Der Füsch

 

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Hanna Johansen, Rotraut Susanne Berner, Der Füsch, Hanser 2015, ISBN 978-3-446-24779-6

 

Dieses wunderschöne Bilderbuch, ein von Rotraut Susanne Berner genial illustriertes Loblied auf die Phantasie von Kindern, ist 1995 zum ersten Mal erschienen und wird hier vom Hanser Verlag in einer vierten Auflage als Neuausgabe einer neuen Generation von Eltern und Kindern präsentiert.

Es erzählt von dem Mädchen Dodo, die sich in diesem Jahr „fast nichts“ zum Geburtstag wünscht. Nur einen „Füsch“, wie sie das ausspricht, hätte sie gerne. Dodo hat verständnisvolle Eltern und so bekommt sie ein Aquarium mit Wasserpflanzen und einen Fisch.

Doch ihr „Füsch“ ist weit mehr als ein einfacher Fisch. In Dodos Phantasie kann er sprechen, seine Farbe verändern. Nie ist er müde und immer gut aufgelegt. Dodo spricht mit dem Füsch, zeigt ihm ihre Spielsachen und erzählt von ihrer Welt. Und der Füsch zeigt ihr, wie sich das Leben unter Wasser anfühlt.

Es ist ein zauberhaftes Bilderbuch, das die Phantasie von Kindern ernst nimmt und sie in wunderbaren Bildern ausmalt.

 

 

Ein Haufen Freunde hält zusammen

 

 

 

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Kerstin Schoene, Ein Haufen Freunde hält zusammen, Thienemann 2016, ISBN 978-3-522-45817-7

 

Mit „Ein Haufen Freunde“, einer Geschichte über einen Pinguin im Zoo, der traurig darüber ist, das er nicht fliegen kann und mit Hilfe einer genialen, von seinen Freunden, den anderen Zootieren, gebildeten vertikalen Kette schlussendlich die Erfahrung des Fliegens machen kann, hatte Kerstin Schoene 2012 großen Erfolg.

Klar, dass sie diesem erfolgreichen und von vielen Kindern geliebten Buch einen Nachfolger hinterherschickt. Wieder spielt es im Zoo und im Mittelpunkt steht dieses Mal eine kleine Schildkröte. Sie ist auch traurig, denn so sehr sie sich auch anstrengt, immer ist sie viel zu langsam.

Doch „ein Haufen Freunde hält zusammen“! In einer wiederum genialen Idee bilden die anderen Tiere mit ihren großen und kleinen (für die Lücken enorm wichtig!) Körpern eine Art schiefe Ebene, auf der die Schildkröte hinabsausen kann.

Noch nie im Leben war sie so schnell! Ein schönes Bilderbuch über das Zeithaben und dass man sich für eine Freundschaft Zeit nehmen muss.

 

 

 

 

Eskapaden

 

 

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Martin Walker, Eskapaden, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-06968-6

 

In seinen bisherigen Büchern mit dem sympathischen Bruno Courreges, dem Chef de Police in dem kleinen Städtchen St. Denis im Perigord ist es dem Engländer Martin Walker jedes Mal sehr gut gelungen, ein aktuelles Thema in einem konkreten Kriminalfall zu verbinden mit sehr aufschlussreichen Rückblicken in die dunklen Kapitel der französischen Geschichte.

Während es im letzten Band meines Erachtens zu viele verschiedene Handlungsebenen gab und das Buch deshalb etwas durcheinander wirkte, ist ihm im vorliegenden achten band wieder eine tolle Mischung aus aktuellen politischen Themen und in die Gegenwart reichender Hypotheken französischer Vergangenheit gelungen.

Da geht es zum einen um eine radikale Tierschützerin, die für viel Unruhe in St. Denis sorgt, zum anderen um die Rolle des legendären Kriegshelden Marco Desaix, einst ein Idol des jugendlichen Bruno und seine Verwicklungen in vergangenen  und aktuelle Geheimdienstaffären.

Und natürlich geht es wieder um viel leckeres Essen und große Weine und um das Liebesleben Brunos. Schon kurz nach Beginn des Buches beendet seine Freundin Isabelle die sich nun schon über mehrere Bände hinziehende Beziehung, weil sie unabhängig bleiben will und Brunos Traum von einer Familie mit Kindern nicht im Wege stehen will.

Wann und ob  Martin Walker seinem Bruno diesen Traum erfüllt, steht allerdings in den Sternen.

Eine leidenschaftliche Nacht, die Bruno mit einer der Hauptfiguren des Buches verbringt, kostet ihn fast den Job, den er dann doch in gewohnter Manier erfolgreich erledigt.

Diesen Band habe ich wieder mit großer Freude und fast ohne eine wesentliche Unterbrechung gelesen und freue mich schon jetzt auf die Fortsetzung in 2017.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Geschichte vm Löwen, der nicht schwimmen konnte

 

 

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Martin Baltscheit, Die Geschichte vom Löwen, der nicht schwimmen konnte, Beltz 2016, ISBN 978-3-407-82118-8

 

Nach dem überragenden Erfolg, den der Beltz-Verlag mit der Wiederauflage jener schon 2002 zum ersten Mal erschienenen Geschichte von einem Löwen, der nicht schreiben kann, hatte, hatte Martin Baltscheit ein weiteres dem Vorgänger ähnliches Buch nachgelegt unter dem Titel „Die Geschichte vom Löwen, der nicht bis drei zählen konnte“.

Nun, 2016, überrascht er mit einen dritten  Band der Serie. In „Der Löwe, der nicht schwimmen konnte“, wieder in wunderbaren Reimen verfasst, erzählt er die Geschichte vom stolzen Löwen, der Schwimmen zunächst etwas für Schwäne hält. Als jedoch seine Löwin wegen der Schneeschmelze bei gestiegenem Wasserstand auf einer Insel im See festsitzt, die vorher ein Hügel war und sie laut nach Rettung ruft, hat der Löwe ein Problem.

Der Frosch, die Ente, das Krokodil, die Fische und der Floh geben ihm aus ihrer Praxis gute Ratschläge, die der Löwe aber alle verwirft. Er phantasiert gerade über ein Flugzeug, als ihn die Grille einen feigen Löwen nennt.

Das kann er nicht auf sich sitzen lassen. Er stürzt sich ins Wasser und schwimmt zur Insel. Doch dort erlebt er eine Überraschung…

Ein wunderschönes Bilderbuch nicht nur über die Kunst des Schwimmens, sondern auch über die Weisheit verliebter Löwinnen.

Überall Vierecke

 

 

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Yusuke Yonezu, Überall Vierecke, Minedition 2015, ISBN 978-3-86566-280-4

 

Ganz erstaunliche und überraschende Entdeckungen können schon ganz kleine Kinder mit diesem schönen und lustigen Klappbilderbuch des 1982 geborenen japanischen Illustrators Yusuke Yonezu machen.

Dieses Mal spielt er mit Vierecken, die jeweils auf ein anderes Bild hinweisen, das man entdecken kann, wenn  man eine Seite umdreht. Vorher aber werden die Kinder zum Raten aufgefordert: „Was kann das sein?“

Erstaunlich, was sich hinter den kleinen und größeren Vierecken alles verbirgt. Eine schöne Idee schon für die allerkleinsten Buchliebhaber.

Ich finde, alle Bücher des Japaners (es sind etliche bei minedition) haben ihren eigenen Reiz und werden leider zu selten wahrgenommen.

 

Raben-Baby

 

 

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John A. Rowe, Raben-Baby, Minedition 2015, ISBN 978-3-86566-226-2

 

Das kleine Rabenbaby kann zum Entsetzen seiner Eltern und seines Großvaters nicht richtig singen. Statt des für Raben üblichen „Rrrahhh!“ bringt er lediglich ein klägliches „Piep“ zustande.

Nach einer ausführlichen Nachhilfe durch den Großvater hört das Rabenbaby gar nicht auf zu singen und bald schon sehnt sich die Gemeinschaft der Raben nach seinem Piep zurück.

Das kleine Büchlein reflektiert eine Erfahrung, die auch viel Menschenkinder und ihre Eltern machen. Zunächst sind die Eltern stolz auf die musikalischen Bemühungen der Kinder, doch angenehm zu hören ist es nicht.

„Raben-Baby“ ist  humorvolle Geschichte, witzig und eindrucksvoll illustriert, in der sich Eltern und ihre talentierten Kinder wiederfinden werden.

 

Geteiltes Vergnügen

 

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Johanna Adorjan, Geteiltes Vergnügen, Hanser Berlin 2016, ISBN 978-3-446-25071-0

 

„Dieses Buch erzählt die Geschichte von Vera und Istvan, die als ungarische Juden den Holocaust überlebten, 1956 während des Aufstandes von Budapest nach Dänemark flohen und sich 1991 in Kopenhagen das Leben nahmen. Man fand sie Hand in Hand in ihrem Bett. Es ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe. Die Geschichte meiner Großeltern.“

Mit diesen Worten begann die Journalistin Johanna Adorjan, die unter anderem für das Feuilleton der FAS schreibt, 2011 ihren Debütroman, der von zahlreichen Kritiker sehr gelobt wurde. Ich selbst nannte es in einer Rezension „das Porträt eines exzentrischen Liebespaares und eine Liebesgeschichte, die aufwühlt und betroffen macht – ein Buch voller Poesie und Kraft“.

Ich gab damals der Hoffnung Ausdruck, „dass Johanna Adorjan nach diesem wirklich bemerkenswerten Buchdebüt ihre erzählerische Kraft noch zu weiteren belletristischen Büchern nutzt.“

Nun, fünf Jahre später, ist diese Hoffnung in Erfüllung gegangen. Mit „Geteiltes Vergnügen“ präsentiert sie einen Roman über eine Journalistin namens Jessica mit jüdischen Wurzeln, die in der Ich-Form von einer amour fou erzählt, die sie über etwa ein Jahr mit einem Mann namens Tom hat, einem Musiker, der sie gleich beim ersten Zusammentreffen durch seine Manieren beeindruckt: „Er war überhaupt wahnsinnig höflich. Zuvorkommend. Gut erzogen, könnte man auch sagen. Nie zuvor hatte mir ein Mann nicht nur in  den Mantel geholfen, sondern mir anschließend auch noch den Schal umgelegt (…) Er behandelte mich, als wäre allein die Tatsache, dass ich eine Frau war, etwas unerhört Besonderes und Kostbares.“

Sie fühlt sich nicht nur wieder richtig als Frau, sondern sie kleidet sich auch so. Und sie hat noch nie so guten und leidenschaftlichen Sex gehabt, wie mit diesem Mann. Doch so nah er ihr dabei kommt, so zärtlich und kräftig zugleich er sie begehrt, so schnell ist er danach wieder verschwunden, zieht sich manchmal für Tage zurück und antwortet nicht auf ihre Nachrichten. Dann  ist er wieder da, als wäre er nie weg gewesen. Jessica beginnt sich daran zu gewöhnen. Sie akzeptiert auch Toms rätselhafte Beziehung zu einem älteren Freund, in dessen Haus er wohnt und mit dem er sich nicht nur kulinarische Genüsse teilt, sondern auch Frauen.

Als sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Kinderwunsch verspürt, setzt sie die Pille ab, lässt es darauf ankommen, wird aber nicht schwanger von Tom. Der wiederum schläft nicht nur mit wechselnden Frauen bei Partys, die sein Freund ausrichtet, sondern auch mit seiner ehemaligen Partnerin. Verständlicherweise ist Jessica durcheinander. Hin- und hergerissen zwischen Anziehung und Empörung.

Sie macht erneut eine Therapie bei einer offenbar mit medialen Fähigkeiten ausgestatteten etwas skurrilen Psychologin, die unter anderem einen Satz von sich gibt, der mich begeistert hat: „Man muss wollen, was man hat, bevor man bekommt, was man will.“

Man ist als Leser über eine lange Zeit irritiert, warum Jessica an der Beziehung zu Tom so lange festhält, warum sie sich im Namen der Liebe sozusagen selbst aufgibt.  Aber Johanna Adorjan erzählt die Geschichte als Befreiungsgeschichte, als eine Entwicklung hin zu sich selbst. Als Tom zu seiner sterbenden Mutter, einer berühmten Musikerin, nach New York eilt, bekommt Jessica den nötigen Abstand, all das, was sie erlebt und gefühlt hat, zu sortieren.

Johanna erzählt diese amour fou von Jessica und Tom auf eine Weise, als hätte sie es in einer ähnlichen Form so erlebt. Vielleicht hat sie das ja auch.

Der Roman spielt mit dem Thema, warum Frauen (aber auch Männer) so lange an Beziehungen festhalten, die offensichtlich nicht gut für sie sind. Und obwohl Jessica am Ende feststellt: „ ‚Verlass mich nicht‘, sagte ich nicht“, ist anzunehmen, dass sie noch lange daran zu knabbern hat. An der Erfahrung, dass aus der zunächst genossenen Spannung zwischen Freiheit und Liebe etwas ganz Dunkles wird.

Ich halte Johanna Adorjans zweiten Roman für ein gelungenes Buch und freue mich auf ihr nächstes Buch.

 

 

 

 

Kleiner Räuber Roddi Hut

 

 

 

 

 

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Daniela Dammer, Valeska Scholz, Kleiner Räuber Roddi Hut, Thienemann 2016, ISBN 978-.3-522-.43771-4

 

Der kleine Waschbär Roddi Hut  wohnt in einer Höhle unter der alten Kastanie. Er findet, er ist ein waschechter Räuber. Hut, Maske und Flickenhosen, alles da. Was ihm fehlt, ist ein richtige Bande, so eine wie  die, von der ihm sein Großvater in echtem Räuberlatein erzählt, während sie sich am Lagerfeuer wärmen.

Aber weder der Bär noch der Wolf oder der Adler brauchen so etwas. Entrüstet wenden sie sich ab, als Roddi ihnen die Gründung einer Bande vorschlägt. Sie sind stark genug und kommen alleine zurecht. Mehr Erfolg hat er da bei anderen Tieren, die allerdings auf den ersten Blick alles andere ausstrahlen als Räubermentalität: ein schreckhaftes Opossum, ein tollpatschiger Vielfraß und ein nervöses Erdferkel.

Zunächst unentschlossen, begeistern sie sich aber bald von dem Bandengedanken und der Gemeinschaft, die er verspricht. Sie sind dabei. Ihre erste Handlung ist ein Beerenkompott, für das die vier Tiere Beeren sammeln. Als der Bär ihnen diese wegnehmen will, steht die neuen Bande vor ihrer ersten großen Herausforderung.

Mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten besiegen sie den Bär und sorgen dafür, dass sich die Mär von dieser Tat im ganzen Wald verbreitet. Und als Siegesabzeichen bekommt jeder eine neuen bunten Flicken auf die Hose.

Ein schönes Bilderbuch für alle, die sich gerne in der Vorstellung gefallen, einmal ein richtiger Räuber zu sein.

Die Suche

 

 

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Aaron Becker, Die Suche, Gerstenberg 2016, ISBN 978-3-8369-5890-5

 

Schon im Jahr 2014 in den USA erschienen, hat der Künstler Aaron Becker hier im Gerstenberg Verlag das zweite aus einer Trilogie von fantasievollen Bilderbüchern vorgelegt, das ganz ohne Worte auskommt.

Das erste Buch „Die Reise“ erzählte in immer farbenfroheren Bildern zunächst von dem grauen Alltag eines kleinen Mädchens, für das niemand Zeit hat und mit dem niemand spielen will. Der Vater sitzt vor dem PC und die Mutter spielt mit ihrem Smartphone herum. Allein in ihrem noch grauen Zimmer fällt ihr Blick auf einen magischen roten Stift, mit dem sie sich eine Tür malt, durch die sie in eine traumhafte Landschaft eintritt, in der ein kleiner Fluss durch einen dichten Wald fließt. Mit dem roten Stift den sie natürlich mitgenommen hat, entwirft sie sich ein Boot, und dann geht es ab auf eine abenteuerliche Reise durch magische Fantasiewelten. Immer wieder kann sie mit ihrem Stift das Geschehen in der Geschichte beeinflussen. Ein von ihr gerettetes Fabelwesen zeigt ihr den Weg zu einem neuen Freund.

Diese beide erleben nun in dem vorliegenden zweiten Band der Trilogie mit dem Titel „Die Suche“ ihr nächstes Abenteuer. Am Anfang sind sie mit dem Fahrrad unterwegs und suchen unter einer Brücke Schutz vor dem Regen. Mitten im Brückenpfeiler öffnet sich plötzlich eine Tür, in der ein geheimnisvoller König erscheint und den beiden Kindern eine mysteriöse Karte aushändigt. Wohin die Karte die beiden wohl führt? Und: ist der König in Gefahr? Unter der Führung eines violetten Vogels begeben sie sich auf wundersame Reise durch selbst erdachte Räume und erleben aufregende Welten und Abenteuer.

Vielleicht noch genialer gezeichnet als der erste Band, dessen Geschichte und Botschaft auch kleinere Kinder sehr gut verstehen konnten, macht  „Die Suche“ jedoch selbst beim mehrfachen Betrachten und Studieren schon Probleme beim Verständnis der Handlung. Mir jedenfalls ging das so.

Vielleicht ist es ja Kindern viel leichter möglich, sich in eine Vorstellungswelt aus Traumreisen zu begeben.

Ein ungewöhnliches Bilderbuch, das ganz ohne Worte eine große Geschichte erzählt und bei jedem neuen Betrachten neue Geheimnisse enthüllt, die man vorher nicht bemerkt hat.

Kater Clemens

 

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Max Bolliger, Jürg Obrist, Kater Clemens, Kater Clemens, Atlantis 20126, ISBN 978-3-7152-0708-7

 

Der 2013 verstorbene Max Bolliger und der Illustrator Jürg Obrist haben schon oft und erfolgreich zusammengearbeitet. Ich erinnere mich gerne an das Bilderbuch „Der Hase mit den himmelblauen Ohren“, das ich bei meinen Lesestunden in der hiesigen Kindertagesstätte oft und gerne vorgelesen habe.

In diesem 1993 zum ersten Mal erschienenen Buch ging es um die Entwicklung von Selbst-Bewusstsein im wahrsten Sinne des Wortes, um den Aufbau einer Ich-Identität, ohne die ein wirklich sinnvolles Menschenleben nicht möglich ist.

Zusätzlich ging es um ein Phänomen, das jeder kennt, der einmal bewusst darüber nachgedacht hat. Den Vorgang nämlich, dass Selbstausgrenzung die Ausgrenzung durch andere geradezu hervorruft und nur dadurch beendet werden kann, dass der zuvor sich selbst außerhalb der Gemeinschaft Stellende sich wieder mit vollem Bewusstsein seiner selbst in diese Gemeinschaft hineinstellt, und nicht vorsichtig und scheu wartet, bis diese ihn etwa ruft.

Auch das vorliegende Bilderbuch transportiert eine wichtige Botschaft. Es erzählt eine Geschichte über den Wunsch beliebt zu sein und was einer alles dafür tut oder lässt. Sie erzählt aber auch von Gruppendruck, und wie bei dem vorher erwähnten Buch geht es auch hier um Selbstsicherheit und um wahres Glück.

Wie allen Katzen gefällt es Clemens, durch Wiesen und Wälder zu streifen, Mäusen nachzustellen oder sich in der Sonne zu räkeln. Er genießt es aber auch, beliebt zu sein. So haben die anderen Tiere des Bauernhofs ein leichtes Spiel, ihm allerlei aufzuschwatzen: „Du solltest eine Brille tragen“, sagt das Huhn. Die Kuh meint: „Samtpfoten wie die deinen brauchen Schuhe.“ Und das Schaf schlägt ihm vor, sich doch die Krallen rot zu färben. Als Clemens aber die Ratschläge befolgt, erntet er nur schallendes Gelächter. Erschrocken läuft er davon. Als er nach einigen Tagen zurückkehrt, ist er wieder ganz er selbst und gerade darum ein liebenswerter Kater.

Im Jahr 2000 zuerst erschienen, hat das Bilderbuch nichts von seiner Schönheit und Botschaft eingebüßt. Kinder können lernen, dass sie okay sind wie sie sind, und dass sie den Erwartungen der Anderen nicht genügen müssen.