Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Bedingt einsatzbereit. Wie die Bundeswehr zur Schrottarmee wurde

 

Constantin Wißmann, Bedingt einsatzbereit. Wie die Bundeswehr zur Schrottarmee wurde, Riva 2019, ISBN 978-3-7423-0867-2

 

Seit nach der Wende die ursprüngliche Aufgabe der Landesverteidigung, die die Bundeswehr laut Verfassung seit ihrer Gründung 1956 hatte, zunehmend von Politik und Öffentlichkeit als vernachlässigbar erachtet wurde, verlagert sich der Einsatz der mittlerweile nach der Abschaffung der Wehrpflicht nur noch 285 000 Soldaten zunehmend ins Ausland, wo Truppenteile unterschiedliche meist friedenssichernde oder ausbildungstechnische Aufgaben wahrnehmen.

 

Doch selbst für diese Aufgaben ist die Bundeswehr schon lange nicht mehr gerüstet. In diesen Tagen wird heftig diskutiert, ob die deutsche Marine zum internationalen Schutz von Frachtschiffen gegen Attacken des Iran beitragen sollte. Doch typisch: von den im Besitz der Bundeswehr befindlichen Fregatten ist zurzeit nur eine(!) überhaupt einsetzbar.

Und so geht das mit allen denkbaren Ausrüstungsgegenständen. Die Bundeswehr ist kaputtgespart worden. Für ein Land von der globalen Bedeutung Deutschlands ist das ein Skandal. Und dieser Zustand ist zunehmend lebensgefährlich für die im Einsatz dienenden Soldaten.

 

 

Das vorliegende Buch des Journalisten Constantin Wißmann zeigt von der Gründung der Bundeswehr bis zur Gegenwart eine Entwicklung auf, die dazu geführt hat, dass eine einstmals funktionierende Armee, deren Ausrüstung und Unterstützung allen damaligen Parteien viel wert war und die durch die Wehrpflicht noch einen Rückhalt in der Bevölkerung hatte, mittlerweile sich international zu einer Lachnummer gemacht hat, eine Luftwaffe, bei der nichts mehr ordentlich fliegt, eine Marine, bei der kaum ein Boot einsatzbereit ist und eine Truppe, die noch nicht mal zum Üben ausreichend Waffen hat.

 

Der Autor schlägt neben dem Eingeständnis der katastrophalen Lage durch die entsprechenden Politiker (neue Verteidigungsministerin!), eine Entschlackung der Bürokratie vor und eine Selbstverständnisdebatte innerhalb der Armee vor. Die Bundeswehr braucht eine neue eigene Identität: „Erst wenn sie diese gefunden hat, kann sie die Anerkennung der Gesellschaft bekommen, nach der sie giert. Nur wenn sie sich zu sich selbst bekennt, kann sie auch wieder die Treue der Soldaten verlangen. Und nur dann wird sie auch wieder attraktiv für Menschen, die nach Sinn suchen.“

 

Der Rezensent zweifelt, ob es an den nötigen Stellen zu diesem Prozess den nötigen politischen Mut gibt.

All die unbewohnten Zimmer

 

 

 

Friedrich Ani, All die unbewohnten Zimmer, Suhrkamp 2019, ISBN 978-3-518-42850-4

 

Als ich das neue Buch von Friedrich Ani vor einigen Wochen in Händen hielt und auf der Umschlagseite las, dass Ani in diesem fast 500 Seiten umfassenden Werk alle seine bisherigen Ermittlerfiguren zusammenkommen lässt um mit ihren jeweiligen  Methoden und ihrer jeweiligen unverwechselbaren Persönlichkeit zwei voneinander unabhängige Fälle zu lösen, da habe ich mich insbesondere auf den ehemaligen Mönch Polonius Fischer gefreut. Die beiden vor weit über zehn Jahren erschienenen Romane Anis über diesen stillen und ungewöhnlichen Kommissar sind nach meiner Meinung nach wie vor mit die besten, die Ani je geschrieben hat.

Zunächst nimmt Polonius Fischer die vor acht Jahren in die Provinz strafversetzte Fariza Nasri wieder in sein Dezernat K 111 auf. Sofort wird sie in einen Fall verwickelt, der ihr alles abverlangt und ihre Integrität auf eine harte Probe stellt. Ob es ihr gelingen wird, sie zu bewahren, lässt Ani bis kurz vor dem Ende offen.

 

Neben Polonius Fischer, der kurz vor seiner Pensionierung steht, tauchen auch der alte Jakob Franck und der schon in der Versenkung verschwunden geglaubte Tabor Süden wieder auf und beteiligen sich mit ihren je eigenen Ermittlungsmethoden an der Aufklärung zweier Mordfälle, die allen zusammen zunächst große Rätsel aufgeben.

 

Doch Ani lässt seinen Figuren Zeit. Scheinbar zufällig und am Ende dann doch ganz nachvollziehbar lässt er Personen und Handlungsstränge ineinandergreifen. Nicht nur die Ermittler, sondern auch etliche andere Personen aus vielen älteren Romanen Anis tauchen wieder auf. Immer wieder fügt Ani Erinnerungen und Rückblenden in die laufende Handlung ein, lässt sich Zeit mit der ausführlichen Beschreibung ihrer Lebensumstände und alle der unbewohnten Zimmer, die ihr Leben charakterisieren.

 

Alle vier Ermittler schickt Ani auf eine sorgfältige Spurensuche, lässt sie Umwege gehen und  Seitenwege beschreiten. Vielleicht noch mehr als in früheren Büchern widmet er sich der ausführlichen Beschreibung der Kleinigkeiten im Leben dieser meist unsichtbaren Menschen, die sich schon lange dem normalen Alltag entzogen haben. Ani hat einen Blick und eine sensible ehrliche Sprache und schenkt ihnen allen jene Beachtung, die sie selbst nicht zu verdienen glauben.

 

Ani lebt und arbeitet in München, wo alle seine Romane spielen. Er schaut politisch und gesellschaftlich auf die dunklen Seiten der Stadt, er nähert sich den Menschen, die keiner mehr wahrnimmt und die sich schon lange selbst aufgegeben haben.

 

Auch seine Ermittler bewegen sich schon lange immer am Abgrund ihrer persönlichen Existenz. Doch gerade deshalb, weil sie immer selbst kurz vor dem eigenen Verschwinden stehen, haben sie einen unverwechselbaren Blick entwickelt, der Menschen ganz tief in die Seele blickt.

 

Ani selbst hat einen wachen Blick für die gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die er auch in seinen neuen Roman eingewoben hat.

 

Und wieder habe mich am Ende einer spannenden, unterhaltsamen und dennoch nachdenklichen Lektüre gefragt, ob nun endgültig Schluss ist mit Polonius Fischer, der nach über vierzehnjähriger Pause wieder aufgetaucht ist, mit Tabor Süden, der sein eigenes endgültiges Verschwinden aus dieser Welt zu genießen scheint, mit Jakob Franck, der in seiner „Gedankenfühligkeit“ die Toten liebt und sie achtet und mit Fariza Nasri, Jakob Francks „Lieblingssyrerin“, deren Versetzung er vor acht Jahren nicht verhindern konnte.

 

Mit seiner Tiefe und seinem immerwährenden Versuch, die Abgründe menschlichen Lebens und gesellschaftlicher Realität zu beschreiben, ohne in platte Formeln abzugleiten, hat sich Ani immer wieder als einer der besten zeitgenössischen Krimischriftsteller gezeigt und ist dafür auch mehrfach ausgezeichnet worden.

Wer Ani liest, muss viel aushalten können an Aporie, Sinnlosigkeit und Hoffnung, er muss sich konfrontieren mit Glauben und Zweifel, Philosophie und Theologie und darf sich aber auch an Menschen freuen, die versuchen gerne und froh zu leben und ihrem Leben einen kleinen, bescheidenen Sinn zu geben

 

 

 

Bretonisches Vermächtnis. Kommissar Dupins achter Fall, (Hörbuch)

 

 

Jean-Luc Bannalec, Bretonisches Vermächtnis. Kommissar Dupins achter Fall, (Hörbuch), Argon Verlag 2019, ISBN 978-3-8398-1731-5

 

In seinem neuen, dem mittlerweile achten Fall seines Kommissar Dupin aus Concarneau, lässt der unter dem Pseudonym Jean-Luc Bannalec schreibenden deutsche Schriftsteller und Verleger Jörg Bong seinen sympathischen Kommissar in seinem als „blaue Stadt“ am Meer bezeichneten Wohnort selbst ermitteln.

Georges Dupin ist nun schon seit vielen Jahren im Finstere tätig und sein Privatöleben hat sich im Gegensatz zu dem anderen Serienkommissare gesettelt, seit er mit der Ärztin Claire zusammengezogen ist.  Über die bevorstehenden Pfingsttage planen sie ein Wochenende mit Claires Eltern, doch wie es oft so ist, ein mysteriöser Todesfall kommt dazwischen. Claire nimmt es locker und Georges ist es recht, denn seine Schwiegereltern in  spe nerven ein wenig.

 

In der Altstadt Ville Close feiern die Einheimischen und die noch wenigen Touristen mit viel Musik und Tanz den Beginn des Sommers, als ein stadtbekannter Arzt direkt vor Dupins Lieblingsrestaurant Amiral zu Tode kommt. Dessen tatsächliche Eigentümer haben an Bannalecs Bretonischen Kochbuch mitgearbeitet.

Docteur Chaboseau ist offensichtlich aus dem großen nicht mit Sicherheitsglas versehenen Fenster seiner Wohnung in die Tiefe gestürzt worden. Dupin muss die sich als sehr kompliziert und undurchsichtig herausstellenden Ermittlungen zunächst ohne seine bewährten Mitarbeiter Nolwenn und seine beiden Inspektoren Rival und Kadeg aufnehmen. Zwei neue Mitarbeiterinnen unterstützen ihn. So kompetent und sympathisch Bannalec sie beschreibt, ist anzunehmen, dass sie im nächsten Band Dupins Team erhalten bleiben.

 

Weder Chaboseaus Frau noch seine beiden Freunde, der stadtbekannte Apotheker Priziac und der Weinhändler Luzel können sich auf den Tod des Arztes einen Reim machen. Mit Hilfe seiner beiden neuen Mitarbeiterinnen geht Dupin den Verbindungen der drei angesehenen Geschäftsleute nach und beschreibt so ganz nebenbei die Straßen und Plätze, die Parks und Kneipen einer Stadt, die im Leser sofort Sehnsucht weckt.

 

Dupin hat kaum mit seinen Ermittlungen begonnen, da erschüttert ein Anschlag auf einer Werft, an der die drei Freunde und Geschäftspartner beteiligt waren, den Ort.

 

Hat der Anschlag etwas mit dem offensichtlichen Mord zu tun?

 

Von Anfang an spielt ein Roman von Georges Simenon mit dem Titel „Der gelbe Hund“, der Maigret bei Ermittlungen in Concarneau zeigt, eine zunächst unklare Rolle. Bald jedoch wird Dupin immer klarer, was die Personen in dem Roman mit den aktuellen Todesfällen (Luzel wird auch ermordet) zu tun haben.

 

Mit einem genialen Trick schafft es Dupin seine unerreichbaren Mitarbeiter über die Notlage zu informieren und als sie bald darauf eintreffen nehmen die Ermittlungen durch Nolwenns Können und  Erfahrung und Rivals Lokalkenntnisse sofort Fahrt auf.

 

Viele Menschen sind verdächtig, auch der Bürgermeister Kirag ist darunter, doch schließlich bietet der „Gelbe Hund“ den Schlüssel zu einem überraschenden Ende eines unterhaltsamen und spannenden Falles, der seine Leser mit den traumhaften Beschreibungen von Concarneau und Umgebung in eine Art permanente Urlaubsstimmung versetzt.

 

In der vorliegenden ungekürzten Hörbuchfassung  gelingt es Gerd Wameling ganz hervorragend, die Stimmung des Buches einzufangen, mit seiner Stimme die Spannung des Buch noch zu verstärken und der warmherzigen Interpretation der Charaktere von Dupins Team eine ganz persönliche Note zu geben.

 

 

Bretonisches Vermächtnis, Kommissar Dupins achter Fall

 

 

 

Jean-Luc Bannalec, Bretonisches Vermächtnis, Kommissar Dupins achter Fall, Kiepenheuer & Witsch 2019, ISBN 978-3-462-05265-7

 

In seinem neuen, dem mittlerweile achten Fall seines Kommissar Dupin aus Concarneau, lässt der unter dem Pseudonym Jean-Luc Bannalec schreibenden deutsche Schriftsteller und Verleger Jörg Bong seinen sympathischen Kommissar in seinem als „blaue Stadt“ am Meer bezeichneten Wohnort selbst ermitteln.

Georges Dupin ist nun schon seit vielen Jahren im Finstere tätig und sein Privatöleben hat sich im Gegensatz zu dem anderen Serienkommissare gesettelt, seit er mit der Ärztin Claire zusammengezogen ist.  Über die bevorstehenden Pfingsttage planen sie ein Wochenende mit Claires Eltern, doch wie es oft so ist, ein mysteriöser Todesfall kommt dazwischen. Claire nimmt es locker und Georges ist es recht, denn seine Schwiegereltern in  spe nerven ein wenig.

 

In der Altstadt Ville Close feiern die Einheimischen und die noch wenigen Touristen mit viel Musik und Tanz den Beginn des Sommers, als ein stadtbekannter Arzt direkt vor Dupins Lieblingsrestaurant Amiral zu Tode kommt. Dessen tatsächliche Eigentümer haben an Bannalecs Bretonischen Kochbuch mitgearbeitet.

Docteur Chaboseau ist offensichtlich aus dem großen nicht mit Sicherheitsglas versehenen Fenster seiner Wohnung in die Tiefe gestürzt worden. Dupin muss die sich als sehr kompliziert und undurchsichtig herausstellenden Ermittlungen zunächst ohne seine bewährten Mitarbeiter Nolwenn und seine beiden Inspektoren Rival und Kadeg aufnehmen. Zwei neue Mitarbeiterinnen unterstützen ihn. So kompetent und sympathisch Bannalec sie beschreibt, ist anzunehmen, dass sie im nächsten Band Dupins Team erhalten bleiben.

 

Weder Chaboseaus Frau noch seine beiden Freunde, der stadtbekannte Apotheker Priziac und der Weinhändler Luzel können sich auf den Tod des Arztes einen Reim machen. Mit Hilfe seiner beiden neuen Mitarbeiterinnen geht Dupin den Verbindungen der drei angesehenen Geschäftsleute nach und beschreibt so ganz nebenbei die Straßen und Plätze, die Parks und Kneipen einer Stadt, die im Leser sofort Sehnsucht weckt.

 

Dupin hat kaum mit seinen Ermittlungen begonnen, da erschüttert ein Anschlag auf einer Werft, an der die drei Freunde und Geschäftspartner beteiligt waren, den Ort.

 

Hat der Anschlag etwas mit dem offensichtlichen Mord zu tun?

 

Von Anfang an spielt ein Roman von Georges Simenon mit dem Titel „Der gelbe Hund“, der Maigret bei Ermittlungen in Concarneau zeigt, eine zunächst unklare Rolle. Bald jedoch wird Dupin immer klarer, was die Personen in dem Roman mit den aktuellen Todesfällen (Luzel wird auch ermordet) zu tun haben.

 

Mit einem genialen Trick schafft es Dupin seine unerreichbaren Mitarbeiter über die Notlage zu informieren und als sie bald darauf eintreffen nehmen die Ermittlungen durch Nolwenns Können und  Erfahrung und Rivals Lokalkenntnisse sofort Fahrt auf.

 

Viele Menschen sind verdächtig, auch der Bürgermeister Kirag ist darunter, doch schließlich bietet der „Gelbe Hund“ den Schlüssel zu einem überraschenden Ende eines unterhaltsamen und spannenden Falles, der seine Leser mit den traumhaften Beschreibungen von Concarneau und Umgebung in eine Art permanente Urlaubsstimmung versetzt.

 

 

 

 

Die Stunde der Optimisten. So funktioniert die Wirtschaft der Zukunft

 

 

 

 

Thomas Straubhaar, Die Stunde der Optimisten. So funktioniert die Wirtschaft der Zukunft, edition Körber 2019, ISBN 978-3-89684-271-8

 

Besonders in den letzten Jahren ist es in Deutschland zu einer regelrechten Mode geworden, alles niederzumachen und eher das Negative zu betonen. Auch wenn in sicher auch zunehmenden Maße ein größer werdender Handlungs- und Veränderungsbedarf besteht, ist die wirtschaftliche Lage unseres Landes bei weitem nicht so schlecht, wie die Pessimisten es posaunen.

 

Thomas Straubhaar ruft in dem vorliegenden Buch die „Stunde der Optimisten“ aus und plädiert für mehr Zuversicht in die Zukunft unseres Landes. Während viel Autoren und Zeitschriften in der Vergangenheit düstere Zukunftsaussichten an die Wand malten, vom „Abstieg eines Superstars“ (Gabor Steingart) sprachen oder die „fetten Jahre vorbei“ wähnten (Spiegeltitel).

 

Thomas Straubhaar zeigt in seinem Buch, dass das Gegenteil der Fall ist. Besonders dramatisch zeigt sich die Fehleinschätzung nach ihm bei einem Vergleich, wie sich die realen Pro-Kopf-Einkommen in der letzten Dekade verändert haben. Mitte der 2000er-Jahre erreichte Deutschland ziemlich genau den Durchschnitt aller hoch entwickelten Volkswirtschaften. Ein Jahrzehnt später liegt die Bundesrepublik zehn Prozent voran.

 

In einem das Buch begleitenden Artikel schreibt Straubhaar:

„Abstieg und Untergang sehen anders aus. Es gibt kaum einen sozioökonomischen Indikator, bei dem Deutschland heute schlechter dasteht als vor einer Dekade. Die Bevölkerung lebt besser, länger und gesünder. Die Lebenserwartung bei Geburt ist weiter gestiegen, um zwei Jahre für Mädchen auf über 83 Jahre und für Jungen gar um drei auf mehr als 78 Jahre. Alleine schon, dass Deutschland wie ein Magnet auf Erwerbssuchende aus Europa wirkt, zeigt, wie attraktiv das ‚Modell Deutschland‘ all seiner Schwächen zum Trotz gerade heutzutage unverändert ist.“

 

Sicher gibt es vor allen Dingen in der Infrastruktur des Landes einen schon lange bekannten Investitionsmangel, der dringend in den nächsten Jahren angegangen werden muss, sicher gibt es durch die Überalterung der Gesellschaft große Probleme und eine sich andeutende Ablösung der großen Koalitionen der letzten 15 Jahre löst Unsicherheiten über die politische Zukunft aus, doch zu Pessimismus besteht kein Anlass. Laut Straubhaar hat die „Stunde der Optimisten“ geschlagen.

 

Wünschen wir ihn überall, wo sie Verantwortung tragen (werden) viel Erfolg!

 

Freiraum

 

Svenja Gräfen, Freiraum, Ullstein fünf 2019, ISBN 978-3-96101-037-0

 

Nachdem Svenja Gräfens literarisches Debüt „Das Rauschen in unseren Köpfen“ nicht nur den Rezensenten begeistert hat, sondern mit seiner kunstvollen Sprache und eigentümlichen Schönheit auch andere Kritiker überzeugte, geht es auch in ihrem nun vorliegenden zweiten Roman, der bei Ullstein fünf erschienen ist, um die Geschichte eine Paares. Waren es im ersten Buch Lene und Hendrik, in deren zunächst so leichte und lockere Liebesbeziehung sich immer mehr Probleme aus der Vergangenheit des jungen Mannes mischten und die Beziehung gefährdeten, sind es in  der Beziehung der beiden jungen Frauen Vela und Maren eher gegenwärtige Geschehnisse, die die Beziehung der beiden unter eine große Belastungsprobe stellen.

 

Über die Schilderung der privaten  Situation der beiden Frauen nähert sich Svenja Gräfen zwischen den Zeilen aber immer wieder sehr schnell dem Poltischen und der Frage, die die Generation der nach 1990 geborenen Menschen umtreibt: wie wollen wir leben?

 

Mit fast zärtlichem Mitgefühl beschreibt die Autorin ihre beiden Protagonistinnen, die seit einiger Zeit eine glückliche Beziehung führen. Sie haben einen gemeinsame Kinderwunsch und suchen seit langem schon vergeblich nach einer größeren Wohnung, ohne die sie diesen Wunsch nicht verwirklichen können. Ihre jeweiligen Jobs sind wie die vieler in dieser Generation eher prekär und stellen selbst kleine Mieterhöhungen sie vor ernste Probleme.

Und so scheinen all ihre Träume und Pläne von einem gemeinsamen Leben mit einem Kind immer mehr an den Gegebenheiten und Anforderungen der Großstadt zu scheitern.

 

In dieser Situation, in die Gräfen ihre Leser am Beginn des Romans einführt, macht Maren ihrer Partnerin einen unerwarteten Vorschlag, dessen Realisierung vor allem Vela im Verlauf des Romans vor schwere Probleme stellen wird. Marens Schwester Jo lebt am Rande der Stadt zusammen mit anderen Menschen in einem ambitionierten Lebensprojekt  in einem großen alten Haus mit Garten, das ein Mitbewohner namens Theo geerbt hat und das er der Gemeinschaft zur Verfügung stellt. Dort ist ein großes Zimmer frei geworden (über die Umstände dieses Leerstandes erfahren wir später im Buch sehr Wichtiges) und Maren überzeugt Vela davon, dass sie beide das Angebot der Gemeinschaft annehmen und dort einziehen. Für beide bedeutet es nicht nur, mit neuen Menschen zusammenzuleben und sich in deren besondere Gemeinschaft einzufügen, sondern sie haben zu ihren bisherigen Arbeitsplätzen auch viel weitere Wege. Doch durch die idyllische ruhige Lage scheint das mehr als wettgemacht zu werden.

 

Eine ganz besondere Rolle in diesem Wohn- und Lebensprojekt spiellt, das wird mit jedem Kapitel mehr deutlich, der Eigentümer des Hauses, Theo, der als Gartenarchitekt gutes Geld verdient und sich als so etwa wie er ideologische spiritus rector der Gemeinschaft herausstellt. Ein Menschen, dessen wahren Beweggründe eher im Dunkeln bleiben (falls sie ihm selbst denn je bewusst geworden sind) und der insbesondere Vela von Anfang an suspekt ist. Es ist auch Vela, die sich mit dem Einleben in der Gruppe schwerer tut als Maren,mit ihrem Zweifeln und Gefühlen aber alleine bleibt.

 

Als Theo sich als Samenspender für Maren anbietet, als diese ihren Kinderwunsch nun in der neuen Umgebung umsetzen möchte und Maren darauf positiv reagiert, da stürzt für Vela die ganze gemeinsame Zukunftshoffnung eines Lebens mit Maren scheinbar zusammen.

 

Nach und nach werden Velas Vorahnungen über Theos Rolle im Projekt und über dessen inneren Zustand bestätigt und sie fühlt sich immer einsamer. Lediglich mit Darek, der sie mit seinem Auto oft mit in die Stadt nimmt, hat sie so etwas wie eine warme Beziehung.

 

„Freiraum“ spielt auf zwei Zeitebenen. In einer Ebene beschreibt Svenja Gräfen fortlaufend in Rückblicken, wie Vela Maren kennenlernt, wie sie sich ineinander verlieben. Der Leser erfährt von vorübergehenden Jobs, die sich als prekärer Dauerzustand entpuppen, davon, wie sich Träume junger Menschen einfach nicht verwirklichen lassen angesichts mangelndem sicheren Einkommen, steigender Mieten und erfolgloser Wohnungssuche. Diese Rückblicke bis zu dem Zeitpunkt , an dem sich Vela mit widersprüchlichen Gefühlen auf das Wohnprojekt einlässt, zeigen am Beispiel zweier Frauen, in welcher beruflichen und persönlichen Situation sich gegenwärtig viele Millenials befinden.

 

Auf der anderen Ebene des Romans beschreibt Svenja Gräfen die Menschen und ihr Zusammenleben im Haus. Ihr Versuch anders zu leben und ihr jeweiligen ganz persönlichen Probleme, sich auf ein solches Leben einzulassen. Immer mehr wird auch die besondere und nicht immer sympathische Rolle von Theo dabei klarer und so manches bisher gehütete Geheimnis kommt ans Tageslicht und bringt Unruhe in die langsam bröckelnde Gemeinschaft.

 

Mit großer Sprachkunst gelingt es Svenja Gräfen, der wohl auch biografisch konnotierten Frage nachzugehen, wie das ist mit Lebensträumen, wie es passiert, dass als Provisorium gedachte Zustände ein traumvernichtenden Endgültigkeit bekommen. Wann sollte man sich mit Realitäten abfinden und sich eingestehen, dass eben manche erträumte Lebenstüren geschlossen bleiben werden.

 

„Freiraum“ (so ist die Bezeichnung Theos für das gemeinsame Leben im Haus) ist ein nachdenklicher Roman, der am Ende trotz aller Enttäuschungen einen gewissen Spielraum lässt für ein gutes Ende von Vela und Maren. Aber es bleibt unklar.

 

Svenja Gräfen zeichnet ihre Figuren mit großem und warmherzigem Einfühlungsvermögen und scharfer Beobachtungsgabe und konnte mir als 1954 Geborenem einen Eindruck vermitteln über das Lebensgefühl vieler junger großstädtischer Menschen in der Gegenwart, ihrem Lebensgefühl und ihren Träumen von einem selbstbestimmten Leben.

 

Ich freue mich auf den nächsten Roman dieser sprachbegabten Schriftstellerin.

 

 

 

 

Ein Narzisst packt aus. Ehrlichkeit gegenüber dem inneren Kind und gesellschaftliche Anerkennung

 

 

 

Leonard Anders, Ein Narzisst packt aus. Ehrlichkeit gegenüber dem inneren Kind und gesellschaftliche Anerkennung, Tectum Verlag 2019, ISBN 978-8288-4043-0

 

Das vorliegende Buch ist eine wie ich finde gelungene Mischung aus biografischen Notizen, eigenen Therapieerfahrungen, wissenschaftlichen Erläuterungen und zahlreichen Interviews mit Experten (unter anderen Hans-Joachim Maaz). Dem seit seiner Jugend unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidende Leonard Anders gelingt es in einer wahren Fleißarbeit dem Leser und wohl auch vielen anderen von der Störung betroffenen Menschen nicht nur einen überzeugenden und grundlegenden Einblick in das Phänomen zu geben, sondern durch die Beschreibung seiner ganz persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse vermittelt er dem nicht betroffenen, sondern nur am Thema interessierten Leser einen bewegenden und betroffen machenden Einblick in die Innenwelt eines unter narzisstischer Persönlichkeitsstörung leiden Menschen.

 

Einer der von Leonard Anders in dem Buch interviewten Fachleute, Dr. med. Bodo Karsten Unkelbach schreibt zu diesem Buch:

„Die in diesem Buch vorliegende Auseinandersetzung mit dem Krankheitsbild der narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist ein Aufruf an die Gesellschaft, sich kritisch zu hinterfragen. Es verdeutlicht, wie unendlich wertvoll ungeteilte Aufmerksamkeit, Respekt, Einfühlungsvermögen, Wahr- und Ernstgenommenwerden, Ermutigung, Anerkennung und eine wertschätzenden Auseinandersetzung für Kinder sind.“

 

Deshalb ist das Buch nicht nur für betroffene Menschen und ihre Angehörigen zu empfehlen, sondern auch für alle, die in irgendeiner Weise an der Erziehung von Kindern beteiligt sind.

 

 

 

Die galaktische Weltraum-Mission

 

 

 

Karla Recke, Antje Hagemann, Die galaktische Weltraum-Mission, Ravensburger Verlag 2019, ISBN 978-3-47355489-8

 

Vor vielen Jahren hatte der Ravensburger Verlag 2010 mit seinem TipToi Stift und den entsprechenden Büchern eine vollkommen neue  Weise ermöglicht, wie Kinder interaktiv mit Büchern und neuem Wissen umgehen können. Tip Toi ist ein audiovisuelles Lernsystem für Bücher und Spiele, mit dem die Kinder die Welt spielerisch entdecken. Tippt das Kind mit dem Stift auf ein Bild oder einen Text oder ein entsprechendes Symbol, erklingen passende Geräusche, Sprache oder auch Musik. Eine intelligente Elektronik ermöglicht Kindern, Bücher und Spiele völlig eigenständig immer wieder neu zu erleben.

 

Nun hat der Verlag einen neuen Stuft produziert, „TiptoiCreate“, und wird wohl alle neuen Bücher nach diesem System ausrichten. Zusätzlich zum alten Stift ist im neuen ein Mikrofon integriert, das es Kindern ermöglicht, Geräusche und Sprache selbst aufzunehmen. Nach wie vor ist der Stift leicht zu bedienen und passt in jede Kinderhand.

 

In dem vorliegenden neuen Buch von Karla Recke mit Illustrationen von Antje Hagemann erreicht Captain Fleck mit seiner Crew (sie sind alle witzige Tierfiguren, die lustig gezeichnet sind) eine geheime Nachricht aus dem Weltall. Und schon nimmt ein galaktisches Abenteuer seinne spannenden Anfang.

 

Auf der Suche nach dem Absender der geheimen Nachricht, reisen der Captain und seine Crew zu fremden Planeten. Dabei erfahren sie (und natürlich die das Buch lesenden und hörenden Kinder) Faszinierendes über den Weltraum und sie finden viele Freunde fürs Leben.

 

 

 

 

Auch auf dieser verrückten Reise durch das Welt all ist die Mithilfe der das Buch betrachtenden Kinder zwischen sechs und 9 Jahren nötig. Es gilt Geschichten zu erfinden, Logbuch zu führen oder Witze zu erzählen. Ganz spielerisch trainiert tiptoi® CREATE so die Kreativität und Sprachkompetenz kleiner Entdecker.

 

Hat man den Stift einmal angeschafft, kann er sicher für viel Jahre und viele weitere Bücher nach diesem System genutzt werden.

 

 

 

 

 

 

 

Toleranz- einfach schwer

 

 

Joachim Gauck, Toleranz- einfach schwer, Herder Verlag 2019, ISBN 978-3-451-38324-3

 

Dass ein Buch des Altbundespräsidenten Joachim Gauck über das Thema Toleranz zu heftigen Debatten führen würde, war in diesen aufgeheizten Zeiten zu erwarten. Zeiten, in denen Gauck und andere von rechts schon lange als Volksverräter denunziert werden und in denen jegliche Differenzierung zu bestimmten Themen sofort in die rechtsradikale Ecke gestellt wird.

 

Und tatsächlich ist Gauck nach seinen zahlreichen Interviews und Fernsehauftritten zur Promotion seines Buches (das ist eben so üblich) insbesondere in den „sozialen“  Netzwerken viel Hass und Häme entgegengebracht worden.

 

Dabei hätten sie besser einmal das Buch gelesen um genau zu verstehen, was Gauck eigentlich meint, wenn er von kämpferischer Toleranz spricht, die auch Gespräche und Kommunikationsversuche mit AfD-Anhängern nicht ausschließt, sofern sie nicht kriminelle Haltungen vertreten.

 

Gauck will der zunehmenden Spaltung unserer Gesellschaft etwas entgegensetzen, was helfen könnte, so etwas wie einen Heilungsansatz zu entwickeln. Dafür, so sagt er, brauchen wir einen erweiterten Begriff und eine erweitere Praxis von Toleranz einerseits und eine reflektierte Pflicht zu einer von aufklärerischen Werten geleiteten Intoleranz, die den Feinden der Freiheit sich in den Weg stellt.

 

Toleranz ist eben nicht ein Zeichen für „anything goes“ und politische  Indifferenz, sondern eine aktive und politisch bewusste Haltung, die uns und andere bereichert und unsere Gesellschaft in Zeiten schwerwiegender Umbrüche wieder zusammenführen kann:

„Wir sollten Toleranz nicht nur als Zumutung begreifen, sondern als beglückende Tugend und zugleich als ein Gebot der politischen Vernunft.“

Ein wichtiger Denkansatz von einem Politiker und Theologen, dem das, was die Menschen zusammenhält immer wichtiger war, als das was sie trennt und der die vorschnelle Unterteilung der Menschen in Böse und Gute mit der anschließenden Ausgrenzung der jeweils als Böse definierten aus dem Diskurs schon immer verurteilt hat.

 

Lieber woanders,(Hörbuch)

 

 

Marion Brasch, Lieber woanders,(Hörbuch) Argon Verlag 2019, ISBN 978-3-8398-1709-4

 

Marion Braschs neuer Roman „Lieber woanders“  erzählt auf knappem Raum eine intensive, den Leser sofort auf seltsam persönliche Weise packende Geschichte zweier Menschen, die handelt von Zufall und Schicksal, eine bewegende Geschichte über Schuld und Verluste. Eine Geschichte auch über schmerzhafte Abschiede – alles Erfahrungen, die jeder Mensch, auch der vom Buch sofort gefesselte Leser, in seinem Leben macht und auf die er eine persönliche Antwort finden muss.

 

Das Buch erzählt von der 28-jährigen Toni, die irgendwo in ihrem Wohnwagen auf dem Land lebt. Eines Tages macht sie sich auf den Weg in die Stadt, wo sie für ihre Bildergeschichten von einem Verlag zu Verhandlungen eingeladen ist. Mit dem ersehnten Geld will sie in Neuseeland einen alten Schulfreund wiedersehen.

 

Alex hat Autoklempner gelernt, als LKW-fahrer gearbeitet und ist zurzeit als Roadie mit einer Band unterwegs. Er ist verheiratet und hat eine neunjährige Tochter, aber seit etlichen Jahren betrügt er seine Frau mit einer anderen. Als er erfährt, dass seine Tochter ins Krankenhaus gekommen ist, macht er sich auf den Weg nach Hause.

 

Die beiden Hauptpersonen, die sich in der Handlung des Buches nun innerhalb von 24 Stunden aufeinander zubewegen werden, kennen sich nicht, sind aber dennoch auf eine verhängnisvolle Weise miteinander verbunden, denn sie tragen beide an einer Schuld. Toni macht sich für den Tod ihres kleinen Bruders verantwortlich und Alex leidet in seinem Doppelleben an einer Schuld, über die er noch nie gesprochen hat.

 

Irgendwann kreuzen sich ihre Wege, nachdem sie viele Umwege gemacht, Hindernisse überwunden und komische Zufälle erlebt haben. Und der Leser erinnert sich an eine Bemerkung der Autorin in einem kurzen Prolog, dass sich Toni und Alex schon einmal begegnet sind. Diese Begegnung hat das Leben beider beeinflusst. Sie haben es nicht vergessen, obwohl sie damals „lieber woanders“ gewesen wären.

 

Das, was Marion Brasch in ihrem Roman beschreibt, kann jedem von uns geschehen. Auch deshalb ist die Geschichte so nachvollziehbar und berührt den Leser persönlich, weil es ihn erinnert an Szenen und Menschen in seinem eigenen Leben und dessen Weggabelungen.

 

Marion Brasch will deutlich machen, dass wir Menschen das, was wir in der Vergangenheit erlebt haben, was uns geprägt und auch verändert hat, was wir an Schuld auf uns geladen haben, indem wir uns entschieden oder eben nicht entschieden haben, was wir getan oder unterlassen haben, eben nicht ändern können. Es bleibt nur, all das zu akzeptieren und zu lernen damit weiterzuleben.

 

Sie hat ihre Geschichte sehr warmherzig erzählt und mit einem feinfühligen Gespür für jene kurzen Augenblicke, die für ein ganzes Leben entscheiden können.

 

Ein starkes und sehr intensives Buch, das den Leser nicht immer angenehm mit sich selbst und seinem Leben konfrontiert.

 

Diese bewegende Geschichte über Schuld und Zufall in einem Hörbuch zu hören, ist mit der vorliegenden Einspielung ein ganz besonderes Erlebnis. Marion Brasch selbst spricht die Worte der auktorialen Erzählerin. Die Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer leiht Toni ihre sympathisch raue Stimme und Thorsten Merten, ebenfalls Schauspieler interpretiert die Figur des Alex.

 

Im Zusammenspiel der drei Stimmen wird die Handlung als Hörbuch zu einem unvergesslichen Gesamterlebnis und schenkt dem Leser des Buches beim Hören noch einmal völlig neue Eindrücke und Einsichten.