Was sich bewährt hat

 

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Inge Friedl, Was sich bewährt hat. Begegnung mit alter Lebensweisheit, Styria 2015, ISBN 978-3-222-13522-4

 

Je komplexer, schneller und krank machender unsere Gesellschaft und unser ganzer Lebensstil werden, je mehr wachsen oft unklare und naive Sehnsüchte nach einem einfachen Leben, oder mindestens einem einfacheren als dem, unter die Menschen ächzen und stöhnen.

Die Österreicherin Inge Friedl hat es sich seit vielen Jahren zur Aufgabe gemacht, im Land herumzureisen und Menschen und Familien zu befragen nach ihrem Leben in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Für ganz unterschiedliche, ausnahmslos sehr interessante Buchprojekte hat sie diese Gespräche mit Menschen in ländlichen Gebieten geführt.

Wie sie selbst schreibt, ist in ihr im Laufe der Zeit eine tiefe Hochachtung gewachsen, für diese Menschen, ihre Kultur und ihre Lebensweise. In einer Zeit ohne Strom und fließendes Wasser, stammte fast jedes Kleidungsstück aus der eigenen Produktion. Die Menschen waren aufeinander angewiesen und verbrachten jede freie Zeit miteinander, weil es nichts anderes gab.

Bei aller Bewunderung für die Lebensweise ihrer vielen alten Gesprächspartner, stellt Inge Friedl fest, dass es die gute alte Zeit so nie gegeben hat und ihr ist die Zwiespältigkeit der Erinnerung daran auch durch ihre Bücher bewusst.

Aber sie geht davon aus, dass es vielleicht das eine oder andere gibt, was wir heute von den Alten lernen können, was sich lohnt wiederentdeckt zu werden und bewahrt.

Bewahren sollte man das, was sich bewährt hat. Dem geht Inge Friedl in ihrem neuen Buch nach. Da geht es um Gemeinschaft, die sich durch Reden konstituiert und erhält, um Zufriedenheit, die sich von Gelassenheit ernährt und um einen sorgfältigen Umgang mit der Zeit. Die Kraft der Sonntagsruhe wird beschrieben und die Fähigkeit, auch einmal auf etwas warten zu können.

Es geht um gesundes und bewusstes Essen jenseits zeitgenössischer Ernährungsideologien, um Bescheidenheit im Leben, um das Glück, das das gemeinsame Singen bereitet und um einen würdigen Umgang mit der Trauer und den Tod.

Ein empfehlenswertes und gar nicht reaktionär daherkommendes Buch über die Notwendigkeit und das Glück eines neuen Lebensstils, der sich nährt aus dem Erfahrungsschatz alten Wissens.

Schlaf der Vernunft

 

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Tanja Kinkel, Schlaf der Vernunft, Droemer 2015, ISBN 978-3-426-19967-1

Tanja Kinkel, geboren 1969, ist eine der erfolgreichsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen in unserem Land.  In über ein Dutzend Sprachen übersetzt, feiern ihre Romane auch im Ausland große Erfolge. Thematisch hat sie bisher eine  große Bandbreite bewältigt: von der Gründung Roms bis hin  zum Amerika des 21. Jahrhunderts reicht ihr literarisches Spektrum.

Nun hat sie sich in ihrem neuen Roman „Schlaf der Vernunft“, einer Thematik gewidmet,  die sie wahrscheinlich auch persönlich schon lange umtreibt. Die Geschichte der Rote Armee Fraktion und ihres Terrors in der alten Bundesrepublik und die Debatten um die Begnadigung verurteilter Terroristen, die Ende der neunziger Jahre die innenpolitische Debatte in der Republik für eine kurze Zeit bestimmte.

Sie hat dazu Figuren erfunden, wie es sie in der Realität durchaus gegeben haben könnte. Geschickt verwebt sie hervorragend recherchierte historische Fakten und Geschehnisse mit einer intensiven Beziehungsgeschichte zwischen einer Tochter und ihrer Mutter.

Die Tochter, Angelika Limacher, hat, nachdem ihre Mutter Martina Müller in den siebziger Jahren nach dem Tod von Holger Meins in den Untergrund ging, jeglichen Kontakt mit ihr abgebrochen. Als Martina Müller nun im Jahr 1998, der Gegenwartsebene des Romans, im Rahmen einer innenpolitisch motivierten Initiative der Regierung begnadigt wird, hat das Folgen nicht nur für ihre Tochter, sondern auch für die ehemalige Sympathisantin und jetzige Bundestagsabgeordnete Renate, die bei den Grünen aufgestiegen ist und sich in der möglichen neuen rot-grünen Regierung ein Regierungsamt erhofft.

Folgen hat die Freilassung von Martina Müller aber auch für die Verwandten der Opfer jenes Anschlages auf den Staatssekretär Werder, für den Martina Müller verurteilt wurde und für den einzigen Überlebenden, den Personenschützer Steffen.

Tanja Kinkel hat ihren Roman so aufgebaut, dass die Frage, wie sich all diese Personen ihrer Vergangenheit stellen, wie so etwas wie Verarbeitung des damaligen und aktuellen Geschehens möglich ist, verknüpft wird mit der Rekonstruktion dessen, was damals geschehen ist. In zahlreichen Rückblicken erzählt sie Martinas und auch Renates Geschichte einer politischen Radikalisierung, die für die eine im bewaffneten Kampf und für die andere im Marsch durch die Institutionen endete.

Deutlich wird vor allem dem Leser, der diese bleierne Zeit nicht miterlebt hat, wie sich der RAF-Terror entwickelte und wie er lange, unverarbeitet, wie ein Schatten über dem ganzen Land lag. Vom Kaufhausbrand in Frankfurt, über die Befreiung Baaders u.a. bis hin zum Göttinger Mescaleroartikel im Jahr 1977 wird die Geschichte literarisch sehr gut aufbereitet und in eine dichte Rahmenhandlung eingewoben, in der das Verhältnis zwischen Angelika und ihrer Mutter im Mittelpunkt steht. Die vielen Gespräche, die sie nach ihrer Freilassung auf Sylt führen, wohin die beiden zunächst einmal auch gegen den Willen von Angelikas Mann Justus  gefahren sind, waren für mich der inhaltliche Schwerpunkt eines Buches, das versucht zu verstehen, wie aus einer normalen Frau eine Mörderin werden konnte, und wie alle Beteiligten nach 20 Jahren zum Teil verzweifelt versuchen, mit den Folgen dieser Tat in ihrem Leben fertig zu werden.

Gibt es so etwas wie Reue und Einsicht auf der einen Seite? Und gibt es  einen denkbaren Ansatz von Versöhnung und Neuanfang auf der anderen?  Das Buch gibt keine eindeutige Antwort, aber es stellt die richtigen Fragen.

Wer sich mit der Geschichte der RAF befassen will im Kleid eines spannenden und bewegenden Romans, dem sei dieses Buch sehr empfohlen.

Der Hund, den Nino nicht hatte

 

 

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Edward van den Vendel, Anton van Hertbruggen, Der Hund, den Nino nicht hatte, Bohem 2015, ISBN 978-3-85581-552-4

 

Mit kräftigen und tiefen Bildern, die der Phantasie ihrer kleinen Betrachter freien Raum lassen und sparsamen Worten erzählen die beiden Autoren dieses aus der normalen Reihe der Bilderbücher herausragenden Buches die Geschichte eines Jungen namens Nino.

Nino ist viel allein, sein Vater ist oft weit weg und er spricht mit ihm am Telefon. Doch in seiner Phantasie hat Nino einen treuen Kameraden, „den Hund, den Nino nicht hatte“. Dieser Hund begleitet ihn überall hin, er ist mutig und springt sogar der Uroma, vor der sich Nino etwas fürchtet auf den Schoß.

Nach einem Campingurlaub mit seiner Mutter geschieht etwas, was Nino nicht für möglich gehalten hätte: „Nino hatte den Hund, den er nicht hatte, plötzlich nicht mehr.“ Er bekommt einen echten Hund geschenkt. Weich ist der und lieb. Gehorsam, frech und klein. Und, was neu ist für Nino: alle können seinen neuen Hund sehen.

Der kann zwar all das nicht, was der Hund, den Nino nicht hatte, konnte, hat auch vor der Uroma Angst und weiß vor allen Dingen nicht, wie es mit dem Papa ist, der nur am Telefon weit weg ist, doch das ist alle nicht schlimm.

Denn in seiner Phantasie denkt Nino an viele Tiere, die er nicht hat, den Hirsch, das Zebra, das Nicht-Nilpferd und das Nicht-Nashorn. Und an andere Hunde, die er nicht hat.

Ein beeindruckendes Bilderbuch über einen einsamen Jungen, der seinen Vater vermisst und dessen Phantasie kräftige, teilweise doch sehr dunkel Bilder malt. Es hat mich etwas traurig zurückgelassen.

 

 

 

 

ABC der Tiere

 

 

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Celestino Piatti, ABC der Tiere, Nord Süd 2015, ISBN 978-3-314-10267-7

 

Sein letztes bei Nord Süd veröffentlichtes Bilderbuch „Eulenglück“ war eine wunderbare Parabel über Zufriedenheit und Glück im Leben, das auch Erwachsenen beim Vorlesen eine Menge zu sagen hatte.

Nun setzt der Nord Süd Verlag die Wiederauflage von Büchern des 2007 verstorbenen Celestino Piatti fort mit dem „ABC der Tiere“. Auch hier taucht selbstverständlich wieder eine Eule auf, denn, wie er einmal sagte: „Man kann eine Eule tausendmal zeichnen, an ihr Geheimnis kommt man nicht heran.“

Neben den beeindruckenden Aquarellzeichnungen der vorgestellten Tiere, die das jeweils Besondere an diesem Lebewesen einzufangen versuchen, sind die daneben abgedruckten Reime von Hans Schuhmacher gerade zum Vorlesen ein Leckerbissen für Vorleser und die kleinen Hörer.

Vom Alligator bis zum Zebra währt ein unterhaltsamer und lehrreicher Spaziergang durch die Welt der Tiere für alle kleinen Menschenkinder, die mit Eifer sich für die Schule vorbereiten und schon das ABC lernen wollen.

Ich kann auch die anderen Bilderbuchklassiker von Celestino Piatti im Nord Süd Verlag nur empfehlen. Ein Künstler, von dem, ein Kritiker einmal gesagt hat: „Gefühl, Handwerk und Phantasie waren in hoher Konzentration die Ingredienzien seiner Lebensarbeit.“

 

Wann ist endlich Weihnnachten?

 

 

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Mark Sperring, Wann ist endlich Weihnachten, Orell Füssli 2015, ISBN 978-3-280-03510-8

 

Papa Brumm und sein kleiner Sohn Klein-Pip sind ein wunderbares Team. Schon in dem Bilderbuch „Wann habe ich endlich Geburtstag?“, das im Frühjahr 2015 erschien, hatte der englische Bilderbuchautor Mark Sperring die beiden vorgestellt und die unendliche Geduld eines liebevollen Vaters mit seinem kleinen Sohn beschrieben.

Was nun noch viel schwieriger zu erwarten ist als der eigene Geburtstag ist das Weihnachtsfest. Zwar gibt es an beiden Tagen Geschenke, doch an Weihnachten gibt es einen Baum, den man schmücken kann, die Wohnung verändert sich durch entsprechende Dekorationen und Lichter und auch eine Menge Weihnachtskarten müssen geschrieben werden an Freunde und Familienmitglieder. Geschenke werden besorgt und verpackt, und wenn dann am Tag vor Heilig Abend auch noch Schnee fällt, dann ist die Welt des kleinen Bärs in Ordnung.

Als die beiden zum letzten Mal sich schlafen legen vor dem großen Tag, da ist sogar der Papa Brumm ein wenig aufgeregt. Und dann ist es endlich soweit. Papa Brumm und sein kleiner Sohn begrüßen den Tag, auf den sie so lange gewartet und auf den sie sich sorgsam vorbereitet haben.

Beim Vorlesen wäre jetzt die Gelegenheit, den Kindern auch zu erzählen, was Weihnachten bedeutet und was wir da eigentlich feiern.

Ein schönes Bilderbuch, von Sebastien Braun wunderbar illustriert.

Gustav ganz groß

 

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Hans de Beer, Gustav ganz gross, Nord Süd 2015, ISBN 978-3-314-10310-0

 

Hans de Beer ist vielen Generationen von kleinen Kindern bekannt durch seine wunderbaren Bilderbücher über Lars, den kleinen Eisbär. Der macht sich meist unfreiwillig in jedem neuen Band auf eine große Reise und kehrt dann nach vielen Abenteuer glücklich nach Hause in die Arme seiner Eltern am Nordpol zurück.

Hans de Beer scheint dieses Kindheitsthema des Aufbruchs in neue Welten, des Sammelns neuer Erfahrungen und der immer wieder glücklichen Rückkehr nach Hause zu lieben. Denn auch in seinem neuen, hier vorliegenden Bilderbuch erzählt er davon.

Sein Held dieses Mal ist der kleine Dackel Gustav. Eigentlich müsste der mit seinem Leben sehr zufrieden sein, denn er hat ein liebes Frauchen und Herrchen, die es ihm an nichts fehlen lassen.

Doch er findet sich zu klein. Immer sieht er die Welt von unten, nirgends kommt er mit seinen kurzen Beinen hinauf, um auch mal eine andere Aussicht zu genießen. Auch die rührende Unterstützung seiner größeren Hundefreunde im Park bringt ihn nicht weiter und so streunt er durch die Stadt, durchaus mit vielen schönen Erlebnissen und Erfahrungen, doch so richtig gut geht es ihm erst, als er über eine große Treppe, die er entdeckt hat, plötzlich auf einer riesigen Brücke steht und die großartige Aussicht genießt.

Doch da wird es schon dunkel, er verlässt die Brücken über die Treppe und steht dann im wahrsten Sinne des Wortes im Regen. Ein Kater hilft ihm bei Nachhauseweg.

Glücklich dort angekommen, scheint ihm sein Kleinsein nicht mehr ein so ganz großes Problem. Er beschließt abzuwarten und zu wachsen. Aber eines muss er morgen unbedingt tun: seiner Freundin Emma von dieser sagenhaften Brücke zu erzählen….

Eine schöne Geschichte über einen sympathischen Dackel, von dem man gerne bald noch mehr erfahren würde in einem neuen Bilderbuch.

 

 

 

 

 

Der blaue Tiger

 

 

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Nicolas Barreau, Der blaue Tiger, Thiele Verlag 2015, ISBN 978-3-85179-329-1

 

Viele Freude von Nicolas Barreau (mir ist es gleich, ob es ihn wirklich gibt oder ob das an Pseudonym von jemand anders ist – er oder sie schreibt wunderbare Bücher) werden sich bei dem Titel „Der blaue Tiger“ an seinen Roman „Paris ist immer ein gute Idee“ erinnern. Dort wurde die Geschichte einer zunächst aussichtslosen Liebe erzählt, wurden viele verschiedene Fäden ausgerollt und dann gegen Ende in einem lebendigen Finale wieder zusammengeführt. Kurz zur Erinnerung an den Inhalt:

Da ist zunächst die junge und hübsche Rosalie Laurent. Sie betreibt einen kleinen Postkartenladen „Luna luna“ in Paris, und ihre Spezialität ist es, auf den speziellen Wunsch ihrer Kunden Einzelkarten zu bestimmten Anlässen oder für bestimmte Menschen zu malen. Als eines Tages ein alter Mann in ihren Laden kommt und sofort einen Postkartenständer umwirft, stellt er sich als der berühmte Kinderbuchautor Max Marchais heraus, dessen Bücher Rosalie als Kind geliebt hat. Dieser Max Marchais ist von seinem Verleger zu seinem 70. Geburtstag genötigt worden, noch einmal ein Kinderbuch zu schreiben, und er hat Max eben jene Rosalie als Illustratorin seines Buches empfohlen.

Rosalie fühlt sich geehrt, sagt den Auftrag zu und die beiden sind sich gleich sympathisch. Das kann man von dem jungen Amerikaner Robert Sherman und Rosalie nicht sagen. Denn als der einige Zeit später in ihren Laden kommt, stolpert er zwar auch über den Ständer, doch er sieht das Manuskript von Marchais` Erzählung, die Rosalie mittlerweile illustriert hat, auf einem Tisch liegen. Der Titel „Der blaue Tiger“ kommt ihm bekannt vor, denn seine verstorbene Mutter hatte ihm diese Geschichte nicht nur als Kind immer vorgelesen, sondern kurz vor ihrem Tod auch geschenkt. Robert, der als gelernter Jurist eigentlich die Kanzlei seines ebenfalls verstorbenen Vaters übernehmen soll, aber sich lieber der Poesie Shakespeares widmet, ist außer sich vor Wut. Er wittert ein Plagiat.

Das nun bringt Rosalie auf die Palme, obwohl sie vom ersten Augenblick, als Robert ihren Laden betritt, von seinen Augen fasziniert ist. Sie erinnern sie an jemand, aber wen?

Viele Missverständnisse mussten damals in diesem schönen Liebesroman geklärt und etliche Geheimnisse gelüftet werden, bis die Liebe siegen konnte. Aber was sich hinter dem Titel jenes Buches verbarg, das die beiden zusammenführte, blieb im Dunkeln.

Dieses Dunkel lüftet Barreau nun mit einem von Simona Mulazzani wunderbar illustrierten Bilderbuch und einer traumhaft schönen Geschichte über Freundschaft und die große Macht der Phantasie.

Für Erwachsene und Kinder gleichermaßen zu empfehlen. Wer Barreau mit diesem Buch zum ersten Mal begegnet, dem seien auch seine Romane ans Herz gelegt. Sie werden es erwärmen. Da bin ich sicher.

Marias Testament

 

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Colm Toibin, Marias Testament, DTV 2015, ISBN 978-.3-423-14460-5

Dieser wunderbare und beeindruckende kurze Roman des irischen Schriftstellers Colm Toibin erzählt die Geschichte Jesu auf eine ganz andere Art, wie wir sie aus den Evangelien kennen, ohne deren Überlieferung zu verfälschen oder die dort berichteten Ereignisse auch nur einen Moment lang anzuzweifeln.

Erzählerin ist die Mutter Jesu, Maria, die viele Jahre nach dem Kreuzestod ihres Sohnes Jesus in Ephesus wohnt, wohin sie nach der Kreuzigung mit Hilfe einiger Jünger geflohen ist.

Seit einiger Zeit bekommt sie regelmäßig Besuch von zwei Männern, deren Auftreten und Verhalten sie als unverschämt empfindet. Sie wollen, indem sie Marias Erinnerung manipulieren, sie in die frühchristliche Legendenbildung um sein Leben und seinen Tod einbinden. Doch sie weigert sich, sich an Ereignisse und Fakten zu erinnern oder sie zu bestätigen, die es gar nicht gegeben hat. Stattdessen erinnert sie sich für sich selbst (und den von dieser Prosa ebenso begeisterten wie erschütterten Leser), wie sie das damalige Geschehen um ihren Sohn erlebt hat.

Als sie einen Hinweis erhält, die Verhaftung ihres Sohnes stehe kurz bevor, reist sie nach Kana, wo sie Jesus bei einer Hochzeit weiß, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen, nach Jerusalem zu gehen, in seinen sicheren Tod. Sie liebt ihren Sohn, hält wohl auch seine Wundertaten für real – sogar die Auferweckung des Lazarus wird ohne kritischen Unterton berichtet – doch das Gerede, er sei der Messias, nimmt sie nicht ernst. Im Gegenteil, je mehr Jesus in seiner Rolle als Prophet und Wundertäter aufgeht, desto fremder wird er ihr. Von der wachsenden Gruppe seiner Anhänger ganz zu schweigen. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie diese in ihrer großen Mehrheit für Spinner und Sektierer hält.

Es geht Toibin die ganze Zeit über darum, wie den biblischen Texten übrigens auch, denen er ganz nahe bleibt, ganz tief zu verstehen, was der Mensch ist und was er sein könnte. Dieses Nachdenken hat das Leben Jesu angestoßen, er hat Generationen von Menschen beeinflusst bis heute. Doch in der Schilderung von Coibins Maria, in ihrem Testament, ist das damalige Geschehen von aller theologischen Reflexion befreit. So wie er sie das Geschehen am Kreuz erleben und schildern lässt, wie er sie dieses sie bis an ihr Ende verfolgendes Trauma in Worte fasst, ist erschütternd. Eben weil es keine religiöse Erhöhung des Geschehens gibt, ist es so dramatisch.

Und als die beiden Besucher gegen Ende des Buches noch einmal kommen, um sie mit ihrem Geschwätz zu quälen, da sagt sie etwas, was gläubige Christen als Häresie empfinden werden:
„Ich war dort. Ich floh, bevor es vorbei war, aber wenn ihr eine Zeugin braucht, dann bin ich eine Zeugin, und wenn ihr sagt, dass er die Welt erlöst hat, dann sage ich, dass es das nicht wert war. Das war es nicht wert.“

Ein beeindruckendes und nicht nur für Christen zutiefst verstörendes Buch.

In einer anderen Haut

 

 

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Alix Ohlin, In einer anderen Haut, DTV 2015, ISBN 978-3-423-14459-9

 

 

Warum eigentlich helfen sich Menschen gegenseitig? Was treibt Menschen dazu, sich für andere regelrecht aufzuopfern? Tun sie es, weil sie sich lieben? Weil sie sich danach besser fühlen? Oder etwa auch, weil sie das Gefühl der Macht, das das Helfen ihnen vermittelt, genießen, auch wenn sie es sich selbst niemals eingestehen würden?

Die Protagonisten in dem hier vorliegenden in vielen Sprachen übersetzten Roman der Kanadierin Alix Ohlin haben alle miteinander in irgendeiner Weise von diesem „Helfergen“ etwas abbekommen und es bringt sie in unterschiedliche, manchmal auch unmögliche Situationen.

Da ist zunächst die Psychotherapeutin Grace, die eines Tages während eines Langlaufs einen leblosen Mann im Schnee findet mit einem Strick um den Hals. Sie lockert die Schlinge, ruft den Notarzt und begleitet den lebensmüden, bewusstlosen Mann in die Klinik. Vielleicht schon ein Schritt zuviel. Doch es kommt noch härter: als der Mann, bald erwacht, dem behandelnden Arzt erzählt, er und Grace seien ein Ehepaar, das sich gestritten habe und er habe lediglich die Hilfsbereitschaft seiner Frau testen wollen, wird sie, indem sie nicht widerspricht, Teil einer großen Lügengeschichte. Sie hat, von ihrem Mann Mitch geschieden, der Anziehungskraft, die dieser Mann im Schnee in offensichtlicher Not auf sie ausübte, nicht professionell widerstanden. Sich selbst redet sie ein, in den Augen des Mannes einen „Lebensfunken“ entdeckt zu haben bei der Lüge, den sie „unbedingt bewahren, vom leisen Flackern zu einer richtigen Flamme fächeln“ will.

Grace fährt Tugwell, so heißt der Mann, nach Hause und bleibt über Nacht bei ihm – die nächste Grenzüberschreitung. Tugwell wird sich bedeckt halten, kaum mit Grace sprechen in der nächsten Zeit, und doch trifft sie sich immer wieder mit ihm und beginnt sogar eine Beziehung. Warum Tugwell sich umbringen wollte, bleibt lange im Dunkeln, die Beziehung zwischen Helfer und Opfer, wie immer beim Helfersyndrom, von Angst und Unfreiheit geprägt.

Es gibt aber noch zwei andere Hauptfiguren, deren Lebenswege Alix Ohlin verfolgt und die beide mit dem Leben von Grace verwoben sind. Das ist zum einen Annie, ein junges Mädchen, die an ihren Eltern leidet. Ohne Gefühle wird sie von ihnen bevormundet und klein gehalten. Annie schnippelt immer wieder an sich herum und hat eine Technik entwickelt, mit der es ihr gelingt, Menschen dazu zu bringen ihr weh zu tun. Sozusagen das Spiegelbild des Helfersyndroms. Grace kann ihr kaum helfen. Erst als Annie viel später nach New York gezogen und fluchtartig alles hinter sich gelassen hat, um dort Schauspielerin zu werden, erlebt sie zum ersten Mal so etwas wie Familie, als sie, in einem ihr unbegreiflichen Helferimpuls eine junge Frau und einen jungen Mann bei sich wohnen lässt und beide vor der Obdachlosigkeit bewahrt.

Und da ist Graces ehemaliger Mann Mitch, der ebenfalls als Therapeut arbeitet und seine zweite Frau zurücklässt, um in die Arktis zu gehen. Dort will er in einer befristeten Tätigkeit einer Inuit – Gemeinde helfen, mit ihren Alkoholproblemen zurecht zu kommen- ein hoffnungsloses Unterfangen eines „hilflosen Helfers“ (Wolfgang Schmidbauer). Als sich einer seiner Patienten dort umbringt, kehrt er nach Kanada zurück, als gebrochener Mann.

In wechselnden Zeitzonen („Montreal 1996 – New York 2002- Igaliut 2006“) verfolgt Alix Ohlin den Lebensweg und das Lebensschicksal ihrer Personen, die durch eine mächtige Kraft miteinander verbunden sind. Sie sind alle in der Tiefe ihrer Existenz einsam und suchen die Nähe zu anderen Menschen, indem sie, ihnen helfen wollend, sie von sich abhängig machen.

Alix Ohlin gelingt es hervorragend, diese Geschichten miteinander zu verbinden, und bei aller scharf herausgearbeiteten Beschreibung der negativen Folgen nicht reflektierten Helfens, hält sie für ihre Protagonisten auch immer etwas bereit wie sinnvolles, an sein Ziel gekommenes Leben.

Ein beeindruckender Roman mit tragischen und dennoch irgendwie schönen Lebensgeschichten.

 

Heute bin ich Meerjungfrau

 

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Sanne te Loo, Heute bin ich Meerjungfrau, Annette Betz Verlag 2015, ISBN 978-3-219-11664-9

 

Die kleine Ida hat, sicher zusammen mit ihren Eltern,  die allerdings an keiner Stelle des hier anzuzeigenden Bilderbuches erwähnt werden oder auftauchen,  einen wunderschönen Urlaub am Meer verbracht.

Als sie kurz vor der Heimreise noch einige Muscheln sammeln will, findet sie ein Paar herrenlose Schwimmflossen. Für die fantasievolle Ida ist sofort klar: „Das sind ja die Schuhe einer Meerjungfrau! “

Sie passen ihr wie angegossen und in der ersten  Nacht zu Hause trägt sie sie in ihrem Bett und wird im Traum von einer bunten Gesellschaft von Fischen besucht.

Auch am nächsten Tag auf dem Spielplatz trägt sie stolz die Flossen als Meerjungfrau. Nachdem die anderen Kinder sie auf den fehlenden Schwanz hingewiesen haben,  macht sie sich zu Hause aus einem alten Rock der Mutter ein passendes Stück.

Doch das Meer fehlt. Mit dem Fahrrad fährt sie dann nacheinander zum Zoo,  zum Fluss und ins Museum.  Doch nirgends kann sie ein Stück Meer finden, als sie auf dem Heimweg unverhofft an einem Brunnen vorbeikommt und eine geniale Idee hat ……

Und damit, so Sanne te Loo, fing alles an. Nachzulesen und nachzuahmen auf der Seite „heutebinichmeerjungfrau.de“  für alle fantasievollen Kinder, die nicht nur alleine mit dem Fahrrad durch die Gegend fahren, sondern auch mit dem Internet umzugehen wissen.

Ein mit wunderschönen Bildern illustriertes Buch für alle Meerjungfrauen und die es werden wollen.