Mr. Griswolds Bücherjagd Band 2. Der unlösbare Code

 

 

 

Jennifer Chambliss Bertman, Mr. Griswolds Bücherjagd Band 2. Der unlösbare Code, Mixtvison 2018, ISBN 978-3-95854-120-7

 

Vier Monate lebt Emily nun schon mit ihren Globetrottereltern und ihrem Bruder Matthew in San Franciso. Zusammen mit ihrem Freund James hat sie im ersten Band ein spannendes Abenteuer erlebt und dabei ein bislang unbekanntes Manuskript von Edgar Alan Poe entdeckt.

Garrison Griswold, der büchervernarrte und rätselverliebte Verleger, der die Bücherjagd erfunden hat, der sich  Emily und James in ihrer Freizeit widmen, hat es veröffentlicht und aus Anlass dieses Ereignisses findet in Hollisters Buchhandlung eine Feier statt, bei der Emily und James geehrt werden sollen.

 

Auf dieser Feier sehen sie auch ihren Lehrer Mr. Quisling, der, als er die Buchhandlung verlässt, einen Zettel verliert. Dieser geheimnisvolle Zettel und vor allen Dingen das, was drauf steht, ist der Beginn eines weiteren spannenden und anspruchsvollen Abenteuers, in dem sich alles um Mark Twains „Tom Sawyer“ und einen alten mysteriösen unlösbaren Code dreht.

 

Emily und James ruhen nicht, bis sie auch dieses Mal unter Einsatz ihres persönlichen Wohlergehens der Lösung immer näher kommen.

 

Emily, die sich in diesem zweiten Band so richtig heimisch macht in der Stadt und in der Gemeinschaft ihrer Booker-School und auch der Leser erfahren viel Interessantes über die Geschichte von San Francisco und die historischen Hintergründe jenes Codes, an dem sie sich fast die Zähne ausbeißen.

 

Auf den abschließenden dritten Band der in den USA sehr erfolgreichen Reihe darf man sehr gespannt sein.

Der Zopf

 

 

 

 

Laetitia Colombani, Der Zopf, S. Fischer 2018, ISBN 978-3-10-397351-8

 

In diesem wunderbaren Bestseller aus Frankreich geht es um drei Frauen, wie sie nicht unterschiedlicher sein könnten. Drei Frauen aus drei Kontinenten, jede mit ihrem eigenen Schicksal und doch auf eine magische Weise miteinander verbunden.

 

Da ist Smita aus Uttar Pradesh in Indien. Sie und ihre Tochter gehören zu den Dalit, den Unberührbaren, die Gandhi einmal „Kinder Gottes“ nannte. Ihre Aufgabe ist es, täglich die Latrinen der Bewohner des Ortes reinigen, die höher gestellt sind als sie. Mit bloßen Händen holt sie die Exkremente ihrer Nachbarn heraus und entsorgt sie auf den Feldern. Ihr Mann arbeitet als Rattenfänger auf jenen Feldern. Die Tiere, die ihm in die Falle gehen, darf er nach Hause mitnehmen. Smita brät sie dann abends, oft die einzige Nahrung für die Familie. Während Smitas Mann treu im Glauben auf seine Wiedergeburt in einem hoffentlich besseren Leben wartet und sich still in sein Schicksal fügt, beschließt Smita, die will, dass ihre Tochter Lalita Lesen und Schreiben lernt, ihr Leben in die Hand zunehmen. Mitten in der Nacht geht sie mit den wenigen Ersparnissen zusammen mit ihrer Tochter fort. Sie verlässt Dorf und Ehemann, um für sich und die Tochter ein neues Leben zu beginnen.

Ihre Reise wird sie irgendwann in einen Tempel führen, wo sie für ihre spirituelle Reinigung ihrem Gott Vishnu ihren Zopf opfert.

 

Diese Haare sind zusammen mit anderen die Rettung für die altehrwürdige Perückenfirma der 19-jährigen Giulia aus Palermo, die nach einem Unfall des Vaters, der ihn in ein immerwährendes Koma fallen lässt, verzweifelt versucht, die durch erhebliche Schulden und sinkende Nachfrage ihrer edlen Produkte kurz vor dem Bankrott stehende Firma und die Arbeitsplätze der Mitarbeiterinnen zu erhalten.

Die Haare aus Indien, von besonders guter Qualität, sind der Rohstoff, für Perücken besonders hohen Standards, von denen eine schließlich in Kanada landen wird.

 

Dort, auf der anderen Seite des Atlantiks lebt die erfolgreiche Anwältin Sarah in Montreal. Sie hat sich über viele Jahre trotz zahlreicher Anfeindungen als Frau in ihrem Beruf durchgesetzt. Immer hat sie es geschafft, die Sorge für ihre drei Kinder und ihren Beruf miteinander zu vereinbaren. Der Preis dafür war hoch. Sie hat schon zwei Scheidungen hinter sich und als sie nun als Partnerin ihrer Kanzlei aufgenommen werden soll, denkt sie, mit noch mehr Anstrengung sei auch das zu schaffen.

Da erfährt sie von einer Krebserkrankung, die sie erst einmal verdrängt, die sie dann niederhaut und sie schließlich zwingt darüber nachzudenken, was ihr im Leben wirklich etwas bedeutet, was ihr wichtig ist. Ganz schafft sie den Turnaround nicht, aber eine Perücke aus Guilias Werkstatt in Palermo wird ihr helfen, neuen Lebensmut zu schöpfen und ihr normales Leben wieder aufzunehmen.

 

Laetitia Colombani erzählt die Schicksale dieser drei Frauen, die auf unterschiedliche Weise dieselbe Sehnsucht nach Freiheit verbindet abwechselnd. Ohne dass sich die Frauen kennen, bewegen sich ihre Geschichte sozusagen aufeinander zu. Jede auf ihre Weise kämpft gegen die Widerstände des Lebens.

 

Die Autorin hat aus diesen drei Geschichten eine Art Zopf geflochten, der symbolisch den ersten Zopf Smitas ersetzt.

 

Es ist ein berührender Roman ohne aufgesetzte Sozialkritik. Laetitia Colombani schildert ihre drei Frauenfiguren mit Bedacht, ohne hintergründige Kritik und achtet so das, was sie verbindet trotz aller unüberbrückbaren Unterschiede: die Sehnsucht nach Freiheit und die Erfahrung, dass es sich lohnt, neu anzufangen und für sie zu kämpfen.

 

Kudos

 

 

 

Rachel Cusk, Kudos, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42807-8

 

Nach „Outline“ und „In Transit“ erscheint nun der abschließende Teil einer Romantrilogie der englischen Schriftstellerin Rachel Cusk. Auch in diesem erzählt die Schriftstellern Faye von Begegnungen und Menschen, die sie beeindruckt haben.

Rachel Cusk hat mit ihrer Protagonistin vieles gemeinsam:  sie lebt in England, ist einmal geschieden und nun wieder verheiratet  und hat zwei Kinder. Mehr ist von der ich-erzählenden Faye auch in diesem Roman nicht zu erfahren. Denn das Buch besteht aus vielen Geschichten, Lebensberichten und Stellungnahmen zum Literaturbetrieb, die Faye meist zuhörenderweise auf einer Reise aufnimmt und dann dokumentiert. Diese Reise führt sie zunächst zu einem Literaturfestival in eine deutsche Stadt, im Weiteren dann zu einem Schriftstellerkongress in eine weitere Stadt, deren Beschreibung in vielem an Lissabon erinnert.

 

Doch die zum Teil skurrilen Umstände insbesondere in Lissabon sind nicht wichtig. Wichtig sind die Menschen, die Faye auf ihrem Weg trifft, und denen sie zuhört. Diese Menschen, oft aber nicht immer direkt oder indirekt mit dem Literaturbetrieb verbunden, wiederum scheinen zu spüren, dass sie ihr alles erzählen können, weil sie ihnen so wie eine Therapeutin zuhört und nur sehr selten eigene Bemerkungen macht. Diese Methode Fayes (Rachel Cusks) hatte schon die beiden ersten Romane getragen und ihren Charme ausgemacht.

 

Schon im Flugzeug aufs europäische Festland beginnt dieser Reigen von Geschichten mit einem Mann, der ihr erzählt, dass er in der Nacht zuvor seinen Hund begraben hat. In Köln trifft sie dann auf einen CEO eines altehrwürdigen Verlages, der ihn mit dem Verlegen von Sudokuheften aus dem drohenden Konkurs geführt hat.

 

Rachel Cusk gelingt es auf den knapp 200 Seiten des Romans eine Vielzahl von Menschen mit ihren Geschichten unterzubringen, die sie mit Distanz beschreibt und dann erzählen lässt. Wie eine gute Therapeutin denkt sie, dass das Erzählen in Monologen zu einer Art Selbsterkenntnis führt. Zumindest beim Leser, der sich in so manchen Themen, um die es geht, wiedererkennen mag.

All diese so unterschiedlichen Menschen und ihre Geschichten sind wie durch einen unsichtbaren Faden miteinander verbunden durch die Themen, um die es im Hintergrund und zwischen den Zeilen dauernd geht: um persönliche Freiheit und wie man sie sich durch selbstgewählte Gefängnisse nimmt, um Gerechtigkeit und Recht und immer wieder die Urfrage, wie das denn eigentlich gehen soll, insbesondere für Frauen, mit dem Zusammenleben von Mann und Frau oder als Familie mit Kindern.

Und wie ist es um das Verhältnis zwischen den Müttern und  ihren Söhnen bestellt? Kann man/frau in einer solchen Bindung überhaupt zu sich selbst kommen? Und: kann man in ihr als Schriftstellerin produktiv sein?

 

An einer Stelle (es sind nicht viele), an der die Schriftstellerin Faye als Alter Ego von Rachel Cusk selbst zu Wort sich meldet, vergleicht sie das Erzählen mit der alten Form der Beichte, mit der sich Menschen  erleichtern wollen. Sie wollen erzählen, so ihre Theorie, die der Leser bei der nächsten Begegnung mit anderen Menschen sofort überprüfen kann, um „jede Schuld zu vermeiden; mit anderen Worten, wir nutzen (das Erzählen) strategisch, um uns von Verantwortung zu entlasten.“

 

Interessante und unterhaltsame, manchmal schräge Erzählungen von Menschen hat Rachel Cusk in ihrem Roman versammelt. Der Leser soll sich in ihren gespiegelt sehen, damit er anders als die meisten anderen begreift, wie wichtig es ist, wo auch immer, aber besonders in unseren Beziehungen, wirkliche Verantwortung zu übernehmen.

 

Wie man die Zeit anhält

 

 

 

 

Matt Haig, Wie man die Zeit anhält, DTV 2018, ISBN 978-3-423-28167-6

 

Matt Haig beschäftigt sich in seinem neuen Roman „Wie man die Zeit anhält“ auf eine philosophische und dennoch überaus spannende Weise mit Thema Zeit. Hauptperson ist der ich-erzählende Geschichtslehrer Tom Hazard, der nach England gekommen ist, um dort in einer Schule einen neuen Job anzutreten. Schnell begeistert er seine Schüler mit seinem unkonventionellen Unterricht.

 

Privat ist Tom eher ein Einzelgänger, denn er hat eine lange Lebensgeschichte zu verbergen. Er sieht zwar aus wie vierzig, doch 1581 geboren, ist er ein Vielfaches älter. Tom Hazard gehört zu der Spezies der Albatrosse. Anders als normale Menschen („Eintagsfliegen“) altern die Albatrosse kaum. Doch gerade deswegen fallen sie bald auf und sehen sich Verfolgungen von normalen Menschen ausgesetzt Deshalb wechselt Tom alles acht Jahre seinen Aufenthaltsort. Denn  wirkliche Nähe zu anderen Menschen, die bei längerem Aufenthalt zwangsläufig eintreten würde ist für Albatrosse gefährlich. Doch schon kurz nachdem er seine neue Tätigkeit in England aufgenommen hat, verliebt er sich in seine Kollegin Camille.

 

Kann man die Zeit anhalten? Kann Tom sich aus seinem Schicksal als Albatros befreien? Matt Haig lässt ihn quer durch die Jahrhunderte seine Erlebnisse schildern, was für den Leser eine überaus informative Reise durch die Geschichte seit dem 16. Jahrhundert ist. Immer galt die Regel: niemals sich auf Sterbliche einlassen, denn dann, so zeigt die Geschichte sind alle in Gefahr.

 

Geschützt werden die Albatrosse durch einen der Ihren namens Hendrich, der auch Tom immer wieder Aufträge erteilt, die in alle möglichen Ländern führen und bei den er andere Albatrosse vor den Fängern ihrer Häscher retten soll.

In diesem spannenden und sehr lehrreichen Roman geht es um innere  Zerrissenheit, um die große Sehnsucht nach einem Lebenssinn und dem  tiefen Bedürfnis zu „Sein“. Die Geschichte ist durchgehend dramatisch aufgebaut, mit vielen Zeitsprüngen aus der Gegenwart in viele unterschiedliche  Vergangenheiten und wieder zurück und fordert so dem Leser einige Aufmerksamkeit ab.

Tom Hazard flieht sein ganzes jahrhundertelanges  Leben lang, doch immer wieder holt ihn etwas ein was er „Erinnerungsschmerz“ nennt.

 

Nicht nur, weil man nicht weiß, wie Tom mit seiner Liebe zu Camille umgehen wird, sondern auch wegen der im Laufe des Buches zunehmenden Zwielichtigkeit von Hendrich hält Matt Haig mit dieser wunderbar phantasievollen Geschichte den Spannungsbogen hoch bis zum Ende.

 

Ich habe das Buch während nach eine OP im Krankenhaus an einem Tag in einem Rutsch gelesen. Ich war begeistert. Es ist magisch, spannend und an manchen Stellen auch sehr traurig.

 

 

 

Der Gott jenes Sommers

 

 

 

Ralf Rothmann, Der Gott jenes Sommers, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42793-4

 

Nach der Lektüre des mittlerweile in 25 Sprachen übersetzten  hervorragenden Romans „Im Frühling sterben“ aus dem Jahr 2015, der die dramatische und bewegende Geschichte zweier fast noch jugendlicher deutscher Soldaten erzählte, war meine Erwartung an den neuen Roman Ralf Rothmanns hoch, sehr hoch. Doch wie so viele andere Leser im Netz bleibe ich nach der Lektüre dieses 252 – seitigen Romans eher ratlos und skeptisch zurück. Der Roman fällt hinter die literarische Qualität seines Vorgängers und auch vieler anderer Romane von Rothmann zurück.

In „Der Gott des Sommers“ beschreibt Rothmann, der seine Stimme der zwölfjährigen Luisa Norff leiht, ein Dorf in Schleswig-Holstein in den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1945. So wie in diesem Dorf, in das Luisa zusammen mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester aus dem ausgebombten Kiel auf das Gut ihres Verwandten und hochrangigen SS- Offiziers Vinzent geflohen ist, mag es damals in vielen deutschen  Ortschaften zugegangen  sein. Ein Alltagsleben voller Verblendung und Denunziation, zunehmende Verzweiflung und Zweifel machen sich breit. Jeder versucht seine eigene Haut zu retten, angesichts näher rückender Alliierter und immer mehr Flüchtlingen aus dem Osten, die im Ort hängen geblieben sind.

 

Vinzent ist mit Luisas sehr viel älterer Halbschwester Gudrun aus der ersten Ehe der Mutter verheiratet und kommt nur sporadisch mit Unmengen von Essen und  anderen kriegsknappen Dingen nach Hause. Verwaltet wird das Gut von dem Ehepaar Thamling, das dafür sorgt, dass der übliche Betrieb aufrechterhalten wird.

 

Es scheint also, als ob Luisa dort die letzten Kriegsmonate gut überleben könnte. Doch sie sieht das brennende Kiel aus ihrem Fenster und begegnet bei verbotenen Besuchen des nahen Waldes ausgehungerten Kriegsgefangenen, die dort in Baracken wie Sklaven als Torfstecher gehalten werden. Ein Massengrab wird man nach dem Krieg dort finden.

 

Immer mehr Flüchtlinge müssen in Ställen und Nebengebäuden des Gutes untergebracht werden, während sich Luisa vor all dem, was sie an Schrecklichem beobachtet, vor all den Fragen, die sich ihr stellen und auf sie keine Antwort erhält oder findet, in ihre Bücher flüchtet.

 

Rothmann besticht nach wie vor durch einen beeindruckenden Stil und eine wirklich schöne Sprache. Dennoch kann man sich bei fortschreitender Lektüre als Leser, der schon viele Romane aus dieser Zeit und mit diesen Themen gelesen hat (zuletzt Rothmanns letzten aus dem Jahr 2015) des Eindrucks nicht erwehren, dass Rothmann sowohl in der Handlung als auch bei seinen Charakteren allzu viele Klischees einsetzt.

 

Ein interessantes Element des Buches ist hingegen der fiktive, von Rothmann kapitelweise eingestreute Bericht des Schreibers Bredelin Merxheim in barockem Deutsch über die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648). Der Schreiber, der an Grimmelshausen und Gryphius(ein Gedicht von ihm steht dem Buch als Motto vor) erinnert, lässt inmitten der Kriegswirren eine Kapelle bauen, um seinen nach Brandschatzung, Raub, Mord und Vergewaltigung verlorenen Mitmenschen in Gott wieder einen Halt zu geben. Über diese Botschaft Rothmanns habe ich lange nachgedacht und würde gerne mal mit ihm darüber sprechen.

 

Auch Luisa Norff will nach Ende der Schreckensjahre im Kloster Halt finden und Nonne werden: an ihrem 13. Geburtstag ist das junge Mädchen überzeugt, nach dem Mord am britischen Piloten,den sie gesehen hat, nach der erlebten Hinrichtung des Schwagers, dem Selbstmord des Vaters, dem Verschwinden der Schwester und ihrer Vergewaltigung durch den eigenen Schwager das weltliche Dasein bereits in allen Facetten gelebt und erlebt zu haben: „Ich hab alles erlebt!“, sagt sie am Ende eines Buches voller Humanität jenseits religiöser Dogmatik.

Christoph Schröder hat Ralf Rothmann einen Schriftsteller genannt, „den nicht die Reflexion, sondern das bloße Erzählen und die Evokation starker, aussagekräftiger Bilder antreibt.“

 

Dass das auch stellenweise eine Schwäche sein kann, zeigt sein neuer Roman.

Die Unmöglichkeit des Lebens

 

 

Robin Stevenson, Die Unmöglichkeit des Lebens, Beltz & Gelberg 2018, ISBN 978-3-407-82294-9

 

„Zu Anfang war die ganze Selbstmordgeschichte nichts weiter als ein Spiel. Oder vielleicht nicht gerade ein Spiel, sondern eher eine Art Fantasie. Sowas wie ein makabrer Scherz. Ich würde es niemals zugeben – und jetzt schon gar nicht mehr – aber es hat tatsächlich irgendwie Spaß gemacht.“

 

Als Melody, genannt Mel, Jeremy kennenlernt, da spürt sie sofort, dass sie zu diesem Jungen ein Draht hat. Sie kann mit ihm über Tiefsinniges reden, über Dinge, die sie schon lange bewegen, über den Sinn und Unsinn des Lebens, über Schuld und immer wieder über den Tod. Je länger je mehr, spürt Melody, wie sie sich in diesen sensiblen und hochintelligenten Jungen verliebt.

 

Für sie bleiben die Gespräche über mögliche gemeinsame Selbstmordpläne nur eine Art romantisches Gedankenspiel. Doch für Jeremy scheint es der einzige Ausweg zu sein aus seinen schweren Schuldgefühlen.

 

Und er wird es tun, während Melody stehen bleibt und nicht in die Tiefe springt. Das wird gleich auf den ersten  drei Seiten des Romans klar.  In „Die Unmöglichkeit des Lebens“ erzählt Melody dann in Rückblenden ihre und Jeremys Geschichte. Die Vorgeschichte seines Suizids und die Folgen, die er für anderen unterem für Melody hat.

 

Robin Stevenson schreibt über ein Tabuthema, das in gewissen Phasen viele Jugendliche beschäftigt. Er tut das auf eine ernsthafte und sensible Weise und kann somit Jugendliche gut ansprechen.

 

Der Duft des Waldes

 

 

Helene Gestern, Der Duft des Waldes, S. Fischer 2018, ISBN 978-3-10-397343-3

 

Um es gleich vorweg zu sagen: „Der Duft des Waldes“ ist mein absolutes Lieblingsbuch dieses Sommers. Trotz monumentaler 700 Seiten und einer sehr vielsträngigen Geschichte, die sich über ein ganzes Jahrhundert erstreckt und bei der viele verschiedene historische und aktuelle Themen behandelt werden, hat mich dieser Roman aus Frankreich nicht losgelassen.

 

Die Protagonistin dieses Romans heißt Elisabeth Bathori. Sie arbeitet als Historikerin in einem Archiv für Fotogeschichtsschreibung und hat sich auf alte Postkarten spezialisiert. Zwei Jahre ist es jetzt her, dass die Liebe ihres Lebens an einem Hirntumor starb. Dieser Tod hat sie in eine lange Phase depressiver Trauer gestürzt, aus der sie ihr Chef versucht herauszuholen, indem er sie mit der hochbetagten Alix de Calendar bekannt macht, die eine unschätzbar wertvolle Sammlung alter Briefe, Postkarten und Fotos besitzt, die ihr Onkel Alban seinem besten Freund, dem berühmten Dichter Anatole Massis von der schrecklichen Front des Ersten Weltkrieges geschrieben hat.

Sofort ist Elisabeth fasziniert von diesen Dokumenten, die sie auch ganz persönlich in der Tiefe ihrer trauernden Seele ansprechen, denn es geht in ihnen um Liebe, Vertrauen, Verlust, Sehnsucht und Erinnerung. Sie beginnt sofort sich in die Briefe von Alban de Willecot einzulesen, die Helene Gestern in chronologischer Folge zwischen den einzelnen Kapiteln des Buches abdruckt, als Alix de Calendar stirbt und Elisabeth zu einem Notar gerufen wird. Alix hat ihr ein Haus im Süden Frankreichs vererbt, das nun in der nächsten Zeit zu einem Ort wird, wo ihre Seele zur Ruhe kommt.

Die aufwändige Recherche, die sie über die Briefe Albans beginnt, verleiht ihrem Leben nicht nur den Hauch eines neuen Sinnes, sondern führt sie auch nach Portugal zu einer Frau namens Violeta, die sie um Hilfe bei der Suche nach einer jüdischen Vorfahrin bittet. Dort lernt Elisabeth den Anwalt Samuel kennen, den stillen Bruder von Violeta, in den sie sich gleich verliebt. Ihre durch schwere biographische Erfahrungen geprägte komplizierte Liebesgeschichte ist ein Strang des Romans, der immer wieder durch neue Entdeckungen und Überraschungen aufwartet.

So kommt Elisabeth in den Besitz eines Tagebuchs von Diane, einer damals 17-jährigen, die mit Alban an der Front korrespondierte und auch mit Anatole Massis eine Beziehung gehabt zu haben scheint. Elisabeth gelingt es, das codierte Tagebuch zu entschlüsseln und entwickelt eine Theorie über die Beziehung der drei.

 

Doch so wie der Leser durch immer neue Wendungen überrascht und ständig von Helene Gestern auf neue Wege geführt wird, ohne dass sie selbst ihren Faden verliert, muss auch Elisabeth immer wieder neu ansetzen in ihrer Forschungsarbeit.

Diese langwierige Spurensuche hilft Elisabeth aus einer Sackgasse in ihrer eigenen Biographie, sie findet dabei die Kraft, den Verlust ihres Liebsten zu verarbeiten und eine neue Perspektive für ihr Leben zu entwickeln. Diese Perspektive entwickelt sich aber erst langsam, immer wieder gestört durch Rückschläge in ihrer neuen Beziehung zu Samuel und drohenden Selbstverlust durch das rastlose Arbeiten an immer mehr historischen Dokumenten, die auf oft seltsame Weise auftauchen, obwohl sie als verloren galten.

 

Eine Menge durchaus wichtiger Charaktere können hier nicht alle erwähnt werden, es sind zu viele. Doch jeder hat für die Handlung des Romans eine wichtige Funktion, die in vielen Fällen erst am Ende des Buches offenbar wird.

 

„Der Duft des Waldes“ ist ein großes ein ganzes Jahrhundert überspannendes Werk, voller Tiefe und sich durch eine breite Themenvielfalt auszeichnend, vom Elend des Ersten Weltkrieges, über die Judenverfolgung während der deutschen Besatzung bis hin zur Flüchtlingskrise der Gegenwart. Doch es wird nie zu viel. Helene Gestern hat die Fäden ihres Stoffes immer im Griff und führt den Leser sicher durch einen spannenden und unterhaltsamen Roman, dem man hierzulande viele LeserInnen wünscht.

 

 

 

Ganz da. Einfach und kontemplativ leben

 

 

 

 

Richard Rohr, Ganz da. Einfach und kontemplativ leben, Claudius Verlag 2018, ISBN 978-3-532-62823-2

 

In seinem vor etwa 10 Jahren erschienenen wichtigen Buch „Pure Präsenz“ schrieb der Franziskanerpater Richard Rohr unter anderem:

„Alles Reden muss durch Schweigen ausbalanciert werden. Alles Wissen muss durch Nichtwissen relativiert werden. Ohne diesen Ausgleich wird Religion unweigerlich arrogant, ausgrenzend und sogar gewalttätig. Alles Licht muss austariert werden durch Finsternis und jeder Erfolg durch Leiden. Der Heilige Johannes von Kreuz nannte dies die ‚leuchtende Dunkelheit‘, der Heilige Augustinus das ‚österliche Geheimnis‘ oder das ’notwendige Pessach‘ und Katholiken proklamieren es bei jeder Eucharistiefeier ausdrücklich als das Geheimnis des Glaubens: Tod und Auferstehung gehören zusammen. Aber dieses Axiom ist nur selten der reale Kern unserer Existenz“.

Dieses Buch damals war eines der Hauptwerke Rohrs und ziemlich schwieriger Stoff. Nun hat er nach Aussage seines Freundes und Übersetzers Andreas Ebert, selbst Autor wichtiger spiritueller Bücher, „ein ganz besonderes Buch“ geschrieben. Ein Buch, in dem Rohr eine Sammlung von Übungen und Meditationen versammelt hat, mit denen der Nutzer quasi täglich sich einüben kann in eine „Art des Sehens, die viel mehr ist als bloßes Hinschauen, weil es zugleich Erkennen  und im Gefolge davon Wertschätzung beinhaltet“.

 

Ein Buch, das nicht in einem Rutsch gelesen werden sollte wie ein Roman oder ein anderes Sachbuch, sondern das einlädt zum täglichen Gebrauch.

 

„Ganz da“ ist eine Sammlung von kurzen Meditationen und Übungen. Sie laden uns ein, die Schönheit des Augenblicks in seiner wunderbaren Alltäglichkeit zu erfahren und darin zu verweilen. Richard Rohr leitet dazu an, die Räume unseres Herzens offen zu halten, damit der Verstand neue, bisher verborgene Gefühle wahrnehmen kann. Der Franziskanerpater Rohr ermutigt, die Kontemplation immer mehr zur Quelle unseres Lebens werden zu lassen.

Die tägliche oder zumindest regelmäßige Kontemplation kann zur Quelle des Lebens werden. Eine Grundlage für ein gesundes Selbstverhältnis und für die Fähigkeit zu echtem Mitgefühl.

 

Burgkinder

 

 

J.R. Bechtle, Burgkinder, Frankfurter Verlagsanstalt 2018, ISBN 978-3-627-00250-3

 

J.R Bechtle erzählt in seinem neuen Roman „Burgkinder“ wort- und bildgewaltig eine Familiensaga, die von den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs bis ins Silicon Valley der jahrtausendwende reicht.

Hermann Fürst lebt auf einer Burg im Rheintal. Er ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller seine Zeit, hat mehr Bücher verkauft als Thomas Mann. Wir schrieben de März 1945. Die Front ist nur wenige Kilometer von Fürsts Burg entfernt. Noch bevor die Amerikaner die Brücke von Remagen bezwingen, stirbt der alte Schriftsteller.

Die Amerikaner unter der Führung von Leutnant Rob Wiseman  verlegen ihr Frontlazarett in die Burg der Fürsts verlegen. Bald schon lässt sich Rob mit Erika, der Schwiegertochter Fürsts, ein und wird deshalb nach Kriegsende in San Francisco von der Militärpolizei vorgeladen.

 

Die Familiengeschichte der Wisemans ist nicht weniger erfolgreich als die der Fürsts. Als jüdisch-deutsche Familie in die USA eingewandert, häufen sie bald als Handelsunternehmer große Reichtümer an. Auch Rob ist an diesem Aufstieg beteiligt. Doch kurz vor Übernahme des CEO-Postens eines großen Unternehmens steigt er kurz vor dem Karrierehöhepunkt aus und macht sich als Start-up-Finanzier im Silicon Valley selbstständig.
In dieser Lebensphase, fünfundzwanzig Jahre nach dem Krieg, taucht plötzlich Friedemann Fürst, der einzige Sohn Erikas, bei ihm auf. Rob ahnt, dass Friedemann sein Sohn ist, den er in Deutschland mit Erika gezeugt hat, ein Burgkind. Und nun steht er vor einer schweren Entscheidung.

 

„Burgkinder“ ist eine lesenswerte, spannende und berührende Familiensaga, die erzählt von Absturz und Erfolg, von Mut und Schwäche aber auch von Hass und Liebe.

 

 

 

 

Bretonische Geheimnisse. Kommissar Dupins siebter Fall (Hörbuch)

 

 

Jean-Luc Bannalec, Bretonische Geheimnisse. Kommissar Dupins siebter Fall (Hörbuch), Der Audio Verlag 2018, ISBN 978-3-7424-0477-0

 

Eine neue literarische Stimme macht sich seit einigen Jahren erfolgreich auf dem hart umkämpften deutschen Krimimarkt bemerkbar. Während viele Jahre lang erfolgreiche Serien wie etwa Donna Leons Romane um den Commissario Brunetti aus Venedig schon seit langem an Langeweile und immer mehr von dem Gleichen nicht zu überbieten sind, hat der in Deutschland und in Frankreich lebende Autor unter dem Pseudonym Jean Luc Bannalec mit seinen bisher schon sechs Romanen um seinen im Finstere lebenden Kommissar Dupin auch bei der etablierten Literaturkritik erhebliche Beachtung gefunden.

 

Schon in allen bisherigen Romanen hat Bannalec, vor allem vermittelt durch Dupins Kollegen Riwal eine Menge bretonischer Geschichte und Mythen eingewoben. Doch in seinem neuen Werk geht es fast ausschließlich darum. Für Leser, die sich vor allem für die Artuslegende interessieren, ist das toll, für andere möglicherweise stellenweise etwas langweilig und langatmig.

 

Der Wald von Brocéliande mit seinen malerischen Seen und Schlössern ist das letzte verbliebene Feenreich – glaubt man den Bretonen. Unzählige Legenden aus mehreren Jahrtausenden sind hier verortet. Auch die von König Artus und seiner Tafelrunde. Welche Gegend wäre geeigneter für den längst überfälligen Betriebsausflug von Kommissar Dupin und seinem Team in diesen bretonischen Spätsommertagen, zumal sich mit Riwal ein absolut kundiger Kollege anbietet mit detaillierten Informationen und Führungen.

Als Dupin zu Beginn des mehrtätigen Betriebsausflug noch mit einem berühmten Artus-Forscher in einer anderen Angelegenheit en Gespräch führen will, findet er diesen ermordet vor. Schnell ist Dupin von Paris aus zum nationalen Sonderermittler ernannt mit allen Befugnissen und macht sich mit seinem Team auf die Suche nach dem Täter. Wichtig ist dabei eine Gruppe von an diesem Ort versammelten Wissenschaftlern mit zunächst undurchschaubaren Beziehungen untereinander, die, so findet Dupin bald heraus, von Konkurrenz und Stellenneid geprägt sind.

 

Aus dieser Gruppe sind bald weitere Opfer zu beklagen. Und Dupin dämmert de Erkenntnis, dass jeder aus dieser Gruppe sowohl das nächste Opfer als auch der nächste Täter sein kann.

 

Unter dem zeitlichen Druck seiner Partnerin Claire, die nach dem Ausflug die neue gemeinsame Wohnung einrichten will, ermittelt Dupin mit seinen Kollegen fieberhaft. Dabei wächst Nolwenn wieder einmal über sich hinaus, indem sie wie ein menschlicher Computer alle Infos bündelt und die ganze, dieses Mal außerordentlich gefährliche Ermittlung koordiniert.

 

Als zwischenzeitlich Kadeg und Riwal spurlos verschwunden sind, scheint sich ein Fiasko anzubahnen. Mit sehr gelungenem Spannungsbogen und psychologischer Raffinesse bei der Beschreibung der Beziehungen innerhalb der mysteriösen Wissenschaftlergruppe gelingt es Bannalec, den Leser in dem, wie ich finde, bisher besten seiner Bücher, den Leser bis zur letzten Seite zu fesseln  und ihn gleichzeitig mit einer Menge an interessanten historischen Informationen zu füttern.

 

Ein hervorragender Kriminalroman mit tiefen Einblicken in die Abgründe des Wissenschaftsbetriebs und die bretonische Mythologie.

 

In der vorliegenden ungekürzten Hörbuchfassung  gelingt es Gerd Wameling ganz hervorragend, die Stimmung des Buches einzufangen, mit seiner Stimme die Spannung des Buch noch zu verstärken und der warmherzigen Interpretation der Charaktere von Dupins Team eine ganz persönliche Note zu geben.