Wilde Tiere

 

 

 

 

 

 

 

Guinness World Records, Wilde Tiere, Ravensburger Verlag 2018, ISBN 978-3-473-55462-1

 

Mit diesem Buch einer neuen Reihe des Ravensburger Verlags können junge Tierfreunde bekannte und weniger bekannte Wildtiere ganz neu erleben.

Gleich ob es die größten oder die kleinsten, die schnellsten oder langsamsten, die tödlichsten oder die merkwürdigsten Tiere sind – dieses Buch von Guinness World Records präsentiert die coolsten Kreaturen der Welt.

Interessant und abwechslungsreich aufgebaut können junge Leser diese Kreaturen mit ihren Höchstleistungen, Eigenheiten und besonderen Kräften bestaunen.

Von sanften Ozeanriesen zu Killerkäfern, von mächtigen Räubern zu listigen Beutetieren, von Wildtieren im eigenen Garten bis zu Exoten aus fernen Ländern – GUINNESS WORLDS RECORDS Wilde Tiere  ist ein faszinierendes Handbuch all dieser Stars der Tierwelt.

 

 

 

Was ein Mann ist

 

 

 

 

David Szalay, Was ein Mann ist, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-25824-2

 

In seinem in England nach seinem Erscheinen 2016  hochgelobten Buch „Was ein Mann ist“ begibt sich der Schriftsteller David Szalay auf die Suche nach dem, was männlich ist.

Dabei porträtiert er mit entsprechenden unterschiedlich langen Geschichten insgesamt neun Männer im Alter von siebzehn  bis siebzig Jahren. Von April bis Dezember stellt er jeden Monat einen von ihnen vor. Sie leben irgendwo in Europa, und jeder ist jeweils einige Jahre älter als der vorherige. Sie und ihre Lebensgeschichten haben nichts miteinander zu tun und doch ähneln sie sich.

 

Alle verbindet, und wer kennte das nicht als Mann, dass sie permanent denken, sich beweisen zu müssen, entweder mit oder vor Frauen oder mit anderen Dingen, an denen sie hängen oder denen sie verfallen sind. Alle eint, und auch das kennt jeder Mann, dass sie gerne stark sein würden, vor und für sich selbst, hauptsächlich aber um andere zu beeindrucken. Stärke als Identitätselixier, als Selbstbestätigungsdroge, von der sie nicht lassen können. Aber die meisten der Männer sind feige. Sie stolpern unbeholfen durch ihr Leben, sind eitel, manche sogar regelrecht widerwärtig und abstoßend.

 

Und doch habe ich bei fast allen neun porträtierten Männern aller Altersstufen so etwas gespürt wie Mitleid, ich fühlte mich ihnen in manchen Dingen nah in ihrer reumütigen Zerbrechlichkeit.

 

Bei etlichen Männern, die Szalay beschreibt, hat man den Eindruck, er kennt sie aus irgendeiner Phase seines eigenen Lebens sehr genau.  Es sind übrigens genau die, bei denen bei mir immer wieder eine Lampe der Erinnerung aufblitzte, ich eine Art verfremdetes Deja-Vu erlebte. Anderen Charakteren indes, die von seiner eigenen Lebenswirklichkeit und  Biographie weit weg sind, nähert Szalay sich mit einer bewundernswerten Virtuosität und Einfühlsamkeit.

 

Es sind zärtliche und warmherzige Porträts durchweg einsamer Männer. Sie kämpfen um Liebe, hadern mit ihrer Vergänglichkeit, verachten  ihre Schwächen und lassen sich immer wieder verführen von ihrer eigenen Eitelkeit.

 

Man könnte sagen, für Szalays Protagonisten findet sich ihr Mannsein in ihren Krisen und ihrem Umgang damit. Männer geraten in Krisen, wenn sie es nicht schaffen, mit den Veränderungen, mit denen sie das Leben konfrontiert, Schritt zu halten.  Manchmal kommen sie, sich selbst neu erfindend, wieder heraus, andere zumindest dämmert die Erkenntnis, dass sie genau das „eigentlich“ tun müssten.

Szalays Porträts sind Geschichten, die quasi im Schnelldurchgang sich an einer Psychoanalyse des modernen Mannes versuchen. In diesem Buch können Männer, so wie der Rezensent es für sich beschrieben hat,  sich wiedererkennen. Und Frauen, falls sie das Buch lesen, können Männer besser kennenlernen.

 

 

Die Schwalbe, die den Winter sehen wollte

 

 

 

Philip Giordano, Die Schwalbe, die den Winter sehen wollte, Knesebeck 2018, ISBN 978-3-95728-180-7

 

Aus dem Französischen von Ingrid Ickler feinfühlig übersetzt handelt das vorliegende Bilderbuch von Philip Giordano von einer kleinen Schwalbe namens Iris, die nach einem herrlichen Frühling und einem strahlenden Sommer eines Abends kurz vor dem gewohnten Abflug in den Süden zu ihren anderen Vogelfreunden sagt: „Was geschieht eigentlich im Wald, wenn wir nicht da sind?“

 

Niemand weiß die Antwort, außer dass nach dem Herbst der Winter kommt. Iris ist neugierig und beschließt in diesem Jahr zu bleiben. Sie lässt sich auch von Bedenken der älteren und erfahrenen Schwalben nicht abbringen. Eine alte Schwalbe schenkt ihr eine Eichel als Anhänger.

 

Und dann sind sie alle weg und Iris erlebt die sich verändernde Natur, was Philip Giordano in prächtigen Farben gezeichnet hat. Und als dann die Blätter fallen und kaum noch Insekten in der Luft sind, die sie satt machen könnten, hat die kleine Schwalbe zum ersten Mal in ihrem Leben „das Gefühl, ganz allein auf der Welt zu sein.“

 

Als viel Schnee gefallen ist und Iris begeistert im Schnee gespielt hat, den sie zum ersten Mal sieht, landet sie kurze Zeit später erschöpft unter einem Baum und schläft im Schnee ein. Sie wird beobachtet von Sam, dem Eichhörnchen, das auf Nahrungssuche sofort die Eichel in Iris` Federkleid bemerkt hat. Er rettet sie aus dem Schnee und bringt sie in seine Höhle. Dort erzählt Sam ihr von der Härte des Winters. Und sie freunden sich an. Gemeinsam machen sie sich jeden Tag auf die Suche nach den Eicheln, die Sam im Herbst versteckt hat.

 

Sie verbringen den ganzen Winter zusammen und auch als im Frühling die anderen Schwalben wieder aus dem Süden zurückkommen, sehen sie sich oft. Iris indes wird mit den anderen dieses Mal wieder in den Süden fliegen. Aber im nächsten Frühjahr wartet Sam schon auf sie.

 

Ein zauberhaft und farbenprächtig  illustriertes Bilderbuch über die Jahreszeiten und die Gesetze der Natur. Und ein schönes Beispiel einer ungewöhnlichen Freundschaft.

 

 

 

Die Kackwurstfabrik

 

 

 

Marja Basler, Annemarie van den Brink, Die Kackwurstfabrik, Klett Kinderbuch 2018, ISBN 978-3-95470-188-9

 

Aus dem Niederländischen von Meike Blatnik übersetzt, hat der Klett Kinderbuch Verlag mit „Die Kackwurstfabrik“ ein Sachbilderbuch in sein Programm genommen, das wunderbar in das bisherige, seit etlichen Jahren immer bekannter werdende Profil des Verlages passt.

 

Es ist ein Buch über den Weg der Nahrung durch unseren Körper bis zur Ausscheidung als Kackwurst. Ein Thema, das schon kleine Kinder fasziniert.

 

Zusammen mit den beiden Kindern Pim und Polly können sich die das Buch betrachtenden und lesenden Kinder ab etwa sieben Jahren auf den Weg durch jene faszinierende Kackwurstfabrik namens Körper machen.

 

Vom Kontrollraum ganz oben über das Säurebad des Magens bis hin zu der Achterbahnfahrt durch den Darm und den Enddarm geht die Reise.

 

Doch die beiden Autorinnen haben auch Spannung eingebaut. Denn die Kackwurstfabrik droht wegen Überlastung und Verstopfung zu kollabieren. Doch die beiden Kinder sind davon überzeugt, dass sie sie retten können und machen sich an die Arbeit.

 

Sehr witzig mit einer guten Rahmengeschichte, mit der sich Kinder identifizieren können, wird der menschliche Verdauungsapparat mit dem Bild einer Fabrik mit unterschiedlichen Abteilungen und Maschinen dargestellt. Viele lustige Wimmelbilder laden zum Entdecken ein und  Schaubilder und Infokästen bieten wichtige Sachinformationen.

 

Ein schönes Buch für Klugscheißer ab sieben Jahren. Auch Erwachsene können an diesem Buch ihren Spaß haben und noch einiges lernen, davon bin ich überzeugt.

Der Abgrund in dir (Hörbuch)

 

 

 

Dennis Lehane, Der Abgrund in dir (Hörbuch), Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-80395-2

 

Dennis Lehane, irischer Abstammung und 1965 in Dorchester, Massachusetts geborener Autor, zählt zu den ganz großen Krimiautoren der Gegenwart. Viele seiner Bücher sind mittlerweile verfilmt, und auch das neue hier vorliegende Buch „Der Abgrund in dir“, mit dem er erneut seine Kunst unter Beweis stellt, eignet sich hervorragend für eine Verfilmung.

Das Buch erzählt von Rachel Childs, zunächst in einer längeren Vorgeschichte. Sie berichtet davon, wie Rachel bei ihrer Mutter aufwächst. Diese hat mit Eheratgebern ein Vermögen gemacht, obwohl sie selbst kaum Erfahrung mit Beziehungen hat. Das Verhältnis zur Mutter ist schwierig, dennoch fehlt Rachel ein Vater kaum. Aber sie will wissen, wer ihr Erzeuger ist. Ihre Mutter, obwohl sie ihr versprochen hat, die Wahrheit zu sagen, schiebt das solange hinaus, bis sie bei einem Unfall ums Leben kommt.

Rachel macht sich auf die Suche nach ihrem Vater und engagiert den Privatdetektiv Brian Delacroix. Der rät ihr ab. Warum, wird sich viel später herausstellen, als Rachel nach vielen Jahren Brian wiederbegegnet und sich in ihn verliebt.

 

Doch zunächst begleitet Dennis Lehane Rachel Childs bei der Suche nach ihrem Vater und der steilen Karriere, die Rachel als Journalistin macht. Ihre Heirat mit dem ebenfalls erfolgreichen Journalisten Sebastian scheint Rachel endlich privat zur Ruhe finden zu lassen. Doch es kommt anders. Nach einem verheerenden Erdbeben wird sie nach Haiti geschickt und erlebt während einer TV-Liveschaltung aus dem Katastrophengebiet einen totalen Nervenzusammenbruch, der ihre Karriere sofort beendet. Ihre Ehe mit Sebastian wird geschieden und es geht ihr sehr schlecht. Fürchterliche Panikattacken fesseln sie tatenlos ans Haus.

 

Die verzweifelte Suche nach ihrem Vater hat sie nicht aufgegeben, als sie nach vielen Jahren wieder auf Brian trifft, sich in ihn verliebt und ihn bald heiratet. Brian gelingt es auf liebevolle Weise, über eine lange Zeit Rachel in ihrer Panik beizustehen und sie langsam an ein normales Leben heranzuführen. Da er auch beruflich erfolgreich ist, scheint er der Mann ihres Lebens zu sein. Doch bald schon beschleichen sie seltsame Gefühle des Misstrauens und bald stellt sich Stück für Stück heraus, dass Brian offenbar nicht der Mann ist, den sie glaubt geheiratet zu haben.

 

Es ist genau diese Stelle, etwa in der Mitte des Buches, als die Handlung eine Wendung nimmt. Gerade noch hatte man gedacht, Rachels Panikattacken kommen wieder ins Lot, der Kampf mit ihrer sie lähmenden Vergangenheit sei entschieden, verwandelt Lehane sein zunächst eher gemächlich daherkommendes Buch in einen echten Psychothriller, der in immer neuen Wendungen und einem hohen Tempo bis zum überraschenden Ende den Leser in Atem hält.

 

Sehr gut und durchdacht konstruiert, lässt Lehane, seine therapeutischen Erfahrungen einfließen lassend, die einzelnen Teile des Buches ineinandergreifen, was dem Leser zunächst verborgen bleibt und manchmal für eine leise Verwirrung und Verunsicherung sorgt. Es ist immer wieder Rachel und ihre Psyche das Thema, wie sie sich sozusagen selbst aus dem Elend ihrer Vergangenheit zieht.

 

„Der Abgrund in dir“ (im Original“ Since we fell“) ist ein psychologischer Thriller, der nach langsamem Beginn immer mehr Fahrt aufnimmt. Der Roman ist das Porträt einer mutigen Frau, die sich trotz aller Niederlagen in ihrem Leben nicht den Mut nehmen lässt.

 

Auf die sicher kommende Verfilmung darf man gespannt sein. Vieler seiner Szene zeigen, dass Lehane den zum Buch passenden Film beim Schreiben schon vor Augen hatte.

 

Die hier vorliegende Hörbuchfassung hat die Schauspielerin Bibiana Beglau auf eine sehr überzeugende Weise eingelesen. Sie fühlt sich insbesondere in die Hautfigur Rachel so ein, dass deutlich wird, dass ihre psychische Entwicklung, ihre Reifung und Gesundung ein zentraler Strang in Lehanes Buch ist.

 

Wer wird wohl in dem zukünftigen Film Rachels Rolle interpretieren?

 

 

 

Eine Prise Sterne

 

 

 

 

 

 

 

Carsten Sebastian Henn, Eine Prise Sterne, Pendo 2018, ISBN 978-3-86612-429-5

 

Marc Heller, die männliche Hauptperson in Carsten Sebastian Henns neuem Roman ist ein passionierter Astronom, der schon sein ganzes Leben lang von den Sternen und der Raumfahrt träumt. Nun hat er sein großes Ziel erreicht. Das Paranal-Observatorium in Chile hat ihm eine leitende Stelle angeboten.

Als er dieses Ereignis mit seinen Freunden in Köln feiert, trifft er Anne Päffgen wieder, seine Jugendliebe, die er nie wirklich vergessen hat. Anne arbeitet sehr erfolgreich als Sommeliere im Sternerestaurant „Champagne Supernova“.

 

Diese Einordnung erlaubt es dem Autor über lange Strecken des Buches nicht nur sein ausführliches Wissen über Champagner an den Mann bzw. den Leser zu bringen, sondern auch seine Kenntnisse der gehobenen Küche unter Beweis zu stellen.

 

Anne ist nicht in der Stimmung zu feiern, denn sie wurde gerade von einem Mann verlassen. Wieder einmal wurde ihre Sehnsucht nach einer Liebe für immer enttäuscht.

 

Seine wahren Gefühle, die er immer noch für Anne hegt nicht wahrnehmend, will Marc seine große Jugendliebe doch glücklich wissen und entwirft einen Plan, dessen Ziel es ist, für Anne den perfekten Mann zu finden. Es soll aussehen, als ob es Schicksal wäre, sozusagen in den Sternen stehend, denn das ist eine Sache, die Anne schon immer fasziniert hat. Anne soll nie erfahren, wer hinter diesem Plan gesteckt hat, wenn sie dereinst mit ihrem passenden Mann glücklich ist.

Marc entwirft einen Fragebogen, der zunächst wenig weiterhilft und deshalb von ihm dauernd verbessert wird.  Aufgrund reiner Logik, Gesetzmäßigkeiten und deren Schlussfolgerungen glaubt er, den für Anne optimalen Partner zu finden.

 

Mehrere Versuche scheitern. Liebe scheint doch unberechenbar zu  sein. Oder spielen die Sterne wirkliche eine Rolle?

 

„Eine Prise Sterne“ ist ein unterhaltsamer Liebesroman mit Ausflügen in die Welt der Astronomie und – bei Henn nicht ungewöhnlich- in die gehobene Küche und die Welt teurer Getränke, von denen ich noch nie gehört habe, und die sich kein Leser dieses Buches jemals wird leisten können.  Warmherzig und mit viel Humor erzählt, geht es in diesem Buch um Träume, die wirklich wahr werden.

 

 

 

 

Was zu dir gehört

 

 

 

 

 

 

 

Garth Greenwell, Was zu dir gehört, Hanser Berlin 2018, ISBN 978-3-446-25852-5

 

Ein von seinem amerikanischen Arbeitgeber für einige Zeit zur bulgarischen Filiale entsandter Mann in mittleren Jahren erzählt in diesem Buch von Garth Greenwell von seinen Erfahrungen, die er als Homosexueller in Sofia gemacht hat.

Der namenlose Erzähler ist Lehrer. Eines Tages – es ist Hebst und ungewöhnlich warm-  betritt er auf der Suche nach Sex die öffentlichen Toiletten des Kulturpalastes in Sofia. Dort trifft er auf Mitko, einen jungen Mann, der auf den Lehrer sofort einen großen Eindruck macht. Das Charisma aus Begehren und Gefahr zieht ihn unwiderstehlich an.

 

Der Amerikaner gibt Mitko Geld für seine Dienste, auch in den nächsten Wochen, als er ihn immer wieder trifft. Wahnsinnig angezogen von diesem widersprüchlichen jungen Mann, fühlt er sich zunehmend gefangen in seinem Begehren und in einer so noch nie erlebten Beziehung, in der das Bedürfnis nach Zärtlichkeit immer wieder gewalttätige Züge annimmt.

 

In vielen historischen Rückblenden lässt Garth Greenwell seinen Protagonisten sich seiner durchaus komplizierten Vergangenheit stellen. Immer wieder versucht er, sich von dem jungen Mann zu lösen, doch nicht nur das sexuelle Begehren, sondern auch Gefühle für ihn, die er bald schon hat, verhindern das. Auch seine viele Privilegien als Ausländer stehen wie eine Mauer zwischen den beiden Männern.

Garth Greenwell baut auf eine ehrliche, schonungslose und trotzdem poetische Weise eine  spannungsvolle Atmosphäre auf, in der Scham, Begehren, Lust und unterschwellige Aggression ein widersprüchliches Gemisch bilden.

 

Der namenlose Ich-Erzähler übt sich vergeblich in einer permanenten Selbstreflexion, die ihn aber nicht aus seinem Dilemma heraushelfen kann.

 

Obwohl mir selbst als heterosexueller Leser die Thematik völlig fremd blieb, kann ich den Roman würdigen, der sich mit einer alle Menschen berührenden Thematik beschäftigt: wie bin ich eigentlich zu dem geworden, der ich bin?

 

Dennoch bleibt „Was zu dir gehört“ in seiner Hoffnungslosigkeit ein sehr trauriges Buch.

 

 

 

Raubkind. Von der SS nach Deutschland verschleppt

 

 

Dorothee Schmitz-Köster, Raubkind. Von der SS nach Deutschland verschleppt, Herder 2018, ISBN 978-3-451-38380-9

 

Dies ist die Geschichte von Klaus B., der 1943 in Polen von der SS seinen Eltern weggenommen und  nach Deutschland gebracht wurde. Die Autorin Dorothee Schmitz-Köster, die seit langem Bücher zur deutschen Zeitgeschichte schreibt und sich auf die NS-Geschichte und den „Lebensborn“ spezialisiert hat, stößt im Rahmen ihrer Forschungen auf seinen Fall und nimmt mit Klaus B. Kontakt auf, der mittlerweile Mitte siebzig ist.

 

Von ihr (im weiteren Fortgang des Buches wird sie nur „die Journalistin“ genannt) erfährt er, dass er als Kind das Opfer eines Verbrechens wurde. Dass er 1943 vermutlich von der SS seiner Familie geraubt wurde. Sein Name und seine Herkunft wurden mit Hilfe des »Lebensborn« gefälscht, der ihn dann bei linientreuen deutschen Pflegeeltern unterbrachte.

 

 

Nach längerem Zögen willigt er ein, sich zusammen mit der Journalistin auf die Suche zu machen. Beide finden heraus, dass Zehntausende Kinder in Polen und anderen Teilen Osteuropas Klaus B.`s Schicksal teilen. Sie wurden von nationalsozialistischen »Rassenspezialisten« ausgewählt, ihren Familien entrissen und zur »Germanisierung« nach Deutschland verschleppt. Viele dieser „Raubkinder“ wissen bis heute nichts von ihrer Vergangenheit.

 

Mit Hilfe der Journalistin macht sich Klaus B. auf eine bewegende Suche nach seinen Wurzeln. Er findet tatsächlich seine Ursprungsfamilie, die ihn auch nach sieben Jahrzehnten nicht vergessen hat.

 

In einer gelungenen Mischung aus historischem Sachbuch und einer bewegenden und berührenden Schilderung eines persönlichen Schicksals gelingt es Dorothee Schmitz-Köster Licht in das Dunkel der Herkunft jener „Raubkinder“ zu bringen, denen eine gerichtliche Anerkennung ihres erfahrenen Unrechts bis heute verwehrt geblieben ist.

Die Geschichte von Klaus B. steht stellvertretend und exemplarisch für die Geschichte aller Raubkinder. Und dennoch hat jedes dieser Mädchen und Jungen ein ganz eigenes Schicksal.

 

 

Bäume

 

 

 

 

Piotr Socha, Wojciech Grajkowski, Bäume, Gerstenberg 2018, ISBN 978-3. 8369-5654-3

 

Der preisgekrönte polnische Illustrator hat mit seinem neuen Buch „Bäume“ ein erstaunliches Werk geschaffen, das als Sachbilderbuch nicht nur für Kinder ab der Grundschule von großem Interesse ist, sondern auch für Erwachsenen eine Fülle neuer Erkenntnisse und so zuvor nicht bewusster Zusammenhänge bietet.

 

Mit einer Vielzahl von Variationen und Perspektiven wir in diesem Buch die Vielfalt der Bäume gezeigt, ob im Regenwald, in der Savanne oder bei uns in Wirtschaftswäldern.

 

Es geht um viele biologische Details und vor allem um die vielfältige Nutzung der Bäume durch den Menschen durch die Verwendung von Holz und was man alles daraus machen kann. Auch kulturgeschichtliche Bedeutungen von Bäume (wie etwa den Bam im Paradies) kommen vor.

 

Aber vor allen Dingen wird immer wieder betont: Bäume sind für unser Ökosystem unverzichtbar. Der Geschichte  von Menschen und Bäumen wird mit diesem schönen und großen Buch ein farbenprächtiges Denkmal gesetzt.

 

 

 

Das Meer

 

 

 

Wolfram Fleischhauer, Das Meer, Droemer 2018, ISBN 978-3-426-19855-1

 

Wieder einmal gelingt es Wolfram Fleischhauer ein aktuelles brisantes Thema zu verknüpfen mit einer Handlung, die den Leser in atemlose Spannung versetzt.  Es geht in „Das Meer“ um die aktuelle Praxis der Fischerei auf den Weltmeeren, wie diese skrupellose Ausbeutung der Meere von der Politik unterstützt wird, und es geht um Menschen, die versuchen, sich dagegen mit verschiedenen Mitteln zur Wehr zu setzen.

Wolfram Fleischhauer antwortet in einem Interview auf die Frage, wie realistisch sein Roman sei:

„Ich schreibe Faction, also eine Mischung aus Fact und Fiction. Ich gehe in die Welt bzw. ins Archiv, finde meine Inspiration und bin selbstverständlich bemüht, keine sachlichen Fehler zu machen. Aber ein Roman ist kein Sachbuch. Die zentrale Frage ist nicht, ob irgendein Detail real oder plausibel erfunden ist, sondern immer nur der Werte-Konflikt zwischen den handelnden Figuren.“

 

Das Buch erzählt von der Portugiesin Teresa. Die EU in Brüssel hat sie als Fischerei-Beobachterin auf ein modernes Fischfangschiff auf hoher See entsandt. Als sie eines Tages verschwindet, kann ihr Liebhaber John, der sie einst bei der EU ausgebildet hat, nicht glauben, dass Teresas Tod ein Unfall war. Er ist davon überzeugt, dass hier die Fischereimafia ihre Hände im Spiel hat und versucht herauszufinden, was geschehen ist.

 

Zur gleichen Zeit versucht der dieser Mafia nahestehende Schweizer Lobbyist Alessandro di Melo seine Tochter Ragna zu finden. Ragna ist mit Teresa befreundet und Teil einer radikalen, auch Gewalt nicht ablehnenden Gruppe von Ökoaktivisten. Als Alessandro von diesen Aktivitäten seiner Tochter erfährt, die seine Interessen und seinen Ruf bedrohen, reist er selbst nach Südostasien, wo er seine Tochter vermutet und beauftragt zudem den nichtsahnenden Adrian mit der Suche nach ihr. Adrian arbeitet als Konferenzdolmetscher häufig für die EU und war Ragnas Jugendliebe.

 

Nun beginnt in wechselnden Blickwinkeln aus der Sicht der jeweiligen Figuren eine spannende und verzweifelte Suche von drei Männern nach zwei Frauen in Todesgefahr. Dazwischen immer wieder der Einfluss der globalen Fischereimafia, eine gleichgültige Öffentlichkeit und eine handlungsunfähige Politik.

Wolfram Fleischhauers Buch ist ein erschreckend realistisches Katastrophenszenario und erzählt zugleich von den Grenzen der Liebe und unserer Sehnsucht nach einem neuen Umgang mit der Natur. Spannend harte Kost für jeden Leser, der gerne Fisch isst.