Großstadt Wildnis. Auf Tiersafari in unseren Städten

 

 

 

Sven Meurs, Großstadt Wildnis. Auf Tiersafari in unseren Städten, Knesebeck 2019, ISBN 978-3-95728-233-0

 

Schon lange liest man immer wieder Meldungen und Berichte, dass Tiere, die als Wildtiere früher ausnahmslos in Wald, Feld und Flur gelebt haben, sich in unseren Großstädten fast unbemerkt einen neuen Lebensraum erobert haben, in dem sie sich sehr wohl fühlen, der ihnen Nahrung und Schutz bietet und an den sie sich hervorragend adaptiert haben.

 

Wenn man genau darauf achtet und die Hinweise kennt, kann man heute zwischen Häuserschluchten, Parks und Straßen die unterschiedlichsten wilden Tiere antreffen und beobachten.

So ist Berlin zur Hauptstadt der Wildschweine geworden, in München hat der Biber die Isar wiederentdeckt, Frankfurt am Main gilt als die Stadt der Vögel und in Düsseldorf hat sich der Eisvogel inmitten der Stadtparks angesiedelt. Warum das so ist, und wie man das Verhältnis zwischen den neuen Wildtieren und den eingesessenen Menschen und Tieren beschrieben kann, damit beschäftigt sich das vorliegende Buch „Großstadt Wildnis“ neben vielen anderen Fragen.

Der Fotograf Sven Meurs hat sich auf Entdeckungssafari begeben, zunächst durch die fünf größten Städte des Landes. Er hat die unterschiedlichsten Tiere in ihrem neuen Lebensraum fotografiert. Er erklärt in informativen Texten jeweils, warum die Tiere in die Städte kommen, wie sie in einer von Menschen geprägten Umwelt leben und überleben und auch, wie man sie schützen kann. Faszinierende Fotos dokumentieren das eindrücklich.

 

Er selbst und viele Menschen, mit denen er gesprochen hat und die sich für den Schutz und Erhalt von Wildtieren in der Stadt einsetzen, ist er der Meinung, dass diese Tiere den städtischen Raum und die Natur in der Stadt bereichern und nicht etwa stören.

 

Jedes einzelne Kapitel wird eingeleitet durch eine Aufmacherseite, die Jörg Hülsmann bezaubernd illustriert hat. Seine Zeichnungen zeigen die Silhouette der jeweiligen Stadt und ein dort heimisch gewordenes Tier.

 

Ausflugstipps für die eigene Naturbeobachtung runden dieses modern gestaltete Naturbuch ab, in dem sich durch die beeindruckenden Fotos die urbane Natur aus nächster Nähe erleben lässt.

 

 

 

Erst die Fakten, dann die Moral. Warum Politik mit der Wirklichkeit beginnen muss

 

 

Boris Palmer, Erst die Fakten, dann die Moral. Warum Politik mit der Wirklichkeit beginnen muss, Siedler 2019, ISBN 978-3-8275-0124-0

 

So wie sein Vater, den sie bei aller Gegnerschaft respektvoll den „Rebell vom Remstal“ nannten, ist sein Sohn Boris, seit 12 Jahren als Grüner Oberbürgermeister von Tübingen, nicht dafür bekannt, dass er jemals ein Blatt vor den Mund genommen hätte.

 

Sehr zum Ärger seiner Parteioberen, die ihm schon mehr als einmal nahegelegt haben die Partei zu verlassen. Besonders seine medialen Einlassen zur Flüchtlingspolitik seit 2015 haben immer wieder Widerspruch auf der einen und Zustimmung auf der anderen Seite erregt.

 

In seinem neuen bei Siedler erschienenen Buch zeigt sich der Kommunalpolitiker auch auf den Pfaden der großen Politik als sicherer und streitbarer Zeitgenosse. Sei es die Wohnungspolitik, die Debatte um die innerstädtischen Fahrverbote, die unsägliche Rolle der Bürgerinitiativen, die den Erfolg der Energiewende gefährden, Stuttgart 21 oder die semireligiöse Debatte um die Klimawandel, überall zeigt er  auf, „warum Politik mit der Wirklichkeit beginnen muss“ legt Wert auf die Fakten, plädiert für Vernunft und im Kapitel über die Sicherheit allerdings auch über die Bedeutung der subjektiven Gefühle der Menschen.

 

Er unterstützt, dass sich immer mehr Menschen  über Missstände in der Gesellschaft empören, mahnt aber gleichzeitig in Richtung der Klimaaktivisten und anderer nicht intolerant zu werden.

 

Frei heraus und ohne falsche Tabus spricht Palmer an, wo er Veränderungsbedarf im politischen und gesellschaftlichen Diskurs sieht. Seine Erkenntnisse zusammenfassend, formuliert er zum Abschluss seines lesenswerten und teilweise provozierenden Buches folgende zehn Thesen, die es wert sind, wahrgenommen und kritisch diskutiert zu werden:

These 1: Innerhalb gesellschaftlicher Bewegungen entstehen vermehrt radikalisierte Kerne

These 2: Die Staatsbürger entwickeln sich zu NIMBYS (not in my backyard)

These 3: Unbequeme Wahrheiten werden ausgeblendet

These 4: Komplexe Probleme werden an Experten delegiert

These 5: Risiken werden falsch bewertet

These 6: Großprojekte werden durchgesetzt, koste es, was es wolle

These 7: Die fortschreitende Spaltung der Gesellschaft reduziert das Gewicht der Fakten

These 8: Empörungskultur und  Identitätspolitik lenken von den wichtigen Problemen ab

These 9: Für wirtschaftliche Interessen können Fakten ein  Störfaktor sein

These 10: Die höheren Ebenen der Politik nutzen das Erfahrungswissen aus den Kommunen zu wenig

 

Es sei dringend Zeit für eine neue Aufklärung, sagt Boris Palmer. Ich wünsche seinem Buch und seinen Thesen dass sie im politischen Diskurs unserer Gesellschaft einen Widerhall finden. Wie schon in seinem Buch „Wir können nicht allen helfen“ schwimmt er auch hier oft gegen den Strom, kann sich aber durchaus bei fast allen seinen Themen der Zustimmung eines großen Teils der Bevölkerung sicher sein. Nur müsste diese Mehrheit die Wahrheit und die Fakten auch mutiger aussprechen und einfordern. Wenn sich über die Hälfte nach einer neuen Umfrage nicht mehr trauen, das zu sagen, was sie wirklich denken, ist es an der Zeit, dem entgegenzutreten und zum Engagement zu ermutigen. Boris Palmer tut das mit seinem neuen Buch auf vorbildliche  Weise.

Du und die anderen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Suzanne Stabile, Du und die anderen, Adeo 2019, ISBN 978-3-86334-242-5

 

In diesem Buch der langjährigen Enneagramm-Trainerin Suzanne Stabile kann man nicht nur eine verständliche Einführung in das Prinzip des Enneagramms lesen, also die neun verschiedenen Persönlichkeitstypen und damit Zugänge, die Welt zu erleben, sondern sie zeigt anhand der neun Typen, wie diese ticken und wie sie mit Konflikten in ihrem Leben und mit anderen Menschen umgehen. Das seit vielen Jahren sich bewährende System des Enneagramms beschreibt nämlich sehr genau, wie die unterschiedlichen Persönlichkeitstypen von eins bis neun in ihrem Charakter gestrickt, was sie im Innersten antreibt, oft auch unbewusst.

 

Wer also die Typen des Enneagramms kennt und das System des Aufbaus dieser Typologie, kann nicht nur sich selbst und das eigene Verhalten in Beziehungen viel besser einschätzen und verstehen, sondern es gelingt ihm auch, die Welt mit den Augen des anderen, mit dem man vielleicht eine gestörte Beziehung hat zu betrachten und zu verstehen.

 

Wenn das gelingt, wird es möglich, auf Konflikte anders, gelassener zu reagieren. Weg von der schnellen Bewertung und Verurteilung des anderen und damit Zementierung des Konfliktes hin zu besserem Verständnis des anderen.

 

Suzanne Stabile versteht das Enneagramm als ein „Übersetzungstool“ für Beziehungen. Ein Modell, das hilft sich selbst und den anderen in seinen tiefsten Beweggründen zu verstehen. Ihr Buch ist voll von eindrücklichen Beispielen und nicht selten mit viel Humor gewürzt. Es will und kann zu gelingenden, liebevollen und von Verständnis geprägten Beziehungen helfen, Beziehungen, die gelingen, weil man den anderen besser verstehen kann in dem, was ihn im Innersten antreibt und bewegt.

 

Aus Selbsterkenntnis zum Verständnis des Mitmenschen kommen – ein vielversprechender Weg.

 

 

Das Leben spielt hier

 

 

 

Sandra Hoffmann, Das Leben spielt hier, Hanser 2019, ISBN 978-3-446-26433-5

 

Die für Ihre Romane mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin Sandra Hoffmann (zuletzt der Hans-Fallada-Preis für „Paula“) veröffentlicht mit „Das Leben spielt hier“ ihr erstes Jugendbuch.

In einem zunächst gewöhnungsbedürftigen sehr knappen Stil, der besonders die vielen Dialoge sehr eigenwillig darstellt, beschreibt sie im Vordergrund mit vielen Rückblicken versehen die zarte Liebesgeschichte von Ona und Peer, der nur Pe genannt wird. Als Ona Pe beim Surfen am Strand zum ersten Mal sieht, spürt sie gleich die Anziehung, die dieser Junge auf sie ausübt. Irgendetwas in seinen Augen trifft sie mitten ins Herz. Sie will diesen schweigsamen Jungen mit der Narbe am Kopf unbedingt kennenlernen.

Als sie sich einige Zeit später wieder begegnen, werden sie schnell ein Paar. Langsam und von Sandra Hoffmann mit intensiver erzählerischer Kraft beschrieben öffnen sie sich einander und es wird deutlich, dass sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben, die sie verwundbar gemacht haben. Ona hat ihre Mutter verloren und Pe hat einen von seinem Bruder wohl verschuldeten Verkehrsunfall im Gegensatz zu ihm überlebt.

 

Eine wichtige Rolle bei der heilenden Öffnung des jungen Paares füreinander spielt Kriedel, ein alleinstehender Buchhändler, bei dem Pe viel Zeit verbringt beim Anschauen von Übertragungen von Surfwettbewerben aus aller Welt.

Beim Versuch, Ona und Pe nach einem schweren Missverständnis, das wie ein Block zwischen ihnen steht und mit Danis Tod zu tun hat, wieder zu versöhnen, sagt Kriedel die für das Buch zentralen Sätze über Schuldgefühle, unter denen alle drei leiden:

„Man kann einfach nur besser leben, wenn man verzeihen kann. Dann ist man wieder frei. Dann  geht auch diese schlechte Gefühl, das einen richtig beißen kann, wieder weg.“

 

Denn auch Kriedel quält sich, weil er vor einiger Zeit seine Partnerin Matilda verloren hat. Sie ist einfach gegangen. Kriedel entschließt sich, sie zu suchen und Ona und Pe begleiten ihn in Kriedels altem Käfer auf dem Weg nach Spanien.

 

Auf diesem Weg nach Süden kommt vieles aus der Vergangenheit der drei ans Tageslicht. Pe erzählt zum ersten Mal (auch seinem Therapeuten Potasche hat er nie davon berichtet) wie es zu dem tragischen Unfall kam, bei dem sein Bruder ums Leben kam, Ona erinnert sich an ihre Mutter und Kriedel erzählt den wahren Grund; warum Matilda ihn sozusagen über Nacht verlassen hat.

Diese Öffnungen sind schmerzhaft, doch alle drei erleben in zunehmender menschlicher Nähe, wie durch sie die lange ersehnte Heilung beginnen kann.

 

„Das Leben spielt hier“, ein Satz den Kriedel einmal zu Pe sagt, bevor sie nach Spanien aufbrechen, ist ein Buch, das mit viel Herzenswärme von einer ersten großen Liebe erzählt und davon, dass auch nach großen Verlusten eine Heilung der von Schuldgefühlen und Schmerz zerfressenen Seele möglich ist.  Das Geheimnis liegt darin, sich zu öffnen, sich verwundbar zu machen und die Liebe zuzulassen.

 

Es ist nie zu spät dafür.

 

 

 

Das Stundenbuch des Jacominus Gainsborough

 

 

Rebecca Dautremer, Das Stundenbuch des Jacominus Gainsborough, Insel Verlag 2019, ISBN 978-3-458-17838-5

 

„Ich rate dir, dir Zeit zu nehmen und genau hinzuschauen, du wirst eine Menge entdecken.“ Das schreibt Rebecca Dautremer, die 1971 geborene Autorin und Illustratorin des vorliegenden Buches für kleine und große Leser diesen in einem Vorwort ins Stammbuch. Die große Übersetzerin Eva Moldenhauer hat dieses wunderbare und zauberhafte Buch aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt, als eines ihrer letzten Arbeiten, bevor sie im April 2019 starb.

 

Das Buch erzählt wie in einem Stundenbuch vom Leben und den Erlebnissen und Erfahrungen von Jacominus Gainsborough.  Klein ist er, sehr klein in dieser großen weiten und auch unübersichtlichen Welt. Rebecca Dautremer erzählt seine Geschichte, von seiner Geburt als geliebtes Kind mit durchaus schwierigen Eltern bis zu seinem letzten Atemzug. Es ist das Leben eines kleinen Kaninchens. Es ist zerbrechlich, verträumt, es kennt glückliche und unglückliche Zeiten, liebevolle und traurige Stunden.

 

Auf jeder zweiten Doppelseite, mit weißem Hintergrund, füllt er als einmaliges Individuum den Raum und verschmilzt dann wieder mit den großartigen Fresken voller Details und Figuren seiner Umwelt. Es ist schwer, dort seinen Platz zu finden, so klein wie er ist, mit dieser verletzten Pfote, die seit einem bösen Sturz sein Leben verlangsamt. Aber Schritt für Schritt geht er voran, bescheiden und tapfer, gestützt auf seine Krücke und von der Liebe, die er in sich trägt.

 

Die zauberhaften und prächtigen Illustrationen machen die vielen unterschiedlichen Emotionen von Jacominus deutlich sichtbar. Jede neue Seite begleitet ihn auf seinen Wegen, seinen Träumen, seinen Hoffnungen und Ängsten, vor allem aber seiner Liebe, die er in sich trägt von Anfang an.

 

In zwölf Szenen, von den Jahreszeiten bestimmt, unterstrichen durch drei Mehrfachbilderrahmen und etwa zehn Portraits der Titelfigur, ist dies die Geschichte eines Lebens.

Ein wunderbares Buch für Jung und Alt, das mit dem Europäischen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, und dem ich auch in Deutschland viele wache Leser und nachdenkliche Betrachter wünsche.