Sieh mal an, was der rote Faden kann

 

 

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Sabine Lohf, Sieh mal an, was der rote Faden kann, Gerstenberg 2015, ISBN 978-3-9369-5812-7

Ein roter Faden zieht sich durch alle Seiten dieses schönen kleinen Bilderbuchs von Sabine Lohf, das Yvonne Hergane mit kleinen, knappen und lustigen Reimen versehen hat.

Schöne und phantasievolle Bastelcollagen zeigen, wie der rote Faden die Kinder mitnimmt auf eine spannende Entdeckungsreise. Ganz viele Formen kann  er annehmen. Er ist das Schnurrhaar einer Katze und ein Springseil. Dann wird er plötzlich zur Schlange und dann zum Haus vom Nikolaus.

Das Buch lädt ein, mit einem eigenen Faden die Figuren nachzulegen, und die Reime nachzusprechen. Vielleicht erfinden Eltern und Kinder zusammen auch neue?

Villas and Houses 2010-2015

 

 

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Alexander Brenner, Villas and Houses 2010-2015, Callwey 2016, ISBN 978-3-7667-2152-5

 

Ästhetik und Funktionalität bestimmen die Architektursprache der Bauten von Alexander Brenner. Der bereits vielfach publizierte Stuttgarter Architekt hat schon 2011 ebenfalls bei Callwey eine eigene Zusammenstellung seiner realisierten Häuser und Villen vorgelegt, die durch eine klare Formensprache und die konsequente Fortführung im Innenraum überzeugten.

Seine Wohnskulpturen  setzen Maßstäbe – sowohl in Funktionalität und Ästhetik als auch in Nachhaltigkeit, was für den Architekten nicht nur ein energetisches Thema, sondern auch eine Sache der Gestalt ist und bedeutet, aktuelle und auch zukünftige Wünsche der Bauherren zu berücksichtigen.

Alexander Brenner genießt seit langem große internationale Anerkennung und zeigt im Fortsetzungsband zum erfolgreich ersten Buch neue außergewöhnliche Häuser und Villen, realisiert von 2010 bis 2015. Brenners dreidimensionale Kunstwerke sind absolut zeitgemäß und zeichnen sich neben umfassender Detaillierung durch den mitgeplanten Innenausbau auf höchstem technischem Niveau aus. Alle Projekte werden mit großformatigen Außen- und Innenaufnahmen, Plänen und Beschreibungstexten vorgestellt.

Über die jeweiligen Kosten werden keine Angaben gemacht. Sie werden sich aber in Bereichen bewegen, die für einen normalen Häuslebauer unerschwinglich sind. Ich persönlich habe Hochachtung vor der architektonischen Leistung Brenners, aber wohnen möchte ich in keinen einzigen dieser megamodernen Häuser. Sie sind mir zu kalt.

Leica and Zagato

 

 

 

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Der italienische Karosseriegestalter Zagato präsentiert im Vorfeld seines 100-jährigen Bestehens eine außergewöhnliche und aufwändige Bildband-Trilogie. Leica and Zagato – USA Collectibles ist das erste von drei Coffee-Table-Books und stellt berühmte Zagato-Design-Kunstwerke, die derzeit in den USA zu Hause sind, vor. Die USA bietet mit ihren vielen unterschiedlichen Landschaften auch die Bühne, auf der Fotograf Winston S. Goodfellow die Zagato-Autos mit seinen Leica-Kameras festhält.

Zusätzlich zu den emotionalen Fotoreportagen widmet das Buch den gemeinsamen Design-Projekten von Leica und Zagato ein Kapitel. Und auch die Geschichte des Familienunternehmens Zagato wird anhand der porträtierten Autos beleuchtet. 1919 von Ugo Zagato gegründet, im Jahr 2016 von Andrea Zagato geführt, ist Zagato vor allem für seine Karosseriedesigns für die großen italienischen Marken wie Lancia, Fiat und Alfa Romeo bekannt.

Für historisch oder technisch interessierte Leser ist das Buch nicht geeignet, es geht letztlich nur um schöne Autos im interessanten Ambiente. Sozusagen im Vorgriff auf das 100-jährige Jubiläum von Zagato, das in drei Jahren fällig ist, hat man die Zusammenarbeit mit der renommierten Marke Leica als Anlass genommen, diese Reihe zu produzieren. Winston Goodfellow hat 33 in den USA existierende Zagato-Schöpfungen ausgewählt und an diversen Schauplätzen fotografiert. Die schönsten Alfa Romeo, Aston Martin, Ferrari, Lancia, Lamborghini, Maserati, aber auch je ein Jaguar, Abarth oder AC wurden abgelichtet. Jeweils ein Foto mit viel Landschaft sowie zwei Bilder, die näher am Auto sind, ergeben einen faszinierenden Bildband. Die meisten Fotos sind von größter Qualität,. Garniert ist das Ganze von Zitaten mehr oder weniger wichtiger Menschen ohne wirklichen Zusammenhang. Wie gesagt, meist tolle Bilder, wenig Text (in Englisch), kein Buch für Historiker, aber für Ästheten, die Freude an schönen Büchern von tollen Autos haben. Zwei weitere Bände werden sich Zagtao-Creationen in Europa und Japan widmen.

 

 

Eule, Fuchs und Fledermaus

 

 

 

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Thomas Müller, Eule, Fuchs und Fledermaus, Gerstenberg 2016, ISBN 978-3-8369-5838-7

 

Durch seine bisherigen vier Bücher, in denen er mit großer Sachkenntnis und wunderbaren Zeichnungen die Eule, die Schwalben, Spatzen und Störche durch das Jahr begleitete und ihren jeweiligen Lebensrhythmus und ihre Ernährungs- und Fortpflanzungsgewohnheiten beschrie, ist Thomas Müller zu einem der besten Sachbuchautoren für Kinder geworden.

Nun legt er ein schönes großes Sachbilderbuch vor über die Tiere der Nacht, jenen also, wie der Eule (die mag er genauso wie Guliano Ferri offenbar besonders), dem Fuchs und der Fledermaus, die erst dann aktiv werden, wenn nach dem Untergang der Sonne die meisten anderen Tiere sich schon zur Nachtruhe geben haben. Und es ist erstaunlich, wo man diese nachtaktiven Tiere überall findet. Thomas Müller stellt sie vor nach ihren Lebensräumen im Dorf, auf dem Feld und den Wiesen, am Waldrand, im Wald, am See, im Garten und in der Stadt.

In einem abschließenden Kapitel gibt er kindgerechte Hinweise darauf, wie man Tiere bei Nacht beobachten kann, wenn man zum Beispiel auf einer Nachtwanderung unterwegs ist mit den Eltern oder der Schule. Aber auch direkt vor der Haustür gibt es schon viel zu beobachten, wenn es dunkel geworden ist.

Ein beispielhaftes und schönes Sachbilderbuch für Kinder ab etwa 5 Jahren zum Vorlesen und Anschauen geeignet.

 

Fühl! Dich! Wohl!

 

 

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Werner Bartens, Fühl dich wohl. 333 Rezepte für ein langes und gesundes Leben, Droemer 32016, ISBN 978-3-426-27681-5

 

Wie oft wollten Sie schon Ihr Leben ändern? Oder doch wenigstens einen wesentlichen Teil davon, den. Nämlich, der Ihnen am meisten Probleme macht? Und, ehrlich: wie oft sind Sie daran gescheitert?

Werner Bartens, der in Vergangenheit mit seinen Büchern schon vielen Lesern einen alternativen Zugang zu sich, Ihrem Körper und zu ihren Beziehungen ermöglichte, geht in seinem neuen Buch einen anderen, viel unspektakuläreren, aber viel erfolgreicheren Weg. Statt der großen revolutionären, alles umkrempelnden Veränderung, schlägt er vor, lieber viele Dinge um ein kleines Bisschen zu ändern. Denn es sind diese kleinen Veränderungen, die wir Menschen realistischerweise nachhaltig umsetzen können, weil das Scheitern an den ganz Großen allzu menschlich ist und in der Regel die meisten Menschen überfordert.

Er geht in seinem Buch den Körper entlang vom Kopf bis zu den Füßen und gibt Anregungen, die bei regelmäßiger Anwendung einen unmittelbaren Nutzen für das körperliche und seelische Wohlbefinden und für die eigene Gesundheit und Zufriedenheit ergeben.

Wissenschaftlich fundiert können diese kleinen Tipps und Übungen, Regeln und Verhaltensweisen, Einsichten und Ideen eine ganze Menge dazu beitragen, ein glücklicheres Leben zu führen, ohne gleich die großen Ambitionen verwirklichen zu müssen. Viele kleine Schritte an vielen Orten deines Körpers können dich verändern.

 

 

I saw a man

 

 

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Owen Sheers, I saw a man, Der Hörverlag 2016, ISBN 978-3-8445-2120-7

Er stammt aus Wales, wo er auch einen Teil der Handlung seines hier anzuzeigenden Romans spielen lässt, ist 41 Jahre alt und hat in vielen großen Zeitungen und Zeitschriften seines Heimatlandes in der Vergangenheit Reportagen veröffentlicht. Schon Owen Sheers erster Roman („Resistance“)  wurde in 10 Sprachen übersetzt (die deutsche Version wird sicher von DVA nach dem Erfolg des zweiten bald in Angriff genommen werden) und sein neuer Roman „I saw a man“ schickt sich an, noch erfolgreicher zu werden.

Owen Sheers Roman ist ein Thriller, der es an Spannung mit den ganz großen des Genres aufnehmen kann. Kaum hat man das Buch aufgeschlagen, ist man vom ersten Satz an in den Bann gezogen:
„Der Vorfall, der ihrer aller Leben veränderte, ereignete sich an einem Samstagnachmittag im Juni, kurz nachdem Michael Turner – in der Annahme, es sei niemand da – das Haus der Nelsons durch die Hintertür betreten hatte. London ächzte unter einer Hitzewelle. Überall im South Hill Drive standen die Fenster offen, und das Blech der Autos war so heiß, dass die Schweißnähte in der Sonne knackten.“

Doch Michael Turner ist kein Dieb und Einbrecher, sondern er will als guter Nachbar und Freund von Josh und Samantha Nelson sich nur einen ausgeliehenen Schraubenzieher zurückholen. Scheinbar ist niemand zu Hause, obwohl die Hintertür offen ist. Und so macht er sich auf die Suche.

Owen Sheers schafft es bis weit über die Hälfte des Buches, den Leser  über diesen „Vorfall, der ihrer aller Leben veränderte“ im Unklaren zu lassen, über das, was in diesen kurzen Augenblicken, als Michael Turner in dem Haus unterwegs ist und die Treppen hochsteigt, geschieht. Das steigert die Spannung ins fast Unerträgliche und motiviert den Leser, ohne Pause weiterzulesen: in vielen Rückblenden erzählt Owen Sheers die Lebensgeschichte von Michael und seiner Frau Caroline, und wie Michael die Nelsons kennengelernt und mit ihnen Freundschaft geschlossen hat.

Michael Turner ist Journalist, dessen Spezialität es ist, dass er für seine durchaus erfolgreichen Reportagen sozusagen eintaucht in das soziale Feld, das er dann beschreibt. So entstand auch sein erstes Buch „BrotherHoods“ über zwei Brüder in New York City, das zu einem Weltbestseller mutiert. Seine Frau Caroline war über viele Jahre als „embedded journalist“ für verschiedene Fernsehsender in allen Krisenherden der Welt unterwegs, suchte regelrecht die Gefahr. Sie ist, als sie mit Michael nach Wales in ein kleines Cottage zieht, mit ihrer Arbeit für eine kleine Produktionsfirma nicht zufrieden, und so ist es fast zwangsläufig, dass sie sofort zusagt, als in ihrer Firma ein Auftrag für Dreharbeiten in Pakistan zu vergeben ist.  Dort wird Caroline von einer US-Drohne getötet.

Sehr bald schon führt Owen Sheers mit Major Daniel McCullen jenen Mann ein, der von einer geheimen Einsatzzentrale in den USA den Einsatz jener Drohne steuerte, die Caroline und ihr Team tötete und dessen Leben damit ins Wanken gerät. In diesen Teilen des Buches erfährt der Leser viel Kritisches über die Drohnen-Politik der USA.

Immer wieder wechselt der Blinkwinkel zwischen der Szene im Haus der Nelsons, dem Leben Daniel McCullens und der Vergangenheit Michaels hin und her. Vor allen Dingen führt Owen Sheers, die Spannung immer weiter steigernd, den Leser erzählend an die Jetztzeit heran. Denn Michael hat nach Carolines Tod Wales verlassen und in London in Hampstead Heath die Wohnung eines Freundes gemietet. In seinen Nachbarn Josh und Samantha Nelson findet er eine Art Familie. Dauernd laden die beiden ihn ein zum Essen und er wird auch für die beiden Töchter zu so etwas wie einem väterlichen Freund. Mit der Zeit spürt Michael, dass es in der Ehe der Nelsons nicht stimmt, ohne dass er dem weiter nachgeht.

Josh arbeitet sehr erfolgreich bei der Lehman Brothers Bank, und, da die Gegenwartshandlung im Jahr 2008 spielt, ahnt der Leser bei der ersten Erwähnung von Joshs Beruf, was bald kommen wird. Für seine Frau Samantha, als studierte Fotografin wegen der beiden Töchter eine eher frustrierte Hausfrauenexistenz mit vielen Cocktailparties führend und den nicht nur dort viel Alkohol konsumierenden Josh kommt Michael als nachbarlicher Freund gerade recht. Wenn er da ist, sind sie von ihren Problemen abgelenkt und ihre beiden Töchter freuen sich.

Irgendwann am Ende der ersten Hälfte des Buches sind die Vorgeschichten erzählt und der das Leben der Protagonisten verändernde Vorfall geschehen. Nun kommt Owen Sheers, die Spannung nur unwesentlich reduzierend zum  eigentlichen Thema des Buches über die Folgen eines einzigen schicksalhaften Moments. Für die drei Männer, Josh, Michael und auch Daniel, von denen jeder einzelne in einem solchen Moment schuldig geworden ist, geht es nun darum, mit dieser Schuld umzugehen. Schuld, die sich in allen drei Fällen mischt mit großem Verlust und sie unabhängig voneinander, aber auch in zartem Kontakt miteinander zwingt, sich ihrer Schuld zu stellen.

Mit einem sehr überraschenden Ende bindet Owen Sheers seine Kompositionsfäden zusammen und hinterlässt beim Leser den Eindruck, gerade ein großes Stück Literatur gelesen zu haben.

Man darf auf die Verfilmung dieses Stoffes gespannt sein. Die Filmrechte sind jedenfalls schon verlauft. Der hier vorliegenden gekürzten Lesung von Devid Striesow jedenfalls gelingt es hervorragend etwas von jenem Drama zu vermitteln,  das zeigt, was mit einer Freundschaft passiert, wenn Geheimnisse und Lügen ihre heimtückische Natur entfalten.

Kuckuck

 

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Guiliano Ferri, Kuckuck, Minedition 2015, ISBN 978-3-86566-278-1

 

Schon ganz kleine Babys lieben ein Spiel, das alle Erwachsenen selbst gerne gespielt haben und das sie deshalb schon nach wenigen Minuten, wenn sie einem kleinen Kind begegnen anfangen zu spielen: Kuckuck.

Das Verstecken und Wiederauftauchen lässt Kinder lachen und jauchzen, sie üben sich darin ihre eigene Identität zu finden.

In diesem schönen Bilderbuch von Guiliano Ferri wollen zunächst verschiedene Tier entdeckt und benannt werden, bevor es auf der letzten Seite mit einem Spiegel um das eigene Selbst geht.

Ein Buch, das neugierig macht und zum Entdecken einlädt.

Kommt ein Pferd in die Bar

 

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David Grossman, Kommt ein Pferd in die Bar, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-25050-5

 

Schon lange gehört der israelische Schriftsteller David Grossman nicht nur in Israel, sondern weltweit zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Für seinen Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ 2010 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, hat er seitdem sich immer wieder zu der verzweifelten Lage seines Heimatlandes geäußert. Nun legt er mit dem Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ ein neues, ungewöhnliches Werk vor, in dem er auf eine intensive Weise, die mit jeder Seite mehr unter die Haut geht, Zuschauer und Leser an der tragischen Lebensgeschichte eines Comedians teilnehmen lässt. An einer Stelle, die Vorstellung hat schon ihren Lauf genommen, beschreibt er das so:

„Er seufzt, kratzt sich das spärliche Haar an der Schläfe. Natürlich merkt er, dass der ganze Abend in eine Schieflage geraten ist. Der Ast, auf dem er gerade sitzt, ist bereits schwerer als der ganze Baum. Auch das Publikum merkt es. Die Leute werfen sich Blicke zu, rutschen unruhig auf ihren Stühlen herum. Sie begreifen immer weniger, in was sie hier wider Willen hineingezogen werden. Sie wären längst gegangen oder hätten ihn sogar von der Bühne gepfiffen, wenn da nicht etwas Verlockendes wäre, dem man so schwer widerstehen kann: ein Blick in die Hölle von jemand anderem.“

Ort der Handlung ist das ganze Buch über eine Bühne in einem kleinen Kabarett in dem Ort Netanya. Die Zuschauer erwarten einen lustigen Abend. Sie wollen sich amüsieren und haben dafür auch Eintritt entrichtet. Auf der Bühne steht Dovele, an seinem 57. Geburtstag. Er hat zu diesem Auftritt einen Jugendfreund eingeladen, Avishai, einen pensionierten Richter. Der war damals vor Jahrzehnten auch in dem Zeltlager, aus dem eines Tages Dovele herausgerissen und zu einer Beerdigung gefahren wurde. Aus seiner Sicht beschreibt David Grossman einen Abend und eine Vorstellung, die nicht nur den Zuschauern unter die Haut geht, sondern auch dem Leser dieses Buches.

Dovele beginnt, indem er ohne Unterlass Witze erzählt, gute und schlechte. Er ist grob, er ist zart, immer wieder spricht er Menschen aus dem Publikum schamlos an. Er spielt mit der Sprache und biegt sie sich zurecht. Er mutet dem Publikum eine gnadenlose Abrechnung zu mit der Welt und mit seinem Leben. Wie Ohrfeigen verpasst er dem Publikum die Revue seines eigenen Lebens, zuerst mit Scherzen, dann auch mit heftiger Gewalt gegen sich selbst. Man gewinnt den Eindruck, das wird seine letzte Vorstellung sein

Da ist eine Frau im Publikum, die Dovele offenbar von früher kennt. Immer wieder versucht sie verzweifelt ihm klarzumachen, dass sie ihn doch als guten Menschen kennengelernt hat. Sie will ihn abhalten von seinem Weg, sich auf der Bühne immer weiter die Seele blutig zu reißen. Und zu schreien. Denn Dovele wird immer lauter, immer härter und brutaler werden seine Witze und seine Sprache. Da legt David Grossman Wesensschichten frei eines durch seine Vergangenheit gebeutelten Menschen (es stellt sich heraus, dass die Mutter „dort“ war, im KZ) und rührt damit Wesensschichten in der Seele des Lesers an, die dieser vielleicht lange nicht (mehr) wahrgenommen hat. Das macht die Lektüre dieses außergewöhnlichen Buches so emotional und mitreißend im wahrsten Sinne des Wortes. Avishai beschreibt das so: „Wie hat er das geschafft, frage ich mich, wie hat er uns so schnell umgedreht, sein Publikum und in gewisser Weise auch mich? Wie hat er uns dazu gebracht, uns in seiner Seele zu Hause zu fühlen und uns zu seinen Geiseln gemacht?! Die meisten Gäste im Saal sitzen gebeugt da und starren ihn an, wie von einem Zauber gebannt.“

Als deutlich wird, dass Dovele all diese Scherze und Slapsticks schon seit seiner Kindheit eingeübt hat, um seiner vom Holocaust in der Seele gezeichneten Mutter auch nur ein einziges Lächeln abzuringen, konnte ich beim Lesen meine Tränen nicht zurückhalten.

Und es wird klar, es geht nicht nur im Comedy, gegenüber der Avishai bei dem Telefonat mit Dovele, als der ihn zur der Vorstellung einlädt, wie um ein Zeuge aus seiner Vergangenheit dabei zu haben, seine mir zunächst sympathischen Vorbehalte so formuliert:

„Plötzlich, aus dem Nichts, war ich auf ihn losgegangen, als sei er der Stellvertreter schlechthin für die Leichtfertigkeit des Menschen in allen ihren Ausdrucksformen: Für euch, polterte ich los, ist doch im Grunde alles nur Stoff, aus dem man Witze machen kann, jede Sache, jeder Mensch, alles ist erlaubt, warum nicht. Wer nur ein bisschen improvisieren und schnell genug denken kann, darf alles lächerlich machen, ob mit Parodie oder Karikatur, Krankheiten, Kriege, Tod, alles ist lachbar, warum nicht?“

Doch es wird viel mehr als Comedy. Es wird nackter, schmerzhafter Lebensernst. Und es wird ein Zeugnis, wie bis weit in die zweite Generation hinein der Holocaust Seelen von Menschen zerstört und ganze Lebensentwürfe atomisiert.

Auf eine faszinierende, stellenweise auch bedrückende Weise gelingt es David Grossman, den Leser zum Teil eines Publikums zu machen, das sich zunächst über die Witze Doveles amüsiert, dem mehr und mehr aber das Lachen auf den Lippen gefriert. Immer mehr Menschen aus dem Publikum verlassen den Raum, weil sie es nicht mehr ertragen, was sie da sehen. Ich kann mir auch vorstellen, dass viele Leser mehrfach überlegen, die Lektüre des Buches abzubrechen, weil es ihnen entweder zu nahe kommt, oder ihre inneren Schutzmechanismen so hoch sind, dass es sie nicht dort erreicht, wo es wirken will.

Als Leser, der nicht flieht, gehört man plötzlich zu den wenigen Zuschauern, die sich von Dovele’s Geschichte fesseln und berühren lassen. Ich konnte mich dem Sog, der Dramatik und der Emotionalität dieser Geschichte nicht entziehen.

 

Ein großer Roman, ein Buch wie ein „versteckter Sprengkörper“(Ha´aretz).

Haus

 

 

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Felicitas Horstschäfer, Johannes Vogt, Haus, Gerstenberg 2015, ISBN 978-3-8369-5802-8

 

Menschen wohnen in Häusern, seit langen Zeiten schon. Aber es gibt sehr viele unterschiedliche Häuser. Es gibt normale Einfamilienhäuser, große Wohnblocks in der Stadt. Es gibt Häuser im Wald, Zelte und Iglus.

Es gibt Höhlen in der Erde, Baumhäuser für Kinder; Schiffe als Wohnungen für Piraten und Burgen für Ritter.

Es gibt verschiedene Häuser für Gott, Kirchen und Moscheen. Und es gibt Hausboote und Wohnwagen.

All das will in diesem schönen Bilderbuch von Kindern entdeckt werden. Vielleicht können sie ja zu jedem dieser Häuser eine Geschichte erfinden oder malen über die Menschen, die darin wohnen, bzw. sich zeitweise darin aufhalten.

I Saw A Man

 

 

 

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Owen Sheers, I saw a man, DVA 2016, ISBN 978-3-421-04669-7

 

Er stammt aus Wales, wo er auch einen Teil der Handlung seines hier anzuzeigenden Romans spielen lässt, ist 41 Jahre alt und hat in vielen großen Zeitungen und Zeitschriften seines Heimatlandes in der Vergangenheit Reportagen veröffentlicht. Schon Owen Sheers erster Roman („Resistance“) wurde in 10 Sprachen übersetzt (die deutsche Version wird sicher von DVA nach dem Erfolg des zweiten bald in Angriff genommen werden) und sein neuer Roman „I saw a man“ schickt sich an, noch erfolgreicher zu werden.

Owen Sheers Roman ist ein Thriller, der es an Spannung mit den ganz großen des Genres aufnehmen kann. Kaum hat man das Buch aufgeschlagen, ist man vom ersten Satz an in den Bann gezogen:

„Der Vorfall, der ihrer aller Leben veränderte, ereignete sich an einem Samstagnachmittag im Juni, kurz nachdem Michael Turner – in der Annahme, es sei niemand da – das Haus der Nelsons durch die Hintertür betreten hatte. London ächzte unter einer Hitzewelle. Überall im South Hill Drive standen die Fenster offen, und das Blech der Autos war so heiß, dass die Schweißnähte in der Sonne knackten.“

Doch Michael Turner ist kein Dieb und Einbrecher, sondern er will als guter Nachbar und Freund von Josh und Samantha Nelson sich nur einen ausgeliehenen Schraubenzieher zurückholen. Scheinbar ist niemand zu Hause, obwohl die Hintertür offen ist. Und so macht er sich auf die Suche.

Owen Sheers schafft es bis weit über die Hälfte des Buches, den Leser über diesen „Vorfall, der ihrer aller Leben veränderte“ im Unklaren zu lassen, über das, was in diesen kurzen Augenblicken, als Michael Turner in dem Haus unterwegs ist und die Treppen hochsteigt, geschieht. Das steigert die Spannung ins fast Unerträgliche und motiviert den Leser, ohne Pause weiterzulesen: in vielen Rückblenden erzählt Owen Sheers die Lebensgeschichte von Michael und seiner Frau Caroline, und wie Michael die Nelsons kennengelernt und mit ihnen Freundschaft geschlossen hat.

Michael Turner ist Journalist, dessen Spezialität es ist, dass er für seine durchaus erfolgreichen Reportagen sozusagen eintaucht in das soziale Feld, das er dann beschreibt. So entstand auch sein erstes Buch „BrotherHoods“ über zwei Brüder in New York City, das zu einem Weltbestseller mutiert. Seine Frau Caroline war über viele Jahre als „embedded journalist“ für verschiedene Fernsehsender in allen Krisenherden der Welt unterwegs, suchte regelrecht die Gefahr. Sie ist, als sie mit Michael nach Wales in ein kleines Cottage zieht, mit ihrer Arbeit für eine kleine Produktionsfirma nicht zufrieden, und so ist es fast zwangsläufig, dass sie sofort zusagt, als in ihrer Firma ein Auftrag für Dreharbeiten in Pakistan zu vergeben ist. Dort wird Caroline von einer US-Drohne getötet.

Sehr bald schon führt Owen Sheers mit Major Daniel McCullen jenen Mann ein, der von einer geheimen Einsatzzentrale in den USA den Einsatz jener Drohne steuerte, die Caroline und ihr Team tötete und dessen Leben damit ins Wanken gerät. In diesen Teilen des Buches erfährt der Leser viel Kritisches über die Drohnen-Politik der USA.

Immer wieder wechselt der Blinkwinkel zwischen der Szene im Haus der Nelsons, dem Leben Daniel McCullens und der Vergangenheit Michaels hin und her. Vor allen Dingen führt Owen Sheers, die Spannung immer weiter steigernd, den Leser erzählend an die Jetztzeit heran. Denn Michael hat nach Carolines Tod Wales verlassen und in London in Hampstead Heath die Wohnung eines Freundes gemietet. In seinen Nachbarn Josh und Samantha Nelson findet er eine Art Familie. Dauernd laden die beiden ihn ein zum Essen und er wird auch für die beiden Töchter zu so etwas wie einem väterlichen Freund. Mit der Zeit spürt Michael, dass es in der Ehe der Nelsons nicht stimmt, ohne dass er dem weiter nachgeht.

Josh arbeitet sehr erfolgreich bei der Lehman Brothers Bank, und, da die Gegenwartshandlung im Jahr 2008 spielt, ahnt der Leser bei der ersten Erwähnung von Joshs Beruf, was bald kommen wird. Für seine Frau Samantha, als studierte Fotografin wegen der beiden Töchter eine eher frustrierte Hausfrauenexistenz mit vielen Cocktailparties führend und den nicht nur dort viel Alkohol konsumierenden Josh kommt Michael als nachbarlicher Freund gerade recht. Wenn er da ist, sind sie von ihren Problemen abgelenkt und ihre beiden Töchter freuen sich.

Irgendwann am Ende der ersten Hälfte des Buches sind die Vorgeschichten erzählt und der das Leben der Protagonisten verändernde Vorfall geschehen. Nun kommt Owen Sheers, die Spannung nur unwesentlich reduzierend zum eigentlichen Thema des Buches über die Folgen eines einzigen schicksalhaften Moments. Für die drei Männer, Josh, Michael und auch Daniel, von denen jeder einzelne in einem solchen Moment schuldig geworden ist, geht es nun darum, mit dieser Schuld umzugehen. Schuld, die sich in allen drei Fällen mischt mit großem Verlust und sie unabhängig voneinander, aber auch in zartem Kontakt miteinander zwingt, sich ihrer Schuld zu stellen.

Mit einem sehr überraschenden Ende bindet Owen Sheers seine Kompositionsfäden zusammen und hinterlässt beim Leser den Eindruck, gerade ein großes Stück Literatur gelesen zu haben.

Man darf auf die Verfilmung dieses Stoffes gespannt sein. Die Filmrechte sind jedenfalls schon verlauft.