Einer für Alle – Alle für Einen

 

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Brigitte Weninger, Eve Tharlet, Einer für Alle- Alle für Einen, Minedition 2016, ISBN 978-3-86566-342-9

 

In diesem schönen Bilderbuch geht es um das wichtige Thema der Inklusion. Da wird erzählt von einer Maus namens Max, die körperbehindert ist. Sein einer Fuß ist kürzer als der andere. Deshalb stolpert er oft, steht aber immer wieder auf und macht weiter.

Unterwegs auf seinem Weg in die Welt (seine Mama hat ihn mit den schönen Worten verabschiedet: „Geh immer deinen Träumen nach und vergiss nie, dass du etwas Besonderes bist. Dann wirst du auch besonders gute Freunde finden!“) begegnet er einem Maulwurf, der nicht gut sehen kann, einem Frosch, der schlecht hört und spricht und einer Amsel und einem ängstlichen kleinen Igel.

Als ein Gewitter im Anzug ist, da spüren die Freunde etwas von ihrem Zusammenhalt und welche Kraft das ihnen gibt. Sie können ihre Angst vor dem Gewitter besiegen und sogar der kleine Igel trägt etwas dazu bei.

Jeder kann etwas Besonders und alle zusammen unendlich viel. Einer für Alle und Alle für Einen!

Ein schönes Bilderbuch zu einem wichtigen Thema.

 

 

 

Haltet den Die!

 

 

 

 

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Horst Klein, Haltet den Dieb, Klett Kinderbuch 2016, ISBN 978-3-95470-132-2

So kann man auch das ABC lernen. Und mit viel mehr Spaß! In Horst Kleins witzigem und frechem Bilderbuch für Kinder ab sechs Jahren taucht immer wieder ein Buchstabendieb auf. Die Polizei sucht ihn dringend und wirft ihm Wortspielerei und Buchstabenklau vor.

Die jungen Leser des Buches sind eingeladen, dabei mitzuhelfen. Sie können mitreimen (alle Texte sind in Reimen gefasst), miträtseln und vor allen Dingen – immer wieder mitlachen.

So wie in diesem Buch wird das Erlernen des ABC nicht nur eine reine Technik, sondern es vermittelt vom ersten Buchstaben an die Freude am Reichtum der Sprache und ihrer Ausdrucksmöglichkeiten.

Sehr zu empfehlen für alle, die in diesem Jahr die Schule beginnen werden.

Herzenssache

 

 

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Uschi Glas, Herzenssache, Adeo 2016, ISBN 978-3-86334-083-4

 

Zuerst habe ich gedacht, da ist wieder so ein Prominenter, der über das, was er Gutes tut, unbedingt ein Buch schreiben muss zur Selbstbestätigung und zur Aufrechterhaltung der eigenen Bekanntheit.

Da Uschi Glas bisher auch nicht gerade zu meinen Lieblingsschauspielerinnen zählte und ich bisher wenig bis nichts über ihr Leben wusste, ging ich zugebenermaßen mit Vorbehalten an die Lektüre ihres Buches „Herzenssache“, in dem sie nicht nur von einem sozialen Projekt berichtet, das sie und ihr Mann Dieter Hermann gegründet haben, sondern auch viel erzählt von ihrer Kindheit und Jugend. Auch viele Erfahrungen aus der Zeit, als sie schon eine Schauspielerin war, sind eingeflossen und werden von ihr auf eine Weise reflektiert, die mich mehr und mehr eingenommen hat.

Sie spricht vom „Glück, gebraucht zu werden“ und trifft damit ein Gefühl und einen Lebensinhalt und – sinn, den ich selbst in meinem eigenen Leben spüre und der mich sehr zufrieden und glücklich macht.

Es muss nicht immer ein so großes Projekt sein wie der Verein „brotzeit“, den Uschi Glas begründet hat, und der dafür sorgt, dass Tausende von Kindern ein gutes Frühstück bekommen und mehr als 1000 Senioren bisher die Möglichkeit gegeben hat, sich für eine gute Sache und für junge Menschen zu engagieren. Es kann auch die eigene Familie sein, wo man dieses Glück erleben kann.

Das hier beschriebene Projekt allerdings ist insofern beispielhaft, als es Unterstützung benachteiligter und armer Kinder und Jugendlicher verbindet mit etwas, was wir in Zukunft noch dringend brauchen werden. Das Engagement von Ruheständlern, das Einbringen ihrer Erfahrung und das gemeinsame Handeln von Jung und Alt in und für unsere Gesellschaft. Sie wird es in den nächsten Jahrzehnten dringend nötig haben.

Übrigens: Den Menschen, die Christin und die Schauspielerin Uschi Glas habe ich nun mit anderen Augen sehen gelernt.

 

 

Eine Therapie für Aristoteles

 

 

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Melanie Sumner, Eine Therapie für Aristoteles, Dumont 2016, ISBN 978-3-8321-9796-4

 

Ein wahrlich ungewöhnliches Buch der Amerikanerin Melanie Sumner ist hier anzuzeigen. Ein Coming-of Age Roman aus der literarischen Feder von Aristoteles Thibodeau, einem  zwölfeinhalbjährigen Mädchen, der man eine besondere intellektuelle und sprachliche Frühreife bescheinigen kann.

Sie hat lange mit ihrer Familie im fernen Alaska gewohnt und ist nach dem Tod des Vaters mit der Mutter und dem kleinen hypersensiblen Max nach Georgia gezogen. Die Mutter Diane lehrt Literatur an einem streng religiösen College und ist mit ihrem eigenen Leben und erst recht  mit der Erziehung ihrer Kinder heillos überfordert. Max geht regelmäßig zu einer Therapeutin mit mäßigem Erfolg.

Aristoteles, genannt Aris, bleibt zur Lösung ihrer vielfältigen Teenagerprobleme (sie ist ungewöhnlich weit für ihr Alter – ein literarischer Kunstgriff, den man Melanie Sumner zugestehen muss, will man die witzigen und stilistischen Eigenarten des Buches wirklich genießen) eigentlich nur ein ungewöhnliche Form der Eigentherapie. Sie schreibt ein Buch, einen Roman und bedient sich dabei eines Ratgebers „Romane schreiben in 30 Tagen“.

Wie Melanie Sumners sie das tun lässt, ist auf eine belebende und erfrischende Art anders als vieles, was man bisher zu diesem Thema lesen konnte. Es ist unterhaltsam und witzig, wie sie erzählt von ihrer Familie, ihrem Opa und auch von Penn, einem Nachbarn, mit dem sie ihre Mutter gerne zusammenbringen würde. Die versucht indes erfolglos und frustriert über Onlinedatings ihr Glück zu finden, und macht manches Mal einen kindlicheren Eindruck als ihre beiden Kinder, die  sich wacker durch ihr Schicksal kämpfen.

Herrliche Charaktere sind da erschaffen worden und so mancher Exkurs über philosophische und naturwissenschaftliche Themen fordert dem Leser einiges ab. Und er wird immer wieder zum Lächeln und Schmunzeln gebracht, ob der auch sprachlichen Einfälle dieses Mädchens, dem es wie schon so vielen anderen jungen und älteren Menschen zuvor gelingt, sich mit dem Schreiben selbst zu heilen.

Ungewöhnlich empfehlenswert!

 

 

 

Der Troll und die wilden Piraten

 

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Julia Donaldson, David Roberts, Der Troll und die wilden Piraten, Knesebeck 2016, ISBN 978-3-86873-827-8

 

„Wer wagt es, über meine Brücke zu trappeln?“

Der grimmige Troll träumt von einem saftigen Ziegenbraten – aber immer gibt es nur langweiligen Fisch. Käpt’n Hank und seine Piratencrew dagegen lieben Fisch, aber keiner von ihnen kann kochen. Wenn sie doch nur den vergrabenen Schatz fänden! Dann könnten sie sich endlich einen richtigen Koch leisten. Aber es scheint, dass sie schon wieder zur falschen Insel gesegelt sind …

Als diese beiden Welten schließlich aufeinandertreffen, ist das Chaos vorprogrammiert.

Ein großer Spaß von der erfolgreichen Autorin des Grüffelo Julia Donaldson. Wer weiß, vielleicht tritt dieser sympathische Troll in seiner Fußstapfen.

Opa Bär und sein langer bunter Schal

 

 

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Gillian Heal, Angela Holzmann, Opa Bär und sein langer bunter Schal, Patmos 2016, ISBN 978-3-8436-0586-1

 

Das Leben ist ein Fluss, in dem nicht nur die Gegenwart eine Bedeutung hat, sondern auch die Vergangenheit mit ihren dunklen und hellen, ihren fröhlichen und traurigen, ihren glücklichen und unglücklichen Zeiten.

Kinder wissen das noch nicht, können es aber von den Erwachsenen in ihrer Familie erfahren, besonders die Großeltern können diese Aufgabe übernehmen, indem sie ihren Enkeln erzählen von ihrem Leben und was da schwer und auch schön war.

Die jüngst verstorbene Oma unseres Sohnes hat das immer auf eine Weise getan, die nicht nur lehrreich war, sondern auch lustig. Sie hat ihm und auch seinen Eltern immer wieder gezeigt, dass auch ganz schlimme Erlebnisse wie Krieg und Flucht nicht die Lebensfreude trüben müssen in der Gegenwart, dass sie aber ein Leben prägen und man sich besonders im Alter immer wieder daran erinnert.

Genau das ist Gillian Heal und Angeln Holzmann mit ihrem hier vorliegenden Bilderbuch auch gelungen. Es erzählt von dem kleinen Bär und seinem Opa. Der hat einen  bunten Schal und der kleine Bär möchte von seinem Opa wissen, was die verschiedenen Farben in dem Schal bedeuten.  Und der Großvater erklärt es ihm. Da waren dunkle Zeiten in seinem Leben, dafür stehen die Farben Schwarz und Grau. Rot und Gelb sind reserviert für die fröhlichen und glücklichen Tage. Und da gibt es noch einen silbernen Faden, der immer wieder durch den Schal schimmert: der steht für die ganze besonderen Momente im Leben des Großvaters.

Und dann erklärt der Opa  dem Enkel, dass er jeden Tag an dem Schal webt. Jeder ist selbst für die Bewertung der einzelnen Lebenserfahrungen und -Begegnungen verantwortlich. Das kann keiner für einen tun und man sollte es auch nicht zulassen. Wichtig ist, zu klären, wie  man die unterschiedlichen Ereignisse bewertet, einordnet und in den bisherigen Schatz der Lebenserfahrungen integriert. Dazu wählt man die spezifischen Farben. Der alte Bär sagt ermutigend  zu seinem Enkel: „Hab keine Angst vor Veränderung oder davor, Fehler zu machen. Denn das gehört dazu, wenn man Weben lernt.“

Ein schönes, lebenskluges Bilderbuch mit Tiefgang.

 

 

 

Gauner, Grosskotz, Kesse Lola

 

 

 

 

 

 

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Christoph Gutknecht, Gauner, Grosskotz, Kesse Lola. Deutsch-Jiddische Wortgeschichten, Bebra Verlag 2ß016, ISBN 978-3-86124-696-1

Wussten Sie, dass auch sie im Alltag regelmäßig jiddisch sprechen? Nein ? Dann überzeugen Sie sich davn beim Lesen des Buches “Gauner, Grosskotz, Kesse Loa“ des Hamburger Linguisten und Autors Christoph Gutknecht. Dort stellt er eine Vielzahl jiddisch- oder hebräisch-stämmige Wörter und Wendungen vor, die wir ganz selbstverständlich im Alltag benutzen, ohne dass wir ihre Herkunft kennen. Nicht selten haben sie eine lange etymologische Reise hinter sich und bereichern die deutsche Sprache ungemein. Wien und Berlin waren einst ihre wichtigsten Entstehungsorte.

Gutknecht präsentiert seinen Stoff auf eine sehr unterhaltsame und  lockere Weise in 65 meist nur zwei bis drei Seiten umfassenden Artikeln. Unter anderem darüber wie aus hebräischem Kot deutscher Schund geworden ist („Tinnef“), gut betuchte Menschen nicht zwingend an ihrer feinen Kleidung auszumachen sind oder ein Großkotz nicht ständig mit Brechreiz zu kämpfen hat.

Eine sehr unterhaltsame Lektüre für alle die Freude an der Sprache haben.

Wieder Land sehen

 

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Christian Firus, Wieder Land sehen. Selbsthilfe bei Depressionen, Patmos 2016, ISBN 978-3- 8436-0742-1

 

„Selbstfürsorge“ und „Selbstmitgefühl“ sind die beiden vielleicht wichtigsten Stichworte, an denen der Psychotherapeut Christian Firus sich in seinem neuen Ratgeber für Menschen die unter Depressionen leiden, orientiert und entlanggeht.

Jeder fünfte erkrankt in unserem Land im Laufe seines Lebens mindestens einmal an einer mehr oder weniger schweren Depression. Es kann jeden treffen und es gibt keine wirkliche Vorbeugung, außer vielleicht der, der Selbstfürsorge und dem Selbstmitgefühl immer und stetig einen Raum in seinem Leben zu geben. Dennoch kann es innere und äußere Vorfälle geben, die eine Depression zum Ausbruch kommen lassen.

Schon bei den ersten Anzeichen von depressiven Verstimmungen können die in diesem Buch vorgestellten Übungen, Tests und Reflexionen betroffenen Menschen helfen, ihrer Selbstfürsorge zu stärken und den eigenen Handlungsspielraum wieder zu spüren und Schritt für Schritt zu erweitern.

Natürlich fehlen auch nicht wichtige Informationen zu Medikamenten und Psychotherapie und der Hinweis, sich ab einem bestimmten Grad unbedingt professionelle Hilfe zu holen.

Das Buch richtet sich aber hauptsächlich an Menschen, die unter Selbstabwertung leiden, vielleicht schon lange seit ihrer Kindheit, die das Leben und ihren Alltag hauptsächlich als Stress und  Belastung empfinden, die dünnhäutig und wenig resilient sich fühlen und so besonders stark gefährdet sind, aus ihrer Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit irgendwann in eine Depression abzurutschen. Sie können dieses kleine Buch sozusagen präventiv nutzen und langsam aber sicher ihrer Selbstfürsorge aufbauen wie ein kleines Haus, in dem sie gut und sicher wohnen können.

Der Messias kommt nicht

 

 

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Alfred Bodenheimer, Der Messias kommt nicht, Nagel & Kimche 2016, ISBN 978-3-312-00686-1

Der Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte an der Universität in Basel, der 1965 geborene Alfred Bodenheimer, hat vor einigen Jahren mit der Streitschrift „Haut ab!“ seine Stimme in der damals aktuellen Beschneidungsdebatte erhoben und auf sich aufmerksam gemacht, nachdem seine bisherigen Werke zur jüdischen Literatur nur von einem kleinen Fachpublikum wahrgenommen wurden.

Nachdem er mit  „Kains Opfer“ seinen ersten Roman vorlegte, einen Kriminalroman,  in dem er nicht nur nachwies, dass er selbst gute Literatur schreiben kann, sondern in dem er den Leser mitten hinein in das Leben und den Alltag eines Schweizer Rabbis führte und in tiefsinnige theologische Reflexionen über zentrale Fragen der Auslegung des Talmuds, hat er die Reihe fortgesetzt und nun den dritten Fall für Rabbi Klein veröffentlicht unter dem Titel „Der Messias kommt nicht.“

Rabbi Gabriel Klein steht als orthodoxer Rabbi einer großen Züricher Synagoge vor. Er predigt, unterrichtet und macht liebend gerne Besuche in Krankenhäusern und Altenheimen bei Mitgliedern seiner Gemeinde. Ein sympathischer Theologe mit Grundsätzen ist Klein, doch er ist durchaus offen auch für neue Gedanken.

Die Fälle, die er löst, kommen zu ihm wie die Jungfrau zum Kind, er schlittert geradezu in sie hinein. Wie Alfred Bodenheimer seinen Rabbi die Fälle lösen lässt, hat auch nichts mit klassischer Krimiliteratur zu tun, wo es vor Spannung und Action nur so knistert, auch nicht mit der pastoralen Ermittlungsarbeit etwa eines Pater Brown. Wenn er allerdings mitten in seinem normalen Alltag einem Verbrechen auf die Spur kommt, da springt bei Rabbi Klein etwas an, was ihn bis zur Lösung nicht mehr zur Ruhe kommen lässt.

Im vorliegenden Buch ist Rabbi Klein im Rahmen eines sabbaticals zu Gast in Basel und übernimmt in der dortigen Gemeinde zunächst widerwillig einige Vertretungsdienste. Im Rahmen eines solchen Dienstes kommt in einem Tagungshaus ein renommiertes Mitglieder der Baseler Kulturgemeinde zu Tode. Er wird unter rätselhaften Umständen erschossen.

Wie schon in den ersten beiden Bänden verknüpft Bodenheimer genial eine durchaus spannende und verwickelte Handlung, die schlussendlich zur überraschenden Lösung des Falls führt, und eine theologische Debatte, die zunächst parallel läuft, deren Interpretation aber am Ende den Fall lösen hilft.

Rabbi Kleins sabbatical soll sich mit einem historischen Streitgespräch von Sebastian Münzer zwischen einem Christen und einem Juden beschäftigen, ob der Messias kommen kann und wann er kommt. Dieser Strang des Buches war für mich als Theologe fast noch interessanter als die Kriminalhandlung. An einer Stelle sagt Rabbi Klein zu einer Mitarbeiterin des jüdischen Museums in Basel zu seiner Arbeit, „ ihn überzeuge des Messias-Gedanke von Maimonides, dem großen mittelalterlichen Philosophen aus Cordoba, am meisten: dass der Messias eigentlich ein intellektueller Zustand sei. Der Moment, in dem die Welt von selbst Gott erkenne und damit den furchtbaren Irrtum, der jedem Streit und jedem Unrecht zugrunde liege. Eine Welt, in der die Gerechtigkeit durch die Menschen herrsche, das sei für Maimonides die messianische Welt.“

Trotz seiner orthodoxen Grundhaltung hat der Rabbi viel Verständnis für die Menschen und das allzu Menschliche. Bodenheimer hat ihm mit Rivka eine Ehefrau gegeben, die mit eigenem Profil ihm treu zur Seite steht und auch dieses Mal mit einer klugen Beobachtung zu der Frage, dass der Messias nicht kommt, den entscheidenden Hinweis zur Auflösung liefert.

Wieder eine gelungene Mischung aus Krimi und rabbinischer Theologie mit feinen Bemerkungen über die Konkurrenz zwischen Zürich und Basel und vielen Beschreibungen  jüdischen Lebens und Alltags in der Schweiz. Auf den nächsten Fall warte ich mit Spannung.
 

 

 

 

 

 

 

Vom Ende der Einsamkeit

 

 

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Benedict Wells, Vom Ende der Einsamkeit, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257- 06958-7

 

In seinem neuen, wiederum sehr gelungenen Roman erzählt Benedict Wells die tragische und berührende Geschichte von drei Kindern, die bei einem Autounfall ihre Eltern verlieren und danach elternlos in einem staatlichen Internat aufwachsen.

Der Roman beginnt damit, dass der jüngste von den dreien, Jules , in der Gegenwartsebene nach einem mysteriösen Motoradunfall nach Tagen aus dem Koma aufwacht: „Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.“  Und sein Leben steht nackt vor ihm: „Was sorgt dafür, dass ein Leben wird, wie es wird?“  Und er beginnt sich zu erinnern an die Katastrophe, die seine Kindheit überschattet hat.

Er beschreibt eine glückliche Kindheit, Urlaube in Frankreich, bei der unbeliebten Mutter des Vaters, liebevolle und glückliche Eltern. Manchmal aber auch nimmt er Stimmungen und Dinge wahr, die er nicht versteht.

Die drei Geschwister entwickeln sich sehr unterschiedlich, verlieren sich schon auf den Internat zunehmend aus den Augen und haben später kaum einen Kontakt miteinander. Doch nach vielen vergeblichen Versuchen und vielen teilweise sehr schweren Lebenserfahrungen finden sie wieder zueinander.

 

Wie Benedict Wells im gekonnten Wechsel zwischen Gegenwart und Rückblenden in die Vergangenheit diese Entwicklung beschreibt, ist meisterhaft und nimmt den Leser so gefangen, dass er das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Der erfolgreiche und bescheiden- zufriedene Marty, die exzentrische Elena, die erst spät im Leben in die Spur kommt, und eben Jules, der melancholisch und lebensängstlich erst langsam, nach vielen Verirrungen zu sich selbst findet. Und zu seiner großen Liebe.

Benedict Wells dekliniert die großen Themen Einsamkeit, tiefe Lebenstrauer und Glück. Sein handelt vom Leben und durch was es beeinflusst werden kann. Was sind wir geworden, und was hat dazu geführt? Was hat uns gefördert, was auch vom Weg abgebracht? Wie schmal ist er doch oft gewesen, jener Pfad, auf dem man jederzeit abstürzen konnte? Und wieviel davon war einfach geschenkt, gesegnet, nicht durch eigenes Handeln gemacht?

Mit diesen nachdenklichen Fragen an das eigene Leben hat mich dieser wunderbare Roman zurückgelassen. Was kann Literatur mehr?