Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Vom Schmerz

 

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Gustav Dobos, Vom Schmerz, Elisabeth Sandmann 2015, ISBN 978-3-945543-11-5

 

Dieses Buch ist ein Plädoyer für einen ganzheitlichen Ansatz der Schmerztherapie. Mit konkreten Fallbeispielen und Patientengeschichten Patientengeschichten wird eine Vision deutlich einer Medizin mit Hand und Herz
Vielen Menschen, die unter Schmerz leiden, kann nicht geholfen werden, weil die seelischen Zusammenhänge und Kausalketten von Ärzten nicht gesehen oder zu wenig beachtet werden. Die Mind-Body-Medizin von Professor Gustav Dobos setzt genau hier an und stellt den Patienten ganzheitlich in den Mittelpunkt. In diesem Buch werden anhand vieler konkreter Patientengeschichten neue Sichtweisen und Behandlungskonzepte aufgezeigt, die zu seinem überaus erfolgreichen Therapieprogramm gehören. Dieses Buch erscheint zu seinem 60. Geburtstag und ist ein Plädoyer, sich mit chronischen Krankheiten anders auseinander zu setzen.

„13 Millionen Menschen leiden in Deutschland an chronischen Schmerzen. Sie verkrampfen sich unter Stress..“ heisst es in der Einleitung des handlichen Buches des Autorenteams Prof. Dr. Gustav Dobos und Dr. Petra Thorbrietz. Dort findet sich zum Stress auch eine überzeugend anschauliche Strukturskizze. Sie zeigt links einen ‚Stress-Stausee‘ mit folgenden Austritten aus dem Stauseedamm: Diese austretenden, betroffenen ‚Stressstrahlen‘ benennt das Autorenteam mit Schlaf, Bewegung, Ernährung, Entspannung, Verhaltensänderung, Medikamente, soziale Beziehungen, Humor, Spiritualität und ‚gebirgiges Naturumfeld‘. Als Lösungsfeld zum Schmerz stuft der Naturheilkundler Dobos das Thema Schmerz als ein schwieriges Syndrom ein, und bittet die „Einbahnstrasse Medikamente“ zu verlassen. Wichtig sei, den Körper so zu behandeln, dass dabei die  Seele berührt wird. Dazu verhilft die Mind-Body-Medizin zur Erfahrungsänderung. Als Quintessenz sieht er die Integrative Medizin als Heilmethode der Zukunft. Es ist ein schlüssiger Weg zum Ertragen und Heilen.

 

 

Ein besonderer Junge

 

 

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Philippe Grimbert, Ein besonderer Junge, DTV 2015, ISBN 978-3-423-14425-4

Wenn ein Psychoanalytiker mit dem Schwerpunkt Jugendpsychiatrie beginnt Romane zu schreiben, dann muss man damit rechnen, dass er in seinen Büchern entsprechende Stoffe einbaut. Schon in seinem auch als Film ungeheuer erfolgreichen Buch „Ein Geheimnis“, in dem er seiner jüdischen Kindheit nachspürte, hat Grimbert mit Übertragungsphänomenen gespielt.

In „Ein besonderer Junge“  erzählt er die Geschichte eines jungen Mannes, der nach mehreren Versuchen nicht mit seinen Studien an der Universität klarkommt. Da sieht er eines Tages einen Aushang:
„Suche motivierten jungen Mann für die Betreuung eines besonderen Jugendlichen während eines Aufenthalts mit seiner Mutter in Horville (Calvados)“

Wie elektrisiert notiert sich Louis die Angaben. Zwei Wörter haben es ihm angetan, berühren etwas in ihm, was im Verlauf der Handlung näher ausgeführt wird. In Horville war das Sommerhaus, in dem Louis mit seiner Familie über viele Jahre die Sommerferien verbrachte. Horville war der Ort einer jahrelangen tiefen Freundschaft zu Antoine, einem Jungen, dem sich Louis seelenverwandt fühlte. Und er stolpert über das Wort „besonderen“.

Indem er diesen Zettel liest, beginnt seine Erinnerung an seine Kindheit hervorzusprudeln, in der ihn sein Vater immer als einen „besonderen Jungen“ bezeichnete. Louis trifft sich mit dem Vater des zu betreuenden Jugendlichen und fährt dann nach Horville, wo Iannis mit seiner Mutter eine Zeit verbringt, in der sie ihren neuen Roman fertig stellen will.

Viele Helfer haben sich in den letzten Wochen und Monaten schon an der Betreuung des sechzehnjährigen Iannis verhoben und oft schon nach wenigen Tagen ihre Arbeit beendet. Louis wird auch bald klar, warum der stumme Junge nicht nur seiner Mutter eine solche Last ist. Doch er hält durch, baut langsam eine emotionale Beziehung zu dem Jungen auf, der in seinem Verhalten die kleinste Emotion, die in seiner Umgebung spürt, widerspiegelt.

Zunächst widersteht Louis auch den erotischen Avancen der Mutter, bis er sich später von ihr verführen lässt. Diese sexuellen Erfahrungen und die entsprechenden Kindheitserinnerungen an vorpubertäre Sexualität sind nur ein Strang eines Buch, das in kurzen Abschnitten erzählt und in kursiver Schrift den Protagonisten immer wieder in seine Kindheit und seine tiefe Freundschaft zu Antoine führt. Ja, ich wage zu behaupten, dass es diese „durchgearbeiteten“ Erinnerungen sind, die Louis ermöglichen, eine immer stabilere Beziehung zu Iannis aufzubauen, von dem sich herausstellt, dass er hinter dem Rücken seiner eher kalten Eltern schreiben und lesen gelernt hat. Und es ist die zugelassene Trauer um den Verlust seiner Kindheit und die Trennung von Antoine, die es ihm ermöglicht, am Ende auch Iannis gehen zu lassen, doch nicht bevor er etwas absolut Verrücktes tut und sich damit wohl für sein ganzes weiteres Leben befreit.

Eine wunderbare, mit dichter Sprache erzählte Geschichte vom Erwachsenwerden und vom Anderssein.

Charlotte

 

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David Foenkinos, Charlotte, DVA 2015, ISBN 978-3-421-04708-3

 

Charlotte Salomon, eine jüdische Künstlerin, die 1943 in Auschwitz vergast worden ist, ist lange von der Kunstwelt und Kunstkritik kaum beachtet worden. Dabei hätte sie neben Paula Modersohn-Becker, Marc Chagall und anderen in einem Atemzug genannt werden und zu einer der bedeutendsten Künstlerinnen de 20. Jahrhunderts gezählt werden können.

Als der Schriftsteller David Foenkinos zum ersten Mal von ihr erfährt und ihre Bilder sieht, treibt die Lebensgeschichte dieser jungen Frau ihn um, sie raubt ihm nachts den Schlaf, wie er berichtet, und sie geistert durch viele seiner letzten und erfolgreichen Romane. „Die Vorstellung, was aus ihr hätte werden können, wäre sie nicht ihrer jüdischen Herkunft wegen von den Nazis ermordet worden, ist zum Verzweifeln.“

Jahrelange Recherchen führen schlussendlich zu einem Roman, mit dem Foenkinos erfolgreich versucht, diesem Leben und dieser Lebensgeschichte gerecht zu werden. Es ist ein Roman geworden, der aus relativ kurzen Sätzen besteht, nach denen er jedes Mal eine neue Zeile beginnt. So entsteht ein sehr dichtes und unter die Haut gehendes Leseerlebnis, das Charlotte Salomon dem Leser ganz nahe kommen lässt.

Charlotte Salomon wird 1917 als Tochter jüdischer Eltern in Berlin geboren und wächst als einziges Kind einer bürgerlichen Familie auf, deren Geschichte vom Dunkel zahlreicher Suizide überschattet ist, die auch Charlotte eine tiefe Traurigkeit eingeprägt haben. Als sie neun Jahre alt nimmt sich die Mutter das Leben und Charlotte wird fortan von wechselnden Kindermädchen betreut, von denen einzig das Fräulein Hase ihr Herz erreicht. Nach der Heirat des Vaters, eines angesehene Chirurgen mit der gefeierten Opernsängerin Paula Lindberg gehen eine Zeitlang berühmte Künstler und Wissenschaftler bei den Salomons ein und aus. Doch die Machtergreifung der Nazis beendet das alles schlagartig. Der Vater verliert die Lehrbefugnis, die Stiefmutter ihre Engagements. Kurz vor dem Abitur muss Charlotte die Schule verlassen. Genau in dieser Zeit entdeckt sie ihre Begeisterung für die Malerei und findet in ihr einen Weg, der düsteren Wirklichkeit zu entfliehen. Foenkinos beschreibt das so:

„Künstler erreichen in ihrem Leben einen bestimmten Punkt.
Einen Punkt, an dem sich eine innere Stimme zu Wort meldet.
Etwas in ihnen breitet sich unaufhaltsam aus, wie Blutstropfen im Wasser.“

Als eine der letzten Jüdinnen wird sie 1935 an der Berliner Kunstakademie zugelassen, doch 1939 muss sie zu den Großeltern nach Villefranche in Südfrankreich fliehen. Dort malt sie wie im Rausch einen Zyklus mit über tausend Gouachen expressionistischen Stils, in denen sie ihr ganzes Leben erzählt. „Leben? Oder Theater?“ betitelt sie dieses „Singspiel“, das sie 1942 mit den Worten „Das ist mein ganzes Leben“ einem Vertrauten übergibt.

Das Versteck in Frankreich, wo sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Alfred Nagel lebt, wird bald zum Verhängnis. Als die SS die schwangere Charlotte Salomon am 21. September 1943 abholt, ist sie 26 Jahre alt.

Ihre Bilder sind heute im „Joods Historisch Museum“ in Amsteramm ausgestellt. Dort hat sie Davoid Foenkino vor vielen Jahren gesehen und hat sie später zur Grundlage seines Romans gemacht, der ihm lange stilistisch Kopfzerbrechen bereitete:

„Ich spürte ständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.
Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben muss“.

Jede Zeile ein Satz. Es ist ihm damit ein überaus lebendiges Porträt gelungen. In seinem literarischen Andenken meldet sich Foenkinos immer wieder selbst zu Wort und gibt Rechenschaft über seine Arbeit als Autor. Er überwindet Konzeptionen und gängige Normen für eine Biografie und schafft so ein eigenes Kunstwerk, das dem der Charlotte Salomon gerecht wird.

Seine poetisch-reduzierte Sprache, seine hohe Emotionalität, seine Mischung von Tatsachen und Fiktion verschafft dem Leser ein einzigartiges Erlebnis. Die hohen Auflagen in Frankreich und die Auszeichnungen, die das Buch erhalten hat kommen nicht von ungefähr.

Ein ganz außergewöhnliches Buch.

 

Als Paar getrennt, als Eltern zusammen

 

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Jos Willems, Als Paar getrennt, als Eltern zusammen, Patmos 2015, ISBN 978-3-8436-0573-1

 

Die Zahl der Ehen und Beziehungen mit Kinder, die scheitern und die Eltern sich trennen, ist in den letzten Jahrzehnten sehr stark angestiegen. Während die Eltern oft sehr schnell neue Partner finden, sind es die Kinder, die unter solchen Trennungen am meisten leiden, völlig unabhängig von ihrem Alter.

In vielen Fällen solcher Trennungen und Scheidungen geht für die Kinder die intensive Beziehung zu einem Elternteil verloren, den auch gelegentliche Wochenend- oder Ferienbesuche nicht ersetzen können.

Was die Kinder brauchen, ist eine vertrauensvolle Bindung an beide Elternteile, während und auch nach einer Trennung. Das zu ermöglichen, liegt an beiden Elternteilen. Doch wie kann das in dem Durcheinander der Gefühle, in dem Wust gegenseitiger Enttäuschungen und Vorwürfe, die eine Trennung meist mit sich bringen, gelingen? Wie bekommt man das emotional auf die Reihe, ohne die Kinder hineinzuziehen.

Die drei holländischen Autoren dieses aufschlussreichen und verständlichen Ratgebers versuchen zu diesem Thema verschiedene Wege aufzuzeigen, wie zwei Menschen, die als Paar sich getrennt haben, dennoch als Eltern zusammenbleiben können.

An vielen Beispielen aus ihrer Beratungspraxis ( sie sind Anwälte bzw., Beziehungsberater und leben alle in einer Patchworkfamilie) machen sie deutlich, dass es neben den gängigen Betreuungsmodelle (Papawochenende u.ä.) vielfältige Lösungen geben kann, die sich jeweils individuelle erarbeiten können.

Es ist eine besondere Leistung des Buches dass sie Patchworkfamilien nicht idealisiert, sondern immer wieder auf die Probleme und Schwierigkeiten hinweist und sie benennt, die es geben kann und wird, wenn das getrennte Paar es ernsthaft versucht, als Eltern zusammenzubleiben, zum Wohl und zum Segen ihrer Kinder.

Den Ratgeber kann man allen betroffenen empfehlen, weil er in seiner Vielzahl unterschiedlicher Fälle und Beispiele für jeden sicher einige realistische Hinweise enthält, die er in seinem Leben und mit seinen Kindern umsetzen kann.

Kleiner Floh ganz groß

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Laurie Cohen, Kleiner Floh, ganz groß, Gerstenberg 2015, ISBN 978-3-8369-5821-9

 

Dieses kleine handliche Bilderbuch für Kinder ab etwa 2 Jahren erzählt in einfachen Bildern und in knapper, verständlicher Sprache die Geschichte eines kleinen Flohs. Der fühlt sich extrem klein, wäre gerne groß, und beschließt auf verschiedene Dinge zu klettern.

Zuerst versucht er es mit der Erbse, dann mit einem Apfel, einer Blume und einer Kletterpflanze. Dann ist ihm nach Größerem und er setzt sich auf ein Haus, einen Mast, einen Wolkenkratzer und schließlich auf eine Wolke.

Ein Bär, der ihn, in die Luft schauend, dort entdeckt, macht sich lustig über ihn und sagt, er sei klitzeklein, während er dagegen …

Das hätte er lieber nicht gesagt, denn im Fell des Bären, auf den der Floh sich wutentbrannt gestürzt hat, ist der Floh sehr groß: der größte Quälgeist nämlich.

Ein schönes Bilderbuch, in dem die Kinder anschaulich etwas lernen können über Größenverhältnisse.

Noch so eine Tatsache über die Welt

 

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Brooke Davis, Noch so eine Tatsache über die Welt, Kunstmann 2015, ISBN 978-3-95614-053-2

 

Die australische Schriftstellerin Brooke Davis hat mit diesem Erstlingsroman wie mit einem Paukenschlag nicht nur die literarische Bühne ihres Heimatlandes betreten, sondern ihr Buch „Noch so eine Tatsache über die Welt“ ist seit seinem Erscheinen im vergangenen Jahr zu einem internationalen Bestseller geworden, den Kunstmann nun auch dem deutschen Publikum präsentiert.

Erzählt wird die Geschichte von drei Menschen, die nicht nur vom Alter her sich stark unterscheiden. Da ist die siebenjährige Millie Bird, die schon ganz früh immer wieder mit dem Tod und mit schwerem Verlust konfrontiert wird. Zunächst stirbt ihr Hund Rambo, dann auch ihr Vater. Und kurze Zeit später, der Vater ist kaum beerdigt, geht ihre Mutter in einem Kaufhaus „kurz weg“, und kommt nicht mehr wieder. Sie hat sie einfach zurückgelassen wie ein lästiges Stück Gepäck.

Und da ist der siebenundachtzigjährige Karl, der von seinem Sohn in ein Altersheim gebracht wurde, in dem er aber nicht bleiben will und von dort wegläuft. Er geht zuerst mal ins Kaufhaus, bis sich etwas Besseres findet. Und dort trifft er die von der Mutter verlassene Millie.

Als die nach einer sehr unterhaltsamen zu lesenden Episode mit Karl im Kaufhaus allein an ihr Elternhaus kommt, wird das wie alles andere beobachtet von Agatha Pantha, einer zweiundachtzigjährigen Frau, die seit ihr Mann gestorben ist, verbittert nicht mehr das Haus verlassen hat, aber durch ihr Fenster alles sieht und beobachtet.

Diese drei brechen auf eine abenteuerliche Reise auf, um Millies Mutter zu suchen. Was sie dabei finden, ist wie eine Rückkehr zu sich selbst und ins Leben. Und in die Liebe. Denn zwischen dem vereinsamten, aber sehr romantisch veranlagten Karl und der schrägen Agatha bahnt sich im Verlauf des Buches eine ungewöhnliche Liebesbeziehung an. Brooke Davis gelingt es gut, dieses oft belächelte Thema auf eine sehr ernsthafte Weise zu beschreiben, mit Schönheit und Poesie.

Davis lässt ihre Figuren abwechselnd auftreten und so dem Leser immer vertrauter werden. Es geht nicht nur um Liebe und Freundschaft, sondern auch um die ständige Gegenwart und Realität des Todes und vieler anderer Formen von Verlust.

All das erzählt sie auf eine liebevolle, schräge, ernsthafte und gleichwohl lustige Weise, dass man das Buch schnell zu Ende liest und jede unnötige Pause vermeidet.

Ein wunderbares Buch, das geradezu singt vom Glück zu leben.

 

 

Die Möglichkeit eines Verbrechens

 

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Dror Mishani, Die Möglichkeit eines Verbrechens, Zsolnay 2015, ISBN 978-3-552-05737-1

 

Henning Mankell, der nun wirklich Ahnung hat von guter Kriminalliteratur, hat den vor zwei Jahren erschienenen Debütroman „Vermisst“ des israelischen Literaturprofessors und Lektors Dror Mishani „originell und beeindruckend“ genannt und war insbesondere angetan von Avi Avraham, mit dem ein neuer, sehr spezieller Ermittler die Krimibühne betrat.

Auch sein neuer, hier vorliegender Roman „Die Möglichkeit eines Verbrechens“ spielt in Cholon, einem Vorort der israelischen Metropole Tel Aviv. Dort ist der alleinstehende, ziemlich schrullige Kommissar Avi Avraham zuständig für allerlei kleinere und größere Delikte. Mal ist es eine Schulhofprügelei, mal ein Diebstahl. Nichts Weltbewegendes und vor allen Dingen nichts, was Avi aus der Ruhe bringen könnte. Er strahlt zunächst etwas aus wie Langeweile und eine subtile Form von Inkompetenz, und man fragt sich als Leser, wie ein solcher Ermittler erfolgreich sein kann.

Nach seinem letzten Fall, als er beim Verschwinden eines 16- jährigen Jungen insbesondere zu dessen Eltern die nötige Distanz vermissen ließ, leidet Avi Avraham unter diesen Fehlern. Während einer Auszeit in Belgien hat er eine Frau kennengelernt und auch neuen Mut für sein eigenes, eher einsames Leben geschöpft. Neben der spannenden Handlung des zu lösenden Falles, verfolgt Dror Mishani auch sensibel die beginnende Geschichte dieser nicht ganz unproblematischen Beziehung.

Im neuen Fall wird vor einem Kindergarten in Cholon eine Bombenattrappe gefunden. Ein am Tatort Festgenommener muss wieder freigelassen werden. Als Avraham mit der Betreiberin spricht, spürt, dass die nicht die Wahrheit sagt und irgendetwas zu verbergen hat. Als wenig später die Betreiberin des Kindergartens auch noch Opfer einer gewalttätigen Attacke wird, und ins Koma fällt, gerät der Cateringunternehmer Chaim Sara schnell in Tatverdacht. Denn der hatte, wie er auch zugibt, vor kurzem mit Frau einen heftigen Streit um die Qualität ihrer Arbeit. Und er verwickelt sich in Widersprüche, insbesondere über seine philippinische Frau, die angeblich zu ihren Eltern auf die Philippinnen geflogen ist.

Dror Mishani fängt sehr sensibel das Leben und den Alltag in Cholon ein, von den „typischen“ israelischen Themen ist kaum die Rede, wohl aber vom Alltag und den Sorgen der auftretenden Personen. So entsteht nicht nur eine faszinierende Milieustudie, sondern auch ein spannender Psychothriller, dessen Handlung sich zuspitzt und am Ende mit einem völlig unerwarteten Höhepunkt glänzt.

Avi Avraham ist ein Ermittler ganz anderer Art. Er will keine Fehler machen und entscheidet dennoch fast nur aus dem Bauch. Aus seiner Sicht ist der ganze Roman erzählt und auch Chaim Saras Perspektive wird immer wieder dargestellt. Erst allmählich löst sich die Verwirrung beim Leser und die Fäden einer wieder nicht ganz fehlerfreien Ermittlung laufen zusammen.

Die Bücher Dror Mishani und seine Hauptfigur Avi Avraham sind nichts für Freunde von Actionthrillern und toughen Kommissaren. Dieser hier macht Fehler, ist absolut menschlich und wird vielleicht durch die Beziehung zu seiner neue Partnerin die persönliche Bodenhaftung bekommen, die im noch fehlt. Sind wir auf den dritten Band mal gespannt.

Mir jedenfalls hat auch das neue Buch ausgesprochen gut gefallen.

 

 

 

Hunkelers Geheimnis

 

 

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Hansjörg Schneider, Hunkelers Geheimnis, Diogenes 2015, ISBN 978-3-257-06937-2

 

Der pensionierte Basler Kommissär Peter Hunkeler liegt im Krankenhaus. Er ist an der Prostata operiert worden, und es hat sich herausgestellt, dass es kein Krebs war. Hunkeler fühlt sich verschont und spürt, wie schon in den früheren Jahren so etwas wie Dankbarkeit für sein Leben, auch wenn seine Erinnerungen mit steigendem Alter immer intensiver werden.

Hansjörg Schneider, der in einem Interview bestätigt hat, das Hunkeler, seine Lebensgeschichte und seine Gedanken sehr mit seiner eigenen Biographie und seinen Gedanken zu tun haben.

Hunkeler liegt also im Krankenhaus und neben ihm im gleichen Zimmer ein alter Bekannter: Stephan Fankhauser, einst wie Hunkeler bei den Achtundsechzigern, ist er durch die Institutionen marschiert und Leiter der Balser Volkssparkasse geworden. Nun ist er schwerkrank. Eines Nachts beobachtet Hunkeler, wie eine Krankenschwester mit einen Rubinring an der Hand, Fankhauser eine Spritze setzt. Der wehrt sich heftig und ist am nächsten Morgen tot. Hunkeler weiß nicht recht, ob er einer Täuschung durch die eigenen Medikamente aufgesessen ist, doch es wird sich später herausstellen, dass er richtig beobachtet hat.

Später, während einer Handlung, in der Schneider wieder in die Schweizer Geschichte zurückgeht und sie parallel setzt zu zeitgenössischen Ereignissen, hier die Finanzkrise.

Und während der er Hunkeler seien eigenen Gedanken denken lässt:

„In seiner Jugend, dachte Hunkeler, waren die Schweizer stolz gewesen auf ihr Land. Man sprach vom freien Schweizer und meinte sich selbst. Man war stolz darauf, dass man den Flüchtlingen Asyl gewährte. Man war auch stolz auf die Banken. Denn in ihnen lag das Geld unschuldig Verfolgter in sicherer Verwahrung. Ein Stück vom Freiheitskämpfer Wilhelm Tell steckte in jedem Eidgenossen und jeder Eidgenossin.“

Doch die Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg hat sich als rassistisch herausgestellt und die einst angesehenen Banken sind in unglaubliche Skandale verwickelt. Und was zunächst aussieht wie eine Sinnestäuschung hat Zusammenhänge bis in die ferne Vergangenheit.

Seit 1993, als der Basler Schriftsteller Hansjörg Schneider seinen ersten Kriminalroman um den Kommissär Peter Hunkeler veröffentlichte, ist er als Krimiautor ein Geheimtipp geworden. Obwohl seine Bücher keine hohen Auflagen erreichen, wie etwa die seiner modern gewordenen schwedischen Kollegen, sind die Romane auf höchstem Niveau, mit viel politischer Analyse, gesellschaftlich-hintergründigem Witz und immer auch angereichert mit einer subtilen Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, besonders denen in Basel und in der Schweiz.

Peter Hunkeler war früher verheiratet, hat aus dieser Ehe auch eine erwachsene Tochter, mit der sein Kontakt aber spärlich ist. Seit vielen Jahren ist er zusammen mit Hedwig, einer engagierten Erzieherin, die es trotz allem Stress versteht, ihr Leben zu genießen und auf diese Weise Peter Hunkeler immer wieder einen guten Ruhepol bietet, auch wenn ihre Streitgespräche ein wahrer Lesegenuss sind. Besonders wenn sie Wochenenden oder andere freie Tage in ihrem Häuschen im Elsass direkt hinter der französisch-schweizerischen Grenze verbringen.

Hunkeler hat eine bewegte Lebensgeschichte hinter sich. In der Studentenbewegung engagiert, hat er sich eine libertär-liberal-linke Position bewahrt, die nie dogmatisch war oder wird. Vielleicht ist er darin das treue Abbild seines genialen Schöpfers. Er kennt in Basel Gott und die Welt und seine sozialen Kontakte machen vor Klassenschranken und sozialen Milieus nicht Halt. Er verkehrt mit Schriftstellern, Künstlern und Theaterleuten, Lebenskünstlern, halbseidenen Figuren an der Grenze zur Unterwelt. Er trifft sie auf der Straße, in Cafes, vor allem aber abends und nachts in den alten Basler Beizen, die vom Aussterben bedroht sind, und denen Hansjörg Schneider in seinen Büchern nebenbei ein Denkmal setzt.
Er liebt Menschen und die Geschichten, die mit ihnen verbunden sind. Und weil er sich so gut in Menschen hinein versetzen kann, löst er alle seine Fälle mit diesem „Gspüri“. Auch diesen Fall, er ihm nach seiner Entlassung aus dem Krankhaus keine Ruhe lässt. Und wie schon zu seiner aktiven Zeit meiden ihn die Kollegen, mit denen er wieder zu tun bekommt. Seine Eigenständigkeit und innere Ruhe machen ihnen Angst, erst recht, wo er nun keine Verpflichtungen mehr hat. Und wie schon damals erweist sich der Staatsanwalt Suter als heimlicher Unterstützer.

Das vorliegende Buch Schneiders ist vielleicht der Beste aller neun Hunkelerbände. Seine Altersweisheit und sein unideologischer Blick auch auf seine eigene Vergangenheit lassen ihn erkennen, was trotz allem sein Basel für ihn liebenswert macht, auch als politische Heimat.

 

 

 

 

Mein großes Baustellenbuch

 

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Anne-Sophie Baumann, Didier Balicevic, Mein großes Baustellenbuch, Gerstenberg 2015, ISBN 978-3-8369-5861-5

 

Solche Bücher hat mein Sohn als er klein war, geliebt. Baustellen, Fahrzeuge, die dort gebraucht werden, Menschen, die dort die unterschiedlichsten Bauwerke errichten und vor allen Dingen viele Informationen über den Ablauf der Arbeiten und über deren Techniken.

Und wenn dann noch, wie in dem vorliegenden Buch von Anne-Sophie Baumann und Didier Balicevic, unzählige Aufklappen und Drehräder mit weiteren Entdeckungen dazukommen, dann ist der Buchgenuss für einen kleinen Jungen vollkommen.

Gezeigt werden auf je einer Doppelseite die Baustelle eines Hauses, wie ein Kran gebaut wird und eine Straße, eine U-Bahn und eine Brücke. Der Aufbau einer Achterbahn wird gezeigt und wie ein Flugzeug gebaut wird. Der Bau eines Schiffes und der Aufbau eines Zirkuszeltes bilden den Abschluss in einem Buch, mit dem sie jedem Jungen eine Freude machen werden, die lange anhält. Denn über viele Jahre wird er dieses Buch immer wieder in Hand nehmen, immer mehr verstehen und immer wieder Neues entdecken.

Bald ist Weihnachten. Für Jungen ab etwa vier Jahren ein ideales Geschenk.

Dsa sind alles Bilder und Wörter

 

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Yayo Kawamura, Das alles sind Bilder und Wörter, Coppenrath 2015, ISBN 978-3-649-61869-0

Dies ist ein wunderbares Buch für alle Kinder ab etwa 18 Monaten, also genau der Zeit, in der die Sprachentwicklung explodiert, der Wortschatz zunimmt und die Kleinen auf eine Weise wissbegierig sind und lernbereit, wie es später nur noch selten in dieser Intensität vorkommt.

Über 200 Begriffe aus der ganzen Welt des Kleinkindes sind nach Themen geordnet abgebildet und benannt. Was lässt sich das alles erkennen und benennen: Im Zuhause, im Garten, bei den Tieren und bei den Fahrzeugen, in der Küche und im Ablauf des Jahres mit den Jahreszeiten.

Jedes einzelnen Bild ist eine Einladung an die Kinder zum Sprechen und Erzählen. Ähnlich wie bei den Wimmelbüchern brauchen sie hierzu aber auch die Unterstützung und die Begeisterung von Erwachsenen, die mit ihren zusammen dieses Buch anschauen und die unzähligen Geschichten entdecken, die mit der fantasievollen Zusammenfügung einzelner Begriffe zum Leben erweckt und erzählt werden wollen.