Alle Beiträge von Winfried Stanzick

Bretonischer Stolz. Kommissar Dupins vierter Fall

 

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Jean-Luc Bannalec, Bretonischer Stolz. Kommissar Dupins vierter Fall, Kiepenheuer & Witsch 2015, ISBN 978-3-462-04813-1

 

Eine neue literarische Stimme macht sich seit einiger Zeit erfolgreich auf dem hart umkämpften deutschen Krimimarkt bemerkbar. Während viele Jahre lang erfolgreiche Serien wie etwa Donna Leons Romane um den Commissario Brunetti aus Venedig schon seit langem an Langeweile und immer mehr von dem Gleichen nicht zu überbieten sind, hat der in Deutschland und in Frankreich lebende Autor unter dem Pseudonym Jean Luc Bannalec sich mit seinem ersten Roman, seinen ersten Fall für Kommissar Dupin mit einem sogar von der etablierten Literaturkritik beachteten Paukenschlag zu Wort gemeldet.

„Bretonische Verhältnisse“ und auch der zweite Band „Bretonische Brandung“ waren Kriminalromane, die uns nicht nur einen kantigen, menschlich authentischen Kommissar mit einer eigenen, kritischen Meinung präsentierten, sondern auch eine überaus spannende und anspruchsvolle Handlung. Daneben glänzten beide Bücher mit ganz wunderbaren Beschreibungen der einzigartigen Natur des Finstere und des Atlantiks.

Während der dritte Band „Bretonisches Gold“ viele Schwächen und Längen hatte, kehrt Bannalec mit seinem vierten Band „Bretonischer Stolz“ nicht nur zur Qualität der ersten Bücher zurück, sondern übertrifft sie sogar.

Dieses Mal geht es um Mordfälle, die in einem engen Zusammenhang stehen zum einen mit der Austernzucht im Belon, einem einzigartigen kleinen Fluss im Süden des Finistere und zum anderen mit der engen Verbindung zwischen den keltischen Ursprüngen der bretonischen Kultur und der in Schottland.

Es beginnt damit, dass eine alte Filmdiva, die dort ihren Lebensabend verbringt, am Belon, dort wo die weltberühmten Belonaustern gezüchtet werden, kurz vor Ostern die Leiche eines Mannes entdeckt. Doch als die Polizei eintrifft, ist sie schon wieder verschwunden. Kurz darauf wird aus den sagenumwobenen Hügeln der Monts d` Arree eine weitere tote Person gemeldet, deren Identität völlig unbekannt ist.

Gleichzeitig gehen Gerüchte von umfangreichen Sandräuben in der Gegend um, die Kommissar Dupin zunächst nicht so ernst nimmt, obwohl einer seiner Mitarbeiter sich wahnsinnig reinhängt in diese Sache und später von Dupin gegenüber dem Präfekten gedeckt werden muss. Doch das ist nur eine Nebenhandlung des Buches, dessen Hauptthema die Austern sind und der „bretonische Stolz“, der sich stützt auf eine alte Kultur, die die Bretonen mit vielen Brudervölkern verbindet und die im nach wie vor lebendigen Druidenkult ihre spirituelle Wurzel hat.

Wieder ermittelt Kommissar Dupin mit seiner Mannschaft auf seine ureigene Weise. Im Büro hat er mit Nolwenn eine Mitarbeiterin, die ähnlich wie Brunettis Sekretärin nicht nur eine Unmenge an Beziehungen und Ortskenntnissen hat, sondern über die Bannalec seinen Lesern auch immer wieder interessante kulturgeschichtliche Informationen über bretonische Geschichte und Kultur vermittelt.

Dupin ist ein eher introvertierter Ermittler, der ein, zwei Tage lang alles, was er sieht und beobachtet, einem dicken Notizbuch anvertraut. Seine Mitarbeiter und erst recht den Präfekten lässt er bis zur Lösung des Falles im Unklaren über sein Vorhaben, das ihm irgendwann in den letzten Stunden vor der endgültigen Auflösung glasklar vor Augen steht. So auch hier in dem neuen Fall, in dem zwei unbekannte Tote zunächst große Rätsel aufgeben. Doch nach und nach werden Beziehungen und Abhängigkeiten deutlich, die weit in die Vergangenheit zurückreichen.

Dupin hat eine an Maigret erinnernde Art zu ermitteln, die seine Mitarbeiter fast zur Verzweiflung bringt, und seine Vorgesetzten erst recht. Jean-Luc Bannalec nimmt mit dieser Figur jeden Leser sofort gefangen. Er überzeugt in der Charakterologie seiner Personen ebenso wie in der Kunst, einen langen Spannungsbogen zu halten, der den Leser auf zahlreiche Spuren führt, bevor endlich das Geheimnis gelüftet wird.

Während Donna Leon schon lange nichts mehr Neues schreibt, und auch Martin Walker nach fünf Bänden seines Chef de police Bruno etwas schwächelt, macht Andrea Camilleri mit seinem Montalbano vor, wie man über fast zwei Jahrzehnte ein immer hohes Niveau halten kann. Mit diesem vierten Band zeigt Bannalec, dass er in dieser Liga durchaus mitspielen kann. Wie lange wird sich mit den nächsten Büchern zeigen

Bannalecs Bücher sind so etwas wie Reisebeschreibungen und Kulturführer im Gewand eines unterhaltsam daherkommenden Kriminalromans. Hart gesottene Krimifreunde enttäuscht so etwas, aber Leser, die die Gegend kennen, in der das Buch spielt oder sie kennenlernen wollen, sind verständlicherweise sehr begeistert.

 

Welche Farbe hat der Himmel?

 

 

 

 

 

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Peter Reynolds, Welche Farbe hat der Himmel, Gerstenberg 2015, ISBN 978-3-8369-5813-4

 

Marisol, die Hauptfigur des vorliegenden in England schon 2012 erschienenen Bilderbuchs von Peter Reynolds ist eine wahre Künstlerin. Sie malt und zeichnet gern und hat am Kühlschrank in der Küche sogar schon eine kleine private Kunstgalerie.

Mit Plakaten, die sie herumzeigt, setzt sie sich für Ideen ein, die sie gut findet. Jeder in der Schule kennt sie und ihren Malkasten und viele Kinder staunen oft über ihre Überzeugung, dass jeder Mensch ein Künstler sei.

Als die Lehrerin ankündigt, die Klasse würde für die Bücherei ein Wandgemälde gestalten, schwirrt die Luft vor lauter Ideen. Sie machen eine Skizze und teilen sich die Themen auf. Marisol will den Himmel malen. Doch es gibt im Farbkasten kein Blau. Auf dem ganzen Heimweg beobachtet Marisol den Himmel und beobachte abends die Dämmerung von ihrem Balkon.

Als sie am nächsten Morgen bei strömendem Regen auf den Schulbus wartet, ist der Himmel auch alles andere als blau. Und als sie in der Schule ohne blau beginnt den Himmel zu malen, staunen die Kinder. „Das ist die Himmelfarbe“, sagt Marisol und das Bild sieht wunderschön aus. Die Himmelfarbe harmoniert wunderbar mit allem anderen, das die anderen Kinder gemalt haben.

Ein wunderschönes Bilderbuch über kreative Fantasie und die Gestaltung erlebter Wirklichkeit.

Margos Spuren

 

 

 

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John Green, Margos Spuren, Hanser 2015, ISBN 978-3-446-24954-7

 

Nach seinem großen Welterfolg „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ werden nun auch die früheren Jugendromane des amerikanischen Schriftstellers und Video-Bloggers John Green wieder aufgelegt. Nachdem sein Bestseller schon 2014 verfilmt wurde, folgt die Verfilmung des 2010 zum ersten Mal erschienenen Buches „Margos Spuren“ in diesem Jahr. Dazu veröffentlicht der Hanser Verlag das Buch neu, nachdem er im letzten Jahr schon Greens Debüt „Eine wie Alaska“ wieder aufgelegt hatte.

Wie schon dort geht es auch in „Margos Spuren“ um ein außergewöhnliches Mädchen, um einen ich-erzählenden Jungen und um ihre schwierige Beziehung. Schon lange ist die schöne und impulsive Margo aus seiner Schule für Quentin ein Mädchen, das ihn anzieht und fasziniert, ja, er begehrt sie, will ihr nahe sein. Doch jeder Schritt, den er auf sie zumacht, jedes Gespräch, das er mit ihr führt, entfernt sie weiter von ihm und macht sie für ihn rätselhafter und unerreichbar.

Tatsächlich ist Margo Roth Spiegelman ähnlich wie das Mädchen Alaska ein seltsames Wesen, auf ihre Weise allen Mitschülern und auch Erwachsenen voraus. Man möchte sie festhalten und schütteln, damit das endlich offenbarer wird, was da in ihr ist, und offenbar nicht wirklich heraus kann.

Diese Erfahrung jedenfalls macht Quentin, als Margo völlig überraschend eines Abends vor seinem Fenster steht und ihn auffordert mit ihr zu kommen. Quentin überwindet seine Angst und seine Bedenken und folgt Margo auf einen der ungewöhnlichsten Road-Trips, den ich je gelesen habe. Margo will Quentins Begleitung und Unterstützung bei einem Rachefeld, bei dem sie allen Freunden, die sie in der Vergangenheit enttäuscht oder verletzt haben, einen gehörigen Denkzettel verpassen will.

Quentin entschließt sich mitzukommen und überwindet für eine Nacht, die ihn verändern wird, alle seine Ängste. Doch am nächsten Tag ist Margo verschwunden.

Nun macht sich Quentin auch mit Hilfe von Freunden auf eine leidenschaftliche und verzweifelte Suche und findet immer wieder Spuren Margos, die sie auf zum Teil verschlungene und kryptische Weise hinterlassen hat. Immer mehr taucht er ein in ihr Universum und folgt ihr durch die ganze USA.

Schlussendlich findet er ein Mädchen, das so ganz anders ist, als er es sich die ganze Zeit über erträumt hat.

Ein toller Jugendroman mit sehr außergewöhnlichen Charakteren und einem enormen Sprachwitz. Auf die Verfilmung dieses Buch es darf man gespannt sein. Mich hat das Buch von ersten bis zur letzten Seite nicht losgelassen.

Die Geheimnisse der Welt

 

 

 

 

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Lisa O`Donnell, Die Geheimnisse der Welt, Dumont 2015, ISBN 978-3-8321-9779-7

 

Wir befinden uns im Jahr 1982 auf einer kleinen schottischen Insel. Margaret Thatcher regiert in Großbritannien, die wirtschaftliche Lage ist schlecht und ein Krieg mit Argentinien um die Falkland-Inseln steht kurz bevor.

Auf dieser Insel lebt der ich-erzählende elfjährige Michael Murray in einem kleinen Dorf zusammen mit seiner Großmutter, seinem arbeitslosen Vater Brian und dessen Ehefrau Rosemary. Michaels Mutter putzt nachmittags und abends die Schule, in der Michael mit etlichen anderen Kindern des Dorfes unterschiedliche Freundschaften und Rivalitäten pflegt.

In dem kleinen Dorf bleibt nichts geheim, auch wenn insbesondere die Großmutter versucht, die katholisch geprägten Traditionen aufrechtzuerhalten. Rosemary passt da nicht so recht hinein, das sie aus einem protestantischen Elternhaus kommt.

Schon von der ersten Seite an spürt man, dass die Familie durch die Arbeitslosigkeit und das Trinken von Brian unter erheblichen Spannungen leidet. Streit und Sprachlosigkeit dominieren in einem Familiensystem, das stark versehrt ist und auseinanderzubrechen droht.

Als dann Michaels Mutter auf dem Rückweg von der Arbeit in einem Wäldchen, das sie durchqueren muss, überfallen und vergewaltigt wird, erklären die Erwachsenen dem erschütterten Michael, sie sei auf der Flucht vor einem Exhibitionisten gestürzt und habe sich daher ihre schweren Verletzungen im Gesicht zugezogen.

Fortan muss Michael mit einem schweren Geheimnis leben, denn auch als er immer mehr von der wahren Geschichte herausbekommt, muss er schweigen und die Gerüchte im Dorf erdulden, sein Vater habe seine Mutter so übel zugerichtet. Rosemary zieht sich in sich selbst zurück, fängt zum Entsetzen ihre Mannes etwas ganz Eigenes an, als sie bei Open University zu lernen beginnt, kann aber trotz Medikamenten nicht zu einem normalen Leben zurückfinden. Dennoch weigert sie sich zur Polizei zu gehen, auch dann als, noch zwei weitere Frauen aus dem Dorf Opfer des Vergewaltigers werden. Alle Familienmitglieder sehen sich verpflichtet, dieses Geheimnis zu wahren. Schon hier wird für den erzählenden Michael trotz häufigen Streits deutlich, welche Kraft durch die gegenseitige Liebe und Wertschätzung in seiner Familie liegt.

Aufmerksam, nachdenklich, stellenweise sehr witzig und vollkommen glaubwürdig erzählt Michael die Geschichte seiner Familie, der es gegen alle Anfeindungen gelingt, sich neu zu erfinden. Besonders die Rolle, die Michaels Vater spielt, wie er trotz aller Anfeindungen zu seiner Frau hält, die das Erlittene stark verändert hat, ist beeindruckend und beeinflusst schon in der Zeit der Handlung seinen Sohn positiv. Denn der erfährt in den Beziehungen zu anderen Kindern, mit denen er aufwächst, mit Paul, mit Dirty Alice und dem dicken Ralph, wie sich Menschen verändern und Beziehungen verbessern können.

Zunächst als ein Buch für Erwachsene gedacht, ist es aber auch für ältere Jugendliche zu empfehlen, Ein wunderbarer Roman, der in einfühlsamer Weise die Ängste und die Freiheiten der Kindheit beschreibt. Es geht um Liebe, den Verlust der Unschuld und die immense Bedeutung der Familie gerade in schwierigen Zeiten, in Zeiten, in denen „die Geheimnisse der Welt“ sie auseinanderzureißen und ihre Mitglieder daran zu zerbrechen drohen lässt.

Noch ein Knuffelhase

 

 

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Mo Willems, Noch ein Knuffelhase, Gerstenberg 2015, ISBN 978-3-8369-5744-1

 

Viele kleine Kinder und ihre vorlesenden Eltern erinnern sich noch gern an das erste Bilderbuch von Mo Willems, in dem sie erzählt, wie die kleine Trixie zu ihrem Knuffelhasen kommt und ihn seitdem nicht mehr aus den Armen und Augen lässt.

Nun ist ein zweites Buch von Trixie und ihrem Knuffelhasen bei Gerstenberg in Hildesheim erschienen und schon im Titel deutet sich an, dass darin wohl ein zweiter Knuffelhase vorkommt. Und tatsächlich: als Trixie eines Tages ihren Knuffelhasen zum ersten Mal mit in den Kindergarten nehmen darf und die Vorfreude darauf sie völlig aus dem Häuschen sein lässt, erlebt sie bald nach ihrer Ankunft eine böse Überraschung. Ein anderes Mädchen hat den gleichen Hasen mitgebracht. Sie nennt ihren Hasen „Kuschel“ und schon bald muss die Erzieherin den heftigen Streit der beiden Mädchen damit beenden, dass sie beide Hasen konfisziert.

Als sie nach dem Ende des Kindergartens ihren Knuffel zurückerhält, ist die Welt für Trixie wieder in Ordnung. Doch mitten in der Nacht um halb drei wacht sie auf, weil sie erkannt hat, dass die Erzieherin die beiden Kuscheltiere verwechselt hat. Trixie ruht nicht eher, bis ihr Papa mitten in der Nacht die Eltern des anderen Mädchens anruft und noch in der Nacht eine Übergabe am Arc de Triomphe vereinbart wird. Denn Sonja, das andere Mädchen, hat die gleiche Entdeckung gemacht und ihren Vater genervt

Kein Wunder, dass die beiden Mädchen danach die besten Freundinnen wurden. Ob sie ihre Hasen danach jemals wieder in den Kindergraten mitnahmen, ist nicht bekannt. Aber das wird vielleicht im dritten Buch verraten?

Euphoria

 

 

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Lily King, Euphoria, C. H. Beck 2015, ISBN 978-3-406-68203-2

 

Ob sich einzelne Szenen so oder ähnlich tatsächlich zugetragen haben, wie sie in dem vorliegenden mit dem Kirkus Preis ausgezeichneten Roman der Amerikanerin Lily King beschrieben werden, ist möglich, aber für die literarische Beurteilung des Buches nicht wichtig.

Wenn die New York Times ein Buch unter die fünf besten literarischen Bücher wählt, wie sie es mit „Euphoria“ im Jahr 2014 getan hat, als das Buch im Original erschien, dann ist das eine große Ehre.

Die Geschichte, die Lily King erzählt, hat nicht nur wegen ihres leidenschaftlichen Stils all diese Auszeichnungen verdient. Offenbar seit langem von der berühmten Ethnologin Margaret Mead, ihrem Leben und ihren Forschungen fasziniert und mit der im Anhang des Buches aufgelisteten Literatur wohl vertraut, hat sich Lily King inspirieren lassen zu einem spannenden und schönen Roman, der sich nicht nur mit den fantastisch beschriebenen Beziehungen und dem von ihrer jeweiligen Geschichte geprägten Innenleben ihrer Protagonisten beschäftigt, sondern auch einen hervorragenden Einblick gibt in das Leben und Arbeiten führender Ethnologen Anfang der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Lily King konstruiert eine Begegnung und Beziehungsgeschichte zwischen der schon durch Veröffentlichungen berühmten amerikanischen Ethnologin Nell Stone, ihrem Ehemann Fen und dem Briten Andrew Bankson in Neuguinea in den Siedlungsgebieten verschiedener eingeborener Stämme im Flussgebiet des Sepik.

Eine leidenschaftliche Dreiecksbeziehung entwickelt sich, gepaart mit professionellen Konkurrenzen, insbesondere zwischen Nell und ihrem Mann. Andrew Bankson, in dem man unschwer Margaret Meads späteren zweiten Ehemann Gregory Bateson erkennen kann, ist nicht nur von Nells Arbeit und ihrer wissenschaftlichen Leidenschaft und Stringenz begeistert, sondern er nutzt auch eine Abwesenheit Fens, die noch dramatische Folgen haben wird, sich Nell sexuell zu nähern. Die erwidert sein Begehren, doch ob all das eine Zukunft haben kann und wird in dem Buch, soll hier offen gelassen werden.

Wenn man sich irgendwann gelöst hat nach einigen Dutzend Seiten von dem dauernden Vergleich mit den Menschen, deren Leben Lily King zu diesem leichtfüßig erzählten Roman inspiriert hat, taucht man ein in eine sinnliche Geschichte von drei Menschen, die aufbrachen, die Fremde zu erkunden auf den Spuren nach den Ursprüngen der Menschheit und des Menschseins, und dabei ohne es wirklich zu wollen, in den „Dschungel ihres eigenen Inneren eingedrungen“ (Ilija Trojanow) sind.

Ein Roman, in dem es neben der Ethnologie und ihren Methoden hautsächlich geht um Begierde, Liebe und um unterschiedliche Lebensformen und Herrschaft.

 

 

Wimmelkalender 2016

 

 

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Rotraut Susanne Berner, Wimmelkalender 2016, Dumont Kalenderverlag 2015, ISBN 978-3-8320-3283-8

 

Ihre im Gerstenberg Verlag erschienenen fünf Wimmelbücher sind meiner Meinung das Beste, was in diesem Genre auf dem Markt erhältlich ist. Von Ali Mitgutsch vor langen Jahren begründet, hat Rotraut Susanne Berner das Wimmelbuch so weiter entwickelt, dass die Kinder, haben sie erst einmal mit dem Frühjahrsbuch angefangen ( was ich empfehlen würde) und die vielen mit Namen benannten Figuren kennengelernt und den namenlosen, so wie mein Sohn das vor vielen Jahren machte, Namen gegeben, bald nach den nächsten Büchern rufen, die die Wimmlinger Welt und ihre Menschen zunächst im Sommer, dann im Herbst und Winter und schließlich in der Nacht zeigen. Das Besondere an Berners Wimmelserie ist, das über das Jahr hinweg einzelne Figuren mit einer fortlaufenden Geschichte gezeigt werden. Es ist überaus spannend für kleine Kinder (aber auch für mitschauende Erwachsene) die Figuren immer wieder zu identifizieren und zu entdecken.

Mein Sohn und ich konnten, als er klein war, stundenlang vor diesen textlosen Büchern sitzen und unzählige Geschichte erfinden. So kam er auch irgendwann zu dem Kalender, der über viele Jahre jedes Jahr in seinem Zimmer hing und dessen aus den einzelnen Wimmelbüchern stammenden Monatsblätter er bereits kannte.

Es ist aber durchaus auch eine umgekehrte Reihenfolge denkbar. Irgendwer bringt den neuen Wimmelkalender 2016 ins Haus eines kleinen Kindes, das daraufhin auf die Wimmelbücher aufmerksam wird und sie lieben lernen wird.

Egal wie, Bücher und Kalenderblätter bieten eine Menge zu entdecken und beschreibend zu erzählen. Auch der Wimmelkalender 2016 ist ein ideales Geschenk für Kinder ab 2 Jahren.

Das Buch vom Anfang von allem

 

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Rainer Oberthür, Das Buch vom Anfang von allem, Kösel 2015, ISBN 978-3-466-37127-3

 

Der Theologe Rainer Oberthür, der in der Vergangenheit schon einige religiöse Bücher für Kinder und Jugendliche vorgelegt hat, wendet sich mit seinem neuen Buch an eine breitere Leserschicht. Denn sein ambitionierter Versuch, von der Bibel, der Naturwissenschaft und dem Geheimnis unseres Universums zu erzählen, richtet sich nicht nur an interessierte Jugendliche, sondern vor allen an Erwachsene. Erwachsene, die in ihrer Kindheit etwas gelernt haben von der Urgeschichte, wie sich die Genesis im Alten Testament die Erschaffung des Menschen und der Welt vorstellt und die dann später, als sie sich in der Schule mit den Erkenntnissen der modernenn Naturwissenschaften konfrontiert sahen, den offensichtlichen Widerspruch zwischen beiden Erzählungen nicht auflösen konnten.

Viele Menschen haben auf diese Weise ihren Glauben an einem gütigen Schöpfergott verloren oder sahen ihn für ihr weiteres Leben zumindest deutlich angeknackst.

Rainer Oberthür stellt in seinem neuen Buch beide Erzählungen nebeneinander, illustriert sie mit neuzeitlichen Fotografien und mittelalterlichen Gemälden, die er am Ende des Buches vorstellt und erläutert und bringt die Erzählungen auf diese Weise in einen spannenden Dialog. Ein Dialog, der den Leser herausfordert von der ersten Seite an und den der Autor sozusagen „anzetteln“ und fördern möchte nach einer Erkenntnis: „Alle Dinge, die wir sehen, können wir aus zwei Perspektiven anschauen – als Tatsache und als Geheimnis“.

Mit persönlich ging es als Theologe, der im Laufe seiner jahrzehntelangen Predigttätigkeit mehrfach über die Schöpfungsgeschichte im Lichte der modernen Naturwissenschaften zu sprechen hatte, und auch im Religionsunterricht verschiedener Altersklassen das Thema oft behandelte, bei der Lektüre dieses außergewöhnlichen Buches so, dass ich erstaunt darüber war, immer wieder neue Dinge, neue Aspekte, neue Schattierungen zu entdecken, in beiden Erzählungen, der biblischen und der wissenschaftlichen.

Und Oberthürs von seinem persönlichen Glauben geprägter Zusammenfassung kann ich mit ganzem Herzen und Seele zustimmen:

„Gott ruft das Nichts ins Etwas und das Etwas ins Sein.

Gott schenkt uns Menschen die Entdeckung der Welt:

So schön ist, was wir hören und sehen können.

Wir sind ergriffen und wollen es mit allen Sinnen erfahren.

Noch schöner ist, was wir wissen können.

Wir begreifen und wollen es mit dem Verstand erkennen.

Am schönsten aber ist, was wir nicht fassen können.

Wir werden still und erahnen Gottes Größe und Geheimnis.“

 

Ja.

Der namenlose Tag

 

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Friedrich Ani, Der namenlose Tag. Ein Fall für Jakob Franck, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42487-2

 

Selbst versierte Krimileser könnten wahrscheinlich nicht auf Anhieb sagen, wieviel verschiedene Ermittlerfiguren der Schriftsteller Friedrich Ani im Laufe seiner langen literarischen Tätigkeit schon erfunden hat. Am bekanntesten ist wohl der Kommissar Tabor Süden, den Ani zuletzt aus dem Ruhestand noch in einigen Büchern ermitteln ließ. Wahrscheinlich auch deshalb, weil diese Serie über ein Dutzend Bücher über einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten umfasste. An so manchen Ermittler, der danach folgte, und den Ani meist schon nach zwei oder drei Büchern durch einen anderen ersetzte, erinnert sich kaum noch jemand, was schade ist, denn jeder dieser Männer hatte eine außergewöhnliche Lebensgeschichte, wie sie nur Ani erfinden kann und alle einte sie eine Ermittlungsmethode, die man so bei kaum einem anderen Polizisten in der Krimiszene findet.

Anis Ermittler setzen sich selbst auf Spiel. Selbst jeweils auf unterschiedliche Arten aus der Welt gefallen und ihr eigenes Leben und seine Geschichte verloren glaubend, sind sie auf eigentümliche Weise in der Lage, das Schicksal der Täter und ihrer Opfer auf eine fast körperliche Art zu spüren und zu erleben, die sie während ihre Ermittlungen nicht selten selbst an deren Rand des Todes bringt.

Ani lässt sie mit Regelmäßigkeit auf Menschen treffen, die auf irgendeine Weise sich selbst verloren gegangen sind. Unsichtbar geworden, leben sie mitten unter uns und Ani gibt ihnen durch seine Kommissare und ihre absolut ungewöhnliche Art, Kriminalfälle zu lösen, ihr Gesicht, ihre Geschichte und ihre Menschenwürde zurück.

Sein neuer Ermittler Jakob Franck, den Ani nach langer Heimstatt bei Droemer nun beim vom Konkurs geretteten und programmatisch und finanziell wieder auferstandenen Suhrkamp Verlag in Berlin präsentiert, ist so ein Sucher nach Verlorenem und Verschwundenem. Seit zwei Monaten im Ruhestand, hat er sich dort noch gar nicht recht eingerichtet, glaubt aber endlich ein Leben jenseits der Toten beginnen zu können, nachdem er über viele Jahre in seinem Dezernat sozusagen der Spezialist für die Überbringung von Todesnachrichten war, und das auch nach eigener Einschätzung immer ziemlich gut gemacht hat. So wie viele seiner Vorgänger lebt Jakob Franck allein, nachdem nicht nur sein Job als Polizist seine Ehe scheitern ließ. Dass ihn Ani am Ende eines Falles, der ihn in die Katakomben seiner eigenen Vergangenheit führte, diesen zusammen mit seiner Ex-Frau Marion Siedler resümieren lässt, gibt zu der Vermutung Anlass, dass Marion auch im nächsten Buch wieder auftauchen wird.

Dieser Fall jedenfalls ist eigentlich schon seit zwanzig Jahren abgeschlossen. Doch Ludwig Winther, der Franck sozusagen privat beauftragt, glaubt nicht daran, dass seine damals siebzehnjährige Tochter sich selbst erhängt hat, wie der polizeiliche Untersuchungsbericht damals eindeutig feststellte. Nach wie vor ist er davon überzeugt, es könne sich nur um einen Mord handeln. Ex- Kommissar Jakob Franck macht sich daran die näheren Umstände des Todes des Mädchens aufzuklären. Er „erweckt einen toten Fall zu Leben.“

Dazu, so ist er überzeugt, gehört eine Art Leichenfledderei, die sich von der von Emotionen völlig freien Arbeit des Gerichtsmediziners stark unterscheidet. „Was Franck meinte, war sein ureigenes, professionelles, wenn nötig rücksichtsloses Zerstückeln der Umstände, das Ausgraben halbverwester Wahrheiten, das Offenlegen ebenso verständlicher wie oftmals schmutziger Überlebenstricks. Die Aufklärung eines Mordes oder eines zwielichtigen Todes bedeutete, dass ein Kommissar das Recht hatte, die Welt des Menschen, der gewaltsam gestorben war. Von Grund auf zu erschüttern und deren Bewohnern so lange mit unnachgiebiger Genauigkeit ihre Gewohnheiten zu entreißen, bis sie nackt in der Kälte standen und sich ihrer Erbärmlichkeit bewusst wurden. Erst von diesem Moment an – davon war Franck überzeugt – gelangte das Opfer auf den Weg zum ewigen Frieden.“

So wie viele seine Vorgänger ist Franck nicht religiös, hat aber immer einen Zugang zu den spirituellen Dimensionen des Lebens und den sündhaften Abgründen menschlicher Existenz. Er nähert sich ihnen mit einer von ihm selbst entwickelten Methode, die er „Gedankenfühligkeit“ nennt, und die ihm ungeahnte Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt nicht nur der Menschen, denen er begegnet, vermittelt, sondern auch und gerade in seine eigene.

Das macht bin in manchen Situationen zum Therapeuten und Seelsorger, bringt ihn aber keinen Meter von seinem eingeschlagenen Weg ab. Ein Weg, der ihn Kraft kostet, aber ihn sehr nah kommen lässt, dem, was Ani seit vielen Jahren beschäftigt: der Essenz des Lebens und des Leidens.

Man wird sehen, wieviel „Fälle“ Friedrich Ani diesem beeindruckenden neuen Ermittler im Ruhestand schenkt. Der Auftakt jedenfalls überzeugt auf der ganzen Linie.

 

Märchenwelten 2016

 

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Lisbeth Zwerger, Märchenwelten 2016, Dumont Kalenderverlag 2015, ISBN 978-3-8320-3259-3

 

Lisbeth Zwerger ist eine begnadete Illustratorin, die schon unzählige Bilderbücher für Kinder mit ihren Bildern zu wahren Kunstwerken gemacht hat.

Nun hat der Dumont Kalenderverlag aus insgesamt acht ihrer Kinderbücher zum ersten Mal einen Kalender für das Jahr 2016 produziert, dem, so ist zu hoffen, in den nächsten Jahren noch weitere Ausgaben folgen werden. Denn die ausdrucksstarken Zeichnungen aus Büchern wie „Schwanensee“, „Der Zauberer von Oz“, „Alice im Wunderland“, „Brüder Grimm Märchen“ und anderen haben eine solche Tiefe und Strahlkraft, dass man sie einen ganzen Monat lang jeden Tag anschauen mag, ohne ihrer überdrüssig zu werden.

Der Kalender ist insbesondere als Geschenk für größere Kinder zu empfehlen, die aus dem Alter herausgewachsen sind, in der sie wie mein Sohn jahrelang mit Begeisterung den Wimmelkalender von Rotraut Susanne Berner in ihrem Zimmer aufgehängt haben, der natürlich auch in diesem Jahr bei Dumont in einer neuen Ausgabe erhältlich ist.

Vielleicht verführen die Bilder des Kalenders auch zum Erwerb des einen oder anderen der acht auf der Rückseite des Kalenders aufgeführten Bilderbücher, aus denen die Kalenderbilder stammen. Ich kann sie ausnahmslos empfehlen.