Ist da oben jemand?

 

 

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Bärbel Schäfer, Ist da oben jemand. Weil das Leben kein Spaziergang ist, Gütersloher Verlagshaus 2016, ISBN 978-3-579-08637-8

 

In diesem bewegenden Buch schreibt sich ein Mensch seinen Schmerz über den Tod eines geliebten Menschen von  der Seele, auf eine Weise, wie ich es so ehrlich, authentisch und offen selten gelesen habe.

Die aus dem Fernsehen und dem Radio bekannte Journalistin Bärbel Schäfer hat ein persönliches Buch geschrieben, das seine Leser nicht unberührt lassen wird, auch wenn sie selbst bisher von frühem und plötzlichem Tod in ihrer Umgebung verschont gebelieben sind. Die aber, die wissen, wie sich das anfühlt, wenn eines Nachts die Polizei vor der Tür steht, und mitteilt, dass ein enger Verwandter bei einem Unfall ums Leben gekommen ist oder auf eine andere Weise schmerzhaften Abschied nehmen mussten von einem geliebten Menschen, die werden sich wieder erkennen in den stammelnden, den suchenden, den verzweifelten Fragen Bärbel Schäfers.

 

Denn das, was sie da erlebt hat, bringt sie an eine Grenze ihrer Erkenntnis und ihrer Seele, die sie bisher in ihrem Leben für unmöglich hielt. Denn Gott war in ihrem Leben keine Option. Sie ist kein gläubiger Mensch und an Gott zu glauben war für sie uncool.

Doch nun nach dem Tod des Bruders stürzen die Fragen nur so auf sie ein:

„Wer kann mich trösten? Was kommt nach der Krise? Wie werde ich sein? Stärker? Schwächer? Was kann mich durchs Leben tragen?“

Sie fragt sich, ob ein Mensch der an Gott glaubt, in so einer Situation etwas anderes fühlt, als sie. Sie fragt sich, ob Gott, wenn es ihn gibt, ihren ganz persönlichen Schmerz fühlt. Wie geht das eigentlich, die Verantwortung für das eigene Leben nach oben abzugeben? Will ich das?

Auch Menschen, die schon seit Kindertagen glauben, stellen sich diese Fragen. Wie kann Gott so einen unverschuldeten Tod zulassen, all das andere Leid und Elend der Welt? Ich kenne nicht wenige Menschen, die über diesen Fragen ihren Glauben verloren haben oder ständig an ihm verzweifeln. Sie werden sich in vielen Fragen Bärbel Schäfers wiedererkennen. Die allerdings führen ihre Fragen zögernd und stolpernd  in eine andere Richtung: „Mit dem Tod meines Bruders komme ich an meine Grenzen, weiß nicht, ob ich nicht doch eine ausgestreckte Hand greifen muss.“

Einen Rat, eine Anleitung zum Glücklichsein, die sie von einem Rabbi hat, und den auch der Pastor oder Iman geben könnte, kann allen zweifelnden Menschen, ob sie sich gerade vom Glauben wegbewegen oder auf ihn zubewegen helfen:

Gib und dir wird gegeben.

Sei gütig.

Lass Ruhepausen.

Kein Konsumstress.

Schenke Freunden und Familie deine Zeit und Liebe.

Arbeit ist notwendig, aber nicht alles im Leben.

Gebraucht zu werden macht glücklich.

Denke positiv.

Begib dich in die Natur.

Bete. Gerne mehrmals täglich.

Rede nicht schlecht über andere.

Halte dich an die Gebote.

Respektiere die Natur. Predige keine Ideologien.

Arbeite für den Frieden in dir.

 

 

Ja.

Bevor ich jetzt gehe

 

 

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Paul Kalanithi, Bevor ich jetzt gehe, Knaus 2016, ISBN 978-3-8135-0725-6

Ein überaus begabter Neurochirurg, der schon unzählige Menschen mit Tumoren behandelt hat und sozusagen professionell tagtäglich in der Klinik mit Leben und Sterben umgeht, ist über Nacht konfrontiert mit der Diagnose, dass er selbst an Krebs erkrankt ist.

Gleichzeitig wird deutlich, dass die Beziehung mit seiner geliebten Frau an eine Grenze gekommen ist. Sie sagt zu ihm: „Ich habe das Gefühl, dass wir nicht richtig miteinander verbunden sind. Ich will nicht durch Zufall von deinen Sorgen erfahren. Als ich dir gesagt habe, dass ich mich ausgeschlossen fühle, hast du das offenbar nicht für ein Problem gehalten. Für mich muss sich etwas ändern.“

Die mörderischen Klinikschichten und sein enormer Ehrgeiz, ein großer Neurochirurg zu werden, haben Paul Kalanithi die Beziehung zu seiner Frau vernachlässigen lassen. Als sie von ihm von seiner Diagnose erfährt, und er ihr sagt, dass er sie brauche, sagt sie aber:  „Ich werde dich nie verlassen.“

Und sie steht ihm bei bis zum Ende, schenkt ihm nach gemeinsamer Entscheidung durch eine künstliche Befruchtung noch ein Kind, das er in seinen letzten  Wochen glücklich im Arm hält.

Bevor er sich entschied Arzt zu werden, war sein großer Traum zu schreiben. In seinem letzten Lebensjahr, nachdem eine Therapie, auf die er große Hoffnung gesetzt hatte, nicht anspricht, erfüllt er sich diesen Wunsch und schreibt dieses Buch.

Nach einem Prolog, in dem er seine ersten Reaktionen auf die Krebsdiagnose beschreibt, erzählt er in einem ersten Teil seinen ambitionierten Werdegang als Arzt und in einem zweiten Teil sein Schicksal als Patient.

Ganz am Ende seines durch den Tod beendeten Manuskripts, das seine Frau durch ein Nachwort ergänzt für die Veröffentlichung vorbereitet hat, schreibt er:

„Alle Menschen unterliegen der Endlichkeit. Die meisten Pläne werden entweder verwirklicht oder aufgegeben, so oder so, sie gehören der Vergangenheit an. Die Zukunft, anstatt eine Leiter zu den Lebenszielen zu sein, verflacht zu immerwährender Gegenwart. Geld, gesellschaftlicher Staus, all die menschlichen Eitelkeiten haben so wenig Sinn – das ist alles bedeutungslos. In der Tat.“

Er stirbt mit dem Gedanken an seine Tochter Cady, der er mit seiner Frau noch das Leben geschenkt hat.

Ihr gibt er etwas auf den Weg, was auch der von der Lektüre bewegte Leser für sich hören kann: „Wenn du in einem dieser vielen Momente im Leben einen Bericht deiner Selbst geben musst, sag, wer du warst, was du getan und der Welt bedeutet hast.“

Ein bewegendes Buch eines begnadeten Arztes, dem der Tod verwehrt hat, in die Fußstapfen seines Kollegen Oliver Sacks zu treten. „Bevor ich jetzt gehe“ bleibt sein einziges Buch und Vermächtnis an die Welt. Wie die es angenommen hat, davon zeugen die sensationellen Verkaufszahlen in den USA.