Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Wo kommen die Worte her?

 

 

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Hans Joachim Gelberg (Hg.), Wo kommen die Worte her? Neue Gedichte für Kinder und Erwachsene, Beltz & Gelberg 2011, ISBN 978-3-407-79986-9

Dieses wunderbare Buch, das Hans-Joachim Gelberg in seinem eigenen Verlag herausgegeben hat, ist ein ganz besonderes seiner Art. Und das nicht nur, weil es sich mit Gedichten befasst, für Kinder und für Erwachsene. Ein Buch für alle Lebensalter, und auf keinen Fall von vorne nach hinten zu lesen. Eher, so empfiehlt Gelberg, sollte man es lesen nach dem Prinzip der Flaschenpost, einfach lesen, was man zufällig findet.
Gelberg hat schon in früheren Anthologien Gedichte vor allem für Kinder zugänglich gemacht. Seine im Jahr 2000 erstmals erschienene Anthologie „Großer Ozean“ bot einen breitgesteckten Überblick über neue, aber auch ältere Kindergedichte. Hinzu kamen Texte der modernen Lyrik und ein Streifzug durch die Weltpoesie, die bislang kaum für Kinder genutzt wurde. In einem aufschlussreichen Nachwort über den Umgang mit Gedichten mit dem Titel „Klopfzeichen der Kinderpoesie“ sprach er vor allem die Erwachsenen an, ohne die Kinder wohl kaum einen Zugang zu dieser umfassenden Sammlung bekommen werden.

All dies gilt auch für die neue Sammlung,  die 2011 unter dem Titel „Wo kommen die Worte her?“ zu ersten Mal erschien, das neben mehr oder weniger bekannten Gedichten auch 180 Originalbeiträge zugänglich macht, persönlich und handverlesen zusammengestellt von Hans-Joachim Gelberg. Sie laden Kinder und Erwachsene zum Mitmachen ein und zum Nachspüren.

Die akribisch ausgesuchten Illustrationen lockern die Texte auf. Texte, die einen schier unerschöpflichen Poesievorrat darstellen für eine lange Zeit. Ein Buch, dem zu wünschen ist, dass es kleine und große Menschenkinder in die Welt der Gedichte einführt und sie dort heimisch werden lässt.  Ihr Leben wird reicher dadurch.

Konrads Schatten

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Matze Döbele, Konrads Schatten, Kunstanstifter Verlag 2015, ISBN 978-3-942795-23-4

Dass jeder Mensch einen Schatten hat, verstehen die meisten nur in einem Sinne, dass ihre Gestalt nämlich bei entsprechender Beleuchtung einen Schatten wirft. Weniger bekannt aber nicht weniger wichtig, ist die Erkenntnis C.G.Jungs vom Schatten, das heißt der meist unbekannten bzw. unbewussten Seite der eigenen Persönlichkeit, die uns nicht nur schwer zugänglich, sondern auch nicht sehr sympathisch ist und die wir lieber wegdrücken.

Doch genauso wie man den durch Licht hervorgerufene Schatten nicht vertreiben kann, ist auch der andere vorhanden und wirksam. Oft erfahren wir erst durch andere („blinder Fleck“) oder durch entsprechende Selbstintrospektion von hm und lernen mit ihm umzugehen. Menschen, die ihre eigenen Schattenseiten kennen und vor allem in ihre Persönlichkeit integrieren, leben bewusster und vielleicht auch glücklicher.

Der im Schwarzwald, wo die Sonne häufig scheint und die Schatten lang werden können, 1975 geborene Illustrator Matze Döbele hat diesen Zusammenhang in einem Bilderbuch für Kinder versucht darzustellen.  Dazu hat er die Geschichte  von Konrad erfunden, dessen „Schatten“ ihn nicht nur in der Schule immer wieder in Schwierigkeiten bringt.

Er erlebt schlussendlich, wie wichtig und nützlich es ist, einen Schatten zu haben. Ausdrucksstarke Bilder werden nicht nur Kinder begeistern sondern dieses Buch auch für Erwachsene zu einer lehrreichen Lektüre werden lassen.

Ein Bilderbuch für Groß und Klein.

Alle Kinder

 

 

 

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Anke Kuhl, Alle Kinder (mini) ,Klett-Kinderbuch 2013, ISBN 978-3-95470-082-0

Dieses außergewöhnliche Bilderbuch ist nichts für zartbesaitete Eltern und Erwachsene. „Entsetzlich lustig und erfrischend böse“ will es ein ABC-Buch für ausgeschlafene Leseanfänger sein. Ein ABC der Schadenfreude, das für die Kinder heute so normal ist wie nur irgendetwas. Etwa jener Reim, der seit langem von einer Schülergenerationen an die andere weitergegeben wird:
„Alle Kinder gehen zum Friedhof.
Außer Hagen – der wird getragen.“

Kinder finden solche schadenfreudigen Reime originell, und auch wenn sie sonst nicht gerne Gedichte lernen und aufsagen, solche Verse können sie alle dichten. Noch ein paar Kostproben gefällig?

„Alle Kinder laufen ins Haus.
Außer Fritz – den trifft der Blitz.“

„Alle Kinder lesen dieses Buch. (nämlich „Alle Kinder“)
Außer Xaver – der ist ein Braver.“

Man muss nicht erschrocken zurückweichen vor diesem trockenen Kinderhumor, der in diesem Buch mit lustigen und originellen Zeichnungen von Anke Kuhl in Szene gesetzt wurde.

Mir hat das Buch gefallen und ich bin sicher, Kinder ab etwa 5 Jahren sind von diesen Reimen begeistert und können sehr wohl den schwarzen Humor dahinter identifizieren.

Die hier vorliegende Miniausgabe ist handlich, preisgünstig aber keinen Deut weniger witzig.

Rübezahl

 

 

 

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Maren Briswalter, Rübezahl,  Urachhaus 2015, ISBN 978-3-8251-7812-3

In einer wunderschönen und kindgerechten Sprache hat Erich Jooss in diesem von Maren Briswalter mit zauberhaften und magischen Bildern illustrierten Buch für Kinder ab dem Grundschulalter die aus dem Riesengebirge stammenden Sagenerzählungen über den „Rübezahl“ nacherzählt und so nicht nur interessierten Kinder zugänglich gemacht, sondern auch Erwachsenen die  Möglichkeit gegeben, die Sagenwelt des Riesengebirges und den sie bestimmenden Rübezahl kennenzulernen.

Ein roher und ungestümer Berggeist ist er,  der so manchem mit Freude einen Streich spielt.  Auf der anderen Seite ist Rübezahl aber auch ein gutes und hilfsbereites Wesen, dessen Handlungen sich tief in das kulturelle Gedächtnis der Bevölkerung eingeprägt haben.

Ein schönes Buch mit tollen Bildern zum Betrachten, einer gelungenen Auswahl von Geschichten zum Vorlesen oder Selberlesen für Kinder und Erwachsene.

Schnip

 

 

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Claudia Lagermann, Hanneke Siemensma, Schnip, Bohem 2015,  ISBN 978-3-95939-015-6

Mit wunderbar warmen Farben illustriert, erzählt dieses schöne Bilderbuch aus den Niederlanden die Geschichte eines kleinen Vogels, der eine verzögerte Entwicklung durchmacht, wie Kindertherapeuten sagen würden.

Schnip, so heißt der kleine Vogel, hat alles, was ein Vogel braucht: einen  Schnabel, zwei Beine und zwei Flügel. Doch während seine Freunde eifrig in den Bäumen hoch oben Verstecken spielen, muss Schnip dabei zusehen, denn er kann nicht fliegen.

Fassungslos sieht er auch mit an, wie alle anderen Vögel, als der Winter naht, sich aufmachen in den warmen Süden. Er muss allein zurückbleiben. Doch noch bevor er darüber recht nachdenken kann, sieht er einen  roten Schal vorbeifliegen. Er gehört einer Maus, der der Wind die warme Zudecke gestohlen hat. Mit einem Satz fasst Schnip den Schal aus der Luft und hinterlässt eine dankbare Maus. Genauso hilft er in der Folge einem Eichhörnchen, einem Frosch und einem Igel bei ihrer jeweiligen Vorbereitung für den Winter. Als er danach einen Maulwurf trifft, der über seine kalte Höhle klagt, hat Schnip wieder eine hilfreiche Idee. Und sie verbringen, gewärmt von Schnips Flügeln, den kalten Winter unter der Erde.

Als die ersten warmen Sonnenstrahlen des Frühlings Schnip wieder nach oben treiben, da wartet nicht nur ein schönes Fest auf ihn, das die Tiere, denen er geholfen hat, mit ihm feiern wollen, sondern auch eine weitere Überraschung. Als seine Vogelfreunde aus dem Süden zurückkommen und Schnip ihnen aufgeregt seine Abenteuer erzählen will, da sieht er alle plötzlich von oben  – er kann  fliegen!

Ein schönes Bilderbuch darüber, dass manches etwas länger dauert und man die Zeit dazwischen gut nutzen kann. Darüber, wie auch kleine Wesen zu Helden werden können und wie so manches ganz von alleine kommt, wenn  man gerade nicht damit rechnet. Wunderbar.

Chuzpe, Anarchie und koschere Muslime

 

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Johannes C. Bockenheimer, Chuzpe, Anarchie und koschere Muslime, Pantheon 2015, ISBN 978-3-570-55276-6

 

In vielen in den vergangenen Jahren erschienen Büchern haben Autoren versucht zu verstehen und zu beschreiben, was in Israel innenpolitisch und gesellschaftlich vor sich geht. Sie haben Ursprünge lebendig gemacht und Perspektiven für die Zukunft aufgezeigt. Von all diesen Büchern sei Carlo Strengers 2011 erschienenes Buch „Israel“ genannt. Darin wurde folgendes deutlich:

Israel geht seit einigen Jahren durch eine der schwersten Krisen seit der Staatsgründung 1948. Nach außen ist das Land isoliert, selbst bei wohlwollenden Politikern und Intellektuellen in Europa rufen die Entscheidungen der Regierung nicht nur großes Unverständnis, sondern mehr und mehr unverhohlene Ablehnung hervor.

Vom Friedensprozess mit den Palästinensern ist keine Rede mehr, Araber und Juden leben im Alltag mit gegenseitiger Verachtung nebeneinander her und der eskalierende, hier in Europa kaum wahrgenommene Kampf zwischen den religiösen und den säkularen Juden nimmt Formen an, die nicht erst seit gestern die Grundfesten der israelischen Gesellschaft bedrohen, die innerlich mehr und mehr zerreißt.

Mit Hilfe der Psychohistorie und mit unzähligen Beobachtungen aus dem Alltag versuchte Carlo Strenger in diesem nach wie vor lesenswerten Buch den deutschen Lesern Einsichten zu vermitteln in die auch historisch gewachsene Mentalität des Landes und sich damit jenseits der weltweit eingefahrenen Wahrnehmungen Israels zwischen Dämonisierung und Idealisierung zu verorten.

Er plädiert für die mentale Abrüstung der Projektionen auf allen Seiten, die er nachvollziehbar und transparent darstellt. Dabei versucht er, das menschliche Bedürfnis nach Sinnsuche nicht zu übersehen. Diese Kategorie taucht in seinem Buch immer wieder auf. Er kommt zu dem Schluss, dass nur eine Politik jenseits des Erlösungsbedürfnisses, die mit der Unvollständigkeit der menschlichen Existenz Frieden geschlossen hat, Israel und dem Nahen Osten Frieden bringen kann.

Ganz anders, aber mit dem gleichen leidenschaftlichen Impetus, Israel, das er durchaus auch als sein Land versteht, versucht der deutsche Journalist Johannes C. Bockenheimer das aktuelle Israel zu beschreiben und zu einem persönlichen, für den Leser nachvollziehbaren Verständnis zu kommen. Er begegnet Schriftstellern wie Amos Oz, führt Gespräche mit Politikern, Rabbis und Managern, aber auch mit ganz normalen Menschen, die sonst niemand um ihre Meinung bittet über ihr Land.

Er konfrontiert diese ernüchternden Bestandsaufnahmen immer wieder mit der Gründungsidee von Theodor Herzl und mit dem, was die vielen Menschen bewegte, die teilweise schon vor dem Zweiten Weltkrieg in Palästina einwanderten und vor und nach der Staatsgründung das Land trotz immer stärker werdenden militärischen Bedrohungen durch die Araber und Kriege mit ihnen das Land zum Blühen brachten.

Doch Bockenheimer resümiert: „Der Staat Israel existiert zwar, Herzls Versprechen aber, dass mit dem Judenstaat auch der Judenhass Geschichte sein würde, hat sich als Märchen erwiesen. Herzl ist nicht an den Zionisten gescheitert, sondern an den Antisemiten.“

Johannes Bockenheimer ist mit einer lockeren Sprache ein Buch gelungen, das nicht nur ein wichtiges Panorama der gegenwärtigen israelischen Gesellschaft liefert, sondern auch eine unterhaltsame und stellenweise regelrecht witzige Lektüre ist.

 

Vorsicht Operation

 

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Meike Hemschmeier, Vorsicht Operation, Pantheon 2015, ISBN 978-3-570-55250-6

 

Die Journalistin Meike Hemschmeier legt mit diesem Buch die erschütternden Ergebnisse einer systematischen Investigation unserer Krankenhäuser ab und dem System, nach denen sie arbeiten. Sie legt überzeugend dar, „wie wir zu Kranken gemacht werden und was wir dagegen tun können“.

Weil Krankenhäuser Operationen sehr gut bezahlt bekommen im Gegensatz zu anderen Leistungen, die die Menschen vielleicht stattdessen bräuchten, steht Deutschland weltweit an der Spitze der Operationen pro Einwohner. Viele davon sind unnötig und setzen die Patienten hohen Risiken aus, von denen die meisten nichts ahnen. Meike Hemschmeier weist nach, dass man in der Regel sich vor solchen unnötigen Eingriffen, oft als Ergebnis einer regelrechten „Jagd auf operierbare Patienten“, auch schützen kann, in dem man sich rechtzeitig kümmert um Alternativen, Zweitmeinungen einholt und auch langwierigen therapeutische Heilverfahren als Alternative nicht scheut.

Der Rezensent, der in den letzten Wochen jeden Tag in einem Krankenhaus verbracht hat, hat in dieser Zeit vor allem die Qualität und die Kompetenz des ärztlichen und des Pflegepersonal zu schätzen gelernt. Auch dies, so will ich betonen, ist ein Teil unserer Gesundheitssystems, mit dem die meisten Ländern dieser Welt sofort tauschen würden. Die Missstände, die Meike Hemschmeier aufdeckt, haben andere Gründe. Die noch in staatlicher oder kirchlicher Trägerschaft befindlichen Kliniken stehen vor dem finanziellen Aus, immer mehr Fusionen knappern an der Qualität, vom Pflegeschlüssel bis zum Auslagern nicht nur der Raumpflege und die Übernahme dieser ehemals unabhängigen Häuser in privatwirtschaftliche Hände die Helios und andere setzt die Gewinnorientierung an erste Stelle. Die Heilung des Menschen rutscht dann nach hinten.

Am Ende ihres Buches kann die Autorin keine Aspekte der Besserung sehen. Sie hält es aber für wichtig, dass potentielle Patienten, und das sind alle Leser, ihre Sorglosigkeit verlieren, und ein Stück Kontrolle über ihr eigenes Leben wieder gewinnen.

Ein ernüchterndes Buch.

 

 

 

 

 

 

Muscle Cars

 

 

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Darwin Holmstrom, Muscle Cars. Die fettesten Karren der Sechziger, Delius Klasing 2015, ISBN 978-3-667-10309-3

 

 

Nie wieder wird es eine Zeit geben wie die, in der die Muscle Cars ihren Höhepunkt erlebten. Als John Zachary DeLorean und seine enthusiastischen Mitstreiter auf eigene Kappe die fetteste Pontiac-Maschine in eine Mittelklasse-Karosse fallen ließen, schufen sie etwas, was es nach dem Willen der Bosse niemals hätte geben dürfen. Und was es niemals wieder geben wird: das Muscle Car.

Wer diese Projektile auf Rädern liebt, ist froh, dass sich auch die Unvernunft einmal durchsetzen durfte. Und dass es jetzt dieses Buch gibt. „Muscle Cars. Die fettesten Karren der Sechziger“ feiert die besten und seltensten Muscle Cars.

Indem er unter verschiedenen Lichtverhältnissen entstandene Aufnahmen übereinanderlegte, erschuf der Fotograf Randy Leffingwell für dieses Buch mit dem sogenannten Light Painting großartige, multidimensional wirkende Aufnahmen – jedes seiner Bilder ein Kunstwerk, so wie die Autos selbst. Und Autor Darwin Holmstrom liefert dazu nicht nur die Geschichte und die technischen Daten der Muscle Cars, sondern vielmehr Maschinen-Portraits, die den Fotografien ebenbürtig sind. Was braucht es mehr?

Zwei absolute Cracks auf ihrem Gebiet zeigen unter anderem:

• von General Motors: 1970 Buick GSX STAGE 1, 1970 Chevrolet LS6 Chevelle SS454, 1968 YENKO SUPER Camaro, 1970 Oldsmobile 442 W-30 Convertible, 1969 Pontiac GTO JUDGE Convertible, …
• von MoPar (Chrysler): 1970 AMC Javelin TRANS AM, 1969 Dodge Charger DAYTONA, 1963 Plymouth Sport Fury 426 MAX WEDGE, 1971 Plymouth ’Cuda HEMI Convertible, …
• von Ford: 1966 Ford Lightweight 427 Fairlane, 1968 Shelby GT500KR, 1969 Ford Mustang BOSS 429, 1968 Mercury Cougar GT-E 427, …

Dieser Bildband enthält die seltensten, absoluten Top-Modelle, die heute kaum noch auf der Straße zu sehen sind.

Für Fans dieser Autos ist das Anschauen und das Durchblättern durch dieses Buch ein wahrer Genuss. Für den kritischen Zeitgenossen sind sie Symbole einer Zeit, in der das Benzin billig, der Gedanken an die Umwelt noch weit entfernt und das Fahren einer solchen Kanone noch nicht mit schlechtem ökologischem Gewissen verbunden war. Wie auch immer. Heute ist sind es die großen und kleinen SUVs , die den Zorn der Ökologen hervorrufen und insbesondere bei Frauen immer mehr Anhänger finden. Insofern bleiben die Spleens der Autonarren und die Kritik der Umweltschützer immer gleich. Es soll ja Leute geben, die die Autos ernsthaft abschaffen wollen ….

 

Was sich bewährt hat

 

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Inge Friedl, Was sich bewährt hat. Begegnung mit alter Lebensweisheit, Styria 2015, ISBN 978-3-222-13522-4

 

Je komplexer, schneller und krank machender unsere Gesellschaft und unser ganzer Lebensstil werden, je mehr wachsen oft unklare und naive Sehnsüchte nach einem einfachen Leben, oder mindestens einem einfacheren als dem, unter die Menschen ächzen und stöhnen.

Die Österreicherin Inge Friedl hat es sich seit vielen Jahren zur Aufgabe gemacht, im Land herumzureisen und Menschen und Familien zu befragen nach ihrem Leben in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Für ganz unterschiedliche, ausnahmslos sehr interessante Buchprojekte hat sie diese Gespräche mit Menschen in ländlichen Gebieten geführt.

Wie sie selbst schreibt, ist in ihr im Laufe der Zeit eine tiefe Hochachtung gewachsen, für diese Menschen, ihre Kultur und ihre Lebensweise. In einer Zeit ohne Strom und fließendes Wasser, stammte fast jedes Kleidungsstück aus der eigenen Produktion. Die Menschen waren aufeinander angewiesen und verbrachten jede freie Zeit miteinander, weil es nichts anderes gab.

Bei aller Bewunderung für die Lebensweise ihrer vielen alten Gesprächspartner, stellt Inge Friedl fest, dass es die gute alte Zeit so nie gegeben hat und ihr ist die Zwiespältigkeit der Erinnerung daran auch durch ihre Bücher bewusst.

Aber sie geht davon aus, dass es vielleicht das eine oder andere gibt, was wir heute von den Alten lernen können, was sich lohnt wiederentdeckt zu werden und bewahrt.

Bewahren sollte man das, was sich bewährt hat. Dem geht Inge Friedl in ihrem neuen Buch nach. Da geht es um Gemeinschaft, die sich durch Reden konstituiert und erhält, um Zufriedenheit, die sich von Gelassenheit ernährt und um einen sorgfältigen Umgang mit der Zeit. Die Kraft der Sonntagsruhe wird beschrieben und die Fähigkeit, auch einmal auf etwas warten zu können.

Es geht um gesundes und bewusstes Essen jenseits zeitgenössischer Ernährungsideologien, um Bescheidenheit im Leben, um das Glück, das das gemeinsame Singen bereitet und um einen würdigen Umgang mit der Trauer und den Tod.

Ein empfehlenswertes und gar nicht reaktionär daherkommendes Buch über die Notwendigkeit und das Glück eines neuen Lebensstils, der sich nährt aus dem Erfahrungsschatz alten Wissens.

Schlaf der Vernunft

 

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Tanja Kinkel, Schlaf der Vernunft, Droemer 2015, ISBN 978-3-426-19967-1

Tanja Kinkel, geboren 1969, ist eine der erfolgreichsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen in unserem Land.  In über ein Dutzend Sprachen übersetzt, feiern ihre Romane auch im Ausland große Erfolge. Thematisch hat sie bisher eine  große Bandbreite bewältigt: von der Gründung Roms bis hin  zum Amerika des 21. Jahrhunderts reicht ihr literarisches Spektrum.

Nun hat sie sich in ihrem neuen Roman „Schlaf der Vernunft“, einer Thematik gewidmet,  die sie wahrscheinlich auch persönlich schon lange umtreibt. Die Geschichte der Rote Armee Fraktion und ihres Terrors in der alten Bundesrepublik und die Debatten um die Begnadigung verurteilter Terroristen, die Ende der neunziger Jahre die innenpolitische Debatte in der Republik für eine kurze Zeit bestimmte.

Sie hat dazu Figuren erfunden, wie es sie in der Realität durchaus gegeben haben könnte. Geschickt verwebt sie hervorragend recherchierte historische Fakten und Geschehnisse mit einer intensiven Beziehungsgeschichte zwischen einer Tochter und ihrer Mutter.

Die Tochter, Angelika Limacher, hat, nachdem ihre Mutter Martina Müller in den siebziger Jahren nach dem Tod von Holger Meins in den Untergrund ging, jeglichen Kontakt mit ihr abgebrochen. Als Martina Müller nun im Jahr 1998, der Gegenwartsebene des Romans, im Rahmen einer innenpolitisch motivierten Initiative der Regierung begnadigt wird, hat das Folgen nicht nur für ihre Tochter, sondern auch für die ehemalige Sympathisantin und jetzige Bundestagsabgeordnete Renate, die bei den Grünen aufgestiegen ist und sich in der möglichen neuen rot-grünen Regierung ein Regierungsamt erhofft.

Folgen hat die Freilassung von Martina Müller aber auch für die Verwandten der Opfer jenes Anschlages auf den Staatssekretär Werder, für den Martina Müller verurteilt wurde und für den einzigen Überlebenden, den Personenschützer Steffen.

Tanja Kinkel hat ihren Roman so aufgebaut, dass die Frage, wie sich all diese Personen ihrer Vergangenheit stellen, wie so etwas wie Verarbeitung des damaligen und aktuellen Geschehens möglich ist, verknüpft wird mit der Rekonstruktion dessen, was damals geschehen ist. In zahlreichen Rückblicken erzählt sie Martinas und auch Renates Geschichte einer politischen Radikalisierung, die für die eine im bewaffneten Kampf und für die andere im Marsch durch die Institutionen endete.

Deutlich wird vor allem dem Leser, der diese bleierne Zeit nicht miterlebt hat, wie sich der RAF-Terror entwickelte und wie er lange, unverarbeitet, wie ein Schatten über dem ganzen Land lag. Vom Kaufhausbrand in Frankfurt, über die Befreiung Baaders u.a. bis hin zum Göttinger Mescaleroartikel im Jahr 1977 wird die Geschichte literarisch sehr gut aufbereitet und in eine dichte Rahmenhandlung eingewoben, in der das Verhältnis zwischen Angelika und ihrer Mutter im Mittelpunkt steht. Die vielen Gespräche, die sie nach ihrer Freilassung auf Sylt führen, wohin die beiden zunächst einmal auch gegen den Willen von Angelikas Mann Justus  gefahren sind, waren für mich der inhaltliche Schwerpunkt eines Buches, das versucht zu verstehen, wie aus einer normalen Frau eine Mörderin werden konnte, und wie alle Beteiligten nach 20 Jahren zum Teil verzweifelt versuchen, mit den Folgen dieser Tat in ihrem Leben fertig zu werden.

Gibt es so etwas wie Reue und Einsicht auf der einen Seite? Und gibt es  einen denkbaren Ansatz von Versöhnung und Neuanfang auf der anderen?  Das Buch gibt keine eindeutige Antwort, aber es stellt die richtigen Fragen.

Wer sich mit der Geschichte der RAF befassen will im Kleid eines spannenden und bewegenden Romans, dem sei dieses Buch sehr empfohlen.