In der Nacht

 

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Dennis Lehane, In der Nacht, Diogenes 2015, ISBN 978-3-257-24315-4

Dieser  Roman von Dennis Lehane geht ähnlich wie einer seiner Vorgänger „Im Aufruhr dieser Tage“ (2010) auf vielen hundert, niemals langweilig werdenden Seite zurück in die amerikanische Geschichte.

Damals waren „jene Tage“ in Boston die zwischen dem Frühjahr 1918 und dem Herbst 1919, eine Zeit, die von großer antikommunistischer Hysterie erfüllt war.

Auf dem Hintergrund der Geschichte der beiden Hauptfiguren des Romans, dem Farbigen Luther Laurence und dem Polizisten Danny Coughlin breitete Lehane in epischer Form die ganze Geschichte dieser Zeit aus. Es las sich wie eine Kultur- und Sozialgeschichte nicht nur Bostons, sondern der ganzen USA.

Auch das neue Buch spielt in Boston und beginnt im Jahr 1926 mit einer Szene, die der Handlung vorgreift, aber nichts wirklich über sie verrät.

Es ist die spannende und unterhaltsame Geschichte von Joe Coughlin, der zunächst als kleiner Handlanger eines Bostoner Syndikats sich während eines zweijährigen Aufenthaltes im härtesten Knast des Landes in Charlestown zahlreichen Bewährungsproben ausgesetzt sieht. Wieder entlassen, entwickelt er sich während der Prohibition zu einem Stehaufmännchen, dem es gelingt, immer wieder auf die Füße zu fallen, und der sich geschickt in den verschiedenen sich bekämpfenden Clans positioniert.

Immer mächtiger wird er, bis er am Ende zum mächtigsten Rum-Schmuggler in Florida aufgestiegen ist. Wenn da nur nicht seine unstillbare Faszination für eine Frau wäre, die ihn immer wieder vom Weg abzubringen droht…

Mit zahlreichen Verweisen auf die Politik der Jahre 1926-1935, dem Handlungszeitraum des Romans, gespickt, etwa die Hinrichtung von Sacco und Vanzetti in Charlestown im August 1927, ist der Roman eine spannende Lektüre, die trotz der Länge an keiner Stelle langweilig wird, und mit dauernden Überraschungen und Wendungen aufwarten kann.

Wer ein richtiges Gangster-Epos mit literarischer Qualität sucht, hier ist es.

Wir wollten nichts. Wir wollten alles

 

 

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Sanne Munk Jensen, Wir wollten nichts. Wir wollten alles, Oetinger 2015, ISBN 978-3-7891-3920-8

 

„Als sie uns aus dem Limfjord ziehen, hängen wir immer noch aneinander. Ich weiß nicht, wie lange wir im Wasser gelegen haben, schwer zu sagen, man verliert irgendwie das Zeitgefühl.“

So beginnt die siebzehnjährige Louise nach ihrem zusammen mitihrem Freund und Geliebten Liam begangenen Selbstmord (sie habensich mit Handschellen aneinander gekettet und sind ins Wassergesprungen) ihre Erzählung.

Eine Erzählung über eine jugendliche Liebe, wie man sie sichabsoluter nicht vorstellen kann. Als Louise, die mit ihren Eltern nahe der Stadt Aalborg in Dänemark lebt, den zwei Jahre älteren Liam

kennenlernt, ist die Tristesse ihres Lebens vorbei. Beide sehen sich als Seelenverwandte, sie träumen von der großen Liebe, davon frei zu sein. Doch dann gerät Liam in einen dunklen Strudle aus Rache, Verrat und untilgbarer Schuld und das Glück der beiden ist dermaßen bedroht, das sie nur im gemeinsamen Suizid den Ausweg sehen.

Louises Elternsind verzweifelt, doch als ihr Vater ihr Tagebuch findet, wird ihm klar, welches Leben seine Tochter und Liam in den vergangenen Monaten geführt haben, und warum sie beide keinen Ausweg mehr sahen.

Es ist ein berührender, starker und mächtiger Roman, der unter die Haut geht. Ein Roman, der nicht nur die die Geschichte einer starken jugendlichen Liebe erzählt, sondern auch sehr einfühlsam beschreiben kann, in welche Verzweiflung und Leere die beiden Familien gestürzt werden.

Ein anspruchsvoller Roman für Jugendliche, der aber Erwachsene sofort anzusprechen vermag. Ganz große skandinavische Erzählkunst.

 

 

 

Die andere Hälfte der Hoffnung

 

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Mechtild Borrmann, Die andere Hälfte der Hoffnung, Droemer 2014, ISBN 978-3-426-28100-0

 

Mit „Die andere Hälfte der Hoffnung“ legt Mechtild Borrmann erneut ein beeindruckendes Buch vor, in dem sie geschickt die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft.

Das Buch teilt sich zu Beginn in drei Handlungsstränge auf. Da ist zum einen Walentyna, eine ältere Frau, die in der verbotenen Zone um den Unglücksreaktor von Tschernobyl lebt. Sie schreibt einen Brief an ihre Tochter, die als Studentin nach Deutschland gegangen ist und dort verschollen scheint. So erlebt man als Leser die Geschichte des atomaren GAUs hautnah aus Augenzeugensicht mit. Walentyna beschreibt, wie stolz und glücklich sie waren, damals dort arbeiten zu dürfen, wie später das Unglück erst kleingeredet wurde und doch ihr ganzes weiteres Leben beeinflusste.
Parallel hierzu wird erzählt, wie in Deutschland, nahe der holländischen Grenze, eine junge Frau ihren brutalen Zuhältern entkommt und sich auf den Hof von Matthias Lessmann retten kann. Der Witwer lebt sehr zurückgezogen und spricht oft tagelang nur mit seinem Hund und seinen Schafen. Dennoch fühlt er sich von dem hilflosen Mädchen berührt und gibt ihr bei sich Unterschlupf und Schutz. Sie fasst nach und nach Vertrauen zu ihm und bittet ihn, nach ihrer Freundin zu suchen, die sie in der Gewalt der Zuhälter zurücklassen musste.

Der dritte Erzählstrang handelt von dem ehrgeizigen ukrainischen Ermittler Leonid, der mit seiner Abteilung in Fällen von zahlreichen verschwundenen Mädchen ermittelt. Er kommt in Kontakt mit Walentyna, die all ihre Hoffnungen, ihre Tochter Kateryna wiederzufinden, in ihn setzt. Doch seinen Vorgesetzten gehen Leonids Nachforschungen zu weit und so muss er sich auch gegen interne Widerstände behaupten und durchsetzen.

Natürlich weiß man als Leser, dass diese drei Handlungsstränge sicher irgendwie miteinander verbunden sein müssen, doch die genauen Verbindungspunkte ergeben sich erst nach und nach ähnlich wie bei ihrem letzten Buch „Der Geiger“, von dem ich in einer Rezension schrieb:

„‘Der Geiger‘ ist ein bewegendes und erschütterndes Buch, dem es gelingt, ohne große Effekte das System des russischen Terrors in den Straflagern zu schildern und seine Ausläufer bis in die Gegenwart. Die historischen Fakten sind gut recherchiert und bieten dem Leser gute Informationen über dieses System.

Es ist spannend zu lesen und ganz hervorragend komponiert in den sich aufeinander zu bewegenden Erzählsträngen.“

Gleiches gilt – nur mit andrer Hauptthematik auch für dieses Buch. Eine Geschichte voller Schwermut über verlorenes Glück, über den menschenverachtenden Umgang der Sowjetunion mit der nuklearen Katastrophe von Tschernobyl, und über den grausamen Umgang mit Menschen im Zusammenhang mit Menschenhandel und Prostitution.

Eine Geschichte aber auch über Menschen, die nicht aufgeben und kämpfen um ihr Leben und ihre Selbstachtung.

 

 

 

Lebensstufen

 

 

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Julian Barnes. Lebensstufen, Kiepenheuer & Witsch 2015, ISBN 978-3-462-04727-1

Julian Barnes neues Buch „Lebensstufen“ ist ein beeindruckendes und den Lesern anrührendes Buch über das große menschliche Wagnis, zu lieben. Mit vielen Metaphern versehen erzählt Julian Barnes in drei Kapiteln zunächst wie in einem historischen Roman von Ballonfahrern des 19. und 20. Jahrhunderts und gestaltet die Geschichte als eine Metapher für das Leben.

In einem zweiten Teil schreibt er einen sehr persönlichen Lebensbericht über den Umgang mit dem Tod eines geliebten Menschen, nämlich Barnes’ Ehefrau. Besonders dieser Teil des Buches, geht unter die Haut, erfordert die ganze auch seelische Aufmerksamkeit des Lesers, sonst kann man diese ernsten Gedanken über Leben und Tod weder aushalten noch in sich aufnehmen.

Alle Menschen, die irgendwann einmal einen geliebten Menschen verloren haben, werden sich in Julian Barnes Gedanken wieder finden. Alle aber werden sich umhüllt und angerührt fühlen von einer Sprache, die ihresgleichen sucht.
 

Flüchtige Seelen

 

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Madeleine Thien, Flüchtige Seelen, Luchterhand 2014, ISBN 978-3-630-87384-8

Wo kommen wir her ? Wer waren meine Vorfahren, welche Geschichte haben sie erlebt und was hat sie mit mir zu tun ? Welche Kräfte, mir bewusste und noch mehr meinem Bewußtsein nicht zugängliche, wirken aus der Vergangenheit auf mich ein ? Besonders aus den Teilen der Vergangenheit, die unklar, mit Schuld beladen und dunkel sind.

Schon in ihrem Erstlingsroman „Jene Sehnsucht nach Gewissheit“ 2008 hat die die mit asiatischen Wurzeln in Kanada geborene Schriftstellerin Madeleine Thien immer wieder diese Fragen gestellt.

Auch in ihrem neuen Roman „Flüchtige Seelen“ geht es um dieses Thema. Thien folgt den Erinnerungen, Verletzungen und Träumen ihrer Figuren aus dem Kanada der Gegenwart in die tropischen Wälder des Dschungels Kambodschas in den siebziger Jahren, als dort die Roten Khmer mit brutalen Terror und der Ermordung von Millionen von Menschen eine neue Gesellschaftsordnung errichten wollten.

Hauptperson ist Janie, eine vor vielen Jahren aus Kambodscha geflohene Neurologin an der Universität in Montreal. Als mitten im Winter ihr alter Mentor Hiroji Matsui spurlos verschwindet, ist sie sehr verstört und versucht herauszubekommen, wo er steckt

Offenbar hat er sich auf die Suche nach seinem lange verschollenen Bruder gemacht hat, der als Mitarbeiter des Roten Kreuzes in Kambodscha gelebt hat. Diese Hinwiese lassen mit Macht alte, schmerzhafte Erinnerungen in Janie hochkommen. Erinnerungen, wie sie als kleines Mädchen mit ihrer Familie die Hauptstadt verlassen musste, an die Deportation ihres Vaters, an die Fronarbeit der Mutter mit den Kindern auf dem Land. Die ganze Schreckensherrschaft der Roten Khmer ist präsent.

Doch indem sie die Suche nach ihrem Mentor fortsetzt, der seinerseits auf einer schmerzhaften Suche ist kann sie die Bruchstücke ihrer Vergangenheit wieder zusammensetzen und ihr Leben in der neuen Heimat noch einmal neu beginnen.

Ein wunderbarer, berührender Roman, der erzählt vom schmerzhaften Verlust der Menschlichkeit und von dem Glück, sie wiederzufinden.

Die freie Liebe

 

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Volker Hage, Die freie Liebe, Luchterhand 2015, ISBN 978-3-630-87468-5

 

Nun hat sich auch Volker Hage, der ehemalige Kultur-Chef des „Spiegel“ unter die Romanautoren gewagt, In „Die freie Liebe“ erzählt er die Geschichte einer Dreiecksbeziehung in den 70ern. Zwischen Umsturz und Revolution probieren eine junge Frau und zwei Männer in Sachen Erotik alles Mögliche aus.

In einer Rahmenhandlung treffen sich nach 40 Jahren zwei Männer wieder. Sie lebten in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in München zusammen mit einer Frau in einer WG. Sie tauschen die eine oder andere Erinnerung aus, wollen sich auch wiedersehen, doch zu sagen haben sie sich nicht viel.

Kurze Zeit später findet der Ich-Erzähler in der Wohnung seiner verstorbenen Mutter sein altes Tagebuch aus dieser Zeit. Dieses Tagebuch macht den größten Teil des Romans aus.

Es handelt von einer Zeit, in der alles Mögliche ausprobiert wurde, freie Sexualität, Umsturz, Revolution – doch viel merkt man davon nicht. Die Zeitumstände werden nur kurz angerissen, hauptsächlich geht es im Stile eines Softpornos („So etwas Schönes hatte ich noch nie gesehen, ihre dunkle Haut, ihr schmaler Körper, große Brüste, pechschwarzes Schamhaar. Alles im Kerzenlicht.“) um eine Dreiecksbeziehung.

Vergleiche des jungen Tagebuchschreibers mit Goethes Stella, mit Max Frisch, aber auch Philip Roth und John Updike werden erwähnt, zeigen meiner Meinung nach, in welcher literarischen Klasse sich Volker Hage selbst ansiedelt. Ob er da hingehört? Reich-Ranicki wusste schon genau, warum er keine Romane schrieb.

 

 

 

The Virgin Way

 

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Richard Branson, The Virgin Way , Börsenmedien 2015, ISBN 978-3-86470-245-7

 

Seit 40 Jahren ist Richard Branson als Unternehmer erfolgreich. Seine ungewöhnlichen Ideen und seine besondere Form des Umgangs mit seinen Mitarbeitern, die Unternehmenskulturen, die er entwickelt und gepflegt hat, haben ihm dem Ruf eine „unkonventionellen Denkers“ eingebracht. Er selbst ist der Meinung, dass „man nicht unkonventionell zu denken braucht, wenn man gar nicht erst zulässt, dass Konventionen einen einengen.“

In dem vorliegenden Buch zeigt er an vier Prinzipien seinen Führungsstil.

Zunächst geht es um das Zuhören, einer aussterbenden Kunst und Fähigkeit. Beim Reden ist das KISS (keep it simple and stupid) Prinzip wichtig. Einfach reden und immer wieder zuhören.

In einem zweiten Teil geht es um das Lernen, wobei alle, die Mitarbeiter und die Führenden in einem permanenten Lernprozess sich befinden.

Der dritte Teil des Buches ist der vielleicht für ein Buch über Führung ungewöhnlichste. Unter dem Titel „Lachen“ geht es um die Pflege einer entsprechenden Kultur, es geht um Leidenschaft und um das Feiern.

Der vierte Teil fasst unter dem Titel „Führen“ zusammen und entwickelt ein Anforderungsprofil für die Führungskräfte der Zukunft:

  1. Folgen Sie ihrem Träumen und legen Sie einfach los.
  2. Verändern Sie etwas zum Positiven und tun Sie Gutes
  3. Glauben Sie an Ihre Ideen und seien Sie der Beste
  4. Haben Sie Spaß und kümmern Sie sich um Ihr Team
  5. Geben Sie nicht auf
  6. Hören Sie zu, machen Sie sich viele Notizen und stellen Sie sich immer wieder neuen Herausforderungen
  7. Delegieren Sie und verbringen Sie mehr Zeit mit Ihrer Familie
  8. Schalten Sie Handy und Laptop aus und bewegen Sie Ihren Hintern nach Draußen
  9. Kommunizieren Sie, arbeite Sie mit anderen zusammen und kommunizieren Sie noch mehr

10. Tun Sie, was Sie gern tun, und stellen sie ein Sofa in die Küche

 

Wirklich ungewöhnlich, nicht wahr?

 

 

 

 

Eva talks, Adam walks

 

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Cristina Muderlak,Eva talks, Adam walks , Goldegg 2015, ISBN 978-3-902991-42-3

 

Dieses Buch ist die richtige und zudem wissenschaftlich fundierte Antwort auf alle radikalen Ansätze des Gendermainstreamings. Cristina Muderlak beschreibt mit zahlreichen Beispielen aus ihrer reichen Beratungspraxis, „wie unsere Unterschiedlichkeit das Miteinander der Geschlechter stärkt“. Nicht nur in der Arbeitswelt, aber gerade dort besonders.

Zwei Thesen sind ihrer Grundlage:

1.Frauen und Männer sind nicht gleich

2.Frauen und Männer sind gleichwertig

Um diese Gleichberechtigung erfolgreich am Arbeitsplatz umzusetzen, braucht man keine polarisierenden Quotendebatten und einseitige Frauenförderung. Dieser Ansatz hat in die Irre geführt. Was nötig ist, ist eine respektvolle Auseinandersetzung mit der Unterschiedlichkeit.

Doch die Widerstände durch lange gepflegte Vorurteile sind groß und nach wie vor werden die gegenseitigen Vorwürfe hin- und her geschossen. Die betriebswirtschaftlichen aber auch die psychologischen Folgen für die Einzelnen sind gravierend.

Cristina Mudelak entschlüsselt mit ihrem Buch viele alltägliche Missverständnisse zwischen den Geschlechtern und zeigt, welche Folgen die Unkenntnis über die unterschiedliche Kommunikation von Frauen und Männer fatale Folgen hat. Frauen kommen in ihrer Karriere nicht voran und Männer ziehen aus weibliche Botschaften die falschen Schlüsse.

Das gut aufgebaute und verständliche Buch zeigt mannigfaltige Wege auf, diesem Dilemma zum Vorteil beider zu entgehen.

Ein Plädoyer für einen für beide Geschlechter gewinnbringenden Dialog, der den Leser und die Leserin auch für das Leben und die Kommunikation in ihrer persönlichen Beziehung oder Ehe sensibilisiert.

 

Das nachtblaue Kleid

 

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Karen Foxlee, Das nachtblaue Kleid , Beltz & Gelberg 2014, ISBN 978-3-407-81181-3

 

Rose Lovell ist ein einsames Mädchen. Niemals hat sie irgendwo dazugehört, niemals einen Freund oder eine Freundin gehabt. Als sie mit ihrem unsteten Vater, der ihr auch kein rechter Halt ist, in einem abgelegenen Ort an der Pazifikküste in der Nähe des Regenwaldes auf einem heruntergekommenen Campingplatz landet, lernt sie dort bald Pearl Kelly kennen. Ein Mädchen mit enormer Ausstrahlung, die ihrem Vornamen alle Ehre macht.

Nach langen Gesprächen, in denen Rose langsam Vertrauen fasst, lässt sie sich von Pearl dazu überreden, an dem jährlichen Ball zur Zuckerrohrernte teilzunehmen, ein Ereignis, dem alle Mädchen mit großer Spannung entgegenfiebern.

Als Rose die alte Edith Baker kennenlernt, bietet die ihr an, mit ihr zusammen ein Kleid für diesen Ball zu nähen. An vielen langen Abenden entwerfen und nähen sie ein wunderbares nachtblaues Kleid, in dem Rose sicher die Schönste auf dem Ball sein wird. Und Edith erzählt aus ihrem Leben und von ihren verborgenen Geheimnissen.

Doch dann passiert etwas ganz Schreckliches. Ein Mädchen verschwindet in einer schwülen Nacht. Es trug das magische nachtblaue Kleid. Doch niemand weiß: ist es Rose oder ist es Kelly?

In zwei Erzählsträngen baut Karen Foxlee ein Jugendbuch auf, das die Geschichte eines Mädchens erzählt, das seinen Platz in der Welt sucht und in dem es um Freundschaft geht, um Liebe und um Verrat. Im ersten Strang, der Gegenwart, ist zu Beginn des Buches das Unglück bereits geschehen, und in einem zweiten Strang wird in Rückblicken erzählt, was von der Ankunft von Rose Lovell in dem Ort am Regenwald bis zum Verschwinden des Mädchens geschieht.

Obwohl man das Ende schon am Anfang weiß, ist das Buch überaus spannend zu lesen und die Geschichte der beiden so grundverschiedenen Freundinnen bewegt und berührt doch sehr.

Sprachlich absolut gelungen, kann ich das Buch für Jugendliche sehr empfehlen, doch auch Erwachsene werden, wie bei jedem wirklich guten Jugendbuch, ihre Freude daran haben.

 

 

 

 

Das zweite Leben des Travis Coates

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John Corey Whaley, Das zweite Leben des Travis Coates, Hanser 2015, ISBN 978-3-446-24741-3

 

„Wisst ihr – ich habe gelebt und dann nicht mehr. Ganz einfach. Und jetzt lebe ich wieder.“

Der das von sich sagt, heißt Travis und ist 16 Jahre alt, als er an Leukämie stirbt. Seine Eltern haben einem Versuch zugestimmt, dem sie wenig Erfolg zutrauten. Travis` Kopf wird eingefroren um irgendwann auf einem anderen Körper wieder zum Leben erweckt zu werden. Dass dies schon fünf Jahre später der Fall sein würde, ahnte niemand.

Travis` Kopf wird auf einen anderen Körper transplantiert und er versucht, wieder am normalen Leben teilzunehmen. Doch alle sind mittlerweile 5 Jahre älter geworden, seine damalige Freundin Cate ist mit einem anderen verlobt, und in seiner neuen Klasse sind ihm alle fremd. Während Travis immer noch 16 ist, gestaltet sich sein Verhältnis zu seinen schon fast erwachsenen ehemaligen Freunden sehr problematisch. Und hinzukommt, dass er das Gefühl hat, dass seine Eltern ihm irgendetwas Wichtiges verschweigen.

Travis versucht verzweifelt, sein altes Leben wiederzubekommen, aber es will ihm nicht gelingen. Lediglich seine Beziehung zu seinem alten Freund Kyle funktioniert gut, und mit seinem neuen Kumpel Hatton aus seiner neuen Klasse versteht es sich gut.
Es ist eine interessante Idee, die Whaley mit großer erzählerischer Begabung und Kunst hier in einem empfehlenswerten Jugendbuch umsetzt. Sehr spannend und locker, stellenweise mit viel Humor erzählt lässt das Buch aber auch einiges offen. So kann man sich vorstellen, welchen Rummel eine solche Transplantation auslösen würde. Doch Travis, der uns seine Geschichte hier erzählt, scheint das alles nicht so sehr wahrzunehmen und so liegt der Fokus der Geschichte auf seiner individuellen Wahrnehmung.

Die ist meisterhaft gelungen. Ein originelles und ergreifend-berührendes Buch mit Anleihen an SF.