Den Himmel stürmen (Hörbuch)

 

 

 

Paolo Giordano, Den Himmel stürmen (Hörbuch), Random House Audio 2018, ISBN 978-3-8371-4466-6

 

Paolo Giordano hat in seinem neuen mit enormer emotionaler Präzision geschriebenen Roman „Den Himmel stürmen“ über einen Zeitraum von über zwanzig Jahren hinweg die bewegte und turbulente Geschichte von vier Freunden erzählt, vier junge Menschen, die sich immer wieder finden und dann wieder verlieren.

 

Erzählt wird die lange Geschichte in weiten Teilen von Teresa, einem zu Beginn der Handlung in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch in kindlichem Alter befindlichen Mädchens. Sie lebt mit ihren Eltern in Turin und verbringt ihre langen Sommerferien bei ihrer Großmutter in dem kleinen Ort Speziale in Apulien in der Nähe des Meeres.

Als die drei auf einem Hof in der Nachbarschaft lebenden Jungen Bern. Tommaso und Nicola eines Nachts im Pool der Großmutter baden, lernt Teresa die drei Jungs danach näher kennen. In diesem ihrem ersten Sommer schon gehen sie zusammen schwimmen und wandern. In noch kindlicher Offenheit erzählen sie sich alles und wachsen schon da auf eine Weise zusammen, die ihre Beziehung und Freundschaft in den nächsten beiden Jahrzehnte, auch als alle schon längst erwachsen sind, zu etwas ganz Besonderem macht. Doch schon bald entsteht zwischen Teresa und Bern eine Liebe. Bern lebt mit den anderen drei Jungen auf einem nahen Hof unter der Aufsicht von Cesare und dessen Frau. Er erzieht die Jungen, die er teilweise in Pflege hat, abgeschieden von der restlichen Welt in einem recht strengen Glauben an Gott.

 

Ein Sommer folgt dem nächsten, doch irgendwann ist Bern nicht mehr da. Längst ist Teresa in sein Leben und in das Leben auf diesem Hof existentiell hineingezogen und wird es bleiben bis zum Ende. Bald schon, nachdem Cesare pleite gegangen ist, leben mittlerweile volljährige Teresa und die Jungs mit etlichen jungen Leuten dort .Sie versuchen im Einklang mit der Natur zu leben, kommen aber immer wieder in Konflikt mit reichen Nachbarn und Lokalpolitikern, die an das große Geld wollen. Sie engagieren sich politisch, setzen sich für den Erhalt ihrer Obst- und Olivenbäume ein, nicht immer auf dem Boden der Legalität. Doch schon bald wird Teresa allein dort leben, von den Früchten ihrer Landwirtschaft leben und ein einfaches Leben führen. Nach der Beerdigung ihrer Großmutter wird Bern sie ein zweites Mal verlassen.

 

Und alles, was doch so friedlich und harmonisch begann, nimmt bald ein schlimmes Ende. Teresa steht allein vor ihren Beziehungstrümmern, Freundschaften sind zerbrochen und die so starke Liebe zwischen Bern und Teresa scheint dem politischen Kampf für die Natur geopfert. Verzweifelt, aber mit viel innerer Kraft sucht Teresa ihren Platz zu finden in einer Welt, an der sie eigentlich irre zu werden droht und die mit ihrer Rivalität, ihrer Gier und ihren Eifersüchten ihrer großen Liebe den Boden nimmt.

 

„Den Himmel stürmen“ ist ein großer, bewegender Roman über Freundschaft, Liebe und deren Verlust. Er beschreibt meisterhaft menschliche Gefühle und ihre Verwirrungen. Es ist ein Buch über utopische Visionen junger Menschen, ihren Kampf um ihre Ideale und ihr Scheitern.

 

Mit großer Sprachmacht und Poesie schildert der Autor den verzweifelten Kampf zwischen einer großen Liebe zweier Menschen und der Macht visionärer Lebensziele.

 

Geschickt konstruiert vermischt Giordano Rückblicke in die Vergangenheit mit Szenen aus der jeweiligen Gegenwart. Wie in einem Puzzle setzen die jeweiligen Erzähler (es gibt außer Teresa noch andere) Stück für Stück eine zwei Jahrzehnte dauernde Geschichte zusammen, und lassen erst ganz am Ende dem Leser so etwas wie ein vollständiges Bild vor Augen treten.

 

Voller Spannung und mit zunehmendem Staunen liest man sich begeistert durch dieses außergewöhnliche Buch und fragt sich am Ende, wie das Leben dieser Menschen wohl weitergegangen ist.

 

Die erfahrene und versierte Barbara Kleiner hat diesen Roman aus dem Italienischen ins Deutsche übertragen.

Laura Maire hat es in der vorliegenden gekürzte Lesung in eine einfühlsame Hörbuchfassung gebracht, die dem Hörer das Gefühl gibt mitten dabei zu sein. Er kann die Landschaft Apuliens und dass Meeres geradezu spüren. Sie hat die Leidenschaft einer Jugendliebe und  die Einsamkeit des Erwachsenseins überzeugend in Szene gesetzt.

 

 

Stella (Hörbuch)

 

Takis Würger, Stella (Hörbuch), Random House Audio 2019, ISBN 978-3-8371-4643-1

 

Der Spiegelredakteur Takis Würger hat nach seinem vielgelobten Debütroman „Der Club“, der 2017 bei Kein und Aber in Zürich erschien nun den Verlag gewechselt. Sein neuer Roman „Stella“ wird von Hanser in München verlegt und hat schon kurz nach seinem Erscheinen in der Szene der Kritiker heftige Reaktionen ausgelöst. Dazu später einige Worte.

 

Der Roman erzählt zunächst von der Kindheit und Jugend des 1922 in der Schweiz geborenen Friedrich, Sohn eines sehr reichen  Samthändlers und einer alkoholabhängigen Mutter. Sein Vater erzieht ihn dazu, immer die Wahrheit zu sagen und ihr verpflichtet zu sein. Als er eines Tages mit anderen Jungen einen Kutscher mit Schneebällen bewirft und das auf dessen Vorhaltungen auch zugibt, verletzt dieser ihn schwer im Gesicht. Durch diese Verletzung, von der eine große Narbe an der Wange zurückbleibt, wird er farbenblind und kann fortan keine Farben mehr erkennen. Seine Mutter ist eine glühende Verehrerin von Hitler und seiner Bewegung.

 

Erwachsen geworden zieht es Friedrich nach Berlin, wo er in einer Kunstschule Unterricht nimmt. Er will herausfinden, was es mit den angeblich so starken Deutschen auf sich hat, und ob die Gerüchte über die Möbelwagen stimmen, mit denen die Juden im Schanzenviertel abgeholt werden. Sein reicher Vater, der nach dem Ende seines lukrativen Samtgeschäftes nach Istanbul gezogen ist und dort die Sufis studiert, finanziert seinem Sohn Friedrich das ganze Jahr 1942 über (über diesen Zeitraum erstreckt sich auch die Handlung des kurzen Romans) einen Aufenthalt im teuersten Hotel Berlins, dem Adlon.

 

Bei seinem Kunstunterricht lernt Friedrich in der ersten Stunde jene junge Frau kennen, die den Schülern Modell gestanden hat. Sie heißt Kristin und nimmt den unbedarften Friedrich mit in die Clubs Berlin, trinkt Champagner und Kognak mit ihm. Mit ihr hat der junge Schweizer seine ersten sexuellen Erfahrungen. Der Krieg, dessen Verlauf Takis Würger zusammen mit anderen mehr oder weniger wichtigen Ereignissen des jeweiligen Monats kapitel- und monatsweise dokumentiert, scheint weit weg.

 

Eines Tages bleibt Kristin tagelang verschwunden, bevor sie an einem frühen Morgen, schwer verletzt und mit blutigen Striemen im Gesicht an Friedrichs Hotelzimmertür klopft und ihm gesteht, ihn bisher über ihre wahre Identität belogen zu haben. Sie ist Jüdin, heißt Stella Goldschlag und die Gestapo hat ihre falsche Identität enttarnt. Ihre Eltern sind verhaftet worden und nur wenn Stella als sogenannte  „Greiferin“ der Gestapo ihr bekannte Juden für die Verhaftung und Vernichtung zuführt, kann  sie ihre Eltern vor der Deportation bewahren. Stella lässt sich darauf ein, und so wie die historische Stella Goldschlag wird sie auch weiter Juden verraten, auch nachdem ihre Eltern längst in einem KZ umgekommen sind.

Friedrich, der sich in Stella verliebt hat, wie besessen von ihr ist und sich auch mit dem SS-Offizier Tristan van Appen, der Stella seit langem kennt, gut versteht, ist hin- und hergerissen zwischen seiner Selbstachtung und seiner Entrüstung darüber, was Stella da tut und seiner Liebe zu ihr. Mit Hilfe seines Vaters wird der den Leiter des KZ-Gefängnisses Walter Dobberke vergeblich versuchen zu bestechen.

 

Am Ende wird er mit zwei Gefühlen in die Schweiz zurückfahren. Das erste ist die Erkenntnis, dass es sehr wohl so etwas wie Schuld gibt, obwohl sein Vater das in seiner Kindheit abstritt. Das zweite Gefühl ist Dankbarkeit Stella gegenüber: „Danke, dass du mir gezeigt hast, was Liebe ist.“

 

Immer wieder zitiert Takis Würger aus den originalen Protokollen eines Sowjetischen Militärtribunals über die hunderte von Fällen, in denen Stella Goldschlag Juden an die Gestapo verraten hat.

 

Das Buch hat wie zu Beginn erwähnt, sehr schnell eine noch andauernde so schon lange nicht mehr geführte Kritikerdebatte ausgelöst, in der es keine Zwischentöne mehr zu geben scheint.

 

Zugegeben, die Erfindung jenes doch ziemlich naiven jungen Schweizers, dem offenbar auch in diesen Zeit 1942 das Geld nicht ausgeht (schwer vorstellbar), der nach Berlin zieht und dort die historische Stella Goldschlag trifft und sich in sie verliebt, als Rahmen für ein Porträt dieser Frau und der Fragestellung der Bewertung ihrer Taten, scheint nur als Notlösung haltbar. Denn Stella Goldschlag selbst erzählen zu lassen, diesen Schritt hat der Autor nicht gewagt.

 

Doch die sehr grundsätzlich und moralisch gestellte Frage geistert durch die Feuilletons, ob man ein solches Thema auf diese Weise darstellen darf und kann. Während die Kulturredaktion des NDR das Buch zum „Buch des Monats“ gewählt hat, lehnen es andere zum Teil mit Empörung ab, so als hätte Takis Würger hier ein größtmögliches Sakrileg begangen. Es geht dabei um den Vorwurf der Effekthascherei, des Kitsches, die Tatsache, dass Würger beim Spiegel arbeitet, weckt bei vielen Assoziationen zum Fall Relotius. Letztlich geht es um die Frage: darf man in Deutschland über die Nazizeit und oder eine jüdische Hauptfigur auf eine so kurzweilige und unterhaltsame Weise schreiben? Darf ein Buch über ein solches Thema von einem Nichtjuden geschrieben werden und darf es unterhaltsam sein?

 

Hannah Lühmann schrieb in der WELT: „Warum sollte es denn verwerflich sein, einen kurzweiligen Roman auch über eine entsetzliche Zeit zu schreiben?“

 

Das habe ich mich beim Lesen und Schreiben auch gefragt. Dass man an der nun wirklich naiven männlichen Hauptperson einiges kritisieren kann, okay. Aber einem Autor quasi zu untersagen, eine solche Geschichte zu erfinden, grenzt an hypermoralische Zensur.

 

Die hier bei Random House Audio vorliegende ungekürzte Hörbuchfassung des so umstrittenen Buches wurde von Valery Tscheplanowa und Robert Stadlober professionell eingelesen. Diese Präsentation der Handlung durch eine Frau und einen Mann ist hervorragend gelungen und zeigt meines Erachtens, wie man einen solchen Stoff durchaus unterhaltend und szenisch packend für ein Hörpublikum umsetzen kann.

 

Eine wirkliche gute Geschichte über Angst und Hoffnung – und über die Entscheidung, sich selbst zu verraten oder seine Liebe.

 

 

 

Stella (Hörbuch)

 

Takis Würger, Stella (Hörbuch), Random House Audio 2019, ISBN 978-3-8371-4643-1

 

Der Spiegelredakteur Takis Würger hat nach seinem vielgelobten Debütroman „Der Club“, der 2017 bei Kein und Aber in Zürich erschien nun den Verlag gewechselt. Sein neuer Roman „Stella“ wird von Hanser in München verlegt und hat schon kurz nach seinem Erscheinen in der Szene der Kritiker heftige Reaktionen ausgelöst. Dazu später einige Worte.

 

Der Roman erzählt zunächst von der Kindheit und Jugend des 1922 in der Schweiz geborenen Friedrich, Sohn eines sehr reichen  Samthändlers und einer alkoholabhängigen Mutter. Sein Vater erzieht ihn dazu, immer die Wahrheit zu sagen und ihr verpflichtet zu sein. Als er eines Tages mit anderen Jungen einen Kutscher mit Schneebällen bewirft und das auf dessen Vorhaltungen auch zugibt, verletzt dieser ihn schwer im Gesicht. Durch diese Verletzung, von der eine große Narbe an der Wange zurückbleibt, wird er farbenblind und kann fortan keine Farben mehr erkennen. Seine Mutter ist eine glühende Verehrerin von Hitler und seiner Bewegung.

 

Erwachsen geworden zieht es Friedrich nach Berlin, wo er in einer Kunstschule Unterricht nimmt. Er will herausfinden, was es mit den angeblich so starken Deutschen auf sich hat, und ob die Gerüchte über die Möbelwagen stimmen, mit denen die Juden im Schanzenviertel abgeholt werden. Sein reicher Vater, der nach dem Ende seines lukrativen Samtgeschäftes nach Istanbul gezogen ist und dort die Sufis studiert, finanziert seinem Sohn Friedrich das ganze Jahr 1942 über (über diesen Zeitraum erstreckt sich auch die Handlung des kurzen Romans) einen Aufenthalt im teuersten Hotel Berlins, dem Adlon.

 

Bei seinem Kunstunterricht lernt Friedrich in der ersten Stunde jene junge Frau kennen, die den Schülern Modell gestanden hat. Sie heißt Kristin und nimmt den unbedarften Friedrich mit in die Clubs Berlin, trinkt Champagner und Kognak mit ihm. Mit ihr hat der junge Schweizer seine ersten sexuellen Erfahrungen. Der Krieg, dessen Verlauf Takis Würger zusammen mit anderen mehr oder weniger wichtigen Ereignissen des jeweiligen Monats kapitel- und monatsweise dokumentiert, scheint weit weg.

 

Eines Tages bleibt Kristin tagelang verschwunden, bevor sie an einem frühen Morgen, schwer verletzt und mit blutigen Striemen im Gesicht an Friedrichs Hotelzimmertür klopft und ihm gesteht, ihn bisher über ihre wahre Identität belogen zu haben. Sie ist Jüdin, heißt Stella Goldschlag und die Gestapo hat ihre falsche Identität enttarnt. Ihre Eltern sind verhaftet worden und nur wenn Stella als sogenannte  „Greiferin“ der Gestapo ihr bekannte Juden für die Verhaftung und Vernichtung zuführt, kann  sie ihre Eltern vor der Deportation bewahren. Stella lässt sich darauf ein, und so wie die historische Stella Goldschlag wird sie auch weiter Juden verraten, auch nachdem ihre Eltern längst in einem KZ umgekommen sind.

Friedrich, der sich in Stella verliebt hat, wie besessen von ihr ist und sich auch mit dem SS-Offizier Tristan van Appen, der Stella seit langem kennt, gut versteht, ist hin- und hergerissen zwischen seiner Selbstachtung und seiner Entrüstung darüber, was Stella da tut und seiner Liebe zu ihr. Mit Hilfe seines Vaters wird der den Leiter des KZ-Gefängnisses Walter Dobberke vergeblich versuchen zu bestechen.

 

Am Ende wird er mit zwei Gefühlen in die Schweiz zurückfahren. Das erste ist die Erkenntnis, dass es sehr wohl so etwas wie Schuld gibt, obwohl sein Vater das in seiner Kindheit abstritt. Das zweite Gefühl ist Dankbarkeit Stella gegenüber: „Danke, dass du mir gezeigt hast, was Liebe ist.“

 

Immer wieder zitiert Takis Würger aus den originalen Protokollen eines Sowjetischen Militärtribunals über die hunderte von Fällen, in denen Stella Goldschlag Juden an die Gestapo verraten hat.

 

Das Buch hat wie zu Beginn erwähnt, sehr schnell eine noch andauernde so schon lange nicht mehr geführte Kritikerdebatte ausgelöst, in der es keine Zwischentöne mehr zu geben scheint.

 

Zugegeben, die Erfindung jenes doch ziemlich naiven jungen Schweizers, dem offenbar auch in diesen Zeit 1942 das Geld nicht ausgeht (schwer vorstellbar), der nach Berlin zieht und dort die historische Stella Goldschlag trifft und sich in sie verliebt, als Rahmen für ein Porträt dieser Frau und der Fragestellung der Bewertung ihrer Taten, scheint nur als Notlösung haltbar. Denn Stella Goldschlag selbst erzählen zu lassen, diesen Schritt hat der Autor nicht gewagt.

 

Doch die sehr grundsätzlich und moralisch gestellte Frage geistert durch die Feuilletons, ob man ein solches Thema auf diese Weise darstellen darf und kann. Während die Kulturredaktion des NDR das Buch zum „Buch des Monats“ gewählt hat, lehnen es andere zum Teil mit Empörung ab, so als hätte Takis Würger hier ein größtmögliches Sakrileg begangen. Es geht dabei um den Vorwurf der Effekthascherei, des Kitsches, die Tatsache, dass Würger beim Spiegel arbeitet, weckt bei vielen Assoziationen zum Fall Relotius. Letztlich geht es um die Frage: darf man in Deutschland über die Nazizeit und oder eine jüdische Hauptfigur auf eine so kurzweilige und unterhaltsame Weise schreiben? Darf ein Buch über ein solches Thema von einem Nichtjuden geschrieben werden und darf es unterhaltsam sein?

 

Hannah Lühmann schrieb in der WELT: „Warum sollte es denn verwerflich sein, einen kurzweiligen Roman auch über eine entsetzliche Zeit zu schreiben?“

 

Das habe ich mich beim Lesen und Schreiben auch gefragt. Dass man an der nun wirklich naiven männlichen Hauptperson einiges kritisieren kann, okay. Aber einem Autor quasi zu untersagen, eine solche Geschichte zu erfinden, grenzt an hypermoralische Zensur.

 

Die hier bei Random House Audio vorliegende ungekürzte Hörbuchfassung des so umstrittenen Buches wurde von Valery Tscheplanowa und Robert Stadlober professionell eingelesen. Diese Präsentation der Handlung durch eine Frau und einen Mann ist hervorragend gelungen und zeigt meines Erachtens, wie man einen solchen Stoff durchaus unterhaltend und szenisch packend für ein Hörpublikum umsetzen kann.

 

Eine wirkliche gute Geschichte über Angst und Hoffnung – und über die Entscheidung, sich selbst zu verraten oder seine Liebe.

 

 

 

Dodgers

 

Bill Beverly, Dodgers, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07037-8

 

Bill Beverly erzählt in seinem hier vorliegenden Romandebüt von Jugendlichen, die eigentlich nichts mehr zu verlieren haben. Jungs, die täglich sich darüber wundern, dass sie überhaupt noch am Leben sind. Sie sind alle im Drogenviertel von Los Angeles aufgewachsen und haben schon in ganz jungen Jahren kriminelle Jobs.

East, einer der jüngsten von ihnen, hat lange Zeit mit anderen Jungs aus dem Viertel ein Drogenhaus beaufsichtigt. Als es durch eine Unaufmerksamkeit von ihm auffliegt und auch andere Häuser des Bosses betroffen sind, glaubt East, jetzt sei es um ihn geschehen. Doch der mit ihm verwandte Boss hat einen Job für ihn. Er schickt ihn mit einem Auto auf die Flucht nach Osten. Dort ist er erst mal aus der Schusslinie. Doch es gibt auch einen Auftrag: er soll einen Richter erschießen, der bald in einem Verfahren gegen den Boss aussagen soll. Er wird mit seiner Tochter in einem Haus in Wisconsin versteckt gehalten.

 

Zusammen mit East gehen sie auf einen langen Roadtrip quer durch die USA: sein schießwütiger jüngerer Bruder Ty, der Gamer Michael und der dicke, clevere Walter. Alle mit Trikots von den L.A Dodgers ausgestattet, machen sie sich auf den Weg, Geld, eine Waffe und gegenseitiges Misstrauen im Gepäck.

 

Sehr genau und detailliert beschreibt Beverly die Gruppendynamik der vier so unterschiedlichen Jungen, ihre jeweilige furchtbare Geschichte, in der sie mit 13-15 Jahren schon so viel Schlimmes erlebt haben, dass es für ein ganzes Leben reicht. Sehr viele überraschende Wendungen machen das Buch zu einer spannenden Lektüre. Es geht eigentlich alles schief, was nur möglich ist. Und dennoch erkennt East im Laufe der Handlung etwas, was sein Auftraggeber für ihn von Anfang an im Sinn hatte: es kann für ihn mehr als nur ein Leben geben.

 

Die Jungs sind samt und sonders nicht gerade sympathisch in ihrem Wesen. Doch mit viel warmherzigem Verständnis nähert sich Bill Beverly seinen Figuren und versucht beim Leser so etwas wie ein Nachvollziehen ihres jeweiligen durch furchtbare Umstände in der Kindheit geprägten Wesens zu erreichen.

 

 

 

 

Rhetorik. Die Kunst der Rede im digitalen Zeitalter

 

 

Michael Ehlers, Rhetorik. Die Kunst der Rede im digitalen Zeitalter, books4success 2018, ISBN 978-386470-625-7

 

Wer möchte das nicht können: professionell auftreten, wirkungsvoll überzeugen und mit Worten führen, egal ob im Beruf oder auch im ehrenamtlichen Engagement in Politik und Vereinen. Das vorliegende Standardwerk von Michael Ehlers beschreibt überzeugend, wie man das lernen und üben kann. Denn die Rhetorik ist das wichtigste Instrument für jeden, der an seiner Wirkung arbeiten und seine Mitmenschen nachhaltig beeindrucken möchte. Im digitalen Zeitalter hat sich unsere Kommunikation jedoch gravierend verändert. Sie wurde schneller und vor allem manipulativer. Wie man in und mit diesen neuen Medien sich rhetorisch bewegt, darauf geht Ehlers im Unterschied zu etlichen klassischen Rhetorikbüchern ausführlich ein. Denn es gilt nach wie vor, dass wir unsere hochkomplexe Umwelt verstehen müssen, um unsere Ziele kommunizieren zu können.

 

Deshalb ist es die größte Leistung dieses Buches, dass es die klassischen Regeln der Redekunst sozusagen in das digitale Zeitalter transferiert und überzeugend nachweist, das gerade heute Rhetorik eine Fähigkeit ist, die zu verstehen und zu beherrschen sich lohnt, für alle die ein Ziel erreichen wollen.

Sozialdemokratie wagen. Neue Politik für Deutschland und die SPD

 

Simone Lange, Sozialdemokratie wagen. Neue Politik für Deutschland und die SPD, Plassen Verlag 2018, ISBN 978-3-86470-611-0

 

Wir erinnern uns: Simone Lange, im Rest Deutschlands recht unbekannte Oberbürgermeisterin von Flensburg in Schleswig-Holstein, kandidiert mutig am 22. April 2018 auf dem Bundesparteitag gegen Andrea Nahles und holt als Newcomerin und Außenseiterin  aus dem Stand 28 %. Wieviel davon ihrer engagierten Vorstellungsrede geschuldet war oder dem tiefsitzenden Frust der Delegierten über die Parteiführung konnte schon damals nicht überzeugend beantwortet werden.

Seit dieser Zeit ist die SPD in den Umfragen weiter abgestürzt und befindet sich wenige Monate vor den Europawahlen kurz vor dem parteihistorischen Abgrund.

Simone Lange war seit dieser Zeit etliche Male Gast in Talkshows und manche haben sich gefragt,  was ihre persönlichen Pläne im Zusammenhang mit der SPD sind.

 

In dem vorliegenden Buch verrät sie darüber nichts, wohl aber beschreibt sie ausführlich und authentisch, wofür sie steht und welchen Weg aus der Krise sie sich für ihre Partei vorstellt.

Offen, ehrlich und konsequent benennt sie die Fehler, die der SPD den Status Volkspartei und das Vertrauen der Bürger geraubt haben, darunter nicht zuletzt die Agenda 2010. Sie setzt ihre eigene, ziemlich linke Agenda für eine menschliche Politik, eine sozialdemokratische Erneuerung und eine Reform der politischen Mechanismen in diesem Land.

 

Nach der Lektüre dieses durchaus erfrischenden Buches bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass eine Erneuerung der SPD nicht möglich sein wird, solange sie mit der CDU eine Regierung bildet. Ich rechne noch in diesem Jahr, spätestens nach den Landtagswahlen in Ostdeutschland, mit einer grundlegenden Veränderung. Dann, da bin ich sicher, wird man auch von Simone Lange und ihren politischen Ideen wieder mehr hören.

 

Das Buch ist für alle Menschen von Interesse, die sich für deutsche Politik und die SPD im Besonderen interessieren bzw. deren Herz dafür schlägt.

 

 

Brennende Cevennen. Ein Kriminalroman aus dem Süden Frankreichs

Anne Chaplet, Brennende Cevennen. Ein Kriminalroman aus dem Süden Frankreichs, Kiepenheuer & Witsch 2018, ISBN 978-3-462-05075-2

 

Anne Chaplet hat eine neue Krimireihe gestartet, die sie in der wilden Landschaft des Vivarais am Fuße der Cevennen spielen lässt, wo sie selbst seit vielen Jahrzehnten einen Teil ihres Lebens verbringt. Man spürt ihren Beschreibungen von Natur und Menschen ab, wie sehr sie dieses Land liebt und wie sie sich immer wieder mit ihm und seinen Bewohnern auseinandersetzt. Die sind nämlich in einer langen auf die Hugenotten zurückgehenden Tradition in ihrer Mehrheit rebellisch. Viele Aussteiger und Propheten leben dort und halten die alten Traditionen hoch. Nicht immer gleich verständlich und nachvollziehbar für Fremde, die sich dort niedergelassen haben. So wie die 42 – jährige, frisch verwitwete Tori Gordon, eine ehemalige Anwältin aus Deutschland, die sich dort niedergelassen hat und nach einer neuen Lebensaufgabe sucht.

 

Tori Gordon hat den Tod ihres Mannes Carl, der von Hugenotten abstammte und in dieser Gegend aufwuchs, noch immer nicht ganz überwunden und auch die Ereignisse, die im ersten Band der Reihe beschrieben wurden und die sie selbst in Lebensgefahr brachten, sind ihr noch gut in Erinnerung. Ihr neuer Freund, zu dem sich eine zarte Liebe entwickelt hat, ist selten bei ihr, weil er bei seinen Restaurationsarbeiten in weit entfernten Regionen Frankreichs anwesend sein muss.

 

Nun ist es Sommer. Es hat wochenlang keinen Tropfen geregnet, der Boden und die Felder sind ausgetrocknet. In solchen Zeiten war es schon immer normal, dass es in den Cevennen brennt, auch wenn es nicht wie vor langer Zeit unter dem Schlachtruf „die Cevennen müssen brennen“ gegen die widerspenstigen und andersgläubigen Hugenotten ging, sondern entweder durch Selbstentzündung Flächen brannten, oder durch Brandstiftung bestimmte Geschäfte befördert werden sollten.

 

Das Buch beginnt, als Tori Gordon und ihr Hund July, den sie im letzten Band aufgenommen und lieb gewonnen hatte, durch einen Feueralarm aus dem Schlaf gerissen werden. Wie gesagt, seit Jahrhunderten prägt das Feuer die wilde Landschaft und die Menschen des Vivarais. Dort, wo einst zur goldenen Zeit der Seidenraupenzucht unzählige Maulbeerbäume standen, jagt der Wind die Flammen über Berge und Ebenen. Tori macht sich sofort auf die Suche und findet auf einer Hochebene neben den verkohlten Überresten eines Wohnwagens die Leiche eines Hundes. Franco Jeger, ein Schweizer Bürger, Bewohner des Wohnwagens und Besitzer des toten Hundes, ist spurlos verschwunden.

 

Und wieder macht sich Tori auf die Suche, denn dass Jeger seinen eigenen Hund umgebracht haben sollte, kann sie sich nicht vorstellen. Wieder wird sie unterstützt von Nico, dem ehemaligen Drogenfahnder aus Deutschland, der wie so viele andere Auswanderer Belleville zu seiner neuen Heimat erkoren hat, und dieses Mal von ihrem treuen Pitbull July.

 

Doch es bleibt nicht bei diesem einen Brand. Bald bricht ein zweiter aus, der Prototyp eines Hauses einer geplanten und umstrittenen Feriensiedlung brennt aus. Der grausige Fund in dem Haus, schlägt sogar dem erfahrenen Polizeikommissar auf den Magen. Bald wird klar: beide Feuer wurden absichtlich gelegt. Aber warum? Wer hat welche Interessen?

 

Tori ermittelt wieder auf eigene Faust, stößt wie schon beim ersten Mal im Dorf auf eine Mauer des Schweigens, denn bei aller Wahrheitsliebe: die Dorfgemeinschaft darf keinen Schaden nehmen. So war das schon immer und so wird es bleiben. Da ändert auch ein Drohbrief nichts, den Tori erhält und dessen Herkunft bis zum Ende unaufgeklärt bleibt. Es scheint so zu sein, dass manche, die im Dunkel bleiben wollen, Tori nicht länger im Dorf dulden wollen.

 

Der Fall wird gelöst, eine Strafe erhält wie schon im ersten Band keiner, der Dorffrieden ist wieder hergestellt, aber nicht nur der anonyme Brief dieselt in Tori weiter. Man darf auf den dritten Band gespannt sein und wie dort die Frage beantwortet wird, wie und ob sich Tori in Belleville weiter halten kann. Und wie ihre Beziehung zu dem jungen Restaurator weiter geht.

 

Wieder bezaubern wundervollen Landschaftsbeschreibungen, noch mehr neue Personen aus dem Dorf, viele historisch interessante Verweise und eine spannende Handlung den Leser.

 

 

 

 

 

Den Himmel stürmen

 

 

Paolo Giordano, Den Himmel stürmen, Rowohlt 2018, ISBN 978-3-498-02533-5

 

Paolo Giordano hat in seinem neuen mit enormer emotionaler Präzision geschriebenen Roman „Den Himmel stürmen“ über einen Zeitraum von über zwanzig Jahren hinweg die bewegte und turbulente Geschichte von vier Freunden erzählt, vier jungen Menschen, die sich immer wieder finden und dann wieder verlieren.

 

Erzählt wird die lange Geschichte in weiten Teilen von Teresa, einem zu Beginn der Handlung in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch in kindlichem Alter befindlichen Mädchens. Sie lebt mit ihren Eltern in Turin und verbringt ihre langen Sommerferien bei ihrer Großmutter in dem kleinen Ort Speziale in Apulien in der Nähe des Meeres.

Als die drei auf einem Hof in der Nachbarschaft lebenden Jungen Bern, Tommaso und Nicola eines Nachts im Pool der Großmutter baden, lernt Teresa die drei Jungs danach näher kennen. In diesem ihrem ersten Sommer schon gehen sie zusammen schwimmen und wandern. In noch kindlicher Offenheit erzählen sie sich alles und wachsen schon da auf eine Weise zusammen, die ihre Beziehung und Freundschaft in den nächsten beiden Jahrzehnten, auch als alle schon längst erwachsen sind, zu etwas ganz Besonderem macht. Doch schon bald entsteht zwischen Teresa und Bern eine Liebe. Bern lebt mit den anderen drei Jungen auf einem nahen Hof unter der Aufsicht von Cesare und dessen Frau. Er erzieht die Jungen, die er teilweise in Pflege hat, abgeschieden von der restlichen Welt in einem recht strengen Glauben an Gott.

 

Ein Sommer folgt dem nächsten, doch irgendwann ist Bern nicht mehr da. Längst ist Teresa in sein Leben und in das Leben auf diesem Hof existentiell hineingezogen und wird es bleiben bis zum Ende. Bald schon, nachdem Cesare pleite gegangen ist, leben die mittlerweile volljährige Teresa und die Jungs mit etlichen jungen Leuten dort .Sie versuchen im Einklang mit der Natur zu leben, kommen aber immer wieder in Konflikt mit reichen Nachbarn und Lokalpolitikern, die an das große Geld aus der EU wollen. Sie engagieren sich politisch, setzen sich für den Erhalt ihrer Obst- und Olivenbäume ein, nicht immer auf dem Boden der Legalität. Doch schon bald wird Teresa allein dort sein, von den Früchten ihrer Landwirtschaft leben und ein einfaches Leben führen. Nach der Beerdigung ihrer Großmutter wird Bern sie ein zweites Mal verlassen.

 

Und alles, was doch so friedlich und harmonisch begann, nimmt bald ein schlimmes Ende. Teresa steht allein vor ihren Beziehungstrümmern, Freundschaften sind zerbrochen und die so starke Liebe zwischen Bern und Teresa scheint dem politischen Kampf für die Natur geopfert. Verzweifelt, aber mit viel innerer Kraft sucht Teresa ihren Platz zu finden in einer Welt, an der sie eigentlich irre zu werden droht und die mit ihrer Rivalität, ihrer Gier und ihren Eifersüchten ihrer großen Liebe den Boden nimmt.

 

„Den Himmel stürmen“ ist ein großer, bewegender Roman über Freundschaft, Liebe und deren Verlust. Er beschreibt meisterhaft menschliche Gefühle und ihre Verwirrungen. Es ist ein Buch über utopische Visionen junger Menschen, ihren Kampf um ihre Ideale und ihr Scheitern.

 

Mit großer Sprachmacht und Poesie schildert der Autor den verzweifelten Kampf zwischen einer großen Liebe zweier Menschen und der Macht visionärer Lebensziele.

 

Geschickt konstruiert vermischt Giordano Rückblicke in die Vergangenheit mit Szenen aus der jeweiligen Gegenwart. Wie in einem Puzzle setzen die jeweiligen Erzähler (es gibt außer Teresa noch andere) Stück für Stück eine zwei Jahrzehnte dauernde Geschichte zusammen, und lassen erst ganz am Ende dem Leser so etwas wie ein vollständiges Bild vor Augen treten.

 

Voller Spannung und mit zunehmendem Staunen liest man sich begeistert durch dieses außergewöhnliche Buch und fragt sich am Ende, wie das Leben dieser Menschen wohl weitergegangen ist.

 

Die erfahrene und versierte Barbara Kleiner hat diesen Roman aus dem Italienischen ins Deutsche übertragen.

 

Kompass ohne Norden

 

 

Neal Shusterman, Kompass ohne Norden, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-26046-7

 

Das neue Buch von Neal Shusterman ist der anspruchsvolle und gelungene Versuch, sich mittels einer Geschichte eines Jungen, die stark inspiriert ist von den Krankheitserfahrungen mit seinem eigenen Sohn Brendan, der rätselhaften Krankheit Schizophrenie zu nähern.

Er tut das mit seiner Hauptfigur Caden, der sich für einen ganz normalen Jungen hält. Doch sein Verstand lehrt ihm zunehmend etwas anderes. Dieser kranke Verstand führt ihn auf fantastische Reisen. Er ist dann auf einem Schiff mit einem Kapitän und Bootsleuten, von denen jeder in seiner krankhaften Fantasie eine bestimmte Rolle hat.  Das Schiff ist uralt und seine unzähligen Fahrten, unter anderem zum Marianengraben, dem tiefsten Punkt der Erde, reichen zurück bis in eine finstere Vergangenheit.

 

In der Realität, in seinem alltäglichen Leben, werden ganz normale Gegenstände wie ein Gartenschlauch plötzlich zu einer tödlichen Gefahr. Irgendwann, kurz bevor er in eine Klinik kommt und eine lange Behandlung beginnt, die ihm Besserung bringt, wird Caden klar:

„In den Tagen der Bibel hätte ich als Prophet gegolten. Bei einem Naturvolk würde ich als Medizinmann gefeiert. Im finsteren Mittelalter hätten meine Eltern nach einem Exorzisten geschickt, und im viktorianischen England wäre ich in einer dieser schrecklichen Irrenanstalten gelandet. Heute hat man viel besser Aussichten auf eine vernünftige Behandlung, aber ich würde lieber wie ein Prophet behandelt als wie ein armer, kranker Junge.“

 

Zunächst ist der Einstieg in dieses Buch und in die Gedanken- und Bilderwelt des an Schizophrenie  erkrankten Caden schwer zu lesen und zu verstehen. Shustermans Sohn Brendan, der selbst an dieser Krankheit litt und wieder „sein Stück Himmel gefunden und strahlend aus der Tiefe entronnen“ ist, hat die zunächst wirre Gedankenwelt mit seinen Skizzen das ganze Buch hindurch illustriert, eine ganz besondere Form der Kunst. Auch Teile aus Gedichten Brendans sind in das von vielen persönlich gemachten Erfahrungen des Autors durchtränkte Buch geflossen.

Hat man sich aber einmal durchgekämpft, wird es besser, zumal nach Beginn der Behandlung Cadens in der Klinik seine Gedanken langsam klarer werden.

Es ist eine abenteuerliche Reise in die Tiefen einer jugendlichen Seele, beängstigend und wohltuend einfühlsam gleichermaßen.

 

Das Buch wirkt lange nach und bewirkt ein etwas größeres Verständnis einer eigentlich unverständlichen Erkrankung der menschlichen Seele, die letztlich nicht heilbar, aber gut behandelbar ist.

Es ist mit dem National Book Award 2015 ausgezeichnet worden und Jugendlichen ab 14 Jahren, aber auch allen Erwachsenen zu empfehlen.

 

 

 

Was bleibt. Über die Dinge, die wir zurücklassen

 

 

Susannah Walker, Was bleibt. Über die Dinge, die wir zurücklassen, Kein & Aber 2018, ISBN 978-3-0369-5786-9

 

Irgendwann im Leben eines jeden Menschen, besonders dann, wenn er selbst das 50. Lebensjahr überschritten hat, wird er oder sie damit konfrontiert, dass ein Elternteil oder ein naher älterer Verwandter gestorben ist. Für wenige, und dann umso härter, schlägt dieses Schicksal schon früher zu, und der Tod trennt sie von geliebten Menschen.

 

In jedem Fall stehen die Trauernden zunächst vor der Aufgabe, die Bestattung zu organisieren und allerlei Bürokratisches zu erledigen. Doch je länger ein Leben gedauert hat, desto mehr an Dingen und Erinnerungen bleibt zurück. Manche lassen erst einmal alles so, wie der oder der Verstorbene es zurückgelassen hat, aber früher(insbesondere wenn eine Wohnung aufgelöst werden muss) oder später muss alles, was zurückgeblieben ist, geordnet, aufgehoben oder aber weggeworfen und entsorgt werden.

 

Der Autorin des hier vorliegenden von Yasmin von Rauch ins Deutsche übersetzten Buches, die Engländerin Susannah Walker, hat dies erlebt. Als ihre Mutter gestorben ist, findet sie in deren Haus im englischen Worcester ein Sammelsurium an Nippes, alten Fotos und Gebrauchsgegenständen, die jeweils eine Geschichte zu erzählen scheinen.  Was zunächst wie eine kurze notwendige Arbeit aussah, ein Haus auszuräumen, erweist sich als eine lange alltagsarchäologische Reise in die Vergangenheit einer Mutter und Familie.  Dabei kommt Susannah Walker der eigene Beruf zu Hilfe: Sie ist es als Kuratorin gewohnt, sich mit Dingen und deren Bedeutung zu beschäftigen, sie als Objekte zu betrachten und zu interpretieren.

 

Und doch ist dies etwas ganz anderes. Denn es ist mit starken und lange teilweise unterdrückten Gefühlen verbunden. Stück für Stück kommt sie einer ihr zeitlebens fremden Frau näher, ihrer eigenen liebesunfähigen Mutter. Mit großer Selbstfürsorge rekonstruiert sie lange verdrängte und vergessene zum Teil sehr schmerzhafte Erinnerungen. Auf eine beeindruckende und mich als Leser sehr bewegende Weise legt sie so vorsichtig und achtsam die Geschichte ihrer Herkunft frei, setzt sich mit den Folgen der Liebesunfähigkeit ihrer Mutter auseinander, stößt auf einen verstorbenen Bruder und bringt weitere Familiengeheimnisse ans Licht.

 

Ein sehr persönliches Buch über das, was von uns übrig bleibt.