Das Verschwinden des Josef Mengele

 

 

 

Olivier Guez, Das Verschwinden des Josef Mengele, Aufbau-Verlag 2018, ISBN 978-3351-03728-4

 

„Immer nach zwei oder drei Generationen, wenn das Gedächtnis verkümmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben, erlöscht die Vernunft, und Menschen säen wieder das Böse.“

 

Diesen mahnenden Satz schreibt der französische Autor und Journalist Olivier Guez am Ende seines Romans über den grausamen und unmenschlichen Lagerarzt des Konzentrationslagers Auschwitz. In Frankreich war dieses Buch ein Bestseller von der Kritik begeistert aufgenommen wurde. Frederic Beigbeder schrieb im Figaro: „Olivier Guez schuf mit diesem bekannten Verfahren eine phantastische neue Romanform.“

 

Es gibt zwei Perspektiven in diesem Tatsachenroman, der sich liest wie ein Politthriller und doch immer ein aus Distanz geschriebenes Charakterporträt eines hunderttausendfachen Mörders bleibt.

 

Im Vordergrund erzählt Olivier Guez nach wohl sehr ausführlichen Recherchen die Fluchtgeschichte des Josef Mengele, Lagerarzt aus Auschwitz, der wie so viele Nazitäter nach dem Kriegsende zunächst in Deutschland untertauchte. Im Jahr 1948 gelingt ihm dann, wie vielen anderen hohen Nazischergen die Flucht nach Argentinien. Seine Unternehmerfamilie in Günzburg, die schon im Dritten Reich hervorragenden Geschäfte mit den Nazis gemacht haben, und nun sehr schnell in der neuen Bundesrepublik wieder reüssieren, unterstützt den unter dem Namen Helmut Gregor mit neuen Papieren ausgestatteten Mengele bei dieser Flucht. Sie wird ihm über Mittelsmänner auch die nächsten Jahrzehnte bis zu seinem Tod 1979 immer wieder mit nicht unerheblichen Geldsummen unter die Arme greifen.

 

In Buenos Aires taucht Mengele in ein dichtes Netzwerk aus Unterstützern ein, ehemalige Nazis und Anhänger des naziaffinen Diktators Peron. Stück für Stück baut er sich mit dieser Unterstützung ein neues Leben und eine neue Existenz auf. Doch diese angenehmen ersten Jahre haben keine Konstanz. Immer öfter muss er in der Folge nicht nur seinen Aufenthaltsort wechseln, sondern auch seine Identität. Immer wieder findet er Menschen bzw. wird mit ihnen in Kontakt gebracht durch seine Helfer, die ihn aufnehmen, weil sie seine Gesinnung teilen. Irgendwann trifft er auch Adolf Eichmann, doch der kennt ihn gar nicht, hat nie von dem Lagerarzt Mengele gehört. Das enttäuscht ihn tief.

Anfang der sechziger Jahre intensivieren der israelische Mossad, der Nazi-Jäger Simon Wiesenthal (er wird von Olivier Guez als jemand geschildert, der es mit der Wahrheit seiner Informationen, die er der Welt über seine Tätigkeit gibt, nicht so genau nimmt) und auch der Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer (er wird in den Auschwitzprozessen in Frankfurt viel Täter zur Verurteilung bringen) nehmen auch die Spur von Josef Mengele auf. Als Adolf Eichmann entführt und nach einem Prozess in Jerusalem hingerichtet wird, reagiert Mengele panisch, fühlt sich nicht mehr sicher und verliert dieses Gefühl auch nicht mehr, als der Mossad aus innenpolitischen Gründen von der Suche nach ihm ablässt. Bis zu seinem Tod 1979, als man seine Leiche an einem brasilianischen Strand findet, wird Mengele diese Panik vor seiner Entdeckung nicht mehr verlassen.

 

Im Hintergrund dieser Fluchtgeschichte erzählt Olivier Guez immer wieder von den Überzeugungen dieses eingefleischten Nazi, der bis in sein Alter den Führer verehrt und an seiner Ideologie festhält. Er beschreibt Mengeles unfassbare Verbrechen und medizinischen Versuche in Auschwitz. An keiner Stelle erfasst ihn auch nur der Hauch eines Bedauerns über seine Taten und er kann bis zu seinem Tod nicht verstehen, warum ein Mann wie er, der seinem Führer und seinem Vaterland so ergeben war, verfolgt wird, weil man auch ihm den Prozess machen will.

 

Die gelungene Mischung zwischen vordergründiger Fluchtgeschichte und hintergründiger Information über die Taten Mengeles und die Ideologie der Nazis führt dazu, dass man an keiner Stelle als Leser versucht ist, mit diesem Mensch und seinem Schicksal auch nur irgendeine Form von Mitgefühl zu entwickeln. Diese Struktur seines Erzählens klärt den vielleicht jungen Leser, der möglicherweise noch nie über die Grausamkeiten der Lager und der in ihnen wütenden Nazis etwas erfahren hat, besser auf, als so manches Sachbuch.

 

Eine weitere Stärke des Buches ist, dass Guez immer wieder beschreibt, wie im Nachkriegsdeutschland und auch bei seinen ausländischen Nachbarn die Nazivergangenheit bis Anfang der sechziger Jahre verdrängt wurde und wie schwer es Menschen wie etwa Fritz Bauer, der unter nach wie vor ungeklärten Umständen ums Leben kam, hatten, Licht in das Dunkel dieser Verdrängung zu bringen.

Hier darf erwähnt werden, dass Olivier Guez das mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichnete Drehbuch von „Der Staat gegen Fritz Bauer“ geschrieben hat, der 2015 in die Kinos kam und den man bei Netflix streamen kann.

 

Über die Verbrechen der Nazis auch die heutige Generation zu informieren und über den Kampf gegen ist gleich ob in einem Film oder in einem Roman nach wie vor wichtig. Denn:

„Immer nach zwei oder drei Generationen, wenn das Gedächtnis verkümmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben, erlöscht die Vernunft, und Menschen säen wieder das Böse.“

 

Man kann das in Europa und in vielen anderen Teilen der Welt seit Jahren beobachten.

 

 

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Slow Horses. Ein Fall für Jackson Lamb

 

 

Mick Herron, Slow Horses. Ein Fall für Jackson Lamb, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07018-7

 

 

Wieder haben die Mitarbeiter des Diogenes Verlags einen Autor und eine Reihe ausgegraben, die in ihrem Herkunftsland seit 2010 große Erfolge feiert und nun auch in lockerer Folge dem deutschsprachigen Publikum präsentiert werden soll.

 

Die Rede ist von dem englischen Schriftsteller Mick Herron, der mit seiner Jackson Lamb Serie seit 2010 erfolgreich ist.  Nun ist in der Übersetzung von Stefanie Schäfer der erste Band erschienen.

 

In ihm wird eine ungewöhnliche Truppe von Geheimagenten vorgestellt. Sie residieren im sogenannten „Slough House“ und werden innerhalb des MI 5 die „Slow Horses“ genannt. Unter der Führung von Jackson Lamb, der selbst dorthin strafversetzt worden ist, beschäftigen sich ehemalige Topagenten, die bei irgendeiner Sache versagt haben oder unverzeihliche Fehler begangen haben, mit relativ nutzlosen Schreibtischarbeiten. Die Führung des MI 5 hofft sie dadurch loszuwerden, dass die slow horses vor lauter Langeweile und Frust ihren Job kündigen.

 

Unter ihnen ist auch River Cartwright aus einer im MI 5 wohlbekannten Agentenfamilie (sein Großvater war ein hohes Tier und hat immer noch großen Einfluss). Nach einem Übungseinsatz in einer Londoner U-Bahn-Station, bei dem Rivers einen mit einem Sprengstoffgürtel bewaffneten Terroristen stoppen soll und kläglich versagt, weil er die Farben der Oberbekleidung des Attentäters verwechselt hat, entgeht er nur durch die Fürsprache seines Großvaters der Entlassung und wird ein lahmer Gaul. Er ist davon überzeugt, dass ihm ein nicht wohlgesonnener Kollege hier absichtlich falsche Angaben übermittelt hat, um ihn kaltzustellen.

 

Misstrauen dieser Art ist der Kitt, der diese Gurkentruppe zusammenhält. Keiner traut dem anderen so recht über den Weg und jeder trägt zunächst sein Geheimnis, warum er in Slough House gelandet ist, alleine mit sich herum.

 

Als ein pakistanischer Jugendlicher entführt wird, wittert River Cartwright seine Chance und beginnt zusammen mit anderen lahmen Gäulen auf eigene Faust zunächst hinter dem Rücken seines Chefs Jackson Lamb zu ermitteln. Der wiederum hat mit der Vizechefin des MI 5, Diana Taverner, genannt Lady Di, einige alte Hühnchen zu rupfen. Ein großer Misthaufen aus Misstrauen und  Korruption wird sich im Laufe der Handlung auftun

 

Die slow horses, die sich im Laufe einer spannenden und auch sehr verwickelten Handlung immer näher kommen, werden zunächst von Mick Herron ausführlich und nacheinander vorgestellt. Auch die Gründe, warum sie strafversetzt wurden kommen zur Sprache. Das dauert, aber im ersten Band einer Serie ist dies sicher sinnvoll, auch wenn in den nächsten Bänden mit Sicherheit wieder neue Leute dazukommen werden, denn im Laufe der Handlung werden zwei Mitarbeiter von Jackson Lamb ihr Leben verlieren.

 

Es wird sich herausstellen, dass der Fall des entführten pakistanischen Jungen alles andere ist als das, wonach er zunächst ausgesehen hat. Die angebliche Gurkentruppe schlägt sich recht gut und auch Jackson Lamb bringt so manches Schäfchen bei Lady Di ins Trockene.

 

Eine verwickelte Handlung mit vielen Personen und Figuren und mit vielen Detailinformationen aus dem Inneren des MI 5 fordert die große Aufmerksamkeit des Lesers, der sich aber dennoch kaum von diesem Thriller losreißen kann und atemlos dem Ende entgegenliest.

 

Man wartet schon jetzt gespannt auf den zweiten Band aus der Reihe, der in England 2013 unter dem Titel „Dead Lions“ erschienen ist. Ich erwarte ihn im Herbstprogramm 2019 bei Diogenes.

 

 

 

 

 

 

 

Einfach Windsurfen lernen

 

 

 

 

Manuel Vogel, Einfach Windsurfen lernen, Delius Klasing 2018, ISBN 978-3-667-11207-1

 

Überall an den Meeresstränden dieser Welt kann man sie seit langem in immer weiter zunehmender Zahl beobachten, die Frauen und Männer auf ihren Windsurfbrettern. Vom Strand aus sieht das für den Beobachter leicht und locker aus, wie sich sie sich, ihr Segel immer in den Wind stellen, oft mit großer Geschwindigkeit auf dem Wasser vorwärts bewegen. Doch jeder, der es selbst schon einmal probiert hat, weiß, dass dieser Sport nicht so leicht auszuüben ist, wie er von außen aussieht.

Neben dem entsprechenden Material braucht jeder Surfer solides Wissen, Erfahrung und Kenntnisse über die richtigen Handgriffe.
Welches Board passt für mich und welches Segel ist für Anfänger geeignet? Was muss ich über das Wetter wissen und wie gelingt mir eine Wende und eine Basis-Halse?

Wer dann irgendwann sicher auf dem Brett steht, möchte dann auch bald seine Fahrtechnik verbessern.

 

Für alle, die mit diesem Sport anfangen oder sich als Anfänger verbessern wollen, hat der Redakteur der Zeitschrift SURF, Manuel Vogel, dieses Buch bei Delius Klasing veröffentlicht.

Verständlich und gut aufbereitet bietet es wichtige Tipps für:

  • Materialkunde: von der Kaufberatung bis zum Aufbau und Trimm
    • Basics für Anfänger und Fahrtechnik für Fortgeschrittene
    • Illustriert mit tollen Schritt-für-Schritt-Fotosequenzen
    • Fundiertes und verständlich aufbereitetes Fachwissen vom Experten
    • Sicher Windsurfen: Materialcheck & Reparaturen, Vorfahrtsregeln, Verhalten im Notfall

 

Hinweisen muss man neben diesem Buch auch auf die vielen Tutorials, die Manuel Vogel auf Youtube veröffentlicht hat und die einen anschaulichen Eindruck vermitteln, von dem was er im  Buch beschreibt.

 

 

Bis die Sterne zittern

 

 

 

 

Johannes Herwig, Bis die Sterne zittern, Gerstenberg 2017, ISBN 978-3-8369-5955-1

 

Mit diesem historischen Jugendroman gelingt es Johannes Herwig in seinem literarischen Debüt auf eine ganz besondere Weise, das Erwachsenwerden in einer Diktatur zu thematisieren und heutigen Jugendlichen die gesellschaftliche und politische Situation am Beginn der Nazidiktatur nahe zu bringen.

 

Der Roman spielt im Jahr 1936 und erzählt davon wie in diesem Sommer der 16-jähruge Harro am ersten Tag seiner Sommerferien in eine Prügelei mit Hitlerjungs verwickelt wird. Er bekommt unverhofft Hilfe und Unterstützung von anderen Jungs, die ebenso wie er selbst nichts mit der Nazi-Ideologie zu tun haben wollen. Sie freunden sich an, und im darauf folgenden Jahr wird sich alles für Harro verändern.

Er hat Reibereien mit seinen Eltern und immer wieder Ärger in der Schule. Mit seinen neuen Freunden verbringt er Nächte am Lagerfeuer, nimmt teil an politischen Aktionen und er fährt seine erste Liebe. Und über allem  hängt jeden Tag die bange Ahnung, dass sein wildes Treiben gefährliche Konsequenzen haben kann.

 

Kraftvoll, mitreißend und emotional erzählt Herwig in einem Roman, der sehr geschickt Fiktion und geschichtliche Tatsache verbindet vom schwierigen Erwachsenwerden in der Unfreiheit. Die Fragen, die er dabei stellt, sind heute so aktuell wie damals: Mitmachen, sich still anpassen oder Kontra geben?

 

Ein hervorragender Jugendroman.

 

 

Billie, wer sonst

 

 

 

 

 

Sara Kadefors, Billie, wer sonst, Urachhaus 2018, ISBN 978-3-8151-5136-2

„Eine Pippi Langstrumpf des 21. Jahrhunderts“, so hat Manuela Kalbermatten in einer Rezension in der Neuen Züricher Zeitung die Hauptfigur des vorliegenden Kinderromans aus Schweden bezeichnet und sie liegt mit ihrer Einschätzung nahe dran.

 

Denn die nun schon in einem zweiten Band vorgestellte Billie ist ein  wirklich ungewöhnliches Mädchen. Seit einiger Zeit schon lebt sie bei einer Pflegefamilie auf dem Land, bei den ziemlich perfekten Perssons in Bokarp. Die von Natur aus chaotische Billie erlebt deren Pünktlichkeit und Perfektion als große Herausforderung. Es ist einfach nicht ihr Ding.

 

Doch ihr unerschütterlicher Optimismus und ihre große Neugier helfen ihr über vieles hinweg. Als die gegen ihren Willen von ihrer Schulklasse zur Vertrauensschülerin gewählt wird lasten plötzlich nicht mehr nur ihre eigenen Probleme auf. Aber warum wollen sich einige Schüler sogar nicht helfen lassen? Und warum hasst Alvar seinen Cousin Douglas, dem sich Billie wiederum seltsam nahe fühlt?

 

Auf warmherzige Weise und für einen Erwachsenen erstaunlich aufmerksam schildert Sara Kadefors das Alltagsleben und die Verfassung von Jugendlichen. Einen besonderen Schwerpunkt legt sie dabei immer wieder auf die zwischenmenschlichen  Beziehungen der Jugendlichen.

 

Auch dieser zweite Roman über die chaotische und selbstbewusste Billie ist angenehme Unterhaltung mit einer erheblichen Tiefe. Sehr empfehlenswert.

 

 

Alles über Rennfahrzeuge

 

 

 

 

 

Susanne Gernhäuser, Peter Nieländer, Alles über Rennfahrzeuge, Ravensburger Verlag 2018, ISBN 978-3-473-32937-3

 

Mit  dem vorliegenden von Susanne Gernhäuser getexteten und von Peter Nielöänder liebevoll illustrierten Sachbilderbuch über die Welt der Märchen legt der Ravensburger Verlag den nunmehr 69. Band seiner beliebten Sachbuchreihe für Kinder zwischen vier und sieben Jahren vor, die unter dem Reihennamen WiesoWeshalbWarum in den letzten Jahrzehnten jeden Kind mindestens einmal zuhause, im Kindergarten  oder in der Bibliothek begegnet ist.

 

„Alles über Rennfahrzeuge“ haben die AutorInnen das Buch genannt, in dem sie viel Wissenswertes über Rennfahrzeuge und ihren Einsatz erzählen:

  • Was ist ein Rennfahrzeug?
  • Was ist für ein Rennen wichtig?
  • Wie wird der Rennfahrer geschützt?
  • Wie wird ein Rennen vorbereitet?
  • Wer fährt noch auf Asphalt?
  • Wie wird man eigentlich Rennfahrer?
  • Was muss ein Rennfahrer können?
  • Was ist eine Rallye?
  • Was ist das Besondere an Geländerennen?
  • Rennen ohne Reifen (Boote)
  • Welche Renne finden in der Luft statt?

Wie immer in dieser Reihe, die sehr spielerisch Sachwissen vermittelt, laden einzigartige Klappen zum Entdecken ein.

 

Mit diesem Buch können Kinder ab 4 Jahren bis zum ersten Lesealter in die Welt der Maschinen und Rennen eintauchen, die manche Kinder schon früh begeistern und dabei nicht nur Jungen.

 

Die Mittelmeerreise (Hörbuch)

 

 

 

 

Hanns- Josef Ortheil, Die Mittelmeerreise (Hörbuch), der Hörverlag 2018, ISBN 978-3-8445-3045-2

 

Über Hanns-Josef Ortheils Kindheits -Roman „Die Erfindung des Lebens“ schrieb ich vor vielen Jahren:

„Ortheil hat es in seinem wohl persönlichsten Buch auf eine meisterhafte Weise verstanden, das Gestern und das Heute zu verbinden und zu einer einmaligen Leseerfahrung zu machen.

Schon lange hat kein Buch mehr so mitfühlend vom Leben und der Liebe geschrieben. Ortheils Roman ist ohne jeden Kitsch und ohne jedes Pathos ein Buch, dessen wahre Geschichte noch das härteste Leserherz erweichen wird. Ein Buch über die heilende Kraft der Musik und die lebensrettende Wirkung des Schreibens und der Literatur. Denn niemand wird dieses Buch nach atemlosem und gebannt – mitfühlendem Lesen aus der Hand legen, ohne so etwas wie wirklichen Trost und Ermutigung für sein eigenes Leben gespürt zu haben, wie immer es auch aussehen mag.

Ein großes Buch, ein wahrhaft meisterhafter Roman.“

Vielen Menschen ist es bei der Lektüre dieses wunderbaren Buches ähnlich gegangen, und viele werden, so wie ich, danach auch  „Die Moselreise“ zur Hand genommen haben, quasi der Vorläufer des gleich anzuzeigenden Buches. Von Hanns-Josef Ortheil als Elfjähriger nach der ersten Reise, die er allein mit seinem Vater unternahm, aufgeschrieben und hier zum ersten Mal, mit begleitenden Essays des Autors ergänzt, veröffentlicht, füllt es eine Lücke über entscheidende Tage im Leben von Ortheil, die in „Die Erfindung des Lebens“ nur ganz nebenbei erwähnt worden sind.

Es war diese Reise, der dann viele weitere folgen sollten, die der kluge und umsichtige Vater organisiert hatte, um seinem Sohn aus seiner inneren Gefangenschaft herauszuhelfen. Das Buch ist nicht nur ein schöner Reisebericht, in dem sich das schriftstellerische Talent des späteren Autors schon andeutet, sondern auch ein einzigartiges bewegendes und eindrückliches Dokument einer wunderbaren Vater-Sohn-Beziehung.

 

Nach Vater und Sohn 1964 in Berlin waren  (vgl. Die Berlin-Reise, Luchterhand 2014), unternehmen sie 1967 eine weitere, sehr große „Mittelmeerreise“ auf einem schwer beladenen Frachter, von Amsterdam, durch die Meerenge von Gibraltar bis nach Griechenland und Istanbul.

 

Ähnlich wie schon das Manuskript der „Moselreise“ wanderten auch die Aufzeichnungen des 16- jährigen Johannes, wie ihn sein Vater nennt, in das Familienarchiv, wo sie Hanns-Josef Ortheil wo er es erst vor einiger Zeit wiederentdeckte und mit wachsendem Erstaunen. Er hat sie abgetippt und hat sie zu einem „Roman eines Heranwachsenden“ collagiert.

 

So leicht verändert, wird dieses Buch nun wie die beiden anderen Reiseromane vorher veröffentlicht. Wie schon „Die Moselreise“ das große literarische Talent des gerade Zwölfjährigen zeigte, dem es sehr sensibel gelingt, feine Stimmungen aufzufangen und in Worte zu fassen, zeigt er sich vier Jahre später als gereifter junger Mann, der eine große Odyssee ins Erwachsenenleben beschreibt.

 

 

Wieder beobachtet die Menschen, die er trifft, ganz genau und ihm gelingt es meisterhaft, die Atmosphäre auf dem Frachter zu beschreiben. Er macht sich seine eigenen Gedanken zu Dingen, die er sieht oder Begriffen, die er hört.

 

Ich habe mich nach der Lektüre dieses faszinierenden Buches gefragt, ob im Jahr 1967 irgendein deutscher Verlag dieses Buch eines gerade Sechzehnjährigen veröffentlicht hätte, und welche Wirkung dessen genaue und feinfühlige Beobachtungen gehabt hätte bei der Kritik.

 

Allen Freunden von Ortheil sei dieses Buch sehr empfohlen. Und wer seinen oben beschriebenen und wertgeschätzten Roman noch nicht kennt und die Beschreibung der ersten beiden Reisen – man sollte es nachholen.

 

Trotzdem allem freue ich mich auf den Altersroman von Ortheil.

 

Die hier im Hörverlag vorliegende über 5 stündige inszenierte und mit Musik unterspielte Lesung hat der Autor selbst produziert. Seine Stimme lässt den jungen Mann lebendig werden auf seinem Weg ins Erwachsenenleben und strahlt die große Dankbarkeit seinem Vater gegenüber aus.

 

Ein ganz besonderes Hörerlebnis.

 

 

73 Ouvertüren. Die Buchanfänge der Bibel und ihre Botschaft

 

Egbert Ballhorn u.a. (Hg., 73 Ouvertüren. Die Buchanfänge der Bibel und ihre Botschaft, Gütersloher Verlagshaus 2018, ISBN 978-3-579-08237-0

 

Seit Jahrzehnten begleiten mich die Bibel und ihre Bücher als Pfarrer. Doch so wie dieses Buch mit seinen fünfzig namhaften BibelwissenschaftlerInnen bin ich noch nie an sie herangegangen.

 

Der Schriftsteller Arnold Stadler schreibt in seinem Vorwort zu dieser außergewöhnlichen theologischen Prosa: „Beim Öffnen der Bibel eröffnet sich etwas. Ein Weltraum.“

 

Und genau diese Erfahrung machen auch die Dutzenden TheologInnen, die alle 73 Bücher der Bibel, Alten und Neuen Testamentes für sich gelesen und dabei besonders auf die jeweiligen Anfänge geachtet haben.

Denn was wir als Leser bei Romanen etwa immer wieder beobachten können, dass nämlich auch sprachlich gelungene Anfänge uns sozusagen zu Gefangenen eines Buches machen, das uns nach den ersten Seiten nicht mehr los lässt, genau dieses gilt auch für die Bücher der Bibel.

 

Alle ihre Anfänge haben das Potenzial, dem Leser einen Zugang zur ganzen Heiligen Schrift zu eröffnen.

 

Dazu wollen die Beiträge des vorliegenden, 700 Seiten starken Buches beitragen, indem sie die Leitideen des biblischen Kanons zugänglich und verständlich machen.

 

Sie bringen dem Gläubigen die Bibel nahe als eine religiöse Glaubensschatzkammer, dem Skeptiker und Distanzierten stellt sie sich als einzigartiges Kulturgut und unverzichtbarer Teil der Weltliteratur.

 

Nicht wenige der Beiträge sind anspruchsvolle theologische Prosa vom Feinsten

 

 

Der vergessene Weltkrieg. Europas Osten 1912-1923

 

 

 

Wlodzimierz Borodziej, Maciej Gorny, Der vergessene Weltkrieg. Europas Osten 1912-1923, wbgTheiss 2018, ISBN 978-3-8062-3820-4

 

In diesem Tagen ist in vielen Veranstaltungen auf hoher Ebene in Europa an die 100. Wiederkehr des Endes des Ersten Weltkrieges erinnert worden.  So wie schon damals Helmut Kohl und Francois Mitterand sich auf den ehemaligen Schlachtfeldern um Verdun die Hand zur Versöhnung  reichten, fanden die Erinnerungsfeiern auch 2018 in Frankreich statt. Denn der Erste Weltkrieg wird schon immer mit den Schlachtfeldern in Frankreich assoziiert, wo unzählige Menschen einen sinnlosen Tod fanden

 

Nun ist ein neues historisches Werk erschienen, aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzt, das eine faszinierende und großartige Darstellung eines immer wieder wenig beachteten und oft unbekannten Weltkriegs bietet: des Krieges in Osteuropa von 1912 bis 1923. In unserer Geschichtserinnerung reduziert sich der Erste Weltkrieg auf den Stellungskrieg und die Materialschlachten in Nordfrankreich. Welche unermesslichen Tragödien sich im Osten abspielten, ist aus dem Bewusstsein gestrichen.
Die mit feiner Erzählkunst beschriebenen Schauplätze dieses großen Krieges im Osten reichen vom 1. Balkankrieg 1912 über den habsburgischen Teil der Ukraine bis nach Russland Anfang der 20er Jahre. Schon die Aufteilung der beiden Bände „Imperien 1912-1916“ und  „Nationen 1917-1923“ ist faszinierend neu. Die Perspektive weitet sich aber noch inhaltlich, denn im ethnisch und religiös zerklüfteten Osten wurde der Krieg rasch zu einem Rassenkrieg und bildete so den Auftakt zum größeren Rassenkrieg 20 Jahre später.

 

Dieses Werk wird nach Ansicht vieler Historiker noch lange gelesen und diskutiert werden, lässt es doch verstehen, dass und wie das Erbe dieses „vergessenen Weltkriegs“ bis in die Probleme und Auseinandersetzungen der Gegenwart reicht.