Schlaf der Vernunft

 

 

 

 

 

Tanja Kinkel, Schlaf der Vernunft, Droemer 2017, ISBN 978-3-426-30506-5

 

Tanja Kinkel, geboren 1969, ist eine der erfolgreichsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen in unserem Land.  In über ein Dutzend Sprachen übersetzt, feiern ihre Romane auch im Ausland große Erfolge. Thematisch hat sie bisher eine  große Bandbreite bewältigt: von der Gründung Roms bis hin  zum Amerika des 21. Jahrhunderts reicht ihr literarisches Spektrum.

 

Nun hat sie sich in ihrem neuen Roman „Schlaf der Vernunft“, einer Thematik gewidmet,  die sie wahrscheinlich auch persönlich schon lange umtreibt. Die Geschichte der Rote Armee Fraktion und ihres Terrors in der alten Bundesrepublik und die Debatten um die Begnadigung verurteilter Terroristen, die Ende der neunziger Jahre die innenpolitische Debatte in der Republik für eine kurze Zeit bestimmte.

 

Sie hat dazu Figuren erfunden, wie es sie in der Realität durchaus gegeben haben könnte. Geschickt verwebt sie hervorragend recherchierte historische Fakten und Geschehnisse mit einer intensiven Beziehungsgeschichte zwischen einer Tochter und ihrer Mutter.

 

Die Tochter, Angelika Limacher, hat, nachdem ihre Mutter Martina Müller in den siebziger Jahren nach dem Tod von Holger Meins in den Untergrund ging, jeglichen Kontakt mit ihr abgebrochen. Als Martina Müller nun im Jahr 1998, der Gegenwartsebene des Romans, im Rahmen einer innenpolitisch motivierten Initiative der Regierung begnadigt wird, hat das Folgen nicht nur für ihre Tochter, sondern auch für die ehemalige Sympathisantin und jetzige Bundestagsabgeordnete Renate, die bei den Grünen aufgestiegen ist und sich in der möglichen neuen rot-grünen Regierung ein Regierungsamt erhofft.

 

Folgen hat die Freilassung von Martina Müller aber auch für die Verwandten der Opfer jenes Anschlages auf den Staatssekretär Werder, für den Martina Müller verurteilt wurde und für den einzigen Überlebenden, den Personenschützer Steffen.

 

Tanja Kinkel hat ihren Roman so aufgebaut, dass die Frage, wie sich all diese Personen ihrer Vergangenheit stellen, wie so etwas wie Verarbeitung des damaligen und aktuellen Geschehens möglich ist, verknüpft wird mit der Rekonstruktion dessen, was damals geschehen ist. In zahlreichen Rückblicken erzählt sie Martinas und auch Renates Geschichte einer politischen Radikalisierung, die für die eine im bewaffneten Kampf und für die andere im Marsch durch die Institutionen endete.

 

Deutlich wird vor allem dem Leser, der diese bleierne Zeit nicht miterlebt hat, wie sich der RAF-Terror entwickelte und wie er lange, unverarbeitet, wie ein Schatten über dem ganzen Land lag. Vom Kaufhausbrand in Frankfurt, über die Befreiung Baaders u.a. bis hin zum Göttinger Mescaleroartikel im Jahr 1977 wird die Geschichte literarisch sehr gut aufbereitet und in eine dichte Rahmenhandlung eingewoben, in der das Verhältnis zwischen Angelika und ihrer Mutter im Mittelpunkt steht. Die vielen Gespräche, die sie nach ihrer Freilassung auf Sylt führen, wohin die beiden zunächst einmal auch gegen den Willen von Angelikas Mann Justus  gefahren sind, waren für mich der inhaltliche Schwerpunkt eines Buches, das versucht zu verstehen, wie aus einer normalen Frau eine Mörderin werden konnte, und wie alle Beteiligten nach 20 Jahren zum Teil verzweifelt versuchen, mit den Folgen dieser Tat in ihrem Leben fertig zu werden.

 

Gibt es so etwas wie Reue und Einsicht auf der einen Seite? Und gibt es  einen denkbaren Ansatz von Versöhnung und Neuanfang auf der anderen?  Das Buch gibt keine eindeutige Antwort, aber es stellt die richtigen Fragen.

 

Wer sich mit der Geschichte der RAF befassen will im Kleid eines spannenden und bewegenden Romans, dem sei dieses Buch sehr empfohlen.

 

 

 

 

 

 

Kinder sind Geschenke für die Welt

 

 

 

 

 

Jesper Juul, Kinder sind Geschenke für die Welt, Kösel Verlag 2016, ISBN 978-3-466-31080-7

 

Der Däne Jesper Juul ist der mittlerweile bekannteste und meistgelesene Familientherapeut in Westeuropa. Seine Bücher erleben hohe Auflagen und die Werte und Erziehungsziele, die er darin vertritt, haben unzählige Eltern und Erzieher in der Zwischenzeit überzeugt.

 

Nachdem im Jahr 2015 bei Kösel mit „Fünf Grundsteine für die Familie“ eine Einführung in die Familienpädagogik des Dänen und als eine Zusammenfassung seiner Ideen erschienen ist, in dem er seine Erkenntnisse aus über 35 Jahren Beratungspraxis in Familientherapie in fünf Grundsteinen zusammenfasst, legt Kösel jetzt einen Familienbegleiter für alle Wochen des Jahres vor, in dem aufeinander aufbauend in kurzen Texten die ganze Theorie und Praxis von Jesper Juuls Ideen benannt werden.

Wie in vielen anderen Büchern geht es Juul immer wieder um die zentralen Punkte:

 

  • Kooperation und Integrität
  • Selbstvertrauen und Selbstgefühl
  • Persönliche Verantwortung
  • Die Kunst, Nein zu sagen
  • Eltern als Leuchttürme

 

Schöne Farbfotos mit Szenen aus dem Familienalltag illustrieren die überaus verständlichen Texte. Das Buch eignet sich sehr gut um sich mit den Ideen Juuls vertraut zu machen, ohne gleich an ganzes Buch zu lesen, aber auch als regelmäßigge Auffrischung für diejenigen, die Juul schon kennen.

 

 

 

 

Unter Affen

 

 

 

 

 

 

Gregor Fauma, Unter Affen. Warum das Büro ein Dschungel ist, Goldegg 2016, ISBN 978-3-903090-56-9

 

Wer hätte sich nicht schon öfter gefragt, warum er sich in seinem Büro unter seinen Kollegen manchmal fühlt wie im Urwald. Menschen, die sonst außerhalb der offiziellen Arbeitszeiten eigentlich ganz normal sind, verhalten sich in ihrem Arbeitsbereich auf gelinde gesagt merkwürdige und wenig menschengerechte Weise.

 

Der Autor des vorliegenden Buches, der Verhaltensbiologe und in Wien und Krems lehrende Gregor Fauma,  erklärt diesen modernen Überlebenskampf mit der Evolution. Gestern noch Dschungel – heute im Büro. Er erkennt viele Parallelen zwischen dem Verhalten von Affen und von Menschen.

 

Klug aufgebaut und locker und verständlich geschrieben, verhilft das Buch dem stressgeplagten Büromenschen zu mannigfaltigen Erkenntnissen über die evolutionsbiologische Herkunft ihm bislang absolut unverständlich gebliebener Verhaltensweisen seiner Kollegen und Chefs.

 

Doch an manchen Stellen, insbesondere wenn der Leser sein eigenes Verhalten erkennt, wenn er selbstkritisch genug dazu ist, bleibt einem das gelegentliche Lachen über Faumas trockenen wissenschaftlichen Humor auch mal im Halse stecken.

 

Eine absolut aufschlussreiche Lektüre, die einem, recht antizipiert, zum besseren Überleben im Bürodschungel verhelfen kann.

 

 

Mama, wo komm ich eigentlich her?

 

 

 

 

 

Anne Ameling, Stefanie Reich, Mama, wo komm ich eigentlich her, Ellermann 2017, ISBN 978-3-7707-4295-0

 

Im Kopf des kleinen Ole spukt es schon seit dem Morgen, als er aufgestanden ist. Da ist eine Frage, die ihn quält, indem sie zu ihm spricht: „Ole, ich möchte unbedingt wissen, wie das war, als du zu Mama, Papa und Anna gekommen bist.“

 

Ole weiß es nicht. Er hat einfach keine Erinnerung daran. Sich Papas kluge Lesebrille aufzusetzen hilft ihm genauso wenig weiter wie seinen Teddybär zu fragen. Denn der vermutet nur, dass es bei Ole genauso war wie bei ihm in der Spielzeugfabrik in Klein-Drummelsbach.

 

Ole geht in den Garten, fragt  die Taube und den Baum und den Frosch, doch die erzählen ihm lediglich, wie sie selbst auf die Welt gekommen sind. Von Onkel Tatti erhält er den Tipp, doch einfach mal seine Mama zu fragen. „Darauf hätte er auch selbst kommen können!“

 

Und dann nimmt ihn die Mutter auf den Schoß und erzählt ihm, wie er lange in ihrem Bauch herangewachsen und schließlich im Krankenhaus aus ihrem Bauch herausgekommen ist.

 

Nun ist Ole zufrieden, in seinem Kopf spukt es nicht mehr. Und fröhlich baut er für seine ganze Familie eine wunderbare Sandburg.

 

Stefanie Reich hat die schöne Geschichte von Anne Ameling zart und feinfühlig illustriert. Das Buch eignet sich ganz hervorragend als Einstieg in eigene Erzählungen und Geschichten aus der pränatalen und perinatalen Zeit. Ihre Kinder werden sie über lange Zeit immer wieder hören wollen. Sie sind wichtig für ihre eigene Verwurzelung in ihrem noch jungen Leben.

Digitale Welt

 

 

 

 

 

Lena Thiele, Digitale Welt, Ravensburger Verlag 2017, ISBN 978-3-473-32665-5

 

Lena Thiele legt mit ihrem von Jochen Windecker intelligent und verständlich illustrierten Sachbuch ein Buch vor, das nach Angaben des Verlags für Kinder zwischen 8 und 12 Jahren geeignet ist.

In der Reihe „Wieso? Weshalb? Warum? Profiwissen“ erschienen schafft es „Digitale Welt“ Kindern, die in diesem Alter durchaus schon mit PC`s arbeiten und sich in der Internetwelt bewegen ein solides Grundwissen. Es bietet grundlegenden Einführungen in die Hardware eines PC`s, informiert über die verschiedenen Anwendungen und geht kritisch auf die bei Kinder und Jugendlichen (aber auch bei ihren Eltern) so beliebten Messengerdienste und die „sozialen“ Netzwerke ein, in denen sich so oft immer mehr asoziales bewegt.

 

Kapitel über Computerspiele und künstliche Intelligenz finden sich genauso wie ein Ausblick in die digitale Zukunft und Ratschläge für schulische Recherchen im Internet, die schon ab dem 5. Schuljahr durchaus verlangt werden.

 

Wegen seines grundlegenden Aufbaus eignet sich das Buch durchaus auch für Eltern oder Großeltern, die mit ihrem Smartphone oder PC an der digitalen Welt teilnehmen, aber wenig über sie wissen.

 

Ein sehr gut gemachtes Sachbuch für Kinder ab 8 Jahren.

Dumont direkt. Reiseführer Hamburg

 

 

 

 

 

Ralf Groschwitz, Dumont direkt: Reiseführer Hamburg, Dumont Reiseverlag 2017, ISBN 978-3-7701-8339-5

 

Klein, handlich, aktuell, frech und auf der Höhe der Zeit und dessen was angesagt ist: so präsentiert sich der neue Dumont Reiseführer für Hamburg, den Ralf Groschwitz hier vorlegt.

 

Alle wesentlichen Ort, Gebäude und Sehenswürdigkeiten sind beschrieben, eine Menge Tipps laden ein in Gastronomie und Kultur, und ein ausführlicher Teil macht Vorschläge für Übernachtungen und Einkäufe.

 

In insgesamt 15 Kapiteln führt Groschwitz den Besucher durch die Stadt mit einem Führer, der ideal ist für einen ersten Kurzbesuch, aber auch dem Hamburg-Liebhaber, der schon öfters da war, wegen seiner Aktualität wertvolle neue Anregungen geben kann.

 

Die Geschichte eines neuen Namens

 

 

 

 

 

 

Elena Ferrante, Die Geschichte eines neuen Namens, Der Hörverlag 2017, ISBN 978-3-8445-2471-0

Die Geschichte zweier ungewöhnlicher Frauen aus Neapel geht weiter. Die Geschichte einer ganz besonderen Freundschaft, wie sie nur unter Frauen möglich ist.

Eine Freundschaft, die seit Kindesbeinen bestimmt ist nicht nur von gegenseitiger Liebe und Wertschätzung, sondern immer wieder auch von Konkurrenz, Neid und Missgunst.

 

Elena Ferrante erzählt von den Jugendjahren der beiden Freundinnen Elena und Lila, wobei der Fokus dieses Mal sehr stark auf dem Schicksal von Lila liegt, die aus ihrer unglücklichen und früh geschlossenen Ehe(damit endete der Band 1) flieht und am Ende fast zugrunde geht als ausgebeutete Arbeiterin, die mit ihrem neuen Partner und ihrem Kind in einem regelrechten Loch lebt.

 

Elena hingegen geht mit einem Stipendium nach Pisa, wo sie eine Beziehung mit einem Mitstudenten hat und auch in ihren Leistungen recht erfolgreich ist, ja, sie entwickelt sich geradezu zu einer Vorzeigeschülerin. Dennoch spürt sie immer wieder, dass sie anders ist als ihre Kommilitonen. Sie hat eben nicht den gebildeten Stallgeruch der wohlhabenden Schichten, aus denen die meisten Studenten stammen. Immer wieder kommt sie sich dumm vor und glaubt, nur durch viel Fleiß dieses von ihr als beschämend erlebte Manko ausgleichen zu können.

 

Gleichzeitig muss sie, wenn sie in den Ferien nach Hause zurückkehrt, erleben, dass ihre Bildung, ihre Leistungen und Abschlüsse dort, wo sie herkommt, nichts zählen. Ja, sie entfremden sie regelrecht von dem, was sie dereinst als ihre Heimat bezeichnete.

 

Entfremdet ist auch ihre Beziehung zu Lila, zu der sie lange keinen wirklichen Kontakt hat und der es richtig dreckig geht. Sie spürt, dass ihre Liebesbeziehung zu dem jungen Studenten keine wirkliche Zukunft hat, als sie am Ende des Buches überraschend einem Mann gegenübersteht, den sie schon fast vergessen hatte…

 

Perfekte Spannung für den dritten Band, der im Frühjahr 2017 erscheinen wird.

 

Der vollständigen Lesung mit einer Gesamtlaufzeit von über 18 Stunden, die die Schauspielerin Eva Matts für den Hörverlag eingespielt hat, gelingt es hervorragend, das in Dickens`scher Dichte beschriebene Neapel der sechziger Jahre ebenso lebendig zu machen wie einer unvergleichlichen Freundschaft mit ihrer Stimme Charakter zu verleihen.

Eva Mattes macht das Buch zu einem wahren Hörerlebnis.

 

 

Krypta

 

 

 

 

 

Hubert Wolf, Krypta. Unterdrückte Traditionen der Kirchengeschichte, DTV 2017, ISBN 978-3-423-34902-4

 

Das Studium und das Erforschung von Traditionen und Glaubensrichtungen, die oft schon im Laufe der ersten Jahrhunderte des Christentum nicht selten blutig und brutal ausgelöscht und unter Sanktion gestellt wurden, war, so erinnern ich mich gut, in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unter uns progressiven Theologiestudenten, die die Kirche verändern wollte, ein beliebtes Thema für AGs und Lehraufträge abseits des durch die Prüfungsordnungen geregelten Lehrbetriebs an den theologischen Fakultäten.

 

Nun legt der Münsteraner Professor für Kirchengeschichte, Hubert Wolf unter dem Titel „Krypta“ ein auch für theologische Laien absolut lesbares und verständliches Buch vor, in dem er viele dieser unterdrückten Traditionen aus der Versenkung holt und zeigt, dass der status quo der Kirche sich oft einer konkrete Geschichte der Unterdrückung von anderen Glaubensrichtungen und vor allen Dingen einer anderen Praxis verdankt.

 

Da geht es um von allen gewählte Bischöfe, von Frauen mit Vollmacht, die in der frühen Kirche als Bischöfinnen wirkten. Da geht es um das Domkapitel der Bistümer als ein Kontrollorgan und als Senat des Bischofs, um den Papst als Kollege unter anderen, der nicht unfehlbar ist und dem die Kardinäle als ein Gegengewicht zur päpstlichen Macht gegenüberstehen.

 

Es geht um die Mönchen und Nonnen, die durch radikale Nachfolge sich höchster Autorität erfreuten und um die Bedeutung der Gemeinde vor Ort. Da geht es um Traditionen, in denen die Laien keine unmündigen Schafe sind und um Konzile, in denen pluraler Katholizismus lebendig wurde.

 

Zuletzt, auch im Zusammenhang mit dem frischen Wind, den der neuen Papst in die verkrusteten Strukturen in Rom gebracht hat, um Franz von Assisi und die Option einer Kirchen der Armen.

 

Überall sieht Hubert Wolf in den wie in einer Krypta verborgenen Traditionen, die er geborgen hat, vielfältige Chancen, sie heute wieder aktuell werden zu lassen, in einer Kirche, deren Mitglieder sich so sehr nach lebendiger Reform sehnen

Damit du dich im Viertel nicht verirrst

 

 

 

 

 

Patrick Modiano, Damit du dich im Viertel nicht verirrst, DTV 2017, ISBN 978-3-423-14540-4

 

Patrick Modiano, der 2014 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, was nur die überraschen konnte, die sein Werk nicht oder nur unzureichend kannten, ist ein Schriftsteller, der sich in seinen Büchern mit mehr oder weniger autobiographischem Hintergrund der von ihm perfektionierten Kunst des Erinnerns widmet. Immer wieder geht es um die Zeit der deutschen Besatzung in Frankreich, in der unzähligen Juden um ihr Leben bangen mussten. Modiano, selbst jüdischer Abstammung, verfolgt ihre Spuren und kümmert sich in seinen Büchern auf diese Weise auch um seine eigenen Wurzeln. In dem Buch „Ein Stammbaum“ hat der zurückgezogen lebenden und die öffentlichkeitsscheue Schriftsteller schon 2007 seine Kindheit beschrieben, eine Zeit, wie sie trostloser, einsamer und unglücklicher kaum hätte sein können. Seine Eltern leben in einer Welt, die mit ihren Sohn nichts zu tun hat. Es ist als gäbe es den kleinen Patrick gar nicht. Die Mutter ist permanent abwesend und kalt, der Vater ist von grausamer Härte und Lieblosigkeit. Ablehnung, Einsamkeit und Bindungslosigkeit- so sieht seine Kindheit und Jugend aus.

Eher teilnahmslos bringt Modiano etwas Licht in die Dunkelheit seiner Herkunft. Erschütternd, das kein einziger Mensch auftaucht, der ihm mit Liebe oder Zuneigung begegnen würde. Umso erstaunlicher, wie sich sein Schaffen dennoch entwickeln konnte. Nicht ohne Grund endet „Ein Stammbaum“ mit der Veröffentlichung seines ersten Buches.

Auch das hier vorliegende neue Buch „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“ erinnerte mich wieder an Susanna Tamaros Lebensbericht „Ein jeder Engel ist schrecklich“,  wo sie schreibt:
„Weil ich mit dem Feind in mir lebe, mit dem Nebel, der Nacht, der Verwirrung. Weil ich den Schmerz sehe und nichts dagegen tun kann. Weil ich das Unvollkommene sehe, die Leere, das Scheitern, und deren Sinn nicht begreife. Weil ich allein bin, weil mir keiner zuhört, mich niemand an der Hand nimmt. Weil ich irgendwo in mir eine immense Harmonie und ein immenses Licht erahne, und ich mich von diesem Licht und dieser Harmonie entferne wie ein Schiff, das in See sticht. Was zu Anfang der Sinn jedes Atemzugs war, wird mit der Zeit zum Blinken eines Leuchtturms in der Ferne. Ich weine, weil ich Angst habe vor der Leere und der Einsamkeit, die mich erwarten.“

 

Vorsichtig, unsicher tastend, immer wieder überprüfend und zweifelnd sucht er auch im neuen Buch nach Erinnerungen. Es hat den Anschein, als könne er ohne sie nicht überleben, als gäbe die stückweise Rekonstruktion er eigenen Kindheit und Jugend, bis zu dem Zeitpunkt, als er anfing zu schreiben über eben diese, seinem Leben einen Halt und eine Sicherheit  ohne den er vergehen müsste, ohne die er sich als eigene Existenz sozusagen auflösen würde.

 

Auch im neuen Buch sucht er in unzähligen Rückblenden die Zeit seiner Kindheit auf. Jean Daragne, ein einsam und alleinlebender Schriftsteller ist sein Alter Ego. Als Daragne eines Tages Besuch erhält von Gilles Ottolini und Chantal Grippay, die ihm ein von ihnen gefundenes Notizbuch zurückgeben, tut dieser das nicht selbstlos. Er erhofft sich von Daragne Informationen zu einem Kriminalfall, den er gerade in einem Buch bearbeitet. Doch der kann sich nicht erinnern und macht sich af die Suche nach Orten und Personen, die wichtig waren in seinem Leben als er etwa sieben Jahre alt war. Doch es bleibt bei nebulösen Andeutungen. Bis hin zu einer Flucht nach Rom, an der  der kleine Jean Daragne mit Annie Astrand, einer Freundin seiner Mutter beteiligt ist.

„Und ich schwöre dir, in Rom werden sie uns nie finden.“ Modiano lässt den Leser im Unklaren, was die Gefahr nun genau ist und wovor die beiden flüchten. Oft wird nur von Schatten gesprochen. Wie schon im „Stammbaum“ und in etlichen anderen Büchern beschriebt Modiano ein Leben, das sich selbst fremd ist: : „Dieses Kind, von vielen Jahrzehnten in so graue Ferne gerückt, dass ein Fremder aus ihm wurde, nun musste er sich’s eingestehen, das war er.“

 

Wieder ist der unendliche Schmerz zu spüren über den Verlust der Kindheit, die traumatisierenden Erfahrung des Alleingelassenwerdens. Modiano schreibt dagegen an, als der einzigen Möglichkeit, die ihm zu bleiben scheint, will er sein Leben nicht verlieren. Er setzt so mit jedem Buch die Rekonstruktion seiner eigenen Geschichte aus Fragmenten zusammen.

 

Wenn man als Leser für die eigene Lebensgeschichte, insbesondere für die Brüche und Abbrüche darin, genügend sensibel und offen ist, wird man auch in diesem Buch vieles finden, was einen tief berühren und öffnen kann.

 

 

 

Loretta

 

 

 

 

 

 

Shawn Vestal, Loretta, Kein & Aber 2017, ISBN 978-3-0369-5745-6

 

Im Frühjahr 2016 hatte ein in den USA in Millionenauflage erschienener autobiographischer Roman auch in Deutschland einigen Erfolg „Unorthodox“ von Deborah Feldman war eine meisterhafte Schilderung des Emanzipationsprozesses einer jungen Frau aus tiefer Einsamkeit und Angst hin zu einem einzigen Punkt: dem eigenen Denken und Fühlen. Noch nie hatte eine Autorin ihre Befreiung aus den Fesseln religiöser Extremisten so lebensnah, so ehrlich, so analytisch klug und dabei literarisch so anspruchsvoll erzählt.

 

Nun legt der Amerikaner Shawn Vestal einen nicht minder autobiographisch geprägten Roman vor, dessen Titelheldin eine junge Frau ist. Ich vermute, dass es der zweite, männliche Protagonist Jason ist, der die Züge des Autors trägt.  Der Roman spielt in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in den Mormonengemeinden von Gooding, Idaho und Short Creek in Arizona.

 

Der Roman erzählt die Geschichte der fünfzehnjährigen Loretta. Sie  wächst auf in Short Creek in einer sehr strengen und fundamentalistischen Mormonengemeinde, in der Polygamisten die „wahre Lehre“ hochhalten. Doch sie hat anderes im Sinn. Sobald es dunkel ist, schleicht sie aus dem Haus und trifft sich mit ihrem Freund Bradshaw. Doch das geht nicht lange gut. Sie wird erwischt, und zur Disziplinierung mit dem Polygamisten Dean verheiratet, dessen „Schwesterfrau“ sie wird.

 

Die Geschichte von Loretta und Deans Familie ist der eine Strang der Erzählung. Im zweiten wird berichtet von Jason, der mit seiner Familie und einem eher lockeren Großvater in Gooding, Idaho in einer mormonischen Gemeinde lebt, die nicht polygamistisch ist, aber nicht weniger fundamentalistisch-streng.

 

Er ist ein großer Fan des draufgängerischen Evel Knievel, der mit seinen waghalsigen Stunts auch hierzulande damals eine gewisse Berühmtheit erlangte. Diesem Evel Knievel, den Jason zweimal in seinem Leben persönlich kennenlernt, gibt der Autor mehrmals ein Forum, wo er in der Wirform sich an „eine begeisterte Nation“ wendet.

 

Ein Geschehen am 26.Juli 1953 spielt in der Erinnerung der Mormonen immer wieder eine besondere Rolle, als sogenannte Bundesagenten in Short Creek einfielen, viele Männer verhafteten und die Kinder in Pflegefamilien unterbrachten. Permanent leben diese Menschen in der Vorstellung der bald bevorstehenden Wiederkunft des Herrn, der sie, die Auserwählten, emporheben wird in den Himmel.

 

Als Onkel Dean nach dem Tod des Großvaters mit seiner ganzen Familie und seiner „Schwesterfrau“ Loretta nach Gooding zieht, weil er sich um sein Erbe kümmern will und im Haus des Großvaters sich breit macht, planen Loretta, Jason und Bradshaw, der um Loretta nah zu sein, schon in Short Creek in Deans Agrarmittelfirma angeheuert hat,  abzuhauen. Sie wollen nur weg aus einer Situation, wie sie Shawn Vestal wohl selbst erlebt hat.

 

Ihre Flucht schildert er in einer tragikomischen  Roadstory. Doch es wird deutlich, dass die Flucht aus einer solchen Kindheit, geprägt von einem einengenden und extrem lebensfeindlichen Glauben nicht so leicht ist. Es liegt nahe, dass diese Prägung ein  Leben lang anhalten wird, und die Aufgabe, sich davon zu lösen und zu befreien, immer nur kurzfristig zu lösen ist.

 

Indem Shawn Vestal seinen Debütroman geschrieben hat, hat er dies für sich selbst versucht.  Es ist ihm ein Buch gelungen, das unaufgeregt und sprachlich ansprechend ist, das dem Leser viel vermittelt von wohl auch noch heute aktuellen Zuständen in manchen Mormonengemeinden. Ein Buch, das in der Figur von Loretta zeigt, wie sich junge Menschen davon befreien – „aber nur bis jetzt“. (Das sind die letzten ernüchternden Worte des Romans.)