Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche

 

 

Doris Wagner, Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche, Herder 2019, ISBN 978-3-451-38426-4

 

Der massenhafte und weltweite sexuelle Missbrauch von Kindern durch Priester und andere kirchliche Mitarbeiter der katholischen Kirche wird mittlerweile auch von Papst und Bischöfen nicht mehr geleugnet. Die Amtskirche tut sich aber trotz gegenteiliger Beteuerungen nach wie vor sehr schwer damit, die Ursachen dieses Missbrauchs zu benennen und durch Abschaffung des Zölibats und strengere Auswahl ihrer Kandidaten etwa Abhilfe zu schaffen.

 

Die Theologin und Philosophin Doris Wagner, die schon in ihrem vielbeachteten Buch „Nicht mehr ich“ von ihren Erfahrungen berichtete, hat nun in einem neuen Buch erstmals ausführlich die unterschiedlichen Facetten des Phänomens manipulativer Seelenführung im Bereich der katholischen Kirche beschrieben und verdeutlicht diese durch eine Vielzahl realer von ihr recherchierter  Fallbeispiele.

 

Gefährliche „Seelenführer“ sind aus Sekten oder aus evangelikalen Gruppen schon lange bekannt, dass es so etwas wie spirituellen Missbrauch auch in der katholischen Kirche gibt, scheint angesichts des massenhaft aufgedeckten sexuellen Missbrauchs nicht weiter überraschend.

Und es wird an vielen Stellen deutlich, dass eine Kirche, die ihre Botschaft als alleinige Wahrheit versteht, nur sehr schwer damit umgehen kann, wenn nichtgeweihte Gläubige ihren Glauben und ihre Spiritualität selbst definieren.

 

Wagner beschreibt, welche Denkmuster und Traditionen der Kirche diesen Missbrauch begünstigen und macht Vorschläge, wie man ihm vorbeugen kann. Denn trotz ihrer schlimmen Erfahrungen liebt sie ihre Kirche.

Jochen Sautermeister, Professor für Moraltheologie und Direktor des Moraltheologischen Seminars an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn, schreibt in seinem Nachwort zu diesem sich langsam zum Bestseller entwickelnden Buch: „Zur Förderung von spiritueller Selbstbestimmung und zur Verhinderung von geistlichem Missbrauch bedarf es neben theologischer und spiritueller Bildung einer Aufklärung über die Strategien und Dynamiken spirituellen Missbrauchs, wie sie von Doris Wagner sensibel und transparent beschrieben worden sind.“

 

 

 

 

Agathe

 

Anne Cathrine Bomann, Agathe, Hanser Verlag 2019, ISBN 978-3-446-26191-4

 

Selbst als Psychologin arbeitend, erzählt die dänische Autorin Anne Cathrine Bomann in ihrem ersten auf Deutsch erschienenen Roman (Franziska Hüther hat ihn aus den Dänischen übersetzt) von einem Psychoanalytiker. Sie verlegt die Handlung des Romans in das Jahr 1948 in einen Vorort von Paris, in eine Wohnung in der sie selbst Jahrzehnte später selbst für ein Jahr gelebt hat. Der Psychoanalytiker wird in fünf Monaten 72 Jahre alt werden, und hat beschlossen, dann seine Tätigkeit zu beenden. Eine Tätigkeit, die ihm offensichtlich schon seit langem keine Freude mehr macht, wenn er sie denn jemals mit irgendeinem Gefühl für seine Patienten ausgeübt hat. Seit 35 Jahren führt Madame Surrugue seine Patientenverwaltung und hält die Praxisräume in Schuss. Der Arzt selbst lebt ein einsames, ja fast schon armseliges Leben.

Als sich eines Tages –  er zählt noch insgesamt achthundert Gespräche,  die er bis zu seinem Ruhestand führen muss-  eine Frau namens Agathe, die dringend mit dem Arzt sprechen will, nicht abwimmeln lässt und von Madame Surrugue einen Termin bekommt, kommt frischer Wind in sein Leben. Die neue Patientin ist eine manisch-depressive Person, die sich schon seit über zwei Jahrzehnten relativ erfolglos in psychiatrischer Behandlung befindet.

 

Sie mischt schon nach wenigen Gesprächsterminen das Leben des Analytikers auf, das sich in den letzten Jahren dumpf dem Ruhestand entgegen bewegte. Nachdem sie es tatsächlich geschafft hat, sich in seinem Terminkalender einen festen Platz zu erkämpfen, löst sie, mit jedem Gespräch mehr, etwas bei ihm aus, was er schon lange nicht mehr erlebt hat, wenn er es überhaupt jemals kennengelernt hat. Agathe holt ihn aus seiner angeblich professionellen Distanz, die nur noch zur Lethargie degeneriert ist ohne irgendein Gefühl für die Menschen, die ihm gegenüber auf dem Diwan liegen und über ihre Probleme reden.

 

Seit langem hat er wieder einmal ein Gespür für die Seele des Menschen, der da seine Hilfe sucht. Er hört wieder zu. Doch auch sie selbst durchbricht die kühle Distanz und konfrontiert den Analytiker mit seinem Leben und zeigt ihm, wie leer und einsam es ist und wie wenig er eigentlich von den Menschen versteht, für die er doch da sein will. Sie konfrontiert ihn damit, dass er nach dem Ende seiner Tätigkeit, der er doch so entgegenfiebert, nichts mehr haben wird, wofür er morgens aufsteht.

 

Nachdem seine Angestellte Madame Surrugue eine lange Zeit zu Hause bleibt, um ihren krebskranken Mann zu pflegen, verkommt die Praxis regelrecht, was Agathe natürlich treffend bemerkt. Ein Besuch bei dem Ehemann seiner Angestellten und ein eher hilfloses Gespräch mit ihm über die Angst vor dem Tod, tauen den ich-erzählenden Analytiker weiter auf.

 

Und so überrascht es nicht, dass Frau Surrugue, als sie nach der Beerdigung ihres Mannes, an der der Arzt teilnimmt und sogar Worte des Mitgefühls findet, in die Praxis zurückkehrt, einfach entscheidet, dass diese weitergeführt wird. Und es überrascht auch nicht, dass Agathe es am Ende schafft, den Arzt in eine Cafe zu locken: „Na, Doktor, kommen Sie nun oder nicht?“, fragt sie ihn am Ende des Buches. Und der Leser ahnt, dass nicht nur das Privatleben des Arztes eine späte Wendung erfahren wird, sondern auch die professionellen Gespräche, die er weiter führen wird, von mehr Empathie für seine Patienten geprägt sein werden.

Anne Cathrine Bomann hat eine wunderbare  zeitlose Geschichte erzählt  über Nähe und Freundschaft, voller Zärtlichkeit für ihre Personen und mit wamherzigem Humor. Fazit: Es ist nie zu spät, um Nähe zuzulassen.

 

 

Steh auf Mensch. Was macht uns stark

 

 

 

Samuel Koch, Steh auf Mensch. Was macht uns stark, Adeo 2019, ISBN 978-3-86334-211-1

 

Die Zahl der Bücher, die in den letzten Jahren zum Thema „Resilienz“ auf den Markt gekommen sind, ist mittlerweile nicht mehr zu überblicken. Resilienz als die durch Erziehung, durch Lebenserfahrung und harte Arbeit am eigenen Selbst erworbene Fähigkeit, mit Rückschlägen im Leben so umzugehen, dass sie einen nicht umwerfen, sondern dass man im Gegenteil aus ihnen neue Lebenskraft gewinnt und schöpft.

 

Immer wieder aufstehen, wenn man hingefallen ist. Auf kaum einen trifft das so zu wie auf Samuel Koch, der nach einem schrecklichen Unfall bei der Sendung „Wetten, dass?“ auch als Rollstuhlfahrer seinen Lebensmut nicht verloren hat. In früheren Büchern hat er von seiner Geschichte zurück ins Leben berichtet. In seinem neuen Buch, das ausdrücklich kein Resilienzratgeber sein möchte (oder doch?),  geht Samuel Koch vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen und unzähligen Gesprächen mit Todkranken und Topmanagern, Flüchtlingen und Häftlingen, aber auch mit den „Giselas von nebenan“ geht Samuel Koch der spannenden Frage nach: was eigentlich gibt Menschen wirklich die Kraft, immer wieder aufzustehen, nachdem das Schicksal sie auf den Boden geworfen hat?  Kann man solche Widerstands- und Hoffnungskraft oder  Resilienz lernen und wenn ja, braucht es dazu vielleicht andere Ansätze als bisher gedacht?

 

Auf seiner sehr persönlich gehaltenen und den Leser von der ersten Seite ansprechenden Spurensuche wurde Samuel Koch von dem bekannten Hirnforscher Gerald Hüther unterstützt.

 

Koch kritisiert die herkömmlichen Resilienzratgeber als nicht hinreichend und lernt aus seiner eigenen Geschichte und den zahlreichen Gespräche mit den unterschiedlichsten Menschen einen eigene  Ansatz zu formulieren, der mich sehr angesprochen hat und denke ich auch andere Menschen einladen kann, sich auf sie Suche nach sich selbst und ihrer inneren Kraft zu begeben.

 

Insofern ist das Buch hilfreich, authentisch und  ehrlich und hilft Menschen auf der Suche oder mit schweren Schicksalen vielleicht mehr als so mancher Ratgeber, der sie vielleicht schon ratlos zurückgelassen hat.

 

Ein sehr empfehlenswertes Buch.

Wer hat den Schnee gestohlen

 

 

Yaroslava Black, Ulrike Jänichen, Wer hat den Schnee gestohlen, Urachhaus 2018, ISBN 978-3-8251-5176-8

 

In ihrem ersten gemeinsamen Bilderbuch beschwören Yaroslava Black und Ulrike Jänichen die Kraft des Wünschens und schreiben und zeichnen einfühlsam von kindlicher Sehnsucht.

 

Der kleinen Gerda geht es so wie vielen Kindern, wenn das Weihnachtsfest bald vor der Tür steht und alle Bäume schon lange ihre Blätter verloren haben. Sie hofft, dass es bald schneit! Die Nachbarn, mit denen sie ins Gespräch kommt, sagen ihr, Schnee könne ihnen in diesem Jahr nun wirklich gestohlen bleiben. Gerda, die mit dieser Redewendung der Erwachsenen nichts anfangen kann, nimmt sie wörtlich und beginnt langsam zu fürchten, dass der Schnee wirklich von jemand geraubt worden ist.

 

 

Sie macht sich auf die Suche und beginnt mit all ihrer Sehnsuchtskraft sich den Schnee so herbei zu wünschen, dass er genau am Heiligen Abend doch noch kommt, und den Menschen eine weiße Weihnacht beschert.

 

Manchmal hilft es an Wunder zu glauben.

 

 

Das Elefantenkind. Wie der Elefant zu seinem Rüssel kam…

 

 

Rudyard Kipling, Das Elefantenkind. Wie der Elefant zu seinem Rüssel kam…, minedition 2018, ISBN 978-3-86566-332-0

 

Irgendwann vor langer Zeit hat der Autor des Dschungelbuchs, Rudyard Kipling, einem „allerliebsten Liebling“ eine andere Geschichte aus Afrika erzählt. Die Geschichte „Das Elefantenkind“ ist zum Klassiker geworden, obwohl sie vielen modernen Menschen nicht gefällt. Sie kritisieren, dass ein Kind in diesem Buch für seine Neugier und  seinen Wissensdurst immer wieder von anderen, denen er Fragen stellt, verprügelt wird.

 

Doch diese Kritiker seien gefragt, wie denn heute wirklich neugierige Kinder, die mit ihren Fragen nicht locker lassen, von Erwachsenen behandelt werden. Sei`s drum. Heutige Kinder werden deshalb an der Geschichte keinen Schaden nehmen, sondern sich den kleinen mutigen und neugierigen Elefanten zum Vorbild nehmen, nicht nachzulassen, wenn sie wirklich etwas wissen wollen.

Vor langer Zeit, so erzählt Kipling, hatten die Elefanten noch keinen Rüssel, sondern nur eine knubbelige Nase. Das kleine Elefantenkind ist neugierig, es sieht, dass viele andere Tiere in der Steppe ganz besondere Körpermerkmale haben und fragt sie danach. Dass er dabei sowohl beim Strauß, als auch bei der Giraffe und dem Flusspferd auf Unwillen stößt, hatten wir schon erwähnt. Doch dann trifft er den kleinen Kolokovogel, der ihn zu einem Fluss schickt.

 

Dort trifft er eine Schlange und ein Krokodil, das ihm in die Nase beißt und ihn fressen will. Doch durch tapferen Widerstand und mit der Unterstützung der Schlange verlängert sich seine Nase zu einem Rüssel. Stolz kehrt er damit heim und kann sich nun  auch besser gegen seine Brüder wehren.

 

Das amüsante und lehrreiche Märchen vom Autor des Dschungelbuchs Rudyard Kipling wird durch die detailreichen, großformatigen Illustrationen von Jonas Lauströer zu einer spannenden Fantasiereise zum Vor- und Selberlesen.

 

 

Der Sommer meiner Mutter

 

 

 

Ulrich Woelk, Der Sommer meiner Mutter, C. H. Beck 2019, ISBN 978-3-406-73449-6

 

Schon nach dem ersten Satz des neuen Romans von Ulrich Woelk ist klar, was am Ende geschehen wird. „Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.“

 

Mit diesen Worten beginnt der 11-jährige Ich-Erzähler Tobias die Geschichte eines kurzen aber heftigen und ereignisreichen Sommers 196, eine Geschichte, die für ihn selbst und seine Eltern massive Veränderungen mit sich bringen sollte. Tobias lebt mit seinen Eltern – der Vater ist gut verdienender Ingenieur, seine Mutter Hausfrau- in einem 1964 in einem Kölner Vorort gebauten modernen Wohnhaus mit angebauter Doppelgarage und Waschbetonterrasse und einer großen Panorama-Fensterfront zum Garten.

Tobias ist Einzelkind, interessiert sich für alles, was mit dem Weltraum und der Raumfahrt zu tun hat, und fiebert schon im Frühjahr 1969 der ersten bemannten Mondlandung entgegen, die für den Juli geplant ist. Schon zu diesem Zeitpunkt nimmt der Elfjährige die Spannungen in der Ehe seiner Eltern wahr, und nachdem er einen Streit zwischen Vater und Mutter Ahrens belauscht hat, weiß er auch, dass die Spannungen damit zu tun haben, dass die Mutter für „es“ seit Jahren keine Lust mehr hat und das dem ansonsten sehr verständigen Vater nicht gefällt und er darüber frustriert ist.

 

Kurze Zeit zieht in das lange unbewohnte Nachbarhaus die Familie Leinhard ein mit einer knapp dreizehnjährigen Tochter namens Rosa. Diese Rosa wird Tobias in diesem Sommer nicht nur in die Musik der damaligen Zeit einführen( Doors und Janis Joplin) sondern auch in die körperliche Liebe.

Die Eltern Rosas sind überzeugte Linke. Der Vater lehrt an der Uni Köln Philosophie, „Adorno, Bloch und die Frankfurter Schule“ und die Mutter übersetzt Kriminalromane aus dem Amerikanischen. Obwohl die eher konservativen Ahrens` mit den Einstellungen der Leinhards nicht übereinstimmen, freunden sie sich im Laufe der nächsten Wochen und Monate an. Insbesondere die beiden Frauen kommen sich nahe. Als Tobias` Mutter beginnt, selbst für einen Verlag zu übersetzen, weht ein Hauch von Frauenbefreiung durch das neue Haus.

Die beiden Frauen und die Jugendlichen nehmen ohne  Wissen der Männer an der ersten Kölner Vietnamdemonstration teil. Bei vielen Festen, zu denen die beiden Familien sich gegenseitig einladen, wird engagiert diskutiert, geraucht und getrunken. Obwohl es erhebliche kulturelle und politische Unterschiede gibt zwischen ihnen, mag man sich.

 

Und immer stehen im Hintergrund die verschiedenen Apollomissionen der NASA, die nicht nur Tobias gespannt verfolgt. Sie sind wie ein Zeichen, dass da eine ganze Welt sich im Aufbruch befindet zu neuen Ufern. Keinen der beteiligten Personen hinterlässt diese Stimmung, die Ulrich Woelk mit der Stimme von Tobias wunderbar einfängt, unbeteiligt und vor allen Dingen unverändert.

 

Immer wieder erinnert man sich beim Lesen an den ersten Satz des Buches und fragt sich, ob der Freitod von Frau Ahrens mit irgendetwas zu tun haben wird, was sich da zwischen den beiden Familien und den beiden Frauen im Besonderen entwickelt.

 

Und während Armstrong und Aldrin ihre Füße in den Staub der Mondoberfläche drücken, haben Tobias und Rosa auf der einen und Frau Ahrens und Frau Leinhard ganz spezielle erotische Erlebnisse. Während Tobias das gut verkraftet und er Jahrzehnte später als für die Mission „Rosetta“ bei der ESOC in Darmstadt verantwortlicher Wissenschaftler der erfolgreichen Schriftstellerin Rosa Leinhard nach einer unerkannten Begegnung auf der Frankfurter Buchmesse einen Brief schreiben wird, endet der persönliche und politische Aufbruch für Tobias` Mutter tragisch.

 

Mit der einfachen und dem jungen Alter entsprechend naiven Stimme von Tobias Ahrens ist es Ulrich Woelk hervorragend gelungen, etwas einzufangen von jenem Aufbruch und jener Veränderung, die mit dem Jahr 1969 selbst ehedem konservative Menschen langsam ihr Leben umkrempeln ließ. Meist mit vielen Konflikten, auch Trennungen, aber mehr oder weniger unwiderruflich.

 

Ich bin 1954 geboren und habe mich in manchem, was in diesem unterhaltsamen Roman erzählt wird, wiedergefunden, vor allen Dingen in der Musik, den zarten ersten sexuellen Erfahrungen und dem Erwachen eines politischen Bewusstseins.

 

 

 

 

Wer hat meinen Vater umgebracht

 

 

 

Edouard Louis, Wer hat meinen Vater umgebracht, S. Fischer 2019, ISBN 978-3-10-397428-7

 

Der junge französische Schriftsteller Edouard Louis hatte 2016 in seinem in Frankreich und auch in Deutschland von der Kritik begeistert aufgenommenen autobiographischen Debütroman „Das Ende von Eddy“ eine harte und verbitterte Abrechnung mit seiner Kindheit und insbesondere mit seinem Vater geschrieben, der ihn wegen seiner Homosexualität verachtete und quälte. „An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung“  lautete damals der erste Satz in seinem Roman.

Nachdem er ein Jahr später in dem Roman „Im Herzen der Gewalt“ die autobiographische Auseinandersetzung mit seinem Leben und seiner Homosexualität fortsetzte hat, legt er nun mit „“Wer hat meinen Vater umgebracht?“ seinen dritten Roman vor. In diesem schmalen in drei Teile gegliederten Buch gibt er ein engagiertes Beispiel für seine neue Art des Schreibens, für eine neue Art einer „konfrontativen“ Literatur. Er sagt dazu: „Literatur muss kämpfen – für all jene, die selbst nicht kämpfen können.“

 

Hatte er 2016, seine Kindheit reflektierend, für seinen Vater und dessen Gewaltausbrüche gegenüber seinem homosexuellen Sohn nur Verachtung und Spott übrig, nimmt Louis in seinem neuen Buch dem Vater gegenüber eine andere Haltung ein. Denn in seiner Sicht auf die Gesellschaft, in der er lebt, radikaler geworden, liest er die Gewalt und den Alkoholmissbrauch seines Vaters als verständliche Reaktionen eines Mannes an, der ohne große Bildung sein Leben lang in der Fabrik arbeiten musste und nach einem schweren Arbeitsunfall aussortiert wird.

Louis erinnert sich in den Zeilen, die er an seinen Vater richtet, auch an einen liebevollen und fürsorglichen Vater, der unter Tränen seinem Sohn gesteht, er wisse auch nicht, warum er immer so heftig sei. Er lernt ihn sehen und lieben als einen einfachen Mann, der seinem Sohn immer wünschte, dass er aus jenen Verhältnissen ausbrechen könnte, unter denen er sein Leben lang gelitten hat.

 

Je mehr der Sohn selbst sich aus diesen Verhältnissen befreit, desto mehr Verständnis wächst in ihm für seinen Vater und dessen, so sieht er es, von der Gesellschaft und der Politik zerstörtes Leben.

 

Und zornig und voller Emotionen klagt er sie alle an, jene Politiker von Chirac bis Macron, die den Reichen gaben und durch Kürzungen von Sozialleistungen den Armen nahmen. „Du wusstest“, schreibt er seinem Vater, „dass Politik für dich eine Frage von Leben und Tod bedeutete.“ Und: „Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller.“

 

Das Buch ist eine versöhnende Trauerrede auf einen geliebten Vater und gleichzeitig ein Aufruf zum Aufstand, ein eindringlicher Text darüber, dass die Dinge in Frankreich und anderswo nicht so bleiben können, wie sie sind. Es zeigt, dass es in Frankreichs Gesellschaft brodelt, nicht nur unter gelben Westen.

 

 

 

 

 

Alt und treu vs. komfortabel und neu. Generationen im Vergleich

 

 

Profi(Hg.), Alt und treu vs. komfortabel und neu. Generationen im Vergleich, LV Buch 2018, ISBN 978-3-7843-5611-2

 

Das ist ein sehr interessantes Buch für alle Menschen, die sich aus beruflichen oder aus anderen Gründen für landwirtschaftliche Fahrzeuge im Wandel interessieren, insbesondere für Schlepper. Elf faszinierende Gegenüberstellungen von markanten Schleppergenerationen werden in Wort und Bild präsentiert und verglichen.

 

Dabei werden die einzelnen Schlepper mit vielen Bildern und Einzeldarstellungen sowie ausführlichen technischen Informationen unter die Lupe genommen. Im Einzelnen werden vorgestellt und miteinander verglichen:
Mercedes-Benz Unimog U1200 gegen U400
Steyr 8165 gegen Steyr 4145 Profi CVT
Fendt 515 Favorit gegen Fendt 516 Vario
JCB Fastrac 150gegen JCB Fastrac 4220
Claas Atles 936 gegen Claas Axion 830
Valtra 8750 gegen Valtra T254 Versu
Case IH 1455 XL gegen Case IH Puma 150 CVX
John Deere 4955 gegen John Deere 6215R
Deutz-Fahr Agroprima 4.51 gegen Deutz-Fahr 5115
Fendt 930 Vario gegen Fendt 930 Vario
Case IH Quadtrac 9370 gegen Quadtrac 600

 

Es gibt sehr viele Nichtlandwirte, die sich dennoch seit langem für alte und neue Schlepper interessieren. Manche Oldtimerfans haben sogar einen eigenen in der Garage oder Scheune stehen, den sie mit viel Liebe aufgepäppelt haben und stolz bei entsprechenden Ausstellungen vorstellen.

Auch für diese Zielgruppe ist das vorliegende Buch interessant.

Der Sternenmann

 

 

Max von Thun, Der Sternenmann, arsedition 2018, ISBN 978-3-8458-2524-3

 

Mit farbenfrohen und detailreichen Bildern von Marta Balmaseda illustriert erzählt der österreichische Schauspieler und Fernsehmoderator Max von Thun in seinem literarischen Debüt eine von seiner warmherzigen Liebe als junger Vater geprägte und genährte Geschichte davon, dass jedes Geschöpf auf der Welt ein einzigartiges Wesen ist und als solches behandelt werden sollte.

 

Die schöne Gutenacht-Geschichte erzählt vom Sternenmann, der auf einem winzig kleinen Planeten in einer sehr weit entfernten Galaxie lebt. Seine einzige und wichtige Aufgabe ist es, jeden Tag die Sterne zum Leuchten zu bringen und  sie am weiten Himmel zu verteilen.

 

Aber eines Tages passiert ihm etwas Schlimmes: sein  kleinster Stern geht ihm verloren.  Eine lange und magische Reise durch die Nacht beginnt nun, bis am guten Ende der kleine Stern wiedergefunden wird und die kleinen Zuhörer und Betrachter des Bilderbuches erfahren, warum der kleine Stern (und sie natürlich auch!) für jemand etwas ganz Besonderes ist…

 

Das Lied vom Sternenmann, das Max von Thun für seinen Sohn geschrieben hat, ist am Ende des Buches abgedruckt, genau wie ein Link zum Anhören des Liedes.

Mein Vater, die Dinge und der Tod

 

 

Rainer Moritz, Mein Vater, die Dinge und der Tod, Kunstmann Verlag 2019, ISBN 978-3-95614-257-4

 

In den letzten Jahren haben Bücher Konjunktur, in denen Frauen und Männer, oft bekannte Autoren, sich nach dem Tod eines Elternteils erinnern, die Beziehung zu Vater oder Mutter reflektieren, sich so manches von der Seele schreiben und danach vielleicht besser weiterleben können, weil sie richtig Abschied genommen und alles, gerade auch das Schwere und Problematische losgelassen haben.

Zuletzt hat die Schweizerin Cristina Karrer in ihrem bei Orell Füssli erschienenen Buch „Meine Mutter, ihre Liebhaber und mein einsames Herz“ das auf eine bewegende und literarisch anspruchsvolle Weise getan. Bei längerem Nachdenken erinnere ich jedoch auch in der Vergangenheit meines langen Leselebens viele Bücher, die sich dem Vater oder der Mutter genähert haben. Unvergessen bleibt für mich das Buch des jüngst verstorbenen großen Peter Härtling, in dem er unter dem Titel „Nachgetragene Liebe“ 1980 seinem längst verstorbenen Vater ein literarisches Andenken widmete und für viele seiner literarischen Nachfolger Standards setzte.

 

Als der Autor des vorliegenden Buches am 12. Februar 2015 in seinem Büro von seiner Mutter die telefonische Nachricht erhält, sein Vater sei gestorben, kann er erst nicht wirklich begreifen, was sie ihm da mitteilt. Die Bestattung ist lange vorbei, als er sich daran macht, seine Erinnerungen an seinen Vater niederzuschreiben, und sich auf diese Weise so etwas wie einem Begreifen zu nähern.

 

Es geht in seinem sehr persönlichen Buch nicht nur um Verlust und Trauer, sondern auch um die Geschichte einer Generation der jetzt etwa Sechzigjährigen und ihre Beziehung zu ihren Eltern. Und es geht darum, wie wir uns eigentlich erinnern:

„Ein Mensch lebt so lange, wie sich andere an ihn erinnern. Vielleicht denke ich deshalb häufiger an meinen Vater als zu seinen Lebzeiten. Weil die Selbstverständlichkeit seines Daseins fehlt. Was für Erinnerungen sind es? Was haben sie mit den Dingen seines Lebens zu tun, mit den Objekten, die ihn Tag für Tag umgaben? Je länger ich an meinen toten Vater denke, desto mehr sprechen seine Dinge zu mir.“

Wie bei Cristina Karrers oben erwähntem Buch sind es die Dinge, die lange nicht beachteten, so selbstverständlichen, die nach dem Tod Erinnerungen vermitteln und transportieren.

 

Warmherzig und authentisch vergegenwärtigt sich Rainer Moritz das Leben seines Vaters und damit auch sein eigenes. Es ist vergänglich, wird irgendwann ein schnelles oder quälendes Ende haben. Gerade angesichts dieses Endes ist es gut, sich zu vergewissern, wer wir sind.

 

Ohne es erst recht zu merken, wird der Leser mitgenommen in diese Selbstvergewisserung und beginnt schon bald, sich beim Lesen von Moritz` Erinnerungen mit seinem eigenen Leben zu befassen.

 

Selbst Jahrgang 1954 hat mich neben der Auseinandersetzung mit dem patriarchalischen Vater am meisten angesprochen, wie er das Lebensgefühl einer Generation  beschreibt, zu der ich selbst gehöre.