Von den hellen Farben der Seelen. Wie wir lernen, aus uns selbst heraus zu leben

 

Uwe Böschemeyer, Von den hellen Farben der Seelen. Wie wir lernen, aus uns selbst heraus zu leben, Ecowin 2018, ISBN 978-3-7110-0172-6

 

„Im kommenden Jahr werde ich 80. Gut 50 Jahre davon arbeite ich mit Menschen, deren Leben nicht leicht war oder ist. Im letzten Jahr kam ich auf die Idee, meine Erfahrungen in einem Buch zusammenzufassen, nicht trocken, sondern lebendig und farbig wie das Leben selbst. Ich möchte die Zeiten meines Lebens veranschaulichen, die Einfluss auf meinen beruflichen Lebensweg genommen und ihn im Besonderen geprägt haben. Vor allem liegt mir daran, Antworten auf brennende Fragen unserer Zeit zu geben. Ich habe sie in einem dritten Weg neben Psychotherapie und Lebens- und Sozialberatung als eigenständiges System und als logotherapeutisches Präventionskonzept beschrieben.“

 

Uwe Böschemeyer ist neben seiner vielfältigen Tätigkeit als Therapeut und Vortragsredner auch ein unermüdlicher Produzent von Büchern, mit denen er Menschen, die sich von sich selbst entfremdet haben und in ihrem Leben kein Glück erfahren,  helfen möchte, zur Erkenntnis ihrer selbst zu kommen und die schwierige, aber auch freudvolle Veränderungsarbeit am eigenen Selbst zu wagen.

Sehr häufig werden in der Therapie und in diversen Ratgebern jene dunklen Farben der Seele thematisiert, die unsere innere Realität verdunkeln und unser Leben und unsere Lebensfreude hindern an ihrer vollen Entfaltung.  In ausdrücklicher Anerkennung dieser dunklen Nachtseite des Lebens, widmet sich Böschemeyer aber in seinem neuen Buch den „hellen Farben der Seele“. Er möchte „in einer Zeit, in der die Angst zum lebensbestimmenden Gefühl geworden ist“ etwas entgegensetzen. Denn sie sei nur deshalb so groß, sagt er, weil der Mangel an Sinn so groß sei: „Der Mangel an Sinn ist so groß, weil der Halt im Leben so gering ist. Der Halt im Leben ist so gering, weil die Suche nach Sinn so schwierig geworden ist.“

 

Er setzt dieser Entwicklung etwas entgegen, was er die „hellen Farben der Seele“ nennt. Gemeint sind damit Werte wie Freiheit, Verantwortung, Liebe, Mut, Hoffnung, Kreativität, Spiritualität, all das, was Sinn vermittelt, Freude am Leben macht und uns voller Hoffnung auch angesichts des Todes leben lässt. Er erzählt davon, indem er wie nebenbei auch sein eigenes Leben und seine beruflichen Stationen (er war viele Jahre ev. Pfarrer!) reflektiert, erzählt von seinen Erfahrungen und seinen Entwicklungen.

Jeder Mensch trägt das Licht des Lebens in sich, davon ist er überzeugt, eine alte Weisheit des Christentums. Es kommt nur darauf an, es wiederzufinden, denn wir haben es so oft verloren, was wiederum unser Leben so dunkel macht. Der abstumpfende Alltag und das Streben nach Materiellem hindern es am Leuchten und unsere Seele an ihrer Entwicklung.

Die einzelnen Kapitel des Buches erzählen von dieser Wiederentdeckung, davon „wie wir lernen, aus uns selbst heraus zu leben“:

 

 

  • Prägungen – Wie ich wurde, was ich beruflich bin
  • Was sind Werte?
  • Die Macht der Gedanken
  • Die neun Gesichter der Seele (vgl. sein Buch über das Enneagramm „Du bist viel mehr“ (2010)
  • Wege zur Versöhnung, mit sich und mit anderen.

 

Das Buch ist verständlich geschrieben. Wer andere Bücher von Uwe Böschemeyer kennt, wird vieles Bekanntes darin finden, hier ist es aber wie in einer Lebenssumma noch einmal zusammengestellt.

 

Ich kann es allen Menschen für eine aufrichtige und selbsterkennende Suche nur empfehlen.

Ein gewisser Monsieur Piekielny

 

 

 

Francois-Henri Deserable, Ein gewisser Monsieur Piekielny, C.H. Beck 2018, ISBN 9678-3-406-72762-7

 

Der französische Schriftsteller Francois-Henri Deserable, eingefleischter Eishockeyspieler und – fan, will mit Freunden zu einem Eishockeyturnier in Minsk fliegen. Weil für einen von ihnen im Flugzeug kein Platz mehr ist, erklärt er sich bereit, einen Flug nach Vilnius zu nehmen und von dort mit dem Zug nach Minsk zu fahren.

Während des mehrstündigen Aufenthaltes in Vilnius stößt er in einer Straße zufällig auf das Geburtshaus des berühmten Schriftstellers Romain Gary, ein Haus und eine Straße, das Gary in seinem wohl bekanntesten Roman „Frühes Versprechen“ erwähnt. Der Autor steht mitten im Regen staunend davor, liest die am Haus angebrachte Plakette und spricht zu seiner eigenen Überraschung laut folgenden Satz aus „Frühes Versprechen“: „In der großen Pohulanka Nr. 16 in Vilnius lebte ein gewisser Herr Piekielny.“

 

Der rätselhaften Gestalt jenes Monsieur Piekielny verdankt der Autor, dass er viele Jahre zuvor sein Abitur geschafft hat, denn Romain Garys Roman war er einzige auf der langen Bücherliste, den er während seiner mangelhaften Vorbereitung gelesen hatte. Die entscheidende Frage nach dem siebten Kapitel von Garys autobiographischem Roman (er wird übrigens zurzeit verfilmt), in dem von Monsieur Piekielny erzählt wird, kann er bravourös beantworten.

Von diesem Augenblick an ist Deserable regelrecht gefangen von der Idee, dieser rätselhaften Figur, einem wohl in einem KZ umgebrachten älteren jüdischen Mann nachzugehen und mehr über seine Person du sein Schicksal herauszufinden. Er wird sich dazu auch mit dem Leben von Romain Gary beschäftigen müssen und dabei so manche Ähnlichkeit zu seinem eigenen Leben feststellen. So waren beide Mütter, die von Gary und die von Deserable ganz erpicht darauf, ihren Söhnen den Weg zu ebnen für eine große Karriere:

„Romain hatte f ü r seine Mutter angefangen zu schreiben, ich bin dank und t r o t z meiner Mutter Schriftsteller geworden.“

Der vaterlose Gary, damals noch Roman Kacew, lebte in den 1920er Jahren mit seiner Mutter in Vilnius. Während der Ehrgeiz der Mutter, die in ihrem Sohn das zukünftige Genie sah, eher für Belustigung sorgte, lud Monsieur Piekielny den jungen Romain zum Tee ein und bat ihn, sollte er einst berühmt werden, sich seiner zu erinnern und ab und zu seinen Namen zu erwähnen – was Gary später tatsächlich immer wieder tat. Er hat Monsieur Piekielny niemals vergessen.

 

Doch gab es ihn wirklich? Mehrfach reist der Autor auf den Spuren von Gary und Piekielny nach Vilnius, ohne eine wirklich belastbare Information zu finden. Was er allerdings herausfindet bei seinen Recherchen sind viele biographische Informationen über Romain Gary, seine vielen Stationen als französischer Diplomat und Schriftsteller, seine Ehe mit Jean Seberg, sein lockerer Umgang mit der Wahrheit von biographischen Informationen (etwa über die Identität seines Vaters) und sein Suizid 1980 und die möglichen Gründe dafür.

 

Und er spürt fast manisch Monsieur Piekielny nach und erzählt wie nebenbei die Geschichte der Juden in Vilnius und in Litauen, die er mit seinem Buch ebenso dem Vergessen entreisst, wie es offenbar Gary mit seiner Reminiszenz an Monsieur Piekielny tat.

 

Absolut zufällig wird Deserable während eines Theaterstücks von Gogol (Der Revisor), der übrigens in dem Buch eine große Rolle spielt, auf eine Spur aufmerksam, die eine Lösung anbietet, was sich hinter der Identität jenes jüdischen Mannes, der Gary eine große Zukunft in Aussicht gestellt hatte, verbirgt.

 

Désérables Roman ist ein leichtfüßiges, hervorragend recherchiertes, bewegendes und melancholisches literarisches Meisterstück, eine Hommage an Romain Gary, an die litauischen Juden und nicht zuletzt an die Nebenfiguren, die Unscheinbaren und Kleinen in der Weltliteratur, die sonst vergessen werden.

Er schreibt am Ende dazu:

„Manches Mal behauptet man, die Literatur vermöge nicht sonderlich viel, sie bewirke nichts gegen den Krieg, gegen die Ungerechtigkeit und die Allmacht der Finanzmärkte – und das stimmt vielleicht sogar. Doch zumindest vermag sie dies: dass ein junger Franzose, den es nach Vilnius verschlägt, den Namen eines kleinen Mannes ausspricht, der siebzig Jahre zuvor in eine Grube geworfen oder in einem Ofen verbrannt wurde- ein traurige Maus mit scharlachroter Haut, von Kugeln durchlöchert oder in Rauch aufgegangen, die aber weder die Nazis noch die Zeit vollständig auslöschen können, weil ein Schriftsteller sie dem Vergessen enthoben hat.“

 

Ganz nebenbei ist sein bemerkenswerter Roman, der es bis zur Auswahl für den Prix de Goncourt geschafft hat, eine tiefgehende Erörterung der literarischen Frage des Verhältnisses zwischen Realität und Fiktion:

„Letztendlich bedeutete es mir wenig zu wissen, ob er  tatsächlich gelebt hatte, ob er aus der wohlbekannten Hand Garys hervorgegangen war oder aus etwas anderem, aus dem Bauch einer Frau, die niemand mehr kennt: Wenn er denn nur aus Tinte und Papier war, bedeutete das den unzweifelhaften, glänzenden Triumph der Literatur durch die Fiktion.“

 

Die Ritter von Crongton

 

 

 

 

Alex Wheatle, Die Ritter von Crongton, Kunstmann 2018, ISBN 978-3-95614-255-0

 

Nachdem der Kunstmann Verlag den englischen Autor Alex Wheatle schon im Frühjahr dieses Jahres mit dem Buch „Liccle Bit“ in Deutschland debütieren ließ, folgt nun schon im Herbstprogramm sein nächster Jugendroman „Die Ritter von Crongton“.

Im ersten Buch war Lemar Jackson (14), genannt „Liccle Bit“ die Hauptperson. Seine Freunde Jonah und McKay ziehen ihn ständig damit auf, dass er noch keine Freundin hat. Als Venetia King, das schönste Mädchen der Schule, ihn bittet, ein Porträt von ihr zu zeichnen, können er und seine Freude das kaum glauben. Fakt ist aber, dass etwa gleichzeitig Manjaro, der berüchtigte Anführer der Gang von South Crongton, sich für ihn zu interessieren beginnt. Schon bald erledigt  Lemar kleine Aufträge für ihn. Als der erste Tote im Viertel auftaucht, erkennt Lemar, dass er schon viel zu tief in dem eskalierenden Bandenkrieg steckt und so auf keinen Fall weitermachen kann. Aber wie soll er seinen Kopf aus der Schlinge ziehen, die sich immer weiter zuschnürt?

 

Im hier vorliegenden zweiten Band erzählt Alex Wheatle die Geschichte der „Ritter von Crongton“ weiter. Dieses Mal stehen McKay, den wir aus dem ersten Buch schon kennen und seine Familie im Mittelpunkt. Seit die Mutter gestorben ist, ist das Wohnen in Crongton für McKay noch schwieriger geworden. Der Vater arbeitet unermüdlich um seine Schulden zu bezahlen. Sein Bruder treibt sich nachts herum und scheint auf magische Weise Probleme anzuziehen.

 

Als McKay eines Tages sich aufmachen will, um einem Mädchen zu helfen, trifft er auf einen verrückten Ex-Freund, eine Gruppe Kinder, die sich in einem wahren Machtrausch befinden und eine Gangster, der auf Rache sinnt.

 

In einer Nacht voller spannender Abenteuer und Gefahren findet McKay heraus, worin die Kraft von Freundschaft und die Stärke von Familie liegen.

 

Beides ist für die Jugendlichen (viele sind aus dem ersten Buch schon bekannt) aus Crongton für ihr Überleben in dieser unwirtlichen  Umgebung notwendig und ihre einzige Chance, wollen sie nicht in die Kriminalität abrutschen.

 

Mit einer großen Liebe für diese Kids und einer warmherzigen Solidarität erzählt Wheatle von Jugendlichen, die eigentlich keine echte Chance haben für ihr Leben und dennoch leidenschaftlich für ihre menschliche Zukunft kämpfen.

 

 

 

Die Nervensäge, meine Mutter, Sir Tiffy, der Nerd und ich (Hörbuch)

 

 

 

 

Michael Gerard Bauer, Die Nervensäge, meine Mutter, Sir Tiffy, der Nerd und ich (Hörbuch), Hörcompany 2018, ISBN 978-3-945709-67-2

Michael Gerard Bauer ist eine großen Zahl von Schülern durch seine Ismael – Trilogie bekannt geworden, deren einzelnen  Teile in vielen Ländern zum Schulkanon Deutsch der Mittelstufe zählen. Sein neues Buch ist eine Art literarische Sitcom, in der zunächst einmal alles durcheinander geht und sich nach langem Wirbel am Ende in einem geradezu karthartischen Prozess alles zum Besten kehrt.

 

Die ich-erzählende Maggie Butt lebt mit ihrer Mutter alleine, seit ihr Vater sie beide verlassen hat. Sie hält ihr eigenes Leben für relativ unperfekt und nimmt sich deshalb in ihrer neuen Schule drei Dinge vor, die sie unbedingt erreichen will. Sie will eine beste Freundin finden, eine Eins in Englisch und sie braucht eine männliche Begleitung für ihren Abschlussball, mit der sie sich sehen lassen kann.

 

Doch als das Buch beginnt und das Schuljahr nur noch zwei Monate dauert, ist sie keinem dieser drei Ziele auch nur einen Schritt näher gekommen. Und als ob das alles nicht dramatisch genug wäre, hat ihre Mutter einen neuen Lover kennengelernt. Maggie nennt ihn die Nervensäge, weil sie befürchtet, dass er sich zwischen sie und ihre geliebte Mutter stellen wird. Danny, so heißt der Mann, arbeitet als Pfleger im Krankenhaus, und hat Maggie und so auch ihre Mutter kennengelernt, als sie vor etlicher Zeit volltrunken dort eingeliefert wurde.

Er kommt immer öfter zu Besuch, gibt zu allem seinen Senf dazu und bringt irgendwann den verlotterten Perserkater Sir Tiffy einer sterbenden Patientin von ihm vorbei. Maggie, die gerade unter einer absolut verkorksten Frisur leidet. Von ihrer Englischlehrerin Schwester Evangelista, einer alten durchaus sympathischen Nonne immer wieder liebevoll in den sprachlichen Senkel gestellt und eine hoffnungsvolle Chance auf einen Tanzpartner vergeigend, scheint bei Maggie alles schief zu laufen.

Mit viel Wortwitz und Komik erzählt Bauer über lange Strecken des Buches  vom ganz normalen Wahnsinn im Leben dieses jungen Mädchens, das an sich selbst und ihrer Welt zu verzweifeln scheint.

 

Doch als sie bei den Sozialstunden im Altersheim dem scheuen Nerd Jeremy langsam näher kommt, und auch Sir Tiffy sich zunehmend als Schmusekatze entwickelt, kommt langsam Licht ins Lebensdunkel von Maggie.

 

Und auch die ungeliebte Nervensäge Danny wird noch eine positive Rolle spielen bei einem fulminanten Finale bis hin zu einem versöhnlichen Schluss.

 

Ein lustiges Buch, das auch sprachlich in die besondere Welt von Jugendlichen eintaucht und es perfekt versteht, sie auf eine Weise zu beschreiben, die voller Situationskomik ist.

 

Julia Nachtmann hat in dem vorliegenden Hörbuch den sprachlichen Witz und die situative Komik dieses Buches auf eine warmherzige Weise eigefangen und interpretiert.

 

 

 

 

 

Die verrückte Weltreise

 

 

 

 

Anna Fuchser, Igor Lange, Die verrückte Weltreise, Ravensburger Verlag 2018, ISBN 978-3-473-55417-1

 

Vor vielen Jahren hatte der Ravensburger Verlag 2010 mit seinem TipToi Stift und den entsprechenden Büchern eine vollkommen neue  Weise ermöglicht, wie Kinder interaktiv mit Büchern und neuem Wissen umgehen können. Tip Toi ist ein audiovisuelles Lernsystem für Bücher und Spiele, mit dem die Kinder die Welt spielerisch entdecken. Tippt das Kind mit dem Stift auf ein Bild oder einen Text oder ein entsprechendes Symbol, erklingen passende Geräusche, Sprache oder auch Musik. Eine intelligente Elektronik ermöglicht Kindern, Bücher und Spiele völlig eigenständig immer wieder neu zu erleben.

 

Nun hat der Verlag einen neuen Stuft produziert, „TiptoiCreate“, und wird wohl alle neuen Bücher nach diesem System ausrichten. Zusätzlich zum alten Stift ist im neuen ein Mikrofon integriert, das es Kindern ermöglicht, Geräusche und Sprache selbst aufzunehmen. Nach wie vor ist der Stift leicht zu bedienen und passt in jede Kinderhand.

 

In dem vorliegenden neuen Buch von Anna Fuchser mit Illustrationen von Igor Langewerden die beiden Kinder Lily und Leo auf eine verrückte Weltreise entführt, die sie mittels eines Teleporters unternehmen, den ihr Hund Balu bei einem Stadtfest in einem geheimnisvollen Päckchen gefunden hat. Ihre erste Station ist die Wüste, dann werden sie auf ein Musikfest nach London gebeamt, danach in die Antartkis. Es folgen die Chinesische Mauer, der Central Park in New York, die Mayaruinen, bevor sie an einem australischen Strand von ihrer Reise ausruhen können.

 

 

 

Auch auf dieser verrückten Weltreise ist die Mithilfe der das Buch betrachtenden Kinder zwischen sechs und 9 Jahren nötig. Es gilt Geschichten zu erfinden, Logbuch zu führen oder Witze zu erzählen. Ganz spielerisch trainiert tiptoi® CREATE so die Kreativität und Sprachkompetenz kleiner Entdecker.

 

Hat man den Stift einmal angeschafft, kann er sicher für viel Jahre und viele weitere Bücher nach diesem System genutzt werden.

 

 

 

 

 

 

Frohe Weihnacht. Das Hausbuch der schönsten Geschichten, Lieder Gedichte

 

 

 

Marjolein Bastin, Frohe Weihnacht. Das Hausbuch der schönsten Geschichten, Lieder  Gedichte, Coppenrath Verlag 2018, ISBN 978-3-649-63097-5

 

Selten habe ich schöneres Hausbuch zur Weihnachtszeit in meinen Händen gehabt, als diese wunderbare Auswahl an klassischen und modernen Geschichten, Liedern und Gedichten, geeignet für große und keine Menschenkindern, die sich in der Adventszeit neben einer brennenden Kerze etwa die Zeit nehmen, sich miteinander an diesen Texten und Liedern zu freuen, sie sich vorlesen oder vorlesen lassen und so, ob sie nun  sehr religiös sind oder nicht, den zunehmenden Zauber dieser Zeit der Erwartung auf das Fest der Liebe spüren und in sich aufnehmen.  Die einzelnen Geschichten erzählen vom Winter, Advent und dem Fest der Liebe, von Vorfreude und Weihnachtsgefühlen.

 

Ein zauberhaftes Cover und ein lange bei einem Buch nicht mehr gesehener goldener Schnitt sowie insgesamt drei Lesebändchen für den Vorleser, der sich vorher etwas ausgesucht hat, machen es zum einem wahren Schmuckstück.

 

Inga Hagemann hat eine hervorragende Auswahl getroffen und Marjolein Bastin hat mit ihren zauberhaften Illustrationen Texte und Lieder eingerahmt.

 

Ein bibliophiles Prachtstück, das gut behandelt, über Jahrzehnte immer wieder im Advent herausgeholt werden wird.

 

 

 

Die Nervensäge, meine Mutter, Sir Tiffy, der Nerd und ich

 

 

Michael Gerard Bauer, Die Nervensäge, meine Mutter, Sir Tiffy, der Nerd und ich, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-25862-4

 

Michael Gerard Bauer ist eine großen Zahl von Schülern durch seine Ismael – Trilogie bekannt geworden, deren einzelnen  Teile in vielen Ländern zum Schulkanon Deutsch der Mittelstufe zählen. Sein neues Buch ist eine Art literarische Sitcom, in der zunächst einmal alles durcheinander geht und sich nach langem Wirbel am Ende in einem geradezu karthartischen Prozess alles zum Besten kehrt.

 

Die ich-erzählende Maggie Butt lebt mit ihrer Mutter alleine, seit ihr Vater sie beide verlassen hat. Sie hält ihr eigenes Leben für relativ unperfekt und nimmt sich deshalb in ihrer neuen Schule drei Dinge vor, die sie unbedingt erreichen will. Sie will eine beste Freundin finden, eine Eins in Englisch und sie braucht eine männliche Begleitung für ihren Abschlussball, mit der sie sich sehen lassen kann.

 

Doch als das Buch beginnt und das Schuljahr nur noch zwei Monate dauert, ist sie keinem dieser drei Ziele auch nur einen Schritt näher gekommen. Und als ob das alles nicht dramatisch genug wäre, hat ihre Mutter einen neuen Lover kennengelernt. Maggie nennt ihn die Nervensäge, weil sie befürchtet, dass er sich zwischen sie und ihre geliebte Mutter stellen wird. Danny, so heißt der Mann, arbeitet als Pfleger im Krankenhaus, und hat Maggie und so auch ihre Mutter kennengelernt, als sie vor etlicher Zeit volltrunken dort eingeliefert wurde.

Er kommt immer öfter zu Besuch, gibt zu allem seinen Senf dazu und bringt irgendwann den verlotterten Perserkater Sir Tiffy einer sterbenden Patientin von ihm vorbei. Maggie, die gerade unter einer absolut verkorksten Frisur leidet. Von ihrer Englischlehrerin Schwester Evangelista, einer alten durchaus sympathischen Nonne immer wieder liebevoll in den sprachlichen Senkel gestellt und eine hoffnungsvolle Chance auf einen Tanzpartner vergeigend, scheint bei Maggie alles schief zu laufen.

Mit viel Wortwitz und Komik erzählt Bauer über lange Strecken des Buches  vom ganz normalen Wahnsinn im Leben dieses jungen Mädchens, das an sich selbst und ihrer Welt zu verzweifeln scheint.

 

Doch als sie bei den Sozialstunden im Altersheim dem scheuen Nerd Jeremy langsam näher kommt, und auch Sir Tiffy sich zunehmend als Schmusekatze entwickelt, kommt langsam Licht ins Lebensdunkel von Maggie.

 

Und auch die ungeliebte Nervensäge Danny wird noch eine positive Rolle spielen bei einem fulminanten Finale bis hin zu einem versöhnlichen Schluss.

 

Ein lustiges Buch, das auch sprachlich in die besondere Welt von Jugendlichen eintaucht und es perfekt versteht, sie auf eine Weise zu beschreiben, die voller Situationskomik ist.

 

 

 

 

Liccle Bit. Der Kleine aus Crongton

 

 

 

 

 

Alex Wheatle, Liccle Bit. Der Kleine aus Crongton, Kunstmann 2018, ISBN 978-3-95614-255-0

 

Mit dem vorliegenden Jugendroman lässt der Kunstmann Verlag den englischen Autor Alex Wheatle in Deutschland debütieren. Weitere Bücher von ihm sind kurz danach erschienen bzw. angekündigt.

Seien Bücher handeln von Jugendlichen in einem Problemvorort einer englischen Stadt und ihrem Alltagsleben mitten in einem Konglomerat aus Armut, Kriminalität und Verzweiflung.

Lemar Jackson (14), genannt „Little Bit“, ist die Hauptperson im vorliegenden ersten von wahrscheinloch drei Bücher über die Jugendlichen  aus Crongton. Seine Freunde Jonah und McKay ziehen ihn ständig damit auf, dass er noch keine Freundin hat. Als Venetia King, das schönste Mädchen der Schule, ihn bittet, ein Porträt von ihr zu zeichnen, können er und seine Freunde das kaum glauben. Fakt ist aber, dass etwa gleichzeitig Manjaro, der berüchtigte Anführer der Gang von South Crongton, sich für ihn zu interessieren beginnt. Schon bald erledigt  Lemar kleine Aufträge für ihn. Als der erste Tote im Viertel auftaucht, erkennt Lemar, dass er schon viel zu tief in dem eskalierenden Bandenkrieg steckt und so auf keinen Fall weitermachen kann. Aber wie soll er seinen Kopf aus der Schlinge ziehen, die sich immer weiter zuschnürt?

In einem langen inneren Kampf, in dem ihm seine Freunde beistehen, findet er heraus, worin die Kraft von Freundschaft und die Stärke von Familie liegen.

 

Beides ist für die Jugendlichen aus Crongton für ihr Überleben in dieser unwirtlichen  Umgebung notwendig und ihre einzige Chance, wollen sie nicht in die Kriminalität abrutschen.

 

Mit einer großen Liebe für diese Kids und einer warmherzigen Solidarität erzählt Wheatle von Jugendlichen, die eigentlich keine echte Chance haben für ihr Leben und dennoch leidenschaftlich für ihre menschliche Zukunft kämpfen.

 

 

 

 

Das Verschwinden des Josef Mengele

 

 

 

Olivier Guez, Das Verschwinden des Josef Mengele, Aufbau-Verlag 2018, ISBN 978-3351-03728-4

 

„Immer nach zwei oder drei Generationen, wenn das Gedächtnis verkümmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben, erlöscht die Vernunft, und Menschen säen wieder das Böse.“

 

Diesen mahnenden Satz schreibt der französische Autor und Journalist Olivier Guez am Ende seines Romans über den grausamen und unmenschlichen Lagerarzt des Konzentrationslagers Auschwitz. In Frankreich war dieses Buch ein Bestseller von der Kritik begeistert aufgenommen wurde. Frederic Beigbeder schrieb im Figaro: „Olivier Guez schuf mit diesem bekannten Verfahren eine phantastische neue Romanform.“

 

Es gibt zwei Perspektiven in diesem Tatsachenroman, der sich liest wie ein Politthriller und doch immer ein aus Distanz geschriebenes Charakterporträt eines hunderttausendfachen Mörders bleibt.

 

Im Vordergrund erzählt Olivier Guez nach wohl sehr ausführlichen Recherchen die Fluchtgeschichte des Josef Mengele, Lagerarzt aus Auschwitz, der wie so viele Nazitäter nach dem Kriegsende zunächst in Deutschland untertauchte. Im Jahr 1948 gelingt ihm dann, wie vielen anderen hohen Nazischergen die Flucht nach Argentinien. Seine Unternehmerfamilie in Günzburg, die schon im Dritten Reich hervorragenden Geschäfte mit den Nazis gemacht haben, und nun sehr schnell in der neuen Bundesrepublik wieder reüssieren, unterstützt den unter dem Namen Helmut Gregor mit neuen Papieren ausgestatteten Mengele bei dieser Flucht. Sie wird ihm über Mittelsmänner auch die nächsten Jahrzehnte bis zu seinem Tod 1979 immer wieder mit nicht unerheblichen Geldsummen unter die Arme greifen.

 

In Buenos Aires taucht Mengele in ein dichtes Netzwerk aus Unterstützern ein, ehemalige Nazis und Anhänger des naziaffinen Diktators Peron. Stück für Stück baut er sich mit dieser Unterstützung ein neues Leben und eine neue Existenz auf. Doch diese angenehmen ersten Jahre haben keine Konstanz. Immer öfter muss er in der Folge nicht nur seinen Aufenthaltsort wechseln, sondern auch seine Identität. Immer wieder findet er Menschen bzw. wird mit ihnen in Kontakt gebracht durch seine Helfer, die ihn aufnehmen, weil sie seine Gesinnung teilen. Irgendwann trifft er auch Adolf Eichmann, doch der kennt ihn gar nicht, hat nie von dem Lagerarzt Mengele gehört. Das enttäuscht ihn tief.

Anfang der sechziger Jahre intensivieren der israelische Mossad, der Nazi-Jäger Simon Wiesenthal (er wird von Olivier Guez als jemand geschildert, der es mit der Wahrheit seiner Informationen, die er der Welt über seine Tätigkeit gibt, nicht so genau nimmt) und auch der Frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer (er wird in den Auschwitzprozessen in Frankfurt viel Täter zur Verurteilung bringen) nehmen auch die Spur von Josef Mengele auf. Als Adolf Eichmann entführt und nach einem Prozess in Jerusalem hingerichtet wird, reagiert Mengele panisch, fühlt sich nicht mehr sicher und verliert dieses Gefühl auch nicht mehr, als der Mossad aus innenpolitischen Gründen von der Suche nach ihm ablässt. Bis zu seinem Tod 1979, als man seine Leiche an einem brasilianischen Strand findet, wird Mengele diese Panik vor seiner Entdeckung nicht mehr verlassen.

 

Im Hintergrund dieser Fluchtgeschichte erzählt Olivier Guez immer wieder von den Überzeugungen dieses eingefleischten Nazi, der bis in sein Alter den Führer verehrt und an seiner Ideologie festhält. Er beschreibt Mengeles unfassbare Verbrechen und medizinischen Versuche in Auschwitz. An keiner Stelle erfasst ihn auch nur der Hauch eines Bedauerns über seine Taten und er kann bis zu seinem Tod nicht verstehen, warum ein Mann wie er, der seinem Führer und seinem Vaterland so ergeben war, verfolgt wird, weil man auch ihm den Prozess machen will.

 

Die gelungene Mischung zwischen vordergründiger Fluchtgeschichte und hintergründiger Information über die Taten Mengeles und die Ideologie der Nazis führt dazu, dass man an keiner Stelle als Leser versucht ist, mit diesem Mensch und seinem Schicksal auch nur irgendeine Form von Mitgefühl zu entwickeln. Diese Struktur seines Erzählens klärt den vielleicht jungen Leser, der möglicherweise noch nie über die Grausamkeiten der Lager und der in ihnen wütenden Nazis etwas erfahren hat, besser auf, als so manches Sachbuch.

 

Eine weitere Stärke des Buches ist, dass Guez immer wieder beschreibt, wie im Nachkriegsdeutschland und auch bei seinen ausländischen Nachbarn die Nazivergangenheit bis Anfang der sechziger Jahre verdrängt wurde und wie schwer es Menschen wie etwa Fritz Bauer, der unter nach wie vor ungeklärten Umständen ums Leben kam, hatten, Licht in das Dunkel dieser Verdrängung zu bringen.

Hier darf erwähnt werden, dass Olivier Guez das mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichnete Drehbuch von „Der Staat gegen Fritz Bauer“ geschrieben hat, der 2015 in die Kinos kam und den man bei Netflix streamen kann.

 

Über die Verbrechen der Nazis auch die heutige Generation zu informieren und über den Kampf gegen ist gleich ob in einem Film oder in einem Roman nach wie vor wichtig. Denn:

„Immer nach zwei oder drei Generationen, wenn das Gedächtnis verkümmert und die letzten Zeugen der vorherigen Massaker sterben, erlöscht die Vernunft, und Menschen säen wieder das Böse.“

 

Man kann das in Europa und in vielen anderen Teilen der Welt seit Jahren beobachten.

 

 

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Slow Horses. Ein Fall für Jackson Lamb

 

 

Mick Herron, Slow Horses. Ein Fall für Jackson Lamb, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07018-7

 

 

Wieder haben die Mitarbeiter des Diogenes Verlags einen Autor und eine Reihe ausgegraben, die in ihrem Herkunftsland seit 2010 große Erfolge feiert und nun auch in lockerer Folge dem deutschsprachigen Publikum präsentiert werden soll.

 

Die Rede ist von dem englischen Schriftsteller Mick Herron, der mit seiner Jackson Lamb Serie seit 2010 erfolgreich ist.  Nun ist in der Übersetzung von Stefanie Schäfer der erste Band erschienen.

 

In ihm wird eine ungewöhnliche Truppe von Geheimagenten vorgestellt. Sie residieren im sogenannten „Slough House“ und werden innerhalb des MI 5 die „Slow Horses“ genannt. Unter der Führung von Jackson Lamb, der selbst dorthin strafversetzt worden ist, beschäftigen sich ehemalige Topagenten, die bei irgendeiner Sache versagt haben oder unverzeihliche Fehler begangen haben, mit relativ nutzlosen Schreibtischarbeiten. Die Führung des MI 5 hofft sie dadurch loszuwerden, dass die slow horses vor lauter Langeweile und Frust ihren Job kündigen.

 

Unter ihnen ist auch River Cartwright aus einer im MI 5 wohlbekannten Agentenfamilie (sein Großvater war ein hohes Tier und hat immer noch großen Einfluss). Nach einem Übungseinsatz in einer Londoner U-Bahn-Station, bei dem Rivers einen mit einem Sprengstoffgürtel bewaffneten Terroristen stoppen soll und kläglich versagt, weil er die Farben der Oberbekleidung des Attentäters verwechselt hat, entgeht er nur durch die Fürsprache seines Großvaters der Entlassung und wird ein lahmer Gaul. Er ist davon überzeugt, dass ihm ein nicht wohlgesonnener Kollege hier absichtlich falsche Angaben übermittelt hat, um ihn kaltzustellen.

 

Misstrauen dieser Art ist der Kitt, der diese Gurkentruppe zusammenhält. Keiner traut dem anderen so recht über den Weg und jeder trägt zunächst sein Geheimnis, warum er in Slough House gelandet ist, alleine mit sich herum.

 

Als ein pakistanischer Jugendlicher entführt wird, wittert River Cartwright seine Chance und beginnt zusammen mit anderen lahmen Gäulen auf eigene Faust zunächst hinter dem Rücken seines Chefs Jackson Lamb zu ermitteln. Der wiederum hat mit der Vizechefin des MI 5, Diana Taverner, genannt Lady Di, einige alte Hühnchen zu rupfen. Ein großer Misthaufen aus Misstrauen und  Korruption wird sich im Laufe der Handlung auftun

 

Die slow horses, die sich im Laufe einer spannenden und auch sehr verwickelten Handlung immer näher kommen, werden zunächst von Mick Herron ausführlich und nacheinander vorgestellt. Auch die Gründe, warum sie strafversetzt wurden kommen zur Sprache. Das dauert, aber im ersten Band einer Serie ist dies sicher sinnvoll, auch wenn in den nächsten Bänden mit Sicherheit wieder neue Leute dazukommen werden, denn im Laufe der Handlung werden zwei Mitarbeiter von Jackson Lamb ihr Leben verlieren.

 

Es wird sich herausstellen, dass der Fall des entführten pakistanischen Jungen alles andere ist als das, wonach er zunächst ausgesehen hat. Die angebliche Gurkentruppe schlägt sich recht gut und auch Jackson Lamb bringt so manches Schäfchen bei Lady Di ins Trockene.

 

Eine verwickelte Handlung mit vielen Personen und Figuren und mit vielen Detailinformationen aus dem Inneren des MI 5 fordert die große Aufmerksamkeit des Lesers, der sich aber dennoch kaum von diesem Thriller losreißen kann und atemlos dem Ende entgegenliest.

 

Man wartet schon jetzt gespannt auf den zweiten Band aus der Reihe, der in England 2013 unter dem Titel „Dead Lions“ erschienen ist. Ich erwarte ihn im Herbstprogramm 2019 bei Diogenes.