Der ehrgeizige Mr. Duckworth

 

 

 

 

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Tim Parks, Der ehrgeizige Mr. Duckworth, Kunstmann 2015, ISBN 978-3-88897-930-9

Morris Duckworth, der Protagonist dieses schon 1990 erschienenen Buches von Tim Parks stammt aus England. Dort war er trotz guter Studienleistungen wenig erfolgreich und geht nach Italien um dort sein Glück zu machen. Er lebt in Verona und arbeitet dort an einer Schule, aber auch als Privatlehrer für Kinder von Leuten, die alles haben. Alles das, was, wie Duckworth findet, ihm schon lange zusteht. Er fließt über vor Selbstmitleid, hadert mit seinem Schicksal, das ihm wie er findet, arg mitgespielt hat und ihm um sein richtiges Leben betrogen hat und jeden Tag weiter betrügt.

Eine seiner Schülerinnen aus reichem Hause hat sich in Morris verliebt und der wittert seine Chance, mit einer Heirat endlich an das große, alte Geld zu kommen. Massiminas Mutter allerdings hält davon gar nichts, und die beiden beschließen zu fliehen, wobei durchaus das Mädchen die treibende Kraft ist. Da sie aber mit dem mitgenommenen Geld sehr geizig umgeht, ist Morris` Kasse nach wie vor chronisch knapp. Mit verschiedenen Ganovenstreichen versucht er vergeblich an Geld zu kommen. Mit jedem Mal werden seine Straftaten schwerer, doch Massimina merkt nichts.

Mit Morris Duckworth hat Tim Parks einen Ganoven geschaffen, der an Highsmiths Tom Ripley erinnert. Wenig sympathisch lügt und betrügt er sich durch die Welt. Immer ist alles die Schuld der anderen, die sein Genie nicht sehen und ihm nicht das geben, was er für sich permanent in Anspruch nimmt, viel Geld und Ruhm. Zunächst voller Selbstmitleid, wird Morris immer härter, böser und gnadenloser in der Durchsetzung seiner Ziele. Tim Parks gelingt es, dieser Figur so viel Charme zu geben, dass der Leser trotz ihres abstoßenden Charakters das Buch bis zum Ende nicht aus der Hand legen kann.

Ein Ende, das gar keines ist, denn für Juli und September sind von Kunstmann die beiden weiteren Bände der Parks`schen Trilogie über Morris Duckworth schon abgekündigt.

 

 

 

Der Familienmanager

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Susanne Reinhardt, Familienmanager, mvg 2015, ISBN 978-3-86882-593-0

 

Jede Familie, gerade dann wenn Kinder in ihr aufwachsen, ist ein hochkomplexes Gebilde, an das von außen durch Arbeit, Kindergarten Schule, Vereine und Freunde eine ganze Menge an Anforderungen gestellt werden. Doch auch das ganz normale Funktionieren mit der Erfüllung der Grundbedürfnisse erledigt sich in einer Familie nicht einfach von selbst. Gerade dann, wenn, wie in der heutigen Zeit, beide Elternteile ganz oder teilweise berufstätig sind oder durch Patchworkstrukturen besondere Dynamiken zu beachten bzw. Regelungen zu treffen sind.

Eine Familie mit ihrem Haushalt ist ein hochkomplexes Unternehmen, in dem ohne Planung und effektive Organisation wenig bis gar nichts funktioniert. Zum Leidwesen aller Beteiligten, vor allem aber der Kinder.

Der hier vorliegende Familienmanager will dabei helfen und unterstützen, „den Haushalt effektiv (zu) organisieren und (zu) planen“. Er beinhaltet mehrere Dutzend Checklisten zu den Themen:

  • Kinder im Alltag motivieren
  • Wo hab ich die Nummer?
  • Gefahrenquellen im Haus
  • Organisiert einkaufen
  • Es geht ums Geld
  • Familie auf Reisen
  • Abfall und Recycling
  • Feste und Feiern
  • Wieviel Medienkonsum für wen?
  • Freizeitaktivitäten

Die klar und übersichtlich gestalteten Vorlagen und Checklisten sind leicht zu kopieren und können jeder Familie eine große Hilfestellung sein, damit Zeit und Energie gespart wir für die anderen Dinge, die ein Familienleben ausmachen.

Unter den Lebenden

 

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Eyal Megged, Unter den Lebenden, Berlin Verlag 2015, ISBN 978-3-8270-1242-5

 

Was ist das Wesen einer echten Freundschaft unter zwei Männern? Was hält sie zusammen und was trennt sie. Der israelische Schriftsteller Eyal Megged, Ehemann der in Deutschland bekannteren Zeruya Shalev erzählt in seinem von Ruth Achlama sensibel und lebendig übersetzten Roman „Unter den Lebenden“ von einer sehr außergewöhnlichen Freundschaft und von dem was, der Tod des einen aus dem überlebenden Anderen und aus der Freundschaft macht.

Der Ich-Erzähler des Buches ist ein berühmter Chirurg und als solcher mit dem Alltag des Todes vertraut. Doch während er in der Klinik diese Sterblichkeit seiner Patienten abspalten kann und sich auf seine kühle Kunst als Operateur, der sich nach der erfolgten Operation für nichts mehr verantwortlich glaubt, verlässt, ist der frühe und plötzliche Tod seines Freundes Boas Masor für ihn ein Schock, von dem er sich das ganze Buch über nicht zu erholen scheint. Boas` Tod ist für ihn unfassbar, er hält ihn für einen Skandal, der sein ganzes Leben aus dem Gleichgewicht bringt. Nichts ist mehr so wie früher. Er kann sich nicht mehr auf seine medizinische Routine zurückziehen und bekommt kaum noch OPs zugeteilt.

Der Ich-Erzähler reflektiert nicht nur seine eigenen Gefühle und erinnert sich an unzählige Begebenheiten einer langen gemeinsamen Freundschaft. Er versucht sie auch, gegen die, wie er glaubt, vernichtende Kraft und Macht des Todes am Leben zu erhalten. Was er nie für möglich gehalten hätte, der Tod des Freundes bedroht sein Leben, schient seinen eigenen Tod vorwegzunehmen, raubt ihm jegliche Kraft und jeglichen Lebensmut.

Er erzählt von Liebe, von Streit und Versöhnung und nicht nur an einer Stelle erinnert die Beziehung der beiden Freunde jedenfalls aus der Sicht der Erzählers an die alte Rivalität zwischen Kain und seinem Bruder Abel. Denn auch Boas wollte Arzt werden, beugte sich aber dem vernichtenden Diktum seines Vaters. Nun, da er tot ist, wird sich der Erzähler dieser immer zwischen ihn stehenden Konkurrenz bewusst. Immer wieder geht es um Neid auf den Erfolg des anderen, gerade auch bei den Frauen.

Eyal Megged zwingt seinen Leser, tief in die Reflexionen seines Erzählers einzutauchen über das, was der „die verfluchten Fragen des Lebens“ nennt. Sein Roman ist auf der einen Seite eine zornige Abrechnung mit dem Tod, aber auch ein psalmenartiger Lobgesang auf das Leben.

Im Frühling sterben

 

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Ralf Rothmann. Im Frühling sterben, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42475-9

 

In seinem neuen Roman „Im Frühling sterben“ erzählt Ralf Rothmann die Geschichte von zwei siebzehnjährigen Jungen, Walter und Fiete, die Anfang 1945 noch zur Waffen-SS eingezogen werden und in Ungarn auf eine dramatische Weise sich ein letztes Mal gegenüberstehen.

Ralf Rothmann hat die Geschichte von Walter und Fiete in eine Rahmenhandlung gekleidet, die zu der Vermutung Anlass gibt, dass der Roman den einen oder anderen autobiographischen Hintergrund hat.

Er stellt seinen Roman unter ein biblisches Motto aus dem Buch des Propheten Ezechiel: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.“

Wir befinden uns zu Beginn der Erzählung Anfang des Jahres 1945 auf einem großen Bauernhof in Schleswig-Holstein. Walter (ist in ihm die Vaterfigur Rothmanns versteckt?) und Fiete, beide gerade mal 17 Jahre alt, arbeiten dort als Melker, als sie bei einem geschickt getarnten Fest der NS- Bauernorganisation quasi gezwungen werden, sich freiwillig zum Kriegsdienst zu melden. Die Ausbildung erleben sie noch zusammen, doch dann werden sie an getrennte Einsatzorte geschickt. Walter arbeitet als Ungarn als Fahrer, immer hinter der Front. Was er dort allerdings sieht und erlebt, ist erschütternd und wird ihn später sein ganzes Leben lang stumm machen und verschlossen und seinem Sohn ein Rätsel, das er damit zu lösen versucht, indem er sich schreibend dem Schicksal seines Vaters nähert.

Höhepunkt des Dramas ist die Wiederbegegnung Walters und Fietes auf dem Richtplatz, nachdem Fiete wegen eines im betrunkenen Zustand versuchten Fluchtversuchs exekutiert wird. Vorher hatte Walter noch unter Lebensgefahr seinen Vorgesetzten, der ihm etwas schuldig war, um Gnade für seinen Freund gebeten.

Wie Ralf Rothmann sich diesem Schicksal nähert, ist große Literatur. Mit einer einfühlsamen und poetischen Sprache gelingt es ihm, die letzten Monate des Krieges zu beschreiben und die erste Zeit nach dem Krieg, als Walter über mehrere Stationen glücklich wieder nach Hause kommt (ohne Verletzung und Behinderung) und seine Freundin seinen Heiratsantrag annimmt. Doch auch ihr gegenüber und erst recht später seinem eigenen Sohn gegenüber, dessen Erzählung diesen beeindruckenden Roman umschließt, kann er sich nicht öffnen, und wie so viele andere aus dem Krieg an Leib und Seele Versehrten schweigt er sein ganzes Leben lang, bis auf sein Totenbett.

Indem Ralf Rothmann den Sohn sich in die Geschichte seines Vaters erzählend hineinversetzen lässt, verschafft er nicht nur ihm eine literarische Art von Befreiung, sondern gibt auch vielen älteren Lesern, die wie der 1954 geborene Rezensent in ihrer Kindheit und Jugend lange mit dem Schweigen der Großväter und Väter leben mussten, so etwas wie eine späte Antwort.

Walters Freund Fiete lässt er an einer Stelle, als Walter in ihn der Todeszelle besucht, etwas sagen, was die Situation dieser Nachgeborenen gut beschreibt. Fiete erwähnt seinen Vater, einen Arzt:

„Und einmal, als ich meine Träume erwähnte, sagte er mir, dass es ein Gedächtnis der Zellen in unserem Körper gibt, auch den Samen- und Eizellen also, und das wird vererbt. Seelisch oder körperlich verwundet zu werden macht etwas mit den Nachkommen. Die Kränkungen, die Schläge oder die Kugeln, die dich treffen, verletzen auch deine ungeborenen Kinder, sozusagen. Und später, wie liebevoll behütet sie auch heranwachsen mögen, haben sie panische Angst davor, gekränkt, geschlagen oder erschossen zu werden. Jedenfalls im Unterbewusstsein, in den Träumen.“

Das lange quälend Unausgesprochene bekommt mit diesem Roman Ausdruck und Form. Auf eine so überzeugende Weise, dass dieses Buch für mich ein Anwärter auf den Deutschen Buchpreis 2015 ist.

 

 

 

 

 

 

Suburra

 

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Giancarlo de Cataldo, Suburra, Folio 2015, ISBN 978-3-85256-660-3

 

Seit vielen Jahren arbeitet der Schriftsteller Giancarlo de Cataldo in seinem Hauptberuf als Richter am Appelationsgericht in Rom. Er gilt als profunder Kenner der innenpolitischen Situation in Italien, insbesondere der Rolle der Mafia und ihre Einflüsse in die italienische Politik und in die katholische Kirche.

Dies ist auch in vielen seiner bisherigen Romane das Hauptthema, in denen er Stück für Stück die italienische Geschichte seit den siebziger Jahre bearbeitet und auf seine literarische Weise analysiert. Sein neues Buch „Suburra. Schwarzes Herz von Rom“ behandelt die Zeit bis zu Berlusconis Rücktritt und zeigt, wie mächtig alte faschistische Seilschaften in Verbindung mit der Mafia, Romaclans und der Kirche immer noch sind.

Es geht um viel Geld. Um ein riesiges Bauprojekt in dem Rom vorgelagerten Ostia, da sich als ein perfekte Geldwaschanlage für die Mafia und den Vatikan erweist und eine willkommene Einnahmequelle für alle darstellt, die bei solchen Projekten die Hände offenhalten, Politiker, Staatsanwälte und Polizeioffiziere.

Vor dem Hintergrund von Kämpfen unterschiedlicher Mafiagruppen um Einfluss und Macht beschreiben die beiden Autoren quasi einen Zweikampf zwischen dem aufrechten Sonderermittler Marco Malatesta und seinem alten Widersacher „Samurai“.

Sie bauen mit vielen Rückblicken und Nebenhandlungen unterschiedliche Erzählstränge auf, die auf ein furioses Finale hinsteuern. Der Krimikritiker der Zeit, Tobias Gohlis hat einmal zu den Büchern von Giancarlo de Cataldo geschrieben, man sollte sie gelesen haben, wenn man verstehen will, was in Italien los ist.

Es sind keine besonders ermutigenden Botschaften, wie ich finde.

 

 

Kindheit in Trümmern

 

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Barbara Warning, Kindheit in Trümmern, Ravensburger Verlag 2015, ISBN 978-3-473-55375-4

 

„Wir sind die Letzten.

Fragt uns aus.

Wir sind zuständig.

Wir tragen den Zettelkasten

mit den Steckbriefen unserer Freunde

wie einen Bauchladen vor uns her.

Forschungsinstitute bewerben sich

um Wäscherechnungen Verschollener,

Museen bewahren die Stichworte unserer Agonie

Wie Reliquien unter Glas auf.

Wir, die wir unsere Zeit vertrödelten,

aus begreiflichen Gründen,

sind zu Trödlern des Unbegreiflichen geworden.

Unser Schicksal steht unter Denkmalschutz.

Unser bester Kunde ist das

schlechte Gewissen der Nachwelt.

Greift zu, bedient euch.

Wir sind die Letzten.

Fragt uns aus.

Wir sind zuständig.“

Mit diesem Gedicht von Hans Sahl leitet Barbara Warning ihren empfehlenswerten Sammelband mit Zeitzeugnissen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges und den ersten Jahren der Nachkriegszeit ein.

Sie hat sie befragt, jenen „Letzten“, wie als Kinder den Krieg, die Vertreibung und das Leben in den Trümmern erlebten, die ihre Großeltern und Eltern ihnen mit ihrer fanatischen Begeisterung für Adolf Hitler hinterlassen haben. Einfühlsam und ausführlich lässt sie sie zu Wort kommen und es zeigt sich immer wieder, für heutige Kinder kaum vorstellbar, welch tiefe Spuren Krieg und Not im Leben derer hinterlassen haben, dien in dieser Zeit die prägendsten Jahre ihres Leben erlebten.

In Einzelschicksalen wird Geschichte lebendig gemacht und so den jungen Lesern begreiflich. Das Buch öffnet aber auch den Blick für die Not heutiger Kriegskinder und mahnt zum Engagement für den Frieden auf der Welt.

Nis Randers

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Otto Ernst, Hans Krejtschi, Nis Randers, Kindermann Verlag, 2015, ISBN 978-3-934029-65-1

 

Otto Ernst (1862-1926) war nach seiner Tätigkeit als Lehrer ab 1900, als er sich ganz seiner schriftstellerischen Arbeit widmete, ein nicht nur in Norddeutschland bekannter Autor und Theatermann.

„Nis Randers“ ist eine seiner bekanntesten Balladen, die erzählt von dem jungen Nis Randers, der wie selbstverständlich bei den Vorgängern der Seenotrettung arbeitet und mit dem Ruderboot aufs stürmische Meer hinaus fährt um einen Menschen von einem Schiff zu retten, den er durch seinen Feldstecher erspäht hat.

Seine Mutter weint und will ihn davon abhalten, ist doch der ältere Sohn Uwe schon seit drei Jahren auf dem Meer verschollen. Doch Nis sagt nur: „Und seine Mutter? “ und springt mit sechs anderen mutigen jungen Männern ins Boot.

„Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer

Die menschenfressenden Rosse daher;

Sie schnauben und schäumen.“

Und sie retten einen Mann. Es ist Uwe, sein seit langem verschollener Bruder.

Hans Krejtschi, mehrfach prämierter Bilderbuchillustrator, hat diese eindrucksvolle Ballade mit faszinierenden Bildern, die die Gewalt des Meeres und die Entschlossenheit der Männer der Seenotrettung gelungen einfangen, illustriert.

Wieder ein ganz besonderes Bilderbuch aus dem Kindermann Verlag in seiner anspruchsvollen Reihe „Poesie für Kinder.“

 

 

 

Wunderlich fährt nach Norden

 

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Marion Brasch, Wunderlich fährt nach Norden, S. Fischer 2014, ISBN 978-3-10-001368-2

 

Wunderlich, die Hauptperson des neuen Romans von Marion Brasch ist 43 Jahre alt. Er lebt in einer kleinen Stadt und ist einsam, nachdem ihn seine Marie unerwartet verlassen hat. Als er auf dem Dach seines Hauses sitzt und überlegt, was er tun kann, meldet sich plötzlich sein Handy mit einer SMS bei ihm: „Guck nach vorn“. Doch die Botschaft kommt nicht von Marie, sondern von „Anonym“. Aber wer ist anonym? Dass es Marie ist, schließt Wunderlich aus.

Der knorrige Kerl, der seinen Namen zurecht trägt, lässt sich von „Anonym“, der (oder die) ihm regelmäßig Hinweise schickt, zu einer Abenteuerreise verleiten. Das bedeutet für ihn: Im Lande bleiben, mit dem Zug nach Norden fahren und schauen, was passiert. Dabei trifft er auf Personen, die er bewundert und mit denen er sich unterhält. Nach jeder dieser Begegnungen bekommt er von „Anonym“ ungefragt eine Lebensbeschreibung des jeweiligen Menschen, sogar deren Zukunft wird ihm per SMS vorausgesagt.
Doch dann wird er vom Zugpersonal wieder hinausgeworfen, worauf er einen Obdachlosen und später Toni, eine merkwürdige, junge Frau, kennenlernt. Besonders für Toni empfindet Wunderlich eine starke Zuneigung. Von ihr lässt er sich das Landstreicherleben zeigen und probiert auch die Wirkung von „Blauharz“ aus – doch das ist erst der Anfang, denn „Anonym“ meldet sich immer wieder, was mit gewissen Nebenwirkungen einhergeht …

Der Beginn des Roman liest sich erfrischend, und man fragt sich, ob Marion Brasch das Tempo bis zum Ende durchhält. Sie tut es – und auch wieder nicht. Viel zu lange hält sich Wunderlich bei Toni und Konsorten auf und man möchte ihm zurufen, doch endlich weiterzufahren. Manche Passage entpuppt sich als durchaus entbehrlich, doch als er dann endlich die Weiterreise antritt, ist man auch wieder ernüchtert, denn anstatt mit Toni zusammen reist er allein weiter.
Aber ist so nicht das Leben schlechthin? Ankunft und Abfahrt … Wiedersehen und Trennung? Schließlich will Wunderlich ein neues Leben beginnen …

Die Autorin versteht es gut, ihren Figuren Leben einzuhauchen, und auch, wenn am Ende die Geschichte nicht so ausgeht, wie man es sich gerne gewünscht hätte, bleibt ein nachhaltiger, positiver Eindruck zurück: Der „Mensch“ zählt, und „Hutmann“ (so nannte Toni ihren Wunderlich liebend gern) ist trotz (oder gerade) wegen seines tumben Auftretens ein sympathischer Kerl, den man am liebsten umarmen möchte. Manch einer, der sich von der Gesellschaft unverstanden fühlt, dürfte sich gut mit ihm identifizieren können.

 

Ein eigensinniger, komischer und berührender Roman.

Becks letzter Sommer

 

 

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Benedict Wells, Becks letzter Sommer, Diogenes 2015, ISBN 978-3-257-24022-1

 

Dieser Roman ist das sensationelle Debüt eines 1984 geborenen jungen Schriftstellers, der sich im Jahr 2008 mit „Becks letzter Sommer“ wie mit einem Paukenschlag auf die deutsche Literaturbühne katapultiert und große Beachtung gefunden hat. Zu Recht, wie der Rezensent findet, der sich über das ganze Buch immer wieder gefragt hat, woher ein gerade 23-Jähriger die Erfahrung und den Tiefgang nimmt, um sich dermaßen in seine fast doppelt so alten Hauptfiguren hineinzuversetzen.

Mehrmals war ich erinnert an das Debüt von Aron Grünberg, der ähnlich kräftig und unkonventionell wie Benedict Wells vor langer Zeit die Literaturszene aufmischte, aus der er längst nicht mehr weg zu denken ist.

Benedict Wells erzählt die Geschichte einer Beziehung zwischen einem Lehrer und einem Schüler. Der Lehrer, Robert Beck, ist ein im Schulalltag abgestumpfter Pädagoge, der selbst als Musiker irgendwann stehen geblieben ist, und dennoch niemals aufgehört hat, davon zu träumen, mit seinen Texten, die er pausenlos schreibt, irgendwann groß im Musikgeschäft herauszukommen. Er hasst Bob Dylan, weil sein Vater dessen Musik nahezu ununterbrochen hörte und hat dennoch in der Mitte des Buches eine erhellende und ernüchternde Begegnung mit ihm.

Als der siebzehnjährige Rauli aus Litauen in Becks Musikklasse kommt, nimmt der Lehrer diesen Außenseiter , wie die Schüler auch, zunächst nicht wahr. Dann aber entdeckt er zufällig, dass Rauli eine unbeschreibliche Begabung hat. Eines Tages fragt er Beck, ob er dessen E-Gitarre, eine Stratocaster, ausleihen darf und fängt an, darauf zu spielen. Die Musik und die Melodien, die da hervorbrechen, zerreißen Beck fast das Herz. So etwas hat er noch nie gehört. Ein wahnsinniges Talent hat er da entdeckt, einen ungeschliffenen Diamanten. Selbst als Musiker schon vor Jahren kläglich gescheitert, wittert Robert Beck mit Rauli eine neue Chance. Er könnte mit seinen Texten und Raulis Musik als Manager Rauli zu einer beispiellosen Karriere verhelfen und sich selbst den lange gehegten Traum erfüllen, als Shootingstar in die Musikszene zurückzukehren.

Benedict Wells beschreibt nun diese schwierige Beziehung, die Robert Beck mit der undurchsichtigen litauischen Familie des Schülers zusammenführt. Wie er sich in die Seelenwelt eines letztlich am Leben und an der Liebe gescheiterten , fast 40- Jährigen hineinversetzt, ist genial und hat möglicherweise selbst erlebte Vorbilder. Robert Beck versucht verzweifelt, sich der Welt Raulis zu nähern, ihn für sich zu gewinnen, doch der Junge entzieht sich ihm immer wieder.

Eine Melodie mit dem Titel „Finding Anna“ spielt eine große Rolle, die Rauli auf einem seiner viele gelben Zettel notiert hat, als er in die erotische Anna Lind verliebt war, ein Mädchen in Becks Klasse, deren Bild der auch schon mal bei seinen einsamen und traurigen Masturbationen zu Hause imaginiert.

Eine Kellnerin namens Lara taucht auf, die sich in Beck verliebt hat, verbissen dagegen ankämpft und für die Beck aber gar keine wirkliche Empfindung hegt. Er ist regelrecht beziehungsunfähig. Nur mit seinem Freund Charlie, ein groß gewachsener Deutsch- Afrikaner, der früher mit Beck Musik gemacht hat, kann er reden. Charlie ist ein kleiner Philosoph und sprüht vor sarkastischen Lebenseinsichten, kommt aber mit seinem Leben auch nicht zurecht.

Benedict Wells zeichnet mit diesem erfrischenden Roman mit lockerer und leichter Sprache Menschen und ihr Schicksal, die sich auf einem langen Weg befinden zu sich selbst, die jedoch viele Umwege machen müssen und in manchen Sackgassen zunächst stecken bleiben. Plötzlich und unerwartet taucht auf Seite 154 zum ersten Mal der Erzähler des Buches auf, ein Redakteur namens Ben, den Robert Beck für die Pressearbeit für ein Konzert mit Rauli kontaktiert hatte und der zwischendurch immer wieder in Einschüben Beck an Ich“ von seiner Arbeit an dem Buch berichtet. Im Jahr 1999 beginnt die erzählte Geschichte und endet im Jahr 2007, kurz bevor Bens Arbeit an dem Roman abgeschlossen ist. 1990, so erzählt Ben zwischendurch, habe er, 11- jährig, Robert Beck kennen gelernt und als er dann seinen Anruf in der Redaktion erhielt, wo er gerade arbeitete, habe er von dessen Geschichte nicht mehr lassen können.

„Becks letzter Sommer“ ist ein schönes Buch, voller Poesie und Sensibilität mit seinen Figuren, Suchende allesamt. Benedict Wells schildert vor allem Robert Beck ohne Häme und mit tiefen Verständnis für einen Mann in der Krise seines Lebens. Erstaunlich, wirklich, für einen bei Erscheinen des Buches gerade mal 23-jährigen Autor. Wells hat mit weiteren Büchern sein Talent bestätigt und die hier vorliegende Ausgabe ist von Diogenes für die Kinofassung des Buches neu aufgelegt worden.

 

Küstenbären

 

 

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Ingo Arndt, Küstenbären, Knesebeck 2014, ISBN 978-3-86873-654-0

 

Es wird in den kurzen, gut geschriebenen Texten deutlich: wenn ein ausgewachsener, männlicher Bär das Feld betritt, sollten alle anderen lieber verschwinden! Diese Tiere sind eben nicht nur niedlich, sondern auch mit großer Kraft ausgestattet. Und so findet sich dann zwischen sehr vielen, sehr niedlichen Fotos auch mal ein Bär mit böser Augenverletzung.

Die Fotos im Buch sind nie seitenfüllend, es bleibt immer mehr oder weniger weisser Rand, in dem dann die Bildunterschriften und die weiteren Texte untergebracht sind.

Bilder ohne Bären gibt es auch, etwa das Watt im Lake Clark National Park, Möwen und andere Vögel, aber zum Großteil eben Bären. Nahezu auf jeder Seite mindestens ein farbiges Foto.

Ein Klimadiagramm zu Beginn wäre nützlich, um einschätzen zu können wie warm es in dieser Region Alaskas ist: auf einigen Bilder sieht es sommerlich warm aus, während gut ein Drittel von Schnee und Kälte zeugt. Wie unwirtlich diese Gegend ist wird gleich zu Anfang in Ingo Arndts lebhafter Beschreibung seines Anflugs in einer kleinen Cessna deutlich. Wackelig und unbehaglich, besonders bei ungünstigem Wetter. Es folgt eine Karte von Alaska: der Nationalpark befindet sich im Süden des US-Bundesstaates.

Der Fotograf Ingo Arndt wurde 1968 in Frankfurt am Main geboren und veröffentlicht regelmäßig für die Zeitschrift Geo. Bisher sind 15 Bücher von ihm erschienen. Im Anhang verrät er auf einer Seite, welche Kameras er verwendet hat und verweist auf die „ständig wechselnden Wetterbedingungen“ in Alaska. Eines der Fotos thematisiert diese vier Jahreszeiten an nur einem einzigen Tag.

Bären beim Spielen, zwei Bärenjunge, die neugierig den Fotografen beobachten oder Bären, die sich mit der Pfote die Augen reiben – viele der Fotos sind herzerwärmend. Nicht zu verwechseln mit kitschig! Bären beim Jagen und Bären, die dem offenbar eisigen Wind trotzen vermitteln eine andere Stimmung.

Ein sehr informatives, gut geschriebenes Buch mit zahlreichen, beeindruckenden Fotos der Küstenbären von Alaska!