Wimmelkalender 2016

 

 

42094924z

 

Rotraut Susanne Berner, Wimmelkalender 2016, Dumont Kalenderverlag 2015, ISBN 978-3-8320-3283-8

 

Ihre im Gerstenberg Verlag erschienenen fünf Wimmelbücher sind meiner Meinung das Beste, was in diesem Genre auf dem Markt erhältlich ist. Von Ali Mitgutsch vor langen Jahren begründet, hat Rotraut Susanne Berner das Wimmelbuch so weiter entwickelt, dass die Kinder, haben sie erst einmal mit dem Frühjahrsbuch angefangen ( was ich empfehlen würde) und die vielen mit Namen benannten Figuren kennengelernt und den namenlosen, so wie mein Sohn das vor vielen Jahren machte, Namen gegeben, bald nach den nächsten Büchern rufen, die die Wimmlinger Welt und ihre Menschen zunächst im Sommer, dann im Herbst und Winter und schließlich in der Nacht zeigen. Das Besondere an Berners Wimmelserie ist, das über das Jahr hinweg einzelne Figuren mit einer fortlaufenden Geschichte gezeigt werden. Es ist überaus spannend für kleine Kinder (aber auch für mitschauende Erwachsene) die Figuren immer wieder zu identifizieren und zu entdecken.

Mein Sohn und ich konnten, als er klein war, stundenlang vor diesen textlosen Büchern sitzen und unzählige Geschichte erfinden. So kam er auch irgendwann zu dem Kalender, der über viele Jahre jedes Jahr in seinem Zimmer hing und dessen aus den einzelnen Wimmelbüchern stammenden Monatsblätter er bereits kannte.

Es ist aber durchaus auch eine umgekehrte Reihenfolge denkbar. Irgendwer bringt den neuen Wimmelkalender 2016 ins Haus eines kleinen Kindes, das daraufhin auf die Wimmelbücher aufmerksam wird und sie lieben lernen wird.

Egal wie, Bücher und Kalenderblätter bieten eine Menge zu entdecken und beschreibend zu erzählen. Auch der Wimmelkalender 2016 ist ein ideales Geschenk für Kinder ab 2 Jahren.

Das Buch vom Anfang von allem

 

41840003z

Rainer Oberthür, Das Buch vom Anfang von allem, Kösel 2015, ISBN 978-3-466-37127-3

 

Der Theologe Rainer Oberthür, der in der Vergangenheit schon einige religiöse Bücher für Kinder und Jugendliche vorgelegt hat, wendet sich mit seinem neuen Buch an eine breitere Leserschicht. Denn sein ambitionierter Versuch, von der Bibel, der Naturwissenschaft und dem Geheimnis unseres Universums zu erzählen, richtet sich nicht nur an interessierte Jugendliche, sondern vor allen an Erwachsene. Erwachsene, die in ihrer Kindheit etwas gelernt haben von der Urgeschichte, wie sich die Genesis im Alten Testament die Erschaffung des Menschen und der Welt vorstellt und die dann später, als sie sich in der Schule mit den Erkenntnissen der modernenn Naturwissenschaften konfrontiert sahen, den offensichtlichen Widerspruch zwischen beiden Erzählungen nicht auflösen konnten.

Viele Menschen haben auf diese Weise ihren Glauben an einem gütigen Schöpfergott verloren oder sahen ihn für ihr weiteres Leben zumindest deutlich angeknackst.

Rainer Oberthür stellt in seinem neuen Buch beide Erzählungen nebeneinander, illustriert sie mit neuzeitlichen Fotografien und mittelalterlichen Gemälden, die er am Ende des Buches vorstellt und erläutert und bringt die Erzählungen auf diese Weise in einen spannenden Dialog. Ein Dialog, der den Leser herausfordert von der ersten Seite an und den der Autor sozusagen „anzetteln“ und fördern möchte nach einer Erkenntnis: „Alle Dinge, die wir sehen, können wir aus zwei Perspektiven anschauen – als Tatsache und als Geheimnis“.

Mit persönlich ging es als Theologe, der im Laufe seiner jahrzehntelangen Predigttätigkeit mehrfach über die Schöpfungsgeschichte im Lichte der modernen Naturwissenschaften zu sprechen hatte, und auch im Religionsunterricht verschiedener Altersklassen das Thema oft behandelte, bei der Lektüre dieses außergewöhnlichen Buches so, dass ich erstaunt darüber war, immer wieder neue Dinge, neue Aspekte, neue Schattierungen zu entdecken, in beiden Erzählungen, der biblischen und der wissenschaftlichen.

Und Oberthürs von seinem persönlichen Glauben geprägter Zusammenfassung kann ich mit ganzem Herzen und Seele zustimmen:

„Gott ruft das Nichts ins Etwas und das Etwas ins Sein.

Gott schenkt uns Menschen die Entdeckung der Welt:

So schön ist, was wir hören und sehen können.

Wir sind ergriffen und wollen es mit allen Sinnen erfahren.

Noch schöner ist, was wir wissen können.

Wir begreifen und wollen es mit dem Verstand erkennen.

Am schönsten aber ist, was wir nicht fassen können.

Wir werden still und erahnen Gottes Größe und Geheimnis.“

 

Ja.

Der namenlose Tag

 

42777539z

Friedrich Ani, Der namenlose Tag. Ein Fall für Jakob Franck, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42487-2

 

Selbst versierte Krimileser könnten wahrscheinlich nicht auf Anhieb sagen, wieviel verschiedene Ermittlerfiguren der Schriftsteller Friedrich Ani im Laufe seiner langen literarischen Tätigkeit schon erfunden hat. Am bekanntesten ist wohl der Kommissar Tabor Süden, den Ani zuletzt aus dem Ruhestand noch in einigen Büchern ermitteln ließ. Wahrscheinlich auch deshalb, weil diese Serie über ein Dutzend Bücher über einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten umfasste. An so manchen Ermittler, der danach folgte, und den Ani meist schon nach zwei oder drei Büchern durch einen anderen ersetzte, erinnert sich kaum noch jemand, was schade ist, denn jeder dieser Männer hatte eine außergewöhnliche Lebensgeschichte, wie sie nur Ani erfinden kann und alle einte sie eine Ermittlungsmethode, die man so bei kaum einem anderen Polizisten in der Krimiszene findet.

Anis Ermittler setzen sich selbst auf Spiel. Selbst jeweils auf unterschiedliche Arten aus der Welt gefallen und ihr eigenes Leben und seine Geschichte verloren glaubend, sind sie auf eigentümliche Weise in der Lage, das Schicksal der Täter und ihrer Opfer auf eine fast körperliche Art zu spüren und zu erleben, die sie während ihre Ermittlungen nicht selten selbst an deren Rand des Todes bringt.

Ani lässt sie mit Regelmäßigkeit auf Menschen treffen, die auf irgendeine Weise sich selbst verloren gegangen sind. Unsichtbar geworden, leben sie mitten unter uns und Ani gibt ihnen durch seine Kommissare und ihre absolut ungewöhnliche Art, Kriminalfälle zu lösen, ihr Gesicht, ihre Geschichte und ihre Menschenwürde zurück.

Sein neuer Ermittler Jakob Franck, den Ani nach langer Heimstatt bei Droemer nun beim vom Konkurs geretteten und programmatisch und finanziell wieder auferstandenen Suhrkamp Verlag in Berlin präsentiert, ist so ein Sucher nach Verlorenem und Verschwundenem. Seit zwei Monaten im Ruhestand, hat er sich dort noch gar nicht recht eingerichtet, glaubt aber endlich ein Leben jenseits der Toten beginnen zu können, nachdem er über viele Jahre in seinem Dezernat sozusagen der Spezialist für die Überbringung von Todesnachrichten war, und das auch nach eigener Einschätzung immer ziemlich gut gemacht hat. So wie viele seiner Vorgänger lebt Jakob Franck allein, nachdem nicht nur sein Job als Polizist seine Ehe scheitern ließ. Dass ihn Ani am Ende eines Falles, der ihn in die Katakomben seiner eigenen Vergangenheit führte, diesen zusammen mit seiner Ex-Frau Marion Siedler resümieren lässt, gibt zu der Vermutung Anlass, dass Marion auch im nächsten Buch wieder auftauchen wird.

Dieser Fall jedenfalls ist eigentlich schon seit zwanzig Jahren abgeschlossen. Doch Ludwig Winther, der Franck sozusagen privat beauftragt, glaubt nicht daran, dass seine damals siebzehnjährige Tochter sich selbst erhängt hat, wie der polizeiliche Untersuchungsbericht damals eindeutig feststellte. Nach wie vor ist er davon überzeugt, es könne sich nur um einen Mord handeln. Ex- Kommissar Jakob Franck macht sich daran die näheren Umstände des Todes des Mädchens aufzuklären. Er „erweckt einen toten Fall zu Leben.“

Dazu, so ist er überzeugt, gehört eine Art Leichenfledderei, die sich von der von Emotionen völlig freien Arbeit des Gerichtsmediziners stark unterscheidet. „Was Franck meinte, war sein ureigenes, professionelles, wenn nötig rücksichtsloses Zerstückeln der Umstände, das Ausgraben halbverwester Wahrheiten, das Offenlegen ebenso verständlicher wie oftmals schmutziger Überlebenstricks. Die Aufklärung eines Mordes oder eines zwielichtigen Todes bedeutete, dass ein Kommissar das Recht hatte, die Welt des Menschen, der gewaltsam gestorben war. Von Grund auf zu erschüttern und deren Bewohnern so lange mit unnachgiebiger Genauigkeit ihre Gewohnheiten zu entreißen, bis sie nackt in der Kälte standen und sich ihrer Erbärmlichkeit bewusst wurden. Erst von diesem Moment an – davon war Franck überzeugt – gelangte das Opfer auf den Weg zum ewigen Frieden.“

So wie viele seine Vorgänger ist Franck nicht religiös, hat aber immer einen Zugang zu den spirituellen Dimensionen des Lebens und den sündhaften Abgründen menschlicher Existenz. Er nähert sich ihnen mit einer von ihm selbst entwickelten Methode, die er „Gedankenfühligkeit“ nennt, und die ihm ungeahnte Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt nicht nur der Menschen, denen er begegnet, vermittelt, sondern auch und gerade in seine eigene.

Das macht bin in manchen Situationen zum Therapeuten und Seelsorger, bringt ihn aber keinen Meter von seinem eingeschlagenen Weg ab. Ein Weg, der ihn Kraft kostet, aber ihn sehr nah kommen lässt, dem, was Ani seit vielen Jahren beschäftigt: der Essenz des Lebens und des Leidens.

Man wird sehen, wieviel „Fälle“ Friedrich Ani diesem beeindruckenden neuen Ermittler im Ruhestand schenkt. Der Auftakt jedenfalls überzeugt auf der ganzen Linie.

 

Märchenwelten 2016

 

42094834z

Lisbeth Zwerger, Märchenwelten 2016, Dumont Kalenderverlag 2015, ISBN 978-3-8320-3259-3

 

Lisbeth Zwerger ist eine begnadete Illustratorin, die schon unzählige Bilderbücher für Kinder mit ihren Bildern zu wahren Kunstwerken gemacht hat.

Nun hat der Dumont Kalenderverlag aus insgesamt acht ihrer Kinderbücher zum ersten Mal einen Kalender für das Jahr 2016 produziert, dem, so ist zu hoffen, in den nächsten Jahren noch weitere Ausgaben folgen werden. Denn die ausdrucksstarken Zeichnungen aus Büchern wie „Schwanensee“, „Der Zauberer von Oz“, „Alice im Wunderland“, „Brüder Grimm Märchen“ und anderen haben eine solche Tiefe und Strahlkraft, dass man sie einen ganzen Monat lang jeden Tag anschauen mag, ohne ihrer überdrüssig zu werden.

Der Kalender ist insbesondere als Geschenk für größere Kinder zu empfehlen, die aus dem Alter herausgewachsen sind, in der sie wie mein Sohn jahrelang mit Begeisterung den Wimmelkalender von Rotraut Susanne Berner in ihrem Zimmer aufgehängt haben, der natürlich auch in diesem Jahr bei Dumont in einer neuen Ausgabe erhältlich ist.

Vielleicht verführen die Bilder des Kalenders auch zum Erwerb des einen oder anderen der acht auf der Rückseite des Kalenders aufgeführten Bilderbücher, aus denen die Kalenderbilder stammen. Ich kann sie ausnahmslos empfehlen.

 

Auf die innere Stimme hören

42685413z

 

Holger Eckstein, Auf die innere Stimme hören, Kösel 2015, ISBN 978-3-466-34602-8

 

In diesem Buch des Coaches Holger Eckstein geht es darum, durch die innere Stimme, die jeder Mensch in sich trägt, seine eigentliche Bestimmung zu finden.

Deshalb geht es in einem ersten Teil um die innere Stimme und in einem zweiten Teil um die Bestimmung und was die Menschen daran hindert sie zu finden und umzusetzen.

Beide Teile haben drei Kapitel. Im ersten Kapitel des ersten Teils geht es darum die innere Stimme zu finden, die Treue zu eigenen Wesenskern umzusetzen und von innen nach außen zu leben. Hat man die innere Stimme einmal gefunden, geht es darum wie Eckstein im zweiten Kapitel beschreibt, ihr auch zu folgen, den inneren Kritiker in Schach zu halten und Vertrauen ins Leben zu entwickeln. Ging es in den ersten beiden Schritten um Mut und Vertrauen, folgt nun die Hingabe, die Fähigkeit sich der inneren Stimme auch zu fügen.

Dies ist die notwendige Voraussetzung um in der Folge herauszufinden, worin die eigene Bestimmung liegt. Da geht es um Entdeckung, darum die eigene Bestimmung zu erkennen, um Verantwortung, darum, die eigene Bestimmung zu erlernen und um Verwirklichung, darum seine eigene Bestimmung zu erfüllen.

Etliche Stolperfallen gibt es auf diesem Weg, die Eckstein benennt und Erfolgstipps, deren Beachtung bei der Verwirklichung der eigenen Bestimmung helfen kann.

Ein Wegweiser zum inneren Schatz will das Buch sein und kommt beim Erkennen der persönlichen Lebensaufgabe ganz ohne spirituellen Bezüge aus, was mir persönlich fremd ist.

 

 

Thomas Müntzer

 

42602082z

Hans- Jürgen Goertz, Thomas Müntzer, C.H. Beck 2015, ISBN 978-3-406-68163-9

 

Im Jahr 2017 feiert insbesondere die Ev. Kirche in Deutschland die 500. Wiederkehr der Reformation, die maßgeblich durch Martin Luther beeinflusst wurde.

Dass es aber während der langen und turbulenten Geschichte der Reformation im 16. Jahrhundert auch andere reformatorischen Lesarten des Evangeliums gab, das haben die „Sieger“ bald vergessen und die Kirchen haben das lange totgeschwiegen.

Thomas Müntzer vor allem, von Ernst Bloch als „Theologe der Revolution“ verehrt und beschrieben und von Heinrich Heine der „heldenmütigste und unglücklichste Spohn des deutschen Vaterlandes“ genannt, wurde lange nur in einer Nische der Reformations- und Kirchengeschichte gewürdigt. Der Autor des vorliegenden Biographie, Hans-Jürgen Goertz gilt seit Jahrzehnten als einer der ausgewiesensten Kenner der Theologie Müntzers, auf dessen Texte ich als Theologiestudent schon in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts angewiesen war, wollte ich auch die andere Seite kennenlernen.

Thomas Müntzer wollte zeit seines Lebens die Grundeinsichten der Reformation, dass Gott gerecht und die Christen frei seien, auch politisch verwirklicht sehen, während Luther sich mit seiner Zwei-Reiche-Lehre aus der Affäre zog. Deshalb schloss sich Müntzer dem Aufstand den Bauern an, den Luther mit scharfen Worte denunzierte. Dafür wurde er später, nach der Niederlage der Bauern 1525, gefoltert und hingerichtet.

In dieser gut lesbaren Biographie erzählt Goertz vom Leben eines Revolutionärs, der sich auf die Naherwartung des NT bezog und das Reich Gottes quasi vor der Tür stehen sah.

Damit erinnert er, kurz vor dem groß angelegten Gedenken an die 500. Wiederkehr der Reformation an eine unterdrückte Bewegung dieser Reformation, die bis heute immer wieder aufbricht und immer noch aktuell ist.

Goertz erzählt das Leben und Wirken Müntzers immer eingebettet in die Geschichte der anderen Flügel der Reformation, widmet sich ausführlich der Rezeption Müntzers und den Verzerrungen seiner Theologie in der Neuzeit und legt mit seine letzten Kapitel mit dem Titel „Thomas Müntzer und die Theologie heute“ sieben bedenkenswerte Ansätze der Inklusion von Müntzers Anliegen in kontemporärer reformatorische Theologie.

Ob seine Stimme aber in dem Hype der nächsten beiden Jahre inklusive Papstbesuch gehört wird, wage ich zu bezweifeln.

 

 

 

Adolf H.

41862721z

 

 

Thomas Sandkühler, Adolf H. Lebensweg eines Diktators, Hanser 2015, ISBN 978-3-446-24635-5

 

Thomas Sandkühler ist Professor für Geschichtsdidaktik in Berlin und insofern mit der Problematik der Vermittlung geschichtlichen Wissens und Bewusstseins an junge Menschen vertraut. Nun 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erscheint von ihm eine Biographie Adolf Hitlers, die sich nicht nun in ihrer Zielgruppe von den anderen Biographien etwa von Joachim Fest oder in diesem Herbst von Peter Longerich unterscheiden.

Anspruchsvolle Lektüre ist es dennoch, aber Sandkühler traut seinen jugendlichen Lesern viel zu, auch wenn er das Buch wohl auch in der Absicht schrieb, Erwachsenen ohne besondere Geschichtskenntnisse eine Begegnung mit diesem Menschen zu ermöglichen, der ganz Europa in den Abgrund stürzte und dem ein ganzes Volks wie von Sinne zujubelte.

Er geht chronologisch vor von der problematischen Kindheit bis zum Selbstmord im Bunker in Berlin. Alles, was die Wissenschaft über Hitler in den letzten sieben Jahrzehnten herausgefunden hat, hat Sandkühler verarbeitet und beschreibt in einem abschließenden Kapitel nicht nur die Forschungsgeschichte, sondern widmet sich auch Hitler als einem medialen Phänomen.

Wie gesagt chronologisch vorgehend, wechselt Sandkühler andauernd die Perspektive zwischen der individuellen Lebensgeschichte Hitlers und dem historischen Kontext in dem sein Leben und Handeln stand. Seien ganz besondere Stärke hat das Buch darin, dass es ihm gelingt, nicht nur für Jugendliche verständlich aufzuzeigen, was diese heute kaum noch nachvollziehen können. Wie und in welcher Gesellschaft konnte sich ein solcher Versager zu einem „Führer“ wandeln.

Sehr verständlich erklärt er die Zustände in Europa vor und während des 1. Weltkriegs, den Aufstieg der NSDAP und die Rolle ihrer Handlanger in der Gesellschaft. Ein ganzes Volk wurde binnen kurzem zu mitwissenden und auch handelnden Verbrechern. Insofern geht es nicht nur um einen Einzelnen, betont Sandkühler. Für den Holocaust waren viele Menschen nötig, die sich daran beteiligten, teilnahmslos zuschauten oder wegsahen.

Das Buch pädagogisiert nicht und erreicht gerade deshalb das Bewusstsein seiner Leser, die wie von selbst sich fragen werden, wie in einem Land, das sie nur als ein demokratisches kennen gelernt haben, so etwas geschehen konnte. Sie werden sich genau fragen, ob dieses Land und seine Bevölkerung, das heißt auch sie selbst, aus dieser Geschichte etwas gelernt haben für den Umgang mit den gegenwärtigen Herausforderungen, etwa mit dem riesigen Flüchtlingsstrom nach Europa.

Ein anspruchsvolles Buch für Jugendliche, das man aber auch jedem Erwachsenen nur empfehlen kann.

 

Gehe hin, stelle einen Wächter

 

 

42607015z

 

Harper Lee, Gehe hin, stelle eine Wächter, DVA 2015, ISBN 978-3-421-04719-9

 

Über 40 Millionen Exemplare wurden von ihrem berühmt gewordenen Buch „Wer die Nachtigall stört“ weltweit verkauft. Das Buch von Harper Lee, 1960 in den USA erschienen und auf Deutsch 1962 veröffentlicht, hat unzählige Menschen bewegt und beeinflusst und tut es bis heute. Der Rowohlt Verlag hat gerade in einer Neuübersetzung eine Hardcoverausgabe neu publiziert.

„Wer die Nachtigall stört“ sollte das einzige Buch Harper Lees bleiben, die lange mit Truman Capote befreundet war und ihre ersten Schreibversuche mit ihm teilte. Dabei hatte sie in den fünfziger Jahren schon ein erstes Buch geschrieben, das unter den Titel „Gehe hin, stelle einen Wächter“ nun in mehreren Sprachen erscheint.

In diesem Buch, das sie in relativ kurzer Zeit fertigstellte und von dem ihre Agenten zunächst begeistert waren, erzählt sie, wie die mittlerweile erwachsene und in New York lebende Jean Louise Finch für zwei Wochen nach Hause nach Maycomb zurückkehrt, und dort für sie sehr schwierige Erfahrungen macht, die ihr ganzes Weltbild und vor allen Dingen ihre Sicht auf ihren Vater in Frage stellen. Denn kaum zu Hause angekommen, muss sie erleben, wie ihr Vater und auch ihr Freund Hank, den sie heiraten will, im Gericht in Maycomb einem Redner zuhören, der offen radikal rassistische Sprüche von sich gibt, von der „Wahrung der Lebensweise der Südstaaten“ spricht und die Schwarzen als „filzige Krausköpfe“ bezeichnet, die „noch niedriger als die Kakerlaken“ seien. Und er begründet es natürlich auch religiös: „Gott schuf die Rassen, niemand weiß warum, aber Er wollte, dass sie getrennt bleiben.“

Für Jean Louise bricht ihre ganze Welt zusammen. Ist das noch ihr Vater Atticus Finch, den sie in ihrer Kindheit als engagierten Verteidiger eines Schwarzen kennen gelernt hat, der fälschlicherweise der Vergewaltigung eines weißen Mädchens beschuldigt wurde und für den er einen Freispruch erreichte? Und was ist mit Calpurnia, die sie und ihren mittlerweile verstorbenen Bruder Jem damals als Haushälterin betreute und liebte wie eine Mutter?

In ausführlichen Rückblicken erinnert sie sich an ihre Kindheit und Jugend und in langen konfliktreichen Gesprächen mit ihrem Vater, ihrem Freund Hank und ihrem Onkel Dr. Finch sieht sie sich mit einer vollständig veränderten politischen Situation konfrontiert, mit der sie sich schlussendlich versöhnt.

Dennoch waren damals ihrer Lektorin diese direkten Bezüge zur beginnenden Bürgerrechtsbewegung und den innenpolitischen Konflikten in den USA zu aktuell und unausgegoren und sie überredete Harper Lee, ihr ganzes Manuskript zu überarbeiten, in die 30er Jahre zu verlegen und den Schwerpunkt auf die Ereignisse in der Kindheit von „Scout“ zu legen.

So entstand in zweijähriger harter Arbeit „To Kill A Mockingbird“. Die erste Fassung wurde vergessen und erst 2014 von einer Freundin Harper Lees entdeckt. Ob die 88-jährig in einem Heim in ihrer Heimatstadt Monroeville lebende Harper Lee wirklich mit dieser Veröffentlichung sich einverstanden erklärte (bzw. konnte) bleibt relativ unklar.

Tatsache ist jedoch, dass „Gehe hin, stelle eine Wächter“ ein Buch ist, dass in seiner politischen Thematik dem Klassiker in nichts nachsteht, auch wenn er nicht ganz die literarische Dichte und Qualität des Bestsellers erreicht. Es ist ein Buch, in dem wir allen bekannten Figuren aus dem Klassiker wieder begegnen, sie aber alle mit einer dramatischen gesellschaftspolitischen Veränderung konfrontiert sind, die sie in heftige Konflikte mit früheren liberalen Auffassungen bringt und sie gegenseitig entfremdet.

In einer Zeit, in der sich nicht nur im Süden der USA, dort aber besonders zeigt, dass der Rassismus keinen Deut überwunden ist, und das Land zu spalten droht, ist „Gehe hin, stelle eine Wächter“ von einer unter die Haut gehenden Aktualität.

Pakete an Frau Blech

 

41830629z

Rolf Bauerdick, Pakete an Frau Blech, DVA 2015, ISBN 978-3-421-04645-1

 

In einem so noch nie dagewesenen Trauerzug wird der Sarg des großen Zirkusdirektors Alberto Bellmonti durch Berlin getragen und auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin auf einem Friedhof für hochrangige DDR-Funktionäre bestattet. Auch der Protagonist des neuen Romans von Rolf Bauerdick, Maik Kleine, ist bei diesem Trauerzug für seinen väterlichen Freund dabei, genau wie alles, was in der glitzernden Zirkuswelt Rang und Namen hat.

Kaum ist Alberto unter der Erde, da tauchen Meldungen und Gerüchte auf, der Tote habe eine unrühmliche Stasivergangenheit. Maik will das nicht glauben und macht sich zusammen mit dem Kapellmeister Szymbo und der schwebenden Jungfrau Albina auf eine Spurensuche, die ihn schon bald nicht nur mit der deutschen Geschichte, sondern auch mit der seiner eigenen Familie konfrontiert. Er erfährt die erschütternde Wahrheit über jene Tragödie, die seinen beiden Brüdern das Leben kostete und seiner Mutter die Freiheit nahm.

„Nur wer eine Geschichte hat, kann seien Vergangenheit hinter sich lassen“. Das ist sozusagen das Motto und die Leitidee von Rolf Bauerdick, der mit großer Erzählkunst seine Leser vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Vergangenheit in sehr seltsame Welten entführt.

Das Buch besteht aus zwei Zeitebenen. Zum einem die Gegenwart, in der Maik und seine Freunde sich auf eine spannende Spurensuche begeben und zum anderen die Zeit, als Maik ein Jugendlicher war. Spannend konstruiert und in einer wunderbaren Sprache erzählt, öffnet Bauerdick dem Leser immer mehr Zusammenhänge. Und irgendwann wird auch klar, was die Pakete, die Maiks Tante, Frau Blech aus dem Westen schickte, mit den tragischen Ereignissen zu tun haben, die den Brüdern das Leben und der Mutter die Freiheit kostete.

Ein Buch geschrieben mit der Leidenschaft eines großen Erzählers.

 

 

 

Pass auf mich auf!

41882266z

Lorenz Pauli, Miriam Zedelius, Pass auf mich auf, Atlantis 2015, ISBN 978-3-7152-0693-6

 

Wer kennt sie nicht, die in immer größerer Zahl auftretenden Helikoptereltern, die aus lauter Angst um ihre Kinder diese permanent kontrollieren und ihnen so jede Freiheit und Souveränität über eine eigenständige Entwicklung nehmen.

Lorenz Pauli hat diese Entwicklung zum Thema seines neuen Bilderbuchs gemacht, das Miriam Zedelius sehr locker und unkonventionell illustriert hat.

Dabei lässt er den kleinen Juri, dessen Mutter offenbar auch von der Gefährlichkeit des Lebens überzeugt ist, einem Mann begegnen, mit dem Eltern ihre Kinder nicht gerne alleine sehen. Er ist nicht mehr jung, wahrscheinlich alleinstehend und sehr eigen. Der Mann, er heißt Herr Schnippel, liegt in einer Hängematte, als ihm der kleine Juri eine hintersinnige Frage stellt: „Denkst du, ich bin alt genug, um auf mich selbst aufzupassen?“ Die Antwort von Herrn Schnippel gefällt Juri offenbar, denn sonst würde er wohl sofort weggehen: „Ich weiß es nicht. Ich kenne Kinder nicht so genau.“

Und dann erleben sie einen ganzen Nachmittag miteinander sehr ungewöhnliche Dinge, die in dem Buch auch ungewöhnlich dargestellt sind und lernen sehr viel voneinander. Man muss das Buch an einer Stelle umdrehen, und es fängt am Ende wieder von vorne an.

Kinder können dieses wunderbar originelle Bilderbuch als eine eigene zauberhafte Welt erfahren, eine Welt, in der die größten Abenteuer ungefährlich sind und nicht unter dem Verdikt der Helikoptermutter stehen.