Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Mythos Überforderung

 

 

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Michael Winterhoff, Mythos Überforderung, Gütersloher Verlagshaus 2015, ISBN 978-3-579-06620-2

 

Die Rede von der persönlichen Überforderung in Beruf und Alltag ist überall laut zu vernehmen. Immer mehr Burn-Out in der Arbeitswelt, schlechte Leistungen und Schulprobleme bei Schülern, immer mehr Beziehungen, die scheitern – alles wird von den Betroffenen und von der Gesellschaft in der sie leben zurückgeführt auf die immer weiter Steigenden Überforderung der Individuen. Die fühlen sich ausgebrannt, erschöpft und leer. Der Druck, ständig erreichbar bzw. online zu sein, neuen Medien, immer mehr Termine und eine wachsende Flut von Informationen, die auf uns einprasseln, machen viele Menschen regelrecht fertig. Es reduziert die Lebensqualität und mit dem steigenden Tempo unserer Umgebung und offenbar immer neuen Krisen, die unser Leben möglicherweise bedrohen, wächst eine diffuse Angst und bestimmt den Alltag.

Das Ergebnis der Analyse von Winterhoff: Die Welt ist härter geworden, doch wir Menschen schwächer. Viele Erwachsene resignieren heute in unserer Gesellschaft, sie vermeiden regelrecht, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Immer mehr Menschen sehen sich in einer Opferrolle und geben jede Verantwortung ab, flüchten sich in Erschöpfung, Krankheit und Burn-out. Winterhoff nennt das den Überforderungs-Mythos, der nicht wahrer werde, wenn er von den Medien immer wieder beschworen wird. Dieser Mythos sei grundfalsch und lenkt uns vom Eigentlichen ab, sagt er. „Das Problem sind nicht die anderen – das Problem liegt in uns selbst.“

Der verhängnisvolle Mechanismus dieser Opferrolle wird entlarvt. Erwachsen werden, Verantwortung für sich selbst und das eigene Leben übernehmen, sich nicht mehr als notwendig fremdbestimmen lassen und endlich wieder eigene Entscheidungen treffen, darum geht es.

Vom Opfer der Verhältnisse zur erwachsenen Persönlichkeit, das ist der Weg den Winterhoff an vielen Beispielen aufzeigt. Ich bin sicher, dass sich jeder Leser an der einen oder anderen Stelle wieder erkennt und für sich und seinen Alltag das eine oder andere Positive aus diesem Buch mitnehmen kann.

Winterhoff jedenfalls ist optimistisch: Ich bin aber überzeugt, dass es nur noch wenige Jahre dauern wird, bis wir aus dieser Sackgasse herausgefunden haben. Wir werden lernen, die digitale Revolution zu beherrschen. Wir werden lernen, für uns selbst zu sorgen. Denn wir Menschen verfügen über eine Fähigkeit, die uns zum großen Teil ausmacht und die uns hunderttausend Jahre lang überdauern ließ: Wir können uns auf neue Bedingungen einstellen – und das schon ab morgen.“

 

 

Die Sprache der Vögel

 

 

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Norbert Scheuer, Die Sprache der Vögel, C.H. Beck 2015, ISBN 978-3-406-67745-8

 

Der Sanitätsobergefreite Paul Arimond kommt 2003 zu einem Einsatz in Afghanistan, in ein Land, das auch schon sein Vorfahr Ambrosius einst, auf der Suche nach der Universalsprache der Vögel, einst bereist hatte. Auch Paul liebt es, Vögel zu beobachten und Aufzeichnungen über sie zu machen. Paul hat von zu Hause einen Packen Schuldgefühle mitgenommen, die ihn plagen, weil er einen Autounfall mit verursacht hat.

Norbert Scheuer versieht Pauls Tagebuchnotizen mit Erinnerungsgeschichten und Geschehnissen aus der Heimat in der Eifel. Seine Beobachtungen bei der Vogelschau sind so scharf justiert wie das Fernglas von seinem Vater, das er dabei benutzt.

Ob Paul seine Schuld in dem Land der Vögel mit dem einzigartig blauen Himmel abladen kann?

Scheuers neues Buch besticht durch eine schlichte Sprache. Im Laufe der Tagebuchnotizen und eingestreuten Rückbesinnungen baut sich ein Spannungsfaden der Lebensgeschichte des Soldaten Paul auf, der den Leser mit seiner Poesie und seiner tragischen Schwere immer weiter lesen und das Buch kaum aus der Hand legen lässt.

Aus der Flucht vor einer persönlichen Last und Schuld in die Freiheit, die Paul bei der Vogelobservation erlebt, wird ein emotionaler Kriegsbericht vom Hindukusch, der in seltsamer Weise über dem Leben zu schweben scheint. Norbert Scheuers „Die Sprache der Vögel“ wirkt wie eine Passionsgeschichte, die noch lange, nachdem man das Buch aus der Hand gelegt hat, nachklingt in der Seele.

 

Die Karmann-Story

 

 

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Bernd Wiersch, Die Karmann – Story. Haute Couture aus Osnabrück, Delius Klasing 2015, ISBN 978-3-667-10330-7

 

Wie der Autor bereits im Vorwort erwähnt, stand ihm das Unternehmensarchiv nicht zur Verfügung. Um so mehr ist anzuerkennen, wieviel historisches Material und Fakten Bernd Wiersch, ein profunder VW-Kenner, zusammentragen konnte. Wer allerdings eine Aufstellung aller jemals von Karmann gebauten Fahrzeuge und Prototypen in Form eines Catalogue Raisonée erwartet, wird enttäuscht sein. Hauptziel des Buches ist die Darstellung der über 100-jährigen Geschichte des Hauses.

Entsprechend beginnt das Werk mit dem Lebensweg des Gründers Wilhelm Karmann senior (1871-1952), der bereits 1901 eine Wagenbaufabrik übernahm und damit selbständig wurde. Hauptgeschäftszweig war der Kutschenbau, aber bereits 1902 entstand die erste Automobilkarosse auf einem Dürkopp-Fahrgestell. Es ging schnell aufwärts, selbst die Folgen des Ersten Weltkriegs wurden durch geschickte Produktwahl wie Handwagen, Pferdekarren und ähnliches überbrückt. In den zwanziger Jahren reiste Wilhelm Karmann in die USA. Die dort aufgenommenen Impulse führten zu einer starken Modernisierung seiner Werke. In den dreißiger Jahren prägte die Zusammenarbeit mit Adler in Frankfurt die Produktion, außerdem übernahm der Sohn Wilhelm Karmann junior zunehmend Verantwortung im Unternehmen.

Auch von Hanomag und Ford konnte man Aufträge bekommen. Leider zerstörte der Zweite Weltkrieg und seine Folgen erst einmal jegliche Hoffnung. Aber man gab nicht auf, kam über Ford zu einer Verbindung mit dem Volkswagenwerk und damit zu einem großen Auftragsvolumen über viele Jahre. Käfer Cabrio, Karmann Ghia, Golf Cabrio, Scirocco und Corrado wurden in erheblichen Stückzahlen produziert.

Aber auch für die Auto Union, Porsche, BMW, Mercedes und Opel, um nur einige zu nennen, fertigte man Karosserien und ganze Autos. Weitere Standbeine waren die Werkzeugfertigung, die Konstruktion von Cabrioverdecken, Wohnmobile und der Prototypenbau. So war man eigentlich bestens aufgestellt, zusätzlich existierten noch Betriebe im Ausland, Karmann do Brasil wurde bereits 1960 gegründet, in den 90ern und später kamen noch Werke in den USA, Mexiko, Portugal und Polen aufgebaut. Das 100-jährige Jubiläum feierte man 2001, die Zeichen standen noch voll auf Erfolg. Hauptaufträge waren zu dieser Zeit das Mercedes SLK Cabrio, das Audi Cabrio und das Renault Mégane Cabrio. Leider war man nicht erfolgreich beim Akquirieren von Neuaufträgen, die Produktion sank dramatisch, was im April 2009 zum Insolvenzverfahren führte. Verhandlungen mit VW führten im November des gleichen Jahres zur Gründung der Volkswagen Osnabrück GmbH, so dass immerhin rund 2.000 Mitarbeiter im neuen Unternehmen Beschäftigung fanden, wenn auch zu schlechteren Bedingungen.

Bernd Wiersch hat diese Geschichte gut nachrecherchiert und das Buch lässt sich flüssig lesen. Statt streng chronologisch vorzugehen, wird in manchen Kapiteln das Geschehen parallel nach Themen dokumentiert, so zum Beispiel die Zusammenarbeit mit verschiedenen Automarken. Auch der zeitliche und wirtschaftliche Kontext wird gut erklärt.

 

 

 

 

 

 

Die schönsten Hüttentouren für Mountainbiker

 

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Armin Herb, Die schönsten Hüttentouren für Mountainbiker, Delius Klasing 2015, ISBN 978-3-667-10140-2

 

Für eine Alpenüberquerung oder ein ganze Woche Bikeurlaub benötigt man viel Zeit und Organisation. Auf Tagestouren sitzt man allerdings oft mittags auf einer schönen Hütte und würde gerne bleiben. Zwei Tage Zeit allerdings etwa über ein Wochenende finden sich immer und mit einer Hüttenübernachtung kann man den Alltag schon weit hinter sich lassen. Wenn die meisten Biker und Wanderer von ihrer Eintagestour schon wieder im Tal sind, wird es auf der Hütte erst richtig urig und gemütlich, vor allem, wenn man unter der Woche auf Tour geht.

Die Tourenauswahl in diesem Buch ist besonders Die Hütte sollte eine besonders schöne Lage haben, die Route zudem interessant sein. Auch die Strecke sollte vernünftig fahrbar sein (auch für Normalbiker) und die Höhenmeter und Kilometer sollten gut verteilt sein. Die Touren sind hervorragend beschrieben und die vielen Bilder der wunderbaren Natur, durch die die Touren führen, tun ihr Übriges , um jedem Biker so richtig Lust auf eine oder mehrere solcher Touren zu machen.

Und was die Hütten betrifft: Die Zeiten, als auf Hütten nur Erbsensuppe und Dosenwürstchen die Speisekarte bestimmten, gehören längst der Vergangenheit an. Initiativen der Alpenvereine wie “So schmecken die Berge“ bewirken, dass das Essen auf Berghütten heute oft besser schmeckt als in vielen Gasthäusern im Tal. Was den Schlaf im Gebirge betrifft, so finden mittlerweile selbst Empfindliche, die im Matratzenlager kein Auge zubekommen, eine gute Lösung. Viele Alpenvereinshütten und private Berghäuser bieten auch Zwei- und Drei-Bett-Zimmer an. Mit diesen beiden Argumenten – mehr Komfort und gute regionale Küche – überzeigt das Buch auch alte Hüttenmuffel.

Bald ist Weihnachten. Hier haben Sie ein ideales Geschenk für Ihren Bikerfreund.

 

Zwölf Leben

 

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Ayana Mathis, Zwölf Leben, DTV 2015, ISBN 978-3-423-14436-0

 

Von der amerikanischen Kritik schon mit der ersten schwarzen Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison verglichen, ist das Romandebüt von Ayana Mathis tatsächlich ein erstaunlich reifes und tiefes Buch.

Es erzählt in einzelnen Geschichten von der Afroamerikanerin Hattie und ihren elf Kindern. Jeder dieser zwölf Personen hat sie ein Kapitel gewidmet, die in einem Zeitrahmen zwischen 1925 und 1980 angesiedelt sind. Immer mehr, je weiter die Erzählungen schreiten, ergibt sich ein Bild einer Familie, ihren verschiedenen Charakteren und der Entwicklung der einzelnen Personen in einer Gesellschaft, die den Afroamerikanern ihre Rechte verweigert und durchsetzt ist von verdecktem und offenem Rassismus.

Erschütternd sind sie oft, die Schicksale der einzelnen Personen und lassen den Leser mehr als einmal regelrecht sprachlos zurück. In einer verzaubernden und mitreißenden Handlung wird mit einer poetischen und an Bildern reichen Sprache erzählt von Hoffnung und Liebe und von Schuld und Vergebung.

Mit großer Spannung dürfen die Leser in den USA und dann auch in Deutschland ihr zweites Buch erwarten, von dem zur Zeit nicht bekannt ist, wann es erscheinen wird. Dann wird sich auch zeigen, ob die schnellen Vergleiche mit Toni Morrison standhalten.

Melodie d`amour

 

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Margriet de Moor, Melodie d`amour, DTV 2015, ISBN 978-3-423-14440-7

 

In vier in einem inneren Zusammenhang stehenden, doch jede für sich abgeschlossenen Geschichten erzählt die große niederländische Schriftstellerin Margriet de Moor von dem Gefühl, das wir Liebe nennen und seinen unzähligen Spielarten.

Die Protagonisten, die sie erfunden hat dafür, sind keine besonderen Figuren, sondern eher Menschen wie du und ich. Schon in ihrem Romandebüt „Erst grau dann weiß dann blau“ hatte Margriet de Moor 1991 die jetzige Form mit vier Kapiteln aus vier Perspektiven genutzt, zu dem sie nun zurückkehrt.

In allen vier Teilen dieses sprachlich vorzüglichen Romans geht es um ein zentrales Unterthema, das Verschweigen. Die Verschwiegenheit ihrer Protagonisten und seine kurz- und langfristigen Folgen sind typisch für Margriet de Moors Stil und Erzählhaltung. Sie braucht keine psychologischen Erkenntnisse und Interpretationen um die Macht und die Skurrilitäten der Liebe zu erklären.

Immer wieder respektiert sie die Liebe als ein letzten Endes unergründliches Gefühl, das nicht rational erklärt werden kann. Deshalb urteilt sie auch nicht über ihre Figuren, sondern schildert deren Gefühle und Handlungen mit einem aus Sympathie geborenen Abstand. In vielfältigen Wendungen und Schleifen, in denen es geht um Leidenschaft und Verrat, beschreibt sie sowohl erfüllte als auch zerstörende Varianten der Liebe zwischen Frauen und Männern. Sie zeigt, wozu die Liebe fähig ist, und was sie aus früher besonnenen Menschen machen kann.

Eine schöne, angenehme und sprachlich anspruchsvolle Lektüre.

Der Geschmack der Sehnsucht

 

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Kim Thuy, Der Geschmack der Sehnsucht, DTV 2015, ISBN 978-3-423-14446-9

 

In ihrem ersten 2010 in Deutschland erschienenen epigrammatischen Buch „Der Klang der Fremde“ schreibt die in Vietnam geborene und als Zehnjährige mit ihren Eltern in den Westen geflohene Kim Thuy, die nun mit ihrem Mann und zwei Kindern in Montreal lebt:
„Man glaubt immer, das Leben von Einwanderern sei nur schwer. Und vergisst dabei, dass ihre Erfahrungen auch wunderbare, lustige, bewegende und oft ganz absurde Momente einschließen“.

Dieses kleine Erstlingswerk war ein bewegendes und eindrückliches Buch, durchzogen von einer tiefen Dankbarkeit an das Leben, das es bei allem Leid und allem erlebten Schrecklichen doch gut mit ihr gemeint hat.

Diese Haltung und diese Stimmung durchziehen auch ihren neuen hier vorliegenden Exilroman „Der Geschmack der Sehnsucht“. Er erzählt in kurzen Geschichten und Epigrammen die Geschichte eines jungen Mädchens, das in den Wirren des vietnamesischen Bürgerkriegs verloren geht und von einer „Mutter“ an die nächste gegeben wird. Erst die dritte Frau, die sich um das Mädchen kümmert, trifft eine Entscheidung. Um ihr eine gute Zukunft zu sichern, wie sie glaubt, arrangiert sie eine Ehe mit einem älteren Vietnamesen, der vor langer Zeit schon nach Kanada ausgewandert ist und der dort eine Suppenküche betreibt.

Es ist ein zunächst sehr ungleiches Paar, das nun ein Zusammenleben versucht. Die junge Frau, die in der ersten Zeit die Suppenküche nicht verlässt und permanent arbeitet, erinnert sich an den „Geschmack der Sehnsucht“, an die Kunst des Kochens, das Alphabet der Gewürze und ihre Sprache, und an die unzählige Kräuter und Ingredienzen, von denen jede einzelne eine Bedeutung hat und eine Geschichte erzählen kann. All das hat ihre leibliche Mutter sie einst gelehrt. Das, was sie zunächst vor den mehr und mehr begeisterten Kunden noch verborgen da kocht und zusammenmischt, spricht sich herum, so gut schmeckt und bekommt es. Das Ehepaar wird bekannt und die Leute rennen ihnen den Laden ein. Mit ihrem Erfolg, und das ist der Kern des Buches, entdeckt die junge Frau sich selbst, und findet eine eigene Sprache, in der sie endlich auch Wünsche und Sehnsüchte formulieren kann und darf. Und dann schreibt sie so wunderbar poetische Sätze wie den über das Glück (hanh phuc) und seine Farbe Rot:
„Aus Aberglauben muss jedes Geschenk in dieser Glücksfarbe verpackt sein, denn Eheleute brauchen sehr viel Glück, um jene Balance zu finden, die es zwei Menschen ermöglicht, ein einziges Leben zu schaffen, das wiederum andere Leben tragen muss.“

Und genau das begegnet ihr eines Tages selbst. Sie entdeckt überraschend eine starke Liebe, die ihr ungeahnte Möglichkeiten neuen Lebens aufzeigt.

Ein wunderbar poetisches Buch über die Kraft der Sehnsucht und der Liebe, und wie sie über ungeahnte Weiten und Hürden tragen kann, auch in einem neuen Leben in der Fremde.

Das Blutbuchenfest

 

 

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Martin Mosebach, Das Blutbuchenfest, DTV 2015, ISBN 978-3-423-14441-4

 

Fällt in Literaturkreisen der Name des Büchnerpreisträgers Martin Mosebach, da scheiden sich gleich die Geister. Und das nicht etwa wegen unterschiedlicher Vorstellungen von der Qualität seiner Romane und Essays, sondern hauptsächlich wegen dem, wofür Martin Mosebach steht. Als überzeugter konservativer Katholik, der den lateinischen Ritus verteidigt, ist er für eine mehrheitlich religionskritische Kultur- und Literaturkritik ein Ärgernis.

Doch er, immer korrekt gekleidet mit Fliege und Einstecktuch, lässt sich davon nicht beirren. Er verfügt seit Jahren über ein beeindruckendes polemisches Temperament und wird auch mit seinem neuen Buch die Geister scheiden. Und das nicht nur, weil er Sofa mit ph schreibt und die deutsche Sprache in ihrer wunderbaren Vielfalt beherrscht wie kaum ein anderer. Sondern einfach deshalb, weil es ein Buch ist von Martin Mosebach.

Den Rezensenten hat der neue Roman mit dem Titel „Das Blutbuchenfest“ gefesselt von der ersten Seite an. Es ist ein Buch voll hintergründigem Witz und es zeugt in der Schilderung seiner unterschiedlichen Protagonisten von einer tiefen und reflektierten Menschenkenntnis seines Autors.

Der Roman spielt in Frankfurt. Es ist die Zeit Anfang der neunziger Jahre. Kaum war die Berliner Mauer gefallen und die Welt begann von einem neuen friedlichen Zeitalter zu träumen, da beginnen im zerfallenden Jugoslawien Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Ethnien und religiösen Gruppen, die man in Europa so nie mehr für möglich gehalten hätte.

Es ist die weibliche Protagonistin des Buches, Ivana, die, seit vielen Jahren schon illegal Frankfurt lebend, für viele andere Figuren aus dem illustren Kabinett Martin Mosebachs putzt, die die Verbindung herstellt zwischen dem einen Handlungsort Frankfurt und den teilweise ins Lächerlich-Absurde gezogenen Spleens seiner dort sich tummelnden Figuren und der demgegenüber fast archaisch anmutenden Heimat Ivanas in den bosnischen Bergen.

Die meisten Figuren, auch der namenlose Ich-Erzähler, ein gescheiterter Kunsthistoriker, der bisher nicht viel aus seinem Leben gemacht hat, treffen sich mehrfach in der Woche in einem angesagten Restaurant, bei Merzinger. Dort fröhnen sie an verschiedenen Tischen ihren aufgeblasenen und hohlen Ideen. Unter anderem der sich intellektuell gebende Wereschnikow. Er hat schon einmal mit Henry Kissinger gesprochen und er kennt Boutros Ghali. Mit deren Unterstützung will er mit einem internationalen Kongress über Menschenwürde insbesondere das Werk von Mestrovic, dem Michaelangelo Bosniens in einer Ausstellung zeigen.

Hier zeigt Mosebach seine politische Polemik gegenüber einer damals im Westen herrschenden Stimmung, die sich gegenüber dem atavistischen Geschehen des Bosnienkriegs völlig hilflos zeigte. Insbesondere die Kapitel, in denen Ivana, eine entfernte Verwandte des Bildhauers, und der Erzähler nach Bosnien reisen, zeigen in einer auch sprachlich beeindruckenden Weise, wie entfernt die beiden Welten voneinander sind.

Und dass, während dort der Krieg ausbricht, hier ein Fest gefeiert wird, bei dem es nur um Fressen und Saufen geht, spricht für sich.

Jede seiner vielen anderen Figuren, die hier nicht erwähnt werden, hat Mosebach meisterhaft gezeichnet. In einer Sprache und mit einer Grammatik, die mich jedenfalls auf jeder Seite neu gefangen genommen und begeistert hat. Mosebachs anspruchsvoller Stil macht sein Buch nicht zum Pageturner, dennoch kann man es kaum aus der Hand legen vor lauter stiller Begeisterung.

Kirche überlebt

 

 

 

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Reinhard Marx, Kirche überlebt, Kösel 2015, ISBN 978-3-466-37152-5

 

In seinem neuen Buch präsentiert der Münchner Kardinal und enge Berater von Papst Franziskus, Reinhard Marx ein Plädoyer für die Erneuerung der katholischen Kirche. Keiner oberflächlichen Anpassung an die Moderne redet er das Wort, sondern einer geistlichen Offensive und einer radikalen Öffnung zur Welt. Das Buch ist, obwohl es wohl in sehr kurzer Zeit geschrieben worden, alles andere als oberflächlich. Es ist eine tiefgehende Analyse der schwierigen gegenwärtigen Situation der Kirche und ein kraftvoller Appell für eine glaubwürdige und zukunftsorientierte Kirche

Die globalisierte Welt und die kulturell vielfältige Gesellschaft brauchen „ das Evangelium und die Kirche als kritische Wegbegleiterin, die sich nicht zurückzieht und sich nur an der Vergangenheit orientiert“. All denen, die dadurch die Substanz gefährdet sehen, sagt er: „Das Alter und die Autorität einer Institution schützen weder vor dem Niedergang noch reichen sie aus als Quelle der Erneuerung. Wer darauf baut, sollte sich eher bemühen, die Kirche zum Weltkulturerbe zu erklären.“ Kirche als Institution sei kein Selbstzweck. Sie sei eine Gemeinschaft, die sich auf die ganze Welt hin richtet, auf alle Menschen. Ihre Aufgabe: diesen Menschen die befreiende Botschaft des Glaubens nahe zu bringen.

Diplomatisch sehr geschickt versucht er durch seine Formulierungen möglichst viele Kritiker mit ins Boot zu nehmen und die Laien zu stärken:

„Der Weg der Erneuerung kann nur in einem neuen Miteinander, im Hören auf das Evangelium und in einer verstärkten, synodalen Suchbewegung gefunden werden.“

Er plädiert für eine größere Dezentralisierung, mehr Eigenständigkeit der Ortskirchen (die keine Filialkirchen Roms seien), bessere Verwaltungen und moderne Personalführung. „Der Umgang mit dem Missbrauchsskandal hat uns da aufgerüttelt und sensibel gemacht für eine ordentliche, stringente Personalverwaltung und Personalführung.“

Alles in allem glaubt Marx fest daran, dass seine Kirche lebt und auch „über“ lebt. Die Familiensynode im Oktober wird zeigen, wie groß die Unterstützung des Klerus in den Fragen ist, die Marx so sehr umtreiben.

Ein wichtiges Buch, das ich als evangelischer Theologe mit großen Interesse und viel Zustimmung gelesen habe.

 

 

Stark wie ein Phönix

 

 

 

 

 

 

 

 

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Michaela Haas, Stark wie ein Phönix, O.W. Barth 2015, ISBN 978-3-426-29240-2

 

Schon seit vielen Jahren hat sich in der psychologischen Forschung ein Begriff etabliert, mit dem die Forscher eine immer wieder bei einigen ihrer Patienten und Klienten beobachtete Kraft bezeichnen, mit Hilfe derer sie aus einer deprimierenden Situation oder nach einem erlebten Trauma wieder in das normale und volle Leben zurückkehren konnten. Mit der sie Widerstand leisten konnten gegen die sie bisher krank machenden Zumutungen ihrer Umwelt und mit der sie wieder optimistisch ihren Blick nach vorne richten und ihr eigenes Leben im Griff behalten konnten.

Die Schweizer Paar-, Familien- und Organisationsberaterin Rosmarie Welter-Enderlin hat Resilienz schon früh ein „Gedeihen trotz widriger Umstände“ genannt. Es bezeichnet eine psychische Fähigkeit von Individuen, die durch verschiedene Gründe vielen Menschen in der heutigen Zeit abhanden gekommen ist, beziehungsweise sie waren gar nicht der Lage, sie in ihrer Kindheit und Jugend zu entwickeln.

Die Psyche besitzt eine Art Schutzschirm, die den Menschen krisenfest macht. Der Kern der Resilienz ist das unerschütterliche Vertrauen in die Fähigkeit, sein eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Dieses Vertrauen stützt sich auf sieben Säulen unserer inneren Stärke: Optimismus, Bewältigungsorientierung, Verlassen der Opferrolle, Akzeptanz, Verantwortung, aktive Zukunftsplanung, Netzwerke und Freundschaften.
Neue Forschungen zum posttraumatischen Wachstum eröffnen eine revolutionäre und überraschende Sicht auf das Thema Trauma. Menschen können auch nach schwersten Krisen Weisheit und Kraft schöpfen, um sich ihr Leben wieder neu aufzubauen. Mit den richtigen Strategien sind sie sogar in der Lage, an den Krisen innerlich zu wachsen und ihre Erfahrung an andere weiterzugeben.
Michaela Haas erklärt das Phänomen in dem vorliegenden Buch anhand von zwölf eindrucksvollen Porträts. Sie interviewte unter anderem die Menschenrechtslegende Maya Angelou, die erfolgreiche Autistin Temple Grandin, den Auschwitz-Überlebenden Coco Schumann und trommelte mit Def Leppard-Schlagzeuger Rick Allen
Die aufbauenden Erkenntnisse dieser von Schicksalsschlägen gezeichneten Menschen werden durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigt, und sie zeigen: Diese Fähigkeiten stecken in uns allen! Wie wir sie aktivieren können, zeigt Michaela Haas zusätzlich durch effektive Übungen zum Aufbau von Resilienz.

Denn Resilienz als das unerschütterliche Vertrauen in die Fähigkeit, sein eigenes Leben in den Griff zu bekommen ist etwas, das man nicht einmal erwirbt und dann immer behält, sondern dieses Vertrauen und diese Fähigkeit müssen immer wieder „genährt“ und geübt werden.

Es ist eigentlich gleich, an welchem Punkt man beginnt. Hilfreich ist es jedoch immer, wenn man so etwas wie eine spirituelle Haltung und Lebenspraxis besitzt. Und vor allen Dingen immer für sich selbst entscheidet, was einem gut tut: „Stärke ist immer eine Kombination von vielen Faktoren“.

Diesen Faktoren der eigene Stärke auf die Spur zu kommen und sie dann schrittweise einzuüben und Sie auch in die Erziehung der eigenen Kinder zu integrieren, dazu hilft das vorliegende Buch auf ganz hervorragende Weise.