Die Möglichkeit eines Verbrechens

 

 

 

Dror Mishani, Die Möglichkeit eines Verbrechens, DTV 2019, ISBN 978-3-423-21717-0

 

Henning Mankell, der nun wirklich Ahnung hat von guter Kriminalliteratur, hat den vor vier Jahren erschienenen  Debütroman „Vermisst“ des israelischen Literaturprofessors und Lektors Dror Mishani „originell und beeindruckend“  genannt und war insbesondere angetan von Avi Avraham, mit dem ein neuer, sehr spezieller Ermittler die Krimibühne betrat.

Auch sein neuer, hier vorliegender Roman „Die Möglichkeit eines Verbrechens“ spielt in Cholon, einem Vorort der israelischen Metropole Tel Aviv. Dort ist der alleinstehende, ziemlich schrullige Kommissar Avi Avraham zuständig für allerlei kleinere und größere Delikte. Mal ist es eine Schulhofprügelei, mal ein Diebstahl. Nichts Weltbewegendes und vor allen Dingen nichts, was Avi aus der Ruhe bringen könnte. Er strahlt zunächst etwas aus wie Langeweile und eine subtile Form von Inkompetenz, und man fragt sich als Leser, wie ein solcher Ermittler erfolgreich sein kann.

 

Nach seinem letzten Fall, als er beim Verschwinden eines 16- jährigen Jungen insbesondere zu dessen Eltern die nötige Distanz vermissen ließ, leidet Avi Avraham unter diesen Fehlern. Während einer Auszeit in Belgien hat er eine Frau kennengelernt und auch neuen Mut für sein eigenes, eher einsames Leben geschöpft. Neben der spannenden Handlung des zu lösenden Falles, verfolgt Dror Mishani auch sensibel die beginnende Geschichte dieser nicht ganz unproblematischen Beziehung.

Im neuen Fall wird vor einem Kindergarten in Cholon eine Bombenattrappe gefunden. Ein am Tatort Festgenommener muss wieder freigelassen werden. Als Avraham mit der Betreiberin spricht, spürt, dass die nicht die Wahrheit sagt und irgendetwas zu verbergen hat. Als wenig später die Betreiberin des Kindergartens auch noch Opfer einer gewalttätigen Attacke wird, und ins Koma fällt, gerät der Cateringunternehmer Chaim Sara schnell in Tatverdacht. Denn der hatte, wie er auch zugibt, vor kurzem mit Frau einen heftigen Streit um die Qualität ihrer Arbeit. Und er verwickelt sich in Widersprüche, insbesondere über seine philippinische Frau, die angeblich zu ihren Eltern auf die Philippinnen geflogen ist.

Dror Mishani fängt sehr sensibel das Leben und den Alltag in Cholon ein, von den „typischen“ israelischen Themen ist kaum die Rede, wohl aber vom Alltag und den Sorgen der auftretenden Personen. So entsteht nicht nur eine faszinierende Milieustudie, sondern auch ein spannender Psychothriller, dessen Handlung sich zuspitzt und am Ende mit einem völlig unerwarteten Höhepunkt glänzt.

 

Avi Avraham ist ein Ermittler ganz anderer Art. Er will keine Fehler machen und entscheidet dennoch fast nur aus dem Bauch. Aus seiner Sicht ist der ganze Roman erzählt und auch Chaim Saras Perspektive wird immer wieder dargestellt. Erst allmählich löst sich die Verwirrung beim Leser und die Fäden einer wieder nicht ganz fehlerfreien Ermittlung laufen zusammen.

 

Die Bücher Dror Mishani und seine Hauptfigur Avi Avraham sind nichts für Freunde von Actionthrillern und toughen Kommissaren.  Dieser hier macht Fehler, ist absolut menschlich und wird vielleicht durch die Beziehung zu seiner neue Partnerin die persönliche Bodenhaftung bekommen, die im noch fehlt. Sind wir auf den dritten Band mal gespannt.

 

Mit jedenfalls hat auch das neue  Buch ausgesprochen gut gefallen.

 

 

 

 

Es geht uns gut

Arno Geiger, Es geht uns gut, DTV 2018, ISBN 978-3-423-14650-0

 

 

Philipp Erlach (36) lebt als Schriftsteller in Wien. Was er schreibt bzw. geschrieben hat, wird nicht einmal angedeutet, man bekommt den Eindruck, dass er nicht wirklich erfolgreich ist oder aber in einer Schaffenskrise. So wie er sich in den Monaten Mai und Juni des Jahres 2001 durch sein Leben wurstelt, wäre das auch gar nicht verwunderlich.

 

Philipp Erlach hat in Hietzing, einer Wiener Nobelgegend, die alte Villa seiner Großeltern geerbt. Wohl hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen nimmt er dieses Erbe an, aber er wehrt sich auch dagegen. Denn alles, was diese Villa an Familiengeschichte atmet, allem, was sich auf dem tatsächlichen und dem virtuellen Dachboden versteckt, begegnet er feindlich.

 

Sein Privatleben ist genauso ungeordnet und unklar, wie ihm seine eigene Vergangenheit und erst recht seine persönliche Zukunft erscheint.

„Insgeheim möchte doch jeder wissen, wie die Zukunft sein wird, und sei es nur, damit es in der Gegenwart leichter fällt sich einzubilden, dass man weiß, was man tut.“

So formuliert er in seinen persönlichen Notizen, als er beginnt, das Haus zu entrümpeln. Seine verheiratete Freundin Johanna, zu der er nicht wirklich eine tiefe Bindung aufbauen kann, schickt ihm zwei Schwarzarbeiter, Steinwald und Atamatov, ein Ukrainer. Sie tut das, weil sie ihren Philipp kennt: alleine wäre er nicht imstande, irgendetwas an den Haus zu machen.

 

Vor allen Dingen nicht, sich mit der Vergangenheit zu konfrontieren, die in dem Haus lebt und „aufbewahrt“ ist. Und so müssen die beiden Schwarzarbeiter, mit denen er im Laufe der Zeit, die sie für ihn arbeiten, ziemlich hilflos eine Freundschaft anknüpfen will, den Dachboden entrümpeln, in denen sich eine Menge Tauben ein neues Zuhause eingerichtet haben.

 

Kistenwiese verschwinden Sachen, Bücher und Einrichtungsgegenstände, die auf dem Boden zum Teil über Jahrzehnte gelagert waren, in den bestellten Containern. Steinwald und Atamatov entwickeln noch das realistischste Verhältnis zu den Hinterlassenschaften: sie schaffen alles, was noch irgendeinen Wert haben könnte, in Steinwalds gebrauchten Mercedes und verhökern es auf Flohmärkten.

 

Philipp Erlach will und kann sich nicht mit der Vergangenheit seiner beiden Herkunftsfamilien auseinandersetzen, vielleicht weil er so gar keine Vorstellung hat von seiner Zukunft und seine Gegenwart so trostlos.

 

Wie reich an menschlichem Schicksal und politischer Bedeutung seine Familiengeschichten sind, erzählt Arno Geiger in literarischen Blitzlichtern, in denen er in einem Zeitrahmen zwischen 1938 und 1989 immer wieder an einen Tag in der Vergangenheit zurückkehrt und schildert, was passiert.

 

Hier, in diesen Kapiteln, hat man das Gefühl, dass die beschriebenen Menschen leben, ihr Leben gestalten, und dort , wo sie keine Macht darüber haben, sich wenigstens mit ihrem Schicksal auseinandersetzen, anders als Philipp Erlach im Jahre 2001. Dem Leser entschlüsselt sich nicht die Antwort auf die Frage, welche Details aus der beschriebenen Familiengeschichte ihm tatsächlich bekannt sind. Diese beziehungslose Aneinanderreihung der aktuellen Kapitel und denen aus der Geschichte verstärkt noch den Eindruck, dass Erlach ein Mensch ohne wirkliche Wurzeln ist, und dass darin auch sein eigentliches menschliches und wohl auch schriftstellerisches Dilemma begraben liegt.

 

Für einen Leser aus Deutschland, der sich mit der österreichischen Geschichte nicht so auskennt wie mit der des eigenen Landes, ist das Buch auch als Informationsquelle über das Land und seine Menschen aufschlussreich.

 

Arno Geiger liebt seine Personen, die er schildert, er liebt und leidet mit ihnen. Sein Buch ist eine Einladung an seine Leser, die eigene Lebensgeschichte ernster zu nehmen.

 

 

 

Nur für Boys

 

 

Lizzie Cox, Nur für Boys, Ravensburger Verlag 2018, ISBN 978-3-473-55455-3

 

Witzig und peppig aufgemacht, mit vielen humorvollen Illustrationen versehen kommt dieses zunächst in England für Jungen in der Pubertät erschienen kleine Handbuch daher, das „alles was du wissen musst“ seinen männlichen Lesern im Untertitel ankündigt.

 

In kurzen, verständlichen Texten wird alles Wesentliche erklärt, was in dieser schwierigen Zeit der Entwicklung zum Erwachsenen in Körper und Seele vor sich geht.

Worterklärungen und ein Register sowie ein Wort an die Erwachsenen finden sich im Anhang eines handlichen und sehr empfehlenswerten Buches.

Krokodilwächter

Katrine Engberg, Krokodilwächter, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07028-6

 

Mit „Krokodilwächter“ beginnt der Diogenes Verlag die Veröffentlichung einer neuen Krimiserie aus Dänemark. Katrine Engberg war mit ihrem Debütroman dort sehr erfolgreich und man darf schon jetzt sehr gespannt auf die weiteren Folgen der Serie um die beiden Ermittler Jeppe Korner und Anette Werner sein. Jedenfalls ist dem Diogenes Verlag nach Anne Reineckes „Leinsee“ ein weiteres vielversprechendes Debüt ins verlegerische Netz geraten.

 

Als der Rentner Greger Hermansen, einer der Mieter der emeritierten Hochschullehrerin Esther de Laurenti, seinen Müll vor das Haus bringen will, entdeckt er im ersten Stock, dass die Wohnungstür der beiden jungen Frauen die dort seit einiger Zeit zusammen wohnen, offen steht. Als er nachschauen will, stolpert er über die grauenhaft zugerichtete Leiche von Julie, die erst vor kurzem nach Kopenhagen gezogen war um dort Literatur zu studieren, und erleidet dabei einen Herzanfall.

 

Jeppe Korner und Anette Werner von der Kopenhagener Mordkommission werden mit den Ermittlungen beauftragt. Anette ist ein ausgeglichener Mensch, glücklich verheiratet und hat eine Familie, bei der sie sich wohl fühlt.

 

Jeppes Frau hat sich seit einiger Zeit von ihm getrennt. Sie konnte das Polizistenleben nicht mehr ertragen. Jeppe versucht krampfhaft wieder auf die Füße zu kommen, kommt aber in diesem ersten Band der auf mehrere Teile angelegten Reihe noch nicht viel weiter. Das Band ihrer gegenseitigen Sympathie ist dünn, aber sie mühen sich um eine gute Zusammenarbeit. Wie die sich weiterentwickeln wird, werden die nächsten Bände zeigen.

 

Schnell ist klar, dass es sich bei der Toten um Julie Stender handelt.  Lange rätseln die Ermittler darüber, dass der Täter ihr irgendeine Form von Botschaft ins Gesicht geschnitten hat.

 

Rätselhaft bleibt auch lange, dass in einem Roman, den Esther de Laurenti im Ruhestand begonnen hat, ein fast ähnlicher Mord in allen Einzelheiten geschildert wird. Doch es gibt weitere Opfer mit weiteren Zeichen.

Nach und nach bieten sich viel Personen als mögliche Täter an. neben Esther de Laurenti ist da noch ihr Gesangslehrer und jugendlicher Freund Kristoffer.

 

Im Laufe der Ermittlungen taucht eine Gruppe von Literaten auf, mit denen Esther de Laurenti auf einer nur dieser Gruppe zugänglichen Internetseite die Teile ihres Romans ausgetauscht hat. Doch es scheint, als hätten auch noch andere Zugang zu dieser Seite….

 

Eine sich ständig steigende Spannung erzeugend, führt Katrine Engberg den zunehmend begeisterten Leser  zu einer Lösung, die er nicht für möglich gehalten hätte.

 

Ein absolut gelungenes Debüt, das Lust auf weitere Bände dieser Reihe macht. Ob Diogenes damit ähnlichen Erfolg hat wie mit den Büchern von Donna Leon oder Martin Walker?

 

 

Sommernachtstod

 

 

Anders de la Motte. Sommernachtstod, Droemer 2018, ISBN 978-3-42630624-6

 

Über die erste Hälfte dieses spannenden Kriminalromans aus Schweden, der auf langen Strecken eher wie ein Psychodrama einer vom Schicksal getroffenen Familie und des Dorfes, in dem sie wohnt daherkommt, erzählt Anders de la Motte in zwei Strängen.

Der erste spielt im Spätsommer 1983, als in einem kleinen  Dorf in Südschweden der 4 Jahre alte kleine Billy verschwindet. Er  spielte im Garten, als ihn ein Kaninchen ablenkt, er ihm folgt bis zu einem Zaun und dann plötzlich nicht mehr da ist. Es folgt die Schilderung einer Suche nach diesem Jungen, bei der der örtliche Polizeichef Krister Mansson die Leitung übernommen hat. Auch als nach einiger Zeit ihm zwei Kriminalpolizisten aus der Stadt vor die Nase gesetzt werden, gibt es keine brauchbaren Ergebnisse. Der im Dorf unbeliebte Tommy Rooth wird verdächtigt, doch man kann ihm nichts nachweisen. Billys Mutter wird depressiv und nachdem sie aus der psychiatrischen Klinik entlassen wird, geht sie aufs Eis und ertrinkt.

Schon direkt nach dem Prolog, in dem Billy verschwindet, fügt Anders de la Motte lange sehr unverständlich und kryptisch bleibende Brieffragmente ein – Absender und Adressat unbekannt. Sie bleiben bis zum Ende des spannenden Romans, der eine völlig überraschende Lösung bringt, unklar.

 

Der andere Erzählstrang spielt in der Gegenwart des Romans, 20 Jahre nach dem Verschwinden des kleinen Billy. Dessen Schwester Vera, die sich jetzt Veronica nennt, arbeitet nach einer entsprechenden Ausbildung als Therapeutin in Stockholm. Sie hat vor kurzen einen Zusammenbruch erlebt, und hat nun unter der Anleitung ihrer erfahrenen Kollegen Ruud in einer Trauerselbsterfahrungsgruppe als Leiterin die Chance sich zu bewähren und ihren Arbeitsplatz zu sichern.

Als eines Tages ein junger Mann in die Gruppe kommt, sich als Ilka vorstellt und von seinem vor 20 Jahren verschwundenen damaligen Freund erzählt und dabei das Dorf haargenau beschreibt, glaubt Veronica in diesem Mann ihren Bruder zu erkennen.

 

Sie fährt nach Hause in ihr Dorf und beginnt auf eigene Faust dem damaligen Verschwinden ihres Bruders nachzugehen. Ihr anderen Bruder Michael, der bei der Polizei arbeitet, hilft ihr nach ersten Zweifeln und auch der ominöse junge Mann taucht wieder auf. Kann sie ihm Vertrauen? Ist er tatsächlich der wieder aufgetauchte Billy? Lange bleibt das unklar und der Leser ist hin- und hergerissen.

 

Man kann das Buch, das in der zweiten Hälfte hauptsächlich in der Gegenwart spielt, kaum aus der Hand legen,. So spitzt sich die Handlung zu, bis ein völlig überraschender Schluss den Leser aus Wolken fallen lässt und die Auflösung bringt.

 

Anders de la Motte ist in seiner Heimat ein preisgekrönter Schriftsteller. Hierzulande blieben seine bisher erschienenen Bücher eher unbeachtet. Das wird sich nach diesem Knüller sicher ändern.

 

 

 

 

Eine Stimme in der Nacht. Commissario hört auf sein Gewissen

 

Andrea Camilleri, Eine Stimme in der Nacht. Commissario hört auf sein Gewissen, Lübbe  2018, ISBN 978-3-7857-2612-9

Der vorliegende Roman mit Commissario Montalbano aus Vigata in Sizilien ist der nunmehr 20. ins Deutsche übersetzte einer Reihe, die ihr Schöpfer Andrea Camilleri, mittlerweile 93 Jahre alt, in Italien schon auf 25 Bände ausgeweitet hat.

 

Ich habe alle bisher erschienenen Bände vom ersten Band „Die Form des Wassers“ bis zum dem aktuellen vorliegenden in Italien zuerst 2011 erschienenen gelesen, und ich muss sagen, dass ich selten in einer Krimireihe (die meisten mit deutlich weniger Bänden) so wenig qualitative Unterschiede gesehen habe wie bei Camilleri.

 

Obwohl die Besetzung bis auf unwesentliche Veränderungen in seinem Ermittlerteam immer gleich bleibt, ist es jedes Mal ein Genuss zu lesen, wie Montalbano etwa seinen Vorgesetzten mit dessen eigenen Mitteln austrickst oder wie sein tolpatschiger Assistent Catarella jeden Namen verwechselt, der ihm unter die Nase kommt.

 

In den letzten Bänden spielt Camilleri immer wieder mit dem Thema Alter. Montalbanos Zwiegespräche mit seinem Alter Ego deren sich immer mehr um seine Vergesslichkeit und seine abnehmende Energie.

Doch dann zeigt sich der auf sie sechzig zugehende Commissario wieder wie im vorliegenden Band von seiner besten Seite, lässt sich von ermittlungstechnischen Sackgassen nicht entmutigen und stellt wieder einmal fest, dass seine Libido noch nicht erloschen ist.

 

Wider mit viel Sprachwitz hat der Schauspieler Bodo Wolf zusammen mit anderen auch dieses Hörbuch eingelesen und begeistert seine Hörer erneut mit seinem Gespür für die lauten und die leisen  Zwischentöne Andrea Camilleris.

 

 

Lange habe ich mich in den letzten Jahren gefragt, warum Montalbano  immer noch jeden Abend mit seiner Freundin Livia telefoniert, obwohl er jedes Mal mit ihr in einen  Streit gerät. Man spürt, dass Montalbano sie durch die Zeiten aufrichtig liebt. Und nach der Lektüre dieses Buches, in dem Camilleri viel Einblick gibt in Montalbanos Vergangenheit, auch seine Geschichte mit Livia, weiß man auch warum. Ich glaube jedenfalls mittlerweile nicht mehr daran, dass Camilleri an dem Beziehungsstand der beiden in den insgesamt fünf in Italien schon erschienenen, aber noch nicht ins  Deutsche übersetzte Bände, etwas ändern wird, auf die  sich alle Freunde dieses Commissarios, der nach wie vor gutes Essen und guten  Wein goutiert, in den nächsten Jahren freuen können.

 

 

 

 

 

Die Universität

 

Andreas Maier, Die Universität, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42785-9

 

Mit dem vorliegenden sechsten Band seines autobiographischen Romanprojekts „Ortsumgehung“ hat der in Friedberg in der Wetteraus geborene und aufgewachsene Schriftsteller Andreas Maier nicht nur schon über die Hälfte des auf angeblich elf Bände angelegten Werkes vollendet, sondern in dem Roman „Die Universität“ verfestigt sich auch eine schon in „der Kreis“ angelegte Wende in seiner Entwicklung, die Geburt eines Künstlers und einer Idee von der Welt und seiner Aufgabe in ihr.

 

Inspiriert von Thomas Bernhard, über den er auch promovierte, entwickelte Andreas Maier schon in den Bänden „Das Zimmer“, „Das Haus“, „Die Straße“, „Der Ort“  und „Der Kreis“ seit 2010 von Buch zu Buch das autobiographische Erzählen als Kunstform und erweiterte sukzessive sein Beobachtungsspektrum. Quasi wie in konzentrischen Kreisen erzählt er immer wieder von seiner Kindheit und Jugend und setzt mit jedem Buch immer wieder neu an, bezieht sich auf Bekanntes, fügt Neues hinzu und begleitet als erwachsener Intellektueller mit großem Einfühlungsvermögen sich selbst als Kind und Jugendlicher auf dem Weg in die Welt und ins künstlerische, ästhetische und politische Bewusstsein.

 

In der Zwischenzeit ist Andreas Maier an der Universität in Frankfurt. Wir schreiben die Jahre 1988-1989. Noch immer trägt er seine Liebe zur Buchhändlertochter aus Friedberg in sich, auf deren Spuren er sich in seiner Heimat bei kurzen Besuchen zu Hause bewegt.

 

Doch hauptsächlich erzählt er in knappen Kapiteln und Miniaturen von seinem Leben als Student, von seinen Beobachtungen in Seminaren des berühmten Karl-Otto Apel über Wahrheitstheorie und dessen unendlichen Exkursen. Ende der 80 er Jahre gab es noch keine festgelegten Bachelorstudiengänge, sondern das Studium war relativ frei, bewegte sich zwischen Besuchen der Unikneipe Dr. Flotte und verzweifelten Versuchen, eine Orientierung für das eigene Leben zu finden. Andreas Maier treibt die Orientierungslosigkeit bald schon zu einem Arzt. Die Schilderung von dessen Anamnese ist ebenso köstlich zu lesen wie Maiers Beobachtung und Reflexionen über Kommilitonen in Apels stickigem Seminar.

Als er auf der Suche nach einem Zimmer in einer ziemlich heruntergekommenen Dachbude glaubt in einem auf dem Boden liegenden Erotikmagazin eine ehemalige Freundin zu sehen, geraten im Gegenwart und Vergangenheit ziemlich durcheinander.

 

Etwas mehr Klarheit verschafft ihm ein Studentenjob bei einer Art Pflegebörse, wo er als Neuling zuerst zu einer besonders schwierigen Patientin geschickt wird. EWs stellt sich heraus, dass er die Ehefrau des schon 1969 verstorbenen Philosophen Theodor Adorno, Gretel Adorno versorgen muss. Er lässt sich von ihr zerkratzen und beschimpfen, aber eigentlich versteht er sich mit ihr besser als mit seiner ganzen Umwelt.

 

Zusammen mit seinen Kollegen, mit denen er im Schichtdienst Gretel Adorno versorgt, erfüllt er ihr eine schon Jahre gehegten Wunsch: sie möchte noch einmal an ihrem Platz im legendäre Cafe Laumer in der Bockenheimer Straße sitzen, wo sie in den Sechzigern mit ihrem Mann oft anzutreffen war.

Die Universität ist ein Roman über die Möglichkeit, überhaupt von so etwas wie „Ich“ oder „Person“ zu sprechen. Vergleiche hierzu Maiers Frankfurter Poetikvorlesungen, die 2006 bei Suhrkamp erschienen sind.  Es ist jener Zustand Anfang zwanzig, in dem wir zwar noch im Rollenspiel der Jugend verhaftet sind, zugleich aber längst begriffen haben, dass es irgendwo anders hingehen muss.

Andreas Maier ist mit diesem sechsten Roman seiner Reihe eine leise Geschichte über jemanden gelungen, der seinen Platz in der Welt finden will, ohne sich selbst zu verlieren.

 

In einer Anmerkung auf Seite 86 schreibt Maier: „Nach wie vor bin ich dann für ein paar Augenblicke neben mich gesetzt, wie wenn meine jetzige Bad Nauheimer Gegenwart im Jahre 2009 und das Zimmer meines Onkels, in dem ich das hier schrieb, durchscheinend werden und dahinter ein anderes früheres Bild herandrängt.“

 

Schon in „Der Kreis“ hatte mich eine Bemerkung vermuten  lassen, dass die Bände von „Ortsumgehung“ längst fertig sind. „Die Universität“ jedenfalls wurde 2009 geschrieben und erst 9 Jahre später veröffentlicht. Was auch immer der Grund dafür ist – offensichtlich hat der mittlerweile in Hamburg lebende Andreas Maier schon seit Längerem Zeit für ein ganz neues Projekt. Auf das bin ich sehr gespannt.

 

Andreas Maiers Zyklus ist ein beeindruckendes Erinnerungsprojekt und bis jetzt ein wertvolles literarisches Zeugnis dessen, was Kindheit und Erwachsenwerden bedeuten können.

 

 

Die Arroganz der Macht. Hochmut kommt vor dem Fall

 

 

Rüdiger Voigt, Die Arroganz der Macht. Hochmut kommt vor dem Fall, Tectum 2018,ISBN 978-3-8288-4077-5

 

Das Verhältnis zwischen den Politikern und den Bürgern, die diese gewählt haben (oder auch nicht, immer mehr bleiben frustiert zu Hause) hat sich verändert. Es ist schwer zu sagen, wann dieser noch nicht zu seinem Ende gekommene Prozess begann, aber dass er an allen Ecken und Enden spürbar ist, ist eine schmerzhafte Erkenntnis für alle, die die Demokratie für die beste Form halten, wie Menschen in einem staatlichen Gemeinwesen zusammenleben.

 

Der Staat wird nicht nur autoritärer, sondern er bestimmt in zunehmenden Maße immer mehr zuvor absolut private Bereiche seiner Bürger. Trump, Ungarn, Polen auf der einen Seite, und auf der anderen Seite ein wachsender Unmut, wachsende Entfremdung vom Politischen und eine grobe Ablehnung der Eliten und der repräsentativen Demokratie, nicht nur bei Anhängern der AfD.

 

Das vorliegende Buch , eine Sammlung von Vorträgen und Aufsätzen ist ein gelungener Versuch, sich angesichts einer immer unübersichtlicheren politischen Lage mit dem begrifflichen Instrumentarium der politischen Theorie Klarheit zu verschaffen, um als Konsequenz daraus für eine Revitalisierung der Demokratie durch Bürgerengagement zu plädieren.

 

Es  wird deutlich, dass die Arroganz der Herrschenden auch in einer Demokratie immer wieder durchbrechen kann und dass viele zu beobachtende Krisenphänomene nicht nur auf die heutige Zeit beschränkt sind. Die Binsenweisheit, dass Hochmut vor dem Fall kommt, kann dabei auch als Aufforderung zu einer Wiederaneignung der Demokratie verstanden werden.

 

 

 

 

So viel mehr als Sternenstaub

 

 

Rainer Oberthür, Marieke ten Berge, So viel mehr als Sternenstaub, Gabriel 2018, ISBN 978-3-522-30499-3

 

Rainer Oberthürs Leidenschaft ist es, Kindern unterschiedlicher Altersstufen die großen Fragen des Lebens nahezubringen und dabei immer das Angebot des christlichen Glaubens und der biblischen Traditionen ins Spiel zu bringen.

In diesem neuen von Marieke ten Berge ansprechend illustrierten Bilderbuch für Kinder ab 5-6Jahren geht es um die Einzigartigkeit jedes Menschen, die auch gilt, wenn er sich deutlich macht, dass er im Bezug auf das unendliche Weltall nur ein Stabkörnchen darstellt. Wenn wir uns selbst und unsere Welt anschauen, so lehrt Oberthür die Kinder, dann kommen wir doch aus dem Staunen nicht mehr heraus und eine Frage löst die andere ab: woher kommt unsere Welt? Warum bin ich hier? Gibt es Gott wirklich und ist er Himmel? Und wo bitte ist das?

 

In kurzen, sehr poetischen Texten, die mit den schönen Bildern von Marieke ten Berge wunderbar harmonieren, erzählt Rainer Oberthür, immer sehr persönlich gefasst, von Gottes Liebe zu den Menschen, davon, wie man mit ihm sprechen kann und wie man sich bei Gott geborgen fühlen kann, auch wenn die Angst und die Zweifel einen quälen und ,man es schwer hat im Leben oder in der Schule.

 

Kinder, denen man dieses Buch vorliest oder die, wenn sie schon etwas älter sind, sich selbst mit ihm beschäftigen, erfahren auf eine sehr sensible Weise, was Gott mit ihrem Leben und ihrem Alltag zu tun hat.

 

Kindgerecht philosophierend findet Oberthür Antworten nach dem Warum und nach dem Mehr und auch nach dem, was über unsere Welt und unseren Verstand hinausgeht. Auch wenn  klar wird, dass wir es niemals ganz werden ergründen können, kommt das Buch zusammenmit den Kindern dem Geheimnis Gottes ein Stückchen näher.

 

Rainer Oberthürs Bücher sind für Kinder geschrieben. Aber auch Jugendliche und Erwachsene können von diesen Texten noch viel lernen für ihren Glauben und vor allen Dingen für ihre Zweifel und Fragen.

 

 

Revanche. Der zehnte Fall für Bruno, Chef de police

 

 

Martin Walker, Revanche. Der zehnte Fall für Bruno, Chef de police, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07025-5

 

In seinen bisherigen Büchern mit dem sympathischen Bruno Courreges, dem Chef de Police in dem kleinen Städtchen St. Denis im Perigord ist es dem Engländer Martin Walker jedes Mal sehr gut gelungen, ein aktuelles Thema in einem konkreten Kriminalfall zu verbinden mit sehr aufschlussreichen Rückblicken in die dunklen Kapitel der französischen Geschichte.

 

Auch im zehnten Band einer Reihe, die an Unterhaltungsqualität nicht nachlässt, lässt Martin Walker seinen Bruno nicht nur wieder einer Menge Menschen begegnen ( man muss sich wirklich konzentrieren beim Lesen, dass man mit den vielen Namen nicht durcheinander kommt), sondern erfreut den Leser mit einer Menge an historischen Informationen, die er erneut hervorragend recherchiert hat. Dieses Mal gehen die Zusammenhänge zum einen weit zurück in die Zeit des Mittelalters und dem legendären Schatz der Templer und ihn direktem Zusammenhang damit geht es um ein geheimnisvolles Dokument mit möglichen und erheblichen Auswirkungen auf den Nahostkonflikt um die Frage, wem Jerusalem historisch gehört.

 

Als auf der alten Burg Commarque in der Nähe von St. Denis  eine Frau von einer Mauer zu Tode stürzt, nachdem dort eine seltsame Inschrift hinterlassen wurde. Es stellt sich heraus, dass diese Archäologin zusammen mit anderen auf der Suche nach einem höchst explosiven historischen Dokument war, das die politisch höchst aktuelle Frage um Jerusalem völlig neu stellen würde.

 

Schon ganz am Anfang der Ermittlungen stellt sich eine schöne, attrakrti8be Frau bei Bruno vor, die für das Justizministerium in Paris arbeitet und bei Bruno zwei Wochen lang sozusagen eine Art Praktikum machen soll. Im Verlaufe des Buches wird sie nicht nur den in digitaler Hinsicht eher unbedarften Bruno in die Tricks der digitalen Welt einführen, sondern damit auch wesentlich zur Aufklärung beitragen. Auch ein israelischer Agent namens Jacov wird neben dem aus den anderen Büchern schon bekannten Brigadier vom französischen Geheimdienst und Brunos großer Liebe Isabel in die Ermittlungen eingeschaltet (eine arabische Terrorgruppe ist auch hinter dem sagenumwobenen Dokument her), mit dem Amelie sehr schnell eine amouröse Beziehung aufnimmt.

 

Dies feststellend und seiner Isabel nachtrauernd (sie hat in einem der früheren Bücher ein Kind von Bruno abgetrieben, weil sie sich für die Karriere in Brüssel und Paris entschied), lässt Martin Walker seinen Bruno angesichts dieser neuen Beziehung und angesichts der Heirat der beiden Archäologen Horst und Clothilde( auch sie kennen wir aus dem letzten Buch) sich fragen:

„Ob ihm auch einmal eine Frau begegnen würde, die mit ihm zu leben bereit war, ihm Kinder schenkte und mit ihm alt werden möchte, während Enkel nachwuchsen?“  Und der Leser fragt sich erneut, ob ihm Martin Walker in einem der nächsten Bücher wohl diese Gnade erweisen wird?

 

Ich liebe diese Bücher mit ihrer Fülle von Beziehungen der Dörfer untereinander, ihrer Liebe zu gutem Essen und guten Wein. Dem Perigord jedenfalls haben sie in den letzten Jahren eine deutlich gestiegene Zahl an Touristen gebracht. Der Rezensent bedauert, es immer noch nicht dorthin geschafft zu haben.