Das Mädchen mit dem Fingerhut

 

 

44123899z

 

Michael Köhlmeier,  Das Mädchen mit dem Fingerhut,  Der Hörverlag 2016, ISBN  978-3-8445-2107-8

Die Orte und Städte, in denen der neue schmale  Roman  von Michael  Köhlmeier  spielt, können in jedem Land Westeuropas liegen. Ein Europa, das in diesen Tagen zu zerbrechen droht an einer Herausforderung, die sich die meisten Regierungen weigern, gemeinsam zu meistern und zu lösen. Ob dies überhaupt möglich ist, ohne wesentliche Werte aufzugeben und für unantastbar gehaltene Rechte auszusetzen, das werden die nächsten Wochen und Monate zeigen.

Michael Köhlmeier Roman handelt von Kindern. Drei von Hunderttausenden,  die sich mit Eltern oder alleine auf den Weg in eine vermeintlich bessere  Zukunft gemacht  haben und versuchen, in einem fremden Land ohne  Sprachkenntnisse  zu überleben.

Das sechsjährige Mädchen,  dessen Geschichte  Michael Köhlmeier sensibel und mit einer schlichten, poetischen Sprache verfolgt,  ist mit einem „Onkel“, der nicht näher beschrieben wird,  ins Land  gekommen. Der setzt sie auf dem Marktplatz einer  größeren Stadt  vor dem Laden von Bogdan ab,  einem freundlichen Händler, der dem stummen Mädchen zu essen gibt. Sein Freund, der Fischhändler, unterstützt ihn dabei, rät jedoch, die Polizei zu rufen, um sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Als das Mädchen das Wort „Polizei“ hört , beginnt es zu schreien wie am Spieß.

Abends holt sie der Onkel an einer verabredeten Stelle wieder ab und setzt sie am nächsten Tag wieder bei Bogdan ab. Als nach einigen Tagen  der Onkel  nicht da ist, irrt das Mädchen durch die Stadt und wird irgendwann von einer freundlichen Polizeibeamtin in ein Heim gebracht. Dort trifft sie auf einen älteren Jungen namens Schamhan und den kleinen  Arian. Schamhan kennt sowohl die Sprache des Mädchens als auch die des kleinen Jungen.

Sie fliehen aus dem Heim und versuchen sich durchzuschlagen. Schamhan redet von einem Haus, das er finden will, wo sie über den Winter  bleiben können,  weil seine  Bewohner im Süden in der Sonne sind.

Niemand weiß,  wo die Kinder herkommen. Das Mädchen wird Yiza  genannt, weil es auf eine entsprechende nicht verstandene Frage dieses Wort gesagt hat.  Irgendwann ist auch der große
Junge  verschwunden, und auch Arian kommt nicht wieder, als eine alte Frau das Mädchen bei sich aufnimmt, offenbar ohne die Behörden zu informieren.  Doch Arian findet sie Monate später, schlägt die alte Frau brutal nieder, und sie fliehen erneut.
„Arian ist  der Kapitän.  Er geleitet  das Schiff zu den Freunden und in den Sommer. Die Freunde, das sind  eine Horde  von Zerlumpten, die bereits zu alt sind für Mitleid und Rührung. “

Mit diesen Worten lässt Michael Köhlmeier seinen nachdenklichen Roman enden. Einen Roman, der erzählt  von Menschen ohne Herkunft. Ein Roman, der sich Sentimentalitäten verweigert und dennoch mit kräftigen Worten und lebendigen Bildern erzählt  von der kindlichen Kraft  des Überlebens.

Ein Buch ohne gutes Ende, obwohl sich im seinem Verlauf an mehreren  Stellen ein solches anbot. Aber die Wirklichkeit  sieht oft anders aus. Dunkler,  trauriger, ohne wirkliche Hoffnung. Der Autor selbst hat dieses Hörbuch eingelesen und seine intensive Stimme verstärkt den dunklen, hoffnungslosen und dennoch empathischen Ton dieses Buches. Ein Buch über Kinder, von denen wir diese Tage hören, dass über 10 000 von ihnen mittlerweile verschwunden sind. Namenlos werden sie versuchen sich durchzuschlagen, potentielle Opfer für vielfache Ausbeutung.

Nur ein Tag

 

 

 

44115289z

 

Martin Baltscheit, Nur ein Tag, Dressler 2016, ISBN 978-3-7915-2702-4

Nachdem „Nur ein Tag“ mehrfach als Theaterstück aufgeführt wurde und auch als Hörbuch großen mit Preisen ausgezeichneten Erfolg hatte, erscheint es nun endlich mit wunderbaren Illustrationen von Wiebke Rauers bereichert im Dressler Verlag als Buch. Es ist ein Buch für Erwachsene und Kinder zugleich und es erzählt von Freundschaft, dem Reichtum und dem Glück des Lebens und seiner unbändigen Kraft.

Voller Poesie und mit unvergesslichen Formulierungen (Beispiel: „Der Stundenplan des Lebens füllt sich von selbst.“) erzählt der erfolgreiche Kinder- und Bilderbuchautor Martin Baltscheit die Geschichte von einem Fuchs und einem Wildschwein, die einer Eintagsfliege beim Schlüpfen zusehen. Sie ist von so großer Anmut und Schönheit, dass sich beide sofort in sie verlieben. Sie wissen, dass sie nur einen Tag zu leben hat, aber sie trauen sich nicht der Fliege das zu sagen. Stattdessen behauptet das Wildschein, es sei der Fuchs, der nur einen Tag zu leben hat.

Wie die Eintagsfliege dann mit all ihrer Kraft, Liebe und Phantasie versucht, den Tag für den Fuchs zu seinem allerschönsten Tag zu machen, ist berührend und treibt einem beim Lesen abwechselnd die Tränen in die Augen und ein Lächeln ins Gesicht. Sie gibt alles, denn „wer nur einen Tag, der braucht das ganze Glück in 24 Stunden.“

Ein wunderbares, absolut preisverdächtiges Buch, eine Ode an das Leben, an jedes Leben, und sei es auch noch so kurz. Beim Lesen sind mir Menschen präsent gewesen, die ich in der Vergangenheit oder ganz aktuell in ihrem Sterben begleite. Und es hat mir so viel Kraft gegeben.

 

 

Drüber & Drunter. In der Natur

 

 

44146545z

 

 

Anne-Sophie Baumann, Drüber Drunter. In der Natur, Gerstenberg 2016, ISBN 978-3-8369-5889-9

Was gibt es alle sin der Natur zu beobachten? Was lebt und wächst am Teich, am Meer, im Wald, in den Bergen und im eigenen Garten?  Welche Tiere leben dort oder finden ihren Unterschlupf, welche seltsamen Dinge sind zu sehen und zu entdecken und welche Bedeutung haben sie?

Mit einem Bilderbuch in ungewöhnlichem Format (32×15) laden Anne-Sophie Baumann und Clotilde Perrin kleine Kinder ab etwa 4 Jahren zu einer Entdeckungsreise in die reiche und vielfältige Welt unserer Natur ein. Erstaunlich, was sich unter Wiese am Rande der großen Berge alles verbirgt!

Viele große und kleine Klappen müssen geöffnet werden, damit die Geheimnisse und Überraschungen des Untergrunds gelüftet werden können. Das Buch bietet viele Informationen, spart aber auch nicht mit lustigen Einwürfen.

Sehr zu empfehlen.

Henriettes Heim für schüchterne udn ängstliche Katzen

 

 

44145950z

Alicia Potter, Brigitte Sif, Henriettes Heim für schüchterne und ängstliche Katzen, Gestenberg 2016, ISBN 978-3-8369-5888-2

 

Henriette ist eine gute Frau. Und sie liebt Katzen. Eines Tages hat sie eine Idee, und sie eröffnet ein Heim für schüchterne und ängstliche Katzen. Zunächst zweifelt sie stark daran, ob ihr Angebot überhaupt angenommen wird, doch schon bald bringen die Menschen ihre Tiere zu ihr. Katzen, die vor Mäusen wegrennen, Angst haben vor Vögeln, nicht springen oder schnurren können. Lauter nutzlose und hoffnungslose Fälle in den Augen ihrer Besitzer. Doch auch viele streunende Katzen finden den Weg in Henriettes Heim und zu guter Letzt auch Krümel, die allerängstlichste Katze von allen.

Henriette unterrichtet ihre Katzen und hat Verständnis für die, die erst einmal nur zuschauen wollen. Den kleinen Krümel schließt sie ganz besonders in ihr großes Herz. Sie gesteht ihm, dass auch sie Angst hat, besonders vor Pilzen und Eulen. Und Krümel saugt jedes ihrer Worte auf. „Eines Tages so hoffte er, würde er den Mut finden, ihr zu danken.“ Doch könnte er je mutig sein?

Schon bald ergibt sich die Gelegenheit dazu. Als im Haus die Milch ausgeht, muss Henriette noch am Abend das Haus verlassen, um neue Milch zu holen und sagt zu Krümel, sie sei gleich zurück. Doch unterwegs stürzt sie in einen Graben. Voller Angst sieht sie einen Haufen Pilze um sich herum und auf den Bäumen sitzen Eulen über ihr.

Die Katzen im Haus machen sich Gedanken. Doch sie wissen nicht, was man tut, wenn der Mensch, den man lieb hat, plötzlich verschwunden ist.

Da allein Krümel weiß, wo Henriette hingegangen ist, fasst er sich ein Herz, macht einen Buckel, krümmt den Schwanz, und dann führt er eine lange Reihe von Katzen durch den Wald. Und sie finden und retten Henriette in einer beispiellosen Aktion.

Und Krümel ist überglücklich…

Ein schönes Bilderbuch, das schüchternen und ängstlichen Kindern zeigen kann, dass in jedem genug Mut steckt für Ungewöhnliches.

Jessicas Box

 

 

 

40091105z

Peter Carnavas, Jessicas Box, Carl Auer 2014, ISBN 978-3-8497-0028-7

Die kleine Jessica soll in die Schule kommen. Mit großen Erwartungen blickt sie ihren ersten Schultag entgegen, hat aber auch Ängste und  Befürchtungen. Das, was fast allen Kindern (und Eltern!) vor dem ersten Schultag durch den Kopf geht, Fragen, ob man eine Freund finden wird, ob man von den anderen Kindern gemocht werden wird, so wie man eben ist, all das beschäftigt auch die kleine Jessica.

Um nichts dem Zufall zu überlassen, packt sie ihren Teddy in eine Box und zeigt ihn in der Schule den anderen Kindern. Die halten sich schon für groß und unterdrücken nur mühsam ein abschätziges Lachen.

Am nächsten Tag nimmt sie Doris mit, ihren Hund. Der findet natürlich sofort die Aufmerksamkeit aller Kinder und Jessica sonnt sich darin. Doch da der Hausmeister etwas gegen Tiere in der Schule hat, ist ihr für die Zukunft auch diese Möglichkeit versperrt.

Jessica ist traurig und verkriecht sich in ihre Kiste. Da findet sie ein  Junge, ruft: „Hab dich gefunden!“ und im Nu sind sie beide in einem schönes Versteckspiel engagiert. Und sie hat einen neuen Freund!
Als sie nach Hause kommt, sagt der Großvater: „Da musst du ja heute etwas ganz Besonderes in deiner Box gehabt haben.“ Und ob.

Mit einfühlsamen Texten und ansprechenden Illustrationen beschreibt Peter Carnavas, warum man nicht gemocht wird wegen der Dinge, die man besitzt, sondern um seiner selbst willen.

„Menschen denken in Geschichten. Das gilt für Erwachsene wie für Kinder. Geschichten ermöglichen, unterschiedliche Menschen und ihre Verhaltensweisen, die Beziehungen zwischen ihnen und deren Veränderung im Laufe der Zeit darzustellen und zu erfassen, erlebbar zu machen – Liebe und Streit, Glück und Unglück. Ein Mensch, der eine Geschichte hört oder liest, identifiziert sich – bewusst oder unbewusst – mit den Personen in dieser Geschichte. Die psychische Entwicklung des Einzelnen wird unter anderem davon bestimmt, in welchen Geschichten er sich selbst sieht oder erlebt. Wer sich als Akteur in einer Geschichte mit einem unglücklichen Ausgang sieht, wird anders handeln als derjenige, der sich in einer Geschichte mit einem glücklichen Ausgang sieht.“
Das ist das Credo der Reihe, in der auch das hier angezeigte Buch erschienen ist und die bisher ausnahmslos sehr wertvolle Bilderbücher aufgenommen hat.

Prinzessin Pauline zieht los

 

 

 

 

42777769z

Anke Gasch, Prinzessin Pauline zieht los, Annette Betz 2015, ISBN 978-3-219-11665-6

 

Bilderbücher und Kinderbücher für Mädchen mit dem Thema „Prinzessin“ stehen seit langem bei Müttern mit feministischem Hintergrund im Verdacht, ihre Töchter auf falsche Lebenspuren zu setzen. Das Träumen vom schönen und reichen Prinzen, der die Prinzessin in sein schönes Schloss führt, feiert aber in allen möglichen Formaten (z.B. „Der Bachelor“) seit langem für junge und erwachsene Frauen fröhliche Urständ.

Wie dem auch sei, die Hauptfigur in dem vorliegenden Bilderbuch von Anke Gasch, das Stefanie Jeschke eigenwillig illustriert hat, passt so gar nicht in dieses Schema. Denn Prinzessin Pauline-Josefine Langemiene dreht den Spieß um. Zwar hat sie einen Kleidertick, der ihren Eltern ganz schön auf die Nerven geht, der aber wohl bei weiblichen Menschenkindern in den Genen zu stecken scheint, doch sonst entspricht sie so gar nicht dem Bild einer kleinen „Tusse“.

Denn als ihr Prinz, den sie kurz davor getroffen und kennengelernt hat, von einem Drachen entführt wird, ist ihr Entschluss schnell gefasst. Mit vier(!) Koffern voller Kleider bricht sie auf, um ihren Prinzen zu retten. Und selbst für einen Kampf mit dem Drachen ist sie kleidertechnisch gut gerüstet….

Ein schönes Bilderbuch (nicht nur) für kleine Mädchen und Prinzessinnen.

 

Leitwölfe sein

 

 

44189140z

 

Jesper Juul, Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie, Beltz 2016, ISBN 978-3-407-86404-8

 

Wie eine Zusammenfassung seiner bisherigen Bücher mit der Zuspitzung auf eine klare und liebevolle Führungsrolle der Erwachsenen in der Familie liest sich Jesper Juuls neues Buch, das er nach über 40 Jahren intensiver Lehr- und Beratungspraxis hier vorlegt.

Wenn er über „liebevolle Führung in der Familie“ schreibt , hat er als Beispiel immer im Blick, wie eine Wolfsfamilie funktioniert und wie Wölfe ihre Jungen begleiten und fit machen für das Leben, das ihnen bevorsteht.

Er beschreibt die intelligente und soziale Führungsqualität des Wolfes, arbeitet heraus, wie der Leitwolf mit seiner Macht umgeht, wie er die Jungen lehrt, zu überleben und diese ihn akzeptieren und respektieren.

Juul blendet in diese Beschreibungen immer wieder Beispiele aus seiner langen beruflichen Tätigkeit ein, und macht sie für heute aktuell. Es geht immer darum, dass Eltern ihre Rolle wahrnehmen in der Familie. Dass sie liebevoll führen, dabei auch ruhig selbst einmal verletzlich sich zeigen dürfen.

Es geht darum, dass sie klare und Entscheidungen treffen und deren Einhaltung überprüfen, auch wenn es unpopulär scheinen mag, dass sie dabei sukzessive mit dem Älterwerden ihrer Kinder ein eigenes, aber zeitgemäßes Verständnis von Autorität entwickeln und dazu stehen.

Juul ermutigt Väter und Mütter (er hat ihnen und ihren Rollen jeweils eigene Kapitel gewidmet), dass sie sich trauen, einen Stil von Führung zu entwickeln, der sich am Leitwolf einer Wolfsfamilie ein Vorbild nimmt. Ein Stil, an dem über die Zeit alle wachsen und reifen werden. Das kleine Kind, der Jugendliche und nicht zuletzt die Eltern, Vater und Mutter selbst.

Eine wunderbare Zusammenfassung von Juuls Pädagogik der Familie, die genauso gut als Einführung für Eltern dienen kann, die noch nichts von Juul gehört oder gelesen haben.

Klare und liebevolle Führung schafft das Vertrauen, das alle brauchen, um gut in einer Familie leben und aufwachsen zu können.

 

 

 

Nasebohren ist schön

 

 

 

 

 

44091884z

 

Daniela Kulot, Nasebohren ist schön, Thienemann 2016, ISBN 978-3-522-45806-1

Schon 1996 ist dieses Bilderbuch von Daniela Kulot zum ersten Mal bei Thienemann erschienen. Zum 20. Geburtstag ihres Buches hat sie völlig neu illustriert. Schon in diesem frühen Buch hat sie mit ihrem fröhlichen und eigenwilligen Humor gezeigt, dass Bilderbücher auch etwas aufmüpfiges, Widerständiges und Erwachsenenkritisches haben können.
Denn „Nasebohren ist schön“ ist nur etwas für unerschrockene Eltern. Der Grund wird schon im Titel verraten. Immerhin bricht das Bilderbuch mit einem Tabu, mit dem auch unter Kindern immer gern gebrochen wird. Und es gibt durch eine überraschende Wende eben jenen Kindern die besten Argumente für den Tabubruch an die Hand.
Daniela Kulot macht das sehr hintersinnig. Denn sie hat sich einen überaus sympathischen Helden ausgesucht. So sieht man auf dem ersten Bild einen kleinen, fröhlichen Elefanten auf dem sonnendurchfluteten Teppich mit dem Finger genüsslich im Rüssel bohren. Dann folgt die Zeichnung einer glücklichen Maus aus der Nachbarschaft, die als Nasebohrerinstrument überaus erfinderisch ihren Schwanz benutzt. Anschließend sieht man einen geknickten kleinen Frosch, der liebend gerne in der Nase bohren würde. Aber dem Frosch hat es die Mama streng verboten.
Weil der Frosch aber nicht weiß, warum das Nasebohren verboten sein soll, macht er sich mit seinen beiden Freunden auf die Suche nach dem Grund. Wer den Finger in die Nase steckt, kriegt ihn „niiie wieder raus!“, erklärt Frau Frosch. Papa Maus droht mit einer schmerzhaften, gar „entsetzlichen Nasenspitzenwurzelentzündung“.  Und die Elefanteneltern kontern auf die bohrenden Fragen der Kleinen mit der Gefahr von akutem Rüsselbruch. Aber dann gehen die Kinder weiter zu ihren Großeltern. Und die bohren selber in der Nase. Und bei denen ist alles heil geblieben und sie erfreuen sich bester Gesundheit und Laune.

Eltern die dieses Buch zulassen und sich seiner pädagogischen Gefährlichkeit aussetzen, sollten damit rechnen, dass das Nasebohren und seine soziale Ächtung von ihren Kindern als Beispiel genommen werden wird für die Infragestellung weiterer bislang unhinterfragter  Regeln und Normen.

Viel Spaß beim Diskutieren!

Lehrer-Geheimnisse

 

 

 

42760974z

 

Heiko Haupt, Lehrergeheimnisse, Riva 2015, ISBN 978-3-86883-708-7

Insgesamt 40 Lehrerinnen und  Lehrer aus unterschiedlichen Schularten, unterschiedlichen Bundesländern, mit unterschiedlichen Fächerkombinationen und unterschiedlichen Alters hat Heiko Haupt für dieses Buch interviewt und ihre Geschichten zu verschiedenen Themen, die ihnen ein Anliegen waren, aufgeschrieben.

Herausgekommen ist ein Kaleidoskop bundesdeutschen Schul- und Lehreralltags, das offenbart, dass es hinter den Kulissen meist anders aussieht, als nach vorne von Schulleitungen und  Bildungspolitikern behauptet wird.

Was mir allerdings nicht gut gefallen hat, ist das Sensationsheischige, die Schlüssellochperspektive, in die der Leser mit hineingezogen wird. Es fehlen in einer langen Kette von anstößigen, unglaublichen und manches Mal auch lustigen Geschichten die, die es sicher auch in der Schule und unter Lehrern gibt und die ebenfalls gehütet werden wie Geheimnisse. Geschichten von guten Lehrern, von gelungenen Lernpartnerschaften und von Lehrern, von denen Erwachsene noch heute sagen, dass sie sie für ihr Leben geprägt haben.

In meiner 13 –jährigen Schulzeit gab es mindestens 5-8 davon. Sollte es das heute nicht mehr geben?

Kommst du spielen, Frida?

 

 

 

41726836z

 

Pija Lindenbaum, Kommst du spielen, Frida, Oetinger 2015, ISBN 978-3-7891-7939-6

In diesem Bilderbuch der mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten in Skandinavien sehr bekannten Kinderbuchkünstlerin Pija Lindenbaum geht es Kommunikation und Freundschaft zwischen Kindern und darum, dass sich Erwachsene besser nicht einmischen, wenn zwei Kinder ihre Distanz und Nähe ausprobieren und aushandeln.

Berit ist ein  Mädchen aus der Nachbarschaft, immer schmutzig im Gesicht und immer mit Matschhosen an den Beinen. Sie kommt ans Haus und will mit Frida spielen. Doch Frida ist genervt von Berit, hat keine Lust und schickt sie weg. Berit ist nämlich so eine, die am liebsten in Pfützen herumpuddelt. Frida dagegen schneidet lieber aus. Berit versucht es wieder und wieder, doch Frida lehnt immer alle Spielideen ab und schließlich sogar das Eis, das Berit ihr mitgebracht hat.
Am nächsten Tag langweilt Frida sich. Da kommt ihr der Gedanke, dass sie ja vielleicht mal ihre Matschhose anziehen und rausgehen könnte. Nach einiger Suche findet sie Berit – und die beiden spielen den ganzen Tag zusammen. Dabei kann sie nicht einmal strömender Regen aufhalten.
Die Geschichte ist sehr realistisch, denn Zwangsspielgemeinschaften, wie sie besorgte Eltern oft organisieren wollen, funktionieren meist eher schlecht. Diese Erfahrung dürften auch die meisten kleinen Zuhörer schon einmal gemacht haben. Frida braucht eben noch eine Weile, bis sie bereit ist, es mit Berit doch einmal zu versuchen und sich auf ihre Spiele einzulassen. Und dann kommt sie ganz von alleine zu der Erkenntnis, dass auch diese Art des Spielens Spaß machen kann.
Die Sätze sind kurz, die Sprache ist klar und gut verständlich. Die Bilder sind ebenfalls klar und übersichtlich. Die Gefühle der Mädchen sind gut zu erkennen, die Erwachsenen sind eher Randfiguren.

Ein schönes Bilderbuch.