In einer weißen Winternacht

 

 

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Jean E. Pendziwol, Isabelle Arsenault, In einer weißen Winternacht, Verlag Freies Geistesleben 2016, ISBN 978-3-7725-2682-4

 

 

Was geschieht alles draußen in einer weißen Winternacht, während  der kleine Junge im Haus in seinem warmen Bett liegt und versucht einzuschlafen?

 

In einem wunderschönen zart und einfühlsam illustrierten Gute-Nacht-Buch haben Jean Pendziwol und Isabelle Arsenault mit Worten und Bildern das leise Leben in einer Winternacht eingefangen.

 

Beides hat es mit angetan und mich berührt: die poetischen Texte von Jean Pendziwol, die vorgelesen werden wollen wie Gedichte, langsam und mit Ausdruck und die warmen Zeichnungen von Isabelle Arsenault, die in dem kleinen Betrachter eine ganz tiefen und friedlichen Eindruck hinterlassen.

 

Eine Geschichte, die so wunderbar ist wie ein Traum.

Geld, Gesellschaft und Gewalt. Kapital und Christentum 1

 

 

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Eugen Drewermann, Geld, Gesellschaft und Gewalt. Kapital und Christentum 1, Patmos 2016, ISBN 978-3-8436-0817-6

 

Wie man es von Eugen Drewermann gewohnt ist, geht er auch in dieser neuen Veröffentlichungsreihe mit dem Untertitel „Kapital & Christentum“ sein Thema grundsätzlich an, mit unendlich viel von ihm bearbeiteten Material, historischem und noch mehr zeitgenössischem, Verweisen auf die Literatur und unzähligen Anmerkungen und Verweisen.

 

Was in seinen früheren Büchern schon immer durchleuchtete, wird hier grundsätzlich und grundlegend behandelt: seine Kritik an der zerstörerischen Kraft des Kapitalismus. Hatte der Theologe und Psychoanalytiker früher oft auf die Folgen dieser Wirtschafts“ordnung“ und Produktionsweise für die einzelnen Menschen und ihr Zusammenleben hingewiesen, so legt er in diesem ersten Band seiner neuen Reihe den Fokus auf die Zerstörung der Umwelt und der hemmungslosen Ausbeutung  aller natürlichen Ressourcen durch den Menschen. Doch nicht nur die Natur und ihre Grundlagen werden mit einer großen Aggressivität zerstört, sondern der Kapitalismus in seiner neoliberalen Form mit seinem Wachstumswahn und seinem ihm immanenten Konkurrenzzwang zerstört langsam und immer mehr die Grundlagen und die Strukturen unserer Demokratie.  Politiker werden beschrieben, die nur noch als Getriebene handeln können. Man kann sie regelmäßigen Abstanden in den Medien beobachten.

 

In drei großen Kapiteln

  • Faire Preise
  • Faire Löhne
  • Fairer Handel

 

erklärt Drewermann sehr verständlich, aber wie immer mit vielen Details, die Bedeutung der wirtschaftlichen Strukturen. Immer wieder betont er die historischen Zusammenhänge der gegenwärtigen Lage und formuliert Lösungswege, die einleuchtend und tatsächlich realisierbar scheinen.

 

Er plädiert für eine nachhaltige und nicht länger wachstumsorientierte Wirtschaftsform. Interessant und aufschlussreich fand ich, dass Drewermann immer wieder sein tiefenpsychologisches Fachwissen einbringt, um damit gegenwärtige globale Phänomene zu beschreiben und zu erklären.

 

Was das alles mit der christlichen Tradition zu tun hat, wird, so nehme ich an, in den nächsten Bänden der Reihe erläutert.

 

 

 

 

Das Kamasutra der Frösche

 

 

 

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Tomi Ungerer, Das Kamasutra der Frösche, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-02138-7

 

In seinem 1982 zum ersten Mal veröffentlichten Karikaturenband „Das Kamasutra der Frösche“ nimmt der Schweizer Künstler Tomi Ungerer das vermeintlich freie Liebesleben und die Sexwelle der 60er und 70er Jahre aufs Korn. Komisch und mit großer Lust an der Provokation illustriert Ungerer das Kamasutra auf seine erotomane Art. Er setzt die ehrwürdigen Kamasutra-Weisheiten und erotischen Ratschläge auf seine Art um – durch respektlose Frösche.

 

Ein Klassiker des erotischen Komik.

 

Wer wir waren

 

 

 

 

 

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Roger Willemsen, Wer wir waren, S. Fischer 2016, ISBN 978-3-10-397285-6

 

Menschen und Intellektuelle wie der verstorbene Roger Willemsen fehlen unserem Land wie das Wasser der Wüste. Das spürt man wieder deutlich, wenn man die schmale Fassung seiner Zukunftsrede liest, die er eigentlich zu einem großen Buch unter dem Titel „Wer wir waren“ veröffentlichen wollte. Aus der Perspektive der Zukunft wollte er die Gegenwart betrachten und das Nötige dazu sagen:

„Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“

 

Mit einer beeindruckenden Gabe der Beobachtung und glasklarer Analyse spricht er von einer neuen „Qualität der Flüchtigkeit“ und hält trotz der tief melancholischen Stimmung seines Textes ein flammendes Plädoyer dafür, dass wir unser Sein in der Gegenwart wieder ernst nehmen, anstatt uns von einem Augenblick und einer Aufmerksamkeit zur nächsten zu hangeln und dabei immer oberflächlicher und leerer werden. Sein und aktiv sein in der Gegenwart, sich engagieren, kritisch selbst zu denken, die Zukunft aktiv mitgestalten, anstatt sie den Machern zu überlassen. Über die Gegenwart, auch die der eigenen Existenz, hinausdenken, Vorstellungen eines anderen Lebens zu entwickeln und auch umzusetzen, sich nicht mehr fremdbestimmen lassen.

 

Das ist bei allem melancholischen Pessimismus, den die Rede doch ausstrahlt, das Plädoyer dieses leider viel zu früh verstorbenen Autors.

Jeden Augenblick des Lebens bewusst zu leben und zu gestalten – das ist die fast schon spirituelle Botschaft von Willemsen.

 

 

 

Vierundzwanzig Stunden

 

 

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Guillaume Musso, Vierundzwanzig Stunden, Pendo 2016, ISBN 978-3-86612-401-1

 

Wieder hat Guillaume Musso, einer der erfolgreichsten Autoren in Frankreich, einen Roman vorgelegt, in dem er seine Meisterschaft darin beweist, in einer Mischung aus Liebesgeschichte und Psychothriller den Leser zu fesseln und nicht ruhen zu lassen bis er das wieder total überraschend Ende gelesen hat und die Auflösung des Rätsels kennt.

 

Der ich-erzählende Protagonist heißt Arthur Costello. Er hat von seinem Vater einen alten Leuchtturm geerbt, den dessen Vater schon erworben hatte. Arthur muss seinem todgeweihten Vater versprechen, eine bestimmte Tür im Keller des Turms niemals zu öffnen.

 

Doch er hält sich nicht daran und öffnet vor lauer Neugierde die Tür im Keller des Turms. Er stürzt nach unten und fällt durch die Zeit. Er landet genau ein Jahr später in New York, wo er die Schauspielerin Lisa kennenlernt, die hm dabei hilft, seinen Großvater Sullivan aus der Psychiatrie zu befreien. Vom ihm erhofft er sich Aufklärung über seine Zeitreisen.

 

Denn die wiederholen sich jährlich. Nur für vierundzwanzig Stunden kommt  Arthur jeweils zurück, um dann wieder zu verschwinden. Während dieser Stunden versucht er immer neu, das Rätsel aufzulösen.

Es beginnt 1971 und endet 24 Jahre später mit einem Schluss, der  überraschend ist, aber auch für Musso überraschend schwach. Er hat mir nicht eingeleuchtet, und mich nach der fast atemlosen Lektüre doch etwas enttäuscht und verwirrt zurückgelassen.

 

 

Der goldene Ball

 

 

 

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Kristien Dieltiens, Seppe Van den Berghe, Der goldene Ball, Patmos 2015, ISBN 978-3-8436-0581-6

 

In diesem in Belgien und in den Niederlanden schon 1997 zuerst erschienenen Bilderbuch erzeugen die Autoren durch die Geschichte, die sie erzählen und die Art, wie sie sie illustrieren, für eine ganz ungewöhnliche Stimmung. Aufgebaut wie ein Märchen, geht es hintergründig um den Tod eines Kindes in sehr jungem Alter und um seine trauernden Eltern und Geschwister.

 

Im Vordergrund aber steht die Geschichte eines Sternenkindes, das auf der Suche nach einem verlorenen goldenen Ball auf die Erde kommt und bei seinen Eltern ein neues Zuhause findet. Dabei wird es unterstützt von Sternen, Sonne, Mond und Wind. Diese helfen dem Kind heil auf die Erde zu einem Paar zu kommen, welches sich sehr über das neu angekommene Kind freut. Das Kind lernt, wächst und gedeiht und findet schließlich seinen goldenen Ball, der als Synonym für die Rückkehr ins Irgendwoher steht.
Es geht wieder dorthin zurück, woher es gekommen ist. Seine Eltern sind traurig, doch sie finden Trost in der Vorstellung, dass ihr Kind den Himmel berührt hatte.

 

Die Geschichte ist warmherzig und mit viel Poesie erzählt und die Illustrationen bewegen sich im Zwischenland zwischen Realität und Phantasie. Für trauernde Eltern und Geschwister ist es eine Möglichkeit, ihr Leid und ihre Trauer widergespiegelt zu sehen und auch ein Angebot des Trostes. Ein Buch, das, wie die Trauer selbst, Zeit braucht, entdeckt und verstanden zu werden.

 

Ein Bilderbuch, das neben die Trauer über den Verlust die Freude darüber stellt, das wieder gegangene Kind eine Zeit bei sich gehabt zu haben und es lieben zu dürfen.

 

 

 

Die kleine Hummel Bommel feiert Weihnachten

 

 

 

 

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Britta Sabag u.a., Die kleine Hummel Bommel feiert Weihnachten, arsedition 2016, ISBN 978-3-8458-1645-6

 

Mit ihren ersten beiden Bilderbüchern über die kleine Hummel Bommel haben sich Britta Sabag und Maite Kelly in das Herz vieler Kinder, aber auch erwachsener Vorleser geschrieben.

 

Nun folgt mit „Die kleine Hummel Bommel feiert Weihnachten“ das dritte Bilderbuch, wieder liebevoll erzählt und illustriert. Man muss die kleine Hummel noch nicht kennen, um sie nach diesem Buch zu lieben.

 

Es ist der Morgen des Weihnachtstags. Doch da die Bescherung erst abends stattfindet, entschließt sich Bommel, zuerst noch ein paar Freunde in der Nachbarschaft zu besuchen. Doch bei jedem dieser Freunde ist an diesem Vormittag irgendetwas falsch gelaufen. Der eine ist krank und musste zum Arzt, dem anderen sind die Plätzchen verbrannt, wieder ein  anderer hat keine Laune, weil er keine Idee für eine Weihnachtsrede hat und der letzte ärgert sich über einen mickrigen Weihnachtsbaum. Ob man mit einer solchen Laune Weihnachten feiern kann, ist fraglich.

 

Doch die Freunde erkennen, dass es bei Weihnachten auf etwas anderes als Äußerlichkeiten ankommt. Sie entdecken, dass die Gemeinschaft und die gegenseitige Unterstützung wichtig sind und die Freude darüber, dass sie einander haben und liebhaben.

 

Ein Rezept von Bommels Honigkeksen am Ende des von Joelle Tourlonias schön illustrierten Buches lädt ein zum Nachmachen.

 

 

Das Cafe der Existentialisten

 

 

 

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Sarah Bakewell, Das Cafe der Existentialisten, C. H. Beck 2016, ISBN 978-3-406-69764-7

 

Für Philosophiegeschichte habe ich mich schon seit meinen Gymnasialzeiten interessiert, doch war es immer auffällig für mich, dass mich der von Jean-Paul Sartre, Albert Camus und anderen geprägte Existentialismus nie angesprochen hat. Als Theologe dann stand diese philosophische Richtung dann immer unter dem Verdacht, so ganz konträr zu dem zu sein, wonach ich sonst mein Leben, meine Beruf und meinen Alltag ausrichtete.

 

Dennoch bestanden all die Jahrzehnte über immer der Wunsch und das Bedürfnis, mich mit dieser Philosophie  und Lebenseinstellung einmal auseinanderzusetzen. Das vorliegende Buch der Londoner Schriftstellerin Sarah Bakewell gab mir dazu endlich die Gelegenheit. Brillant und mit leichter Feder erzählt sie in einem absolut verständlichen und köstlich unterhaltsamen Buch die Geschichte des Existentialismus völlig neu.

 

Zentrale und philosophischen Laien vielleicht bislang unverständlich gebliebene Ideen bringt sie mit viel britischem Humor auf den Punkt.

 

Dabei wählt sie in einem gelungenen Mix aus Unterhaltung und Sachbuch den Weg, dem Leser die wichtigen und den Existentialismus prägenden Menschen zunächst mit ihrer persönlichen und privaten Seite nahezubringen. Wie war ihre Lebensgeschichte? Wie gestaltete sich ihr Verhältnis untereinander?

 

Das „Cafe“ als ein Ort der gesellschaftlichen, politischen und philosophischen Auseinandersetzung gibt es so nicht mehr. Seine moderne Form der Talkshows ist ein Abklatsch und eine Verhöhnung ernsthafter intellektueller Auseinandersetzung und Lebensdeutung.

 

Insofern habe ich aus der Lektüre dieses Buches nicht nur sehr viel über das für mich vorher eher dunkle Kapitel „Existentialismus“ gelernt, sondern auch viel über unsere heutige Armut in der Debattenkultur.