Der Dachs hat heute einfach Pech

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Moritz Petz, Der Dachs hat heute einfach Pech, NordSüd Verlag 2015, ISBN 978-3-314-10231-8

 

 

Vor zwei Jahren, als Moritz Petz seinen sympathischen Dachs in die Bilderbuchwelt einführte, hatte der schlechte Laune und wusste nicht so recht warum. Etwas was viele Eltern bei ihren Kindern gut kennen.

 

Im neuen Buch vom kleinen Dachs geht es um eine weitere eher negative Gefühlslage. Er sieht sich vom Pech verfolgt. Schon früh am Morgen kurz nach dem Aufstehen macht er die Erfahrung, dass ihm ein Lapsus nach dem anderen passiert. Erst fällt die Lampe um, dann zerbricht seine Lieblingstasse und seine Stifte kann er auch nicht finden.

 

Als er völlig frustriert das Haus verlässt, verfolgt ihn das Unglück und er fällt mit seiner Schubkarre über einen Spaten. Im Gespräch mit den anderen Tiere, die er unterwegs trifft, klagt er sein Leid und erfährt, dass es denen genauso geht und auch sie sich vom Pech verfolgt fühlen.

 

Traurig geht der Dachs nach Hause, doch dort wartet eine wundervolle Überraschung auf ihn….

 

Ein schönes Bilderbuch, das positive Erfahrungen vermitteln möchte. Deine Gefühle können ins Wanken geraten, sagt es den Kindern, aber es kann alles wieder gut werden. Die Psychologen nennen das Resilienz.

 

Warme Bilder von Amelie Jackowski kontrastieren ein ihren bunten Farben und eine reiche Auswahl von Tieren (Dachs, Maus, Hirsch und Waschbär bis hin zum Eichhörnchen, Hasen, Frosch und Fuchs) bietet viele verschiedenen Möglichkeiten zur Identifikation.

 

 

 

Das vergessene Wunder

 

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Jörg Romstötter, Das vergessene Wunder, Goldegg 2015, ISBN 978-3-902991-61-4

 

„Wie wir aus der Natur Kraft, Erfolg und Inspiration schöpfen“, das zeigt Jörg Romstötter in dem hier vorliegenden Buch. Eine eindringliche und überzeugende Erinnerung an viele Dinge, die wir Menschen eigentlich seit Generationen wissen, die wir aber ganz oder teilweise in der Hektik des modernen Alltags vergessen haben. Alles wird immer schneller, immer effizienter – wir Menschen unterwerfen uns mehr als freiwillig diesem Stress und wir verlieren alles dabei. Nicht nur unsere innere Ruhe und Gelassenheit, auch unsere Erdung im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Es gibt, wenn man dem Autor glaubt, keine noch so überzeugende Ausrede, sich nicht regelmäßig in die Natur zu begeben, sie aktiv zu suchen und sich in ihr ihr wieder aufzurichten.

 

Die Natur schenkt uns mit all ihrem Reichtum die Kraft, in unserem beruflichen und privaten Alltag klarzukommen, und sie verschafft neue Ideen und Innovationen.

 

Leicht zu lesen, geht dieses Buch doch sehr in die Tiefe. Überzeugend sind die vielen persönlichen Beispiele und Erlebnisse des Autors. Lädt zum Nachdenken und Nachmachen ein.

 

 

Zum Weltfrieden. Ein politischer Entwurf

Michael Wolffsohn, Zum Weltfrieden. Ein politischer Entwurf
DTV 2015, ISBN 978-3-423-26075-6

 

Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hat dieser Tage in einem Interview dafür plädiert, in der Ukraine zur Stabilisierung der Lage ein föderalistisches System einzuführen:

„Ich glaube, dass das Abkommen von Minsk die große Chance ist, den Konflikt friedlich zu regeln. Dazu sind aber auch weitreichende Reformen in der Ukraine erforderlich – im Sinne eines Föderalismus wie in der Schweiz oder in Deutschland. Das bedeutet dann zum Beispiel auch, dass die Polizei regional organisiert ist.“

Fast zeitgleich bringt der neue israelische Präsident Reuven Rivlin in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung eine Föderation mit den Palästinensern ins Gespräch über die festgefahrene Debatte über eine Zweistaatenlösung.

Überall, wo im Augenblick in der Welt Konflikte schwelen oder offen ausgebrochen sind, sei es in Libyen, in Syrien und vielen Ländern Afrikas und Asiens zeigt sich Folgendes: Staaten zerbrechen, Bürgerkriege breiten sich aus. Terroristen wie Staatschefs stoßen in die Lücken vor, die sich durch scheiternde Staaten auftun, und nutzen sie. Viele Staaten sind gescheitert oder werden noch scheitern. Jede neue Krise löst hektische Aktivitäten aus, einen Tourismus der Friedens­politik auf allerhöchstem Niveau, der zu keiner Lösung führt. Warum ist das so?

Michael Wolffsohn zeigt in seinem lesenswerten Buch, dass es damit zusammenhängt, dass sich das Völkerecht immer am Nationalstaatsgedanken orientiert hat. Doch die Grenzen vieler Staaten gerade von denen, um es aktuell immer geht, sind Ergebnis reiner Willkür. Oft mit dem Lineal gezogen nach Weltkriegen und Entkolonialisierung, ohne Rücksicht auf Stammesgrenzen, Religionen und Kulturen.

Wolffsohn zeigt das an Beispielen unzähliger Länder und Regionen dieser Welt und macht einen großen Wurf, der noch unsere politische Vorstellungskraft zu sprengen scheint: Er will weg vom traditionellen Staatenmodel und hin zu föderativen Systemen.

Die vielen gedanklichen Abers, die sich mir beim Lesen immer wieder stellten, zeigten mir nur eines auf: wie stark mein politisches Bewusstsein mit dem Gedanken und der Idee eines souverän handelnden Nationalstaates verknüpft ist. Wie kann bei Wolffsohns Idee verhindert werden, dass es zu einer rückwärtsgewandten Kleinstaaterei kommt, in dem keine wirklichen obrigkeitlichen Aufgaben mehr zentral durchgeführt werden können?

Darüber hat das Buch die Debatte eröffnet. Ich wünsche ihm eine breite Diskussion.

 

 

Tod zwischen den Zeilen

Donna Leon, Tod zwischen den Zeilen,
Diogenes 2015, ISBN 978-3-257-06929-7

Dreiundzwanzig Fälle, ohne dass die handelnden Personen auch nur ein Jahr älter werden oder sich entwickeln, das ist einfach zu viel. Die Grenzen der Serie von Donna Leon mit ihrem Commissario Brunetti sind schon seit vielen Jahren und Folgen offensichtlich. Und dennoch gelingt es ihr, mit jedem weiteren Buch sozusagen noch eine Stufe in der literarischen und krimimäßigen Qualität abzusteigen.

Spielten die ersten Bände noch in der Championsleague, bewegen sich die letzten und erst recht der neue vorliegende nur noch auf dem Niveau einer fünfklassigen Verbandsliga.

Dieses Mal geht es um verschwundene resp. gestohlene Bücher. In der alten ehrwürdigen Biblioteca Merula, in der sich Brunetti in seiner Studienzeit (wann das wohl war?) oft aufhielt werden einzelne Seiten aus einem Buch vermisst, Es handelt sich um wertvolle Reisebeschreibungen aus dem 15. und 16. Jahrhundert.

Unter Verdacht gerät ein amerikanischer Wissenschaftler, doch der ist unauffindbar. Brunetti versichert der Unterstützung seiner Schwiegereltern, doch der einzige der etwas wissen könnte ist der ehemalige Priester Aldo Franchini, der sich in der Bibliothek mit den Werken von Tertullian befasst.

Als dieser Priester tot aufgefunden wird, kommt so etwas wie eine kleine Spannung in ein Buch, das bis dahin dahingeplätschert war wie ein Fußballspiel in der Sommerpause. Der Bruder des Priester hat keinen guten Leumund für ihn und so ganz nebenbei mit einem für Leon gewohnten kleinen Schuss Sozialkritik gelingt die Lösung eines eher langweiligen Falles.

Das Buch ist schwach, die Reihe ausgelutscht, doch ich freue mich für den durch die Frankenaufwertung arg gebeutelten Diogenes Verlag, dass er damit richtig Geld verdienen und dafür wiederum viele wirklich gute Bücher verlegen kann.

Liebe und Sex in Zeiten der Untreue

Dirk Revenstorf, Liebe und Sex in Zeiten der Untreue,
Pattloch 2015, ISBN 978-3-629-13064-8

„Wege aus der Verunsicherung“ bietet der Paartherapeut Dirk Revenstorf in seinem neuen Buch Menschen an, die sich nach nichts mehr sehnen, als in einer Paarbeziehung glücklich zu werden und zu bleiben.

Eine Verunsicherung, die flächendeckend geworden ist in einer Zeit, in der nicht nur Partnervermittlungen übers Internet die meisten ihrer Nutzer enttäuschen, weil dort gelogen wird, dass sich die Balken biegen, sondern auch zunehmend von Menschen aktiv genutzt werden, um sich Seitensprünge zu organisieren. Die meisten Menschen, die jemand kennenlernen wollen für ein feste und treue Beziehung sehen sich mit einer Vielzahl von Möglichkeiten konfrontiert, bei denen alles möglich ist und bei denen – scheinbar – der Einzelne selbst darüber entscheidet, was er will. Kaum noch geben traditionelle Werte und Normen Orientierung.

„Wir leben in Zeiten, in denen fast alles erlaubt ist, und trotzdem sind wenige glücklich“. Mit diesen Worten beschreibt Revenstorf aus seiner Forschung und Praxis als Paartherapeut heraus den Ist-Zustand. Ein Schwerpunkt seiner mit vielen Beispielen aus seiner Praxis angereicherten Darlegungen, ist der Umstand, dass die Untreue mittlerweile gesellschaftsfähig und zum Normalfall geworden ist, über den sich kaum noch jemand echauffiert, der aber unzählige Beziehungen vergiftet und zerstört.

Dennoch rät Revenstorf seinen Lesern, ihre gängigen Bilder, die gesellschaftlichen Erwartungen und Vorstellungen über Liebe und Sex hinter sich zu lassen und gemeinsam mit ihrem Partner in einem Reifeprozess miteinander zu wachsen. Doch vor einem warnt er: „Die Liebe aufzugeben wäre von allen Abstrichen, die in der postmodernen Welt von der Geborgenheit gemacht werden müssen, allerdings der größte Verlust“. Ein Verlust, der vermieden werden kann, so glaubt er.

Ein Buch, das sich sehr nah am Menschen und seinen Problemen bewegt. Ein Buch, das die Gegenwart der Liebe in Beziehungen von allen Seiten her realistisch betrachtet. Ein Buch, das Gefährdungen, aber auch Chancen aufzeigt und Wege beschreibt, wie Paare diese Chancen für sich fruchtbar machen können.

 

Kurz, bevor das Glück beginnt

Agnes Ledig, Kurz, bevor das Glück beginnt,
DTV 2015, ISBN 978-3-423-26058-9

Der vorliegende Roman der französischen Schriftstellerin Agnes Ledig hat in seinem Ursprungsland Hunderttausende Leser und Leserinnen gefunden und sie nicht weniger bewegt, als den Rezensenten, der ab und zu gegen einen richtig guten und anspruchsvollen Liebesroman als Abwechslung nichts einzuwenden hat und das sehr genießen kann.

Der Roman erzählt die Geschichte der zu Beginn des Buches zwanzigjährigen Julie. Mit siebzehn wurde sie von einem jungen Mann wenig liebevoll geschwängert, und gegen den Rat ihrer Familie brachte sie das Kind zur Welt. Von ihren Eltern rausgeworfen und verstoßen, muss die intelligente Frau ihre Ausbildung abbrechen und ihren Traum einmal als Meeresbiologin zu arbeiten, begraben. Um ihren Sohn und sich einigermaßen durchzubringen, arbeitet sie in einem Supermarkt an der Kasse, wo sie sich nicht nur von vielen Kunden, sondern vor allem von ihrem Chef sehr viele, auch sexuelle Unverschämtheiten gefallen lassen muss.

Eines Tages kommt es an dieser Kasse zu einer Begegnung, die in der Folge das Leben nicht nur von Julie und ihrem Sohn verändern wird. Der wohlhabende Paul, der nach dreißig für ihn extrem unglücklichen Ehejahren von seiner Frau gerade verlassen worden ist, steht an der Kasse, bemerkt eine Träne in Julies Gesicht und spricht sie an. Er lädt sie zum Essen ein, und einige Tage später stimmt Julie dieser Einladung in der Mittagspause auch zu. Während des Essens lädt Paul Julie und ihr Kind spontan ein, ihren bevorstehenden Urlaub in seinem Haus in der Bretagne zu verbringen. Nach einer ausführlichen Beratung durch ihre Freundin, die ihr zurät, nimmt sie die Einladung an.

Sie verleben eine wunderschöne Zeit dort, und auch Pauls Sohn Jerome, ein Arzt, verwandelt sich dort von einem griesgrämigen Mann in einen durchaus liebenswerten Menschen. Bald schon wird deutlich, dass weder Paul noch Jerome der neue Mann in Julies Leben sein werden …

Als auf der Heimfahrt in den Elsass kurz vor dem Ziel ein schrecklicher Unfall geschieht, der Lulu ins Koma wirft, scheint alles bisherige Glück zu zerbrechen wie Glas. Doch ein Satz, der in diesem wundervollen Roman immer wieder zitiert wird, gibt Julie eine geradezu übermenschliche Kraft: „Lass den Mut nie sinken, sonst tust du es womöglich zwei Sekunden, bevor das Wunder geschieht.“

In Romain, dem Physiotherapeuten, der Julies Sohn im Koma täglich betreut, scheint dieses Wunder Wirklichkeit zu werden. Aber was ist mit Lulu?

„Kurz bevor das Glück beginnt“ ist ein bewegender Roman ohne Kitsch, der Menschen zeigt, die es nicht leicht haben in ihrem Leben, Menschen, die kämpfen um ihr Leben und ihre Liebe, die nach Tiefschlägen wieder aufstehen und den Mut nie sinken lassen. Ein Buch, das erzählt von tiefem Leid und großem Glück und dass man das eine nur erfährt, wenn man das andere anzunehmen bereit ist.

Eine Hymne an das Leben und die große Kraft der Liebe.

 

Strandgut

Gerlinde Kurz, Strandgut
Urachhaus 2015, ISBN 978-3-8251-7919-9

****** = Sechs Sterne!

Der zwölfjährige Jakob ist gerade zusammen mit seiner Mutter und deren Freund Jan umgezogen. Ein neues Dorf und eine neue Schule erwarten ihn, der sich im ersten Satz des Buch so vorstellt: „Mein `Müssen‘ lässt mir Gänsehaut wachsen, von der Schädeldecke den Nacken hinunter in die Fingerspitzen, immer weiter, überall, genau jetzt, in diesem Moment, bei sengender Hitze.“

Nach seinem ersten Schultag, bei der er sich in der neuen Klasse recht verloren vorkommt, begegnet er beim Einkaufen der sympathischen Hannah, einem Mädchen aus seiner Klasse, die ihm gleich positiv aufgefallen war. Auch sie muss für die Schule Materialien besorgen. Sie kommen ins Gespräch und verstehen sich gleich.

Zwei Tage später wird die Schule wegen eines grassierenden Magen-Darm – Virus geschlossen, an dem die meisten Schüler erkrankt sind, auch Hannahs Freundin. Hannahs Mutter will ihre Tochter auf eine Nordseeinsel zu ihrer Tante schicken, und weil die Freundin nicht kann, ergibt es sich, dass Jakob sie begleitet.

Als sie dort dann gleich am ersten Tag Stine, die Nachbarin der Tante, im Krankenhaus besuchen, reagiert die völlig überraschend und redet Jakob mit seinem Namen an, obwohl sie ihn gar nicht kennen kann. Oder doch ?

Jakob ist ohne Vater aufgewachsen. Er kennt ihn nicht und hat nur zwei Dinge von ihm: erstens seinen Namen, Jakob, und zweitens einen Schlüssel, den er um den Hals trägt, seit er ein kleiner Junge war.

Nun baut Gerlinde Kurz eine spannende Geschichte auf, in der es um Familiengeheimnisse geht, um einen verlorenen Vater und um persönliche Wurzeln. Hannah unterstützt Jakob bei seiner Suche, und als die beiden mit Hilfe von Jakobs Schlüssel in einer alten Kiste, neben vielen Briefen ein Bild eines Mannes entdecken, der Jakob zum Verwechseln ähnlich sieht, da wird ihm klar, dass auf dieser Nordseeinsel vor langer Zeit Dinge geschehen sein müssen, die unmittelbar mit seiner Familie zu tun haben müssen…

Das Buch richtet sich an Jugendliche ab elf oder zwölf Jahren, doch es ist auch für Erwachsene eine spannende und unterhaltsame Lektüre.

 

Meine Ungelesenen

Sie stapeln sich – untergebracht in perfektem Design.  Viele Bücher sind es, und es gibt zu wenig Zeit.  Sehr viele Bücher – und viel zu wenig Zeit.

Ein Buch nach dem anderen habe ich liebevoll ausgewählt. Da liegt Rankins „Saints of the Shadow Bible“ über Melvilles „Moby Dick“, „Middlesex“ zwischen der „Eleganz des Igels“ und „tschick“. Ich freue mich auf jedes Buch, liebe es schon jetzt. Stets denke ich, o ja, du wirst das nächste sein – oder du – oder du … und kurz bevor ich mich seufzend und voller Vorfreude in meinem Lesesessel niederlasse, stehe ich vor meinem Bücherregal – und kann mich nicht entscheiden. Der Tag war lang, ich bin etwas müde, die Stimmung ist nicht so euphorisch, wie dieses Buch – oder das – oder jenes es verdient hätte. Und so ist die Liste der Ungelesenen weiterhin lang und jedes einzelne geliebt.

Es verhält sich ein wenig wie mit einer angehimmelten, unerwiderten Liebe: Ich ersehne es, will es, doch wenn ich dann könnte, dann hab ich ein wenig Angst davor, dass es nicht hält, was ich mir davon verspreche, dass es mich enttäuschen könnte und meine Phantasie ein wenig zu weit davongaloppiert ist …

Berlin-Schöneberg, jrgallery, Thorsten Schlüter

Meine Freundin schickte mir am Nachmittag den Link zur Ausstellungseröffnung von ihrem Kumpel Thorsten – in der JRGallery in der Lützowstraße in Berlin-Schöneberg. Nach einem Blick auf seine Homepage war mir klar: Diese Bilder muss ich mir anschauen. Allerdings fiel somit mein geplanter und heißgeliebter Leseabend (wieder einmal mit Martin Suter) zum Opfer.

Thorsten Schlüter zeigt in der Ausstellung komische Vögel und kecke Hunde, hinreißend schön – und wenn mein Kontostand mir nicht  den Daumen nach unten gezeigt  hätte, wäre ich nun im Besitz eines verschmitzt dreinschaunenden Hundes,  bestimmt eines Gefährten auf Lebenszeit.

Ich begnüge mich also weiterhin mit meinem Schweinehund-Bild, das ich mir vor Jahren einmal geleistet habe. Immerhin erinnert der mich  täglich daran, dass ich mit meinem inneren Vieh verhandeln kann.

Schöneberg im Wandel: wie jeder Bezirk hat auch Schöneberg Schokoladenseiten-Straßen und -Plätze. Diese sind fest in der Hand von Gutverdienern mit Ökotouch,  50+.

Im nördlichen Schöneberg, an der Potsdamer Straße und ihren Nebenstraßen wird seit einigen Jahren verbissen daran gearbeitet, die Gegend wieder hip zu machen. Momentan wirkt sie trotzig, gekünstelt, im Wandel zwischen neu eröffneten Galerien und ranzigen Dönerbuden, alten schrillen Kultlokalen, fragwürdigen Ikonenshops,  neuen teuren Hutgeschäften, dem schicken Variété Wintergarten, umgewidmeten Industriehallen und dem wohl abgefucktesten Straßenstrich der Stadt.

Die Lützwostraße liegt etwa zehn Minuten zu Fuß vom Potsdamer Platz in südlicher Richtung entfernt. Normale Touristen verirren sich nicht in diese Gegend. Mehr oder weniger kunstbeflissene junge Leute schon eher, weil man sich bei Ausstellungseröffnungen preiswerter als in den Bars die Kante geben kann oder zumindest einen soliden Pegel für die restliche Nacht antrinken kann. Und weil es hip ist, sich für Kunst zu interessieren.

 

Messe-Nachlese

Die Schweiz präsentierte sich auf der Leipziger Messe mit roten Lesebänken, allein das sattgrüne Gras und die Berge fehlten. Der Schweizer Martin Suter fehlt nicht. Er las aus seinem neuen Buch „Allmen und die verschwundene Maria“, das wie die meisten seiner Bücher beim Züricher Diogenes Verlag erschienen ist.

Die begrenzte Zeit auf der Messe erlaubte mir nicht, länger bei der Lesung zu verweilen, daher möchte ich allen Sinnlichen unter euch das letzte Buch, was ich von ihm verschlungen habe, ans Herz legen: „Der Koch“. Herz und Bauch trifft es wohl eher.

Der tamilische Asylant Marvan, ein begnadeter Koch, arbeitet als Tellerwäscher mit Andrea, der attraktiven Servicekraft, in einem Nobelrestaurant. Als er gekündigt wird, gründet die Schweizerin Andrea mit ihm einen Catering-Service für Love-Food. Das (erfolgreich getestete) aphrodisierend wirkende Love-Food-Menü verhilft Paaren, nach dem Menü genüsslichen Sex zu haben.  Andrea organisiert diskret die Abende, Marvan kocht – im Hause der High Society. Das spricht sich schnell herum, und bald buchen Geschäftsmänner das Team für ihre Treffen mit ihren Geliebten. Marvans moralische Haltung und seine Skrupel gegenüber der Politik und Hochfinanz kommen dem gemeinsamen Business in die Quere …

Die gute Mischung aus – salopp gesagt – Sex and Crime lässt einen das Buch nicht aus der Hand legen. Crime ist hierbei allerdings die (wahrscheinlich) reale, unbequeme Welt, über die wir oftmals nicht so genau Bescheid wissen (wollen).

Also: ab auf die Bank (ok, oder aufs Sofa) und lesen!

PS:

Ich habe  meine schönsten Urlaube in Sri Lanka und in der Schweiz verbracht, koche fürs Leben gern indisch, esse auch mal Rösti und trinke ein Gläschen Thurgauer dazu.