort und Bild erzählt sie, ein altes Märchenmotiv aufgreifend, von einem Fuchs, der tatsächlich glaubt, den Tod überlisten zu können. Doch ein gutes Leben, und das hat der Fuchs zusammen mit seiner Frau durchaus geführt, bracht auch sein Ende. Doch es dauert, bis der Fuchs das verstehen und akzeptieren kann.

Zunächst ist es ein Zauberwiesel, das der alte und hungrige Fuchs, vor dem sonst alle rechtzeitig davonlaufen, gerade so fange kann. Dieses Wiesel verspricht ihm gegen seine Freilassung, dass durch einen Zauber ab sofort jeder Apfeldieb auf dem Baum den der Fuchs als seinen eigenen betrachtet, kleben bleibt. Das funktioniert und der Fuchs kann ungestört sein Obst genießen. Da kommt irgendwann der Tod und will ihn holen. Der Fuchs, schlau wie er ist, bittet den Tod ihm einen letzten Apfel zu pflücken. Schon sitzt der Tod auf dem Baum fest und der Fuchs jubiliert. Doch nicht lange. Denn er wird im er älter und schwächer, seine Frau stirbt und auch die ersten seiner Kinder. Er gehört nirgends mehr dazu.

Schließlich bittet er den Tod, zu ihm herunterzusteigen und ihn mitzunehmen.

„Für den Tod ist keine Zeit verstrichen, für ihn gibt es weder Zeit noch Raum. Er pflückt einen schönen, roten Apfel und steigt langsam vom Baum. Abwechslungsweise beißen die beiden in den Apfel – ohne zu sprechen. Dann umarmen sie sich, und dem alten Fuchs wird ganz leicht dabei. Er nickt und zusammen ziehen sie davon.“

Ein gutes Leben braucht auch sein Ende. Der Tod gehört zum Leben. Diese Weisheit hat Kathrin Schärer in beeindruckenden Bildern und einem poetischen Text umgesetzt. Ein preiswürdiges Bilderbuch.

 

 

 

 

 

Grillen

 

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Ralf Frenzel, Grillen. Meisterstücke für Männer, Tre Torri 2015, ISBN 978-3-9446298-61-5

 

Nachdem in dem ersten Buch der auf fünf Bände angelegten Reihe von Kochbüchern des Magazins „BEEF! Für Männer mit Geschmack“ unter dem Titel „Steak“ das Fleisch von der Aufzucht der Tiere über die Schlachtung bis hin zum fertig gegrillten Steak auf dem Teller nachverfolgt wurde, und Porterhouse, T-Bone, Cote de boeuf, Entrecote, Rumpsteak. Chateaubriand, Filet, Hüftsteak, Tafelspitz, Bürgermeisterstück, Semerrolle, Flanksteak und Strip Loin vom Txogitxu ( von den letzten vier genannten habe ich nie zuvor gehört oder gelesen) mit ausführlichen und verständliche Rezepten vorgestellt wurden, geht es im zweiten Band „Grillen“ hauptsächlich um den Grill und seine Technik.

Grillgeschichten von Feuer und Fleisch stehen am Anfang. Dem folgen ein Kapitel zur Küchenpraxis vom Holzfeuer bis zum Infrarotbrenner und eine Anleitung zum Anfeuern eines Grills. Eine Menge weitere Tipps und vor allen Dingen eine Unzahl von leckeren Rezepten für die verschiedenen Grilltypen vervollständigen ein Buch, das vor allen Dingen Männerherzen höher schlagen lassen soll. Es gibt immer mehr Männer, die gerne kochen, aber das perfekte Grillen und die entsprechende Fleischauswahl sind zu einem ähnlichen Kult geworden, wie früher in den Achtzigern der Hype um die italienischen Weine, mit denen viele Männer bei ihren Festen Eindruck machten.

Vieles aus dem ersten Band, etwa die Kapitel über die Gewürze und Zutaten und die Hinweise auf das Zubereiten von Marinaden, Saucen und Chutneys sind auch für das Buch „Grillen“ wichtig und können zu Rate gezogen werden.

Für den, der gerne grillt und sich hier perfektionieren will in Wissen und Technik ein empfehlenswertes Buch.
 

Das Gift

 

 

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Samanta Schweblin, Das Gift, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42503-9

 

Nach ihren bemerkenswerten Erzählungen „Die Wahrheit über die Zukunft“ , mit denen Suhrkamp 2010 die argentinische Schriftstellerin Samanta Schweblin einem deutschen Publikum vorstellte, präsentiert der Verlag nun ihren ersten Roman, der in ihrer Heimat gefeiert wurde und nicht nur deshalb wohl in über 20 Ländern gleichzeitig erscheint.

Es ist ein vom Umfang her dünner Roman, der es aber in Inhalt und Stil mit den Großen aufnehmen kann. Irgendwo im argentinischen Landesinneren trinkt ein wertvoller Zuchthengst , der vom Gut der Großgrundbesitzer Sotomayor ausgeliehen wurde, giftiges Wasser. Die Heldin des Romans namens Carla kümmert sich um das Tier, doch sie kann nicht vermeiden, dass ihr Sohn David mit dem giftigen Wasser in Berührung kommt. Das Pferd stirbt, der Sohn kann gerettet werden. Hilfreich ist dabei die „Frau im grünen Haus“, eine Heilerin, die mit Transmigration arbeitet, bei der der Geist den Körper verlässt, sich einen anderen sucht und der Körper wiederum von einem anderen Geist besetzt wird. So wird jedenfalls erklärt, warum sich das Kind nach der Vergiftung so verändert hat in seinem Wesen.

Als viele Jahre später Amanda, eine Frau aus der Stadt, die mit ihrer Familie Urlaub macht, genau diesen David trifft, versucht sie herauszufinden, was damals geschehen ist:

„‚Als ich eine Entscheidung getroffen hatte, gab es kein Zurück mehr, und je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr schien es mir der einzig mögliche Weg zu sein. Ich habe David auf den Arm genommen, und er weinte, vermutlich spürte er meine Angst. Dann verließ ich das Haus. Omar stand mit zwei Männern neben dem Pferd und diskutierte, wobei er sich unentwegt die Haare raufte. Zwei weitere Nachbarn sahen vom hinteren Teil der Koppel aus zu und mischten sich gelegentlich in das Gespräch ein, indem sie ihre Meinung quer über das Feld brüllten. Ich ging weg, ohne dass sie es bemerkten, und gelangte auf die Straße‘, sagt Carla und zeigt ans Ende meines Gartens, hinter das Tor. ‚Dann ging ich zu dem grünen Haus.'“

Als dann auch Amandas Tochter Nina mit dem pestizidverseuchten Wasser in Berührung kommt, wird die ganze Sache sehr verwirrend. Diese Verwirrung , die wohl bewusst von Samanta Schweblin über ihren Text gelegt wurde, durchzieht weite Teile des Buches und schmälern so die Qualität eines Buches, das spannend hätte sein können, spannend und kritisch.

So aber habe ich es eher unsicher aus der Hand gelegt, bin mir aber sicher, dass das dritte Buch dieser Autorin, die derzeit in Berlin lebt, eine neue Chance verdient hat.

Felix oder die zehn Dinge, die ich an dir liebe

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Hannah Simon, Felix oder die zehn Dinge, die ich an dir liebe, Frankfurter Verlagsanstalt 2015, ISBN 978-3-627-00213-8

 

 

Felix Parland ist erfolgreicher Architekt, der seinem Chef auch manchmal den Hintern rettet und lügen kann wie gedruckt, wenn es der Karriere nützt. Ihm fehlt nur noch die Beförderung. Doch als die entscheidend näher rückt und Felix seiner Traumfrau begegnet, geschieht das Unwahrscheinliche: Mitten in seiner Glückssträhne bricht er zusammen. In der Notaufnahme versteht Felix nicht viel von all dem medizinischen Fachchinesisch. Sicher ist nur: Er reagiert allergisch auf hochemotionale Situationen. Übersetzt für den Laien: Er hat eine überaus seltene Glücksallergie.

Sein vorher nahezu perfektes Leben kommt nun in Unruhe. Wie soll er im Job Erfolg haben und mit seiner Traumfrau zusammen sein, ohne sich zu freuen? Er bekommt gegen diese Glücksallergie starke Medikamente, die ihn aber müde machen und antriebslos. Deshalb beschließt er, sich selbst absichtlich unglücklich zu machen.

Zu Hilfe kommt ihm dabei, dass ihm bei einem wichtigen Bauprojekt eine Frau vor die Nase gesetzt wird, die auf eine Weise unsympathisch und bärbeißig ist, dass er schon bei ihrem Anblick schlechte Laune bekommt. Doch man ahnt schon bald, dass dies noch nicht alles war …

„Felix oder Zehn Dinge, die ich an dir liebe“ ist ein wunderbarer Unterhaltungsroman aus der Frankfurter Verlagsanstalt, die ansonsten eher für schwerere Literatur bekannt ist. Ein Protagonist, der seine Geschichte in einem Blog selbst erzählt, versucht auf eine sehr sympathische Weise nicht nur seinen beruflichen Erfolg, sondern sein Liebes- und Lebensglück zu finden.

Hannah Simon schreibt flüssig und flott: Man tut alles, hat man das Buch einmal begonnen, um lange Lesepausen zu vermeiden, um dem jungen Felix auf der Spur zu bleiben. Ein lustiges Buch, romantisch ohne Kitsch und sprachlich ein Genuss.

 

 

 

Alles andere als ein Kinderspiel

 

 

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Yishai Sarid, Alles andere als ein Kinderspiel, Kein & Aber 2014, ISBN 978-3-0369-5703-6

 

Der vorliegende Roman des 1965 in Tel Aviv geborenen Yishai Sarid ist nach „Limassol“, ebenfalls bei kein & Aber sein zweiter, in seiner israelischen Heimat strak beachteter Roman. Sarid war als Nachrichtenoffizier der israelischen Armee tätig, hat dann Jura studiert und arbeitet als Rechtsanwalt in Tel Aviv.

Die ich-erzählende Hauptfigur ist eine Naomi. Seit sie vor etwa fünfundzwanzig Jahren mit ihrem Sohn den Kibbuz und ihren Mann verlassen hat ( die Gründe dafür sind entscheidend, und werden erst im Laufe des Buches deutlich) leitet sie mit viel Herzblut und heiligem Ernst einen Kindergarten im Norden Israels. Sie ist stolz auf ihre Einrichtung und ihre Arbeit: „Mein Kindergarten ist der kultivierteste Ort in dieser Stadt… Er ist wichtiger als der Kulturpalast und das Museum zusammen, die Oper noch dazu genommen.“

Beim Spazierengehen hat sie vor Jahren den Kindergarten entdeckt und damals eine sichtlich überforderte Kindergärtnerin über den Zaun hinweg beobachtet. Sie fragt, ob sie helfen könne, und lässt dann nicht locker.

Später wird die ältere Kindergärtnerin aufhören und Naomi den Kindergarten übergeben inklusive Wohnrecht im selben Haus. Das Haus ist in wenig gutem Zustand, aber das stört Naomi nicht. Sein Eigentümer ein vor Jahren nach Amerika ausgewanderter Überlebender des Holocaust, schließt sie bei seinen Stippvisiten ebenfalls in Herz und verspricht Naomi lebenslanges Wohnrecht und Platz für die Kinder in der inzwischen hochbegehrten Immobilie.

Doch dann stirbt er und hat offenbar kein entsprechendes Testament hinterlassen oder Naomi wurde betrogen. Ein von Erfolg und Selbstbewusstsein strotzender Architekt hat das Grundstück gekauft, will das Haus abreißen lassen und Nobelwohnungen bauen.

„Ein Rechtsanwalt teilte mir mit, … das Grundstück… gehöre jetzt einer Firma mit dem schönen Namen Via Maris GmbH, die die Immobilie aus dem Nachlass von Herschel Kaplan erworben habe. Via Maris verlangte von mir, das Grundstück zu räumen und innerhalb von dreißig Tagen auf dieses Schreiben zu reagieren.“

Naomi beginnt um ihren Kindergarten zu kämpfen und auch um ihren Sohn Noam, der nach langer Zeit sich ihr langsam wieder öffnet und sich in einer Kindergartenhelferin verliebt hat. Die Eltern der Kinder reagieren auf die drohende Schließung mit wenig Verständnis.

Der Roman ist ein intensiv erzähltes Porträt des gegenwärtigen Lebens in Tel Aviv. Geprägt von traumatisierten Vergangenheiten und bedrohlicher Gegenwart. Doch seine Figuren gegen die Hoffnung nicht auf. Sie stellen sich ihrem schweren Leben, öffnen sich langsam ihrem Glück und werden am Ende erschöpft, aber glücklich, nach einem gelungenen Kampf wissen, dass in Israel schon der nächste Tag neue Herausforderungen und Lebensbedrohungen bereithalten kann.

 

 

 

 

 

Der Susan-Effekt

 

 

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Peter Hoeg, Der Susan-Effekt, Hanser 2015, ISBN 978-3-446-24904-2

 

Die Geschichte im neuen Roman von Peter Hoeg beginnt sehr ungewöhnlich und auch ziemlich unrealistisch. Doch dass es der Autor mit wahrscheinlicher Realität und Plausibilität seiner Figuren nicht so ernst nimmt, daran sollte man sich als Leser sehr schnell gewöhnen. Denn dieser Stil zieht sich durch das ganze Buch durch. Susan, die Ich-Erzählerin des Buches, von Beruf Experimentalphysikerin, ihr Mann Laban, ein Komponist und ihre siebzehnjährigen Zwillinge Thit und Harald haben sich während eines Aufenthaltes im Ausland strafbar gemacht und ihnen drohen harte Gefängnisstrafen.

Da taucht wie aus heiterem Himmel ein Anwalt aus Dänemark auf und holt sie in einer geplanten Aktion zurück in die Heimat. Doch er hat das nicht umsonst getan. Sozusagen als Gegenleistung für die Befreiung von der Strafverfolgung soll Susan für ihn wichtige Informationen beschaffen, Es geht um eine geheime Gruppe des dänischen Staates, die sogenannte Zukunftskommission.

Susan hat eine ganz wichtige Fähigkeit, die sie in der Vergangenheit schon oft der Polizei und anderen staatlichen Stellen gerne zur Verfügung gestellt hat. Wenn Menschen in ihre Nähe kommen, sie reden hören, mit ihr im Kontakt sind, bzw. Susan mit ihnen, dann werden sie völlig unfreiwillig total aufrichtig und erzählen die intimsten und die geheimsten Dinge aus ihrem Leben und ihren (Berufs)alltag.

Doch nicht nur diese Begabung, die sie den „Susan-Effekt“ nennt, macht sie und ihre Familie so außergewöhnlich. Auch in vielerlei anderer Hinsicht ist ihre Familie einfach nicht „normal“. Susan ihr Ehemann und ihre beiden Kinder sind das, was man hochbegabt nennt. Ihre Dialoge sind weniger von Emotionen geprägt, als von kühler analytischer Sprache.

Obwohl dem Leser bis zum Ende nicht wirklich deutlich wird, warum die Familie im Ausland (wo genau?) mit hohen Gefängnistrafen zu rechnen hat, beginnt er irgendwann zu respektieren, dass es Peter Hoeg darum wohl gar nicht geht und gibt sich mit begrenztem Genuss dieser schrägen Geschichte hin. Dass sie am Ende an Fahrt aufnimmt und sich auf ein spannendes Finale zubewegt, erhöht den Lesespass.

Dennoch: sie bleibt seltsam, gespickt mit vielen wissenschaftlichen Denkansätzen, im Sprachstil für Peter Hoeg typisch. Unrealistische, schräge Menschen, an deren Schicksal man aber mit einer gewissen Sympathie Anteil nimmt.