Zwanzig Zeilen Liebe

 

 

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Rowan Coleman, Zwanzig Zeilen Liebe, Piper 2015 ISBN 978-3-492-06017-2

 

Dieses Buch von Rowan Coleman ist eines der wenigen Romane, die mich in diesem Jahr beim Lesen in meinem Innersten angesprochen und bewegt haben. Das hängt zum einen damit zusammen, dass die Haupthandlung auf einer Hospizstation spielt und von den Menschen dort erzählt, die auf ihren Tod warten und ihr Leben bilanzieren. Und zum anderen, weil es eine Botschaft ausstrahlt, die ich in der Hektik des Alltags leider oft vergesse: egal, was passiert, wovor du auch immer Angst hast, es kommt immer darauf, die kleinen Momente des Glücks und der Liebe nicht zu übersehen. Sie machen dein Leben reich, auch wenn dir vielleicht nicht mehr viel Zeit bleibt.

Erzählt wird von der Krankenschwester Stella, die in einem Hospiz arbeitet. Auf eigenen Wunsch arbeitet sie nur in der Nacht, dann, wenn es still wird auf der Station, und die Menschen sich ihr in vielen Gesprächen öffnen. Irgendwann hat sie jemand gebeten, an einen nahe stehenden Menschen einen kurzen Brief zu schreiben, den Stella erst nach dem Tod der Patientin dem Empfänger aushändigen sollte. Und schon bald wird daraus ein Ritual. Viele dieser Briefe sind in dem über 400-seitigen Roman abgedruckt, in einigen Fällen erfahren wir mehr von der Person, die ihn geschrieben hat und ihrem Leben. In diesen, meist nicht mehr als zwanzig Zeilen langen Briefen erfahren wir, was Menschen in ihren letzten Tagen und Stunden bewegt und was sie noch mitteilen wollen.

Doch Stella hat auch ihre eigenen Lebensprobleme. Ihr Mann Vincent hat sich von ihr abgewendet, und obwohl sie ihn über alles liebt, geht sie ihm aus dem Weg. Die schwere Leidensgeschichte dieser Beziehung ist bis zum Ende des Buches ein wesentlicher Strang der Erzählung. Genauso wie die Geschichte der jugendlichen Hope, die seit ihrer Geburt an Mukoviszidose leidet und nur zur Pflege in dem Hospiz sich aufhält, bis sie wieder soweit ist, dass sie nach Hause gehen kann, dorthin also, wo sie sich über viele Jahre von der Welt abgeschottet hat und das Leben an sich hat vorüberziehen lassen. Doch da ist auch ihr Freund Ben, der ihr zeigt, warum es sich lohnt zu leben, zu kämpfen und zu hoffen.

Genau diese Erfahrung macht auch Hugh, alleinstehend und nur mit einem Kater namens Jake befreundet, der als zweite Heimat das Hospiz hat und dort viele Patienten tröstet.

Ihrer aller Geschichte wird erzählt, und nach und nach von Rowan Coleman miteinander verknüpft. Es ist, wie sie selbst auf einer Innenseite des Buches schreibt, „eine Geschichte über Hoffnung, darüber, niemals aufzugeben, nach den Sternen zu greifen und Menschen zu begegnen, die dein Leben verändern.“

„Zwanzig Zeilen Liebe“ ist ein sehr bewegender, stellenweise aufwühlender Roman, eine poetische Hymne auf das Leben und ein spirituelles Lied über die Hoffnung, die uns am Leben hält bis zur letzten Minute, wenn wir es aushauchen. Aber davor gibt es noch „eine ganze Menge Leben“ (Konstantin Wecker).

 

 

 

 

 

 

 

Unser Urwald

 

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Matthias Schickhofer, Unser Urwald, Brandstätter Verlag 2015, ISBN 978-3-85033-924-7

 

Matthias Schickhofer, ein engagierter Naturschutz-Aktivist und Fotograf hat schon im Jahre 2013 ein Buch mit dem Titel „Urwald. Österreichs letzte Naturparadiese“ veröffentlicht, von dem einzelne Teile und Fotografien auch in dem neuen vorliegenden Buch wieder abgedruckt sind.

Er hat aber in den letzten Jahren seinen Radius erweitert, und sich in ganz Europa auf die Suche nach echten Urwäldern gemacht. Urwälder sind Waldgebiete, in denen, aus welchem Grund auch immer, noch nie ein Baum gefällt oder eine Schneise geschlagen wurde. Menschen haben in keiner Form in das Leben dieser Wälder eingegriffen.

Oft sind diese Wälder, die er besucht und mit bezaubernden und faszinierenden Bilder festgehalten hat, gar nicht so weit von den großen Städten in Europa entfernt. Dennoch sind es eher der Balkan und Rumänien, wo man in unberührten Flächen die größten Urwälder außerhalb Russlands findet.

Für Schickhofer sind diese Wälder nicht nur als Fotograf interessant. Er nennt sie in seinem Buch einen „ökologischen und genetischen Schatz“.

In einem Interview in der österreichischen Zeitung „Die Presse“ vom 28.9.2015 sagt er, die letzten Urwälder seien „die Botschafter einer alten Welt, in der die Evolution noch ungestört walten kann. Sie haben über Jahrtausende stabile Systeme geschaffen. Wir sollten auf diese ‚Tore von Mittelerde‘ gut aufpassen.“

Das Buch ist voller wunderbarer Fotografien und lehrreichen Beschreibungen der geheimnisvollen Biologie des Waldes. Ich kann es Naturfreunden und Waldliebhabern nur empfehlen.

Die Weltenträumerin

 

 

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Dirk Steinhöfel, Die Weltenträumerin, Oetinger 2015, ISBN 978-3-7891-7179-6

 

Mit den Landschaftsaufnahmen des Fotografen Andreas Pflitsch hat Dirk Steinhöfel ein wunderbares Buch gemacht, das völlig ohne Worte auskommt und vielleicht gerade deswegen eine ganz besondere Aussagekraft hat.

Da ist ein Mädchen. Sie ist vielleicht zehn Jahre alt. Sie sitzt in einem Zimmer vor einer Bücherwand und dann mit einem aufgeschlagenen Buch an einem Tisch. Warum sie sitzt, wird am Ende des Buches erklärt, ist aber für die Aussage des Buches nicht unbedingt wesentlich.

Ergriffen von dem, was sie in dem Buch gelesen hat, schaut das Mädchen sehnsuchtsvoll zum Fenster, und dann beginnt eine Reise durch Landschaften von unberührter Schönheit und geheimnisvoller Magie. Sie bewegt sich durch die Elemente und gelangt an die unglaublichsten Orte – ganz allein durch die Macht ihrer Phantasie.

Es sind die Bücher, die das Mädchen immer wieder in fremde Welten führen und sie dort verweilen lassen. Und so kann sie vielleicht ertragen, dass das Schicksal beschlossen hat, dass sie nie wirklich diese Welten jemals sehen wird.

„Die Weltenträumerin“ ist ein wunderbares Buch über die Macht der Bücher. Und eine Hymne an die magische Kraft der Phantasie.

 

Lila

 

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Marilynne Robinson, Lila, S. Fischer 2015, ISBN 978-3-10-002430-5

 

Marilynne Robinson, geboren 1943, gilt seit langem als eine der besten Schriftstellerinnen Amerikas. Die Protagonisten ihrer Bücher zeichnen sich durchweg aus durch eine Fähigkeit zur Empathie, die selten ist, und wie nicht von dieser Welt.

So auch die Menschen, die in dem Roman „Lila“ beschrieben werden. „Lila“ bildet den Abschluss einer Trilogie, deren beiden ersten Teile „Gilead“ (2004) und „Home“ jeweils mit Preisen überhäuft wurden.

Lila ist zur der Zeit, in der die Haupthandlung des Buches spielt, Anfang der 50 er Jahre – die USA führen Krieg in Korea – eine erwachsene Frau, die es irgendwann in den kleinen Ort Gilead in Iowa verschlägt. Mit diesem Ort und den Menschen, die dort wohnen, erinnert Marilynne Robinson an die vergessene Geschichte des Mittleren Westens der USA. Hier in Gilead wird sie von dem gütigen, weit über 70 Jahre alten Prediger John Ames aufgenommen. Er heiratet Lila und zeugt einen Sohn mit ihr, den sie auch glücklich zur Welt bringt. Das alles weiß der Leser des Romans schon nach wenigen Seiten.

In zwei Zeitebenen, der Gegenwart des neuen Lebens von Lila mit dem alten Prediger in Gilead und ihrem Versuch, die Güte und den für einen calvinistischen Theologen erstaunlich offenen und zweiflerisch-philosophischen Glauben ihres Mannes zu verstehen und anzunehmen, und der Vergangenheit Lilas in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wird die Geschichte Lilas erzählt.

Von der Zeit, als sie als Findelkind von der Wanderarbeiterin Doll mitgenommen wird. Doll schließt sich einer Gruppe von Wanderarbeitern unter der Führung von Doane an. Acht Jahre lang ziehen sie mit ihm und seinen Leuten durchs Land, doch wegen einer großen Dürre und wegen der im Crash von 1929 gipfelnden Wirtschaftskrise finden sie bald keine Arbeit mehr bei den Farmern.

Nachdem Doll mit ihrem Messer einen Mann getötet hat (war es Lilas Vater?) sieht sie sich auf sich allein zurückgeworfen und muss sich fortan unter anderem in einem Hurenhaus in St. Louis allein durchs Leben kämpfen. Als sie von dort weggeht, findet sie unterwegs eine alte Hütte, in der sie unterschlüpft und wo sie nach wenigen Tagen von John Ames gefunden wird.

Langsam werden dem Leser in zahlreichen Rückblenden das Leben und das Schicksal Lilas vor dieser Zeit beschrieben. Immer wieder zweifelt sie, was sie davon ihrem Mann, der sich rührend um sie kümmert, offenbaren kann und was sie lieber für sich behält, zumal sie als Frau des Pfarrers in dessen Gemeinde nun eine öffentliche Person ist.

Ganz am Ende, der Sohn ist geboren und hat nach einer kurzen lebensbedrohlichen Schwäche nach der Geburt überlebt, nach vielen Gesprächen darüber, dass Lila angesichts des hohen Alters ihres Mannes noch vor dem Erwachsenwerden des Kindes wieder alleine sein wird, ist ihr Vertrauen und ihre Liebe zu dem alten Mann so stark geworden, dass die Autorin sicher ist: „Eines Tages würde sie ihm sagen, was sie wusste.“

Für mich stehen die zahllosen Gespräche von John Ames und Lila Dahl, wie man sie bald bei den Wanderarbeitern nannte, über theologische und philosophische Fragen im Mittelpunkt eines Buches, von dem die Autorin Zsuzsa Bank, die in ihrem Entwicklungsroman „Die hellen Tage“ 2012 auf ähnliche Weise das Erwachsenwerden dreier vom Schicksal schwer getroffener Kinder beschrieb, sagt:

„Etwas zutiefst Tröstliches liegt in dem Wissen, das zwei sich nicht nur finden können – sondern auch schützen und halten. Diese Annäherung wird so zurückgenommen, so tastend behutsam erzählt, dass man sich ein wenig schämt, wenn man Lila und John weiter beobachtet, während sie reden, sich öffnen und bekennen.“

„Lila“ ist so etwas wie der andere Zwilling von „Gilead“, wo die Geschichte von John und Lila aus einem anderen Blickwinkel erzählt wird, steht aber als Buch völlig für sich. Es ist ein Buch, das in die Tiefe geht und den Leser dort auch ansprechen will.

Kleiner Fuchs. Großer Himmel

 

 

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Brigitte Werner, Kleiner Fuchs. Großer Himmel, Freies Geistesleben 2015, ISBN 978-3-7725-2793-7

 

Als sein geliebter Großvater gestorben ist, ist der kleine Fuchs sehr traurig. Seine Mutter tröstet ihn. Opa sei jetzt im Himmel und der GroßeLiebeFuchs passe dort gut auf ihn auf.

Der kleine Fuchs hört gut zu, aber traurig ist er immer noch, Das ändert sich ein wenig, nachdem er in der Nacht von seinem Großvater Fuchs und vom LiebenGroßenFuchs im Himmel geträumt hat.

Was den kleinen Fuchs auszeichnet, ist, dass er über seine Traurigkeit redet, auch mit anderen Tieren. Jedes Tier, dem er begegnet und mit dem spricht, zeigt ihm einen anderen hilfreichen Aspekt, den der kleine Fuchs dann jeweils nachts in seinen Träumen verarbeitet

Und jedes Mal ist das Füchslein „ein kleinkleinkleinesbisschen weniger traurig.“ Vor allen Dingen lernt es, dass auch die anderen Tiere Vorstellungen haben davon, was mit ihnen passiert, wenn sie einmal sterben. Alle vertrauen sie auf ein ihnen ähnliches höheres Wesen.

Als der kleine Fuchs abends nach Hause kommt und seinen Eltern von seinen vielen Gesprächen berichtet, werden sie ganz nachdenklich, denn so wie ihr Kind begreifen sie: der GroßeAllesAllesWasIst behütet nicht nur den verstorbenen Großvater Fuchs, sondern er hat alle lieb. „So wie den kleinen Fuchs. So wie dich.“

Ein von Claudia Burmeister zart und behutsam illustriertes Bilderbuch, dem es meiner Meinung nach hervorragend gelingt, Kinder in ihrer Trauer um einen geliebten Menschen zu unterstützen und ihnen mit religiösen Bildern eine Vorstellung davon zu geben, dass kein einziges Menschenleben verloren ist.

Ich habe gehört, dass es Mitarbeiter in der Hospizhilfe gibt, die mit diesem Buch arbeiten, wenn sie Sterbenden zur Seite stehen auf ihren letzten Weg.

So etwas wie Familie

 

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Pierre Chazal, So etwas wie Familie, Deuticke 2015 ISBN 978-3-552-06297-9

 

„Am Anfang war ich nicht so dafür. Ja, geradezu dagegen. Fabienne brachte mich dazu, ja zu sagen.“

So beginnt der ich – erzählende Gemüsehändler Pierre seine Lebensgeschichte, die ihn, den einsamen Wolf, von einem auf den anderen Tag zu einem Anderen macht. Denn als Helene, die Frau, die er so geliebt hat, die aber nur seine Freundin sein wollte, stirbt, hinterlässt sie einen achtjährigen Sohn.

Ihr letzter Wille: Pierre soll sich um den kleinen Marcus kümmern und ihn groß ziehen. Nicht erst seit dem plötzlichen Tod seiner Mutter ist Marcus ein schüchterner und eher schweigsamer Junge, zu dem der Zugang schwierig scheint. Deshalb auch zögert Pierre zunächst, diese große Verantwortung zu übernehmen.

In ersten Teil dieses Romans, der von der ersten bis zu letzten Seite eine tiefe Menschlichkeit ausstrahlt, erzählt Pierre, wie sich die beiden trotz ihrer Unterschiedlichkeit zusammenraufen und aus ihnen bald so etwas wie ein gutes Team wird. Pierre ist immer sicherer, dass ihm mit Marcus etwas gelingen könnte, was sein eigener Vater in seiner Kindheit versäumt hat.

Doch dann geschieht etwas, was alles in Frage stellt, und Pierre erzählt den Rest des Buches aus einer Haftanstalt heraus. Warum ? Und was geschieht mit seiner Beziehung zu Marcus?

Das wird dem Leser dieses berührenden Buches erst langsam deutlich. Ein wunderbares Leseerlebnis, bei dem der Autor seinen Leser an ganz unerwarteten Stellen zum Lachen bringt. Ein Roman, der erzählt von Liebe und von der Verantwortung, die man für die hat, die man liebt.

Ein Buch, das lange im Leser nachhallt.

 

Herr Hase und Frau Bär. Die lustige Schlittenfahrt

 

 

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Christa Kempter, Frauke Weldin, Herr Hase und Frau Bär. Die lustige Schlittenfahrt, NordSüd 2015 ISBN 978-3-314-10315-5

 

Sie wohnen nun schon seit insgesamt vier Bilderbüchern zusammen in dem alten und schiefen, aber sonst ganz netten Häuschen mitten im Wald. Bei allem, was sie bisher zusammen erlebten oder taten, hatten der Herr Hase, dem das Haus gehört und seine im oberen Stock wohnenden Mitbewohnerin Frau Bär unterschiedliche Vorstellungen.

Wie das halt so ist bei Lebewesen, die miteinander leben (wollen). Insbesondere die Frage der Sauberkeit und der Ordnung ist immer wieder Thema bei den beiden und Anlass zu zum Teil heftigen Auseinandersetzungen. Doch irgendwie fanden sie bisher immer eine Lösung, die das jeweilige Vorhaben am Ende doch gelingen ließ.

So auch bei ihrem Vorhaben in dem vorliegenden neuen Bilderbuch. Es ist Winter, und in der Nacht hat es heftig geschneit. Während der Hase kräftig schaufelt, damit die Wege vorschriftsmäßig begehbar sind, wälzt sich Frau Bär erst mal genussvoll im Schnee. Der Hase ist sauer, weil Frau Bär ihm nicht hilft. Auch ihr Plan, einen Schneemann oder, wenn der Hase möchte, einen Schneehasen zu bauen, stößt auf wenig Gegenliebe.

Doch bald schon kann sie ihn zu einer Schlittenfahrt überreden, bei der es zu einem Unfall kommt, weil der Schlitten unter dem Gewicht des Bärs zusammenbricht und der Bär gegen einen Baum knallt. Nachdem der Hase Frau Bär liebevoll(!) versorgt hat, ruft er (wie schon so oft) deren Brüder zu Hilfe, und ein großer stabiler Schlitten für den Bär entsteht. Den ziehen sie dann gemeinsam zur Abfahrt.

Ein schönes Bilderbuch, das Kindern zeigt, wie man bei aller Unterschiedlichkeit von bestimmten Vorstellungen und Eigenschaften doch miteinander klar kommen kann im Zusammenleben und auch bei gemeinsamen Unternehmungen und Spielen.

Ein zwei Wolken am Himmel

 

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Dörthe Binkert, Ein zwei Wolken am Himmel, Thiele Verlag 2015, ISBN 978-3-85179-333-8

 

Nina Mathis wohnt im Süden Deutschlands. Ähnlich wie ihr Lebenspartner Leo, arbeitet sie in der Buchbranche, er als leitender Angestellter eines Buchverlags, sie als selbständige Künstlerin, die recht erfolgreich mit dem Entwerfen von Buchumschlägen ist. Sie haben Kinderwünsche hinten angestellt und besonders Leo träumt von einem Haus im Süden, wo er seine Ferien verbringen möchte. Ein modernes Paar, das aber zusammen nur an der Oberfläche glücklich ist.

Das wird ganz schnell offenbar, als Nina die Nachricht erhält, dass sie Alleinerbin einer verstorbenen Tante ist. Den Kern des Erbes bildet ein altes Reethaus, in dem die Tante seit langem einen Dorfladen betrieben hat.

Nina fährt sofort gen Norden in den kleinen Ort Nordhült. Dort findet sie sehr schnell die glücklichen Sommer und die Unbeschwertheit ihrer Kindheit wieder und sie fühlt etwas, was sie mit Leo nicht kennt:

„Plötzlich fühlte ich so etwas wie Einverständnis mit meinem Leben. Hier oben gefiel es mir, ich war selbst überrascht, wie deutlich ich das spürte. Es war, als ob die weite, offene Landschaft mir in den Genen läge, meine Mutter, meine Großmutter mir ihre Liebe zu flachen Land vererbt hätten. Warum eigentlich sollte ich mich nicht hier niederlassen, wenigstens versuchsweise?“

Leo ist bei den immer distanzierter werdenden Telefonaten mit Nina entsetzt über solche Gedanken. Zumal er spürt, dass Nina sich auch auf andere Weise von ihm entfernt. Das liegt auch an Ninas Jugendfreund Malte, der in Kiel arbeitet und den Nina in Nordhült wiedertrifft. Der Leser spürt viel eher, als die beiden Jugendfreunde sich das eingestehen wollen, dass sich hier eine neue emotionale Heimat andeutet.

Und nach einigen Verwirrungen und Missverständnissen kommen sich die beiden näher, während die alte Beziehung immer fadenscheiniger wird…

Dörthe Binkert hat einen leichten, unterhaltsamen Liebesroman geschrieben ohne Kitsch, eine Liebesgeschichte, in die man eintaucht und sich in ihrem Zauber verlieren kann. Mit viel sprachlichem Witz und mit viel Liebe zur norddeutschen Kultur und Lebensart verfasst, hat mich das Buch an mehrere Aufenthalte auf Nordstrand erinnert, die nun aber auch schon 40 Jahre zurückliegen.

 

 

 

 

 

 

Die Rabenrosa

 

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Helga Bansch, Die Rabenrosa, Jungbrunnen 2015, ISBN 978-3-7026-5874-8

 

Schon in ihrem 2008 erschienenen Buch „Ein schräger Vogel“ hatte es die Künstlerin Helga Bansch mit den Raben und dem Anderssein. Die Geschichte von dem Raben Robert, der anders ist und auch anders sein will und damit den Unwillen seiner Artgenossen hervorruft, war ein wunderbares Bilderbuch über den Mut zur Individualität , den Zwang zum Konformen und darüber, wie das Bunte über das Schwarze siegt, die Lebenslust über den Lebensfrust, das Spontane über die strenge Ordnung, die Phantasie über die Disziplin.
Nun greift Helga Bansch das Rabenthema und das Anderssein wieder auf und erzählt die Geschichte von Rosa, die mit vier anderen Rabenkindern aus dem Ei schlüpft. Die Eltern nehmen ihre Andersartigkeit natürlich sofort wahr, aber sie nehmen sie wie sie ist und behandeln sie gleich. Sie nennen sie, die sich als kleines Menschenkind herausstellt, „unsere kleine Rabenrosa“. Sie kann natürlich nicht mit ihren vier Geschwistern fliegen lernen und so bleibt sie allein mit ihren Eltern im Nest zurück. Die nehmen sie mit auf ihre große Reise und bald schon wird Rabenrosa bei der Futtersuche für ihre neuen Geschwister helfen. Und der Frosch Rudi will ihr das Schwimmen beibringen….

 

Nachdem sie lange versucht, sich anzupassen, macht sie endlich einfach das, was ihr guttut. Sie entdeckt für sie ganz neue Fähigkeiten und lernt, einfach auf andere zuzugehen – mit ganz überraschenden Ergebnissen

fünfter sein

 

 

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Ernst Jandl, Norman Junge, fünfter sein, Beltz & Gelberg 2015, ISBN 978-3-407-76005-0

Ein Gedicht des Wortkünstlers und Sprachspielers Ernst Jandl und farbenfrohe Zeichnungen von Norman Junge: sie kommen in einem Bilderbuch zusammen, das seit seinem ersten Erscheinen 2001 mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde.

Im Gedicht selbst deuten die Worte zunächst nur an, worum es geht bis mit der letzten Zeile: „tagherrdoktor“ endgültig klar ist, dass es um eine allen Menschen bekannte Situation geht: man sitzt im Wartezimmer einer Arztpraxis und wartet bis man dran kommt. Mit einem unruhigen Gefühl rutscht man in der Warteschlange immer weiter, bis man selbst aufgerufen wird.

Die Zeichnungen Norman Junges sind witzig, spielen mit Licht und Schatten und fangen die Atmosphäre eines Wartezimmers perfekt ein. Mit den lustig gezeichneten Spielzeugtieren als Patienten können sich die Kinder gut identifizieren. Ihr wechselndes Mienenspiel ist genial gezeichnet und der witzige Arzt, der auf der letzten Seite zu sehen ist, setzt allem die Krone auf.

Ein schönes Buch, das sicher von vielen Erwachsenen goutiert wurde und wird. Es ist auch nicht ungeeignet dazu, kleine Kinder auf einen langweiligen Arztbesuch vorzubereiten. In diesen Praxen sollte das Buch übrigens überall ausliegen.