Abels letzter Krieg

 

 

 

 

 

 

Daan Heerma van Voss, Abels letzter Krieg, DTV 2018, ISBN 978-2-423-28968-9

 

Das vorliegende Buch ist ein engagiertes Plädoyer für einen bedingungslosen Einsatz in einer Gegenwart, in der sein Autor mannigfach Parallelen zieht zu einer Vergangenheit, in der während des Nationalsozialismus Millionen von Menschen verfolgt wurden und den Tod fanden. Dieser Vergleich, der sich van Voss` Protagonisten Abel Kaplan immer wieder aufdrängt, ist gewagt, und ich bin mir nicht sicher, ob er der Grund ist, warum das schon 2018 bei DTV erschienene Buch bisher jedenfalls keine nennenswerte Resonanz bei der hiesigen Literaturkritik gefunden hat.

Abel Kaplan war früher ein durchaus erfolgreicher Schriftsteller. Doch seit einiger Zeit will ihm nichts mehr einfallen. Seit langem wartet er auf die Idee für das große Buch. Seine Frau Eva, deren Namen er angenommen und für die er zum Judentum konvertiert ist, mag nicht mehr mit ihm zusammenleben, nur zum gelegentlichen Sex treffen sie sich. Weil er kaum noch Tantiemen verdient, arbeitet er in Amsterdam in einer islamischen Schule. Aus einem kleinen Raum, der aussieht wie eine Rumpelkammer, erledigt er diversen Verwaltungskram und notiert akribisch die Fehlzeiten der Schüler. Hier habe ich schon zum ersten Mal die Stirn gerunzelt angesichts der Unwahrscheinlichkeit einer solchen Konstruktion. Weitere Handlungskonstruktionen ähnlicher Art werden im Laufe des Buches folgen. Bei jedem anderen Buch hätte ich es aus der Hand gelegt und auf den Lektor geschimpft, der so ein wirres Konzept zulässt, doch irgendetwas an diesem Abel Kaplan hat mich vom ersten Moment an angezogen. Es ist nicht sein Weltschmerz und seine Unzufriedenheit, es sind die Dinge, die sein Leben von heute auf morgen auf den Kopf stellen.

 

Da ist ein Schüler, der von seinen Mitschülern gemobbt und schwer gequält wird. Doch seine naiv-hilflosen Briefe an den Rektor der Schule werden nicht beantwortet. Gleichzeitig entdeckt Abel in der Stadt ein Gebäude, das hoch umzäunt ist und von bewaffneten Sicherheitskräften bewacht wird.

Seine Freundin Judith erzählt ihm, dass es sich um eine Abschiebelager für Roma handelt, was ihn in seiner Weltsicht, da wiederhole sich Geschichte, nur bestätigt. Während dieses Lager geräumt wird, rettet er einen Romajungen und nimmt ihn bei sich auf.

 

Und Abel kopiert heimlich das Tagebuch, das Judiths Vater hinterlassen hat und in dem der seine Erfahrungen als junger Häftling im Vernichtungslager Auschwitz aufgeschrieben hat.

 

Diese drei Erfahrungen machen aus dem vorher eher stillen und passiven Zeitgenossen einen getriebenen Menschen, der glaubt, die Welt und sich selbst retten zu können und dabei ständig Grenzen überschreitet. In der Schule findet er keinen geeigneten Weg, dem kleinen Ibrahim zu helfen, wählt ungeeignete und naive Interventionen und wird schließlich entlassen.

Die Betreuung des Romajungen überfordert ihn und seine Vorstellung, er tue genau das, was Menschen im Dritten Reich taten, als sie Juden versteckten, fand ich überzogen und unangemessen.

 

Sein Umgang mit dem entwendeten Tagebuch ist genauso widersprüchlich. Er passt die Einträge an, verändert sie und macht sie so zu einem eigenen Text, von dem er sich singuläre literarkritische Aufmerksamkeit verspricht. Er gerät an den Historiker van Stolk, der sich selbst als Fälscher herausstellt.

 

Der Roman ist mit vielen verschiedenen, teilweise unwahrscheinlichen Handlungssträngen überladen, transportiert aber zwei wichtige Botschaften: einmal ist es wichtig und richtig, gegen aktuelle Gewalt und aktuelles Unrecht aktiv zu werden und Verantwortung zu übernehmen, aber eben nicht allein und einzelkämpferisch wie Abel es tut. Und zum anderen ist es wichtig, die Erinnerungen und Dokumente von Zeitzeugen für kommende Generationen zu erhalten und zu bewahren

 

Abel Kaplan scheitert mit seinem großen Buch und auch Daan Heerma van Voss` Versuch eines Porträts eines leidenschaftlichen Menschen, der versucht in unmenschlichen Zeiten menschlich zu sein, misslingt an vielen Stellen.

 

Dennoch: der Roman hat mich mitgerissen und die Frage, die er stellt, nicht losgelassen: was bedeutet es heute, menschlich zu sein und was bedeutet es, Verantwortung zu nehmen innerhalb von gesellschaftlichen Zuständen, die tatsächlich an üble Zeiten erinnern, die meine Generation lange überwunden glaubte. Doch nun vor dem letzten Viertel unseres Lebens müssen wir uns mit der Tatsache auseinandersetzen, dass vieles auf einmal wieder möglich scheint und die Zukunft unsere Kinder dunkler scheint als wir für möglich hielten.

 

„Abels letzter Krieg“ erinnert daran.

 

 

 

 

Goldschatz

 

 

 

Ingrid Noll, Goldschatz, Diogenes 2019, ISBN 978-3-257-07054-5

 

Mittlerweile 83- jährig legt Ingrid Noll ihren neuen Roman vor. Und er liest sich frisch und lebendig jung wie je. Als dreifache Mutter und vierfache Großmutter hat sie immer Kontakt zu jungen Menschen gehabt. Sie sagt dazu: „Erwachsenwerden war zu allen Zeiten schwierig. Ich denke, dass es die heutige Jugend trotz und sogar wegen größerer Freiheiten und Wahlmöglichkeiten nicht leichter hat als meine Generation oder die meiner Kinder.“

 

Trixi, die Ich-Erzählerin des Romans, hat von ihrer Tante Emma in der Gegend zwischen Darmstadt und Heidelberg ein altes Bauernhaus geerbt. Den Rat ihrer Eltern, das Ding einfach zusammenzuschieben und etwas Neues zu bauen, schlägt sie aus, und zieht zusammen mit vier anderen Heidelberger Kommilitonen in das Haus ein um dort eine WG aufzubauen. Noch sind Semesterferien und so können die fünf ihre Zimmer, die Küche und das Wohnzimmer instand setzen. Doch der Winter wird kommen, und es müssen neue Fenster und eine Heizung eingebaut werden. Während die fünf noch angestrengt nachdenken, wie das finanziell stemmen sollen, da findet sich in Emmas Trödel ein Säckchen mit wertvollen Goldmünzen.

 

Doch der unverhoffte Schatz löst nicht die Probleme der WG, sondern schafft neue. Denn es wird sich nicht nur zeigen, dass er bei einzelnen von ihnen ungeahnte, aber durchaus menschliche Begierden weckt, die ihre Gemeinschaft, die doch noch so jung und zart ist, erheblich gefährden.  Und da ist auch noch in der furchterregenden Gestalt von Gerhard Gläser ein ziemlich heruntergekommener Nachbar, der nicht nur Anspruch auf den Schatz erhebt, sondern offenbar von weiteren großen Geheimnissen um Emmas Haus und dessen Geschichte weiß…

 

Und obwohl sie doch miteinander angetreten waren, alternativ zu leben, dem Konsumdruck zu widerstehen und eine ökologische Existenz zu führen, vergessen die fünf Studenten angesichts der Goldmünzen immer mehr ihre hehren Ideale. Frust breitet sich in der jungen WG aus, es kriselt immer mehr.

 

Und das wird verheerende und tragische Folgen haben, für alle.

 

„Goldschatz“ ist wie alle Romane von Ingrid Noll wieder sehr unterhaltsam zu lesen und birgt wieder etliche Krimielemente.

 

Absolut empfehlenswert.

 

Schule vor dem Kollaps

 

Ingrid König, Schule vor dem Kollaps, Penguin 2019, ISBN 978-3-328-60081-7

 

Dieses Buch der engagierten Frankfurter Grundschulrektorin Ingrid König ist ein verzweifelter Hilferuf einer Pädagogin nicht nur an die zuständigen Politiker, sondern auch an die Öffentlichkeit.  Denn wenn auch nur ansatzweise zutrifft, was Ingrid König in ihrem Buch beschreibt und anklagt, dann wächst seit Jahren in unseren Grundschulen eine verlorene Generation heran mit noch unausdenkbaren Folgen für unsere Gesellschaft.

 

Denn an unseren Grundschulen zeigt sich mit voller Härte, dass unsere Gesellschaft noch keine wirkliche Antwort entwickelt hat, wie Integration  gelebt werden soll. Da kommen zunehmend Kinder in die Schulen, die in ihren Familien oder den Kindergärten (wenn sie einen besucht haben) keine ausreichenden Fertigkeiten und Kenntnisse und noch weniger Sozialkompetenz entwickelt haben.

 

Die Schulen und die Lehrkräfte sind unter diesen Umständen total überfordert und fühlen sich von den Behörden und der Schulaufsicht und der Kultusbürokratie im Stich gelassen. Es ist ein Wunder, dass es überhaupt noch junge Menschen gibt, die sich für die Tätigkeit in der Grundschule ausbilden lassen.

 

Diese Entwicklung hat schon lange vor der Flüchtlingskrise begonnen und ist durch den massenhaften Zuzug von der deutschen Sprache nicht mächtigen Kindern aus deren Familien nur verschärft worden.

 

Eine ehemalige Erzieherin hat mir vor einigen Jahren schon gesagt, noch vor etwa 15 Jahren hätte es in einer Kindergartengruppe von 25 Kindern vielleicht 3 Kinder gegeben, die sie als Problemkinder bezeichnete. Heute sei es so, dass in einer Gruppe dieser Größe vielleicht 3 Kinder seien, die keinerlei Probleme haben oder machen. Eine befreundete Grundschullehrerin hat mir diese Umkehr auch für ihre Grundschule bestätigt.

 

Kindergärten und Schulen werden noch auf ganz lange Zeit(vielleicht sogar für immer) das ausgleichen und nachholen müssen, was früher ganz selbstverständlich Familien und Eltern geleistet haben. Sie müssen dafür endlich entsprechend ausgestattet werden und die Menschen die dort arbeiten, müssen besser bezahlt und qualifiziert werden.

 

Das Buch von Ingrid König möge dazu helfen, dass es in dieser Hinsicht endlich mehr Bewegung in der Politik gibt. Sie selbst sieht in ihrem Buch leicht hoffnungsvolle Ansätze dazu.

Herr Kules und der Löwe

Stefanie Klinge-Engelhardt, Barbara Steinitz, Herr Kules und der Löwe, Knesebeck 2018, ISBN 978-395728-014-5

 

Herr Kules ist ein alleinstehender distinguierter Mann, von dem wir nur erfahren, dass er jeden Sonntag in den Zoo geht. Jedes Mal bereitet er sich darauf vor, indem er sich ein Brötchen belegt und es zusammen mit einem Apfel und einer Flasche Saft in seine Tasche steckt. Und weil ihn schlechtes Wetter nicht von seinem Zoobesuchsritual abhalten kann, nimmt er seinen Regenschirm mit.

 

So auch an diesem Sonntag. Doch schon kurz nachdem er seine Eintrittskarte gekauft hat, spürt er, dass heute etwas anders ist. Die Pinguine, die er immer zuerst besucht, sind nicht da. Auch viele andere Tiere, denen er danach begegnet, zeigen ein äußerst seltsames Verhalten. Alle versuchen sich zu verstecken.

 

Da kommt auch schon ein Zoowärter angerannt und ruft laut: „Herkules, ist ein Herkules hier?“ Unser Zoobesucher sagt ganz leise: „Ich bin Herr Kules.“

 

Und ganz schnell hat ihn der Zoowärter, obwohl er dem eher zarten Mann das nicht zutraut, engagiert um den ausgebrochenen Löwen einzufangen und zu bändigen.

 

Und wie der völlig angstlose Herr Kules nun mit dem Löwen spricht, freundlich und zugewandt, ihn auf ein Eis einlädt, wie er es selbst jeden Sonntag tut, irritiert den Löwen gewaltig.

„Hast du gar keine Angst?“ fragt er schließlich den vollkommen lockeren Herrn Kules.  Der antwortet: „Du siehst gefährlich aus, stimmt. Aber ich dachte, vielleicht bis du einfach einsam, weil niemand mit dir redet.“

 

Und der Löwe schaut bekümmert. Er beschließt, sich mit Herrn Kules anzufreunden, der den Löwen in sein Gehege zurückbringt und von den anderen Zoobesuchern als Held gefeiert wird. Der jedoch will das nicht und freut sich lieber, als der Löwe sagt: „Du bist mein Freund!“

 

Und am nächsten Sonntag treffen sie sich wieder. Natürlich erst nach den Pinguinen und den Lamas, aber dafür wieder mit leckerem Eis.

 

Ein wunderschönes und kluges Bilderbuch über den klugen und feinfühligen Umgang mit brüllenden Löwen, die es in jeder Kindergartengruppe gibt.  Es zeigt, dass sich hinter aggressivem Verhalten oft eine bedürftige Seele verbirgt.

Wie nennt man ein Kaninchen im Fitnessstudio?

 

Moni Port, Philip Waechter, Wie nennt man ein Kaninchen im Fitnessstudio, Klett Kinderbuch Verlag 2019, ISBN 978-95470-205-3

 

Das bewährte Quatschteam aus Moni Port und dem Karikaturisten Philip Waechter hat wieder zugeschlagen und eine neues herrlich unsinniges Buch herausgebracht mit neuen nicht immer leichten Rätselwitzen und lustigen und originellen Quatschbildern.

 

Viele begeisterte kleine (und wie man hört auch größere) Sprachkniffler haben sich schon an den früheren Quatschbüchern aus dem Klett Kinderbuch Verlag lachend die Zähne ausgebissen und werden  auch an dem neuen Buch viel Freude haben. Beispiel gefällig: Wie nennt man ein weißes Mammut? Antwort: Hellmut.

 

Warum nicht nach der Lektüre sich an eigenen Rätselwitzen versuchen? Vielleicht zusammen mit der ganzen Familie?

Schnurzpiepegal

 

 

 

Barbara Steinitz, Schnurzpiepegal, Knesebeck 2018, ISBN 978ö-3-95728-055-8

 

Es ist bekanntes Phänomen, dass viele Hundebesitzer mit der Zeit ihren Hunden ähneln. Auf der ersten Doppelseite dieses nun wieder aufgelegten Bilderbuches von Barbara Steinitz sind etliche Exemplare davon abgebildet.

 

Doch bei Leonora und Joschka ist das anders. Leonora liebt Opern und ihren Hund Fidelio. Zwei Straßen weiter wohnt Joschka glücklich mit seinem Hund Pistazia zusammen.  Doch wenn sie mit ihren Hunden auf der Straße sind, regen sich die Leute über sie auf, weil sie überhaupt nicht zu ihren Hunden passen. Doch den beiden macht das nichts aus, fast nichts…

 

Eines Tages begegnen sie sich auf der Straße und sie beschließen ihre Hunde zu tauschen. Doch wieder zu Hause spüren alle vier, dass sie damit nicht glücklich sind. Dann begegnen sie sich ein zweites Mal und dann ist alles klar. Die Liebe hat es bewirkt.
Eine witzige Liebesgeschichte, in der es um Außenseitertum, Einsamkeit und Selbstakzeptanz geht. Sie stärkt Kinder auf einfühlsame Weise sich selbst zu akzeptieren, Mut zum Anderssein zu haben und sich nicht von anderen Menschen beirren zu lassen.

Alles Quatsch. Die lustigsten Rätselreime, Zungenbrecher und Quatschbilder von A bis Z

Anke Kuhl u.a., Alles Quatsch. Die lustigsten Rätselreime, Zungenbrecher und Quatschbilder von A bis Z, Klett Kinderbuch 2019, ISBN 978-3-95470-208-4

 

 

Der Klett Kinderbuch Verlag in Leipzig hat in den vergangenen Jahren eine Vielzahl außergewöhnlich lustiger Bilderbücher herausgegeben mit vielen Sprachspielen, Quatschversen, Rätslereime und anderen Zungenbrechern.

 

In dem hier vorliegenden kleinen Sammelband hat der Verlag die besten dieser Texte und der dazugehörigen Illustrationen zusammengefasst. Vielleicht helfen sie mit, Kinder und Eltern auf die anderen Quatschbüchern aufmerksam zu machen, die schon im Verlag erschienen sind. In ihnen geht es nicht nur um reinen Quatsch, sondern sie wollen die Sprachkunst der Kinder anregen und fördern.

 

Das neueste Buch heißt „Wie nennt man ein Kaninchen im Fitnessstudio“. Moni Port und Philip Waechter haben es gemacht.

Robinson

 

 

 

Peter Sis, Robinson, Gerstenberg 2019, ISBN 978-3-8369-5697-0

 

Peter und seine Freunde spielen gerne in ihrer Freizeit, sie wären Piraten und das macht ihnen großen Spaß.  Als auf einem Plakat in der Schule ein Kostümfest angekündigt wird, ist ihnen sofort klar: da gehen sie hin und verkleiden sich als Piraten.

 

Als er zu Hause seiner Mutter davon erzählt, überzeugt sie ihn davon, sich doch als Robinson Crusoe zu verkleiden, dem Held seiner Lieblingsgeschichte. Denn der war wirklich ein großer Abenteurer und mutiger als alle Piraten.

 

Seine Mutter näht ihm ein wunderbares Kostüm und er kann  es kaum erwarten auf dem Kostümfest zu erleben, was seine Freunde dazu sagen. Doch die lachen ihn aus. Peter wird es ganz heiß, er fühlt sich gar nicht mehr stark und er will nur noch weg.

 

Seine Mutter steckt ihn ins Bett, weil er tatsächlich fiebert. Peter fühlt sich verloren. Doch dann schwebt er davon. Und er landet auf einer einsamen Insel, so wie sein Idol Robinson Crusoe. Tiere werden zu seinen Freunden und er hält täglich Ausschau nach Piraten.

 

Als dann welche vor ihm stehen, sind es seine Freunde, die ihre Meinung geändert haben und nun von Peter etwas erfahren wollen über Robinson Crusoe.

 

Der englische Autor hat mit diesem Buch eine eigene Kindheitserinnerung verarbeitet. Es soll Kinder ermutigen, sich einmal mit dem Original von Daniel Defoe zu befassen.

Die kleine Hummel Bommel entdeckt die Wiese

 

Britta Sabag, Die kleine Hummel Bommel entdeckt die Wiese, arsedition 2019, ISBN 978-3-8458-3013-1

 

Nach den bisherigen sehr erfolgreichen Bilderbüchern über die Abenteuer der kleinen Hummel Bommel hat die „Familie Bommel“, bestehend aus Britta Sabag, Maite Kelly und Joelle Tourlonias ein wunderbares Natur-Sachbilderbuch geschaffen, in dem die den Kindern bekannte Hummel Bommel die Kinder auf eine Erkundungsreise über ihre geliebte Wiese einlädt.

 

Die Kinder erfahren in Bildern, Zeichnungen und Texten, welche Tiere auf einer Wiese leben, welche Blumen und Pflanzen dort wachsen und vor allen Dingen wie alle mit allem dort zusammenhängt.

 

Die Kinder ab etwas dem Grundschulalter begreifen mit diesem Buch, warum es unbedingt wichtig ist, den Lebensraum Wiese und ihre Artenvielfalt zu schützen.

 

Ein vorbildlich gemachtes Sachbilderbuch.

Rheinblick

 

 

Brigitte Glaser, Rheinblick, List Verlag 2019, ISBN 978-3-471-35180-2

 

In ihrem Roman „Bühlerhöhe“ entführte Brigitte Glaser ihre Leser 2016 in das Deutschland der frühen fünfziger Jahre, in die Zeit der Debatten über die Wiederbewaffnung und der Wiedergutmachungszahlungen an Israel. Dem gelungenen Roman gelang eine sehr gute Mischung aus dem Porträt zweier starker Frauen und ihren Lebensgeschichten und – träumen und einer spannenden Handlung auf dem Hintergrund der innenpolitischen Debatten der frühen fünfziger Jahre in der BRD, die die meisten der heutigen Leser nicht selbst miterlebt haben.

 

Wohl auch durch den Erfolg dieses Buches ermutigt, hat Brigitte Glaser für ihr neues Buch einen ähnlichen Plot gewählt. Und wieder sind zwei starke Frauen die Hauptfiguren. Es ist das Jahr 1972. Nachdem Rainer Barzel mit einem Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt gescheitert ist, wobei ein später aufgeklärter Bestechungsskandal eine wichtige Rolle spielte, hat Willy Brandt am 19.11. 1972 nach einem fulminanten und kräftezehrenden Wahlkampf („Willy muss Kanzler bleiben“) mit einem sensationellen Ergebnis für die SPD die Wahl gewonnen. Koalitionsgespräche mit der FDP stehen an.

 

Doch Willy Brandt hat seine Stimme verloren und wird in einer Bonner Klinik an den Stimmbändern operiert. Für die nächsten beiden Wochen muss er in der Klinik bleiben und darf nicht sprechen. Die Logopädin Sonja Engel soll sich neben dem medizinischen Personal um seine Genesung kümmern.

 

Gleichzeitig ist in der Bonner Traditionsgaststätte „Rheinblick“ der Teufel los. Seit vielen Jahren schon ist die Wirtin Hilde Kessel dort der Mittelpunkt einer bunten Gästeschar aus Abgeordneten und Regierungsmitarbeitern. Sie kennt sie alle, und bewahrt über all das, was ihr zu Ohren kommt, Stillschweigen. Seit ihr Mann Arnold vor drei Jahren gestorben ist, führt sie die Gaststätte mit einem treuen Mitarbeiter alleine.

 

Sonja, die stundenlang im Vorraum zu Brandts Zimmer auf ihre knapp bemessenen Übungszeiten mit dem Kanzler wartet, bekommt zwangsläufig mit, wie bei Brandt nicht nur sein Kanzleramtsminister Ehmke und sein Vertrauter Egon Bahr hektisch ein und aus gehen, weil sie ihn, letztlich vergeblich, versuchen, in die Koalitionsverhandlungen und in die Postenvergabe einzubinden.  Hier hat sich Helmut Schmidt schon längst Vorteile verschafft, die den Anfang von Ende der Kanzlerschaft Brandts einläuten werden. Er wird sich von seinem Klinikaufenthalt politisch jedenfalls nie mehr wirklich erholen und bald schon Helmut Schmidt Platz machen müssen.

 

In dem Roman gibt es neben der Klinik, in der Sonja arbeitet, zwei Zentren: zum einen den „Rheinblick“ und Hilde Kessel mit ihrer verwickelten Geschichte und eine Wohngemeinschaft, in der Sonja mit anderen zusammenwohnt.

 

Sonja ist mit einem SPD- Abgeordneten verwandt, der zusammen mit seinen Genossen nicht nur Stammgast bei Hilde Kessel ist, sondern auch in den politischen Auseinandersetzung  nach der gewonnenen Wahl eine wichtige Rolle spielt.

 

Auch der Taxifahrer und Student Max Dorando, Mitbewohner der WG, wird eine wichtige Rolle spielen, bekommt er doch in seinem Taxi Vorgänge mit, die zu tun haben mit dem Verschwinden eines Mädchens aus der Provinz, mit dem sich die in der WG vorübergehend untergekommene junge Journalistin Lotti aus Baden-Württemberg befasst. Sie wird während ihres Aufenthaltes in Bonn Wolfgang Schäuble interviewen, sich in Max verlieben und Wesentliches zur Aufklärung eines Verbrechens beitragen, das zunächst mit dem politischen Bonn in Verbindung gebracht wird und auch in Hilde Kessels Rheinblick Unruhe  auslöst.

 

Wer hat damit zu tun und wer war vor dem Misstrauensvotum in die Bestechungen verwickelt? Auch Hildes mühsam geheim gehaltene Vergangenheit kommt durch einen Abgeordneten wieder ans Tageslicht und gefährdet ihre Zukunft.

 

Brigitte Glaser hat auf eine geniale Weise die Lebensgeschichten der handelnden Personen miteinander verwoben und daraus einen nicht nur spannenden Roman gemacht, sondern sie ermöglicht dem jüngeren Leser, der diese Zeit nicht persönlich erlebt hat, einen wichtigen Einblick in eine Zeit, die zentral war für die Geschichte der Bundesrepublik.

 

Die gesamte Handlung umfasst nur den Zeitraum zwischen dem 18.11.1972 und dem 4.12.1972, eine Zeit, in dem politisch die Weichen für ein ganzes Jahrzehnt gestellt wurden.

 

Brigitte Glaser zeigt sich erneut als eine großartige Erzählerin. Sie ist sehr geschickt darin, die einzelnen Geschichten zu verweben und ihre Charaktere beinahe beiläufig in die anderen Handlungsstränge treten zu lassen.

 

Ein großer Roman.