Sing mit mir. Meine allersten Kinderlieder

 

 

 

Katja Senner, Sing mit mir. Meine allersten Kinderlieder, Ravensburger Verlag 2019, ISBN 978-3-473-31761-5

 

Für die erfolgreiche Ravensburger Bilderbuchreihe „Ministeps“ für Kinder ab dem ersten Lebensjahr, die in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift „Eltern“ erscheint, hat Katja Senner insgesamt 17 Kinderlieder aus dem Volksgut ausgewählt und sie mit einfühlsamen und kleine Kinder ansprechenden Illustrationen versehen.

 

Jedermann weiß, dass gemeinsames Singen nicht nur eine ganz eigene Form von Gemeinschaft stiftet, sondern auch das Sprachvermögen der Kinder fördert.

 

Die Auswahl für dieses Buch gelungen und hat mir in seiner Vielfalt sehr gefallen und die Bilder mit vielen den Kindern bekannten Kuscheltieren sind wunderbar.

 

Wie die ganze Reihe sehr empfehlenswert.

Leonardo da Vinci

 

Isabel Thomas, Katja Spitzer, Leonardo da Vinci , Laurence King Verlag 2019, ISBN 978-3-96244-061-9

 

In seiner Reihe „Kleine Bibliothek Großer Persönlichkeiten“ in der schon Bücher über Nelson Mandela und Marie Curie erschienen sind, versucht der Laurence King Verlag in Berlin Kindern im Grundschulalter kindgerecht und verständlich die Lebensgeschichte berühmter und einflussreicher Menschen, die ihnen Vorbilder werden können, nahezubringen.

 

In dem vorliegenden kleinen Buch, das Katja Spitzer eindrucksvoll illustriert hat, erzählt Isabel Thomas, die Geschichte von Leonardo da Vinci, dessen Todestag sich in diesem Mai zum 500. Mal jährt. Sehr behutsam bringen Bilder und Text den Kindern die Geschichte und die Erfindungen dieses Mannes bei.

 

Mit einer gelungenen  Mischung aus informativer und berührender Erzählung mit eindrucksvollen Illustrationen lässt dieses kleine Buch Kinder die Welt von Leonardo verstehen.

Ein Glossar am Ende hilft beim Verstehen  einiger schwieriger Wörter und Sachverhalte und die vier zum Weiterlesen genannten Bücher sind alle zu empfehlen.

 

 

Aller Anfang

 

 

 

 

J.Courtney Sullivan, Aller Anfang, Deuticke 2019, ISBN 978-3-552-06395-2

 

Dieser im Frühjahr 2019 bei ihrem Schweizer Stammverlag Deuticke erschienene neue Roman von J. Courtney Sullivan wurde im Original unter dem Titel  „Commencement“ schon 2009 bei A. Knopf in New York veröffentlicht. Ich finde ihn, das möchte ich zu Anfang bemerken, literarisch und thematisch viel anspruchsvoller als die beiden Romane „Sommer in Maine“ (2013) und „All die Jahre“ (2018), die mich in diesen Jahren schon begeistert haben.

 

„Aller Anfang“ ist die Geschichte von vier jungen Frauen namens Celia, Bree, Sally und April. Sie alle beginnen zu Beginn des Romans im Jahr 2002 ein College Studium am berühmten Smith-College, auf dem nur Frauen zugelassen sind. Aus dem Nachwort von J. Courtney Sullivan wird deutlich, dass sie selbst über vier Jahre ihres Lebens Studentin dieses außergewöhnlichen College gewesen ist. Möglicherweise versteckt sich hinter einer der vier im Roman porträtierten Frauen auch sie selbst.

 

Die vier jungen Frauen, die im ersten Studienjahr in einem alten Wohngebäude des Colleges als Zimmernachbarinnen untergebracht sind, könnten unterschiedlicher nicht sein und freunden sich gerade deshalb eng miteinander an. Celia ist streng katholisch erzogen, die schöne Bree ist schon verlobt, die zwanghaft ordentliche Sally hat vor kurzem ihre Mutter verloren und die rothaarige April, eine radikale Feministin, verdient sich ihr Studium selbst, während die anderen drei aus wohlhabenden Familien kommen, die sich so ein College leisten können.

 

  1. Courtney Sullivan erzählt nun zunächst aus wechselnden Perspektiven der vier jungen Frauen von deren vier Jahren auf dem College, von der Entwicklung ihrer Freundschaft. Sie vermittelt so dem schnell faszinierten Leser einen Einblick in die unterschiedlichen Lebensgeschichten der vier Freundinnen und ihre unterschiedliche Gefühle, Gedanken und Lebensträume.

 

Sie behandelt Themen, die den Protagonistinnen begegnen und sie als Autorin wohl auch selbst immer wieder beschäftigt haben. Ungewollte Schwangerschaft, weibliche Homosexualität, radikale politische Positionen zu fast alle Fragen, Gleichberechtigung und – immer wieder und sehr ausführlich- feministische Debatten, Positionen und ihre teils berühmten Vertreterinnen werden ausführlich thematisiert und debattiert.

 

Ich habe, je länger je mehr, den Roman auch gelesen als ein Buch über verschiedene Lebensentwürfe von Frauen auf dem Hintergrund unterschiedlicher feministischer Diskurse und der Kritik an ihnen.

 

Nach dem Studium vertreibt es die vier ungleichen Freundinnen in alle möglichen Windrichtungen. Doch sie bleiben in Kontakt. Nachdem die Collegezeit den umfangreichen ersten Teil des Romans umfasst, erzählt die Autorin in einem kürzeren zweiten Teil davon, wie es mit den vier weiter gegangen ist.

 

Sally steht kurz vor ihrer Hochzeit und hat die anderen drei dazu eingeladen. Als die vier am Abend vor der Hochzeit zusammen feiern wollen, kommt es zu einem riesigen Streit untereinander, der die Vier erneut trennt. Wahrscheinlich für immer, so sieht es zunächst aus. Doch dann  gerät April durch eine radikale Feministin, deren Vorbild sie fast verfallen scheint, in wirkliche Lebensgefahr. Langsam, aber erfolgreich stehen die Frauen zueinander, setzen in vielen Rückblicken die Scherben ihrer intensiven Freundschaft wieder zusammen, stehen zusammen und bewahren April vor Schlimmerem. Und bescheren dem gebannten Leser so etwas wie ein Happy End, auch wenn man weiß, dass für jede der vier das Leben erst richtig losgeht.

 

Ich habe, je länger je mehr, den Roman auch gelesen als ein Buch über verschiedene Lebensentwürfe von Frauen auf dem Hintergrund unterschiedlicher feministischer Diskurse und der Kritik an ihnen.

 

J.

Tugend. Über das, was uns Halt gibt

 

 

 

Reimer Gronemeyer, Tugend. Über das, was uns Halt gibt, Edition Körber 2019, ISBN 978-3-89684-269-5

 

Über viele Jahrzehnte hat der Theologe und Soziologe Reimer Gronemeyer nicht nur den Rezensenten in seiner Ausbildung, seinem Studium, seiner pfarramtlichen und beraterischen Praxis und seinem politischen Engagement geprägt und ermutigt.

 

Eine ganze Generation von jungen Menschen glaubte an die Möglichkeit einer besseren Welt, einer gerechteren Gesellschaft und einem schonendem Umgang mit der Schöpfung. Doch dieser Glaube scheint bei vielen verflogen, die Hoffnung geschrumpft auf die reine Bewältigung des täglichen Alltags, und das politische Engagement von einer schleichenden, das eigene Leben seltsam enteignenden Resignation abgelöst.

 

So jedenfalls geht es angesichts der gegenwärtigen Nachrichtenlage über den Zustand und die Zukunft der Welt an nicht wenigen Tagen dem ansonsten immer optimistischen und dem Leben zugewandten Rezensenten.  Doch eine solche Resignation führt nicht weiter. Das betont auch der Autor des vorliegenden Buches in allen seinen letzten Büchern, die er meist mit einer zornigen Sprachgewalt formuliert hat.

 

„Die Tugenden ( ergänze „die Hoffnung“) sind wie die glühenden Kohle, die man neu anfachen muss. Dazu bedarf es der Übung, der Einübung auch in die rettende Freundschaft, den Respekt, das Verzeihen und das großherzige Geben.“

 

Dieses Zitat aus dem Buch steht auf der Umschlagseite und benennt schon, woran es einer hartherzig gewordenen Gesellschaft, einer Gesellschaft, die ihren inneren Zusammenhalt zu verlieren droht, fehlt.

„Tugenden“ ist eine Rückbesinnung und Neubesinnung auf Werte und Tugenden, die eben nicht überholt sind, sondern die wieder neu angefacht und belebt werden müssen, wie die Glut aus der Asche, wenn unsere Gesellschaft eine menschliche Zukunft behalten soll. Am Ende seines Vorwortes schreibt der unermüdlich hoffende und zuversichtliche Gronemeyer:

„Dieses Buch will sich auf die Suche nach den neuen Tugenden machen, die imstande sein müssen, drohender Verwüstung mit Liebe zu begegnen. Tugenden, die mit kluger Selbstbegrenzung auf die entfesselte Konsumgesellschaft reagieren. Die der Egomanie tapfer das Du entgegensetzen, um den anderen nicht aus dem Auge zu verlieren. Die gegen alle Trends eine gerechte Lebenswelt einfordern. So wachsen in der Anknüpfung an die alten christlichen Tugenden die neuen, die gebraucht werden, auf dem Boden der freundschaftlichen Begegnungen zwischen Menschen. Sie leben aus dem Glauben an die Kraft des hoffenden Menschen. Und diese Tugenden sind so alt und so neu wie die Liebe und so uneingelöst wie die Sehnsucht der Menschen nach Liebe.“

 

Ein leidenschaftliches, kämpferisches und mit Mut und Hoffnung den Leser ansteckendes und infizierendes Buch. Ein Buch, das jeden einzelnen einlädt und auffordert, in seiner eigenen Umgebung, mit den Menschen, die ihm begegnen, diese Tugenden lebendig und wahrnehmbar und spürbar werden zu lassen. Gegen alle Fakten der Zerstörung, gegen alle Prognosen des drohenden Untergangs, gegen das Gift der Resignation und der Hoffnungslosigkeit hofft der Autor auf ein Morgen, das uns allen eine lebenswerte Perspektive bietet.

 

Jeder einzelne wird dazu gebraucht. Jeder einzelne wird ermutigt, jedem einzelnen wird zugemutet, dass er seinen wichtigen Beitrag dazu leisten kann und soll.

 

Ein Buch, das an die Kraft des hoffenden Menschen  glaubt, ein Buch, das Mut macht. „Der Egomanie tapfer das Du entgegensetzen, um den anderen nicht aus dem Auge zu verlieren.“ Dieser Satz lässt mich nicht los.

 

 

Alles ist Windhauch

 

Ulrike Kriener, Alles ist Windhauch, Patmos 2019, ISBN 978-3-8436-1121-3

 

Als die bekannte Schauspielerin Ulrike Kriener, die selbst schon vor langer Zeit die Kirche verlassen, aber die Suche nach einer eigenen Spiritualität nie aufgegeben hat, in einem Schweigeseminar, in das sie sich zurückgezogen hat, Teile des uralten Textes des „Predigers“ (Kohelet) aus der Bibel kennenlernt, beginnt eine von der erfrischend nüchternen Weltsicht und der erstaunlichen Aktualität des Textes geprägte Faszination und Auseinandersetzung mit dem alttestamentlichen Weisheitstext, die schließlich zu dem vorliegenden Buch geführt haben.

Vorher schildert sie auf eine authentische Weise ihren Weg aus der katholischen Kirche und ihren Weg zurück, geprägt durch ihren gläubigen Ehemann

 

Dann erzählt und reflektiert Ulrike Kriener was diese Sprichwörter in ihr auslösen, wie Kohelets Lebensweisheiten sie berühren und  welche Impulse sie dem Text verdankt. Diese Reflexionen wechseln sich ab mit der beeindruckenden Lesung der biblischen Texte.

 

Der ehemalige Prior des Klosters Andechs,Anselm Bilgri, steuert Informationen bei über die Zeit, in der der Text entstand, und fragt, wie ein so wenig „frommer“ Text wohl Eingang ins Alte Testament finden konnte.

 

Die evangelische Theologin und Professorin am Institut für Praktische Theologie der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, Sabine Bobert, deren Schwerpunkte Mystik und postmoderne Spiritualität sind zeigt in ihrem Artikel „Der mit dem Wind tanzt“ ganz konkret, wie die biblische Lebensklugheit heutige Menschen, die Sinn in ihrem Leben suchen, inspirieren kann.

Die beigefügte  CD präsentiert die Lesung des kompletten biblischen Textes durch Ulrike Kriener. Stimmungsvoll begleitet wird diese von der Weltmusikgruppe Quadro Nuevo und dem Oud-Spieler Basem Darwisch, die ihre Musik exklusiv für diese CD komponiert und eingespielt haben.

 

Ein beeindruckendes spirituelles Gesamtwerk.

 

 

Der Sänger

 

 

 

Lukas Hartmann, Der Sänger, Diogenes 2019, ISBN 978-3-257-07072-1

 

Der Schweizer Schriftsteller Lukas Hartmann hat sich schon in vielen früheren Büchern als ein wahrer Meister des historischen Romans erwiesen. Immer hervorragend recherchiert, erzählt er spannend und unterhaltsam historische Begebenheiten, meist von Menschen, die wirklich gelebt haben.

 

So hat er es auch mit dem Stoff und dem Thema seines neuen, wieder bei Diogenes in Zürich erschienenen Romans gemacht. Im Anhang dokumentiert er ausführlich, welche Quellen er benutzt hat und von welchen anderen Büchern über seine Hauptfigur er sich hat inspirieren lassen. Ein Verfahren, das man sich manches Mal auch bei anderen Romanen mit historischen Stoffen wünschen würde.

 

„Der Sänger“ ist ein Roman über den lyrischen Tenor Joseph Schmidt, der als Sohn orthodoxer Juden in Czernowitz geboren wird und dort schon als Kind als Sänger in der Synagoge auf sich aufmerksam macht. Schon bald, sein großes Talent hat sich schnell überall in der Welt herumgesprochen,  füllt seine Stimme große Konzertsäle und er erobert in Deutschland, Europa und sogar in Amerika ein Millionenpublikum, ähnlich wie zu dieser Zeit nur noch Caruso oder der mit ihm befreundete Richard Tauber. Dem anderen Geschlecht nie abgeneigt, waren seine Frauenbeziehungen so vielfältig, wie es seine Stücke waren, die er schon früh auch auf Schallplatten aufnahm und die seinen Ruhm auch jenseits der großen Bühnen hauptsächlich in Europa verbreiteten.

Im Jahr 1942, in dem der mit vielen Rückblicken gespickte Roman spielt, hat es Joseph Schmidt auf einer langen Flucht vor den Nazis nach Südfrankreich verschlagen.

 

Lukas Hartmann erzählt, wie Joseph Schmidt, wie Tausende anderer Juden, krank und total erschöpft (später stellt sich heraus, dass er nicht nur seine Stimme nicht mehr nutzen kann, sondern schwer herzkrank ist), an der Schweizer Grenze, die 1942 schon total dicht gemacht worden ist (die Argumente der Regierung und von großen Teilen der Bevölkerung, die er immer wieder beschreibt, kommen einem seltsam aktuell vor) ausharrt, bis er mit Hilfe eines Schleppers und seinem letzten Geld auf die andere Seite an den Genfer See gelangt. Dort werden ihm einige aufrechte Schweizer Menschen helfen und ihn aus dem Lager, im dem er unter fürchterlichen Bedingungen mit Hunderten von anderen Juden ausharren muss (unter anderem trifft er dort den Philosophen Manes Sperber) holen und ihn zunächst in einem Krankenhaus und wenige Tage später, weil der judenfeindliche Arzt ihm nicht hilft,  in einem Gasthaus unterbringen.

 

Doch alles ist vergeblich. Der große und lange sehr wohlhabende Sänger Joseph Schmidt stirbt an einem Herzversagen und wird auf einem jüdischen Friedhof in der Nähe bestattet. Heute erinnern Erinnerungstafeln daran, dass er seine letzten Lebenswochen dort verbrachte.

 

Eine großartige literarische Hommage an einen lange vergessenen Künstler.

 

 

 

 

Das Mädchen auf dem Eisfeld

 

 

 

Adelaide Bon, Das Mädchen auf dem Eisfeld, Hanser Berlin 2019, ISBN 978-3-446-26203-4

 

Dieses Buch ist mir wie wenige zuvor unter die Haut gegangen. Die 1981 geborene französische Schauspielerin Adelaide Bon hat in ihrem literarischen Debüt ihre eigene Missbrauchsgeschichte auf eine beeindruckende und bewegende Weise beschrieben, in einem Buch, in dem Gefühle und emotionale Distanz, die direkte Beschreibung eigener Erfahrung (zum Teil in der Ich-Form) und deren nüchterne Analyse eine homogene Mischung bilden, die den Leser von der ersten Seite bis zum Ende an sich bindet und ihn nicht mehr loslässt.

 

Sie ist gerade einmal neun Jahre alt, als sie von einem fremden Mann am Hauseingang angesprochen wird. Er gibt vor, im Haus als Handwerker etwas reparieren zu müssen. Deshalb will sie nicht unhöflich sein, will ihm den Weg zeigen und wird von ihm im Treppenhaus vergewaltigt.

 

Ihr Vater spürt sofort, dass etwas nicht stimmt, als er nach Hause kommt und seine Tochter verstört vorfindet. Sie kann es ihm in Ansätzen erzählen, was der fremde Mann mit ihr gemacht hat. Der Vater geht sofort zur Polizei und zeigt den Vorfall an. Doch niemand kann etwas herausfinden.

 

Adelaide Bon beschreibt die Leere und den wachsenden Selbsthass, die das langsam erwachsen werdende Kind über viele Jahre quälen. Die Eltern sorgen dafür, dass sie über ihre ganze Kindheit und Jugend hindurch in einer Therapie langsam lernt, darüber zu sprechen. Sie beginnt Theater zu spielen und hat erste Beziehungen, doch immer wenn sie versucht mit einem Mann zu schlafen, kehrt der Ekel zurück. Erst als erwachsene Frau bringt sie den Begriff Vergewaltigung mit dem Erlebnis in Verbindung, das sie so perfekt von sich abgekapselt hat und das doch ihr Leben so radikal bestimmt.

 

Und als sie dann eines Tages einen Anruf von der Polizei bekommt, die nach vielen Jahren einem Mann auf die Spur gekommen ist, der über die Jahre viele Mädchen so missbraucht hat wie Adelaide muss sie sich darauf vorbereiten. Mit der Vorstellung ihrem Peiniger in einem Prozess tatsächlich gegenüber zu treten, kann die endgültige Heilung einsetzen. Kraftvoll und getragen von einer großen Lebenslust erzählt Adelaide Bon furchtlos und voller Mitgefühl für das Kind und die Heranwachsende, die sie einmal war, von der zerstörerischen Kraft sexueller Gewalt und von der schwierigen und schmerzvollen Rückeroberung ihres Lebens.

 

„Das Mädchen auf dem Eisfeld“ ist ein aufrichtiges und auch poetisches Buch. In ihrem literarischen Debüt zeigt sich Adelaide Bons große Erzählkunst, von der ihre Leser hoffentlich bald mehr erfahren können.

 

 

 

Lernen muss nicht Scheisse sein

 

 

 

Titus Dittmann, Lernen muss nicht Scheisse sein, Benevento 2019, ISBN 978-3-7109-0068-6

 

Immer mehr Eltern müssen beide vollzeit berufstätig sein. Entweder ist sonst das Leben in einer Familie nicht zu finanzieren, oder aber beide wollen nach einer langen Ausbildung arbeiten und sich weiterentwickeln. Außerdem drängen ein leergefegter Arbeitsmarkt und ein immenser Fachkräftemangel die Politik zu Maßnahmen, die es insbesondere Frauen erleichtern, schon bald nach der Geburt ihres Kindes wieder ganz oder teilweise berufstätig zu sein.

Das hat zu veränderten Nachfragen nach der Betreuung der Kinder im Kindergarten oder in der Schule geführt. Durch verlängerte Öffnungszeiten in den Kindertagesstätten, durch Ganztagsschule, Förderunterricht und Ferienbetreuung hat sich der Alltag unserer Kinder so entwickelt, dass er oft einem strengen Stundenplan folgt. Raum für jugendlichen Übermut, für kindliche Neugier, für ein zielloses Sich-treiben-Lassen bleibt kaum. Gleichzeitig werden Selbstbestimmung und persönliche Freiheit in der Erwachsenenwelt noch nie so großgeschrieben wie heute. Doch unsere Kinder haben nichts davon.

 

Durch den Stress der Arbeit und die lange Zeit, die Kinder in Kindergarten und Schule verbringen wird auch eine Tendenz bei vielen Eltern unterstützt, ihre Kinder in der restlichen Zeit  vom Sandkasten bis zum Abitur zu kontrollieren zu korrigieren und zu zensieren. Bekannt geworden als Helikopterphänomen.

 

Der Autor des vorliegenden Buches, Titus Dittmann,  tritt dafür ein, dass wir generell unseren Kindern wieder mehr Freiräume im Alltag zugestehen und ermöglichen.  Denn, davon ist er überzeugt:  zu viel Eltern ist für die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes genauso katastrophal wie zu viel Schule.

 

Unsere Kinder brauchen, bei aller notwendiger elterlichen Fürsorge viel mehr Freiraum, Kreativität und schon früh geübte Eigenverantwortung.

 

In diesem locker geschriebenen Buch können Eltern unter anderem erfahren

– wie Lernen auch ohne den negativen Beigeschmack von Langeweile und Zwang funktioniert
– wie Skateboarden Eigenverantwortung fördert und Orientierung gibt
– warum Kinder erwachsenenfreie Räume brauchen, um stark und selbstbewusst zu werden

Eine Bemerkung des Rezensenten: all das kann natürlich auch ohne Skateboard funktionieren. Es gibt Kinder, wie etwa meinen Sohn, die mit so einem Brett nie etwas anfangen konnten, aber dennoch zu sportlichen, bewegungsfreudigen, selbstbewussten und kritischen jungen Menschen herangewachsen sind.

Geschwister der Bibel. Geschichten zwischen Zwist und Liebe

 

 

Margot Käßmann, Geschwister der Bibel. Geschichten zwischen Zwist und Liebe, Herder 2019, ISBN 978-3-451-39414-0

 

Mit den Geschwistern ist das eine Sache für sich. Manche haben zu ihrer Schwester oder ihrem Bruder eine warme und enge Beziehung weit über den Tod der gemeinsamen Eltern hinaus, bei anderen setzt sich eine konkurrenz- oder neidbetonte Beziehung aus der Kindheit bis ins hohe eigene Erwachsenenalter fort, bei wieder anderen zerbricht eine lange relativ normale Beziehung wegen eines Konflikts, an dessen Ursache sich Jahrzehnte später keiner mehr erinnern kann und wird dann ein Leben lang nicht mehr geheilt. Manche Menschen leiden darunter, anderen ist es eher gleichgültig. Wahrscheinlich war dann schon in der Kindheit die Beziehung brüchig. Oft ist auch die Gründung einer eigenen  Familie der Grund dafür, dass ein bisher guter Verständnis füreinander zerbricht, weil sich die jeweiligen Ehepartner nicht riechen können.

 

Die Theologin Margo Käßmann erzählt in ihrem neuen Buch von insgesamt zwanzig Geschwistern in der Bibel und ihre jeweilige Geschichte. Erstaunlich aktuell gelingt es ihr nicht nur, diese Geschwisterpaare wie Jakob und Esau, Lea und Rahel und viele mehr lebendig zu machen, sondern sie in ihren ihnen innewohnenden Konflikten auch für die heutige Zeit aufzuschließen und zu interpretieren.

 

Unter anderen geht es um:

  • Jakob und Esau: Zwillinge – eine ganz besondere Beziehung
    • Dina und ihre Brüder: Ein Mädchen unter so vielen Jungs!
    • Absalom, Amnon und Tamar: Von der großen Liebe zur kleinen Schwester
    • Judas, Simon und Jonatan: Drei Brüder, die im Leben nur Krieg kennen
    • Jesus und seine Geschwister: Der Älteste nervt irgendwie – und ist doch besonders
    • Die Schwester von Paulus: Von Entfremdung und Annäherung

 

 

Sie selbst sagt in ihrem Vorwort dazu: „Je älter ich werde, desto spannender finde ich das Thema Geschwister. Das ist offensichtlich kein individuelles, sondern ein verbreitetes Phänomen. Freundinnen und Freunde gehen, Geschwister bleiben, es ist in der Tat die längste Beziehung des Lebens. Sie prägt unsere gesamte Kindheit. Da gibt es große Liebe zueinander und große Konkurrenz, Solidarität und Abgrenzung, Zusammengehörigkeitsgefühl und Auseinandersetzung“.

 

Auch für wenig bibelfeste Menschen kann dieses Buch zu einer Offenbarung werden, sie können aus mindestens einer der erzählten Geschichten, vielleicht auch aus mehreren etwas erkennen und lernen über ihre eigene vielleicht brachliegende Beziehung zu Schwester oder Bruder. Auf jeden Fall, da bin ich sicher, wird der Leser nach der Lektüre dieser auch spannenden Geschichten seine eigene Geschwisterbeziehung in einem anderen Licht sehen und wertschätzen.

 

 

Wie groß, wie weit, wie schnell. Die Welt und ich

 

 

 

Jun Cen, Wie groß, wie weit, wie schnell. Die Welt und ich, Kleine Gestalten 2018, ISBN 978-3-89955-811-1

 

In diesem großformatigen und mit beeindruckenden Illustrationen von Jun Cen ausgestatteten Sachbilderbuch für Kinder ab etwa fünf Jahren unternehmen die Macher des Kleinen Gestalten Verlags in Berlin eine spannende Reise durch die Natur und die Welt der Tiere. Indem sie immer wieder Größe und Entfernungen verständlich machen und vergleichen, wecken sie in den kleinen Lesern große Neugier, sich selbst auf Entdeckungsreise nach den Wunder dieser Welt zu begeben.

Wie groß etwa sind die Augen eines Tintenfischs? Wie viele Zähne hat der weiße Hai und wie alt ist der älteste Baum? Wie groß, wie weit, wie schnell? „Die Welt und ich“ nimmt neugierige Kinder mit auf eine spannende Reise durch Flora und Fauna.

 

Gegenüberstellungen und auch für erwachsene Mit- und Vorleser originelle Vergleiche vermitteln allerhand spannende Tatsachen über unseren Planeten. Die Illustrationen von Jun Cen veranschaulichen mit viel Liebe zum Detail unterschiedliche Maßeinheiten und helfen kleinen Lesern dabei, ihre Umwelt besser zu begreifen.