Fisch!

 

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Linda Wolfsgruber, Fisch, NordSüd Verlag 2016, ISBN 978-3-314-314-1039-1

 

Die bekannte und erfolgreiche, immer wieder mit Preisen dekorierte Künstlerin Linda Wolfsgruber hat mit „Fisch!“ ein neues Bilderbuch vorgelegt, das dem Rezensenten nur allmählich zugänglich geworden ist. Es hat Zeit gebraucht um seinen Hintersinn herauszufinden.

Da sind fünf Ottern. Ottern ernähren sich von Fischen. Und als auf der ersten Seite der Otteranführer die Flosse ausstreckt und zu den anderen vier sagt „Fisch!“, da denkt man sofort, jetzt machen sie sich auf einen großen Fang, um ihren Hunger zu stillen. Auch als sie auf den nächsten Seiten mit Töpfen und Kochbesteck bewaffnet sich weiter auf den Weg zum See machen, Wasser in die Töpfe füllen und dann für entsprechende Gewürze sorgen (Salbei, Thymian, Rosmarin) denkt man, da sind aber Feinschmecker am Werk, die alles vorbereiten, noch bevor sie den Fisch haben.

Doch dann klärt sich alles auf, und der angebliche Hunger erweist sich als Bluff. Sie schütten das Wasser und die Pflanzen in einen großen Glasbehälter, fangen dann den Fisch (er sieht wie ein ungenießbarer Goldfisch aus), setzen ihn in das Aquarium und betrachten ihn unter dem Titel „Kino unter Sternen“.

Witzig, aber ob sich dieser Witz kleinen Kinder erschließt, weiß ich nicht.

Wie die Zeit vergeht

 

 

 

 

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Jose Sanabria, Wie die Zeit vergeht, NordSüd Verlag 2016, ISBN 978-3-314-10294-3

 

Wie vergänglich ist alles, was existiert, wie zerbrechlich ist das Leben, das zunächst blüht und dann vergeht.

Der kolumbianische Autor und Illustrator Jose Sanabria, der seit 1992 in Buenos Aires lebt und dort neben einem Cafe eine Ilustratorenschule betreibt, hat in diesem von Gabriela Stöckli ins Deutsche übertragenen Bilderbuch in einer wunderbaren dreiteiligen Geschichte erzählt von einer Reise durch die Zeit. Diese Reise und die einfachen, märchenhaften Worte, die er dafür wählt, sind gleichzeitig eine Metapher für die Vergänglichkeit des Glücks.

In einer ersten Geschichte wird ein Schiff beschrieben. Zunächst transportiert es als Passagierdampfer wichtige Menschen. Später wird es Transportmittel für verschiedene Waren benutzt, und als es auch dafür nicht mehr reicht, als Fischerboot. Doch bald ist das ehedem stolze Schiff zu einem Wrack geworden, das verlassen und verrostet vergessen am Ufer liegt. Seine Lebenszeit ist vorbei.

In der zweiten Geschichte geht es um Menschen. Doch ihnen ist ein ähnliches Schicksal beschieden wie dem Schiff aus der ersten. Zunächst reich und mit einem schönen Leben beschenkt, lebt eine Familie in einem großen Haus. Doch Leichtfertigkeit und Verschwendungssucht machen die Familie ärmer und sie muss in ein kleines Haus ziehen. Nach einem weiteren Abstieg in ein noch kleineres Haus verlieren sie auch dieses und landen im Hafenviertel, wo die wirklich armen Leute leben.

Von dort werden sie irgendwann vertrieben und landen genau dort, wo das Schiff aus der ersten Geschichte vor sich hin rostet. In einer dritten Geschichte, die von Aufbruch und Solidarität handelt richten sie und andere Menschen ohne Obdach das Schiff wieder her, und sie schaffen es tatsächlich mit ihm dorthin zu fahren, wo die Sonne scheint.

Und wieder hat das Schiff Menschen an Bord, die wichtig sind.

Ein schönes poetisches Bilderbuch über das Auf und Ab des Lebens, die Vergänglichkeit von Glück und die Kraft die jedem gemeinschaftlichen Neuanfang innewohnt.

 

 

 

 

Der Fluss

 

 

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Michael Roher, Der Fluss, Jungbrunnen 2016, ISBN 978-3-7026-5896-0

 

Ein anspruchsvolles philosophisches und bezaubernd poetisches Bilderbuch hat Michael Roher da erschaffen und ihm den Titel „Der Fluss“ gegeben.

Mit zarten Bildern und lyrischen Worten begleitet er ein Mädchen bzw. eine Frau vom Anfang ihres Lebens bis zu ihrem Ende. Wo fängt alles an, wo hört es auf? Und was erlebt man im Fluss des Lebens alles zwischendurch?

„Wo fängst du an?“ fragt das kleine Mädchen das Leben und den Fluss, der im ganzen Buch als ein Sinnbild des Lebens verstanden wird. Vielleicht im Himmel, denkt es. Als kleines Kind kann es nicht aufhören, es zu erkunden. Als Mädchen spürt sie schon die zarten Spuren, die der Lebensfluss in ihr hinterlässt und sie erkundet die Abenteuer des Lebens zunächst in vielen Büchern, und später dann in realen Begegnungen mit anderen Menschen. Sie lernt die Liebe kennen und sieht staunend und schwanger zu, wie immer wieder Neues entsteht.

Später lernt sie auch die dunklen Seiten kennen, wo das Leben unklar ist und sie den Grund nicht mehr sehen kann und auch nicht, wo der Fluss weitergeht. Und dann ist sie wieder oben auf dem Berg und später, etwas älter schon, still und nachdenklich, voller Erinnerungen, schaut sie auf seinen Grund hinab und was da alles abgesunken ist.

„Und wo endest du?“ fragt sie am Ende als alte gebrechliche Frau, die einen toten Vogel in ihrem Händen hält. „Im Himmel vielleicht, denke ich … und endest doch nie.“

Ein wunderbares, preisverdächtiges Bilderbuch voller Lebensweisheit und Poesie. Und wie alle wirklich guten Kinderbücher – es ist auch für Erwachsene eine berührende und tröstliche Lektüre.

Wie Kinder früher lebten

 

 

 

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Susanne Gernhäuser, Wie Kinder früher lebten, Ravensburger Verlag 2016, ISBN 978-3-473-32649-5

 

Die Sachbilderbuchreihe selbst ist eine der besten und auch erfolgreichsten im deutschsprachigen Raum. Da wird grundlegendes Sachwissen für Kinder zwischen vier und sieben Jahren vermittelt, zahlreiche Bilder mit hohem Entdeckungswert illustrieren leicht verständliche Texte, die von Erstlesern gut selbst bewältigt werden können und zahlreiche Klappen ermöglichen Einblicke, bzw. veranschaulichen Bewegungen und Abläufe.

 

So ist es auch mit dem vorliegenden neuen von Susanne Gernhäuser geschriebenen und von Guido Wandrey einfühlsam illustrierten Buch „Wie Kinder früher lebten“. Auf jeweils einer Doppelseite können die Kinder etwas lernen über die Lebensweise von Kindern in der Steinzeit, im Alten Ägypten, bei den Griechen und im Mittelalter.

In der zweiten Hälfte des Buches werden die Zeitabstände kürzer. Da geht es auf je einer Seite um die Kinder der Ritter, um den Nachwuchs des Adels und um Kinder, die um 1800 in der Stadt aufwachsen. Mit dem Alltag um 1900 geht es schon um die Lebenswelt der Urgroßelterngeneration der die das Buch betrachtenden Kinder, und auf der letzten Seite sieht man Kinder in den Trümmern des Zweiten Weltkrieges spielen: „Wie sind Opa und Oma aufgewachsen“?

Insbesondere dieses Kapitel lädt Großeltern ein, ihren Enkel von dieser Zeit zu erzählen. Aber auch die Informationen von anderen viel früheren Zeitaltern vermitteln den heutigen Kinder einen Eindruck davon, wie stark sich die Kindheit früherer Generationen von der heutigen unterschieden hat.

Denn erst im Vergleich lernt man die eigene, gegenwärtige Lebenswelt schätzen.

Für Deutschland in den Krieg

 

 

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Dietger Lather, Für Deutschland in den Krieg, Tectum 2015, ISBN 978-3-8288-3535-1

 

Ein informatives Buch ist hier anzuzeigen, geschrieben von einem in Auslandseinsätzen erfahrenen Bundeswehroffizier, der in im Kosovo und in Afghanistan als Kommandeur in Einsatz war.

Er knüpft an die neuen Aufgaben Deutschlands nach der Wiedervereinigung an und seine neue militärische Rolle, gibt gute Einblicke in die Innenwelt der Bundeswehr, ihren Ausrüstungsstand und ihre Defizite. Alles in allem führt er den Leser unaufgeregt und unideologisch gut und nüchtern ein die Welt in Uniform

Den Hauptteil des Buches nehmen Beschreibungen ein darüber, was nun konkret möglich und nötig ist in einem Auslandseinsatz, wie man sich in der Partnerschaft zu Hause darauf vorberietet, wie man „im Feld“ rein praktisch alleine schon Kontakt halten kann, welche Ängste bei den Angehörigen auftreten und wie mit diesen in ruhiger Weise aktiv Umgang gepflegt werden kann.

Jeder Soldat kann sich mit diesem Buch gut informieren darüber, was im Vorfeld eines Auslandseinsatzes auf ihn zukommt. Immer mehr Soldaten werden in den nächsten Jahren davon betroffen sein

Interessant, obwohl relativ kurz sind die konkreten Eindrücke und Bewertungen der rein praktischen Seite des aktiven Einsatzes.

Nach Beschreibungen der Monotonie des Lagerlebens bei einem Auslandseinsatz Monotonie des Lagerlebens, der dauernden Vorsicht und dem konkreten Erleben von Anschlägen, den Umgang mit Gewalterlebnissen, wie man in extremen Situationen dennoch „funktionieren“ kann und ob die Bundeswehr einfach einen integralen Bestandteil der bundesdeutschen Gesellschaft darstellt oder eine Parallelgesellschaft bildet, beschriebt er im letzten Kapitel die „Rückkehr in die neue, alte Welt“.

Das Buch bietet neben praktischen Hilfestellungen für Soldaten ein engagiertes Plädoyer für eine „kommunikative“ und darin „offene“ Bundeswehr, die Dietger Lather zumindest in wichtigen Teilen vermisst und daher kritisch einfordert

 

 

 

 

 

 

Never say anything

 

 

 

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Michael Lüders, Never say anything, C.H.Beck 2016, ISBN 978-3-406-68892-8

 

Michael Lüders ist den Zuschauern vor allem des ZDF seit vielen Jahren als immer wiederkehrender Kommentator und Analyst zum Thema Terrorismus bekannt. Seine sachlichen Stellungnahmen und seine politische Unabhängigkeit habe ich seitdem immer geschätzt.

Was er dort im öffentlich-rechtlichen Fernsehen offenbar weniger einbringen kann, nämlich eine kritische Analyse des unkontrollierten Treibens westlicher Geheimdienste und vor allem der versteckten Drohnenkriege, die seit Obamas Amtsantritt noch zugenommen haben, das hat er nun in einer zwar fiktiven, dennoch aber sehr realistischen Handlung in einen Thriller gepackt, der sich spannend liest und einem über die Hintergründe so mancher politischen Strategie die Augen öffnet.

Protagonistin des Romans ist die deutsche Journalistin Sophie Schelling, die für ein linksliberales Berliner Blatt arbeitet. Für einen neuen Bericht hat sie recherchiert, dass es irgendwo im Hinterland von Marokko einen Mann und Künstler gibt, der an einer Himmelstreppe baut, einer freistehenden Treppe, die weit nach oben führt.

In Marokko trifft sie auf Hassan, der dort für ein anderes, kritisches Magazin arbeitet und sichert sich seine Unterstützung. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg nach dem Ort Gourrama. Warnungen, dort gäbe es die Gefahr von Anschlägen von Al-Khaida, schlagen sie nach kurzem Zögern in den Wind.

Die beiden nähern sich zaghaft aneinander an, doch bevor ihre Freundschaft enger werden kann, werden sie Opfer eines furchtbaren Angriffs auf den Ort. Er wurde, nicht wie später behauptet, von Al-Khaida Kämpfern durchgeführt, sondern von amerikanischen Drohnen und Blackwater – Söldnern im Auftrag der USA. Hassan wird zerfetzt, doch Sophie überlebt wie durch ein Wunder. Von Dorfbewohnern gesund gepflegt, kehrt sie nach Berlin zurück und will dort ihren Chefredakteur überzeugen, über all das, was sie dort gesehen und auch mit Fotos dokumentiert hat, in mehreren Artikeln zu berichten. Man glaubt ihr nicht, hat wahrscheinlich auch Angst vor den politischen Folgen für die Zeitung, und so entscheidet sich Sophie mutig, ihre Recherchen wie ein whistleblower ins Internet zu stellen. Mit sehr gefährlichen Folgen….

Einen anderen whistleblower auf der anderen Seite des Atlantiks, Marc Lindsay, dessen Geschichte Michael Lüders parallel zu Sophies Geschichte erzählt und sie erst im Verlauf des Buches mit Sophies Geschichte zusammenbringt, kostet sein Engagement schon bald das Leben.

Auch Sophie gerät bald unter Druck. Amerikanische Geheimdienste sperren ihr Konto, manipulieren ihren Wagen, bedrohen ihr Leben. Auf der einen Seite will sie die Wahrheit um jeden Preis ans Licht bringen, auf der anderen sehnt sich nach ihrem früheren Leben zurück.

Michael Lüders weiß, wovon er schreibt, er hat es in zahllosen Sachbüchern kompetent nachgewiesen. Hier aber er lässt seinen Leser im Unklaren, wieviel von dem, was er in seinem Thriller verarbeitet hat, auf tatsächlichen Gegebenheiten beruht und wo die literarische Fiktion beginnt.

 

Doch dem Leser beginnt, während er voller Spannung die Seiten dieses Buches regelrecht verschlingt, zu dämmern, dass es hinter den offiziellen Verlautbarungen und Nachrichten eine Welt gibt, die nach eigenen Interessen handelt. Für die der Kampf gegen den Terror nur die Maske ist, hinter der sich andere Interessen verstecken, und die auch vor massiven Opferzahlen bei der Zivilbevölkerung bei ihren Aktionen nicht zurückschrecken.

Jeremy Scahill hat schon 2008 in seinem immer noch lesenswerten Buch „Blackwater“ den Aufstieg der mächtigsten Privatarmee der Welt beschrieben. In einer Rezension nannte ich es „ein lesenswertes, gut recherchiertes Buch über die Zukunft des Krieges, die längst schon in vielen Teilen der Welt begonnen hat.“

Mittlerweile ist es Alltag geworden und die Öffentlichkeit wird darüber weiter in medialer Unkenntnis gehalten.

Michael Lüders Roman jedenfalls ist neben einer klassischen und guten Thrillerlektüre auch ein eminent politisches Buch.

 

 

 

 

Im Land der Verzweiflung

 

 

 

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Nir Baram, Im Land der Verzweiflung. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-25046-8

 

Der mittlerweile 40 Jahre alte israelische Schriftsteller und Intellektuelle Nir Baram hat sich in den letzten Jahren nicht nur zu einem der schärfsten Kritiker der israelischen Besatzung des Westjordanlandes entwickelt, sondern zählt mittlerweile auch international zu den Schriftstellern, die in einem Atemzug mit Amos Oz oder David Grossmann genannt werden.

Doch ähnlich hart wie mit der israelischen Regierungspolitik geht er um mit der israelischen Linken und der liberalen Boheme in Tel Aviv. Sie, so sagt er, halten an überkommenen Friedensplänen fest, die vielleicht in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts so etwas wie Hoffnung versprachen, mittlerweile aber völlig obsolet geworden sind.

Dies zeigen sehr überzeugend seine Reportagen, die er bei Besuchen 2014 und 2015 in den besetzten Gebieten Westjordanlands geschrieben hat und die hier in einem Band gesammelt sind. Er kommt zu dem Schluss, „dass die überwiegende Mehrheit aller Israelis keine Ahnung hat, wie das Leben auf der Westbank aussieht. Die meisten sind noch niemals dort gewesen. Man könnte meinen, wir reden über einen theoretischen, nebulösen Ort, der in unserer politischen Vorstellung nur vage existiert, so, wie wir über die Bürgerkriegsschauplätze in Syrien oder Kongo reden.“

Auch direkt in Ost-Jerusalem, nur wenige hundert Meter entfernt von den Orten, an denen die Touristen sich gegenseitig auf die Füße treten, hinter einer 12 Meter hohen Mauer, sieht er sich in Ras Khamis mit einer Welt konfrontiert, die man in Israel nicht vermutet hätte:

„Ich habe bei meinen Recherchen Orte in Jerusalem gesehen, die waren schrecklicher als jeder andere Ort, den ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Schlimmer als in jedem Drittweltland, das ich besucht habe. Vor allem in jenen Teilen Ost-Jerusalems, die hinter der Sperrmauer liegen. Niemand im restlichen Israel glaubt, dass Menschen dort unter solch grauenvollen Bedingungen leben müssen.“

In den Dörfern der Palästinenser begegnet er sowohl Menschen, die eine Versöhnung für illusionär halten, als auch welchen, die genau dafür arbeiten. Er erzählt davon, wie eng auf diesem Gebiet schon lange zusammengewachsen ist, was doch nach der Ideologie beider Seiten nie zusammengehören sollte. Ohne die wirtschaftlichen Verbindungen der Palästinensergebiete zu Israel würden diese binnen weniger Wochen kollabieren. Genauso verhält es sich mit den jüdischen Siedlungen:

„Sie sind überall, nicht nur in den großen Siedlungsblöcken, sie sind einfach überall, egal, über welche Straße man durch das Westjordanland fährt, überall sieht man die Siedlungen. Wir sind also nicht mehr in den 1990er-Jahren, wir haben es 2016 mit einer neuen Realität zu tun, in der sich hunderte und aberhunderte Siedlungen überall im Westjordanland finden. Und in denen leben hunderttausende Siedler. Juden und Palästinenser leben dort also miteinander total vermischt. Und ich kenne einfach keine politisch umsetzbare Idee, wie man diese Siedler aus dem Westjordanland wieder herausbekommen könnte.“

Zwei Völker, eine Heimat. Das ist eine Initiative in Israel, bei der Nir Baram mitarbeitet, und die auf kleine Modellprojekte für das gleichberechtigte Miteinander von Juden und Palästinensern baut und sie fördert und unterstützt. Eine hoffnungsvolle Alternative zu jener anderen Dystopie eines Apartheidmodells, von dem manche Hardliner träumen.

 

 

 

 

 

 

 

F.E.A.R.

 

 

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Elisabeth Zöller, F.E.A.R., Hanser 2015, ISBN 978-3-446-24937-0

 

„Fear“, Angst, hat Elisabeth Zöller ihren neuen Jugendroman genannt, der aber auch für Erwachsene unbedingt zu empfehlen ist. In Zeiten, in denen Grenzen wieder geschlossen werden, immer mehr Länder nach einer ersten Welle des Willkommens bzw., Durchwinkens (je nachdem) sich gegen die Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und dem Süden abschotten, und Brandstiftungen und Gewalt gegen Unterkünfte dieser Menschen bei uns fast schon zum Polizeialltag zählen – dieses Gefühl scheint sich zu verstärken. Angst greift um sich und droht unsere Gesellschaft zu spalten.

Es ist eine fiktive, wenngleich hervorragend auf dem Hintergrund realer Ereignisse unserer Gegenwart recherchierte Geschichte, die von der 16- jährigen Clara handelt. Ihr Alltag ist eher trist, die Eltern haben sich getrennt, ihre Mutter hat ein Verhältnis mit Claras eher linkem Geschichtslehrer, der so tut, als wäre er ihr Vater. Clara widert das alles an.

Umso offener ist sie für die Avancen von Joonas, einem etwa 18 – jährigen, gut aussehenden und unglaublich redegewandten Finnen, in den sie sich verliebt. Genervt von dem linken Einheitsbrei ihres Lehrers und ihrer Mutter, gefällt ihr die nationale Gesinnung von Joonas, die bald schon zu Tage kommt, nicht schlecht.

Doch bald schon streiten sich ihre Faszination für diesen Jungen und ihre Angst vor seinen Schatten in ihr heftig. Joonas wohnt bei einem alten Nazi, und spricht immer wieder von seinem Traum von einer Neuen Finnischen Armee. Um alles besser zu verstehen, recherchiert Clara in Netz. Dabei setzt sie ungewollt einen Journalisten auf seine Spur. Joonas flieht nach Finnland, nimmt Clara mit. Bald schon kommt es zu einer Katastrophe, als er mit zwei Freunden das Haus einer linken Gastronomin im Brand setzt.

Elisabeth Zöller erzählt von hinten und lässt den Leser durch den Polizeibericht, der erhebliche Teile des Romas einnimmt, an Claras Sichtweise, an ihren Gefühlen und Empfindungen teilhaben. Man kann sich gut in dieses Mädchen hineinversetzen, die nach der Trennung der Eltern nach einem Halt sucht und ihn zunächst in Joonas findet. Lange lässt Zöller dessen wahre Beweggründe im Dunkeln, sodass sich der erwachsene Leser mehr als einmal fragt, was man selbst als junger Mensch in sich einer Situation wohl getan hätte. Man erinnert sich an eigene Radikalisierungen, nur damals nach links, die einem heute die Schamröte ins Gesicht treiben.

Für Jugendliche ist Elisabeths Zöllers Roman eine Einladung zum Nachdenken. Es ist ein engagiertes Buch mit Ecken und Kanten, das sie stark machen möchte, den schnellen und leichten Erklärungen fremdenfeindlicher Gesinnungen Widerstand entgegenzusetzen. Von diesem wird die Generation der heutigen Jugendlichen in den ihres Erwachsenwerdens noch eine ganze Menge brauchen.

 

 

So wüst und schön sah ich noch keinen Tag

 

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Elizabeth Laban, So wüst und schön sah ich noch keinen Tag, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-25082-6

 

„Lieber Duncan,

als ich hörte, dass du hier einziehst, konnte ich es einfach nicht glauben, ehrlich. Vielleicht ahnst du ja schon, was ich sagen will, aber ich sag`s trotzdem noch mal. Es ist wichtig, dass du weißt, warum und genau wie alles passiert ist. Irgendjemand muss es wissen – irgendwem könnten die Informationen nützen, damit er nicht dieselben Fehler macht wie ich. Vielleiht. Ich weiß es nicht. Hör dir meine Geschichte an. Was du hören wirst – die Worte, die Musik, mein Absturz sowie deine angenommene oder tatsächliche Rolle darin, wird dir mehr nutzen, als du dir vorstellen kannst.

Es grüsst dich

Tim“

Als Duncan zu seinem letzten Jahr an das renommierte Irving College nach den Ferien zurückkehrt, bezieht er ein neues Zimmer. Es ist dort seit langen Zeiten Tradition, dass die Vorgänger, die das Internat verlassen haben, ihren Nachfolgern dort irgendetwas hinterlassen. Neben einem Brief mit den oben zitierten Worten findet Duncan eine Sammlung von CD`s , die sein Vorbewohner Tim besprochen hat. Tim, mit dem Duncan viele widersprüchliche Erinnerungen aus dem letzten Jahr verbindet, war ein Albino, ein zurückgezogener und schüchterner Junge, der sich oft Anfeindungen und gnadenlosem Mobbing ausgesetzt sah.

Tim verliebt sich in die schöne Vanessa. Und er blüht auf, fühlt sich zum ersten Mal in seinem Leben nicht als Außenseiter. Dennoch hat er zu keinem Zeitpunkt den Mut, seiner angebeteten Vanessa seine Gefühle zu gestehen. Es ist auch der Mangel an Selbstbewusstsein, der schlussendlich zu einem tragischen Unglück führt. Eine Geschichte, die Duncan durchaus kennt, als er beginnt die CD`s zu hören, deren Hintergründe ihm aber bisher verdunkelt waren. Mit immer größerer Spannung wird Duncan und mit ihm auch der Leser in eine lebendige und bewegende Geschichte hineingezogen, die handelt von Freude und Enttäuschung, von Stolz und Liebe. Viele weise Botschaften, oft zwischen den Zeilen versteckt, laden zum Nachdenken ein, tiefgründige Dialoge zum Innehalten, witzige Passagen zum Lachen und Schmunzeln.

Für Duncan, der sich in vielem, was Tim erzählt, wieder erkennt, ist dessen tragische Geschichte der letzte Anstoß, in seinem Leben endlich den entscheidenden Schritt auf ein Mädchen zu tun, das er liebt.

Nicht nur weil das Buch in einem Internat spielt, weil Poesie eine große Rolle spielt und auch entsprechende Lehrpersonen auftreten, die man selbst gerne als Schüler gehabt hätte, fühlte ich mich in weiten Strecken des Buches erinnert an John Greens „Eine wie Alaska“

 

 

Steine im Bauch

 

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Jon Bauer, Steine im Bauch, Kiepenheuer & Witsch 2014, ISBN 978-3-462-04652-6

 

Ein außergewöhnliches Romandebüt des in England geborenen und seit 2009 in Australien lebenden Schriftstellers Jon Bauer ist hier anzuzeigen und vorzustellen. Aus der Sicht eines namenslos bleibenden Ich-Erzählers wird eine Familiengeschichte und eine Mutter-Sohn- Beziehung beschrieben, wie ich sie dichter und bewegender schon lange nicht mehr gelesen habe.

Nach vielen Jahren im Ausland kehrt der Erzähler, beinahe dreißigjährig zu seiner Mutter nach Hause zurück. Sie ist an einen Hirntumor erkrankt und hat nicht mehr lange zu leben. Im wechselnden Zeitebenen ist der Erzähler zum einen in der Gegenwart bei seiner kranken in hinfälligen Mutter und zum anderen mit seinen Erinnerungen in einer Phase seiner Kindheit, als er etwa sieben Jahre alt gewesen ist.

Die Erlebnisse in dieser Phase seiner Kindheit sind auch der Grund dafür, dass er seiner Mutter in der Gegenwart nur mit Wut und Zorn begegnen kann. Denn er hat nie verwunden, dass seine Familie, federführend die Mutter früher immer wieder Pflegekinder aufgenommen hat. Beim Ich-Erzähler, einem Einzelkind, führte das zu Eifersucht und dem bohrenden Gefühl, vernachlässigt zu werden.

Als irgendwann ein neuer Pflegejungen, der 12- jährige Robert, in die Familie kommt, nimmt die Eifersucht des Siebenjährigen obsessive Züge an. Dieser Zeitraum nimmt auch den größten Teil eines Buches ein, dessen Hauptfigur bis unter die Haut gehend nachvollziehbar geschildert wird als ein zerrissenes menschliches Wesen, voller Verzweiflung und Abscheu gegen sich selbst.

Jon Bauer hat mit „Steine im Bauch“ eine kindliche Seele ausgelotet und sie beschrieben bis in die Tiefen verzweifelter Abgründe. Eine bewegende, stellenweise kaum, auszuhaltende Lektüre, die einen gespannt auf den zweiten Roman dieses begabten Autors warten lässt.