Dämmer und Aufruhr. Roman der frühen Jahre

 

 

 

 

 

 

Bodo Kirchhoff, Dämmer und Aufruhr. Roman der frühen Jahre, Frankfurter Verlagsanstalt 2018, ISBN 978-3-627-00253-4

 

Bodo Kirchhoff ist ein Sprachkünstler und gehört seit vielen Jahren nicht nur zu den hervorragendsten Schriftstellern deutscher Sprache, sondern spätestens seit seinem Freundschaftsroman „Eros und Asche“ auch zu meinen Lieblingsautoren.

 

Sein letztes Buch, die Novelle „Widerfahrnis“ wurde 2016 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet und danach warteten viel Freunde der Kirchhoff`schen Sprachkunst gespannt auf sein nächstes Werk.

 

In „Dämmer und Aufruhr“, einem im Verhältnis zu seinen letzten Büchern sehr umfangreichen Roman reflektiert Bodo Kirchhoff in einer wunderbaren und poetisch reichen Sprache, die den Leser von der ersten Seite an gefangen nimmt, seine eigene Lebensgeschichte. Dämmer und Aufruhr bezeichnen dabei die beiden Pole, zwischen denen sich sein Leben „der frühen Jahre“ bewegte.

 

Es geht dabei um seine Jahre in einem Internat, wo er einen sexuellen Missbrauch durch einen Lehrer beschreibt, der für die Entwicklung seiner sexuellen Identität und sein Leben als Schriftsteller eine Bedeutung hatte, die ihm selbst wohl erst richtig durch das Schreiben dieses Buches deutlich geworden ist.

 

Auch seine Beziehung zu seiner Mutter ist ein zentraler Moment in seinem Leben. Bodo Kirchhoff gelingt es, dem Leser Einblicke in sein intimstes Leben zu geben ohne sich selbst in den Vordergrund zu stellen. Er nähert sich seinen Erfahrungen diskret und dennoch offen und ehrlich und ohne Scham. Sein Buch ist stellenweise verstörend und macht angesichts des Lebensschicksals des jungen Bodo Kirchhoff betroffen.

 

In dieses Schicksal und seine sprachmächtige Beschreibung einmal eingetaucht, konnte ich das Buch über Tage nicht aus der Hand legen und konnte an vielen Stellen die Befreiung , die es für seinen Autor mit Sicherheit bedeutete, nachspüren.

 

Ein lesenswertes, wertvolles Buch.

 

 

 

Der naive Krieg. Kunst. Trauma, Propaganda

 

 

ATAK (Hg.), Der naive Krieg. Kunst. Trauma, Propaganda, Kunstmann Verlag 2018, ISBN 978-3-95614-267-3

 

Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts haben nicht nun im kollektiven Gedächtnis der europäischen Völker bleibende Spuren hinterlassen, sondern auch in der Kunst. Während jedes Jahr Hundertausende in den Museen der europäischen Großstädte diese vom Grauen des Kriegs inspirierten Werke anschauen und sie in zahlreichen prachtvollen Bildbänden auch jenen zur Verfügung stehen, die nicht in Museen gehen oder dorthin fahren können, sind jene unzähligen Artefakte und Werke aus der Laien- und Volkskunst nur schwer zugänglich. Der Künstler ATAK (Professor Georg Barber) zeigt in dem vorliegenden Buch seine beeindruckende Sammlung solcher Erinnerungskultur. An vielen Beispielen zeigt er auf, welch unterschiedlichen Zwecken diese Werke dienten: der Verarbeitung, der Verharmlosung, der Heroisierung oder der Propaganda.

 

Er konfrontiert diese Laienwerke mit Werken zeitgenössischer Künstler und gibt so beiden ihren Stellenwert.

 

Ein treuer Freund

 

 

 

 

Jostein Gaarder, Ein treuer Freund, DTV 2018, ISBN 978-3-423-14664-7

 

Dieser neue Roman von Jostein Gaarder ist wie so viele seiner Vorgänger auch ein Buch das inhaltlich und stilistisch aus dem Rahmen fällt. Es erzählt von dem Norweger Jakop Jacobsen. Nachdem er eine eher freudlose Ehe beendet hat, lebt er zusammen mit seinem Freund Pelle und geht einem tatsächlich außergewöhnlichen Hobby nach, das ihn in so manche heikle Situation führt und von dem niemand wirklich weiß, was es für Jakop eigentlich bedeutet. Sein Hobby besteht darin, dass er immer wieder zu Beerdigungen geht, obwohl, ihm die Verblichenen völlig fremd waren.

 

Jedes Mal bereitet er sich auf die Beerdigungen  akribisch vor, recherchiert über den Verstorbene, seinen beruflichen Werdegang und seine Hobbys und sein Leben, auch über seine Verwandten. Solcherart vorbereitet gelingt es ihm immer wieder, sich während und nach der Beisetzung unter die Trauergesellschaft zu mischen und wird dann auch zum Leichenkaffee ins Restaurant eingeladen. Dort bringt er sich bald für alle hörbar ein und erlebt sich als so lebendig wie sonst nie. Er erzählt, wie gut er sich einst mit dem Verstorbenen verstand und hebt die Erinnerung an ihn hoch in den Himmel zur Freude und leichten Verwunderung der Angehörigen die ihn noch nie gesehen oder von ihm gehört haben.

In diesen Stunden im Kreis einer fremden Familie erlebt Jakop ein Gefühl der Zugehörigkeit und Verbundenheit, die er aus seinem eigenen Leben nicht kennt.

 

Als er eines Tages von unendlichen Wanderungen mit einer Verstorbenen erzählt, wird deren Verwandte Agnes stutzig, denn ihre Verwandte saß ihr ganzes Leben lang in einem Rollstuhl, was Jakop nicht wissen konnte. Doch anstatt in öffentlich bloßzustellen ist sie von diesem Mann angerührt und beschließt herauszufinden, was es mit ihm auf sich hat.

 

Jostein Gaarder hat eine wunderbare Geschichte geschrieben, die handelt von Einsamkeit, dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und von der Brüchigkeit vorschneller Urteile über andere, vielleicht seltsam daherkommende Menschen.

 

 

 

Zur Nacht. Traumhaft schöne Märchen für Erwachsene

 

 

 

 

Isabella Farkasch, Zur Nacht. Traumhaft schöne Märchen für Erwachsene, Goldegg Verlag 2017, ISBN 978-3-99060-041-2

 

Irgendjemand hat einmal Märchen  als Streicheleinheiten für die Seelen bezeichnet. Über ihre Bedeutung für Kinder ist viel und auch kontrovers geschrieben worden, wobei der Rezensent sich aufgrund seiner langen Erfahrung als Vorleser im Kindergarten eher an Bruno Bettelheims Diktum hält, dass Kinder Märchen brauchen.

 

Doch das, was für Kinder gilt, dass Märchen verzaubern können, den Leser oder Hörer eintauchen lassen in andere Welten und zu magischen Fantasiereisen einladen, das gilt nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. In ihrem hier bei Goldegg vorliegenden Band „Zur Nacht. Traumhaft schöne Märchen für Erwachsene“ versammelt Isabella Farkasch bunte, fantasievolle Geschichten über elfenhafte Wesen, mystische Tiere, Zauberer, Drachen und geheimnisvolle Sagengestalten.

 

Wie sie schon in etlichen  anderen Büchern gezeigt hat, zuletzt in dem 2015 erschienen Buch „Raunächte“, ist Isabella Farkasch eine begnadete Märchenerzählerin, die es sehr schnell schafft, ihre Leserinnen und Leser in eine zauberhafte anderen Wirklichkeit zu entführen. Wann haben sie zuletzt einem anderen Erwachsenen einmal etwas vorgelesen? Diese hier versammelten  Märchen laden dazu ein.
 

 

30 Frauen, die Mut machen

 

 

 

Ruth Hobday (Hg.), 30 Frauen, die Mut machen, Elisabeth Sandmann Verlag 2918, ISBN 978-3-945543-52-8

 

Schon über viele Jahre sind die meisten  der Bücher, die der mittlerweile zu Suhrkamp gehörende, von diesem aber sein Profil erhaltene Elisabeth Sandmann Verlag eine Ermutigung für Frauen. Frauen, junge wie älterem, die sich nicht mehr an Männern und an alten überkommenden Rollenklischees orientieren wollen, sondern die auf ihre eigene Kraft, Intelligenz und Kreativität setzen und damit erfolgreich waren. Viele dieser Bücher haben Frauen, die schon in 19. und 20. Jahrhundert diesen schwierigen Weg für sich gegangen  sind. literarische Denkmäler gesetzt.

 

Auch das hier vorliegende Buch, das Ruth Hobday herausgegeben hat, folgt diesem unverzichtbaren Verlagsprofil. Insgesamt 30 Frauen aus völlig unterschiedlichen Lebensumständen werden hier porträtiert, darunter berühmte und völlig unbekannte, wohlhabende und bettelarme.

Sie alle erzählen auf eine aufrichtige und den Leser und die Leserin tief berührende Weise, warum sie keine Opfer mehr sein wollen, wie die meisten Frauen, von denen sie abstammen. Besonders beeindruckend gerade für junge Mädchen und Frauen, die ja Gott sei Dank heutzutage immer mehr nicht nur von ihren Eltern immer mehr darin bestärkt werden ihren eigenen Weg zu gehen, sich nicht von Männern abhängig zu machen, für ihre eigenen Rechte und auch für die anderen Frauen und anderer Menschen einzustehen, ist zu lesen, wie diese so völlig unterschiedlichen Frauen ihren grenzenlosen Optimismus hernehmen.

 

Auf eine nicht nur Frauen, sondern auch den männlichen Rezensenten inspirierende Weise erzählen sie authentische von ihren Lebenserfahrungen, von ihrem Lebenswillen, und davon, wie sie gelernt haben, nach Niederlagen immer wieder neu aufzustehen und weiterzumachen.

Rund um die Welt haben Ruth Hobday und Geoff Blackwell zusammen mit ihrem Fotografen Kieran E. Scott, diese Frauen gefunden und sie in diesem wunderbaren Buch zu Wort kommen lassen.

 

Diese Frauen und ihre Lebensbeispiele werden das Patriarchat nicht abschaffen, aber erheblich dazu beitragen, dass jungen Frauen den Mut bekommen, sich ihm zu widersetzten und es nicht in ihre Seelen zu lassen.