Tage ohne Hunger

 

 

Delphine de Vigan, Tage ohne Hunger, Dumont 2017, ISBN 978-3-8321-9837-4

 

Mit ihren Romanen „Das Lächeln meiner Mutter (2013) und „Nach einer wahren Geschichte“ 2016) wurde die 1966 geborene französische Schriftstellerin Delphine de Vigan auch in Deutschland einem größeren Publikum bekannt.

 

Die Art und Weise, wie sie in beiden bei Dumont in Köln erschienenen Romanen biographische Erfahrungen literarisch verarbeitete, hat mich damals sehr angesprochen und begeistert.

 

Durch diesen Erfolg ermutigt, hat der Dumont Verlag nun ein Buch veröffentlicht, das 2001 das literarische Debüt de Vigans war und das sie damals wohl auch wegen dem biographischen Charakter und der sehr persönliche  Thematik unter dem Pseudonym Lou Delvig veröffentlichte.

 

In „Tage ohne Hunger“ erzählt sie von der 19-jährigen Laure, die unter einer schweren Magersucht leidet. Als die Krankheit ihr Leben bedroht und ohne rasche Hilfe der baldige Tod droht. Wer den Arzt, der sie anruft und ihr regelrecht befiehlt, sofort in seine Klinik zu kommen, über ihren Zustand informiert hat, bleibt im Dunkel.  Sie wartet noch einige Tage, unschlüssig, was sie tun soll: „In ihrem Bauch klopfte der Tod, sie konnte ihn berühren.“ Und sie wählt die Nummer des Krankenhauses.

 

Dort macht sie jeden Tag Notizen darüber, was mit ihr passiert, wie sie sich fühlt. Sie schreibt über ihre Beziehung und ihre Beziehung zu ihrem Arzt, Dr. Brunel und zu manchen ihrem Mitpatienten.  Sie berichtet ihrem Notizbuch von ihrem dauernden Kampf, von ihrer Sehnsucht nach dem alten Zustand, von der Kraft, die sie aufbringt, durchzuhalten und was ihr dabei hilft.

 

Diese Notizen werden ihr Jahre später, als sie längst wieder in ein normales Leben zurückgekehrt ist und Mutter zweier Kinder geworden ist, helfen, dieses Buch zu schreiben, unter dem Schutz eines Pseudonyms, aber nicht weniger offen und ehrlich. Später dann wird sie mit ihren weiteren Romanen auch öffentlich mit ihrem Namen dafür stehen, dass sie persönlich Erlebtes und Erfahrenes auf eine Weise literarisch verarbeitet, die dem Leser Respekt abringt.

 

„Noch heute sagt sie trotz der vielen Jahre, die vergangen sind, und trotz der Lebensfreude, die sie wiedergefunden hat, genau das, wenn sie davon spricht: Er hat mir das Leben gerettet.“

 

Eine ganz außergewöhnliche und wertvolle Heilungsgeschichte, die unter die Haut geht und nicht nur Betroffenen Mut zum Leben vermittelt.

Ein Himmel für Oma

 

 

 

 

 

 

 

Antonie Schneider, Betina Gotzen-Beek, Ein Himmel für Oma, Coppenrath 2017, ISBN 978-8157-7003-0

 

Nach wie vor ist in unserer Gesellschaft das Thema Sterben und Tod von starken Tabus geprägt. Ich will einmal die These aufstellen, dass diese, nach meiner Einschätzung zunehmende Tabuisierung mit der Tatsache zusammenhängt, dass früher breite Schichten tragende und tröstende religiöse Vorstellungen und Interpretationen nicht mehr tragen und wirken.

 

Wenn Erwachsene schon selbst mit diesem Thema für sich selbst und untereinander eher vermeidend umgehen, dann tun sie erst recht im Verhältnis zu ihren Kindern. Diese kennen noch nicht die herrschenden Tabus und stellen ihren Eltern und Großeltern Fragen über das Sterben und den Tod, wenn sie damit konfrontiert sind.

 

Eltern reagieren dann oft unsicher. Sie scheuen sich über etwas so Unbegreifliches zu sprechen und fragen sich, ob ihr Kind die Wahrheit verkraftet.

 

Das vorliegende Bilderbuch von Antonie Schneider im Coppenrath Verlag, der zuletzt mit „Als Mama nur noch traurig war“ sich einem ähnlich tabuisierten Thema zuwandte), will Eltern dabei unterstützen, offen und doch behutsam mit ihren Kindern über das Thema Tod zu sprechen, wenn diese danach fragen oder wenn es in der Familie durch den Tod etwa von Großeltern auftaucht.

 

In der Geschichte hier geht es um die beiden Geschwister Lena und Valentin , ihre Oma und deren neuer gelber Vogel Chaja. Chaja bedeutet „Leben“ erklärt die Oma ihren Enkeln. Und bald schon ist der Vogel in das gemeinsame Leben mit Eltern, Oma und Kindern integriert.

 

Doch als es Winter wird, wird Chaja krank und irgendwann stirbt der kleine Vogel. Die ganze Familie begräbt ihn im Garten.

Später fragt der kleine Valentin seine Oma, ob sie auch einmal sterben wird, und die Oma antwortet ihm ehrlich und erzählt im Geschichten von Chaja und hält den Vogel so für den kleinen Jungen lebendig.

 

Als irgendwann auch die Oma schwach und bettlägerig und schließlich stirbt sie. Und die ganze Familie hat von ihr gelernt, dass sie über das Geschichtenerzählen in ihren Herzen weiterlebt.

 

Ein warmherzig erzähltes Bilderbuch über Sterben und Tod, Abschied und Trauer und wie liebe Menschen und Wesen in unseren Herzen weiterleben.

 

Die Fachberaterin für Psychotraumatologie Anna Pein hat auf den letzten beiden Seiten, die sich an die vorlesenden Eltern richten, etliche hilfreiche Erklärungen und Hinweise gegeben.

Grimmig und Anders. Gruselmärchen aus aller Welt

 

 

 

Scott Plumbe, Grimmig und Anders. Gruselmärchen aus aller Welt, Esslinger 917, ISBN 978-3-480-23292-5

 

Insgesamt sieben Gruselmärchen von den Brüdern Grimm, Hans Christian Andersen, Alexandr Afanassjew, Oscar Wilde und anderen sind in diesem schönen Buch versammelt, das der international bekannte Illustrator Scott Plumbe mit traumhaften Bilderwelten illustriert hat, Bilder, die auch den kleinen Betrachter, aber auch den vorlesenden Erwachsenen sofort in ihren Bann ziehen und verzaubern.

 

Die hier abgedruckten Geschichten vermitteln nicht zuletzt durch die geheimnisvollen und düsteren Bilder von Scott Plumbe ein schaurig-schönes Gänsehautgefühl, ohne dass sie die Kinder in Angst versetzen.

 

Als Kind habe ich solche Bilder und Geschichten geliebt und sie in den klassischen Ausgaben der Märchen von Grimm und Hauff gefunden.

Nest. Kunstwerke der Natur

 

 

Janine Burke, Nest. Kunstwerke der Natur, Oekom Verlag 2017, ISBN 978-3-96006011-6

„Was sind Nester anderes als Kunst?“  Das ist die feste Überzeugung der Kunsthistorikerin, Schriftstellerin und Hobbyornithologin Janine Burke. Sie hat viele Jahre lang auf Reisen in ihrer Heimat Australien, in Europa, Amerika und Afrika Vögel beobachtet, insbesondere ihre Nester, die sie bald als Kunstwerke zu identifizieren lernte.

 

Ihr hier vorliegendes Buch „Nest“, das Susanne Darabas aus dem australischen Original ins Deutsche übersetzt hat, ist die stark biographisch geprägte Geschichte dieser Leidenschaft, voller Beobachtungen, Eindrücken und Gefühle und vielen Reminiszenzen an die Literatur.

Geschmackvoll illustriert durch Zeichnungen des britischen Künstler- und Ornithologenehepaars Eliza und John Gould sowie Paschalis Dougalis wird das Buch all jene begeistern, die Natur, Literatur und Kunst lieben.

 

Udo Lindenberg. Stärker als die Zeit. Die Stadiontour

 

 

 

Udo Lindenberg, Tine Acke, Udo Lindenberg. Stärker als die Zeit. Die Stadiontour, teNeues 2017, ISBN 978-3-96171-069-0

 

Über einen Zeitraum von vier Jahren hat die Fotografin die deutsche Rocklegende Udo Lindenberg auf seiner Tour durch die Stadien des Landes begleitet. Über eine Million  Menschen haben diese Konzerte gehört und gesehen.

 

Einzigartige Fotografien sind dabei entstanden, die Udo Lindenberg, sein Panikorchester und zahlreiche Wegbegleiter in allen möglichen Situationen und Perspektiven zeigen. Viele dieser Wegbegleiter haben zu diesem Buch Texte beigesteuert, die alle von der Beziehung zu Udo Lindenberg und seiner Musik handeln.

 

Ein einzigartiges Werk über einen einzigartigen Künstler, der die deutsche Rockmusik geprägt hat wie vielleicht kein anderer. Ein ideales Weihnachtsgeschenk für alle Udo Lindenberg Fans.

 

 

Fell und Feder

 

 

 

Lorenz Pauli, Kathrin Schärer, Fell und Feder, Atlantis 2017, ISBN 978-3-7152-0737-7

 

Ein wahrhaft originelles und absolut ungewöhnliches Bilderbuch hat das bewährte Duo aus Lorenz Pauli und Kathrin Schärer hier im Atlantis Verlag vorgelegt. Erzählt wird die Geschichte der Freundschaft zwischen einem Hund und einem Hund in einer auch literarisch anspruchsvollen Umsetzung.

 

Die beiden spielen nämlich ein Theaterstück, das von ihrer eigenen Freundschaft handelt. Zunächst als zwei Einzelgänger lebend, begegnen sich die beiden. Das Huhn träumt von Freiheit und Abenteuer und einen Piratenschatz, der Hund von einem starken Freund, der ihm Geschichten erzählen kann. Huhn und Hund helfen einander. Verbringen viel Zeit, erleben Lustiges und Wundersames, erzählen sich Geschichten und merken, dass sie gute Freunde sein können.

 

Warmherzig und mit viel hintersinnigem Humor erzählt, zeigt die Geschichte, „dass es im Theater um das richtige Leben geht“, wie das Huhn nach der Vorstellung resümiert. Im Frühjahr 2018 erscheint diese Geschichtemit Musik von Charlotte Perrey und Rodolphe Schacher als Kinderoper auf einer CD und wird auch öffentlich aufgeführt.

 

 

Das wunderwilde Wolkenhaus

 

 

 

 

Nina Hammerle, Das wunderwilde Wolkenhaus, Ellermann 2017, ISBN 978-3-7707-4923-2

 

Eine schöne, skurrile, wilde und überaus lustige Geschichte hat die Kinderbuchautorin Nina Hammerle da erfunden und mit gelungenen  Reimen erzählt.

 

Humorvoll und mit vielen subtilen Details gespickt, erzählt sie vom Wolkenhaus Nummer 4 und seinen ungewöhnlichen Bewohnern, die sie nach und nach „belichtet“ und beschreibt. Da ist Kunigunde, die auf einem Bein steht und mit ihrer Mütze ihre Suppe aufwärmt. Oder Hinz und Kunz im Erdgeschoß, die mit dem jeweils anderen im Nebenzimmer telefonieren, statt einfach miteinander zu reden. Oder die Prinzessin, die aber nicht auf einer Erbse, sondern auf einem Blumenkohl liegt.

 

Viele andere schräge Bewohner werden in Reimen vorgestellt, Figuren, die den Kindern Freude machen werden und sie zu immer neuem Vorlesen bringen werden. Auch die Reime werden sie bald beginnen mitzusprechen und dabei Spaß zu haben.

 

Ballonfahrt mit Hund

 

 

 

 

Matthew Olshan, Sophie Blackall, Ballonfahrt mit Hund, Gerstenberg 2017, ISBN 978-3-8369-5979-7

 

„Die (fast) wahre Geschichte der ersten internationalen Luftfahrt im Jahr 1785“ erzählt  Matthew Olshan in  diesem von Sophie Blackall eigenwillig und phantasievoll illustrierten Bilderbuch aus dem Gerstenberg Verlag, das Leena Fleger aus dem Englischen übersetzt hat.

 

Bis auf wenige erfundene Details, für die sich der Luftfahrtfan Olshan die Freiheit genommen hat, berichtet das Bilderbuch über die Fahrt des Amerikaners Dr. Jeffries, der lieber ein Engländer wäre, mit seinem französischen Pilot Monsieur Blanchard über den Ärmelkanal von Großbritannien nach Frankreich im Jahr 1785. Damit waren sie die ersten, denen das gelang.

 

Doch sie haben schon vor der Fahrt ein ernstes Problem. Sie können sich gegenseitig nicht ausstehen. Dennoch starten sie am 7. Januar 1785 zu ihrem Vorhaben, während dem sich schon bald ernsthafte Probleme zeigen. Nun müssen die beiden Streithähne wirklich zusammenhalten soll ihr Vorhaben nicht scheitern.

 

Ein lustiges und fast wahres Bilderbuch über die erste internationale Ballonfahrt.

 

 

Der kleine rote Pullover

 

 

 

 

Brigitte Weninger, Katharina Sieg, Der kleine rote Pullover, Annette Betz Verlag 2017, ISBN 978-3-219-11740-0

 

Eine in ein lustiges Rätsel verkleidete heitere Wintergeschichte erzählt Brigitte Weninger in ihrem neuen Bilderbuch, das im Wiener Annette betz Verlag erschienen ist und das Katharina Sieg ansprechend und farbkräftig illustriert hat.

 

Sie beginnt damit, dass der Vater der Rabenfamilie eines Tages einen roten Kinderpullover von der Wäscheleine stiehlt und ihn  dann stolz seiner Frau zeigt. Vater Rabe will mit dem Pullover ein Dach für das Nest seiner Kinder bauen. Doch seine Frau ist dagegen und schimpft, denn die Farbe Rot locke doch nur den Falken an. Vater Rabe wirft den roten Pullover weg, der nun eine besondere Reise unternimmt, indem er verschiedenen Waldbewohnern zu ganz unterschiedlichen Zwecken dient, bis ich am Ende der Förster wiederfindet und ihn als das Kleidungsstück wiedererkennt, das von der Wäscheleine seines Hauses verschwunden war.

 

Er wundert sich und fragt sich, was die verschiedenen Spuren, die die Tiere in der Wolle hinterlassen wohl zu bedeuten haben. „Aber der kleine rote Pullover verriet es nicht.“

 

Die Kinder werden es nach dem Vorlesen besser wissen. Eine schöne Geschichte mit absolut gelungenen und sympathischen Tierfiguren. Die Kinder werden ihre Freude an diesem Bilderbuch haben.

 

 

 

Sommer-Wörter-Wimmelbuch

 

 

 

 

Rotraut Susanne Berner, Sommer-Wörter-Wimmelbuch, Gerstenberg 2017, ISBN 978-3-8369-5611-6

 

Viele Jahrgänge von Kindern sind seit etwa 2004 mit den schlussendlich fünf Bänden der Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner aufgewachsen, haben mit ihnen erkennen und benennen gelernt, konnten mit Hilfe der mit ihnen die großen Bücher immer wieder betrachtenden Eltern die in den Wimmelbüchern verborgenen Geschichten identifizieren und mit ihrer eigenen Phantasie weitererzählen.

Unser Sohn hat über viele Jahre, seit er etwa eineinhalb war, diese Bücher geliebt und kannte die Namen aller auftretenden Personen. Denen, die von Rotraut Berner ohne Namen gelassen worden waren, gab er welche und die Geschichten, die er um sie herum erfand, waren jedes Mal lustig und lebendig.

 

Als ich das neue Sommer-Wörter-Wimmelbuch in die Hände bekam, habe ich mich gern an diese schöne Zeit erinnert. Berner hat aus dem alten Sommerwimmelbuch ein hochkantiges Buch gemacht, das auf jeder Doppelseite verkleinert die alten Bilder zeigt, aber im unteren Fünftel ein kleines Wörterbuch gezeichnet mit den Objekten, die auf der jeweiligen  Seite zu sehen sind. Die Kinder können deshalb neben dem Betrachten der Bilder und dem Erfinden von Geschichten auch die Objekte und Dinge, die unten abgebildet und benannt sind, suchen, finden und ihren Namen aussprechen lernen.

 

Eine schöne Idee. Bei dieser ganz neuen Art, die Welt von Wimmlingen zu entdecken, lernen die Kinder spielerisch, wie die Dinge heißen und wie ihre Namen geschrieben werden.