Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Mein Papa ist Pirat

 

 

 

 

Katharina Grossmann-Hensel, Mein Papa ist Pirat, Annette Betz 2017, ISBN 9783-21911748-6

 

Als der Papa des namenlosen kleinen Ich-Erzählers dieses wunderbaren Bilderbuchs abends von der Arbeit nach Hause kommt, sagt er erschöpft: „Das war aber heute ein stürmischer Tag“. Sein Sohn fragt nach und der Vater, obwohl sicher sehr erschöpft von der Arbeit, wirft seine Aktentasche in die Ecke, und schon sind beide, Vater und Sohn, in einer abenteuerlichen Piratengeschichte verschwunden.

Auf eine lustige Weise, in eine spannende und mit eindrucksvollen Bildern illustrierte Piratengeschichte verpackt, gelingt es dem sensiblen Vater, seinem fragenden Sohn etwas zu vermitteln von dem, was er den ganzen Tag tut.

Mehr noch als die erzählte Geschichte hat mir an diesem Buch gefallen, wie die Autorin zwischen den Zeilen sozusagen ein fantasievolles und starkes Vater-Sohn-Verhältnis beschreibt, etwas, was viele Kinder in der Tagesstätte, in der ich seit Jahren in einer wöchentlichen „Lesezeit“ Kindern aus verschiedenen alten und neuen Büchern vorlese, sehr vermissen.

In vielen Familien ist der Vater nicht mehr präsent, entweder weil er, von der Mutter seiner Kinder getrennt oder geschieden, nicht mehr bei ihnen lebt, oder weil er durch beruflichen Stress sie nur für wenige Stunden am Wochenende sehen kann. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass unsere Kinder frühestens in der Sekundarstufe I, ab der fünften oder sechsten Klasse zum ersten Mal einen männlichen Erzieher zu Gesicht bekommen, dann ist das für unsere Mädchen, mehr aber noch für die Sozialisation unserer Buben nicht gerade förderlich.

Jungen brauchen für ihr Heranwachsen zu reifen, erwachsenen Männern ihre Väter. Väter, die sie einführen in die Welt der Männer, die mit ihnen raufen und zärtlich sind, die ihnen vorlesen und mit ihnen streiten, die ihnen zeigen und erklären, wie die Welt und die Dinge funktionieren. Sind die Väter nicht greifbar, und das ist eben leider oft die bedauerliche Realität, brauchen sie in Kindergärten und Schulen mehr männliche Bezugspersonen, an denen sie sich reiben und an denen sie reifen und wachsen können.

Das vorliegende Buch ist gut geeignet für Kinder ab 4 Jahren und ihre hoffentlich mehr als einmal vorlesenden Väter.

365 Erfolgsimpulse für Menschen im Verkauf

 

 

 

 

Andreas Nussbaumer, 365 Erfolgsimpulse für Menschen im Verkauf, Goldegg 2017, ISBN 978-3-99060-010-8

 

Andreas Nussbaumer ist seit 15 Jahren ein in Deutschland, Österreich und der Schweiz sehr erfolgreicher Trainer und Coach für Menschen, deren Job es ist zu verkaufen, was auch immer.

 

Sein Credo ist, dass solche Menschen für eine erfolgreiche und auch befriedigende Tätigkeit sozusagen eine tägliche Dosis Training brauchen. Bloßes Talent und ab und zu ein Seminar reichen auf Dauer nicht aus. Die erfolgreichsten Verkäufer sind die, die regelmäßig an ihrer Optimierung arbeiten.

 

Hierzu hat er aus seinen viele Erfolgsgeheimnissen und seinen in seinen Veranstaltungen gesammelten motivierenden und inspirierenden Impulsen ein Buch verfasst, in den er für jeden Tag des Jahres auf etwa einer halben Seite einen Tipp, eine Erkenntnis, eine Weisheit, eine Regel u.v.m. vorstellt, mit der der Leser an diesen Tag schwanger gehen soll und kann.

Obwohl diese Texte für Verkäufer gedacht sind, sind doch viele darunter, die auch anderen Menschen für ihre jeweilige berufliche Tätigkeit und ihr Handling gute Impulse zu geben vermag.

 

 

Systemfehler. Cartoons zur Weltlage

 

 

 

Martin Sonntag, Saskia Wagner (Hg.), Systemfehler. Cartoons zur Weltlage, Lappan 2017, ISBN 978-3-8303-3480-4

 

Anlässlich der Ausstellung „caricatura 7- Systemfehler“, die vom 3.6. bis zum 17.9.2017 in der Caricatura Galerie in Kassel zu sehen ist sind die in diesem von Martin Sonntag und Saskia Wagner herausgegebenen Band zu sehen ist.

 

Sie schreiben in ihrem Vorwort:

„Was ist in der Welt bloß los? Alle bekloppt geworden? Despoten, Chaoten und Idioten finden sich n Entscheidungspositionen auf allen Ebenen, sogar als Staatsoberhäupter. Im Fahrwasser von neo-faschistischem und rassistischem Stumpfsinn punkten rechtspopulistische Parteien  bei Wahlen. Gleichzeitig treiben religiöse Fundamentalisten die überforderte Politik vor sich her, während die bürgerliche Mitte verängstigt daneben steht und sich ansonsten in ein immer niveauloseres mediales Angebot flüchtet.“

 

Getreu nach Tucholsky („Satire ist Humor, der die Geduld verloren hat“) zeigen 50 der renommiertesten Zeichnerinnen und Zeichner, wie und warum ihnen der Geduldsfaden gerissen ist.

 

Komisch, oft mit viel schwarzem Humor und immer mit viel Hintersinn porträtieren diese Karikaturen den alltäglichen Irrsinn und zeigt gnadenlos die Fehler auf im System.

 

 

 

Atlas der Umweltmigration

 

Dina Ionesco, , Oekom 2017, ISBN 978-3-86581-837-9

 

Dieses für alle in den Fragen der Umwelt, des Klimawandels und der Migration engagierten und politisch und gesellschaftlich verantwortlichen und interessierten Menschen sehr empfehlenswerte Buch, das zunächst in England erschienen ist, zeigt verständlich und anschaulich, dabei wissenschaftlich auf der Höhe der Forschung, warum Menschen fliehen aus ihrer angestammten Heimat. Waren es bisher meist kriegerische Auseinandersetzungen in ihrer Heimat, die Millionen von Menschen zur Flucht trieben (bestes Beispiel in der letzten Zeit ist Syrien), so zeichnet sich schon jetzt deutlich ab, dass in der Zukunft als Folge des Klimawandels mit weiteren Flüchtlingsströmen bisher ungekannten Ausmaßes zu rechnen sein wird.

 

Die Internationale Organisation für Migration hat dafür folgende Definition gefunden die auch in diesem Buch verwendet wird:

„Personen oder Personengruppen, die aufgrund plötzlicher oder fortschreitender deutlicher Veränderungen der ihr Leben beeinflussenden Umwelt- und Lebensbedingungen gezwungen sind oder sich veranlasst sehen, ihr Zuhause zu verlassen, sei es zeitweise oder permanent, und die sich innerhalb ihres Heimatlandes oder über dessen Grenzen hinaus bewegen.“

 

Der Atlas zeigt, wie sich die Debatten über Umweltmigration entwickelt haben und liefert auch einen Überblick, wann es in der Vergangenheit zu größeren Flüchtlingswellen und Umsiedlungen auf Grund von Naturkatastrophen kam:

„Seit 2009 haben durchschnittlich 22,5 Millionen Menschen aufgrund von klima- oder wetterbedingten Katastrophen ihr Zuhause verlassen. Das bedeutet, über 80 Prozent aller Vertreibungen werden durch Klimakatastrophen ausgelöst.“

 

Als Lösungsansatz schlagen die Autoren neben der Weiterentwicklung schon erfolgreich angewandter Strategien auf nationaler und internationaler Ebene vor, dass sich sowohl nationale Behörden in potentiell gefährdeten Gebieten als auch internationale Akteure besser auf Katastrophenfälle vorbereiten.

 

Viele Grafiken und Karten machen die zunächst unübersichtliche  Informationsflut durchaus anschaulich, aber man droht, bringt man nicht ein großes Interesse am Thema mit, darin zu ertrinken. Fakt ist und bleibt wohl, dass dieses Thema auf Jahrzehnte auf der politischen Agenda nicht nur unseres Landes bleiben wird. Denn kurzfristige Lösungen sind in den betroffenen Gebieten nicht in Sicht, wie die große Zahl von Flüchtlingen zeigt, die allein in Afrika im Augenblick sich mehr oder weniger auf die gefährliche Flucht über das Mittelmeer vorbereiten.

 

Offen bleibt auch, wie die europäischen Länder mit diesen extremen Herausforderungen umgehen werden und wie sie sich dadurch verändern.

 

 

Das Mädchen aus Brooklyn

 

 

 

 

Guillaume Musso, Das Mädchen aus Brooklyn, Pendo 2017, ISBN 978-3-86612-421-9

 

Wieder hat Guillaume Musso, einer der erfolgreichsten Autoren in Frankreich, einen Roman vorgelegt, in dem er seine Meisterschaft darin beweist, in einer Mischung aus Liebesgeschichte und Psychothriller den Leser zu fesseln und nicht ruhen zu lassen, bis er das wieder total überraschende Ende gelesen hat und die Auflösung des Rätsels kennt.

 

In seinem neuen Buch „Das Mädchen aus Brooklyn“ gibt es drei Hauptpersonen, deren miteinander verwickelte Geschichte erzählt wird. Da ist der erfolgreiche Schriftsteller Raphaël Barthélémy, der die eine Hälfte des Romans in der Ich-Form erzählt. Nach einer enttäuschenden Beziehung mit einer Karrierefrau ist ihm nur sein kleiner Sohn Theo geblieben, um den er sich rührend kümmert und wegen dem er die letzten drei Jahre kein Buch mehr schreiben konnte. Vor einem halben Jahr hat er sich in einem Geschäft in die junge Anna Becker verliebt und er wird sie in wenigen Wochen heiraten. Alles ist geplant, als sie vor ihrer Hochzeit ein romantisches Wochenende an der Cote d`Azur verbringen. Um seinen Sohn Theo kümmert sich derweil sein Freund Marc, ein ehemaliger Polizist.

 

Raphael weiß, dass Anna die Liebe seines Lebens ist, doch etwas quält ihn. Er weiß nichts aus ihrer Vergangenheit, die sie vor ihm verborgen hält. Auf seine Nachfragen hat sie in der Vergangenheit verschlossen reagiert. Weil er davon überzeugt ist, dass man keine Beziehung und Ehe so begründen kann, lässt er Anna in ihrem Feriendomizil keine Ruhe, bis sie ihm, völlig außer sich vor Erregung, ein Bild zeigt, welches drei verkohlte Leichen zeigt. Mehrmals sagt sie „Das habe ich getan!“

Völlig geschockt verlässt Raphael die Ferienwohnung und als er kurze Zeit später wiederkommt um mit Anna zu sprechen, ist sie verschwunden. Er kehrt nach Hause zurück und erzählt seinem Freund Marc von dem Vorfall, der bei Marc die alten Ermittlerinstinkte wachruft. Gemeinsam machen sich die beiden Männer auf die Suche nach Anna. Die meiste Zeit ermitteln sie getrennt voneinander. Musso wechselt alle paar Seiten die Perspektive von dem ich-erzählenden Raphael zu Marcs Perspektive, was die Spannung mit jedem Kapitel erhöht, zumal immer neue Wendungen hinzukommen und das Leben von Anna sukzessive in seiner ganzen Dramatik entschlüsselt wird. Eine atemlose Suche nach Anna und nach der Wahrheit führt Raphael bis nach New York in die Straßen Harlems und Brooklyns.

 

So wie in seinen bisherigen Büchern auch und auf gewohnt sehr hohem Niveau wird hier ein Thriller mit einer Liebesgeschichte verbunden und mit vielen immer wieder neu auftauchenden und den Leser hin- und her schüttelnden Details gefüttert.

 

Von Beginn an baut Musso einen perfekten Spannungsbogen auf, um ihn im letzten Drittel bis fast bis zur letzten Seite noch einmal beachtlich zu steigern.

 

„Das Mädchen aus Brooklyn“ ist ein absolut gelungener Roman, der konstant das Spannungslevel auf immerhin knapp 500 Seiten bis zum Schluss halten kann. Wie bei einer Zwiebel entblättert sich Schale für Schale die Wahrheit. Immer wenn man beim Lesen denkt, jetzt hätte man den Zusammenhang verstanden, gibt es einen neuen Hinweis.

 

Ich konnte das Buch zwei Tage lang kaum aus der Hand legen, so hat es mich gefesselt. Auf das neue Buch von Gabriele Musso warte ich schon jetzt mit Spannung.

 

 

 

 

 

Was wir dachten, was wir taten

 

 

 

 

 

Lea-Lina Oppermann, Was wir dachten, was wir taten, Beltz & Gelberg 2017, ISBN 978-3-407-02567-8

 

Um es vorweg zu sagen: dieses literarisches Debüt der 1998 in Berlin geborenen Lea-Lina Oppermann ist eine Sensation. Es wurde schon vor seinem Erscheinen mit dem Hans-im-Glück-Preis für Jugendliteratur ausgezeichnet und zeigt im Handlungsaufbau, im Spannungsbogen, in seiner sprachliche Dichte und in der Charakterdarstellung der drei erzählenden Hauptpersonen eine Qualität, wie man sie bei jungen Schriftstellerinnen dieses Alters kaum für möglich gehalten hätte.

 

Mark Winter und Fiona Nikolaus sind Schüler einer achten oder neunten Klasse. Ihr Lehrer A.Filler hat gerade mit dem Matheunterricht begonnen in dem die Schüler eine Klausur schreiben, als durch den Schullautsprecher folgende Durchsage zu hören ist:

„Es ist ein schwerwiegendes Sicherheitsproblem aufgetreten. Bitte bewahren Sie Ruhe. Begeben Sie sich sofort in einen geschlossenen Fachraum und warten Sie auf weitere Anweisungen.“

 

Mark, der als erster zu Wort kommt (danach immer im Wechsel mit Fiona und Herrn Filler), bekommt von Herrn Filler die Anweisung, die Tür zuzuschließen. Sofort ist klar, alle gehen davon aus, dass ein Amokläufer in der Schule ist. Während Herr Filler darauf besteht, dass die Schüler ihre Arbeit weiterschreiben, um einer Panik vorzubeugen, wirft ein Schüler nach dem anderen dem Lehrer den angefangenen Test auf das Lehrerpult. Angst, Aufstand, Protest, Feigheit und Wut paaren sich zu einem seltsam dichten Gefühlskonglomerat, das einen Lehrer zeigt, der gerne mutiger wäre. Schon hier stellt die junge Autorin einzelne Schüler vor und beginnt mit ihrer Charakterisierung, die später noch eine Bedeutung haben wird. Es haben schon etliche Schüler ihre Arbeit vorzeitig beendet, als es zwischendrin an der Tür klopft und von außen die Stimme einer wohl viel jüngeren Schülerin um Einlass bittet, um sie vor dem Amokschützen zu retten.

 

Eine heftige Diskussion beginnt, ob man es verantworten kann die Tür zu öffnen. Weil Fiona heftig auf Mark einredet, öffnet der schließlich die Tür. Sie sind beide sicher, etwas Richtiges zu tun. Die Tür geht auf. „Davor stand ein schniefendes Mädchen mit zwei kurzen Zöpfen. Und einer Pistole an der Schläfe.“

 

Sie haben nun den Attentäter mitten im Klassenraum. Und nun beschreibt Lea-Lina Oppermann eine etwa zwei Stunden dauernde Dynamik, in der der völlig stumme und maskierte Täter einzelnen Menschen in der Klasse schriftliche Anweisungen erteilt.  Anweisungen, die die einzelnen auf eine Weise bloßstellen, dass sich einige bald fragen, woher der Täter all diese Informationen hat, die er für diese blamierenden, erniedrigenden und beschämenden Aufgaben braucht.

 

Immer abwechselnd Fiona, Mark und A. Filler zu Wort kommen lassend, gelingt der Autorin eine Art Psychothriller als Kammerspiel. Da werden Geheimnisse an die Oberfläche gezerrt, Lügen offenbart und hinter den so sorgsam gepflegten Fassaden der Einzelnen tun sich wahre Abgründe auf.

 

Wie eine Klasse und die einzelnen Schüler am Ende dieses 143 Minuten dauernden Dramas weiterleben können, ist offen und der Phantasie der jugendlichen Leser dieses wunderbaren Buches überlassen. Und so bricht der Bericht auch ab:

„Was bleibt….“

 

Ein sensationelles Debüt. Ich wünsche der jungen Autorin, dass sie den Mut und die nötige Unterstützung findet, weiter zu schreiben.

Der Vater und der Fremde

 

 

 

 

Giancarlo De Cataldo, Der Vater und der Fremde, Folio Verlag 2017, ISBN 978-3-99037-068-1

 

Dieses neue in Italien schon im Jahr 2010 erschienene Buch des italienischen Erfolgsautors Giancarlo De Cataldo ist kein Kriminalroman im eigentlichen Sinne. Doch auch in diesem kleinen schon älteren Werk zeigt er sich als meisterlicher Beobachter seiner Zeit, in seiner für ihn typischen kritischen und unbestechlichen Art.

 

Es erzählt von der ungewöhnlichen Freundschaft zweier Männer, die sich normalerwiese nie begegnet wären. Doch der Sohn des subalternen Justizbeamten Diego , Giacomo, und Yusuf, der Sohn von Walid besuchen dasselbe Therapiezentrum. Beide Jungen sind behindert, und so kommen Diego und Walid miteinander ins Gespräch. Sein treffen sich in Cafes, wobei Diego diese neue Bekanntschaft vor seiner Frau geheim hält. Obwohl für ihn völlig unklar ist, wer sich hinter Walid verbirgt, der reiche orientalische Geschäftsmann oder ein krimineller Drahtzieher von Clans aus dem Nahen Osten, ist Diego von diesem Mann völlig fasziniert. Durch ihn und seine bedingungslose Freundschaft öffnet sich Diego ein völlig anderes Leben und lässt ihn in ein ihm bisher unbekanntes Rom eintauchen.

 

Doch dann ist Walid plötzlich über Nacht verschwunden und Diego findet sich im Visier der Staatspolizei wieder.

Der Krimikritiker der Zeit, Tobias Gohlis hat einmal zu den Büchern von Giancarlo de Cataldo geschrieben, man sollte sie gelesen haben, wenn man verstehen will, was in Italien los ist. Auch dieser frühe Roman gehört zu dieser Sozialgeschichte dazu.

 

 

Das Mädchen aus Brooklyn

 

 

 

 

 

Guillaume Musso, Das Mädchen aus Brooklyn, Pendo 2017, ISBN 978-3-86612-421-9

 

Wieder hat Guillaume Musso, einer der erfolgreichsten Autoren in Frankreich, einen Roman vorgelegt, in dem er seine Meisterschaft darin beweist, in einer Mischung aus Liebesgeschichte und Psychothriller den Leser zu fesseln und nicht ruhen zu lassen, bis er das wieder total überraschende Ende gelesen hat und die Auflösung des Rätsels kennt.

 

In seinem neuen Buch „Das Mädchen aus Brooklyn“ gibt es drei Hauptpersonen, deren miteinander verwickelte Geschichte erzählt wird. Da ist der erfolgreiche Schriftsteller Raphaël Barthélémy, der die eine Hälfte des Romans in der Ich-Form erzählt. Nach einer enttäuschenden Beziehung mit einer Karrierefrau ist ihm nur sein kleiner Sohn Theo geblieben, um den er sich rührend kümmert und wegen dem er die letzten drei Jahre kein Buch mehr schreiben konnte. Vor einem halben Jahr hat er sich in einem Geschäft in die junge Anna Becker verliebt und er wird sie in wenigen Wochen heiraten. Alles ist geplant, als sie vor ihrer Hochzeit ein romantisches Wochenende an der Cote d`Azur verbringen. Um seinen Sohn Theo kümmert sich derweil sein Freund Marc, ein ehemaliger Polizist.

 

Raphael weiß, dass Anna die Liebe seines Lebens ist, doch etwas quält ihn. Er weiß nichts aus ihrer Vergangenheit, die sie vor ihm verborgen hält. Auf seine Nachfragen hat sie in der Vergangenheit verschlossen reagiert. Weil er davon überzeugt ist, dass man keine Beziehung und Ehe so begründen kann, lässt er Anna in ihrem Feriendomizil keine Ruhe, bis sie ihm, völlig außer sich vor Erregung, ein Bild zeigt, welches drei verkohlte Leichen zeigt. Mehrmals sagt sie „Das habe ich getan!“

Völlig geschockt verlässt Raphael die Ferienwohnung und als er kurze Zeit später wiederkommt um mit Anna zu sprechen, ist sie verschwunden. Er kehrt nach Hause zurück und erzählt seinem Freund Marc von dem Vorfall, der bei Marc die alten Ermittlerinstinkte wachruft. Gemeinsam machen sich die beiden Männer auf die Suche nach Anna. Die meiste Zeit ermitteln sie getrennt voneinander. Musso wechselt alle paar Seiten die Perspektive von dem ich-erzählenden Raphael zu Marcs Perspektive, was die Spannung mit jedem Kapitel erhöht, zumal immer neue Wendungen hinzukommen und das Leben von Anna sukzessive in seiner ganzen Dramatik entschlüsselt wird. Eine atemlose Suche nach Anna und nach der Wahrheit führt Raphael bis nach New York in die Straßen Harlems und Brooklyns.

 

So wie in seinen bisherigen Büchern auch und auf gewohnt sehr hohem Niveau wird hier ein Thriller mit einer Liebesgeschichte verbunden und mit vielen immer wieder neu auftauchenden und den Leser hin- und her schüttelnden Details gefüttert.

 

Von Beginn an baut Musso einen perfekten Spannungsbogen auf, um ihn im letzten Drittel bis fast bis zur letzten Seite noch einmal beachtlich zu steigern.

 

„Das Mädchen aus Brooklyn“ ist ein absolut gelungener Roman, der konstant das Spannungslevel auf immerhin knapp 500 Seiten bis zum Schluss halten kann. Wie bei einer Zwiebel entblättert sich Schale für Schale die Wahrheit. Immer wenn man beim Lesen denkt, jetzt hätte man den Zusammenhang verstanden, gibt es einen neuen Hinweis.

 

Ich konnte das Buch zwei Tage lang kaum aus der Hand legen, so hat es mich gefesselt. Auf das neue Buch von Gabriele Musso warte ich schon jetzt mit Spannung.

 

 

 

 

 

Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt

 

 

 

 

 

Bodo Kirchhoff, Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt, Frankfurter Verlagsanstalt 2017, ISBN 978-3-627-00241-1

 

Schon viele Schriftsteller haben sich an dem Sujet der Kreuzfahrt probiert und Handlungen von Romanen auf diese schwimmenden Hotels verlegt. Der Autor des vorliegenden kleinen Bandes, der Träger des Deutschen Buchpreises 2016, Bodo Kirchhoff, hatte für seinen Roman „Die kleine Garbo“ einen Protagonisten sogar zum  Mörder werden lassen um den Fahrpreis für eine solche Reise bezahlen zu können.

 

Doch dieses Mal begibt sich weder der Autor selbst noch irgendein Protagonist tatsächlich auf die Fahrt. Bodo Kirchhoff berichtet in einem Interview, wie er die Idee für dieses Buch hatte:

„Vor etwa einem Jahr, Anfang Juni letzten Jahres, kam eine Mail an mich: die Einladung zu einer Kreuzfahrt. Es hörte sich großartig an. Dann gab es einen Anhang und dann habe ich diesen Anhang studiert und mit meiner Frau darüber gesprochen und am nächsten Tag haben wir zwei freundliche Zeilen zurückgeschickt. In dem Moment, wo diese beiden Zeilen abgeschickt wurden, da kam mir der Gedanke: Das kann man auch auf 130 Seiten ausdehnen, diese Antwort.“

 

Und so widmet er sich, bei einigen alten Whiskeys immer gesprächiger werdend, einer langen Antwort, das achtseitige Kleingedruckte seines Vertragsentwurfs für eine kostenlose Reise, bei der er einige Lesungen zu absolvieren hätte, Lesungen allerdings, deren Texte vorher einer Art Zensur vorzulegen wären, damit die Passagiere nicht verunsichert würden. Doch das ist nur eine der zahlreichen Einschränkungen und Vorschriften, der sich der Autor zu unterwerfen hätte.

 

Lustvoll, boshaft und witzig zugleich, zerpflückt Bodo Kirchhoff das Angebot Stück für Stück und ergeht sich in kreativen und lustvollen Phantasien darüber. In einer Sprache, die man von ihm kennt, anspruchsvoll, reich an Bildern und hintersinnig, lotet er zwar die Tiefen und Abgründe menschlicher Existenz nicht ganz so tief wie in seinen größeren Romanen, zuletzt ganz hervorragend in „Widerfahrnis“, dennoch halte ich dieses kleine Buch für mehr als nur ein „Nebenwerk“, wie es Kirchhoff selbst bezeichnet.

Seine Lektüre ist ein sprachlicher Genuss und bietet mit seinem bösen Witz eine ganz hervorragende Unterhaltung. Für die Hartgesottenen sogar auf dem Sonnendeck bei der nächsten Kreuzfahrt.

 

 

 

 

Landluft. Bergbäuerinnen im Porträt

 

 

 

 

Daniela Schwegler, Stephan Bösch, Landluft. Bergbäuerinnen im Porträt, Rotpunktverlag 2017, ISBN 978-3-85869-752-3

 

12 Frauen im Alter zwischen 18 und 86 Jahren werden in diesem außergewöhnlichen Buch porträtiert. Nachdem Daniela Schwegler in den vergangenen Jahren schon Älplerinnen und Hüttenwartinnen sensibel in Wort und Bild beschrieben hat, hat sie nun zusammen mit ihrem Fotograf Stephan Bösch Frauen besucht, die zum Teil schon ihr ganzes Leben als Bergbäuerinnen leben und arbeiten. Frauen, wie es sie wohl nur in der Schweiz gibt. Sie alle eint ihre Liebe zu ihren Tieren und ihre Leidenschaft für das Leben und Arbeiten in der rauen Natur.

 

Sehr pur, immer direkt und mit einer gehörigen Portion Humor erzählen sie von ihrem Leben mit Wind und Wetter, beschreiben immer wieder unterschiedlich und doch wieder ähnlich ihre große Freiheit dort oben am Berg und reden von der Demut, die er sie gelehrt hat.

Porträts ganz eigenwilliger und beeindruckender Frauen haben die beiden Autoren durch ihre sensiblen Interviews und Fotografien geschaffen, die die Bergbauerinnen durch einen Wandertipp ergänzt haben für Menschen, die zumindest für kurze Zeit diese wunderbare Landschaft, in der sie leben und arbeiten, genießen wollen.

 

Die Porträts erzählen nicht nur von beeindruckenden Lebensläufen von Frauen, sondern sie geben auch einen  Einblick in die Probleme, vor die sich gerade auch die Bergbauern in diesen Zeiten gestellt sehen, aber auch von einer Haltung, die die 66-jährige Renate Krautkrämer so beschreibt: „Man muss vor jedem Wesen Ehrfurcht haben!“

 

Ein ganz besonderes Buch für Liebhaber magischer Orte und außergewöhnlicher Menschen.