Die Kackwurstfabrik

 

 

 

Marja Basler, Annemarie van den Brink, Die Kackwurstfabrik, Klett Kinderbuch 2018, ISBN 978-3-95470-188-9

 

Aus dem Niederländischen von Meike Blatnik übersetzt, hat der Klett Kinderbuch Verlag mit „Die Kackwurstfabrik“ ein Sachbilderbuch in sein Programm genommen, das wunderbar in das bisherige, seit etlichen Jahren immer bekannter werdende Profil des Verlages passt.

 

Es ist ein Buch über den Weg der Nahrung durch unseren Körper bis zur Ausscheidung als Kackwurst. Ein Thema, das schon kleine Kinder fasziniert.

 

Zusammen mit den beiden Kindern Pim und Polly können sich die das Buch betrachtenden und lesenden Kinder ab etwa sieben Jahren auf den Weg durch jene faszinierende Kackwurstfabrik namens Körper machen.

 

Vom Kontrollraum ganz oben über das Säurebad des Magens bis hin zu der Achterbahnfahrt durch den Darm und den Enddarm geht die Reise.

 

Doch die beiden Autorinnen haben auch Spannung eingebaut. Denn die Kackwurstfabrik droht wegen Überlastung und Verstopfung zu kollabieren. Doch die beiden Kinder sind davon überzeugt, dass sie sie retten können und machen sich an die Arbeit.

 

Sehr witzig mit einer guten Rahmengeschichte, mit der sich Kinder identifizieren können, wird der menschliche Verdauungsapparat mit dem Bild einer Fabrik mit unterschiedlichen Abteilungen und Maschinen dargestellt. Viele lustige Wimmelbilder laden zum Entdecken ein und  Schaubilder und Infokästen bieten wichtige Sachinformationen.

 

Ein schönes Buch für Klugscheißer ab sieben Jahren. Auch Erwachsene können an diesem Buch ihren Spaß haben und noch einiges lernen, davon bin ich überzeugt.

Der Abgrund in dir (Hörbuch)

 

 

 

Dennis Lehane, Der Abgrund in dir (Hörbuch), Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-80395-2

 

Dennis Lehane, irischer Abstammung und 1965 in Dorchester, Massachusetts geborener Autor, zählt zu den ganz großen Krimiautoren der Gegenwart. Viele seiner Bücher sind mittlerweile verfilmt, und auch das neue hier vorliegende Buch „Der Abgrund in dir“, mit dem er erneut seine Kunst unter Beweis stellt, eignet sich hervorragend für eine Verfilmung.

Das Buch erzählt von Rachel Childs, zunächst in einer längeren Vorgeschichte. Sie berichtet davon, wie Rachel bei ihrer Mutter aufwächst. Diese hat mit Eheratgebern ein Vermögen gemacht, obwohl sie selbst kaum Erfahrung mit Beziehungen hat. Das Verhältnis zur Mutter ist schwierig, dennoch fehlt Rachel ein Vater kaum. Aber sie will wissen, wer ihr Erzeuger ist. Ihre Mutter, obwohl sie ihr versprochen hat, die Wahrheit zu sagen, schiebt das solange hinaus, bis sie bei einem Unfall ums Leben kommt.

Rachel macht sich auf die Suche nach ihrem Vater und engagiert den Privatdetektiv Brian Delacroix. Der rät ihr ab. Warum, wird sich viel später herausstellen, als Rachel nach vielen Jahren Brian wiederbegegnet und sich in ihn verliebt.

 

Doch zunächst begleitet Dennis Lehane Rachel Childs bei der Suche nach ihrem Vater und der steilen Karriere, die Rachel als Journalistin macht. Ihre Heirat mit dem ebenfalls erfolgreichen Journalisten Sebastian scheint Rachel endlich privat zur Ruhe finden zu lassen. Doch es kommt anders. Nach einem verheerenden Erdbeben wird sie nach Haiti geschickt und erlebt während einer TV-Liveschaltung aus dem Katastrophengebiet einen totalen Nervenzusammenbruch, der ihre Karriere sofort beendet. Ihre Ehe mit Sebastian wird geschieden und es geht ihr sehr schlecht. Fürchterliche Panikattacken fesseln sie tatenlos ans Haus.

 

Die verzweifelte Suche nach ihrem Vater hat sie nicht aufgegeben, als sie nach vielen Jahren wieder auf Brian trifft, sich in ihn verliebt und ihn bald heiratet. Brian gelingt es auf liebevolle Weise, über eine lange Zeit Rachel in ihrer Panik beizustehen und sie langsam an ein normales Leben heranzuführen. Da er auch beruflich erfolgreich ist, scheint er der Mann ihres Lebens zu sein. Doch bald schon beschleichen sie seltsame Gefühle des Misstrauens und bald stellt sich Stück für Stück heraus, dass Brian offenbar nicht der Mann ist, den sie glaubt geheiratet zu haben.

 

Es ist genau diese Stelle, etwa in der Mitte des Buches, als die Handlung eine Wendung nimmt. Gerade noch hatte man gedacht, Rachels Panikattacken kommen wieder ins Lot, der Kampf mit ihrer sie lähmenden Vergangenheit sei entschieden, verwandelt Lehane sein zunächst eher gemächlich daherkommendes Buch in einen echten Psychothriller, der in immer neuen Wendungen und einem hohen Tempo bis zum überraschenden Ende den Leser in Atem hält.

 

Sehr gut und durchdacht konstruiert, lässt Lehane, seine therapeutischen Erfahrungen einfließen lassend, die einzelnen Teile des Buches ineinandergreifen, was dem Leser zunächst verborgen bleibt und manchmal für eine leise Verwirrung und Verunsicherung sorgt. Es ist immer wieder Rachel und ihre Psyche das Thema, wie sie sich sozusagen selbst aus dem Elend ihrer Vergangenheit zieht.

 

„Der Abgrund in dir“ (im Original“ Since we fell“) ist ein psychologischer Thriller, der nach langsamem Beginn immer mehr Fahrt aufnimmt. Der Roman ist das Porträt einer mutigen Frau, die sich trotz aller Niederlagen in ihrem Leben nicht den Mut nehmen lässt.

 

Auf die sicher kommende Verfilmung darf man gespannt sein. Vieler seiner Szene zeigen, dass Lehane den zum Buch passenden Film beim Schreiben schon vor Augen hatte.

 

Die hier vorliegende Hörbuchfassung hat die Schauspielerin Bibiana Beglau auf eine sehr überzeugende Weise eingelesen. Sie fühlt sich insbesondere in die Hautfigur Rachel so ein, dass deutlich wird, dass ihre psychische Entwicklung, ihre Reifung und Gesundung ein zentraler Strang in Lehanes Buch ist.

 

Wer wird wohl in dem zukünftigen Film Rachels Rolle interpretieren?

 

 

 

Eine Prise Sterne

 

 

 

 

 

 

 

Carsten Sebastian Henn, Eine Prise Sterne, Pendo 2018, ISBN 978-3-86612-429-5

 

Marc Heller, die männliche Hauptperson in Carsten Sebastian Henns neuem Roman ist ein passionierter Astronom, der schon sein ganzes Leben lang von den Sternen und der Raumfahrt träumt. Nun hat er sein großes Ziel erreicht. Das Paranal-Observatorium in Chile hat ihm eine leitende Stelle angeboten.

Als er dieses Ereignis mit seinen Freunden in Köln feiert, trifft er Anne Päffgen wieder, seine Jugendliebe, die er nie wirklich vergessen hat. Anne arbeitet sehr erfolgreich als Sommeliere im Sternerestaurant „Champagne Supernova“.

 

Diese Einordnung erlaubt es dem Autor über lange Strecken des Buches nicht nur sein ausführliches Wissen über Champagner an den Mann bzw. den Leser zu bringen, sondern auch seine Kenntnisse der gehobenen Küche unter Beweis zu stellen.

 

Anne ist nicht in der Stimmung zu feiern, denn sie wurde gerade von einem Mann verlassen. Wieder einmal wurde ihre Sehnsucht nach einer Liebe für immer enttäuscht.

 

Seine wahren Gefühle, die er immer noch für Anne hegt nicht wahrnehmend, will Marc seine große Jugendliebe doch glücklich wissen und entwirft einen Plan, dessen Ziel es ist, für Anne den perfekten Mann zu finden. Es soll aussehen, als ob es Schicksal wäre, sozusagen in den Sternen stehend, denn das ist eine Sache, die Anne schon immer fasziniert hat. Anne soll nie erfahren, wer hinter diesem Plan gesteckt hat, wenn sie dereinst mit ihrem passenden Mann glücklich ist.

Marc entwirft einen Fragebogen, der zunächst wenig weiterhilft und deshalb von ihm dauernd verbessert wird.  Aufgrund reiner Logik, Gesetzmäßigkeiten und deren Schlussfolgerungen glaubt er, den für Anne optimalen Partner zu finden.

 

Mehrere Versuche scheitern. Liebe scheint doch unberechenbar zu  sein. Oder spielen die Sterne wirkliche eine Rolle?

 

„Eine Prise Sterne“ ist ein unterhaltsamer Liebesroman mit Ausflügen in die Welt der Astronomie und – bei Henn nicht ungewöhnlich- in die gehobene Küche und die Welt teurer Getränke, von denen ich noch nie gehört habe, und die sich kein Leser dieses Buches jemals wird leisten können.  Warmherzig und mit viel Humor erzählt, geht es in diesem Buch um Träume, die wirklich wahr werden.

 

 

 

 

Was zu dir gehört

 

 

 

 

 

 

 

Garth Greenwell, Was zu dir gehört, Hanser Berlin 2018, ISBN 978-3-446-25852-5

 

Ein von seinem amerikanischen Arbeitgeber für einige Zeit zur bulgarischen Filiale entsandter Mann in mittleren Jahren erzählt in diesem Buch von Garth Greenwell von seinen Erfahrungen, die er als Homosexueller in Sofia gemacht hat.

Der namenlose Erzähler ist Lehrer. Eines Tages – es ist Hebst und ungewöhnlich warm-  betritt er auf der Suche nach Sex die öffentlichen Toiletten des Kulturpalastes in Sofia. Dort trifft er auf Mitko, einen jungen Mann, der auf den Lehrer sofort einen großen Eindruck macht. Das Charisma aus Begehren und Gefahr zieht ihn unwiderstehlich an.

 

Der Amerikaner gibt Mitko Geld für seine Dienste, auch in den nächsten Wochen, als er ihn immer wieder trifft. Wahnsinnig angezogen von diesem widersprüchlichen jungen Mann, fühlt er sich zunehmend gefangen in seinem Begehren und in einer so noch nie erlebten Beziehung, in der das Bedürfnis nach Zärtlichkeit immer wieder gewalttätige Züge annimmt.

 

In vielen historischen Rückblenden lässt Garth Greenwell seinen Protagonisten sich seiner durchaus komplizierten Vergangenheit stellen. Immer wieder versucht er, sich von dem jungen Mann zu lösen, doch nicht nur das sexuelle Begehren, sondern auch Gefühle für ihn, die er bald schon hat, verhindern das. Auch seine viele Privilegien als Ausländer stehen wie eine Mauer zwischen den beiden Männern.

Garth Greenwell baut auf eine ehrliche, schonungslose und trotzdem poetische Weise eine  spannungsvolle Atmosphäre auf, in der Scham, Begehren, Lust und unterschwellige Aggression ein widersprüchliches Gemisch bilden.

 

Der namenlose Ich-Erzähler übt sich vergeblich in einer permanenten Selbstreflexion, die ihn aber nicht aus seinem Dilemma heraushelfen kann.

 

Obwohl mir selbst als heterosexueller Leser die Thematik völlig fremd blieb, kann ich den Roman würdigen, der sich mit einer alle Menschen berührenden Thematik beschäftigt: wie bin ich eigentlich zu dem geworden, der ich bin?

 

Dennoch bleibt „Was zu dir gehört“ in seiner Hoffnungslosigkeit ein sehr trauriges Buch.

 

 

 

Raubkind. Von der SS nach Deutschland verschleppt

 

 

Dorothee Schmitz-Köster, Raubkind. Von der SS nach Deutschland verschleppt, Herder 2018, ISBN 978-3-451-38380-9

 

Dies ist die Geschichte von Klaus B., der 1943 in Polen von der SS seinen Eltern weggenommen und  nach Deutschland gebracht wurde. Die Autorin Dorothee Schmitz-Köster, die seit langem Bücher zur deutschen Zeitgeschichte schreibt und sich auf die NS-Geschichte und den „Lebensborn“ spezialisiert hat, stößt im Rahmen ihrer Forschungen auf seinen Fall und nimmt mit Klaus B. Kontakt auf, der mittlerweile Mitte siebzig ist.

 

Von ihr (im weiteren Fortgang des Buches wird sie nur „die Journalistin“ genannt) erfährt er, dass er als Kind das Opfer eines Verbrechens wurde. Dass er 1943 vermutlich von der SS seiner Familie geraubt wurde. Sein Name und seine Herkunft wurden mit Hilfe des »Lebensborn« gefälscht, der ihn dann bei linientreuen deutschen Pflegeeltern unterbrachte.

 

 

Nach längerem Zögen willigt er ein, sich zusammen mit der Journalistin auf die Suche zu machen. Beide finden heraus, dass Zehntausende Kinder in Polen und anderen Teilen Osteuropas Klaus B.`s Schicksal teilen. Sie wurden von nationalsozialistischen »Rassenspezialisten« ausgewählt, ihren Familien entrissen und zur »Germanisierung« nach Deutschland verschleppt. Viele dieser „Raubkinder“ wissen bis heute nichts von ihrer Vergangenheit.

 

Mit Hilfe der Journalistin macht sich Klaus B. auf eine bewegende Suche nach seinen Wurzeln. Er findet tatsächlich seine Ursprungsfamilie, die ihn auch nach sieben Jahrzehnten nicht vergessen hat.

 

In einer gelungenen Mischung aus historischem Sachbuch und einer bewegenden und berührenden Schilderung eines persönlichen Schicksals gelingt es Dorothee Schmitz-Köster Licht in das Dunkel der Herkunft jener „Raubkinder“ zu bringen, denen eine gerichtliche Anerkennung ihres erfahrenen Unrechts bis heute verwehrt geblieben ist.

Die Geschichte von Klaus B. steht stellvertretend und exemplarisch für die Geschichte aller Raubkinder. Und dennoch hat jedes dieser Mädchen und Jungen ein ganz eigenes Schicksal.

 

 

Bäume

 

 

 

 

Piotr Socha, Wojciech Grajkowski, Bäume, Gerstenberg 2018, ISBN 978-3. 8369-5654-3

 

Der preisgekrönte polnische Illustrator hat mit seinem neuen Buch „Bäume“ ein erstaunliches Werk geschaffen, das als Sachbilderbuch nicht nur für Kinder ab der Grundschule von großem Interesse ist, sondern auch für Erwachsenen eine Fülle neuer Erkenntnisse und so zuvor nicht bewusster Zusammenhänge bietet.

 

Mit einer Vielzahl von Variationen und Perspektiven wir in diesem Buch die Vielfalt der Bäume gezeigt, ob im Regenwald, in der Savanne oder bei uns in Wirtschaftswäldern.

 

Es geht um viele biologische Details und vor allem um die vielfältige Nutzung der Bäume durch den Menschen durch die Verwendung von Holz und was man alles daraus machen kann. Auch kulturgeschichtliche Bedeutungen von Bäume (wie etwa den Bam im Paradies) kommen vor.

 

Aber vor allen Dingen wird immer wieder betont: Bäume sind für unser Ökosystem unverzichtbar. Der Geschichte  von Menschen und Bäumen wird mit diesem schönen und großen Buch ein farbenprächtiges Denkmal gesetzt.

 

 

 

Das Meer

 

 

 

Wolfram Fleischhauer, Das Meer, Droemer 2018, ISBN 978-3-426-19855-1

 

Wieder einmal gelingt es Wolfram Fleischhauer ein aktuelles brisantes Thema zu verknüpfen mit einer Handlung, die den Leser in atemlose Spannung versetzt.  Es geht in „Das Meer“ um die aktuelle Praxis der Fischerei auf den Weltmeeren, wie diese skrupellose Ausbeutung der Meere von der Politik unterstützt wird, und es geht um Menschen, die versuchen, sich dagegen mit verschiedenen Mitteln zur Wehr zu setzen.

Wolfram Fleischhauer antwortet in einem Interview auf die Frage, wie realistisch sein Roman sei:

„Ich schreibe Faction, also eine Mischung aus Fact und Fiction. Ich gehe in die Welt bzw. ins Archiv, finde meine Inspiration und bin selbstverständlich bemüht, keine sachlichen Fehler zu machen. Aber ein Roman ist kein Sachbuch. Die zentrale Frage ist nicht, ob irgendein Detail real oder plausibel erfunden ist, sondern immer nur der Werte-Konflikt zwischen den handelnden Figuren.“

 

Das Buch erzählt von der Portugiesin Teresa. Die EU in Brüssel hat sie als Fischerei-Beobachterin auf ein modernes Fischfangschiff auf hoher See entsandt. Als sie eines Tages verschwindet, kann ihr Liebhaber John, der sie einst bei der EU ausgebildet hat, nicht glauben, dass Teresas Tod ein Unfall war. Er ist davon überzeugt, dass hier die Fischereimafia ihre Hände im Spiel hat und versucht herauszufinden, was geschehen ist.

 

Zur gleichen Zeit versucht der dieser Mafia nahestehende Schweizer Lobbyist Alessandro di Melo seine Tochter Ragna zu finden. Ragna ist mit Teresa befreundet und Teil einer radikalen, auch Gewalt nicht ablehnenden Gruppe von Ökoaktivisten. Als Alessandro von diesen Aktivitäten seiner Tochter erfährt, die seine Interessen und seinen Ruf bedrohen, reist er selbst nach Südostasien, wo er seine Tochter vermutet und beauftragt zudem den nichtsahnenden Adrian mit der Suche nach ihr. Adrian arbeitet als Konferenzdolmetscher häufig für die EU und war Ragnas Jugendliebe.

 

Nun beginnt in wechselnden Blickwinkeln aus der Sicht der jeweiligen Figuren eine spannende und verzweifelte Suche von drei Männern nach zwei Frauen in Todesgefahr. Dazwischen immer wieder der Einfluss der globalen Fischereimafia, eine gleichgültige Öffentlichkeit und eine handlungsunfähige Politik.

Wolfram Fleischhauers Buch ist ein erschreckend realistisches Katastrophenszenario und erzählt zugleich von den Grenzen der Liebe und unserer Sehnsucht nach einem neuen Umgang mit der Natur. Spannend harte Kost für jeden Leser, der gerne Fisch isst.

 

 

 

 

 

Der Abgrund in dir

 

 

 

Dennis Lehane, Der Abgrund in dir, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07039-2

 

Dennis Lehane, irischer Abstammung und 1965 in Dorchester, Massachusetts geborener Autor, zählt zu den ganz großen Krimiautoren der Gegenwart. Viele seiner Bücher sind mittlerweile verfilmt, und auch das neue hier vorliegende Buch „Der Abgrund in dir“, mit dem er erneut seine Kunst unter Beweis stellt, eignet sich hervorragend für eine Verfilmung.

Das Buch erzählt von Rachel Childs, zunächst in einer längeren Vorgeschichte. Sie berichtet davon, wie Rachel bei ihrer Mutter aufwächst. Diese hat mit Eheratgebern ein Vermögen gemacht, obwohl sie selbst kaum Erfahrung mit Beziehungen hat. Das Verhältnis zur Mutter ist schwierig, dennoch fehlt Rachel ein Vater kaum. Aber sie will wissen, wer ihr Erzeuger ist. Ihre Mutter, obwohl sie ihr versprochen hat, die Wahrheit zu sagen, schiebt das solange hinaus, bis sie bei einem Unfall ums Leben kommt.

Rachel macht sich auf die Suche nach ihrem Vater und engagiert den Privatdetektiv Brian Delacroix. Der rät ihr ab. Warum, wird sich viel später herausstellen, als Rachel nach vielen Jahren Brian wiederbegegnet und sich in ihn verliebt.

 

Doch zunächst begleitet Dennis Lehane Rachel Childs bei der Suche nach ihrem Vater und der steilen Karriere, die Rachel als Journalistin macht. Ihre Heirat mit dem ebenfalls erfolgreichen Journalisten Sebastian scheint Rachel endlich privat zur Ruhe finden zu lassen. Doch es kommt anders. Nach einem verheerenden Erdbeben wird sie nach Haiti geschickt und erlebt während einer TV-Liveschaltung aus dem Katastrophengebiet einen totalen Nervenzusammenbruch, der ihre Karriere sofort beendet. Ihre Ehe mit Sebastian wird geschieden und es geht ihr sehr schlecht. Fürchterliche Panikattacken fesseln sie tatenlos ans Haus.

 

Die verzweifelte Suche nach ihrem Vater hat sie nicht aufgegeben, als sie nach vielen Jahren wieder auf Brian trifft, sich in ihn verliebt und ihn bald heiratet. Brian gelingt es auf liebevolle Weise, über eine lange Zeit Rachel in ihrer Panik beizustehen und sie langsam an ein normales Leben heranzuführen. Da er auch beruflich erfolgreich ist, scheint er der Mann ihres Lebens zu sein. Doch bald schon beschleichen sie seltsame Gefühle des Misstrauens und bald stellt sich Stück für Stück heraus, dass Brian offenbar nicht der Mann ist, den sie glaubt geheiratet zu haben.

 

Es ist genau diese Stelle, etwa in der Mitte des Buches, als die Handlung eine Wendung nimmt. Gerade noch hatte man gedacht, Rachels Panikattacken kommen wieder ins Lot, der Kampf mit ihrer sie lähmenden Vergangenheit sei entschieden, verwandelt Lehane sein zunächst eher gemächlich daherkommendes Buch in einen echten Psychothriller, der in immer neuen Wendungen und einem hohen Tempo bis zum überraschenden Ende den Leser in Atem hält.

 

Sehr gut und durchdacht konstruiert, lässt Lehane, seine therapeutischen Erfahrungen einfließen lassend, die einzelnen Teile des Buches ineinandergreifen, was dem Leser zunächst verborgen bleibt und manchmal für eine leise Verwirrung und Verunsicherung sorgt. Es ist immer wieder Rachel und ihre Psyche das Thema, wie sie sich sozusagen selbst aus dem Elend ihrer Vergangenheit zieht.

 

„Der Abgrund in dir“ (im Original“ Since we fell“) ist ein psychologischer Thriller, der nach langsamem Beginn immer mehr Fahrt aufnimmt. Der Roman ist das Porträt einer mutigen Frau, die sich trotz aller Niederlagen in ihrem Leben nicht den Mut nehmen lässt.

 

Auf die sicher kommende Verfilmung darf man gespannt sein. Vieler seiner Szene zeigen, dass Lehane den zum Buch passenden Film beim Schreiben schon vor Augen hatte.

 

 

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

 

 

 

 

 

 

Peter Stamm, Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt, S. Fischer 2018, ISBN 978-3-10-397259-7

 

Wer hat schon nicht einmal darüber nachgedacht, wie es wäre, das eigene Leben oder zumindest Phasen daraus noch einmal zu erleben? Wie wäre es, genau dasselbe noch einmal zu fühlen, zu denken, zu tun?

 

In seinem neuen Buch „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ erzählt Peter Stamm von einem Mann namens Christoph. Er ist Schriftsteller und ihm begegnet Seltsames, das ihn fast zur Verzweiflung bringt.

 

Christoph hält sich in Stockholm auf und verabredet sich dort zu einem Spaziergang mit der viel jüngeren Lena. Sie beginnen ihren langen Weg bezeichnenderweise auf einem Friedhof.  Christoph erzählt Lena, er habe vor über zwanzig Jahren eine Frau geliebt, Magdalena, die nicht nur im Aussehen, sondern auch im Wesen, ihr, Lena, gleich gewesen sei.

Nach einer dreijährigen Beziehung habe sie ihn damals vor zwanzig Jahren in Stockholm verlassen. Oder war es genau umgekehrt, weil sie nicht so ein Leben führen wollte wie er? Als Lena ihm erzählt, ihr Mann sei Schriftsteller und schreibe gerade an seinem ersten Buch, weiß Christoph schon Bescheid. Er kennt ihr Leben, und weiß genau, was ihr bevorsteht.

 

So beginnen ein langer Spaziergang und ein wahrhaftiges Spiel der Vergangenheit mit der Gegenwart. Und immer wieder stellt sich zwischen den Zeilen die Frage, ob wir Menschen unserem Schicksal entgehen können, oder müssen wir uns abfinden mit der „sanften Gleichgültigkeit der Welt“?

Peter Stamm, der große Erzähler existentieller menschlicher Erfahrung, erzählt auf kleinstem Raum eine andere Geschichte der unerklärlichen Nähe, die einen von dem trennt, der man früher war. Der Glaube an die Einmaligkeit der eigenen Biographie verschwimmt. Der Leser ist ähnlich irritiert wie der Protagonist und sieht sich existentiellen Fragen ausgesetzt. Es geht um  Liebe, Vergänglichkeit, Schmerz, Verlust, Trennung, Erzählen und Schreiben und Einsamkeit.

 

Peter Stamms novellenartiges Buch bietet ein spannendes  Verwirrspiel um die Identitäten seiner Figuren. Sehr feinfühlig, mit einer poetischen Sprache geht es mit sanfter Melancholie um die großen Sinnfragen des Lebens, ein Leben, das sich nicht wirklich fassen lässt und stetig in Frage steht.  Es vergeht zwischen Vergeblichkeit und Vorbestimmung.

 

Wunderbare Prosa vom Feinsten.

 

 

Für immer ist die längste Zeit

 

 

 

Abby Fabiaschi, Für immer ist die längste Zeit, Krüger 2018, ISBN 978-3-8105-2479-9

 

Mit dem vorliegenden Roman „Für immer ist die längste Zeit“ (im Original „I liked my life“) hat die Amerikanerin Abby Fabiaschi ein ganz erstaunliches Debüt vorgelegt. Es ist ein Buch voller Gefühle, voller Freude und Trauer, ein Roman, der den Leser zum Lachen und zum Weinen gleichzeitig bringen kann.

Madeleine ist die Stütze ihrer Familie, Hausfrau und Mutter aus Leidenschaft, perfekte Gastgeberin toller Partys und für ihre Familie und viele Freunde die Quelle vieler hilfreicher Ratschläge und Inspirationen.

Bis zu dem Tag, als sie für alle unerklärlich vom Dach der Bibliothek stürzt und ihren Ehemann Brady und ihre pubertierende Tochter Eve völlig verzweifelt und mit gebrochenem Herzen zurücklässt.  Schon in kleinen Alltagsdingen scheinen die beiden völlig überfordert und die quälende Frage nach dem Warum droht sie zu zerstören.

Warum ist Madeleine scheinbar ohne Grund aus ihrem Leben verschwunden? Und wie können sie ohne Madeleine weiter machen? Auf der Suche nach Antworten sind Brady und Eve gezwungen, sich mit beunruhigen Wahrheiten auseinanderzusetzen.

 

Madeleine ihrerseits ist noch lange nicht bereit, sich für immer zu verabschieden. Und so beginnt das Buch mit dem Satz: „Ich habe genau die richtige Frau für meinen Mann gefunden.“ Aus dem Jenseits hat sie ein Auge auf ihre Familie, auf Brady und Eve, die abwechselnd mit Madeleine jeweils ich-erzählend die Handlung vorantreiben.

 

In Rory, einer hübschen und fürsorglichen Grundschullehrerin, glaubt sie einen Ersatz für sich gefunden zu haben. Doch auch diese Frau trägt an einer schweren Last.

 

Abby Fabiaschi gelingt es hervorragend, auf ernste und dennoch humorvolle Weise zu beschreiben, wie ein Vater und eine Tochter auf unterschiedliche Weise auf das plötzliche und vollkommen unerklärliche Ableben der Ehefrau und Mutter reagieren. Die Darstellung ihrer Gefühle, ihrer Ohnmacht und Wut und ihrer tiefen Trauer, ihrer Verzweiflung und ihrer Schuldgefühle angesichts der Möglichkeit, dass der Tod von Madeleine ein selbst gewählter gewesen sein könnte, ist ihr meisterhaft gelungen. Man spürt, dass die Autorin hier auf viele eigene Erfahrungen und Erlebnisse mit Trauer und Verlust zurückgreift.

 

Dennoch ist „Für immer ist die längste Zeit“ ein kurzweiliger Roman. Eine emotionale  Geschichte, in die man sich als Leser schnell hineinversetzt, eine Geschichte, die berührt. Denn der Verlust eines geliebten Menschen ist eine Erfahrung, die viele schon gemacht haben und vor denen andere sich fürchten. Trotz allem aber ist die Geschichte nicht schwermütig erzählt, sondern immer zeigt sich wie ein roter Faden Hoffnung auf neues Leben.

 

Einen zweiten Roman dieser Autorin würde ich sofort lesen.