Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Das zweite Leben des Travis Coates

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John Corey Whaley, Das zweite Leben des Travis Coates, Hanser 2015, ISBN 978-3-446-24741-3

 

„Wisst ihr – ich habe gelebt und dann nicht mehr. Ganz einfach. Und jetzt lebe ich wieder.“

Der das von sich sagt, heißt Travis und ist 16 Jahre alt, als er an Leukämie stirbt. Seine Eltern haben einem Versuch zugestimmt, dem sie wenig Erfolg zutrauten. Travis` Kopf wird eingefroren um irgendwann auf einem anderen Körper wieder zum Leben erweckt zu werden. Dass dies schon fünf Jahre später der Fall sein würde, ahnte niemand.

Travis` Kopf wird auf einen anderen Körper transplantiert und er versucht, wieder am normalen Leben teilzunehmen. Doch alle sind mittlerweile 5 Jahre älter geworden, seine damalige Freundin Cate ist mit einem anderen verlobt, und in seiner neuen Klasse sind ihm alle fremd. Während Travis immer noch 16 ist, gestaltet sich sein Verhältnis zu seinen schon fast erwachsenen ehemaligen Freunden sehr problematisch. Und hinzukommt, dass er das Gefühl hat, dass seine Eltern ihm irgendetwas Wichtiges verschweigen.

Travis versucht verzweifelt, sein altes Leben wiederzubekommen, aber es will ihm nicht gelingen. Lediglich seine Beziehung zu seinem alten Freund Kyle funktioniert gut, und mit seinem neuen Kumpel Hatton aus seiner neuen Klasse versteht es sich gut.
Es ist eine interessante Idee, die Whaley mit großer erzählerischer Begabung und Kunst hier in einem empfehlenswerten Jugendbuch umsetzt. Sehr spannend und locker, stellenweise mit viel Humor erzählt lässt das Buch aber auch einiges offen. So kann man sich vorstellen, welchen Rummel eine solche Transplantation auslösen würde. Doch Travis, der uns seine Geschichte hier erzählt, scheint das alles nicht so sehr wahrzunehmen und so liegt der Fokus der Geschichte auf seiner individuellen Wahrnehmung.

Die ist meisterhaft gelungen. Ein originelles und ergreifend-berührendes Buch mit Anleihen an SF.
 

 

 

Und täglich grüßt dein Lebenstraum

 

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Emanuel Koch ,Und täglich grüßt dein Lebenstraum , Patmos 2015, ISBN 978-3-8436-0583-0

 

Es ist die Angst, die uns hindert, in unserem Leben etwas zu verändern. Es ist die Angst, die unsere Träume und Lebensträume diffamiert und herabsetzt. Es ist die Angst, die in der Lage ist, eine solche Menge an Lebensenergie zu speichern, bzw. zu fressen, dass wir mit aller Kraft unerwünschte Lebenszustände aufrechterhalten, und jede sich anbahnenden Veränderung ausbremsen.

Emanuel Koch, Unternehmer und Business Speaker, zeigt in seinem hier vorliegenden Buch, wie man diese in der Angst gebundene Energie befreien und einsetzen kann für etwas, was bisher vielleicht nur in unseren Träumen existierte, wenn wir sie denn zulassen konnten.

Emanuel Koch plädiert für einen sorgfältigen und ressourcenorientierten Umgang mit Emotionen. Gerade unangenehme Gefühle sind ein starker Motivator und möglicherweise die eigentliche Triebfeder für ein erfülltes Leben. Viele Träume scheitern an der eigenen Angst, an schlecht formulierten Zielen und halbfertigen Konzepten, die bestenfalls dazu dienen, die eigene Umgebung zu verunsichern.

Es geht darum, unsere Emotionen anzunehmen. In fünf konkreten Schritten begleitet Koch seine Leser auf einem Weg, sich selbst aus der Reserve zu locken und endlich durchzustarten. In ein Leben, das wirklich ein eigenes ist.

 

Jeder Tag hat viele Leben

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Clemens Sedlak, Jeder Tag hat viele Leben, Ecowin 2014, ISBN 978-3-7110-0063-7

 

„Eine Philosophie der kleinen Schritte“ legt der österreichische Philosoph Clemens Sedlak, der in London und Salzburg lehrt, mit diesem sehr gut lesbaren und verständlichen Buch vor.

Es geht um etwas Zentrales, das auch alle wichtigen spirituellen Lehrer immer wieder betonen: Die Arbeit an sich selbst. Es geht um die Achtung vor jedem neuen Tag. Ein Tag, an dem von morgens bis abends viel geschehen, aber auch viel gestaltet werden kann.

Dabei können Gewohnheiten, also das, was wir jeden Tag immer so machen, sowohl hilfreich, als auch hinderlich sein. Zum einen geben sie so etwas wie Sicherheit und verleihen unserem Leben eine Selbstverständlichkeit ohne große Anstrengungen: Gewohnheiten schützen uns vor Überraschungen. Auf der anderen Seite hindern sie uns daran, auch einmal etwas Neues zu entdecken. Sie schützen also, und gleichzeitig sperren sie uns ein. Sie geben uns Halt, und sie hindern den Menschen daran, zu wachsen, sich zu verändern und zu reifen.

Clemens Sedlak unterbreitet seinen Lesern eine Vielzahl von philosophischen, psychologischen, soziologischen und auch politischen Aspekte von Gewohnheiten und diskutiert sie ausführlich. Seine Ausführungen belegt er mit den Ergebnissen einer Untersuchung, die er an 12 Testpersonen und auch an sich selbst vorgenommen hat. In einem 30 Tage andauernden Experiment haben diese Menschen versucht, eine neue Gewohnheit zu erwerben oder eine alte aufzugeben. Sie haben ihre Versuche schriftlich dokumentiert und damit nachvollziehbar gemacht.

Durch diese Bandbreite ist der Leser sehr oft ganz persönlich angesprochen, und sieht sehr häufig Parallelen zu seinem eigenen Leben. Das Buch ist also mit viel Lebenspraxis geladen und gehört deshalb zu den ganz besonderen Ratgebern. Einladend und immer im Dialog mit seinem Lesern wirbt Clemens Sedlak für die kleinen Schritte im Alltag, für das Aufgeben von Gewohnheiten, die unser Leben starr gemacht haben, und für das Entdecken von neuen Möglichkeiten, die das Leben und Zusammenleben mit anderen bereichern und es mit Sinn aufladen.

Ein empfehlenswertes Buch, dessen Literaturverzeichnis zum Weiterlesen verführen kann.

 

 

Teo

 

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Lorenza Gentile, Teo, DTV 2015, ISBN 978-3-423-28051-8

Teo ist ein kleiner italienischer Junge und aus seiner Sicht ist dieser Roman geschrieben. Er hat nur einen großen Wunsch: er möchte, dass seine Eltern endlich aufhören zu streiten. Teo und auch seine Schwester Mathilde leiden sehr unter der verfahrenen Situation. Teo hat gehört, dass Napoleon alle Schlachten gewonnen habe. Und so ist es naheliegend: „Ich will, mit Napoleon reden. Ich muss eine sehr wichtige Schlacht gewinnen, und er ist der Einzige, der mir dabei helfen kann. Aber wenn ich mit ihm reden will, muss ich sterben, denn Napoleon ist schon tot.“

Während die Eltern mit sich selbst zu tun haben, seine Schwester sich zurückzieht, bleibt Teo allein mit seinen Gedanken und Gefühlen. Lorenza Gentile gelingt es hervorragend, sich in die Seele eines kleinen Jungen hineinzuversetzen und hält so den Erwachsenen einen wenig positiven Spiegel vor. Wir sind uns nämlich oft gar nicht im Klaren, was unsere Worte und unser Verhalten mit den uns anvertrauten kleinen Seelen anrichten.

Wie alle Kinder will auch Teo, dass seine Eltern sich wieder lieb haben. Er beschließt seine Familie zu retten. Und um mit Napoleon zu reden, muss er sterben. All das behält der Junge für sich. Diese Einsamkeit berührt, man möchte den Jungen in dem Arm nehmen, ihn trösten und ihm Mut zusprechen. Seine mit wunderbaren philosophischen Ideen durchwebte Gedankenwelt über Liebe, das Leben und den Tod, erinnern in manchem an den kleinen Prinzen.

Eine zufällige (?) Begegnung mit einem von der Welt vergessenen Menschen zeigt Teo einen Ausweg …

Ein philosophisches Märchen ist das, ein Buch das berührt und uns unsere Kinder mit noch einmal anderen Augen sehen lässt.

 

 

Das Spiel des Poeten

 

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Andrea Camilleri, Das Spiel des Poeten , Lübbe 2015, ISBN 978-3-7857-2535-1

Er geht langsam auf die sechzig zu, der sympathische Commissario Salvo Montalbano mit seiner hoffnungslos perspektivlosen Beziehung zu seiner Freundin Livia und seinen in den letzten Jahren immer stärker werdenden Problemen mit allerlei tatsächlichen, meist aber eingebildeten Alterserscheinungen.

Wieder will er, weil es seit Wochen überhaupt nichts zu tun gibt in Vigata, seine Livia in Bocasse besuchen, und wieder kommt ein Fall dazwischen. Zuerst gerät er unter Beschuss eines greisen Geschwisterpaares, die im religiösen Wahn auf alles schießen, was sich ihrem Haus nähert. Die beiden kommen in die Psychiatrie und die Polizei findet eine übel zugerichtete Gummipuppe. Das scheinen alles Petitessen zu sein, bis in einem anderen Viertel Vigatas eine zweite Gummipuppe mit identischen Blessuren aufgefunden wird.Gleichzeitig gehen immer wieder anonymen Botschaften an Montalbano, auf denen jemand in schlechten Reimen ihn zu so etwas wie einem Spiel, einer Art Schnitzeljagd einlädt. Zunächst aus Neugier und Langeweile folgt Montalbano diesen Hinweisen, doch bald merkt er den Ernst der Sache. Er entdeckt die Zusammenhänge zwischen dem Poeten und den Gummipuppen und er kommt auf die Spur eines seit Jahren ungeklärten Falles, als ein Mädchen auf eine mysteriöse Art verschwand und dessen Leiche nie gefunden wurde.

Dieser in Italien schon 2010 erschienene, nunmehr sechzehnte Band der Reihe ist eines der spannendsten Montalbano Romane. Stellenweise hat er das Zeug zu einem Thriller und integriert doch all das, was man an Camilleri liebt: sein Interesse an Literatur und gutem Essen und natürlich immer wieder der unvermeidliche Cataralla.

Insgesamt acht unübersetzte Montalbano Romane warten noch auf das deutsche Publikum und Camilleri hört nicht auf zu schreiben. So wünscht man sich selbst alt zu werden, oder? Am 6.September 2015 wird er 90 Jahre alt.

 

 

 

Ex

 

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Helen Fitzgerald, Ex  , Galiani 2015, ISBN 978-3-86971-081-5

 

Sie hat eine bipolare Störung und auch ihre Kindheit war offenbar nicht die beste. Die Rede ist von der Hauptperson des hier vorliegenden Thrillers, die den größten Teil der Geschichte selbst erzählt. Catriona Marsden aus Schottland hat immer wieder Blackouts, die ihre Erinnerung trüben und verwischen.

Zu Beginn des Buches findet sie sich im Gefängnis, weil sie im Verdacht steht, drei ihrer Ex-Freunde umgebracht und schrecklich verstümmelt zu haben. Zuvor war sie nach Lucca in der Toskana gefahren, wo sie zusammen mit ihrem Traummann, dem Arzt Joe, ihre Hochzeit vorbereitet hatte. In einer seltsamen Entscheidung geben die beiden sich in der Woche vor ihrer Hochzeit noch einmal völlige, vor allem sexuelle Freiheit.

Cats Mutter ist der Überzeugung, man müsse seine Vergangenheit richtig abschließen. Catriona legt das so aus, dass sie mit allen ihren vier bisherigen Partnern noch einmal ins Bett geht.
Sie schläft mit Johnny, Rory und mit Achmed und kann sich nicht erklären, wieso diese jeweils kurz danach mit abgeschnittenem Penis tot aufgefunden werden. Die Geschlechtsteile selbst findet man an anderen Orten, Orten, die für Catriona eine wichtige Bedeutung haben und die nur sie offenbar kennt. Schwache Fetzen an eine Handtasche und deren Inhalt geistern im Gefängnis durch ihre Erinnerung und auch der Leser spürt die Ungereimtheiten, ohne ihnen allerdings auf die Spur kommen zu können.

Eine Schriftstellerin, zunächst Cat sehr zugewandt, schreibt ein Buch darüber, über das Cat sehr schockiert ist, weil sie ganz anders dargestellt wird, als sie sich selbst sehen möchte.
Nur Cats Mutter und ihre beste Freundin schon seit den gemeinsamen Schulzeiten, Anna (sie begehrt Cat seit langem) halten bedingungslos zu ihr. Eine sehr verzwickte Lage wird da von Helen Fitzgerald aufgebaut. Sie wird sich in immer wieder neuen überraschenden Wendungen ändern. Rückblicke auf Cats Vergangenheit und ihre Geschichte mit den Männern wechseln sich ab mit spannenden Geschehnissen und Aktionen in der Gegenwart und führen zu für den Leser lange undurchschaubaren Verwicklungen. Was ist mit Joes Großmutter, die er so verehrt. Wo ist die Tatwaffe, eine Gartenschere abgeblieben? Ist Cat verrückt, und gestört, oder sagt sie die Wahrheit?

Lange Zeit gelingt es Helen Fitzgerald, den Leser im absoluten Dunkel zu lassen bis zu einem sehr überraschenden Ende. Er hat sich in der Zwischenzeit gut unterhalten und ein spannendes Buch gelesen, das in Sprache und Aufbau über dem Durchschnitt liegt, von einem großen Buch aber doch etwas entfernt ist.

Wie ein Wolf

 

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Geraldine Elschner, Antoine Guilloppe,  minedition 2014, ISBN 978-3-86566-260-6

 

Ein Hund ist die zunächst sehr traurige Hauptfigur in diesem beeindruckenden Bilderbuch, dessen Illustrationen von Antoine Guilloppe auf faszinierende Weise mit den Farben Weiß und Schwarz, mit Licht und Schatten spielen und immer wieder die Perspektive des Betrachters herausfordern.

Der Hund führt ein miserables Leben in einem elenden Hinterhof, wo er angebunden ist und sein Leid hinausheult. Die Anwohner vergleichen ihn mit einem Wolf, weil er so aussieht und sich auch oft so benimmt. Sie haben Angst vor ihm. Nicht nur deshalb kommt er irgendwann in ein Tierheim. Niemand will ihn von dort mitnehmen wegen seiner Wolfsart.

Als aber ein Schäfer eines Tages kommt, erkennt er die Qualitäten des Hundes sofort und nimmt ihn mit auf seinen Weiden zu seinen Schafen

Und der Hund, der seine eigene Geschichte selbst erzählt, sagt am Ende: Endlich bin ich das geworden, was ich schon immer war: ein guter Hund.

Ein berührendes Bilderbuch, das zu Gesprächen darüber einlädt, ob es das, was der Hund erlebt, auch bei Menschenkindern gibt.

Kraft. Der neue Weg zu innerer Stärke

 

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Claudia Croos-Müller, , Kösel 2015, ISBN 978-3-466-31047-0

 

Schon seit vielen Jahren hat sich in der psychologischen Forschung ein Begriff etabliert, mit dem die Forscher eine immer wieder bei einigen ihrer Patienten und Klienten beobachtete Kraft bezeichnen, mit Hilfe derer sie aus einer deprimierenden Situation wieder in das normale und volle Leben zurückkehren konnten. Mit der sie Widerstand leisten konnten gegen die sie bisher krank machenden Zumutungen ihrer Umwelt und mit der sie wieder optimistisch ihren Blick nach vorne richten und ihr eigenes Leben im Griff behalten konnten.

Die Schweizer Paar-, Familien- und Organisationsberaterin Rosmarie Welter-Enderlin hat Resilienz schon früh ein „Gedeihen trotz widriger Umstände“ genannt. Es bezeichnet eine psychische Fähigkeit von Individuen, die durch verschiedene Gründe vielen Menschen in der heutigen Zeit abhanden gekommen ist, beziehungsweise sie waren gar nicht der Lage, sie in ihrer Kindheit und Jugend zu entwickeln.

Die Psyche besitzt eine Art Schutzschirm, die den Menschen krisenfest macht. Der Kern der Resilienz ist das unerschütterliche Vertrauen in die Fähigkeit, sein eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Dieses Vertrauen stützt sich auf sieben Säulen unserer inneren Stärke: Optimismus, Bewältigungsorientierung, Verlassen der Opferrolle, Akzeptanz, Verantwortung, aktive Zukunftsplanung, Netzwerke und Freundschaften.

Robert Brooks hat 2008 im Klett-Cotta Verlag ein Buch veröffentlicht mit dem Titel. „Das Resilienz-Buch. Wie Eltern ihre Kinder fürs Leben stärken“, das wertvolle Hinweise gibt dafür, wie Eltern durch eine entsprechende Haltung ihre Kinder so stärken für ihr Leben, dass sie bei kommenden Krise nicht jedes Mal eine Therapie brauchen, sondern ihr Leben selbständig bewältigen können.

Die Neurologin und Psychotherapeutin Claudia Croos-Müller weist in dem hier vorliegenden Übungsbuch einen neuen „Weg zu innerer Stärke“. Das Buch will für seine Leser ein Resilienztraining sein, es will Mut machen auf die Kraft des Anfangs zu vertrauen uns sich auf den Weg zu machen.

In vier Kapiteln ist das Buch nachvollziehbar aufgebaut:

  • Lebenskraft und Resilienz – ein krisenfester Schatz
  • Was stärkt uns, was schwächt uns?
  • Resilienz durch Charaktertugenden

(dieses Kapitel ragt heraus, ich habe diesen Ansatz bei anderen Büchern über Resilienz so nicht gefunden)

  • Resilienz alltäglich kultivieren

Die von Claudia Croos-Müller entwickelte Body2Brain –Methode enthält gezielte, einfache Körperübungen, die Gehirnstrukturen und Gehirnaktivitäten positiv beeinflussen. Mit ihnen kann jeder sein mentales Kraftpotenzial fördern und ein starkes Lebensgefühl entwickeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach dem Unglück schwang ich mich auf, breitete meine Flügel aus und flog davon

 

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Joyce Carol Oates, , DTV 2015, ISBN 978-3-423-62608-8

Joyce Carol Oates ist nicht nur einer der wichtigsten amerikanischen Autorinnen von Romanen, sie hat in den letzten Jahren sich auch als Schöpferin wichtiger und tiefgehender Jugendbücher auf sich aufmerksam gemacht.

Auch in ihrem hier vorliegenden Buch erzählt sie eine Geschichte einer Kindheit und Jugend, eine schwierige Geschichte, die handelt von Schuld und falscher Erinnerung, von Flucht aus der Realität durch Drogen und Alkohol und von der großen Chance, sein Leben wieder zu gewinnen, es in die Hand zu nehmen, Enttäuschungen Stand zu halten und lernen zu lieben.

Der Roman erzählt die Geschichte von Jenna. Er beginnt mit der dramatischen Schilderung eines Autounfalls, während dem Jenna für einen Sekundenaugenblick etwas sieht, dann aber wieder vergisst. Als sie Tage später in einem Krankenhaus aufwacht, hat sie nicht nur alles vergessen, sondern auch ihre geliebte Mutter verloren. Dennoch: da ist etwas, ein Funken von Erinnerung, ein Lichtblitz des Gehirns, das immer wieder an die Oberfläche des Bewusstseins will, aber nicht kann. Vor allen Dingen deshalb nicht, weil die Schuld, die Jenna am Tod ihrer Mutter spürt, so groß ist, dass sie alles andere überdeckt. Alle geben ihr die Schuld am Tod der Mutter, glauben, dass Jenna ihr ins Lenkrad gegriffen und das Auto so in den Abgrund gezwungen hat. Das jedenfalls will Jenna in den Augen der anderen Menschen lesen, die Schuldgefühle lassen sie fast paranoide Züge entwickeln.

Sie lebt bei ihrer Tante, die sie nach dem Unglück aufgenommen hat, weil Jennas Vater sich schon aus ihrem Leben verabschiedet hat, als sie noch klein war. Er taucht jetzt wieder auf, will Jenna zu sich holen und zu seiner neuen Frau und seinem neuen Kind, doch Jenna spürt seine Unaufrichtigkeit und bleibt bei der Tante. Innerlich hat sich Jenna abgetötet: sie will nie wieder etwas fühlen, nie wieder verletzbar sein. Ihre Tante gibt sich Mühe, versucht sich ihr liebevoll zu nähern, aber Jenna wehrt alles brüsk ab und flüchtet immer mehr in Medikamente und Alkohol.

Als sie eines Tages dem von allen anderen Mädchen umschwärmten Crow in der Schule begegnet, ist sie sofort fasziniert von ihm, wagt sich ihm aber nicht zu nähern. Doch als sie eines Tages im Park stürzt und er ihr liebevoll aufhilft, beginnt eine Beziehung, die Joyce Carol Oates auf eine wunderbare Art schildert und beschreibt. Über viele Hürden muss diese Beziehung gehen, bis Jenna begreift , was sie von diesem Crow lernen kann, einem ganz außergewöhnlich reifen Jungen, dem das Leben auch schon so manchen Strick gedreht hat und der dennoch oder gerade deswegen früh zu einem Mann geworden ist. Jenna spürt, mit seiner Hilfe kann sie es schaffen, auch wenn sich ihr größter Wunsch leider nicht erfüllen wird….

Ein sprachlich anspruchsvoller Jugendroman, wunderbar komponiert und bewegend in Szene gesetzt. Allen jungen Menschen ab etwa 14 Jahren auf das Wärmste zu empfehlen.

Das Schönste, was ich sah

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Asta Scheib, Das Schönste, was ich sah, Hoffmann und Campe 2009, 413 Seiten, ISBN 978-3-455-40196-7

Das vorliegende  Buch der Schriftstellerin Asta Scheib zeigt die Autorin mit der Vorliebe für historische Sujets wieder einmal von ihrer allerbesten Seite. So wie schon bei ihren früheren historischen Romanen hat sie sehr sorgfältig recherchiert.

„Es geht um einen Maler“, sagt sie selbst über ihr Buch, „einen Maler, der im vorigen Jahrhundert gelebt hat und der ein sehr interessantes, starkes Leben hatte. Das ist Giovanni Segantini. Er wurde in Arco geboren, damals Österreich, und kam dann nach Mailand, auf die Hochschule. Dort hat er wirklich Malerei studiert. Als er 40 war, wurde er weltberühmt, und dann starb er. Also, eine ganz tragische Geschichte.“

Mit vielen Nachkommen dieses außergewöhnlichen Landschaftsmalers, der schon zu Lebzeiten die europäische Kunstszene begeisterte, hat Asta Scheib lange und persönliche Gespräche geführt und ist so zu ganz intimem Material gelangt, dessen Reichtum der endgültigen Romanfassung eine Sprache, einen Stil und Inhalt gibt, dass man als Leser denkt, die Autorin sei sozusagen als unsichtbare Chronistin immer schon in Giovanni Segantinis Leben gewesen.

Dieses Leben beginnt eher trostlos. Der spätere Maler wird in arme und kärgliche Verhältnisse hinein geboren. Die Kindheit, die ihm bei seiner Geburt bevorsteht, ist ein einziger Weg des Leidens und erlittener, zum Teil unsäglicher Qualen. Seine Mutter ist seit seiner Geburt schwer krank und sie stirbt, als Giovanni noch ganz klein ist. Sein Vater ist dem Alkohol verfallen, kann sich um seinen Sohn nicht kümmern und gibt ihn zu Verwandten, die aber auch keine positiven Gefühle für ihn übrig haben. Im Gegenteil, Giovanni kommt nach seiner Flucht von seiner Halbschwester Irene in eine Besserungsanstalt für Jugendliche, und dort erlebt er eine Hölle von körperlicher und seelischer Gewalt. Sein außergewöhnliches Talent im Malen und Zeichnen wird dort allerdings auch bemerkt und in Maßen unterstützt.

Irgendwann kann er diese Zuchtanstalt jedoch verlassen und wird an der Kunstakademie in Mailand zum Studium angenommen. Seine Arbeitsproben sprechen für sich.

In diese Zeit fällt das Kennenlernen von Luigia Bugatti, eine junge sechzehnjährige Frau aus wohlhabendem Haus an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Giovanni malt sie, wieder und immer wieder. Er verliebt sich in sie, wirbt um sie und lässt sich eines Tages von der jungen Frau, die ihrerseits sich den Maler verliebt hat, verführen.

Gegen alle Erwartungen und damaligen gesellschaftlichen Gepflogenheiten stimmen Luigias Eltern zu, dass ihre Tochter der Lebensgefährte des armen und mittelosen Künstlers wird. Doch Bice, wie er sie sein Leben lang zärtlich und liebevoll nennen wird, wird ihn nie heiraten können. Giovanni hat den Wehrdienst verweigert, ist vor der Kaserne geflohen und hat seine Staatszugehörigkeit darüber eingebüßt. Staatenlos und ohne Pass wird er lange Jahre überall, wo er sich mit seiner Familie niederlassen wird, nur geduldet sein, immer mit der Angst vor Ausweisung und Verhaftung lebend.

Doch Luigia Bugatti liebt ihn über alles, bekommt vier Kinder von ihm und ist ihm eine liebevolle und treu sorgende Ehefrau bis zu seinem Tod.

Das Leben der beiden ist nicht leicht; es ist geprägt von ständigen Geldsorgen und häufigen Wohnungs- und Ortswechseln.

Resultieren die Geldnöte im Anfang noch aus der Tatsache, dass kaum jemand Segantinis Bilder haben will und sein Freund und Agent in Mailand ihn immer wieder übervorteilt, so haben sie auf dem Höhepunkt seines Ruhmes, als seine Bilder ihm zu wahnsinnigen Preisen regelrecht aus der Hand gerissen werden, ihre Ursache in seiner Unfähigkeit mit Geld umzugehen. Hat er welches, macht er insbesondere Bice wertvolle Geschenke, die sich auch darüber freut, dennoch der nächsten Durststrecke bang entgegensieht.

Überhaupt ist es faszinierend zu lesen, wie diese Frau ihrem geliebten Mann durch dick und dünn beisteht, seine Schwächen akzeptiert und ihm damit den Boden bereitet für seine erfolgreiche Kunst. Ohne sie wäre der Maler Segantini undenkbar, das hat Asta Scheib in ihrem wunderbaren Roman, der die Familie auf ihrem unruhigen und sorgenvollen, immer wieder aber auch überglücklichen Weg durch das Leben begleitet, in sehr sympathischer Weise gezeigt.

Doch es ist nicht nur ein Familienroman, eine Liebesgeschichte und die Schilderung eines Künstlerschicksals, sondern der Roman ist auch kunstgeschichtlich beeindruckend. Asta Scheib hat sich in Segantinis Bilder vertieft, ist in ihnen aufgegangen. Zusammen mit dem offiziellen und inoffiziellen Quellen, die sie bei ihren Recherchen angezapft hat, ist es ihr so gelungen, nicht nur eine Künstlerexistenz darzustellen, sondern sie hat einen bewegenden Roman einer Beziehung geschrieben zwischen einem Mann und einer Frau, wie sie so vielleicht heute nicht mehr möglich wäre.

Dabei achtet Asta Scheib auf jedes erdenkliche Detail, nicht nur in den leuchtenden Landschaftsbeschreibungen der Schweiz, sondern auch in der Schilderung der Umstände dieses Lebens und Paares und der damaligen Zeit ist sie regelrecht versessen auf das Detail. Was sie fasziniert hat:

„Meine Romanfiguren haben alle gemeinsam, dass sie in ein Schicksal hineingeboren worden sind, was ihnen nicht gemäß ist. Und ich beschreibe dann, wie sie mit aller Kraft versuchen, sich ihre Stelle, die richtige Stelle zu erarbeiten. Und das tut auch dieser Maler.“

„Das Schönste, was ich sah“ ist ein faszinierender Roman in einer dichten, dem Sujet angemessen Sprache, der den Leser in seinen Bann zieht, dass er regelrecht mitfiebert mit dem Schicksal dieser besonderen und außergewöhnlichen Liebe zwischen Giovanni Segantini und Luigia Bugatti.