Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Kleiner Räuber Roddi Hut

 

 

 

 

 

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Daniela Dammer, Valeska Scholz, Kleiner Räuber Roddi Hut, Thienemann 2016, ISBN 978-.3-522-.43771-4

 

Der kleine Waschbär Roddi Hut  wohnt in einer Höhle unter der alten Kastanie. Er findet, er ist ein waschechter Räuber. Hut, Maske und Flickenhosen, alles da. Was ihm fehlt, ist ein richtige Bande, so eine wie  die, von der ihm sein Großvater in echtem Räuberlatein erzählt, während sie sich am Lagerfeuer wärmen.

Aber weder der Bär noch der Wolf oder der Adler brauchen so etwas. Entrüstet wenden sie sich ab, als Roddi ihnen die Gründung einer Bande vorschlägt. Sie sind stark genug und kommen alleine zurecht. Mehr Erfolg hat er da bei anderen Tieren, die allerdings auf den ersten Blick alles andere ausstrahlen als Räubermentalität: ein schreckhaftes Opossum, ein tollpatschiger Vielfraß und ein nervöses Erdferkel.

Zunächst unentschlossen, begeistern sie sich aber bald von dem Bandengedanken und der Gemeinschaft, die er verspricht. Sie sind dabei. Ihre erste Handlung ist ein Beerenkompott, für das die vier Tiere Beeren sammeln. Als der Bär ihnen diese wegnehmen will, steht die neuen Bande vor ihrer ersten großen Herausforderung.

Mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten besiegen sie den Bär und sorgen dafür, dass sich die Mär von dieser Tat im ganzen Wald verbreitet. Und als Siegesabzeichen bekommt jeder eine neuen bunten Flicken auf die Hose.

Ein schönes Bilderbuch für alle, die sich gerne in der Vorstellung gefallen, einmal ein richtiger Räuber zu sein.

Die Suche

 

 

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Aaron Becker, Die Suche, Gerstenberg 2016, ISBN 978-3-8369-5890-5

 

Schon im Jahr 2014 in den USA erschienen, hat der Künstler Aaron Becker hier im Gerstenberg Verlag das zweite aus einer Trilogie von fantasievollen Bilderbüchern vorgelegt, das ganz ohne Worte auskommt.

Das erste Buch „Die Reise“ erzählte in immer farbenfroheren Bildern zunächst von dem grauen Alltag eines kleinen Mädchens, für das niemand Zeit hat und mit dem niemand spielen will. Der Vater sitzt vor dem PC und die Mutter spielt mit ihrem Smartphone herum. Allein in ihrem noch grauen Zimmer fällt ihr Blick auf einen magischen roten Stift, mit dem sie sich eine Tür malt, durch die sie in eine traumhafte Landschaft eintritt, in der ein kleiner Fluss durch einen dichten Wald fließt. Mit dem roten Stift den sie natürlich mitgenommen hat, entwirft sie sich ein Boot, und dann geht es ab auf eine abenteuerliche Reise durch magische Fantasiewelten. Immer wieder kann sie mit ihrem Stift das Geschehen in der Geschichte beeinflussen. Ein von ihr gerettetes Fabelwesen zeigt ihr den Weg zu einem neuen Freund.

Diese beide erleben nun in dem vorliegenden zweiten Band der Trilogie mit dem Titel „Die Suche“ ihr nächstes Abenteuer. Am Anfang sind sie mit dem Fahrrad unterwegs und suchen unter einer Brücke Schutz vor dem Regen. Mitten im Brückenpfeiler öffnet sich plötzlich eine Tür, in der ein geheimnisvoller König erscheint und den beiden Kindern eine mysteriöse Karte aushändigt. Wohin die Karte die beiden wohl führt? Und: ist der König in Gefahr? Unter der Führung eines violetten Vogels begeben sie sich auf wundersame Reise durch selbst erdachte Räume und erleben aufregende Welten und Abenteuer.

Vielleicht noch genialer gezeichnet als der erste Band, dessen Geschichte und Botschaft auch kleinere Kinder sehr gut verstehen konnten, macht  „Die Suche“ jedoch selbst beim mehrfachen Betrachten und Studieren schon Probleme beim Verständnis der Handlung. Mir jedenfalls ging das so.

Vielleicht ist es ja Kindern viel leichter möglich, sich in eine Vorstellungswelt aus Traumreisen zu begeben.

Ein ungewöhnliches Bilderbuch, das ganz ohne Worte eine große Geschichte erzählt und bei jedem neuen Betrachten neue Geheimnisse enthüllt, die man vorher nicht bemerkt hat.

Kater Clemens

 

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Max Bolliger, Jürg Obrist, Kater Clemens, Kater Clemens, Atlantis 20126, ISBN 978-3-7152-0708-7

 

Der 2013 verstorbene Max Bolliger und der Illustrator Jürg Obrist haben schon oft und erfolgreich zusammengearbeitet. Ich erinnere mich gerne an das Bilderbuch „Der Hase mit den himmelblauen Ohren“, das ich bei meinen Lesestunden in der hiesigen Kindertagesstätte oft und gerne vorgelesen habe.

In diesem 1993 zum ersten Mal erschienenen Buch ging es um die Entwicklung von Selbst-Bewusstsein im wahrsten Sinne des Wortes, um den Aufbau einer Ich-Identität, ohne die ein wirklich sinnvolles Menschenleben nicht möglich ist.

Zusätzlich ging es um ein Phänomen, das jeder kennt, der einmal bewusst darüber nachgedacht hat. Den Vorgang nämlich, dass Selbstausgrenzung die Ausgrenzung durch andere geradezu hervorruft und nur dadurch beendet werden kann, dass der zuvor sich selbst außerhalb der Gemeinschaft Stellende sich wieder mit vollem Bewusstsein seiner selbst in diese Gemeinschaft hineinstellt, und nicht vorsichtig und scheu wartet, bis diese ihn etwa ruft.

Auch das vorliegende Bilderbuch transportiert eine wichtige Botschaft. Es erzählt eine Geschichte über den Wunsch beliebt zu sein und was einer alles dafür tut oder lässt. Sie erzählt aber auch von Gruppendruck, und wie bei dem vorher erwähnten Buch geht es auch hier um Selbstsicherheit und um wahres Glück.

Wie allen Katzen gefällt es Clemens, durch Wiesen und Wälder zu streifen, Mäusen nachzustellen oder sich in der Sonne zu räkeln. Er genießt es aber auch, beliebt zu sein. So haben die anderen Tiere des Bauernhofs ein leichtes Spiel, ihm allerlei aufzuschwatzen: „Du solltest eine Brille tragen“, sagt das Huhn. Die Kuh meint: „Samtpfoten wie die deinen brauchen Schuhe.“ Und das Schaf schlägt ihm vor, sich doch die Krallen rot zu färben. Als Clemens aber die Ratschläge befolgt, erntet er nur schallendes Gelächter. Erschrocken läuft er davon. Als er nach einigen Tagen zurückkehrt, ist er wieder ganz er selbst und gerade darum ein liebenswerter Kater.

Im Jahr 2000 zuerst erschienen, hat das Bilderbuch nichts von seiner Schönheit und Botschaft eingebüßt. Kinder können lernen, dass sie okay sind wie sie sind, und dass sie den Erwartungen der Anderen nicht genügen müssen.

Ist da oben jemand?

 

 

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Bärbel Schäfer, Ist da oben jemand. Weil das Leben kein Spaziergang ist, Gütersloher Verlagshaus 2016, ISBN 978-3-579-08637-8

 

In diesem bewegenden Buch schreibt sich ein Mensch seinen Schmerz über den Tod eines geliebten Menschen von  der Seele, auf eine Weise, wie ich es so ehrlich, authentisch und offen selten gelesen habe.

Die aus dem Fernsehen und dem Radio bekannte Journalistin Bärbel Schäfer hat ein persönliches Buch geschrieben, das seine Leser nicht unberührt lassen wird, auch wenn sie selbst bisher von frühem und plötzlichem Tod in ihrer Umgebung verschont gebelieben sind. Die aber, die wissen, wie sich das anfühlt, wenn eines Nachts die Polizei vor der Tür steht, und mitteilt, dass ein enger Verwandter bei einem Unfall ums Leben gekommen ist oder auf eine andere Weise schmerzhaften Abschied nehmen mussten von einem geliebten Menschen, die werden sich wieder erkennen in den stammelnden, den suchenden, den verzweifelten Fragen Bärbel Schäfers.

 

Denn das, was sie da erlebt hat, bringt sie an eine Grenze ihrer Erkenntnis und ihrer Seele, die sie bisher in ihrem Leben für unmöglich hielt. Denn Gott war in ihrem Leben keine Option. Sie ist kein gläubiger Mensch und an Gott zu glauben war für sie uncool.

Doch nun nach dem Tod des Bruders stürzen die Fragen nur so auf sie ein:

„Wer kann mich trösten? Was kommt nach der Krise? Wie werde ich sein? Stärker? Schwächer? Was kann mich durchs Leben tragen?“

Sie fragt sich, ob ein Mensch der an Gott glaubt, in so einer Situation etwas anderes fühlt, als sie. Sie fragt sich, ob Gott, wenn es ihn gibt, ihren ganz persönlichen Schmerz fühlt. Wie geht das eigentlich, die Verantwortung für das eigene Leben nach oben abzugeben? Will ich das?

Auch Menschen, die schon seit Kindertagen glauben, stellen sich diese Fragen. Wie kann Gott so einen unverschuldeten Tod zulassen, all das andere Leid und Elend der Welt? Ich kenne nicht wenige Menschen, die über diesen Fragen ihren Glauben verloren haben oder ständig an ihm verzweifeln. Sie werden sich in vielen Fragen Bärbel Schäfers wiedererkennen. Die allerdings führen ihre Fragen zögernd und stolpernd  in eine andere Richtung: „Mit dem Tod meines Bruders komme ich an meine Grenzen, weiß nicht, ob ich nicht doch eine ausgestreckte Hand greifen muss.“

Einen Rat, eine Anleitung zum Glücklichsein, die sie von einem Rabbi hat, und den auch der Pastor oder Iman geben könnte, kann allen zweifelnden Menschen, ob sie sich gerade vom Glauben wegbewegen oder auf ihn zubewegen helfen:

Gib und dir wird gegeben.

Sei gütig.

Lass Ruhepausen.

Kein Konsumstress.

Schenke Freunden und Familie deine Zeit und Liebe.

Arbeit ist notwendig, aber nicht alles im Leben.

Gebraucht zu werden macht glücklich.

Denke positiv.

Begib dich in die Natur.

Bete. Gerne mehrmals täglich.

Rede nicht schlecht über andere.

Halte dich an die Gebote.

Respektiere die Natur. Predige keine Ideologien.

Arbeite für den Frieden in dir.

 

 

Ja.

Bevor ich jetzt gehe

 

 

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Paul Kalanithi, Bevor ich jetzt gehe, Knaus 2016, ISBN 978-3-8135-0725-6

Ein überaus begabter Neurochirurg, der schon unzählige Menschen mit Tumoren behandelt hat und sozusagen professionell tagtäglich in der Klinik mit Leben und Sterben umgeht, ist über Nacht konfrontiert mit der Diagnose, dass er selbst an Krebs erkrankt ist.

Gleichzeitig wird deutlich, dass die Beziehung mit seiner geliebten Frau an eine Grenze gekommen ist. Sie sagt zu ihm: „Ich habe das Gefühl, dass wir nicht richtig miteinander verbunden sind. Ich will nicht durch Zufall von deinen Sorgen erfahren. Als ich dir gesagt habe, dass ich mich ausgeschlossen fühle, hast du das offenbar nicht für ein Problem gehalten. Für mich muss sich etwas ändern.“

Die mörderischen Klinikschichten und sein enormer Ehrgeiz, ein großer Neurochirurg zu werden, haben Paul Kalanithi die Beziehung zu seiner Frau vernachlässigen lassen. Als sie von ihm von seiner Diagnose erfährt, und er ihr sagt, dass er sie brauche, sagt sie aber:  „Ich werde dich nie verlassen.“

Und sie steht ihm bei bis zum Ende, schenkt ihm nach gemeinsamer Entscheidung durch eine künstliche Befruchtung noch ein Kind, das er in seinen letzten  Wochen glücklich im Arm hält.

Bevor er sich entschied Arzt zu werden, war sein großer Traum zu schreiben. In seinem letzten Lebensjahr, nachdem eine Therapie, auf die er große Hoffnung gesetzt hatte, nicht anspricht, erfüllt er sich diesen Wunsch und schreibt dieses Buch.

Nach einem Prolog, in dem er seine ersten Reaktionen auf die Krebsdiagnose beschreibt, erzählt er in einem ersten Teil seinen ambitionierten Werdegang als Arzt und in einem zweiten Teil sein Schicksal als Patient.

Ganz am Ende seines durch den Tod beendeten Manuskripts, das seine Frau durch ein Nachwort ergänzt für die Veröffentlichung vorbereitet hat, schreibt er:

„Alle Menschen unterliegen der Endlichkeit. Die meisten Pläne werden entweder verwirklicht oder aufgegeben, so oder so, sie gehören der Vergangenheit an. Die Zukunft, anstatt eine Leiter zu den Lebenszielen zu sein, verflacht zu immerwährender Gegenwart. Geld, gesellschaftlicher Staus, all die menschlichen Eitelkeiten haben so wenig Sinn – das ist alles bedeutungslos. In der Tat.“

Er stirbt mit dem Gedanken an seine Tochter Cady, der er mit seiner Frau noch das Leben geschenkt hat.

Ihr gibt er etwas auf den Weg, was auch der von der Lektüre bewegte Leser für sich hören kann: „Wenn du in einem dieser vielen Momente im Leben einen Bericht deiner Selbst geben musst, sag, wer du warst, was du getan und der Welt bedeutet hast.“

Ein bewegendes Buch eines begnadeten Arztes, dem der Tod verwehrt hat, in die Fußstapfen seines Kollegen Oliver Sacks zu treten. „Bevor ich jetzt gehe“ bleibt sein einziges Buch und Vermächtnis an die Welt. Wie die es angenommen hat, davon zeugen die sensationellen Verkaufszahlen in den USA.

 

Familie Maus im Garten

 

 

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Kazuo Iwamura, Familie Maus im Garten, NordSüd 2016, ISBN 978-3-314-10327-8

Mit zauberhaften Bildern schildert der japanische Autor Kazua Iwamura eine lustige Mausfamilie bestehend aus Mama Maus, Papa Maus, Oma Maus, Opa Maus und insgesamt 10 Mäusegeschwistern. Hana Christen hat sie aus dem Japanischen übersetzt und Rose Pflock hat daraus wunderschöne Verse gedichtet, die das Vorlesen dieses Buches und das Betrachten der zauberhaften Bildern zu einem sprachlichen und phonetischen Erlebnis machen können.

Das Buch erzählt davon, wie di gesamte Familie Maus in ihrem Garten arbeitet, wie sie säen, die Pflanzen pflegen und ernten.  Und so ganz nebenbei erfahren die das Buch betrachtenden Kinder, am Beispiel eines Kürbis, wie sich eine Pflanze vom Samenkorn bis zur Ernte entwickelt. Und nicht zu vergessen: all das kann man auch essen, dafür wird es ja angebaut.

Und so heißt es nach der Ernte eines großen Kürbis`:
„Hm – so tolle  leck`re Sachen
Lassen sich mit Kürbis machen!
Opa lacht und ruft: ‚Ich spar
Kerne für das nächste Jahr!“

Ein wunderschönes Bilderbuch, das den Kindern zeigt, wie schön es sein kann einen Garten zu haben und dort sich um Pflanzen zu kümmern. Vielleicht ist es ja für die vorlesenden Eltern und ihr Kind ein Anlass, in ihrem Garten, und sei er noch so klein, eine kleine Ecke für das Kind zur Pflege und Bepflanzung zu reservieren und einzurichten.

Die einsamen Liebenden

 

 

 

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Eshkol Nevo, Die einsamen Liebenden, DTV 2016, ISBN 978-3-423-26088-6

 

Eshkol Nevo zählt mittlerweile zu den auch weit über die israelischen Grenzen hinaus bekannten Schriftstellern. In allen seinen Büchern, insbesondere dem letzten „Neuland“, sind seine Figuren beseelt von einer großen Sehnsucht. Sie suchen nach dem Sinn ihres Lebens, wagen Neuanfänge und sehen sich doch immer wieder eingebunden in ein Netz von Familie und Freunden.

Auch in seinem neuen Roman, einer Art Realsatire geht es um Menschen, die nach Liebe und nach so etwas wie einer Heimat suchen. Angesiedelt hat er die Handlung in einem fiktiven Pilgerort, einer frommen Provinzstadt. Sie wird „Stadt der Gerechten“ genannt und ist Anziehungspunkt für viele „religiosniks“.

Gerade in diesem Ort, in einem Stadtteil namens „Ehrenquell“ sind vor einiger Zeit eine große Anzahl atheistischer russischer Rentner angesiedelt worden. Sie haben keine Idee vom Judentum., aber sie haben so wie fast alle Menschen in Nevos Romanen Träume von einem Neuanfang von einer neuen Heimat, von Zugehörigkeit.  Da sie weder Hebräisch sprechen noch irgendeine Art von Verständnis haben für das, was nach dem Brief eines amerikanischen Juden namens Mandelsturm an den Bürgermeister der Stadt geschieht kommt es in der Folge zu Missverständnis, die Nevo mit viel Komik witzig schildert. Mandelsturm will der Stadt nach dem Tod seiner geliebten Frau eine Mikwe, ein rituelles Tauchbad stiften.

Moshe, ehemaliger Kibbuznik und Eliteoffizier der israelischen Armee, ist nach schwerer Lebenskrise ultraorthodox geworden  und hat eine Familie gegründet. Nun arbeitet er als Berater des Bürgermeisters und wird von diesem mit dem Auftrag betraut, den Bau der Mikwe zu beaufsichtigen. Da es schon sehr viele Mikwes in der Stadt der Gerechten gibt, man aber die großzügige Spende aus Amerika nicht ausschlagen will, wird beschlossen, sie im Stadtteil Ehrenquell zu bauen. In direkter Nachbarschaft eines Armeestützpunktes, um den ein großes Geheimnis gemacht wird.,

Die russischen Rentner bekommen natürlich die Bauaktivitäten mit und glauben fälschlicherweise, für sie würde eine Art Clubhaus gebaut. Schneller als man denkt, haben sie einen Schachclub gegründet, und nehmen bei der ersten Gelegenheit dafür die Mikwe in Besitz.

Baumeister der Mikve ist ein arabischer Israeli, Ben Zuk. Man wirft ihn wegen Militärspionage ins Gefängnis. Mutig wehrt er sich solange, bis er frei gelassen wird. Schon immer beobachtet er Zugvögel. Er ist vielleicht der freieste Charakter des Romans. Seine Entschlossenheit, Israel zu verlassen  ähnelt den unerklärlichen Abirrungen von Vögeln, die „plötzlich allein weit ab von ihrer normalen Zugroute in einem Teil der Welt auftauchen, in den sie gar nicht gehören“, den sogenannten „Lost solos“

Moshe begegnet im Rahmen seiner Arbeit seiner alten Jugendliebe Ayelet, was ihn  sehr durcheinander bringt. Doch auch andere Liebende hoffen auf neue Impulse ihres Liebeslebens.

Verschiedene Stränge der Handlung werden von Eshkol Nevo gut miteinander verbunden. Kritik an der Arroganz des Militärs hat genauso ihren Platz wie eine Fülle von in Israel bekannten Klischees über das russische Volk.  Moshe und Ayelet sind zwei einsam Liebende, die von einer gemeinsame Zukunft träumen, aber immer wieder scheitern.

Doch so wie anderen Menschen in dieser märchenhaften Komödie geben sie nicht auf, sich zu sehen nach Veränderung, nach eine Art Wunder, das ihrem Leben Sinn und Erdung gibt.

Vielleicht ein starkes Symbol für eine Haltung vieler Menschen im heutigen  krisengeschüttelten Israel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hector und die Suche nach dem Paradies

 

 

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Francois Lelord, Hector und die Suche nach dem Paradies, Hörbuch Hamburg 2016, ISBN 978-3-86952-212-8

 

In seinem neuen, dem siebten Band seiner erfolgreichen Reihe um den Arzt Hector geht Francois Lelord in der Lebensgeschichte Hectors weit zurück bis in sein 25. Lebensjahr. Wir schreiben das Jahr 1978 und Hector arbeitet als Assistenzarzt in einem Krankenhaus. Er ist noch jung, auf der Suche, und schwere Lebens- und Sinnfragen beschäftigen ihn. Besonders als ein kleiner Patient, der ihm anvertraut war, stirbt, quält er sich mit der Frage so vieler Menschen und Philosophen: wie kann Gott, wenn es ihn gibt, so etwas Grausames zulassen?

Und er ist zum ersten Mal in seinem Leben richtig verliebt und zwar in die unnahbare Clotilde, eine Kollegin aus dem Krankenhaus. Mit ihr, einer überzeugten und der Mystik zugeneigten Christin, die mit einem Leben als Nonne liebäugelt, kann Hector über all diese Fragen gut reden.

Mit ihr bricht er auch im Auftrag ihres Chefs in der Klinik in den Himalaya auf, als mehrere Patienten der Klinik apokalyptische Wahnvorstellungen ausbildeten, nachdem sie einen besonderen Tee getrunken haben.

Sie sollen Doktor Chin, den Eigentümer des Tees aufspüren, der sich dorthin geflüchtet hat. Mit in diesem spannenden Spiel ist auch der Arzt Armand aus der Klinik, der im Auftrag einer Arzneimittelfirma gute Geschäfte wittert.

Immer wieder werden Fragen zu Gott und Jenseits aufgeworfen, und in Nepal erfährt nicht nur Hector,  sondern vermittelt über ihn auch der Leser, mögliche Antworten des Buddhismus und anderer Religionen darüber, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Eingebettet in eine durchaus spannende Rahmenhandlung, erfährt der Leser von Francois Lelord wieder sehr viel über wichtige Fragen des Lebens, über den Sinn von Leiden und über die Liebe, die Liebe zu einem anderen Menschen und die zu Gott.

Eine leichte und dennoch anspruchsvolle Lektüre für alle, die die Bücher über Hector lieben und die nicht aufhören Fragen zu stellen, auch die, auf die sie nie eine Antwort erhalten werden.

Die warme und elegante Stimme des Schauspielers August Zirner gibt der hier vorliegenden ungekürzten Hörbuchfassung gibt diesem Roman über das große Rätsel der Transzendenz eine ganz besondere authentische Wirkung.

 

 

 

 

 

 

 

Der schaurige Schusch

 

 

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SaBine Büchner, Charlotte Habersack, Der schaurige Schusch, Ravensburger Verlag 2016, ISBN 978-3-473-44670-4

 

In diesem neuen Bilderbuch erzählt Charlotte Habersack in einer schönen und nachdenkenswerten Parabel eine Geschichte von Vorurteilen, Abgrenzung und Ablehnung von Fremden und wie sie schlussendlich überwunden werden kann. Obwohl es keine direkten Andeutungen gibt, ist dich der Bezug zu der aktuellen Flüchtlingsdebatte überdeutlich, die auch Kinder im Kindergarten schon erleben, wenn neue Kinder zu ihnen kommen, die anders sind.

In dem Bergort Doppelspitz wohnen nur wenige Tiere. Das scheue Huhn, der bockige Hirsch, die garstige Gams das maulige Murmeltier und der Party-Hase. Als sie eines Tages erfahren, dass der Schusch zu ihnen ziehen soll, dem es weiter unter zu warm geworden ist, geraten sie alle fünf in helle Aufregung. Und sie überbieten sich mit ihren Vorurteilen über ihn, obwohl sie ihn gar nicht kennen. Das kennt man ja.

Doch als der Schusch, oben angekommen on Doppelspitz eine Einweihungsparty gibt, geraten nicht nur die Vorurteile ins Wanken….

Ein schönes Bilderbuch über Vorurteile. Kinder lernen im Gespräch über dieses Buch, dass man niemand beurteilen soll, den man nicht kennt.

 

 

 

Gräser der Nacht

 

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Patrick Modiano, Gräser der Nacht, DTV 2016, ISBN 978-3-423-14494-0

Der vorliegende Roman von Patrick Modiano ist das erste von ihm auf Deutsch veröffentlichte Buch seit der Verleihung des Literaturnobelpreises. Entsprechend beworben, waren die Erwartungen sicher nicht nur des Rezensenten an dieses Buch groß.

Doch schon zu Beginn der Lektüre dieses Liebesromans auf dem historischen Hintergrund der bis heute wenig verarbeiteten französischen Kolonialpolitik in Nordafrika, stellt sich Verwunderung ein.  Wie als hätte er mittlerweile eine andere Auffassung vom Schreiben, experimentiert Modiano mit seinem Stoff und mutet zunächst dem Leser auch sprachlich einiges zu.

Der Ich-Erzähler Jean erinnert sich aus dem zeitlichen Anstand eines halben Jahrhunderts und seines ganzen Lebens daran, wie und unter welchen Umständen er Mitte der sechziger Jahre des 20.Jahrhunderts die rätselhafte und bezaubernde Dannie kennenlernt. Sie bewegt sich in konspirativen Kreisen und durch das Nachwort der Übersetzerin Elisabeth Edl schon sensibilisiert, ahnt der aufmerksame Leser, dass all diese Männer, denen Jean da begegnet, etwas zu tun haben mit den marokkanischen Exilpolitikern und ihrem Widerstand, der am 29.Oktober 1965 in der Entführung und Ermordung von Ben Barka gipfelte. Ein Mord, in den französische Polizei- und Geheimdienstkräfte verwickelt waren und dessen Umstände bis heue nicht geklärt sind. Regierungen von rechts bis links haben sich einer Aufklärung bisher verweigert.

Jean und Dannie kommen sich näher, und er schreckt auch nicht zurück, als sie ihn  fragt, was er tun würde, wenn sich herausstellen würde, dass sie jemanden umgebracht hat:
„‘Was ich sagen würde? Nichts‘, erwiderte er und war sich sicher, dass er auch heute, Jahrzehnte später, dieselbe Antwort geben würde. ‚Denn haben wir das Recht, über die zu urteilen, die wir lieben?‘, überlegte er jetzt wie damals.“
Doch als Dannie, mittlerweile von der Polizei gesucht, plötzlich spurlos verschwindet, sind Jeans Hoffnungen dahin.

Jean erinnert sich nun am Ende seines Lebens mit Hilfe seines damaligen schwarzen Notizbuchs nicht nur an die Namen sondern auch an die Orte, die er nun in der Gegenwart wieder aufsucht in der Hoffnung weitere Erinnerungen zu lösen aus seinem Gedächtnis. Er schreibt unchronologisch auf für sich selbst und die Nachwelt, an was er sich erinnert. Er zieht seine Kreise um die Schauplätze von damals, die heute anders genutzt werden und immer wieder dreht  es sich um den zuletzt pensionierten Kommissar Langlais, den Hüter seines Lebensgeheimnisses.

Auf dem Klappentext wird das Buch mit einem Film noir verglichen. Vielleicht ist es das, was den neuen Roman von Modiano so fremd und geheimnisvoll macht. Die Auseinandersetzung mit den Explosionen des 20. Jahrhunderts ist Modianos Thema. Dieses Mal ist es nicht der Holocaust, sondern die französische Politik in den sechziger Jahren und die Affäre um Ben Barka.