Wer war`s wo?

 

 

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Olivier Tallec, Wer wars wo, Gerstenberg 2016, ISBN 978-3-8369-5887-5

 

Auf insgesamt zwölf im ungewohnten Querformat anzuschauenden Seiten hat der französische Kinderbuchautor Olivier Tallec jeweils fünf Figuren abgebildet. Mit viel Fantasie gezeichnet und witzig und originell verkleidet, tun Tiere und Kinder so, als wären sie es nicht gewesen.

Doch zu jeder der zwölf Fragen gibt es eine Lösung. Eine von ihnen war es gewesen.

• Wer hat seien Jacke an der Garderobe vergessen?
• Wer schaut sich im Spiegel an?
• Wer ist in den Farbeimer getreten?
• Wer spukt als Gespenst herum?

Das sind nur ein Drittel der Suchfragen, mit denen Olivier Tallec seine kleinen Leser auf die Spur setzt. Die Lösung jeweils herauszubekommen ist auf den ersten Blick gar nicht so einfach. Es erfordert genaues Hinschauen und Spürsinn.

Auf der letzten Seite eines ungewöhnlich originellen Bilderbuchs sind die jeweiligen Lösungen abgebildet, sodass beim nächsten Versuch die Identifikation des „Täters“ besser gelingt.

Eine schöne Idee.

Der Jargon der Betroffenheit

 

 

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Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt, Kösel 2016, ISBN 978-3-466-37155-6

 

Ein dreißigjähriger Berater für Kommunikations-und Beteiligungsprozesse setzt sich hin und schreibt eine Streitschrift über die Sprache, die er in der Kirche vorherrschen sieht. Solch eine Mühe macht sich entweder einer, der mit dem Objekt seines Themas vollständig abgeschlossen hat, oder einer, der sich ihm derart verbunden fühlt, dass er leidenschaftlich auf Veränderung drängt.

Erik Flügge gehört zu denen, denen die Kirche und ihre Botschaft derart wichtig sind (er beschreibt am Ende des Buches, wie sie ihm durch das Schreiben wieder sehr nahe gekommen ist). Deshalb ärgert ihn die Sprache, die ihm in den allermeisten Predigten und Verlautbarungen der Kirche und ihrer Prediger entgegenkommt so. Er hält die Kirche sprachlich in den Achtzigern hängengeblieben. Wobei unklar bleibt, warum vor 30 Jahren die verschrobenen und gefühlsduselnden Wortbilder, für die er unzählige Beispiele aufführt, noch akzeptierbar gewesen sind, und heute nicht.

Den Predigern rät er: „Ein neuer Auftritt von Kirche muss sich auch im Sprechen ausdrücken, Lassen Sie das nächste Mal einfach die belanglose Geschichte weg, wenn Sie predigen. Sagen Sie einfach, was Sie sagen wollen, so wie Sie es einem Freund sagen würden. Sie wären überrascht, was sich plötzlich verändern kann.“

Ich möchte als Pfarrer im Ruhestand, der mehrmals im Jahr noch gerne vertretungsweise in der örtlichen Kirche predigt, hinweisen auf meinen schon lange verstorbenen geschätzten homiletischen Lehrer Gert Otto aus Mainz, von dem ich in den Siebzigern gelernt habe, Predigt als Rede zu verstehen, bei deren Verfassen die Lehren der Rhetorik beachtet werden sollten.

Dabei war und ist die Poesie und zeitgenössische Literatur eine wichtige Hilfe. Sie erschließt die Wirklichkeit neu bzw. erschließt neue Wirklichkeit und hilft Erfahrungen und Hoffnungen zu artikulieren.

Dass auch die Liturgie des Gottesdienstes sich einer poetischen Sprache bedienen sollte ist ebenso wichtig. Liturgie sozusagen als dramatisierte Poesie.

Ich jedenfalls habe in den vergangenen dreißig Jahren sehr gute Erfahrungen damit gemacht und bekomme immer wieder von kirchennahen und von kirchenfremden Gottesdienstbesuchern gleichermaßen entsprechende Rückmeldungen.

 

 

Kicken, Kopfstehen, Klettern. Das große Sportwimmelbuch

 

 

 

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Marc Locatelli, Kicken, Kopfstehen, Klettern. Das große Sportwimmelbuch, Orell Füssli 2016, ISBN 978-3-280-03492-7

Das ist wirklich ein Wimmelbuch für die ganze Familie. Und ein richtig gutes zudem. Im Park, Im Stadion, in der Sporthalle, im Schwimmbad, im Wald, auf der Eisbahn und in den schneebedeckten Bergen -überall gehen hauptsächlich Kinder den unterschiedlichsten körperlichen und sportlichen Aktivitäten nach.

Man mag nicht aufhören, zusammen mit seinen Kindern immer etwas Neues zu entdecken und zu benennen und vor allen Dingen einzelnen Personen über die verschiedenen Seiten und Orten zu folgen und ihre Geschichte zu erfinden.

Rotraut Susanne Berner hat das in ihren berühmten Wimmelbüchern vorgemacht. Marc Locatelli steht ihr in nichts nach.

Ein wunderbares Buch. Eine Schatzkiste der Entdeckungen.

Alle einsteigen! Bauer Max hat Geburtstag

 

 

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Susanne Weber, Alle einsteigen. Bauer Max hat Geburtstag, Orell Füssli 2015, ISBN 978-3-280-03505-4

 

In einem schönen in Reimen gefassten Bilderbuch, das Catharina Westphal lustig illustriert hat, erzählt Susanne Weber, wie der Bauer Max, nachdem er alle Tiere zu seiner großen Geburtstagsparty im Festzelt eingeladen hat, diese nacheinander mit seinem Trecker und seinem Hänger abholt. Erst kommt eins, dann stiegen zwei zu, dann drei – langsam, während die kleinen Kinder mitzählen können, wird der Platz knapp auf dem Hänger.

Doch das tut der anschließenden Feier im Zelt keinen Abbruch. Eine lustige Geschichte in schönen Reimen mit vielen Überraschungsklappen.

Plötzlich Funkstille

 

 

 

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Benjamin Courtault, Plötzlich Funkstille, Kunstanstifter Verlag 2016, ISBN 978-3-942795-41-8

 

Das haben der Autor und der in Mannheim ansässigen ambitionierte Kunstanstifter-Verlag gleichermaßen verdient. Die Stiftung Buchkunst hat das Bilderbuch „Plötzlich Funkstille“ in seinem Genre zum schönsten Buch 20916 gekürt. In ihrer Begründung schreibt die Jury:

„Echte Sonderfarben – immer drei in wechselnden Kombinationen – drucken die rasterfreien Bildflächen, so dass sich neben- und übereinanderliegend kontrastierende Mischungen ergeben. Keine Farbe wird bevorzugt. Das erzeugt den eigentümlichen Camouflageeffekt. Durch diese Konzeption erreichen die Bilder, unabhängig von der Auflagenhöhe, die Qualität von Originaldruckgrafik.

Die Kompositionen sind als Dioramen aufgefasst. Meist parallelperspektivisch aufgebaut, gewinnen sie von einem hoch stehenden Blickpunkt aus an Raumtiefe. Mit der Spannung japanischer Farbholzschnitte sind große flächige Formen und kleinteilige Strukturen aufeinander bezogen. Die enorme Dynamik entfaltet sich erst, wenn man sich auf sie als stehende Bilder einlässt.

Dann beginnt ein Flirren, als wenn die Buchseiten selbst unter Strom stünden. Darin scheint das Geheimnis dieser klassisch-handwerklichen Buchillustrationen zu liegen.“

Es ist ein Bilderbuch, aber eigentlich eher für junge Erwachsene geeignet. Es erzählt davon, wie ein junger Mann aus dem monotonen Einerlei seines Lebens und seiner im Internet verbrachten Nächte fliehen will. Seine Freundin Marie kennt er nur aus dem Internet, sie hält eine solche Beziehung für intensiver. Eines Tages träumt sie, dass sich sein Leben radikal verändern würde.

Und dann begleitet der von den Bildern faszinierte Leser den jungen Mann auf einem traumähnlichen Roadtrip voller skurriler Wendungen beim sehnsuchtsvollen Versuch, die Fesseln seines Alltags zu sprengen.

Wie so viele Produktionen  aus dem Kunstanstifter Verlag: ungewöhnlich, extravagant und besonders.

Endgültig

 

 

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Andreas Pflüger, Endgültig, Random House Audio 2016, ISBN 978-3-8371-3402-5

 

Normalerweise bin ich kein Liebhaber von Thrillern. Doch seit den beiden letzten Büchern von Sebastian Fitzek mache ich hin und wieder einmal eine Ausnahme. Das vorliegende Buch von Andreas Pflüger, der als Drehbuchschreiber schon für über dreißig Filme, darunter viele Tatorte verantwortlich zeichnete, hat mich sofort angesprochen, auch deshalb, weil er bei Suhrkamp erschienen ist, dessen Lektorat für Qualität und literarischen Anspruch steht.

 

Ich habe mich nicht getäuscht und die 450 Seiten dieses überaus spannenden Buches fast ohne Unterbrechung gelesen. Genial konstruiert, arbeitet Pflüger mit zahlreichen Rückblenden, die dem Leser nach und nach die zunächst noch sehr rätselhaften Zusammenhänge erklären.

 

Seine Hauptfigur heißt Jenny Aaron. Sie ist die Tochter eines ehemaligen GSG 9 Beamten, der bei dem Einsatz in Mogadischu 1977 sich große Verdiente erwarb, und der seine Tochter ein Leben lang unterstützte und aufbaute. Jenny Aaron wurde schon in jungen Jahren nicht nur, aber auch wegen ihres Namens, das erste weibliche Mitglied einer Eliteeinheit der Polizei, die auch außerhalb Deutschlands undercover operierte.

 

Ein solcher Einsatz vor 5 Jahren in Barcelona geht schief und sie erblindet durch einen Schuss. Ihren Kollegen lässt sie in einer Tiefgarage schwer verletzt zurück, eine Hypothek, die sie seitdem belastet und die sie das ganze Buch über aufklären will. Jenny Aaron ist tough. Sie erlernt nicht nur die Blindensprache, sondern bald schon bewegt sie sich durch ihr Leben wie eine Sehende. Sie benutzt dafür unterschiedliche Laute und kann aus deren Echo genau ermessen, was da vor ihr liegt und in welcher Entfernung. Bald schon ist sie wieder im Dienst, nun als gefragte Vernehmungsspezialistin beim BKA in Wiesbaden, wo sie auch wohnt.

 

Das Buch beginnt damit, dass die früheren Kollegen aus Berlin Aaron um Hilfe bitten. Der Mörder Reinhold Boenisch, an dessen Verhaftung sie beteiligt war, hat in der Haft vermutlich eine Psychologin getötet  und will nur eine Aussage machen, wenn Aaron sie übernimmt.

 

Jenny Aaron übernimmt den Auftrag und gerät schon bald in Zusammenhänge und Netzwerke, die nicht nur ihr Leben bedrohen, sondern auch ihre Vergangenheit und insbesondere jenen gescheiterten Einsatz in Barcelona in ein ganz neues Licht rücken.

 

Insbesondere die Blindenthematik ist exzellent recherchiert (Andreas Pflüger gibt darüber in einem Nachwort Auskunft und kündigt auch eine Fortsetzung an). Die gleich zu Beginn implementierte Spannung wird bis zur letzten Seite ausrechterhalten und lässt dem Leser keine andere Wahl, als atemlos immer weiter zu lesen.

 

Ein auch literarisch sehr gelungenes Buch, dessen hier anzuzeigende Hörbuchfassung so gut eingelesen ist, dass man es vor spannendem Kitzel kaum aushält.

 

 

 

Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der nicht einschlafen konnte

 

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Sabine Bohlmann, Kerstin Schoene, Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der nicht einschlafen konnte, Thienemann 2016, ISBN 978-3-522-45819-1

 

Im Herbst kommt für die Siebenschläfer die Zeit für den Winterschlaf. Normalerweise funktioniert das auch bei den kleinen Siebenschläfern ganz gut.

Die Mutter des kleinen Tieres, das in diesem Bilderbuch die Hauptrolle spielt und mit dem sich die das Buch anschauenden Kinder identifizieren sollen, hat dafür auch gute Ratschläge:
„Einschlafen ist gar nicht so schwer. Mach die Augen zu und denk an lauter schöne Dinge, und dann wirst du sehen, wie einfach das geht!“

Doch manchmal ist es halt nicht so einfach, wie die Mütter sich das vorstellen oder wünschen. Der kleine Siebenschläfer hat echte Probleme mit dem Einschlafen. Alle Aufmunterungen der Mutter nützen nichts. Der Fuchs schlägt ihm vor, Schäfchen zu zählen, die Nachtigall singt ihm ihr schönstes Lied, so lange bis sie selbst einschläft.

Mit der Schnecke rennt er um den Block und die Eule erzählt eine Gute-Nacht-Geschichte, bis auch ihr die Augen zufallen. Es kommen noch zum Einsatz: eine Fledermaus und ein großer Bär, alle ohne Erfolg.

Der kleine Siebenschläfer beginnt schon Pläne zu machen, was er – wenn er denn schon nicht schlafen kann – in den sieben Monaten des Winterschlafs der anderen alles anstellen könnte – und in diesem Träumen schläft er ein.

Eine schöne und lustig illustrierte Gute-Nacht-Geschichte für alle, die manchmal nicht einschlafen können.

Tage der Nacht

 

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Yorck Kronenberg, Tage der Nacht, DTV 2016, ISBN 978-3-423-28060-0

 

„Tage der Nacht“ ist der vierte Roman des 1973 geborenen Schriftstellers Yorck Kronenberg. Er erzählt, immer sehr geschickt zwischen Vergangenheit und  Gegenwart wechselnd, die Geschichte von Anton, einem pensionierten Literaturwissenschaftler aus Frankfurt, der eine Tages in seinem Haus in England Opfer eines Überfalls wird. Weder er noch seine Frau erleiden einen wirklichen Schaden, doch bei Anton löst dieser brutale Einschnitt in seinen Lebendalltag eine Art Schock aus, der die bisher verborgenen Geister seiner Vergangenheit hervorlockt.

In einem wunderbaren Fluss und mit einer Sprache, die einen bald schon nicht mehr loslässt, lässt Yorck Kronenberg die Vergangenheit und die Gegenwart immer wieder ineinander fließen und erzählt eine bewegende Geschichte vom Suchen, vom Verlieren und vom Finden. Von der Sehnsucht nach Halt und Geborgenheit im Leben.

Er lässt Anton sich als Person Stück um Stück, Erinnerung um Erinnerung langsam wieder zusammensetzen. Und er lässt ihn  Frieden schließen mit vergangenen Nächten, die seine Gegenwart verdunkelten. Das Buch zeigt, dass sich noch im hohen Alter die Auseinandersetzung mit den Brüchen des eigenen Lebens lohnt. So kann man dann auch versöhnt und friedlich sterben.

 

 

 

Traurige Freiheit

 

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Friederike Gösweiner, Traurige Freiheit, Droschl 2016, ISBN 978-3-85420-976-8

 

„Traurige Freiheit“ ist das Romandebüt der 1980 geborenen Tirolerin Friederike Gösweiner. Mit ihrer Protagonistin Hannah, in deren Charakterisierung und Schicksal offenbar viel persönliche Erfahrungen und Reflexionen eingeflossen sind, schildert sie die Lebenswelt von vielen gut ausgebildeten Frauen und Männern aus der Generation der etwa Dreißigjährigen. Zwischen Hoffnungen, die oft zerplatzen wie Seifenblasen, Resignation und immer wieder versuchtem Aufbruch als lebendig gewordener Freiheit, wechselt ihr Leben hin und her. Dass diese Freiheit im Falle Hannahs bis zum Ende eine eher „traurige Freiheit“ ist, lässt nicht nur den Leser darüber nachdenken, ob sich das alles gelohnt hat und vielleicht etwas mehr Konvention und Kompromissbereitschaft, was das Leben und die Karriere angeht, den Menschen glücklicher gemacht hätte.

Hannah hat studiert, lebt seit vielen Jahren mit dem angehenden Arzt Jakob zusammen und hält sich mit freiberuflicher Journalistentätigkeit mehr schlecht als recht über Wasser. Sie ist unglücklich und niedergeschlagen:

„Als Hannah jünger war, hatten alle Erwachsenen immer gesagt, sie sei glücklich, gehöre zu der Generation, der alle Wege offen stünden, man können alles werden, alles sein, hieß es, alles sei möglich, das sei die totale Freiheit. Aber das stimmte nicht (…) ihr standen keine Wege offen. Niemand brauchte sie. Niemand wollte sie. Sie war zu nichts nutze.“

Schon hier fragt sich der Leser, warum Hannah so fest an ihrer Wunschtätigkeit festhält, obwohl sie weiß, dass die echten Stellen knapp sind und die dann auch noch sehr prekär. Doch als sie endlich nach zahllosen Bewerbungen ein Volontariat in Berlin, wo sie immer schon hin wollte, angeboten bekommt, glaubt sie durchzustarten. Sie trennt sich von Jakob, weil der lieber in seiner geliebten Provinz leben möchte und mit seiner Stelle im Krankenhaus sehr zufrieden ist. Das zu lesen tut geradezu weh. Wie sich eine Frau ein wesentliches Stück ihrer bisherigen Existenz abklemmt, in der ungewissen Hoffnung auf eine bessere berufliche Zukunft.

Sie kommt bei einer Freundin unter, Miriam, die eine angebliche Traumstelle als Korrespondentin in Moskau ergattert hat, und mit der sie das ganze Buch über immer wieder über Skype sich austauscht. Das Volontariat ist kurz und  erfolglos und nach dessen Ende rutscht Hannah in eine echte Lebenskrise.

„Alles war möglich, immer wieder hatte sie das gehört. Aber nie hatte sie daran gedacht, dass das auch das Scheitern implizierte. Niemand dachte daran, dass auch das Scheitern eine Möglichkeit war.
Wie hatte sie nur nicht daran denken können? Wenn alles möglich war, war eben auch das Verlieren möglich. Wie konnten das alle nur vergessen? Wie konnte man denken, dass es immer nur die anderen treffen würde?“

Sie arbeitet als Bedienung in einem Cafe, trifft dort auf einen sehr bekannten älteren Journalisten, macht sich Hoffnungen, doch irgendwann lässt der zunächst so zugewandte Mann nichts mehr von sich hören.

Als sie dann noch von der Vaterschaft Jakobs erfährt, fällt Hannah ins Bodenlose. Das Ende des Buches signalisiert einen Aufbruch, der aber bleibt ungewiss und angedeutet und nicht sehr verheißungsvoll. Freiheit, die sich anfühlt wie ein endloser Fall in die Tiefe – ein erstrebenswertes Lebensziel?

Ich glaube, die Autorin weiß es auch nicht genau. Sie hat das Scheitern, den Absturz und die Einsamkeit sehr einfühlsam beschrieben. Sie schildert ihre Hauptfigur drastisch, gleichzeitig aber mit großer Sensibilität, viel sprachlichem Geschick ohne sentimental zu werden.

Und mit der Autorin fragt man sich, in welcher Welt wir mittlerweile leben, wo junge Menschen sich glauben entscheiden zu müssen zwischen ihrer Arbeit und ihrer Beziehung.

Den Rezensenten hat das Buch unendlich traurig zurückgelassen mit viel Mitgefühl für diese Generation. Ich glaube, die nachfolgenden, zu denen auch mein Sohn gehört, werden es nicht sehr viel besser haben.

Die Rückkehr zu den alten Rollenbildern geht nicht, alleinige Orientierung an Job und Beruf macht unglücklich. Wer zerschlägt diesen gordischen Knoten? Eine unheimliche Anstrengung.

 

Endgültig

 

 

 

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Andreas Pflüger, Endgültig, Suhrkamp 2016, ISBN 978-3-518-42521-3

 

Normalerweise bin ich kein Liebhaber von Thrillern. Doch seit den beiden letzten Büchern von Sebastian Fitzek mache ich hin und wieder einmal eine Ausnahme. Das vorliegende Buch von Andreas Pflüger, der als Drehbuchschreiber schon für über dreißig Filme, darunter viele Tatorte verantwortlich zeichnete, hat mich sofort angesprochen, auch deshalb, weil er bei Suhrkamp erschienen ist, dessen Lektorat für Qualität und literarischen Anspruch steht.

Ich habe mich nicht getäuscht und die 450 Seiten dieses überaus spannenden Buches fast ohne Unterbrechung gelesen. Genial konstruiert, arbeitet Pflüger mit zahlreichen Rückblenden, die dem Leser nach und nach die zunächst noch sehr rätselhaften Zusammenhänge erklären.

Seine Hauptfigur heißt Jenny Aaron. Sie ist die Tochter eines ehemaligen GSG 9 Beamten, der bei dem Einsatz in Mogadischu 1977 sich große Verdiente erwarb, und der seine Tochter ein Leben lang unterstützte und aufbaute. Jenny Aaron wurde schon in jungen Jahren nicht nur, aber auch wegen ihres Namens, das erste weibliche Mitglied einer Eliteeinheit der Polizei, die auch außerhalb Deutschlands undercover operierte.

Ein solcher Einsatz vor 5 Jahren in Barcelona geht schief und sie erblindet durch einen Schuss. Ihren Kollegen lässt sie in einer Tiefgarage schwer verletzt zurück, eine Hypothek, die sie seitdem belastet und die sie das ganze Buch über aufklären will. Jenny Aaron ist tough. Sie erlernt nicht nur die Blindensprache, sondern bald schon bewegt sie sich durch ihr Leben wie eine Sehende. Sie benutzt dafür unterschiedliche Laute und kann aus deren Echo genau ermessen, was da vor ihr liegt und in welcher Entfernung. Bald schon ist sie wieder im Dienst, nun als gefragte Vernehmungsspezialistin beim BKA in Wiesbaden, wo sie auch wohnt.

Das Buch beginnt damit, dass die früheren Kollegen aus Berlin Aaron um Hilfe bitten. Der Mörder Reinhold Boenisch, an dessen Verhaftung sie beteiligt war, hat in der Haft vermutlich eine Psychologin getötet  und will nur eine Aussage machen, wenn Aaron sie übernimmt.

Jenny Aaron übernimmt den Auftrag und gerät schon bald in Zusammenhänge und Netzwerke, die nicht nur ihr Leben bedrohen, sondern auch ihre Vergangenheit und insbesondere jenen gescheiterten Einsatz in Barcelona in ein ganz neues Licht rücken.

Insbesondere die Blindenthematik ist exzellent recherchiert (Andreas Pflüger gibt darüber in einem Nachwort Auskunft und kündigt auch eine Fortsetzung an). Die gleich zu Beginn implementierte Spannung wird bis zur letzten Seite ausrechterhalten und lässt dem Leser keine andere Wahl, als atemlos immer weiter zu lesen.

Ein auch literarisch sehr gelungenes Buch. Die Fortsetzung werde ich auf jeden Fall lesen.