Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Sechs kleine Vögelchen

 

Olivia Cosneau, Bernhard Duisit, Sechs kleine Vögelchen, Kleine Gestalten 2019, ISBN 978-3-89955-827-2

 

Der Kinderbuchverlag Kleine Gestalten aus Berlin überrascht seit einigen Jahren immer wieder mit schönen, künstlerisch wertvollen und originellen Bilderbücher. Das vorliegende zauberhafte und schöne Pop-Up-Buch erzählt in ungewöhnlichem Format mit einfachen von Cyra Pfennings ins Deutsche übertragenen Reimen die Geschichte von sechs kleinen Vögelchen.

 

Sechs kleine Spechtmeisen sind es, die von ihren Eltern in ihrem Nest flügge gefüttert wurden. Doch was machen sie, wenn es soweit ist, den ersten Flug zu unternehmen?

 

Eine der kleinen Spechtmeisen macht sich gleich über eine Sonnblumen her, so hungrig ist sie. Eine andere hat sich weit vorgesagt und wird von einem Habicht bedroht, vor dem sie glücklich fliehen kann. Auch die anderen vier werden von Olivia Cosneau durch das Jahr begleitet, insbesondere die letzte der sechs, die sie im nächsten Frühling bei eine Turtelei beobachtet und die Geschichte damit wieder an ihren Anfang führt

Einfache Reime und bunte Illustrationen machen „Sechs kleine Vögelchen“ zu einem wunderbaren Pop-Up für kleine Kinder. Dabei lernen sie nicht nur das Zählen, sondern auch etwas über die Jahreszeiten, die Natur und den Lauf des Lebens.

 

Bernard Duisit hat die Pop-Up – Modelle kunstvoll und anspruchsvoll aufgebaut.

Atlas der literarischen Orte. Entdeckungsreise zu den Schauplätzen der Weltliteratur

 

 

 

 

Sarah Baxter, Atlas der literarischen Orte. Entdeckungsreise zu den Schauplätzen der Weltliteratur, Brandstätter Verlag 2019, ISBN 978-3-7106-0327-3

 

Nach ihrem „Atlas der spirituellen Orte“ , der 2018 ebenfalls im Brandstätter Verlag erschienen ist, legt die die britische Reiseschriftstellerin Sarah Baxter nun ein weiteres Buch vor unter dem Titel „Atlas der literarischen Orte“, das Amy Grimes mit wunderbaren und farbenfrohen Bildern illustriert hat.

 

Sarah Baxter hat eine veritable Auswahl von Werken der Weltliteratur getroffen und führt ihre Leser an die Orte, an denen sie spielen. In dieser literarischen Reise besucht sie Orte auf dem ganzen Globus. Da finden sich pulsierende Städte voller Urbanität, Plätze spiritueller Ruhe und Zurückgezogenheit, spektakuläre Landschaften, unberührte Natur. Alles Plätze, die die Weltliteratur inspiriert haben.

 

Zusammen mit Sarah Baxter und den Bildern von Amy Grines entdeckt der Leser die Weiten von La Mancha mit Don Quixote, besucht Clara del Valle im Geisterhaus in Santiago, spaziert über den Alexanderplatz in Berlin oder streift mit Cathy und Heathcliff durch das Moor von Yorkshire.

In ihren jeweils 2-3 seitigen Texten beschreibt Sarah Baxter jeweils die Geschichte und Kultur des realen Ortes und verbindet sie dann mit seiner literarischen Wirkung bis in unsere Gegenwart. Amy Grimes` handgemalte Illustrationen mit liebevollen Details komplettieren diese Liebeserklärung an die Phantasie.

Eine bezaubernde Reise durch die Welt der Literatur, die den Leser und Betrachter womöglich zu dem ein oder anderen beschriebenen Werk greifen lassen wird, um es (neu) zu lesen und für sich selbst aufzuschließen.

 

Ein Mann, ein Meer. Entdecke den Jäger in dir

 

 

Udo Schroeter, Ein Mann, ein Meer. Entdecke den Jäger in dir, Bene Verlag 2019, ISBN 978-3-96340-038-4

 

In seinem bei Adeo 2016 erschienen Wandkalender „Bin am Meer“, das Motive und Texte seines gleichnamigen Buches variierte, schrieb der auf die Insel Bornholm ausgewanderte Autor und Natur-und Sinncoach Udo Schroeter unter ein Bild des Monats Juli:

„Die Vergangenheit ist für viele die Welt der Wunden. Die Zukunft ist oftmals die Welt der Angst. Das Leben findet im Hier und Jetzt statt“.

 

Doch vielen gelingt das nicht. Obwohl sie eigentlich alles erreicht haben im Beruf und der Partnerschaft, fühlen sich insbesondere viele Männer immer mehr als Fremde in ihrem eigenen Leben. Wer bin ich eigentlich wirklich? Was ist meine Bestimmung? Wofür bin ich auf der Welt und was ist der Sinn meines Lebens?

 

Auch in seinem neuen Buch, das bei bene in der Droemer-Gruppe erschienen ist, nimmt Udo Schroeter diese Fragen auf und nimmt den (männlichen) Leser mit auf eine Reise nach ganz persönlichen Antworten, zu denen er ermutigen möchte.

 

Jedes Jahr nimmt Udo Schroeter einige Männer mit auf eine Reise ans Meer. In diesem Buch erzählt er davon, wie er mit diesen Männern zusammen den Jäger in sich selbst entdeckt hat,  wie sie altem Wissen auf der Spur sind und in der Natur und am Meer zu sich selbst zurück kommen.

 

Denn für fast alle Männer ist das ein dringend nötiger Prozess. Sie sollen allen alles sein, ihrer Frau ein liebevoller Partner, ihren Kindern ein perfekter Vater und auch noch erfolgreich in ihrem Job. Stark und einfühlsam soll er sein, der heutige Mann und sieht sich doch in einem permanenten Spagat zwischen all diesen Erwartungen an ihn gefangen.

 

Udo Schroeter erzählt in diesem Buch von seinen Exkursionen an die Strände Bornholms, die er regelmäßig mit kleinen  Gruppen von Männern unternimmt.

Sie fangen Fische, machen Feuer, genießen ihre Freiheit und entwickeln im Angesicht der Weite des Meeres und der Kraft der Elemente gemeinsam und jeder für sich selbst eine Vorstellung davon, wie sie ihrem Leben und ihrem Alltag und ihrem Zusammenleben mit anderen einen neuen Klang geben können. Dabei verändern sich alle, mehr als sie vorher für möglich gehalten hätten.
Udo Schroeter zeigt, wie Männer wieder zurück zu ihrer ursprünglichen Kraft finden können. Ein Leben in Stärke, in Liebe, einer Verbundenheit zu sich selbst, seinen Mitmenschen und der Natur.

 

In seinen Geschichten und teilweise meditativ-spirituellen Betrachtungen geht es um die Weisheit des Jägers, um Leidenschaft und Nähe, den Mut, etwas Neues zu wagen und darum, wie ich meine eigentliche Bestimmung entdecken kann.

Der  Zeichner Timo Zett hat den Autor und eine Gruppe von Männern zwei Wochen lang begleitet. Seine Zeichnungen vermitteln dem gebannten Leser etwas von  der Atmosphäre dieser Exerzitien. Udo Schroeter schreibt selbst zu seinem Buch: „Das Buch ist eine Einladung, die Schönheit und den ursprünglichen  Takt des Lebens wahrzunehmen und auf diese Weise zu einer neuen Freiheit, Kraft und zu unserer Bestimmung zu finden.“

 

Und tatsächlich: das Buch kann seinem Leser auch ohne am Meer zu sein, auch ohne Teilnahme an einer solchen zweiwöchigen Exkursion viel davon vermitteln, wieder zu sich selbst zu kommen und seine Kraft zu entdecken.

 

Ein sehr geeignetes Geschenk für Männer, die unter dem Spagat der Erwartungen an sie leiden.

Die einzige Geschichte

 

 

 

 

Julian Barnes, Die einzige Geschichte, Kiepenheuer & Witsch 2019, ISBN 978462-05154-4

 

Julian Barnes neues Buch „Die einzige Geschichte“ ist ein sensibler und kunstvoller  Roman über eine sehr unkonventionelle erste Liebe, die für den jungen männlichen Ich-Erzähler Paul lebenslange Konsequenzen und Folgen haben wird und die ihn schließlich zu der an den Leser gerichteten Frage führt: “Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage.“

 

Paul ist gerade einmal 19 Jahre alt, als ihn seine Mutter Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den traditionsreichen und auf strenge Sitten achtenden Tennisclub des Ortes schickt in der Hoffnung, er könne dort eine geeignete Partnern für sein Leben finden. Paul, der schon lange angeödet ist von dem prüden und langweiligen bürgerlichen Milieu, in dem er aufwächst und das ihm nach seinem ersten Semester an der Universität noch mehr auf die Nerven geht, sucht aus diesen Verhältnissen auszubrechen und rebelliert gegen seine Eltern.

 

Genau in dieser Situation lernt er im Tennisclub Susan kenne, eine verheiratete Frau, die dreißig Jahre älter ist er. Dass er sich sofort in sie verliebt und eine mehr und mehr sehr schwierige und komplizierte Beziehung mit ihr aufnimmt, die insgesamt sich über zwölf harte und lange Jahre hinzieht, ist mehr als nur Teil seines Protestes gegen gesellschaftliche Konventionen. Paul liebt Susan wirklich. Er ist sicher, in ihr die Frau für sein Leben gefunden zu haben. Sie ist so etwas wie der Gegenpart zum Spießerleben seiner Umgebung. Auch Susan, die zwei Töchter hat, die älter sind als Paul, erwacht zu neuem auch sexuellen Leben und Erleben, als sie spürt, dass Paul sie anziehend und liebenswert empfindet und sich für sie verzehrt.

 

Doch diese ersten Schmetterlinge sind bald verschwunden, und die Geschichte der beiden verwandelt sich in die Existenz einer eher tragischen Lebensform. Das ist schon spürbar, als sich Susan von Mann und Töchtern trennt und mit Paul zusammenzieht. Paul schließt sein Jurastudium ab, die Leidenschaft der ersten Zeit ist der Langeweile gewichen, zumal sich bei Susan mehr und mehr eine innere Veränderung zeigt, die sie bald völlig dem Alkohol verfallen lässt. Julian Barnes spürt dieser Entwicklung genau nach, versucht herauszufinden, wie es zu diesem menschlichen Absturz kommen konnte, doch dem Leser wird sie sich nicht erschließen, genauso wenig wie dem tapferen, mittlerweile als Anwalt arbeitenden Paul, der gewissenhaft und treu noch lange hilft, wo er kann, doch irgendwann nach zwölf meist dunklen und traurigen Jahren aufgibt.

 

Julian Barnes reichert wie oft in seinen Büchern seine Geschichte immer wieder an mit Erkenntnissen, Weisheiten, Reflexionen und der genauen Darstellung von Gefühlen.  Poetische Stimmungsbilder beleuchten äußere und innere Befindlichkeiten seiner Figuren. Man ist tief bewegt und angerührt darüber, wie Lebenswege verlaufen können. Was ist vorherbestimmt, und was ist selbst verschuldet? Doch die Frage nach der Schuld stellt sich ihm nicht.  Die ernüchternde, gleichwohl aber befreiende Erkenntnis von Barnes und seinem Erzähler Paul ist die: Lebensläufe werden von unerwarteten äußeren und inneren Entwicklungen mitbestimmt. Entwicklungen indes, die wie diese erste Liebe Pauls sein Leben über eine lange Zeit bestimmen werden. Und so verlässt der Leser den Erzähler und seine Geschichte am Ende, ohne zu wissen, was aus ihm werden wird. Er hat aber die leise Hoffnung, dass es auch für Paul noch einmal möglich sein wird, Liebe zu empfinden und zu geben.

 

Wer selbst in seinem Leben schon einmal von einer außergewöhnlichen Liebe aus der Spur geworfen wurde, wird in diesem Roman vieles wiederentdecken.
 

 

 

Wohin wir gehen

 

 

 

Peggy Mädler, Wohin wir gehen,Galiani Verlag 2019, ISBN 978-3-86971-186-7

 

In ihrem Debütroman „Legende vom Glück des Menschen“ der 2011 auch bei Galiani in Berlin erschien, hatte die 1976 in Dresden geborene Peggy Mädler den gewagten und gelungenen Versuch unternommen, persönliche Erinnerung und die große Geschichte miteinander zu verbinden und nach ihren Beziehungen zu forschen.

 

Es war eine viel beachtete durch biographische Erinnerungen der Autorin getönte Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte, die die Erzählerin des Buches da unternahm. Eine Familiengeschichte in der DDR.

 

Nun, viele Jahre später, legt Peggy Mädler ihren nächsten Roman unter dem Titel „Wohin wir gehen“ vor. Es ist ein nachdenklicher und kluger, ja lebensweiser Roman über entscheidende Fragen des Lebens. Sie fragt mit ihren sympathischen Hauptfiguren nach dem, was bleibt, wenn eine Heimat verloren geht, die Eltern sterben oder auch politische Hoffnungen, die einem lange Kraft und Sicherheit gaben, verschwinden.

 

Wohin soll man gehen, wo will man bleiben, wo findet man Heimat, wenn Landschaften, Orte und Jahre durch die Zeiten sich zwangsweise  verändern? Im Zentrum der sich über mehr als halbes Jahrhundert hinziehenden Handlung stehen die beiden Freundinnen Almut und Rosa. Die eine lernt in ihrem langen Leben, dass es immer etwas zu verlieren gibt und schaut auf ein Leben voller Verluste zurück und die andere hat erfahren, dass das Leben immer irgendwie weitergeht.

 

Und so ist der ganze, leise erzählte Roman eine Geschichte vom Älterwerden, von Abschieden und Neuanfängen und darüber, dass das Leben immer weiter geht.

Die Handlung beginnt in den 1940 er Jahren in Böhmen. Die Mädchen Almut und Rosa sind beste Freundinnen. Doch Almuts Vater stirbt völlig unerwartet und die Mutter begeht daraufhin Selbstmord. Rosas Mutter, eine überzeugte Kommunistin, nimmt nach dem Krieg und der Ausweisung aller Deutschen aus der Tschechoslowakei beide Mädchen mit nach Brandenburg. Peggy Mädler beschreibt sehr eindrücklich, wie sie dort nicht nur unter dem Verlust der alten Heimat und Entwurzelung leiden, sondern auch, wie sie nach und nach sich mit dem neu gegründeten Staat zu identifizieren lernen. Almut und Rosa werden beide Lehrerinnen. Doch kurz vor dem Mauerbau 1961 flieht Rosa nach West-Berlin. Almut leidet lange unter diesem Verlust, wieder ist ihre Welt auseinandergebrochen. Doch sie gibt nicht auf, gründet eine Familie und bekommt mit Elli eine Tochter.

 

Die wiederum hat in der Jetztzeit des Romans genau wie ihre Mutter damals mit Rosa eine Freundin. Sie heißt Kristine und wird sich, nachdem Elli für eine neue Stelle am Theater nach Basel gezogen ist, um die kranke und gebrechliche Almut kümmern.

 

Die Handlung des Romans wechselt zwischen Gegenwart und unterschiedlichen Stadien der Vergangenheit. Erfahrungen und Erinnerungen lagern sich wie Sedimente ab. Lebenswege verschlingen sich, zwischen den Familien und den Generationen. Über Jahrzehnte hinweg geht es immer auch ums Weggehen, Ankommen oder Bleiben. Hauptsächlich aber, zu unterschiedlichen Zeiten, geht es Peggy Mädler darum, mit ruhiger Kraft jenen Moment herauszuarbeiten in den Lebensgeschichten ihrer Figuren, wo sie spüren und erleben, was für sie wirklich zählt im Leben.

 

Peggy Mädler hat für dieses Buch den „Fontane-Literaturpreis der Fontanestadt Neuruppin und des Landes Brandenburg“ erhalten. In der Begründung der Jury heißt es:

„Drei Generationen, drei Freundinnenpaare. Geprägt sind ihre Lebensgeschichten von Brüchen und Veränderungen, ausgelöst durch Krieg, Vertreibung und wechselnde politische Systeme bei den einen, durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse, digitales Nomadentum und Globalisierung bei den anderen. (…) In literarischer Perfektion beschreibt Peggy Mädler Land und Leute, ihre Seele und ihre Sehnsüchte, ihre Prägungen und ihr Scheitern – ganz in der Tradition Theodor Fontanes. Sie braucht dabei nur wenige knappe Striche, um erzählerische Wucht zu entfalten.“

 

Dieser literarkritischen Einschätzung kann sich ein von dem Buch begeisterter Rezensent nur anschließen.  Ich hoffe nur, dass man auf den nächsten Roman von Peggy Mädler nicht mehr solange warten muss.

 

 

 

 

Die Frau im Musee d` Orsay

 

 

David Foenkinos, Die Frau im Musee d` Orsay, Penguin Verlag 2019, ISBN 978-3-328-60086-2

 

Der neue Roman von David Foenkinos schließt sich in seiner literarischen Qualität nahtlos an seine Vorgänger und zeigt ihn nicht nur als einen der erfolgreichsten zeitgenössischen französischen Schriftsteller, sondern auch als einen besten. In einer dramatischen Liebesgeschichte, die er so geschickt aufgebaut hat, dass eine den Leser an das Buch fesselnde Spannung bis zum Ende erhalten bleibt, erzählt er feinfühlig und vollen Herzenswärme davon, wie ein Mensch selbst im tragischen Scheitern seinem Leben eine neue Wendung geben kann.

 

Zunächst wird der Leser mit dem unter seinen Studenten sehr beliebten Antoine Duris bekannt gemacht. Er ist die leidende und dennoch mutige Hauptfigur in einem sehr unterhaltsamen und auch bewegenden Roman, dessen Unterthema die Faszination und Schönheit der Kunst ist.

 

Denn Antoine Duris ist Professor für Kunstgeschichte an der Hochschule der Schönen Künste in Lyon. Seine abwechslungsreichen und originellen Vorlesungen und Seminare sind überlaufen und dennoch hat er ein Ohr für jeden einzelnen seiner Studenten.

 

Deshalb versteht es niemand, als Antoine sozusagen über Nacht eines Tages seine Stelle an der Hochschule kündigt, seine Wohnung auflöst und sein Hab und Gut einlagert. Hat es damit zu tun, dass seine Beziehung nach nur sieben Jahren gescheitert ist und seine Partnerin Louise ihn verlassen hat?

 

Nur mit einem Koffer bestückt, reist er nach Paris und bewirbt sich am dortigen Musee d`Orsay als Wärter. Als die Personalchefin des Museums, Mathilde, ihn trotz seiner Überqualifizierung einstellt, da spürt der Leser schon, dass zwischen diesen beiden Menschen sich im Verlauf der Handlung noch eine ganz besondere Beziehung anbahnen wird. Sie hat auch den deutschen, etwas unglücklich gewählten, Titel inspiriert, während es im französischen Original treffender um „Schönheit“ geht.

In vielen Rückblicken entfaltet David Foenkinos nun die genaue Vorgeschichte der dramatischen Entscheidung, die ihn nach Paris geführt hat. Nachdem Antoine am Ende des ersten Kapitels zusammen mit Mathilde, die sich da schon sehr angenähert haben, nach Lyon gefahren war, und ihr dort einen  Grabstein zeigte mit der Aufschrift „Camille Perrotin, 1997-2017“, wird in der Folge die Geschichte dieser überaus talentierten jungen Kunststudentin erzählt. Sie ist neben Antoine die eigentliche  Hauptfigur des Buches. Nachdem sie einer Vergewaltigung durch ihren privaten Kunstlehrer zum Opfer gefallen ist, versucht sie sich durch ihre Kunst von den furchtbaren seelischen Folgen dieser Tat zu befreien. Niemand, auch Antoine nicht, dem die Studentin schon lange in seinen Vorlesungen aufgefallen ist, ahnt, was geschehen ist und unter welchen Ängsten Camille leidet.

 

E stellt sich heraus, dass es letztlich Camilles Schicksal war, das er nicht verhindern konnte, dass Antoine letztlich aus der Bahn geworfen hat und ihn nach Paris gehen ließ.

 

Neben dem ernsten Thema des Buches baut Foenkinos aber auch immer wieder humorvolle Szenen ein und meldet sich oft in ironisch-hintergründigen Fußnoten zu Wort. Leicht und elegant geschrieben gelingt es David Foenkinos auch in diesem Buch wieder, eine Liebesgeschichte voller Schönheit und Tiefe zu erzählen, die den Leser von Beginn an in ihren Bann zieht und ihn mit ihrem Ende seltsam beglückt zurücklässt.

 

 

 

 

 

 

Das Supermolekül. Wie wir mit Wasserstoff die Zukunft erobern

 

 

 

Timm Koch, Das Supermolekül. Wie wir mit Wasserstoff die Zukunft erobern, Westend Verlag 2019, ISBN 978-3-86489-240-0

 

Immer wieder hört man als Laie in der Debatte um Energiewende, Klimawandel und CO 2 Problem davon, dass der Antriebsstoff der Zukunft nicht der von seiner Energiebilanz sehr ungünstige Elektromotor sein wird, sondern Wasserstoff, ein absolut klimaneutraler Energieträger.

Ich wusste nicht, dass schon heute Ariane-Raketen mit diesem Antriebsstoff ins All geschossen werden, und hatte auch keine Ahnung davon, dass Wasserstoff mehrfach günstigere Eigenschaften als Speichermedium besitzt als andere Energieträger, auch alternative.

 

Für solche interessierten Zeitgenossen wie mich hat Timm Koch das vorliegende Buch geschrieben. Er führt nicht nur in den neuesten Stand der Technik ein und analysiert verständlich die Wasserstofftechnologie, sondern räsoniert auch darüber, wieso die enormen und zukunftsfähigen Potentiale des Wasserstoffs quasi totgeschwiegen werden. Stattdessen werden neue riesige Gaspipelines gelegt, durch Fracking in den USA gewonnenes Flüssiggas über den Atlantik geschafft und dafür neue Häfen an der Nordseeküste gebaut und selbst von Umweltschützern und Grünen die E-Mobilität hochgejubelt, als gäbe es keine noch besseren Alternativen.

 

In die Wasserstofftechnologie hingegen wird kaum investiert. Sie ist Timm Koch seit Jahren ein Herzensanliegen und auch mit diesem Buch versucht er eine Bresche zu schlagen in die Phalanx der herkömmlichen Energieträger. Ich verstehe nun mehr davon und kann nachvollziehen, warum immer mehr Wissenschaftler und auch der eine oder andere Politiker vom Wasserstoff als dem Zukunftsretter spricht.

 

Wasserstoff ist eine Schlüsseltechnologie und die Chancen für ihren Durchbruch werden in den nächsten Jahren immer besser werden. Davon bin ich überzeugt, nachdem es sich gezeigt hat, dass das Klimathema jedenfalls bei uns die Europawahl nicht unwesentlich beeinflusst hat. Das Thema wird das Thema der nächsten Jahre bleiben.

 

 

Zärtlichkeit. Eine Philosophie der sanften Macht

 

 

Isabella Guanzini, Zärtlichkeit. Eine Philosophie der sanften Macht, C. H. Beck 2019, ISBN 978-3-406-73122-8

 

Mitten in einer Welt, die den Menschen immer mehr abverlangt, wenn sie in dem Kreislauf des Erfolgs und des Wettlaufs um die Siegerkrone des Ersten mithalten wollen, hat die Haltung, die die italienische Philosophin und Fundamentaltheologin Isabella Guanzini hier in ihrem von Grit Fröhlich und Ruth Karzel ins Deutsche übersetzten Essay, beschreibt, keine gute Konjunktur. Wer sich anschickt, über Zärtlichkeit als einer Lebenshaltung sich selbst und anderen, ja auch der Welt gegenüber zu sprechen und ihr nachzuspüren auf dem Weg, eine „sanfte Macht“ wieder zu entdecken, muss aufpassen, nicht als kitschig oder sentimental herüberzukommen.

 

Isabella Guanzini versucht dies, weil sie feststellt: „Zärtlichkeit ist zu einem Nahrungsergänzungsmittel des Privatlebens geworden“.

 

Die Gesellschaft verlangt den Einzelnen immer mehr ab. Die Menschen werden innerlich hart, sie sind erschöpft und überreizt. Jene sanfte Macht der Zärtlichkeit, die ihnen helfen könnte, wirklich menschlich zu bleiben, kommt unter die Räder.

 

Doch mit wachsender Versteinerung wächst gerade auch in jungen Menschen immer mehr die Sehnsucht, dieser harten Welt etwas anderes entgegenzusetzen. Isabella wirbt für diese Haltung der Zärtlichkeit gegenüber dem eigenen und fremden Leben, um menschlich zu bleiben oder es wieder zu werden.

Zärtlichkeit als eine geistige Haltung, mit der wir sanft – und nicht durch Härte – das eigentliche Potenzial des menschlichen Lebens freisetzen und uns zugleich aus der zermürbenden mentalen Erschöpfung unserer Zeit befreien können. Vielleicht hat sie als Theologin auch im Kopf, dass Mystiker immer schon glaubten, die Beziehung zwischen Gott und den Menschen sei eben durch diese Haltung geprägt.

 

Sie ermutigt ihre Leser und Leserinnen, indem sie M. Gualtieri zitiert:

„Du aber glaube nicht denen,

die den Menschen zeichnen als lahmendes Tier

und diese Welt als Kugel am Abgrund.

Glaube nicht denen, die alles tiefschwarz und

Blutig malen. Das tun sie, weil es einfach ist.

Wir sind nur verwirrt, glaube mir.

Doch wir fühlen. Noch fühlen wir.

Noch können wir lieben. Noch fühlen wir Mitleid.

Es ist ein Glanz in allen Dingen. Ich habe ihn gesehen.

Nun sehe ich ihn klarer noch.

Ein Glanz. Hab keine Angst.“

 

Ein Mut machendes, Hoffnung ausstrahlendes Buch, das das Leben liebt.

 

 

 

 

 

 

Monster

 

 

 

 

 

 

Yishai Sarid, Monster, Kein & Aber 2019, ISBN 978-3-0369-5796-8

 

Der Ich-Erzähler des neuen bei Kein & Aber erschienenen und von Ruth Achlama aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzten Romans von Yishai Sarid schreibt einen langen Brief an seinen Chef, den Leiter der Gedächtnisstätte Yad Vaschem in Israel.

 

Er versucht darin zu erklären, wie es dazu kam, dass er als anerkannter Führer, der Besucher, die hauptsächlich aus Israel kommen, durch die nationalsozialistischen Vernichtungslager in Polen führt, irgendwann am Ende der ganzen Handlung im Lager Treblinka einen deutschen Dokumentarfilmer mit einem Faustschlag niederstreckt.

 

Yishai Sarid hat in seiner Hauptfigur einen Menschen beschrieben, der vielleicht überzeichnet, aber nicht weniger realistisch zeigt, wie Grausamkeiten Menschen auch dann in ihren Bann ziehen, wenn sie längst vergangen sind und der Erinnerung angehören.

 

„Monster“, damit sind die Monster der Vergangenheit gemeint, die bis in die aktuelle Gegenwart hineinreichen und ihr Werk treiben, hat er sein Buch genannt. So beschreibt er seinem kleinen Kind, das ihn fragt, warum er immer solange in Polen unterwegs ist, was er dort tut: gegen die Monster kämpfen.

 

Der Erzähler, der in seiner Dissertation die Techniken der unterschiedlichen Konzentrations-und Vernichtungslager beschrieben hat und zum Fachmann in diesen Fragen geworden ist, beschreibt nicht nur die spezielle israelische Erinnerungskultur kritisch, in der Schulklassen aus dem ganzen Land nach Polen reisen und dort auf eine fast einstudierte Weise trauern. Er rührt aber auch an ein Tabu, indem er beschreibt, wie die jungen Leute seltsam fasziniert sind von der Systematik der deutschen Lager und ihren Hass eher auf die Polen richten als auf die Deutschen. An mehreren Stellen berichtet er davon, wie die jungen Israels unter sich raunen, dass sie gerne genauso mit den Arabern zu Hause umgehen würden.

 

Sarid formuliert mutig Fragen, die in Israel nur hinter vorgehaltener Hand gestellt werden:  was ist die Verbindung zwischen den vernichteten Juden damals und den Israelis heute?  Wo verläuft die Grenze zwischen einer aufrichtigen Erinnerungskultur, die er nicht in Frage stellt und der Vereinnahmung des Gedenkens für die eigenen persönlichen bzw. politischen Zwecke, die er sehr wohl kritisiert?

 

Sarids Buch handelt von Moral und von Opferrollen. In seiner Direktheit und Offenheit zielt er auch beim deutschsprachigen Leser mitten ins Herz und hat sicher in Israel selbst für etliche Debatten gesorgt.

 

Es ist ein ehrlicher, starker Roman, der unter die Haut geht und mich jedenfalls sehr nachdenklich gemacht hat.

 

 

 

 

Lufthansa City Guide. New York

 

 

Marianne von Weidenfels, Lufthansa City Guide. New York, Callwey 2019, ISBN 978-3-7667-2392-5

 

Ein handlicher Reiseführer liegt hier in der Lufthansa-Reihe des Callwey Verlags vor, der sowohl für Menschen interessant ist, die schon öfter in New York waren, und Vieles schon kennen, als auch für solche, die in der nächsten Zeit  planen zum ersten Mal die Stadt zu besuchen, die nie schläft.

 

Wie andere Stadtführer auch finden sich hier die klassischen Sehenswürdigkeiten, das Metropolitan Museum of Modern Art (MoMA), den Central Park, die »High Line« oder das »9/11 Memorial«.

 

Doch das ist nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was New York so besonders macht. In erster Linie geht es in diesem Buch um Orte, die man ohne die Hilfe von Insidern nicht findet. Und diese Insider kennen sich aus, denn sie sind Teil der Seele der Kultur von New York.

Beispielsweise Star-Fashionista Olivia Palermo, Designerin Tory Burch oder PR-Chefin Vanessa von Bismarck führen Sie an Orte, die Sie in keinen anderen Führer erwähnt finden. Mit ihnen unternehmen Sie verschiedene Touren durch die hippsten Viertel von New York.

 

Insgesamt neun außergewöhnliche Per­sönlichkeiten beschreiben ihre Lieblingsplätze, die New York für sie so einmalig machen: angesagte Galerien, intime Nachbarschafts-Bars, ungewöhnliche Bou­tiquen, Spitzen-­Restaurants und originelle Hotels. Der Reiseführer ist in Viertel aufgeteilt, denn jedes Viertel hat seinen ganz eigenen Charakter – von der noblen Upper East Side mit ihren prunkvollen Palästen und berühm­ten Museen, dem trubeligen Shopping­ Mekka SoHo über das »Village« mit seinen kleinen Restaurants und Coffeeshops.

 

Absolut zu empfehlen für jeden New York Reisenden. Für manche hier vorgestellten Orte braucht man aber ordentlich Geld, aber das ist in jeder großen Stadt so.