Matti Maulwurf fährt U-Bahn

 

Kirsten Gattermann, Matti Maulwurf fährt U-Bahn, Gerstenberg 2918, ISBN 978-3-8369-5640-6

 

Mit einer schönen Idee und einen sympathischen kleinen Maulwurf namens Matti bringt Kirsten Gattermann in dem vorliegenden Bilderbuch kleinen Kindern ab etwa drei Jahren alles Wissenswerte über die U-Bahn nahe, die Kinder in Großstädten schon früh in ihrem Leben kennenlernen und die auf dem Land interessant finden.

 

Als Matti Maulwurf eines Tages beim Graben wieder einmal falsch abbiegt, landet er mitten in einer U-Bahn-Station. Staunend nimmt  er dort alles wahr, die Menschen, die einfahrende U-Bahn, die Gerüche und Geräusche.

Zusammen mit dem kleinen Maulwurf begeben sich Kinder in diesem liebevoll illustrierten Bilderbuch auf eine erste Entdeckungstour durch die U-Bahn. Sie lernen alles Wichtige kennen, begleiten die Fahrerin und erleben eine riesige Tunnelbohrmaschine, die einen neuen U-Bahn Tunnel gräbt.

 

Ein  schönes Sachbilderbuch.

 

 

Ist es noch weit ?

 

Frank Viva, Ist es noch weit, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-01230-9

 

Wenn kleine Kinder mit Ihren Eltern im Auto unterwegs sind, zum Beispiel auf Fahrten zu den Großeltern oder in den Urlaub, dann stellen sie immer wieder die Frage: „Ist es noch weit?“ , weil sie gar keine Vorstellung haben vom Verhältnis zwischen Entfernung und Zeit.

 

Sao geht es auch der kleinen Maus in diesem zauberhaften Bilderbuch von Frank Viva, die auf einem Schiff unterwegs ist. Ihr Schiff nimmt hohe Wellen, die sie seekrank machen, bringt sie zu eisigen Bergen, auf denen sich Pinguine tummeln, und zu einem unterseeischen Vulkan, der das Wasser warm macht.

 

Und obwohl die Schiffsreise sehr interessant und abwechslungsreich ist, stellt die kleine Maus immer wieder die Frage: „Ist es noch weit?“

 

Es steht zu hoffen, dass Kinder, denen man auf der nächsten Autoreise wohin auch immer dieses Buch vorliest, vielleicht nicht so oft fragen. Dennoch: das Buch ist kurz, und wenn die Reise lang ist, sollte man lieber noch weitere Bilderbücher mitnehmen.

 

 

 

Der Junge im Rock

Kerstin Brichzin, Igor Kuprin, Der Junge im Rock, minedition 2018, ISBN 978-3-86566-328-3

 

In dem vorliegenden Bilderbuch wird auf warmherzige und einfühlsame Weise eine Geschichte erzählt über Toleranz, Respekt und die Liebe, die jeden so sein lässt, wie er ist.

 

Die Eltern von Felix tun das, seit er auf der Welt ist. Etwas größer geworden, entwickelt Felix eine Vorliebe  für Röcke. Die Verkäuferin im Laden hält ihn für ein Mädchen, als er sich einen roten Rock mit Falten ausgesucht hat. Die Mutter antwortet nur: „Felix ist ein Junge, und er liebt Röcke.“

 

Doch dann wird alles anders. Die Familie zieht von der großen Stadt in eine kleine um und im dortigen Kindergarten wird er schon am zweiten Tag, als ihm sein Vater erlaubt, seinen roten Rock anzuziehen, von den anderen Jungs ausgelacht und er darf nicht mitspielen.

Als Felix wieder zu Hause ist weint er und erzählt alles seinen Eltern. Warum darf er keinen Rock anziehen und warum sind seine Eltern schlecht, wenn sie ihm das erlauben?

 

Da hat der Vater eine Idee. Er geht mit Felix in die Stadt und kauft sich einen grünen langen Rock.  Und so marschieren am nächsten Morgen der Vater im langen grünen und Felix im kurzen roten Faltenrock munter in den Kindergarten. Und seitdem heißt Felix „der Junge im Rock“ und darf wieder mitspielen.

 

Ein Buch über die Relativität der angeblich so klaren Vorstellungen davon, was männlich und was weiblich ist und wer was anziehen soll.

 

Auch Jungen dürfen anders sein und sich so anziehen wie sie wollen.  Und Eltern können sich Mühe geben, das zu respektieren.

 

 

 

 

Hase fährt Ski

 

 

Claudia Rueda, Hase fährt Ski, Gerstenberg 2018, ISBN 978-38369-5984-1

 

Der kleine weiße Hase in dem von Anja Malich aus dem Englischen übersetzten Bilderbuch für Kinder ab etwa 2-3 Jahren fährt gerne Ski. Heute will er es auch versuchen, hat schon seine Ski angeschnallt und gegen die Kälte einen strahlend roten Schal um den Hals geschwungen.

 

Doch zu seiner große Überraschung: es gibt keinen Schnee. Deshalb braucht er hier schon das erste Mal die Hilfe seiner kleinen Leser. Die müssen das Buch schütteln, dass Schnee in ihm fällt. Als der Hase aufg der nächsten Seite unter einem großen Schneeberg versunken ist, müssen die Kinder das Buch klopfen, damit der Schnee sich ordentlich verteilt.

 

Und dann geht’s los mit der Fahrt. Immer wieder die Kinder dem kleinen Hasen helfen, n dem sie etwa bei der Abfahrt das Buch schräg halten. damit der Hase Fahrt gewinnt. Doch was ist mit dem Loch, das plötzlich auftaucht?

 

Ein lustiges Buch, das besonders Kindern gefallen wird, die  sich selbst schon mit dem Skifahren versucht haben.

 

 

 

Edison. Das Rätsel des verschollenen Mäuseschatzes

 

Torben Kuhlmann, Edison. Das Rätsel des verschollenen Mäuseschatzes, NordSüd Verlag 2018, ISBN 978-3-314-10447-3

 

Nach „Armstrong“ und „Lindbergh“ legt der Kinderbuchautor und Illustrator Torben Kuhlmann mit „Edison“ nun den dritten Band seiner Mäuseabenteuer vor. Auch dieses Buch wird kleine Wissenschaftler und ihre vorlesenden Eltern oder Großeltern wieder begeistern. So wie schon in den beiden ersten Büchern, verfolgen kluge und studierte Mäuse die Erfindungen der Menschen.

 

Als der junge und wissbegierige Mäuserich Pete durch eine alte schon vergilbte Tagebuchnotiz eines Urahns von ihm von einem verschollenen Schatz erfährt, der irgendwo auf dem Meeresgrund liegen soll, da gibt es kein Halten für ihn.

 

Sein Mäuseprofessor (wie gesagt, Mäuse haben ihre eigenen Unis) wird ihm nun im Laufe des spannenden und wunderbar und fantasievoll illustrierten Buches dabei helfen, den in der Notiz des Ahnen erwähnten Schatz zu finden und ihn auch zu bergen.

 

Und ihre abenteuerliche Suche unter dem Meeresspiegel wird sie zu Edison führen, dem Erfinder der Glühlampe. Fast auf jeder Seite kann man den Texten und Zeichnungen von Torben Kuhlmann dessen große Begeisterung für Science-Fiction und spannende Abenteuergeschichte abspüren.

 

Seine Bilder zeichnen sich durch Sorgfalt und große Begeisterung für das Detail aus.  Es sind wunderbare Bilder, die Kinder faszinieren werden, wie schon in den beiden ersten  Büchern, die hier noch einmal empfohlen sein sollen.

Torben Kuhlmanns ausdrucksstark illustrierte Bilderbücher bilden eine eigene Kategorie,  in der er eine Tiergeschichte verbindet mit der kindgerechten Darstellung von Technik- und Wissenschaftsgeschichte.

Torben Kuhlmann erzählt mit wunderbaren und eindrucksvollen Bildern eine spannende Geschichte zweier  sympathischen Mäuse und wie nebenbei vermittelt er wichtige Daten der Wissenschaftsgeschichte. Wie er das miteinander verbindet ist genial.

 

 

 

 

Opa Rainer weiß nicht mehr

 

 

Kirsten Jahn, Katja Gehrmann, Opa Rainer weiß nicht mehr, Knesebeck 2018, ISBN 978-3-95728-064-0

 

Das vorliegende Bilderbuch von Kirsten Jahn, das Katja Gehrmann sehr warmherzig illustriert hat, erzählt davon, wie die Grundschülerin Mia und ihr kleiner Bruder Paul erleben, wie ihr geliebter Opa immer vergesslicher wird und sich verändert.

 

Früher hat Mia mit ihm Wettläufe gemacht, wenn er sie in die Schule gebracht hat. Aber seit einiger Zeit ist der Opa komisch geworden, er weiß die einfachsten Sachen nicht mehr, wo seine Schuhe sind, warum der Wasserkocher einen Stecker hat, oder wie man ein Unterhemd anziehen soll. Und schließlich erkennt er Mia und Paul nicht mehr…

 

In diesem sehr gut gemachten Buch lernt Mia schrittweise mit der Krankheit des Großvaters umzugehen. Sie lernt ihn zu unterstützen und auch etwas darüber, was die Krankheit für den Opa selbst bedeutet.

 

Auf eine einfühlsame Weise schafft es das Buch in Wort und Bild, Kindern dieses aktuelle und sensible Thema nahezubringen.

 

Sehr empfehlenswert.

Müll. Alles über die lästigste Sache der Welt

 

Gerda Raidt, Müll. Alles über die lästigste Sache der Welt, Beltz & Gelberg 2019, ISBN 978-3-407-81215-5

 

So wie ich als 1954 geborener Mensch in meiner Kindheit und Jugend mit den unsichtbaren Bedrohungen des Kalten Krieges aufwuchs (ich erinnere mich noch geradezu körperlich dran, wie ich die Angst meiner Familie während der Kubakrise gespürt habe), so sehen sich heute schon viel kleinere Kinder aber erst recht die Jugendlichen mit zahllosen Umweltproblemen konfrontiert, von denen der Klimawandel durch die unkontrollierte Erderwärmung nur eines von vielen ist.

 

Die schwedische Schülerin Greta Thunberg ist für zahllose Schüler in aller Welt zum Vorbild geworden, wenn sie freitags für das Klima demonstrieren.

 

Doch nicht nur das steigende Klima droht der Menschheit die Lebensgrundlagen zu nehmen, sondern auch der wachsende Berg von Müll, bei dem die riesigen Menschen von Plastik in den Weltmeeren nur eines von zahllosen Problemen ist.

 

Doch was ist eigentlich Müll, wo fällt er überall an, wie wird er entsorgt und behandelt und welche Möglichkeiten des müllvermeidenden Handelns gibt es?

 

Das vorliegende Buch von Gerda Raidt, das sie auch sehr ansprechend selbst illustriert hat, gibt Kindern ab der 3. Klasse etwa und Jugendlichen alle wichtigen Informationen über „die lästigste Sache der Welt.“

 

Ein wichtiges und hervorragend gemachtes Sachbilderbuch.

Die ewigen Toten

 

 

 

Simon Beckett, Die ewigen Toten, Wunderlich Verlag 2019, ISBN 978-3-8052-5002-3

 

Das vorliegende Buch ist der mittlerweile sechste Band der Thrillerreihe um den forensischen Anthropologen David Hunter. Man kann das Buch und die Geschichte seines Protagonisten ohne weiteres gut verstehen, auch wenn man, wie der Rezensent, die ersten Bände nicht gelesen hat, was ich im Nachhinein sehr bedaure.

 

Immer wieder vermittelt Simon Beckett in kleinen Rückblicken und einzelnen Hinweisen etwas von der Vergangenheit von Simon Hunter. Wie er seine Frau und seine kleine Tochter bei einem Verkehrsunfall verloren hat, wie er selbst mehrfach bei seinen Einsätzen nur knapp dem Tod entkommen ist und vor allen Dingen, wie eine psychisch gestörte wunderschöne Frau namens Grace Strachan ihn  beinahe mit einem Messer getötet hätte.

Hunter wohnt deshalb im neuen Buch nicht mehr in seiner alten Londoner Wohnung, sondern in einem exklusiven neuen Wohnblock, wo ihm ein Bekannter vorübergehend eine möblierte Wohnung vermittelt hat. Bei ihm wohnt seine neue Partnerin Rachel, eine Meeresbiologin. Mit ihr hofft er auf eine neue private Zukunft, die ihn die traumatische Vergangenheit vergessen lässt.

 

Nur so viel sei verraten: beide Frauen  werden in dem neuen Buch für Hunter nicht unwichtige Rollen spielen. Hunter arbeitet in seinem neuen Fall wieder mit den aus den früheren Büchern bekannten Polizisten zusammen und es wird sich herausstellen, dass die Lösung des neuen Falles nicht nur für alle eine lebensgefährliche Aufgabe wird, sondern auch für den Forensiker David Hunter eine echte professionelle Herausforderung darstellt.

 

In dem seit Jahren stillgelegten Krankenhaus St. Jude im Londoner Norden, das in Kürze abgerissen werden soll um dann wohl Luxuswohnungen zu weichen, wird auf dem zugestaubten Dachboden eine in eine Plastikfolie gewickelte mumifizierte Leiche gefunden.  Beim Versuch, diese wohl schon lange in St. Jude liegende Leiche zu bergen, bricht der Dachboden an einer Stelle ein, ein Kollege von Hunter stürzt ab und verletzt sich schwer. Bei der Rettung des Kollegen entdecken die Ermittler in einem rundum verschlossenen, weil zugemauerten Raum ohne Fenster zwei weitere Leichen.

 

Auf keinen  Plänen ist dieser Raum zu finden und die Identifizierung der Toten verläuft zunächst schleppend. In einem angrenzenden Wald trifft Hunter auf eine Frau, die ihn auf seltsame Weise anzieht, obwohl sie mit dem ganzen Fall nichts zu tun haben scheint.

 

Es ist für Hunter eine schwierige Ermittlung, zumal seine Partnerin Rachel für drei Monaten  in die Ägais zu einem Projekt geflogen ist und sie auf dem Boot, auf sie mit anderen  Wissenschaftlern arbeitet, kein WLAN hat. Und auch die Angst, dass Grace Strachan zurückkehren könnte, hat seine einsamen Träume im Griff.

 

Hunter sagt über sich: „Die meisten Menschen finden meinen Beruf vermutlich seltsam, geradezu makaber. Ich verbringen mehr Zeit mit den Toten als mit den Lebenden und untersuche Verwesung und Zerfall, um menschliche Überreste zu identifizieren.“

 

Mit einer großen Sachkenntnis und vielen Fachbegriffen beschreibt Simon Beckett  auch in seinem neuen Roman die nicht immer geruchsfreie Arbeit seiner Hauptperson. Doch er macht das so, dass der Leser keinen Abscheu oder Ekel empfindet, sondern zunehmendes Interesse gepaart mit einer ungewöhnlichen Spannung.

 

David Hunter ist ein ungewöhnlicher, vom Schicksal erheblich gebeutelter Forensiker, der mir schnell sehr sympathisch wurde und es bis zum Ende blieb. Das nächste Buch werde ich sicher nicht verpassen.

 

 

 

 

Frau im Dunkeln

 

 

 

 

 

 

Elena Ferrante, Frau im Dunkeln, Suhrkamp 2019, ISBN 978-3-518-42870-2

 

Nach dem großen Erfolg der „Neapolitanischen Saga“ veröffentlicht der Suhrkamp Verlag nun auch die früheren Romane der von Anfang unter dem Alias Elena Ferrante schreibenden italienischen Schriftstellerin.

 

Ihr 2006 in Italien erschienener Roman „La figlia obscura“ wurde schon 2007 unter dem Titel „Frau im Dunkel“ von DVA einem deutschen Publikum vorgestellt, mit wenig Resonanz. Dies wird nun nach der Saga anders sein, wenn Suhrkamp nach „Lästige Liebe“ auch „Frau im Dunkeln“ präsentiert.

 

Wieder erzählt eine Frau im mittleren Alter aus ihrem Leben. Leda ist 49 Jahre alt, ist geschieden und unterrichtet Englisch an der Universität in Florenz. Ihre schon erwachsenen Töchter leben seit etlicher Zeit beim Vater in Kanada, wo er seit langem arbeitet und lebt.

 

Schon kurz nachdem sie zum Vater und zum Studieren nach Kanada gingen und  sich von der Mutter trennten, spürte diese nicht die erwartete Sehnsucht nach ihren Töchtern, sondern hauptsächlich und vor allem große Erleichterung, etwas Schweres endlich losgeworden zu sein.

 

Die ich-erzählende Leda verbringt ihre Sommerferien in einem süditalienischen Küstenort und freut sich auf Sonne, Meer und viel Erholung mit ihren Büchern.

 

Doch schon bald macht sich am Strand ganz in ihrer Nähe eine aus Neapel (!) stammende Großfamilie breit, mit all den Geräuschen und dem Lärm, den das mit sich bringt. Teil dieser Großfamilie sind eine junge Mutter und deren kleine Tochter. Tagelang nun wird Leda tagsüber am Strand diese beiden beobachten und sich ihre Gedanken dazu machen. Zunächst sind diese wohlwollend, stellenweise sogar fasziniert von der innigen Beziehung zwischen Mutter und Tochter, etwas was Leda, sich immer wieder an ihre Vergangenheit erinnernd, so nicht kannte in ihrer Kindheit und dann in ihrem eigenen Mutterdasein. Nach einigen Tagen jedoch spürt sie, wie ihre Stimmung umschlägt, wie sich eine Mischung aus Neid, Zorn und Enttäuschung Bahn bricht und einem unverständlichen Impuls folgend tut Leda dem kleinen Mädchen und mit ihm der ganzen Familie etwas an. Unbegreiflich für sie selbst und erst recht den Leser, wächst sich ein zunächst wie eine Lappalie aussehender Vorgang zu einer regelrechten Katastrophe aus.

 

Wie ist es dazu gekommen? Die schöne junge Mutter Nina ist für Leda ein Sinnbild für ihre eigene, nie erlebte Mutter. Und deren kleine Tochter Elena, die Nina über alles liebt, ist quasi Ledas Alter Ego. Und die Puppe Elenas, die Leda verschwinden lässt und Tochter und Mutter damit unendlichen Kummer zufügt, ist sozusagen das entscheidende Bindeglied.

Elena Ferrante spielt in ihrem neuen Roman mit dem aus der Psychologie bekannten mehrgenerationalen Konflikt. Überzeugend zeigt sie am Beispiel Ledas, wie negative Verhaltensmuster aus der Vergangenheit sich zwanghaft wiederholen können und dabei das eigene Glücksempfinden verhindern und Beziehungen zerstören.

 

Zirkulär erzählend, den Anfang des Buches als Fortsetzung des Endes beschreibend, lässt Elena Ferrante mit einer unglaublichen emotionalen Kraft ihre Protagonistin die Erlebnisse ihrer Vergangenheit berichten, die die junge Mutter und ihre Tochter in ihr auslösen. Es ist nicht leicht für sie, wie sie am Anfang sagt: „Die Dinge, die wir selbst nicht verstehen, sind  am schwierigsten zu erzählen.“

 

Und was zu Beginn ihres Urlaubs voller Zuversicht begonnen hat, endet dramatisch: Elena Ferrante beschreibt Leda, die doch so vernünftige scheinende intellektuelle Frau, als eine psychisch zutiefst gestörte Persönlichkeit.

 

Der bewegende, ja erschütternde Roman stellt ohne Rücksichtnahme die Frage, was es eigentlich bedeutet, eine Frau und Mutter zu sein. Mit großer Ehrlichkeit geht Ferrante in die Tiefe und ergründet die widersprüchlichen Gefühle, die eine Mutter an ihre Kinder binden können.

 

Von Leda und ihre literarischen Schöpferin unkommentiert, denkt der Leser/die Leserin lange über den letzten Satz des Buches nach, als Leda sagt: „Ich bin tot, aber es geht mir gut.“
Ein eindringlicher Roman und eine nachdenkliche Parabel über das Leben moderner Frauen.

 

 

 

 

Ida und der fliegende Wal

 

 

Rebecca Gugger, Simon Röthlisberger, Ida und der fliegende Wal, NordSüd Verlag 2018, ISBN 978-3-314-10446-6

 

Ida, die Hauptfigur des vorliegenden wunderschönen Bilderbuchs von Rebecca Gugger mit Illustrationen von Simon Röthlisberger, ist ein kleines rothaariges Mädchen. Wie die meisten Kinder im Kindergartenalter ist sie neugierig und hat unendlich viele Fragen.

 

Und so sitzt sie auf der ersten Doppelseite in ihrem niedlichen Baumhaus mitten im Wald (welches Kind möchte so etwas nicht haben?) und fragt sich, was wohl hinter der Sonne, dem Mond und den Sternen sein mag.

 
Eines Nachts wacht Ida von einem ungewöhnlichen Geräusch auf.  Die Wände ihres kleinen Holzhauses wackeln besorgniserregend. Ein fliegender Wal hat sich in den Bäumen verlaufen und hat die  Bretterwände ihres Baumhauses gerammt.

 

Ida fällt durch die Erschütterung  aus dem Bett. Noch sehr verschlafen, fast im Traum, lässt sich Ida auf die Einladung des Wals zu einer fantastischen Reise ein. Auf dem Rücken des Wals fliegt Ida zu den Sternen.

Ida lernt bei dieser Reise viel ihr bisher Unbekanntes kennen. Doch neben den Reiseerlebnissen sind die Gespräche des Mädchens mit dem Wal das Herzstücks dieses Bilderbuchs, bei denen es um Bekanntes und Fremdes geht. Eine ungleiche, wenn auch tiefe Freundschaft entsteht zwischen den beiden und sie nennt den Wal liebevoll „,mein fliegender Koloss“.

 

Der Flug durch die Wolken führt Ida an den Ort, wo die Erde auf dem Kopf steht. Was ist oben, was ist unten? Was ist verkehrt, was ist normal? Der Wal schlägt vor, dafür einen Perspektivwechsel vorzunehmen, einfach mal selber auf dem Kopf zu stehen, um dies herauszubekommen.

Am Ende der ihrer Reise erklärt der lächelnde Wal Ida, was Freundschaft ist: „Manchmal, da schweigt man zusammen. Manchmal, da verliert man sich aus den Augen. Aber trotzdem ist man nah ‒ die ganze Zeit schon!“

Eine wunderbare und fantasievolle Geschichte über eine ungleiche Freundschaft.