Löwenväter singen nicht

 

 

 

 

Martin Baltscheit, Löwenväter singen nicht, Beltz & Gelberg 2017, ISBN 978-3-407-74759-4

 

Als die Frau des Löwen Diogenes über das Wochenende zu ihrer Schwester fährt, lässt sie ihren Gatten mit den drei Äffchen, die offenbar zu ihrer Familie gehören allein. Der Löwe hat gerade mühsam das Wort „Vater“ lesen gelernt, als die drei Äffchen seine väterlichen Fähigkeiten immer wieder auf die Probe stellen. Nachdem sie eine Zeit alleine und vor allem laut gespielt haben, weil der Löwe dazu keine Lust hat, haben sie Hunger, verweigern aber das von Diogenes angebotene Fleisch. Nachdem er ihnen Bananen gepflückt hat, wollen sie eine Gute-Nacht-Geschichte, die Diogenes im dritten Anlauf recht gut gelingt für seine Verhältnisse.

 

Doch als die drei kleinen Affen von ihm noch ein Gute-Nacht-Lied verlangen bevor sie einschlafen, da hilft auch der gute Rat anderer Tiere nicht, die sich auf das Tönemachen verstehen.

Da erinnert sich der Löwe an das, was sein Vater getan hatte, wenn jemand ängstlich gewesen war. Und der Löwe tut, „ was Löwenväter tun, wenn sich jemand fürchtet.“

 

Er singt auf Löwen-Art.

 

Ein witziges Buch zum Vorlesen und ersten Selberlesen gewidmet allen Affenvätern.

 

 

Flieg, Lela, flieg!

 

 

 

 

Günther Jakobs, Flieg, Lela, flieg. Für immer beste Freunde, Thienemann 2017, ISBN 978-3-522-45850-4

 

Es ist schon Herbst, die Bäume verlieren ihre ersten Blätter, als das Eichhörnchen Pino bei seiner Futtersuche für den Winter in einem Baum  eine Schwalbe entdeckt, deren Flügel gebrochen ist, und die deshalb nicht mit den anderen in den Süden fliegen konnte. Sie stellt sich als Lela vor, nachdem Pino ihr vom Baum heruntergeholfen hat.

 

Denn ganzen Winter über darf Lela sich bei Pino in seiner Höhle ausruhen und sie erzählen sich viele Geschichten. Im Frühjahr lernt Lela zur Freude aller anderen Waldtiere wieder fliegen und alle verbringen zusammen einen schönen Sommer.

 

Doch als die ersten Blätter fallen, muss Lela mit den anderen Schwalben fort. Pino ist den ganzen Winter über traurig und einsam und denkt sehnsüchtig an die Zeit mit Lela zurück. Doch kaum hat er die ersten Frühlingsdüfte geschnuppert, ist Lela zurück und alle Tiere feiern ein tolles Frühlingsfest.

 

Ein schönes Bilderbuchdebüt von Günther Jakobs das erzählt von Freundschaft und dem immer wieder kehrenden Wechsel der Jahreszeiten

 

 

Zeig mal, sagt die kleine Maus, was kommt bei dir denn hinten raus?

 

 

 

 

Kerstin Schoene, Susanne Weber, Zeig mal, sagt die kleine Maus, was kommt bei dir denn hinten raus, Oetinger 2017, ISBN 978ö-3-7891-0021-5

 

„Kleine Haufen macht die Maus,

hinten kommt nicht viel heraus.

Doch was machen denn die andern?

Die kleine Maus beginnt zu wandern.“

 

Und dabei trifft sie, begleitet von tollen Reimen von  Susanne Weber und witzig gezeichnet von Kerstin Schoene, anderen Tieren, die immer größer werden und mit ihnen auch das, was bei ihnen hinten raus kommt. Auf der rechten Seite jeder Doppelseite können die Kinder eine Hälfte der rechten Buchseite umklappen und sehen dann die Exkremente der Katze, des Hundes, des Hasen, des Pferdes und der Kuh.

 

Auf eine witzige Weise wird hier ein Thema behandelt das schon die Kleinsten Kinder sehr beschäftigt. Geeignet für Kinder ab 2 Jahren, die in dieser Zeit lernen, das, was bei ihnen hinten raus kommt, auf der Toilette zu entsorgen.

 

 

Bleibt der jetzt für immer ?

 

 

 

 

Lauren Child, Bleibt der jetzt für immer, Hanser 2017, ISBN 978-3-446-25297-4

 

Elmore Green ist ein geliebtes und umsorgtes Einzelkind. Er hat ein Kinderzimmer, in dem ihm alles allein gehört. Seien Eltern vergöttern ihn, sie halten ihn für das lustigste, klügste und entzückendste Wesen, das sie je gesehen haben. ( Wie die meisten Eltern übrigens).

 

Doch eines Tages ist nichts mehr wie es war.  Über Nacht ändert sich das Leben von Elmore Green grundlegend. Denn es ist ein neues Wesen in die Familie gekommen. Seien Mutter hat noch ein Kind  bekommen um das sich jetzt alles dreht.  Es schreit bei Elmore Lieblingssendungen im Fernsehen, schmeißt seine Sachen um und schleckt an seinen Jelly Beans. Und immer, wenn er sich bei Eltern beschwert, bekommt er zu hören, er solle nicht böse sein, das kleine Wesen sei ja noch so klein.

 

Auch als das Geschwisterkind größer wird, und dauernd alles zusammen mit Elmore machen will, geht es ihm auf die Nerven. Doch dann geschieht eines Nachts im gemeinsamen Kinderzimmer etwas, was ihre Beziehung grundlegend verändert.

 

Ein schönes und humorvolles Bilderbuch, das geschrieben  und illustriert ist für alle Kinder, die Geschwister bekommen oder bekommen haben und die vielleicht noch nicht erlebt haben,  wie schön das ist, ein  großer Bruder oder eine große Schwester zu sein.

Wo ist Oma?

 

 

 

 

Peter Schössow, Wo ist Oma, Hanser 2016, ISBN 978-3-446-24952-3

 

Ein großformatiges und für ein Bilderbuch ungewöhnlich umfangreiches Buch legt der vielfach ausgezeichnete Bilderbuchautor Peter Schössow hier vor.

 

In ihm erzählt der kleine Henry, wie er zusammen mit seiner kurdischen Babysitterin Gülsa, die sich schon viele Jahre zusammen mit anderen um ihn kümmert, seine Oma besuchen will, die in dem großen Krankenhaus der Stadt liegt. Kurz vor dem Eingang erhält Gülsa einen Anruf auf ihrem Handy, und irgendwann dauert es Henry zu lange, weiter zu warten.

 

Er betritt das Krankenhaus und fragt sich nach seiner Oma durch. Dabei schickt ihn Peter Schössow durch verschiedene Abteilungen und Stockwerke und lässt ihn allerhand verschiedenen Menschen begegnen, mit denen er jeweils unerschrocken ins Gespräch kommt, Patienten,  Ärzte, Krankenhauspersonal und andere Besuchern.

 

Auf dem Weg zu dem richtigen Zimmer seiner Oma, wo eine verzweifelte Gülsa schon auf ihn wartet, erlebt der kleine Henry viel Interessantes. Er begegnet unter anderem einem dementen Menschen und einem Krebskranken. Peter Schössow hat die Multikulturalität unserer Gesellschaft gut in Szene gesetzt und gibt mit seinen großformatigen doppelseitigen Bildern in grauen und grünen Tönen den das Buch betrachtenden Kindern einen ganz eigenwilligen Einblick in die Innenwelt eines Krankenhauses.

Wo die Geschichten wohnen

 

 

 

Oliver Jeffers, Sam Winston, Wo die Geschichten wohnen, Mixtvision 2016. ISBN 978-3-95854-092-7

 

Dies ist eine wunderbare, von  Sam Winston grafisch originell  und vielfältig gestaltete Liebeserklärung an die Sprache, an die Macht der Phantasie und die geheimnisvolle Welt der Bücher und der mannigfaltigen Geschichten, die sie erzählen.

 

Ein Mädchen mit Zöpfen führt die kleinen (und großen) Leser und Betrachter dieses Bilderbuchs von Oliver Jeffers auf eine Reise durch die Welt der Bücher und der Phantasie: „Ich bin ein Kind der Bücher. Ich komme aus einer Welt voller Geschichten und treibe auf meiner Fantasie“, so beginnt sie ihre sympathische Einladung. Sätze voller Poesie sagt sie, etwa: „Wir klettern über Berge aus Märchen und entdecken Schätze in der Dunkelheit“ oder „Wir schlafen in Wolken aus Musik, unser Haus ist ein Hort der Erfindung.“

 

Ein Haus ist die Welt der Literatur und der Bücher, in dem jeder willkommen ist, alle die neugierig sind auf die Welt, alle die nicht aufgehört haben zu fragen, alle, die daran glauben, dass die Macht des Wortes Berge versetzen kann.

 

Ein schönes und absolut preisverdächtiges Buch, an dem auch die vorlesenden Erwachsenen, so sie denn jenes Geheimnis der Bücher kennen und schätzen, ihre Freude haben werden.

Unser Zuhause

 

 

 

Susanne Gernhäuser, Martina Leykamm, Tiptoi. Mein Bildwörterbuch. Unser Zuhause, Ravensburger Verlag 2017, ISBN 978-3-473-55405-8

Das Lesen und interaktive Verstehen von Büchern für Kindern mit dem tip toi- Stift ist eine sensationelle Neuheit, die das Lernen für Kinder mit Büchern schon jetzt nach einigen Jahren revolutioniert hat. Einmal angeschafft, passt der Stift zu immer mehr Produkten aus dem Ravensburger Verlag, wie zum Beispiel das Buch „Mathe 2. Klasse“, mit dem Ravensburger einen lukrativen Markt betritt, denn das System ermöglicht es Kindern auch ohne Nachhilfe ihren Stoff zu bewältigen.

Tip Toi ist ein audiovisuelles Lernsystem für Bücher und Spiele, mit dem die Kinder die Welt spielerisch entdecken. Tippt das Kind mit dem Stift auf ein Bild oder einen Text oder ein entsprechendes Symbol, erklingen passende Geräusche, Sprache oder auch Musik. Eine intelligente Elektronik ermöglicht Kindern, Bücher und Spiele völlig eigenständig immer wieder neu zu erleben.

Ich kann das System nur empfehlen. Die TipToi Büchern sind etwa ein Drittel teurer als die herkömmlichen Wissensbücher bei Ravensburger, aber diese Investition in das Lernen und vor allem die Lernfreude ihres Kindes lohnt sich.

Das vorliegende Buch für Kinder zwischen drei und vier Jahren will mit zahlreichen interaktiven Lernspielen und Aufgaben auf eine spielerische Weise den Wortschatz der Kinder erweitern. Es erzählt von der Familie Hoffmann aus der Brunnenstraße und ihrem Leben und Alltag. Da ist das Kindergartenkind David und das Baby Finn, da sind die Eltern, die Großeltern und der Hund Rocky. Mit dem Stift können die Kinder das Zuhause der Hoffmanns zum Leben erwecken, Sie erweitern dabei ihren Wortschatz und verinnerlichen erste grammatische Strukturen. Spiele und Lieder vertiefen den gelernten Wortschatz.

 

Das Buch ist ideal für Tiptoi Einsteiger ab drei Jahren.

 

 

 

 

Wolfsbrot

 

 

 

 

Ulrike Möltgen, Kilian Leypold, Wolfsbrot, Kunstanstifter Verlag 2017, ISBN 978-3942795-52-4

 

Die bei Wolf Erlbruch ausgebildete Künstlerin Ulrike Möltgen hat mit beeindruckenden Bildern eine beeindruckende Geschichte illustriert, die Kilian Leypold geschrieben hat.

 

Ein Junge bricht noch vor der Morgendämmerung auf zu seinem langen Weg zur Schule. Es ist ein Tag mitten in einem bitterkalten Winter kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Mutter des Jungen hat ihm ein Wurstbrot eingepackt, obwohl kaum noch etwas zu Essen im Haus ist.  Dunkel und bedrohlich ist der Wald, den er durchqueren muss. Er fürchtet sich. Erst recht, als ein aus dem Krieg heimkehrender Soldat seinen Weg kreuzt. Er fürchtet sich vor ihm ist gleichzeitig fasziniert: „Der Mann war unheimlich, aber fesselnd.“

 

Der Junge traut seinem Mitgefühl und teilt sein Brot mit dem Mann. Sie reden noch über Wölfe, bevor er sich verabschiedet. Kaum ist der Junge weitegegangen, steht ein Wolf vor ihm. Wieder wächst er über sich hinaus und überwindet seine Angst.

 

Die beiden Autoren haben viel Gespür für kindliche Gefühlswelten und zeigen auf eine beeindruckende Weise in Wort und Bild, wie Fantasie und Realität verschwimmen, wenn man seinen eigenen Ängsten begegnet.

Die unbekannte Terroristin

 

 

 

 

Richard Flanagan, Die unbekannte Terroristin, Piper 2016, ISBN 978-3-492-05710-3

 

Nach dem mit dem Man Booker Pricer ausgezeichneten Roman „Der schmale Pfad durchs Hinterland“, der auch in Deutschland großen Erfolg hatte und von der Kritik begeistert aufgenommen wurde, legt der Piper Verlag nun einen Roman des Australiers Richard Flanagan vor, der dort schon im Jahr 2006 erschienen ist.

 

„Die unbekannte Terroristin“ ist ein Roman, der schon vor über 10 Jahren zum Thema gemacht hat, wie leicht und schnell die Angst vor dem Terrorismus und die vermeintlichen Schutzmaßnahmen davor umschlagen können in eine die Demokratie in ihren Grundfesten erschütternde Hysterie.

 

Sein mutmaßlicher Terrorist, sagt Flanagan, „musste jemand sein, der keine besondere Geschichte oder starke Überzeugungen hat. Ich wollte, dass die Menschen, die das Buch lesen, denken: Ich könnte der nächste sein. Und was würde ich tun, wenn das passiert?“

 

Dieser Vorsatz ist ihm gelungen. Wenn man die Geschichte der einfachen Nachtclub-Tänzerin  Gina Davies liest, die durch einen Zufall und eine sich anschließende Kette von Missverständnissen in den Verdacht gerät, eine Terroristin zu sein, dann hält man das für ein aktuelles Geschehen. Tatsächlich aber war die Stimmung in der australischen Gesellschaft schon vor über 10 Jahren derart aufgeheizt, dass sie den engagierten Schriftsteller Richard Flanagan zu diesem kritischen Roman inspirierte.

 

Durch Zufall lernt Gina den attraktiven Tariq kennen und verbringt eine Nacht mit ihm.  Tariq wird als islamistischer Terrorist verdächtigt, tatsächlich ist er aber ein Drogendealer. Ein Foto zeigt die beiden gemeinsam, wie sie eine Wohnung gehen. Von diesem Moment an befindet sich Gina im Fadenkreuz eines skrupellosen Journalisten namens Richard Cody, der Polizei, die nach einem Bombenfund in einem Stadion Erfolge vorweisen muss, und von Politikern, die unter einem extremen innenpolitischen Druck stehen und leichtfertig und verantwortungslos alle demokratischen Regeln außer Kraft setzen. Man fühlt sich wirklich in die diversen Ausnahmezustände in Frankreich und anderswo im letzten Jahr versetzt durch diesen fast prophetischen Roman.

 

Fassungslos liest man, wie eine einfache Frau binnen Tagen zu einem Feind wird, zu einem Spielball von Mächten, von denen sie bisher nichts wusste.  In ihr personifiziert eine Öffentlichkeit ihre Angst. Mit ihr treiben skrupellose Männer ihr eigenes Machtspiel, aufgebaut auf Lügen und Intrigen.

 

Und man fragt sich, ob Gina, genannt die Puppe, auch nur den Hauch einer Chance hat, sich aus dieser Geschichte zu befreien. Diese Frage bleibt in einem gesellschaftskritischen und überaus spannenden Roman bis kurz vor dem Ende offen.

 

Ein sehr gutes Buch, das zeigt, wie Terroristen, Medien und Politiker mit der Angst der Menschen spielen. Ein Roman, der zeigt, wie Gerüchte und falsche Informationen zu Fakten werden, mit denen Politik gemacht wird. Ein Roman, der bei seinem Erscheinen seiner Zeit 10 Jahre voraus war und dennoch in Zeiten von Trump, fakenews und sogenannten alternativen Fakten unsere Zeit beschreibt.

 

 

Ich wär so gern… dachte das Erdmännchen

 

 

 

 

Werner Holzwarth, Stefanie Jeschke, Ich wär so gern… dachte das Erdmännchen, Gerstenberg 2017, ISBN 978-3-8369-5948-3

 

Mit vielen anderen Tieren, die meisten viel größer als es selbst, lebt das Erdmännchen in einem Zoo. Sehr aufmerksam und immer auf der Hut, beobachtet es seine Zoonachbarn ganz genau. Und es kann sich gar nicht mehr beruhigen vor lauter Bewunderung für die anderen Tiere. Das sind der mächtige Löwe, der starke Bär und die lustigen Schimpansen, die andauernd Quatsch machen.

 

Wie gerne wäre das kleine Erdmännchen so wie eines von ihnen! Doch da erscheint plötzlich mitten in den Identitätsträumen des Erdmännchens ein gefährlicher dunkler Schatten. Und weil kaum ein anderes Tier so schnell reagiert auf Gefahren wie die Erdmännchen, hat es in Sekundenschnelle seine Artgenossen alarmiert und alle verschwinden in ihren Erdlöchern. Genau beobachtet wird die ganze Szene von dem Löwen, den Affen und dem Bär. Und alle denken: „Toller Kerl!“  Der Schimpanse möchte so aufpassen können, der Bär so schnell sein und dem Löwe imponiert, dass alle nach seiner Pfeife tanzen.

 

Wenn das Erdmännchen das wüsste, würde es vielleicht aufhören, die andern zu bewundern und endlich stolz sein auf sich selbst und seine Fähigkeiten.

 

Ein schönes, lustig illustriertes Bilderbuch von Werner Holzwarth, von dem auch der Klassiker „Vom Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ stammt, das ich ebenso empfehle wie sein hier vorliegendes neues Bilderbuch.