Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Du schnarchst, Schubert

 

 

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Zachariah Ohora, Du schnarchst, Schubert, NordSüd Verlag 2015, ISBN 978-3-314-10309-4

 

Schubert ist eine kleine Otter. Er lebt zusammen mit anderen Ottern und weiteren Tiere im Zoo,. Er lebt gerne dort, doch besonders nachts gibt es ein großes Problem. Schubert schnarcht so laut, dass die anderen Ottern nicht schlafen können.

Und so wandert er nachts von einem Ort im Zoo zum anderen, überall dort, wo er etwas Wasser findet, doch bei den anderen Tieren wird er auch vertrieben, weil sie durch sein lautes Schnarchen nicht schlafen können: beim Krokodil, bei den Giraffen, bei den Elefanten:

„Schubert war traurig und einsam. Nach langem Suchen fand er ein verstecktes Plätzchen, rollte sich zusammen und schlummerte ein.“

Derweil vermissen ihn seine Otternfreunde schon sehr und sie suchen die ganze Nacht nach ihm. Als Schubert am Morgen aufwacht, sieht er hunderte von Fledermäusen an der Decke hängen, die ihn bitten, nun die Höhle zu verlassen. Sie seien die ganze Nacht draußen gewesen, aber nun müssten sie schlafen.

Traurig will Schubert schon den Zoo verlassen, als er die Rufe der anderen Ottern hört. Sie hätten ohne ihn nicht schlafen können und bitten ihn, doch zurückzukommen. Denn sie haben mit Ohrstöpseln eine Lösung gefunden.

Ein schönes Bilderbuch mit einfachen und minimalistischen Illustrationen, das eine wunderbare Geschichte erzählt über Eigenarten Einzelner in der Gruppe (Familie) und der Zusammengehörigkeit, die es schafft, immer wieder mit diesen Eigenarten umzugehen und Lösungen zu finden. Lösungen, die den Einzelnen bleiben lassen, was und wie er ist, und die doch die Gemeinschaft schützen.

 

Fünf Grundsteine für die Familie

 

 

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Jesper Juul, Fünf Grundsteine für die Familie, Kösel 2015, ISBN 978-3-466-31050-0

Als eine Einführung in die Familienpädagogik des Dänen Jesper Juul und als eine Zusammenfassung seiner Ideen gleichzeitig kann das vorliegende Buch gelesen werden. Jesper Juuls Erkenntnisse aus über 35 Jahren Beratungspraxis in Familientherapie fasst er hier in fünf Grundsteinen zusammen, auf deren Basis, so ist er sich sicher, ein Familienleben gelingt. Wie immer betont er dabei nicht die Schwierigkeiten, sondern er fokussiert auf die Ressourcen, die jede Eltern-Kind-Beziehung hat.

Dabei geht es um:

 

  • Kooperation und Integrität
  • Selbstvertrauen und Selbstgefühl
  • Persönliche Verantwortung
  • Die Kunst, Nein zu sagen
  • Eltern als Leuchttürme

 

Die eher theoretischen Ausführungen zu diesen fünf Grundsteinen werden ergänzt durch Auszüge von Gesprächen, die Juul in seine Therapiepraxis mit Eltern zu den jeweiligen Themen geführt hat.

Ob die Kinder erst ganz klein, im Grundschulalter oder schon in der Pubertät sind: das Buch ist ein hilfreicher Ratgeber zum Ausbau der eigenen Erziehungskompetenz, die Juul bei alle Eltern grundsätzlich annimmt, und die zu entwickeln er ihnen mit seinen Büchern helfen möchte.

 

 

 

Die großen Crashs 1929 und 2008

 

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Barry Eichengreen, Die großen Crashs 1929 und 2008, FBV 2015, ISBN 978-3-89879-890-7

 

Barry Eichengreen gilt als einer der renommierten Analytiker der Weltwirtschaft. In diesem sehr umfangreichen und für Laien nicht leicht zu lesenden Buch vergleicht er die große Depression und die anschließende Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933 mit der jüngsten Finanzkrise von 2008, ausgelöst durch die Pleite der Lehmann Bank und bis heute nachwirkend.

Sicher haben die Erkenntnisse über die damaligen Ursachen die handelnden Personen nach 2008 beeinflusst. Eichengreen weist zum Beispiel darauf hin, das Ben Bernanke während seines Studium die Weltwirtschaftskrise 1929ff. ausführlich analysiert habe und deshalb mitverantwortlich zeichnete, dass 2008 ff. die Finanzmärkte in nie gekanntem Umfang mit Liquidität versorgt worden, quasi zum Nulltarif bis zum heutigen Tag.

Bei den Ursachen ähneln sich die beiden Krisen – wenn auch teilweise erst auf den zweiten Blick. So beschreibt Eichengreen den Immobilien- und Aktienboom mit ihren Auswüchsen von damals und heute und erläutert z. B., warum der Euro – wie damals der Goldstandard – die Probleme noch verstärkte und in andere Länder übertrug.
Eichengreen beschreibt aber auch die Unterschiede. So ist das Finanzsystem komplexer und globaler geworden, wobei z. B. das Schattenbankensystem der Hedgefonds und die Emittenten von Derivaten neue Probleme hervorgerufen haben, für die die Historie keine Lektionen bereithalten konnte. Daher warnt Eichengreen auch davor, die Vergangenheit zu vorschnell als Quelle bei der politischen Entscheidungsfindung heranziehen. Auch wenn in Krisen schnell gehandelt werden muss, bewahrt dies nicht vor sorgfältigen Analysen.

 

Ernest und Celestine. Celestines Entdeckungen

 

 

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Gabrielle Vincent, Ernest und Celestine. Celestines Entdeckungen, Carl Auer 2013, ISBN 978-3-8497-0015-7

 

 

Die Französin Gabrielle Vincent (1928-2000) gehört nach wie vor zu den bekanntesten Bilderbuchkünstlerinnen im französischsprachigen Raum. Vor allem mit ihren fast zwei Dutzend Bilderbüchern über den Bären Ernest und die Maus Celestine ist sie berühmt geworden und mehrfach ausgezeichnet worden.

Im letzten Buch der Reihe, das ursprünglich posthum 2001 im Original erschien, geht es um „Celestines Fragen“. Fragen, die der Bär Ernest seit vielen Jahren fürchtet und die er in diesem Buch so wahrheitsgetreu wie möglich beantwortet. Celestine will nämlich wissen, wie sie geboren ist.

Und Ernest stellt sich der schwierigen Aufgabe, von der er wusste, dass sie irgendwann auf ihn zukommen würde, und erzählt Celestine, wie er sie als kleines Baby in einem Mülleimer gefunden und dann aufgezogen hat.

Immer wieder muss er die Geschichte wiederholen und irgendwann im Laufe des Tages gehen sie auch beide zu der Stelle, wo er sie damals fand. Und Celestine sagt: „Was für ein Glück, das du mich gehört hast.“

 

In den hier vorliegenden aus der in Frankreich so erfolgreichen Reihe, nutzt Celestine Ernest Abwesenheit, um endlich auf die Spur der verschlossenen Schublade zu kommen. Und sie öffnet sie mit dem im Krug versteckten Schlüssel. Eine Menge Dinge sind da zu entdecken, vor allem, aber eine Vielzahl von Fotos von Ernest, als er noch klein, als Jugendlicher und junger Erwachsener. Doch dem ersten Entzücken über den Fund weicht bald eine große Wut, denn von ihr selbst ist kein einziges Bild dabei. Dafür aber von einer Menge anderer kleiner weisser Mäuse, die sich an Ernest kuscheln.

Groß ist die Enttäuschung, nicht die einzig Wichtige in Ernests Leben zu sein, Ein quälendes Gefühl der Eifersucht stellt sich ein. Celestine fühlt sich hintergangen. Zweifel ergreifen sie: Zweifel an Ernest, Zweifel an sich selbst, Zweifel am eigenen Wert. Kein einziges Foto von ihr!

 

Wie Ernest auf die veränderte und verschlossene Celestine nach seiner Rückkehr reagiert und wie er sich verhält, wird in einem Nachwort als auch für Eltern beispielhaftes Verhalten im Umgang mit kindlicher Eifersucht beschrieben

 

Welchen Segen für Eltern und Kinder das Erzählen von Geschichten darüber haben kann, zeigt das von Heidi Varin und Christel Rech-Simon übersetzte Buch. Letztere, analytische Kinder- und Jugendlichentherapeutin, hat auch das Nachwort verfasst und zeichnet als Herausgeberin für die hoffnungsvoll gestartete neue Reihe „Carl-Auer-Kids“ verantwortlich.

Heule Eule

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Paul Friester, Heule Eule, NordSüd Verlag 2015, ISBN 978-314-10313-1

 

„Huuu- huu- huuuu!“! Die Tiere des Waldes erschrecken über ein schreckliches Heulen und denken natürlich sogleich, es sei ein Wolf. Doch bei näherem Hinsehen entdecken sie, dass das Heulen von einer kleine Eule kommt, die laut weint, sich nicht trösten lässt und auf besorgte Fragen der Tiere nach dem Grund ihres Heulens keine Antwort gibt, und nur noch stärker schluchzt

Die Tiere versuchen alles Mögliche, um die kleine Eule abzulenken, doch vergeblich: sie heult weiter. Die Ideen der Tiere sind wirklich fantasievoll, und ihr Bemühen erinnert an das verzweifelte Agieren von Eltern, wenn ihr kleiner Sohn oder ihre kleine Tochter weint, und sie nicht wissen warum.

Als endlich die Eulenmutter wieder in den Blick der kleinen Eule kommt, flüchtet sie sich unter ihre Fittiche. Auch die Mutter möchte wissen, was los ist: „Na, kleine Heule Eule – warum heulst du denn so?“
Die Tiere spitzen die Ohren – jetzt werden sie den Grund erfahren!

„Ich hab`s vergessen“, sagt die kleine Eule.

Ein schönes Bilderbuch über kleine Wesen, die auch einmal weinen ohne Grund, und Eltern brauchen, die sie dann einfach nur festhalten.

Großer Ozean

 

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Hans-Joachim Gelberg (Hg.), Großer Ozean. Gedichte für alle, Beltz & Gelberg 2015, ISBN 978-3-407-74631-3

 

Dieses wunderbare Buch, das Hans-Joachim Gelberg in seinem eigenen Verlag herausgegeben hat, ist ein ganz besonderes seiner Art. Und das nicht nur, weil es sich mit Gedichten befasst, für Kinder und für Erwachsene. Ein Buch für alle Lebensalter, und auf keinen Fall von vorne nach hinten zu lesen. Eher, so empfiehlt Gelberg, sollte man es lesen nach dem Prinzip der Flaschenpost, einfach lesen, was man zufällig findet.

Gelberg hat schon in früheren Anthologien Gedichte vor allem für Kinder zugänglich gemacht. Seine neue Anthologie „Großer Ozean“ bietet einen breitgesteckten Überblick über neue, aber auch ältere Kindergedichte. Hinzu kommen Texte der modernen Lyrik und ein Streifzug durch die Weltpoesie, die bislang kaum für Kinder genutzt wurde. In einem aufschlussreichen Nachwort über den Umgang mit Gedichten erläutert mit dem Titel „Klopfzeichen der Kinderpoesie“ spricht er vor allem die Erwachsenen an, ohne die Kinder wohl kaum einen Zugang zu dieser umfassenden Sammlung bekommen werden. Mehr als 350 Gedichte von über 160 Dichtern und Dichterinnen sind ein „großer Ozean“, bei dem man einige Navigationskenntnisse braucht.

Die akribisch ausgesuchten Illustrationen lockern die Texte auf. Texte, die einen schier unerschöpflichen Poesievorrat darstellen für eine lange Zeit. Ein Buch, dem zu wünschen ist, dass es kleine und große Menschenkinder in die Welt der Gedichte einführt und sie dort heimisch werden lässt. Ihr Leben wird reicher dadurch.

 

Arctica. The Vanishing North

 

 

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Sebastian Copeland, Arctica. The Vanishing North, Te Neues 2015, ISBN 978-3-8327-3281-3

 

Der Fotograf Sebastian Copeland spricht schon im Titel seines neuen Buches an, worum es ihm geht. Er will mit seinen Aufnahmen aufmerksam machen auf die Verletzlichkeit einer einzigartig schönen Region dieser Erde. 1964 geboren, macht sich Sebastian Copeland immer wieder auf zu langen Expeditionen in eine traumhaft schöne Landschaft, die durch die Erderwärmung schon jetzt jedes Jahr in ihrer Größe abnimmt und in einigen Jahrzehnten ganz verschwunden sein wird.

Über seinen ersten Besuch in der Arktis im Jahr 2005 sagt er in einem Interview:

„Die Arktis hat mich vom ersten Moment an gefesselt. Ich kannte Kälte, aber nicht solche Kälte. Aus der praktischen Perspektive finde ich es super, dass das Eis grenzenlose Wassermengen bereithält und ich es einfach nur schmelzen muss. So brauche ich keine Wasservorräte tragen. Das ist der Vorteil gegenüber anderen Wüsten.

Künstlerisch gesehen gefällt mir sehr, wie sauber die Landschaft ist, visuell vollkommen frei von menschlichen Einflüssen und vom Chaos, das organisches Leben mit sich bringt. Das Eis ist leer – wie eine weiße Leinwand. Optisch und philosophisch lädt mich solch eine weiße Leinwand zum Interpretieren und Reflektieren ein.“

Seine faszinierende Bilder sind ein Aufruf zum Handeln, doch er schätzt die Bereitschaft der Regierung dazu pessimistisch ein: „Gewählte Politiker sollten Anführer sein. Viele kümmern sich nur um wählerfreundliche Themen und setzen den Klimawandel ganz unten auf die Tagesordnung, weil diese Problematik über einzelne Legislaturperioden hinausgeht. Es ärgert mich auch, dass Wissenschaftlern, die den Klimawandel leugnen, eine so laute Stimme gegeben wird. Wie fortschrittlich eine Zivilisation ist, zeigt sich nicht zuletzt an ihrem Wissen. Wenn uns die vermeintlichen Experten aber nicht lehren, im Einklang mit der Natur zu leben, bringt uns das Wissen gar nichts. Warum sollte man die Forschung solcher Wissenschaftler dann überhaupt finanzieren?“

Es macht traurig und nachdenklich zu wissen, dass es irgendwann Bücher wie das hier vorliegende von Sebastian Copeland sein werden, die unsere Enkel anschauen werden, um zu verstehen, was die Arktis einmal war.

 

 

 

Familie Maus sagt Gute Nacht

 

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Kazuo Iwamura, Familie Maus sagt Gute Nacht, Nord Süd 2015, ISBN 978-3-314-10299-8

 

Mit zauberhaften Bildern schildert der japanische Autor Kazua Iwamura eine lustige Mausfamilie bestehend aus Mama Maus, Papa Maus, Oma Maus, Opa Maus und insgesamt 10 Mäusegeschwistern. Hana Christen hat sie aus dem Japanischen übersetzt und Rose Pflock hat daraus wunderschöne Verse gedichtet, die das Vorlesen dieses Buches und das Betrachten der zauberhaften Bildern zu einem sprachlichen und phonetischen Erlebnis machen können.

 

Das Buch erzählt, wie der Tag der Familie Maus endet, nachdem die Tagesarbeit getan ist: „Es freut sich die Familie Maus auf Abendbrot und Badehaus.“
Nachdem alle ordentlich gewaschen sind, sitzen sie an einem großen Tisch: „Mama teilt die Suppe aus und dann schmeckt`s Familie Maus.“ Und dann der vielleicht wichtigste Teil des Abends: „Satt und gemütlich in der Runde erzählen sie zur Abendstunde, wie jeder heut den Tag verbracht, nachdem er morgens aufgewacht.“

Nach dem obligatorischen Zähneputzen wandern die zehn Mäusekinder in ihre Betten, und Oma singt noch ein Schlaflied, bei dem sie einer nach dem anderen wegschlummern.

„Dann ist es mäuschenstill im Haus,

denn friedlich schläft Familie Maus.“

Ein wunderschönes Bilderbuch, das den Kindern zeigt, dass auch andere ihre Abendrituale haben und wertschätzen

Unterwegs mein Schatz

 

 

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Willy Puchner, Unterwegs, mein Schatz, Nilpferd 2015, ISBN 0978-3-7074-5100-9

 

Eine ganz besondere und eigentümliche Bilderbuchgeschichte hat Willy Puchner hier entworfen. Einem nicht näher benannten Schatz (wohl einem Kind) schreibt er handgeschriebene Briefe. „Ein Brief ist wie ein kleines Universum, wie eine eigene kleine Welt.“

Er schreibt aus einem wunderbaren Land der Phantasie, in dem er sich ausmalt, was er will: Er geht als Wellensittich durchs Dorf, setzt eine Flaschenpost ins Meer, besucht das Buchstabenfest und blickt einer Katze in die Augen.

Jede Seite dieses ungewöhnlichen Buches gewährt Einblick in eine ungeahnte Sehnsuchtswelt, jedes Umblättern beglückt mit Poesie, Witz und unglaublichen Ideen. Es ist eine wundervolle Verbindung von Wirklichkeit und von Träumen. Die farbenfrohen Illustrationen sind genau wie die einzelnen Briefe jede für sich einzelne kleine Kunstwerke.

 

Voller Phantasie lädt das Buch Kinder geradezu ein, selbst ihre Phantasie und Kreativität zu entdecken.

Skip

 

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Katharina Hacker, Skip, S. Fischer 2015, ISBN 978-3-10030065-2

 

Im Jahr 2006 gewann sie mit ihrem Buch „Die Habenichtse“ den Deutschen Buchpreis. Nun legt Katharina Hacker, die von 1990 bis 1996 in Israel gelebt hat, einen neue Roman vor mit dem Titel „Skip“. Skip ist der Nickname des israelischen Architekten Jonathan Landau, ein Mann mit europäischen Wurzeln in der Mitte seines Lebens. Er, der sich bisher als einen soliden Zeitgenossen gesehen hatte, ein Architekt der das Sichtbare mag („Mein Leben besteht aus Zimmern, aus Mauern, Wänden, Fußböden, Türen. Aus Sachen, die ich anfasse und die ich genau kenne“.), ist plötzlich mit Dingen konfrontiert, die nur er wahrnimmt und über die er mit keinem Menschen sprechen kann. Mit einem übersinnlichen Phänomen einer inneren Stimme, die ihn mehrmals innerhalb mehrerer Jahre an Orte ruft, an denen wenig später eine Katastrophe geschieht: ein Zugunglück in Paris, ein Flugzeugabsturz in Amsterdam, ein Attentat auf ein Hotel in Ägyptens Hauptstadt. An jedem der Orte gibt es viele Opfer, darunter stets ein Mensch, dem Skip sich besonders verbunden fühlt. Seiner Seele leistet er solange Gesellschaft, bis sie sich daran gewöhnt hat, tot zu sein.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich Menschen, die mit einem Bein im Grab stehen, Hilfe suchend an Skip wenden. Denn Skip steht mit nur einem Bein im Leben. „Vor allem bin ich nicht“, sagt er. Kein richtiger Architekt, weil er keine neuen Häuser entwirft, sondern nur alte Häuser umbaut. Kein richtiger Jude, weil seine Mutter keine Jüdin war. Kein richtiger Mann, weil er unfruchtbar zu sein scheint. Die beiden Söhne, die er mit seiner Frau Shira in Israel großzieht, hat wohl ein anderer Mann gezeugt – mit Skips Einverständnis. Der Gedanke daran quält ihn jahrelang.

Skip steckt in einer veritablen Identitätskrise. Dazu gehört, dass er sich immer weiter von seiner Frau entfernt. So nahe ihm die fremden Sterbenden kommen, so hypersensibel er auf ihr Leiden reagiert, so distanziert geht er mit ihr um, als sie unheilbar an Krebs erkrankt. Er spricht kaum mit ihr, nicht über ihre Krankheit und nicht über den Tod. Während sie stirbt, hat er sogar noch eine Affäre.

Immer wieder beschreibt Katharina Hacker historische Ereignisse, die in den neunziger Jahre (als sie selbst dort lebte) den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern geprägt haben. Attentate und immer wieder Tote. Der Tod ist in Israel bis auf den heutigen Tag nie abstrakt. Immer wieder denkt Skip über den Tod und seien mystischen Erlebnisse nach, doch mehr noch quält seine Gedanken das Leben: „Ich denke über den Tod nach, um über das Leben nachzudenken“, weil es mir noch schwieriger erscheint, über das Leben nachzudenken“.

„Wir wollen unser Leben, unsere Geschichte wie ein Haus“, sagt der Architekt Skip. „Von Zimmer zu Zimmer wollen wir gehen und begreifen, wo die Türen sind, aus den Fenstern wollen wir hinausschauen, um zu sehen, in welcher Stadt das Haus ist und wer vorübergeht“.

Doch während er durchaus erfolgreich, zuerst in Tel Aviv, später dann in Berlin, Häuser und Wohnungen baut und umbaut, bekommt er die Statik seines eigenen Lebens nicht recht in den Griff. Er ist sich selbst abhandengekommen.

„Vielleicht versucht man mit jedem Erzählen überhaupt herauszufinden, was der innere Zusammenhang von Dingen ist“, sagt er. Es ist ein Versuch, der scheitert.

Mit einem Stil, der dem Leser allerhöchste Konzentration abfordert, dringt Katharina Hacker mitten in den Kern Israels vor. Sie verbindet eine persönliche Geschichte mit selbst erlebter Zeitgeschichte der neunziger Jahre, und ist dennoch aktuell. Denn es hat sich nicht viel verändert in diesem Land. Zusammen mit Sheruya Shalevs „Schmerz“ ist „Skip“ das Buch in diesem Herbst, das die mörderische Gegenwart Israels spiegelt und wie sie den Menschen zu schaffen macht.

„Skip“ ist auch meines Wissens der erste Roman einer deutschen Schriftstellerin, der in Israel spielt. Wenn man das Buch lesen würde, ohne die Autorin zu kennen, würde man sicher sein, der Roman stammte von einem israelischen Autor oder Autorin.

Ein wichtiges Buch von hoher literarischer Qualität.