Dieser weite Weg (Hörbuch)

 

 

 

Isabel Allende, Dieser weite Weg (Hörbuch), der Hörverlag 2019, ISBN 978-3-8445-3592-1

 

In ihrem neuen Roman, der in seiner epischen Kraft und sprachlichen Qualität nach vielen anderen Romanen endlich wieder an den Zauber von „ Das Geisterhaus“ anschließen kann, spannt Isabel ihren erzählerischen Bogen vom spanischen Bürgerkrieg bis ins Chile Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

 

„Dieser weite Weg“ ist die Geschichte des Schicksals der Familie der Dalmaus. Seit Generationen ist diese gebildete und wohlhabende Familie in Barcelona ansässig. Das Leben dieser katalanischen Familie ändert sich schlagartig, als 1936 der Spanische Bürgerkrieg beginnt. Victor Dalmau, der gerade kurz zuvor begonnen hat, als Arzt zu praktizieren, tut in den Reihen der Republikaner als Sanitäter und Arzt Dienst an der Front. Während des Bürgerkrieges stirbt sein Vater an einem Herzinfarkt und sein Bruder Guillem findet auf dem Schlachtfeld den Tod.

 

Nachdem Franco nach seinem Militärputsch eine Diktatur errichtet, flieht Victor Dalmau aus Barcelona nach Frankreich. Bei ihm ist die talentierte Pianistin Roser Bruguera, die von seinem toten Bruder schwanger ist. Victor bringt es lange Zeit nicht über sich, Roser die Wahrheit über den Tod des Bruders zu sagen. Auf dieser Flucht verschwindet die Mutter Victors und alle, auch der schon hier gebannte Leser, glauben, sie sei tot. Die Szenen, die sich in Frankreich abspielen, die Ablehnung, die den politischen Flüchtlingen dort begegnet, erinnert in vielem an heutige Zustände: „Niemand wollte diese Ausländer haben, diese Roten, diese widerwärtigen, dreckigen Fahnenflüchtigen und Verbrecher, wie sie in der Zeitung genannt wurden, sie würden Seuchen verbreiten, stehlen und vergewaltigen und einen kommunistischen Umsturz anzetteln.“

 

An dieser Stelle baut Isabel Allende zum ersten Mal den Teil ihres Romans ein, der in Chile spielt. Sie lässt den damals noch jungen Dichter Pablo Neruda ein Schiff namens „Winnipeg“ chartern, das weit über tausend spanische Bürgerkriegsflüchtlingen nach Südamerika bringen soll. Er sorgt selbst dafür, dass auch Intellektuelle und politisch links verorte Menschen auf das Schiff dürfen, darunter Viktor Dalmau und Roser, die der als seine Frau ausgibt.

 

In Chile angekommen, holt Viktor sein Arztdiplom an der Universität Santiago nach und Roser macht Karriere als Pianistin. Über die Jahre und Jahrzehnte wird aus einer liebe- und respektvollen Vernunftehe eine große Liebe.

 

Viktor wird den noch jungen Salvador Allende kennenlernen, mit ihm regelmäßig Schach spielen, aber er kritisiert auch seine „bourgeoise Gewohnheiten, seine Maßanzüge, sein erlesener Geschmack, der sich in den Kunstgegenständen zeigte, mit denen er sich umgab.“

 

Isabel Allende erzählt mit viel Temperament, wie Victor und Roser und deren Sohn Marcel sich in Chile einen Namen schaffen und versuchen, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich in der chilenischen Klassengesellschaft zurechtzufinden. Doch der Leser ahnt schon früh, dass der Militärputsch 1973 die Familie erneut zur Flucht zwingen wird, dieses Mal nach Venezuela. Dort, so berichtet Isabel Allende, habe sie auch während ihres eigenen Exils jenen Victor Pey getroffen, der für die Romanfigur des Victor Pate stand und erst im Alter von 103 gestorben ist.

 

„Dieser weite Weg“ ist die bewegende und auf vielen historischen Tatsachen beruhende Geschichte eines Paares durch die turbulenten Zeitläufe des vergangenen Jahrhunderts.

Wie weit ist der Weg, den Menschen manchmal gehen müssen, um im Leben anzukommen? Eine Geschichte von Flucht und Neuanfang, von politischem Engagement und von Intrigen und Gewalt.

Und eine wundervolle Liebesgeschichte zweier Menschen, die sich erst langsam näher kommen, nachdem sie vorher schon unendlich viel miteinander erlebt und bewältigt haben.

 

Mit diesem neuen Roman hat Isabel Allende nach etlichen eher durchschnittlichen Romanen zu ihrer alten Qualität zurückgefunden. Weil besonders die Teile, die nach der historisch belegten Überfahrt der „Winnipeg“ in Lateinamerika spielen, von vielen autobiographischen Erfahrungen geprägt, besonders authentisch und leidenschaftlich erzählt sind.

 

Ein Roman, den man als auch historisch und politisch interessierter Leser nicht aus der Hand legen möchte und der von Menschen erzählt, die trotz Flucht und Verfolgung niemals die Hoffnung aufgeben, dass das Leben einen Sinn hat und die Liebe sie weiter trägt, als sie es für möglich hielten.

 

In der hier vorliegenden gekürzten Lesung  aus dem Hörverlag gelingt es Wiebke Puls ganz hervorragend, die Geschichte von Victor, Roser und anderen als eine persönliche Tragödie in Szene zu setzen, eine Tragödie, in der es geht um Vertreibung, Flucht, Exil und die Unmöglichkeit, an einem Ort dauerhaft anzukommen.

 

Die Interpretation der Hauptfiguren ist überzeugend und der leidenschaftliche Sprachstill Allendes findet in der Stimme von Wiebke Puls einen engagierten Widerhall.

 

Ein gelungenes Hörbuch, das trotz seiner notwendigen, aber gelungenen Kürzungen dem Buch ebenbürtig ist.

 

 

 

Geblendet (Hörbuch)

 

 

 

Andreas Pflüger, Geblendet (Hörbuch), Random House Audio 2019, ISBN 978-3-8371-4393-5

 

Mit dem vorliegenden dritten Band der Thrillerreihe um die blinde Elitepolizistin Jenny Aaron  schließt Andreas Pflüger seine Trilogie ab. Viele Fragen blieben nach dem zweiten Band offen, die nun geklärt und zu einem vorläufigen (?) Abschluss gebracht werden.

 

Dazu führt er zu Beginn der wieder absolut spannenden und auch sprachlich mitreißenden Handlung eine neue Figur ein. Zunächst weiß man bei der Geschichte des 12-jährigen Mädchens und ihres Vaters, die im Prolog erzählt wird, nicht, um wen es sich handelt, aber sie wird später einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte bekommen, die der von Jenny Aaron wie ein Spiegelbild ähnelt und ihr auf eine beeindruckende Weise helfen wird, endlich zu sich selbst zu kommen.

 

Zunächst hält sie sich in den USA auf bei einem spirituellen Lehrer fernöstlicher Kampf- und Meditationstechniken. Von dort kehrt sie nach Berlin zurück, um sich einer lange verschobenen speziellen Therapie zu unterziehen, die ihr das Augenlicht zurückbringen soll.

 

Diese Therapie bei Dr. Reimers aber bringt Jenny schnell an ihre Grenzen. Trugbilder verstören zunehmend ihre Wahrnehmung, die regelrecht verrücktspielt. Was noch schlimmer ist: mit zunehmendem Sehen entwickeln sich ihre überscharfen anderen Sinne zurück auf das normale Maß.

 

Mitten in diese vom Autor lang und ausführlich geschilderte prekäre persönliche Situation ereilt Jenny Aaron eine Bitte der Abteilung, wie ihre Eliteeinheit genannt wird. Die Abteilung unter der Leitung von Demirci hat die Möglichkeit, den Mann im Hintergrund zur Strecke zu bringen, jene dunkle Gestalt, die für den Tod so manches ehemaligen Mitglieds der Abteilung verantwortlich ist. Dafür brauchen sie Jennys schnelle Hilfe.

 

Und nun entspannt sich ein Kampf zwischen diesen beiden Mächten und das am Anfang beschriebene, mittlerweile erwachsen gewordene Mädchen spielt eine entscheidende Rolle auf der anderen, feindlichen Seite.

 

Zu diesem Kampf, der die Abteilung fast auszulöschen droht, kommt für Jenny noch ein dramatischer innerer Kampf dazu. Wieder mit zahlreichen Rückblicken in Jennys früheres Leben versehen (dennoch sollte man die beiden ersten Bände gelesen haben, um in diesen dritten, die Reihe abschließenden wirklich hinein zu kommen), schildert Pflüger in einem aus den anderen Büchern bekannten Wechsel zwischen Action und Reflexion, auch spiritueller Reflexion, den Kampf der Abteilung gegen ihre Feinde, die auch im deutschen Geheimdienstsystem sich befinden und befanden und den tapferen Kampf Jennys mit sich selbst. Die zu Anfang des Buches beschriebene Person wird dabei eine wichtige Rolle spielen und  sie auf eine völlig überraschende Art und Weise retten.

 

Am Ende sagt sie sich, dass nichts, was sie in den letzten Jahren erlebt hat, vergebens war. Und sie hätte gar nicht früher erkennen können, was sie jetzt weiß und wo sie nun angekommen ist: „dass es ihr nicht bestimmt war, wieder zu sehen, sondern wieder zu lieben.“

 

Vielleicht hängt mein durchgängiger Eindruck beim Lesen, dass der abschließende Band schwächer ist als die beiden ersten, auch damit zusammen. Dass nämlich die Geschichte von Jenny Aaron an ein Ende kommt, ein offenes Ende zwar, aber wohl ein endgültiges.

 

Was wird sie als Liebende in Zukunft mit all ihren Fähigkeiten anfangen? Wie wird sie leben, was wird sie tun und für wen?  Wird sie ihre Vergangenheit je wieder einholen?

 

Ob Andreas Pflüger dem Reiz widerstehen kann,  sie in einer neuen Reihe noch einmal in anderer Konstellation ins literarische Leben zu rufen?

 

Ein auch literarisch sehr gelungenes Buch, dessen hier anzuzeigende ungekürzte Hörbuchfassung so gut von Nina Kunzendorf  eingelesen ist, dass man es vor spannendem Kitzel kaum aushält. Insbesondere die inneren Kämpfe von Jenny Aaron hat sie sehr einfühlsam interpretiert.

 

 

 

 

 

Neil Armstrong. Der erste Mensch auf dem Mond

 

 

 

Katrin Hahnemann, Neil Armstrong. Der erste Mensch auf dem Mond, arsedition 2019, ISBN 978-.3-8458-3434-4

 

Fünfzig Jahre ist es jetzt her, dass mit Neil Armstrong mit 39 Jahren als erster Mensch den Mond betrat und so zu einer lebenden Legende wurde, bis er 2012 nach einer Herzoperation starb.

 

Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie ich am 20. Juli 1969 mitten in der Nacht zusammen mit meinem Vater vor dem neu angeschafften  schwarz-weiß Fernseher atemlos diese Mondlandung beobachtet habe.

 

Das vorliegende reich bebilderte und mit Illustrationen von Uwe Mayer versehene Sachbuch für Kinder ab etwa 8 Jahren erzählt, wie es dazu kam, dass Neil Armstrong an diesem Tag seine berühmten Worte sprach: „Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen – ein großer Sprung für die Menschheit.“

 

Katrin Hahnemann beschreibt lebendig und kindgerecht das Leben von Neil Armstrong, seinen frühen Traum vom Fliegen und seinen Weg als Student und Soldat bis hin zu seiner Berufung als Astronaut.

 

Spannend erzählt, können die Kinder und Jugendlichen in diesem empfehlenswerten Sachbuch nachvollziehen, wie aus einem stillen, flugzeugbegeisterten Jungen der Mann geworden ist, den die NASA auswählte, um als Erster einen fremden Himmelskörper zu betreten?

 

Auch die mit vielen Problemen, Schwierigkeiten und Rückschlägen behaftete Geschichte vor der schließlich mit Apollo 11 gelungenen ersten Mondlandung wird ausführlich beschrieben. Der Wettlauf mit der Sowjetunion und die hohe Bedeutung, die diese Mission in den USA hatte.

 

Auch Neil Armstrongs persönliches Erleben dieser Mission kommt ausführlich zur Sprache und wie er später damit umging, wegen dieser einen Tat für alle Zeiten berühmt zu sein?

 

Für alle kleinen und großen Fans von Weltraum und Raumfahrt liefert das Buch detaillierte Informationen über Raumschiffe, das Leben der Astronauten und die Reise zu fremden Planeten.

 

Ein gut gemachtes und spannend erzähltes Buch.

 

 

 

 

 

 

 

 

Geblendet

 

 

Andreas Pflüger, Geblendet, Suhrkamp 2019, ISBN 978-3-518-42895-5

 

Mit dem vorliegenden dritten Band der Thrillerreihe um die blinde Elitepolizistin Jenny Aaron  schließt Andreas Pflüger seine Trilogie ab. Viele Fragen blieben nach dem zweiten Band offen, die nun geklärt und zu einem vorläufigen (?) Abschluss gebracht werden.

 

Dazu führt er zu Beginn der wieder absolut spannenden und auch sprachlich mitreißenden Handlung eine neue Figur ein. Zunächst weiß man bei der Geschichte des 12-jährigen Mädchens und ihres Vaters, die im Prolog erzählt wird, nicht, um wen es sich handelt, aber sie wird später einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte bekommen, die der von Jenny Aaron wie ein Spiegelbild ähnelt und ihr auf eine beeindruckende Weise helfen wird, endlich zu sich selbst zu kommen.

 

Zunächst hält sie sich in den USA auf bei einem spirituellen Lehrer fernöstlicher Kampf- und Meditationstechniken. Von dort kehrt sie nach Berlin zurück, um sich einer lange verschobenen speziellen Therapie zu unterziehen, die ihr das Augenlicht zurückbringen soll.

 

Diese Therapie bei Dr. Reimers aber bringt Jenny schnell an ihre Grenzen. Trugbilder verstören zunehmend ihre Wahrnehmung, die regelrecht verrücktspielt. Was noch schlimmer ist: mit zunehmendem Sehen entwickeln sich ihre überscharfen anderen Sinne zurück auf das normale Maß.

 

Mitten in diese vom Autor lang und ausführlich geschilderte prekäre persönliche Situation ereilt Jenny Aaron eine Bitte der Abteilung, wie ihre Eliteeinheit genannt wird. Die Abteilung unter der Leitung von Demirci hat die Möglichkeit, den Mann im Hintergrund zur Strecke zu bringen, jene dunkle Gestalt, die für den Tod so manches ehemaligen Mitglieds der Abteilung verantwortlich ist. Dafür brauchen sie Jennys schnelle Hilfe.

 

Und nun entspannt sich ein Kampf zwischen diesen beiden Mächten und das am Anfang beschriebene, mittlerweile erwachsen gewordene Mädchen spielt eine entscheidende Rolle auf der anderen, feindlichen Seite.

 

Zu diesem Kampf, der die Abteilung fast auszulöschen droht, kommt für Jenny noch ein dramatischer innerer Kampf dazu. Wieder mit zahlreichen Rückblicken in Jennys früheres Leben versehen (dennoch sollte man die beiden ersten Bände gelesen haben, um in diesen dritten, die Reihe abschließenden wirklich hinein zu kommen), schildert Pflüger in einem aus den anderen Büchern bekannten Wechsel zwischen Action und Reflexion, auch spiritueller Reflexion, den Kampf der Abteilung gegen ihre Feinde, die auch im deutschen Geheimdienstsystem sich befinden und befanden und den tapferen Kampf Jennys mit sich selbst. Die zu Anfang des Buches beschriebene Person wird dabei eine wichtige Rolle spielen und  sie auf eine völlig überraschende Art und Weise retten.

 

Am Ende sagt sie sich, dass nichts, was sie in den letzten Jahren erlebt hat, vergebens war. Und sie hätte gar nicht früher erkennen können, was sie jetzt weiß und wo sie nun angekommen ist: „dass es ihr nicht bestimmt war, wieder zu sehen, sondern wieder zu lieben.“

 

Vielleicht hängt mein durchgängiger Eindruck beim Lesen, dass der abschließende Band schwächer ist als die beiden ersten, auch damit zusammen. Dass nämlich die Geschichte von Jenny Aaron an ein Ende kommt, ein offenes Ende zwar, aber wohl ein endgültiges.

 

Was wird sie als Liebende in Zukunft mit all ihren Fähigkeiten anfangen? Wie wird sie leben, was wird sie tun und für wen?  Wird sie ihre Vergangenheit je wieder einholen?

 

Ob Andreas Pflüger dem Reiz widerstehen kann,  sie in einer neuen Reihe noch einmal in anderer Konstellation ins literarische Leben zu rufen?

 

 

 

Alles richtig gemacht

 

 

 

 

Gregor Sander, Alles richtig gemacht, Penguin 2019, ISBN 978-3-328-60667-3

 

Gregor Sanders hier vorliegender mittlerweile dritter Roman ist eine funkelnde Geschichte über die frühen und die späten Jahre des wiedervereinten Deutschlands am Beispiel einer Freundschaft zweier Männer.

 

Thomas, der die Geschichte als Ich-Erzähler erzählt kommt genau wie Daniel aus Rostock. Als die DDR zusammenbricht, brechen sie gemeinsam auf nach Berlin. Sie probieren dies und das. Ihr Leben ist unbeschwert und kommt ihnen vor wie eine einzige Party.

 

Doch irgendwann ist Daniel weg. Spurlos verschwunden. Thomas studiert Jura, gründet eine Familie und ist bald schon Partner in einer eigenen Rechtsanwaltspraxis.

 

Als das Buch beginnt, ist Thomas 50 Jahre alt. Er ist auch als Rechtsanwalt mittlerweile ziemlich bürgerlich geworden und hat Mandanten, die er früher sofort abgelehnt hätte. Er ist ziemlich durch den Wind, denn seine Frau hat ihn verlassen und seine beiden Töchter mitgenommen.

 

Als in dieser Phase seines Lebens sein alter Freund Daniel wieder auftaucht, fragt sich Thomas sehr schnell, ob dieser etwa mit dem Auszug seiner Frau zu tun hat. Offenbar ist Daniel mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

 

Hier an dieser Stelle setzen zahlreiche Rückblicke in die Zeit vor dem Fall der DDR ein, in die Kindheit und Jugend der beiden Freunde. Thomas erzählt von ihrer gemeinsamen Zeit in Berlin und so manchem Abenteuer auch abseits der Regeln und Gesetze.

Über die ganze, am Ende des unterhaltssamen Buches doch sehr überraschend Handlung über gelingt es Gregor Sander, das Lebensgefühl einer jungen Generation nach der Wende einzufangen. Aber auch die Schilderung der Verbürgerlichung von Thomas Existenz und Leben und des Absturzes von Daniel als zwei sich entgegenstehenden Lebensentwürfen ist ihm hervorragend gelungen.

 

Wer hat in seinem Leben was richtig gemacht? Das fragt sich am Ende auch ein von dem Buch angenehm unterhaltener Rezensent.  Denn die Frage „Wer waren wir, wer sind wir geworden?“ sind nicht nur die des Autors und seiner Hauptfiguren. Jeder Mensch über 50 stellt sie sich irgendwann einmal. Der Roman tut dies auf eine witzige, ehrliche, stellenweise bestürzende aber immer sehr liebevolle Weise.

 

 

Dieser weite Weg

 

 

 

Isabel Allende, Dieser weite Weg, Suhrkamp 2019, ISBN 978-3-518-42880-1

 

In ihrem neuen Roman, der in seiner epischen Kraft und sprachlichen Qualität nach vielen anderen Romanen endlich wieder an den Zauber von „ Das Geisterhaus“ anschließen kann, spannt Isabel ihren erzählerischen Bogen vom spanischen Bürgerkrieg bis ins Chile Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

 

„Dieser weite Weg“ ist die Geschichte des Schicksals der Familie der Dalmaus. Seit Generationen ist diese gebildete und wohlhabende Familie in Barcelona ansässig. Das Leben dieser katalanischen Familie ändert sich schlagartig, als 1936 der Spanische Bürgerkrieg beginnt. Victor Dalmau, der gerade kurz zuvor begonnen hat, als Arzt zu praktizieren, tut in den Reihen der Republikaner als Sanitäter und Arzt Dienst an der Front. Während des Bürgerkrieges stirbt sein Vater an einem Herzinfarkt und sein Bruder Guillem findet auf dem Schlachtfeld den Tod.

 

Nachdem Franco nach seinem Militärputsch eine Diktatur errichtet, flieht Victor Dalmau aus Barcelona nach Frankreich. Bei ihm ist die talentierte Pianistin Roser Bruguera, die von seinem toten Bruder schwanger ist. Victor bringt es lange Zeit nicht über sich, Roser die Wahrheit über den Tod des Bruders zu sagen. Auf dieser Flucht verschwindet die Mutter Victors und alle, auch der schon hier gebannte Leser, glauben, sie sei tot. Die Szenen, die sich in Frankreich abspielen, die Ablehnung, die den politischen Flüchtlingen dort begegnet, erinnert in vielem an heutige Zustände: „Niemand wollte diese Ausländer haben, diese Roten, diese widerwärtigen, dreckigen Fahnenflüchtigen und Verbrecher, wie sie in der Zeitung genannt wurden, sie würden Seuchen verbreiten, stehlen und vergewaltigen und einen kommunistischen Umsturz anzetteln.“

 

An dieser Stelle baut Isabel Allende zum ersten Mal den Teil ihres Romans ein, der in Chile spielt. Sie lässt den damals noch jungen Dichter Pablo Neruda ein Schiff namens „Winnipeg“ chartern, das weit über tausend spanische Bürgerkriegsflüchtlingen nach Südamerika bringen soll. Er sorgt selbst dafür, dass auch Intellektuelle und politisch links verorte Menschen auf das Schiff dürfen, darunter Viktor Dalmau und Roser, die der als seine Frau ausgibt.

 

In Chile angekommen, holt Viktor sein Arztdiplom an der Universität Santiago nach und Roser macht Karriere als Pianistin. Über die Jahre und Jahrzehnte wird aus einer liebe- und respektvollen Vernunftehe eine große Liebe.

 

Viktor wird den noch jungen Salvador Allende kennenlernen, mit ihm regelmäßig Schach spielen, aber er kritisiert auch seine „bourgeoise Gewohnheiten, seine Maßanzüge, sein erlesener Geschmack, der sich in den Kunstgegenständen zeigte, mit denen er sich umgab.“

 

Isabel Allende erzählt mit viel Temperament, wie Victor und Roser und deren Sohn Marcel sich in Chile einen Namen schaffen und versuchen, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich in der chilenischen Klassengesellschaft zurechtzufinden. Doch der Leser ahnt schon früh, dass der Militärputsch 1973 die Familie erneut zur Flucht zwingen wird, dieses Mal nach Venezuela. Dort, so berichtet Isabel Allende, habe sie auch während ihres eigenen Exils jenen Victor Pey getroffen, der für die Romanfigur des Victor Pate stand und erst im Alter von 103 gestorben ist.

 

„Dieser weite Weg“ ist die bewegende und auf vielen historischen Tatsachen beruhende Geschichte eines Paares durch die turbulenten Zeitläufe des vergangenen Jahrhunderts.

Wie weit ist der Weg, den Menschen manchmal gehen müssen, um im Leben anzukommen? Eine Geschichte von Flucht und Neuanfang, von politischem Engagement und von Intrigen und Gewalt.

Und eine wundervolle Liebesgeschichte zweier Menschen, die sich erst langsam näher kommen, nachdem sie vorher schon unendlich viel miteinander erlebt und bewältigt haben.

 

Mit diesem neuen Roman hat Isabel Allende nach etlichen eher durchschnittlichen Romanen zu ihrer alten Qualität zurückgefunden. Weil besonders die Teile, die nach der historisch belegten Überfahrt der „Winnipeg“ in Lateinamerika spielen, von vielen autobiographischen Erfahrungen geprägt, besonders authentisch und leidenschaftlich erzählt sind.

 

Ein Roman, den man als auch historisch und politisch interessierter Leser nicht aus der Hand legen möchte und der von Menschen erzählt, die trotz Flucht und Verfolgung niemals die Hoffnung aufgeben, dass das Leben einen Sinn hat und die Liebe sie weiter trägt, als sie es für möglich hielten.

 

 

Die Untermieterin

 

 

 

Wioletta Greg, Die Untermieterin, C.H. Beck 2019, ISBN 978-3-40674085-5

 

Wiolka heißt die junge Ich-Erzählerin im neuen Roman der seit 2006 in England lebenden polnischen Schriftstellerin Wioletta Greg. Ich vermute deshalb, dass in die Gestalt und die Erlebnisse ihrer Protagonistin etliche eigene Erfahrungen eingeflossen sind. Als Wiolka noch in ihrem Heimatdorf Hektary wohnte, bevor sie zum Studium wegging, hat sie Herrn Kamil getroffen, einen zehn Jahre älteren Ethnologen, der von Wiolkas Großvater zunächst gegen dessen  heftige Vorbehalte und Widerstände über polnische Folklore informiert wurde und sie eifrig aufschrieb.

 

Wiolka hat sich während der Aufenthalte von Herrn Kamil in ihrem Dorf heftig in ihn verliebt. Auch deswegen wählt sie als Ort für ihr Studium Tschenstochau, denn Herr Kamil wohnt dort.

 

Im Studentenwohnheim ist kein Platz mehr frei, deshalb kommt sie zunächst im barackenartige Arbeiterhotel „Wega“ unter. Dort fühlt sie sich nicht sehr wohl und verstrickt sich sehr schnell, was ihren fluchtartigen Auszug zur Folge hat.

Nachdem Wiolka auf der Straße der Oberin der Ordensgemeinschaft der Schwestern vom Herzen Jesu begegnet ist, kann sie im Haus der Schwestern einziehen. Es stellt sich im Laufe des Buches heraus, dass die aus der NS-Zeit noch traumatisierte demente Oberin Wiolka mit ihrer Tochter verwechselt, die von den Nazis getötet wurde.

 

Als Wiolka dann eines Tages unverhofft am Klostertor auf Herrn Kamil, den sie vorher erfolglos gesucht hat in der Stadt, scheint sie an ihrem Ziel angekommen. Doch ob diese Beziehung eine Zukunft hat bleibt offen, genauso wie Wiolkas Zukunft. Während die viele Rückblicke Wiolkas in ihre Kindheit in Hektary und die Kriegsepisoden, die von dem Schicksal der Oberin und ihrer Tochter berichten, sehr stimmig erzählt sind, fällt der Roman in seiner Gegenwartsebene doch sprachlich etwas aus dem positiven Rahmen.

 

Dennoch ist „Die Untermieterin“ ein lustiges Lesevergnügen. Vielleicht macht ein weiterer Roman die in Deutschland bisher wenig bekannte Schriftstellerin noch bekannter.

 

 

Schuldig. Vom Scheitern und Wiederaufstehen

 

 

 

Thomas Middelhoff, Schuldig. Vom Scheitern und Wiederaufstehen, Adeo 2019, ISBN 978-3-86334-240-1

 

Er war der große Top-Manager Deutschlands, der Autor des vorliegenden Buches, Thomas Middelhoff. Zunächst führte er als Chef den Medienkonzern Bertelsmann, später war er Vorstandsvorsitzender der Karstadt Mutter Arcandor.  Mit fürstlichen Gehältern führte er ein Leben in großem Luxus.

 

Doch ihm waren der Erfolg und das viele Geld offenbar nicht genug. 2014 wurde er wegen Untreue angeklagt und nach dem Urteilsspruch zu einer dreijährigen Haftstrafe noch im Gerichtssaal medienwirksam abgeführt.

 

Sein Ruf, sein Vermögen und sehr bald auch seine Gesundheit – alles war verloren. Doch nach langem Hadern mit seinem Schicksal und der inneren Weigerung sein Scheitern und seine Fehler einzusehen, lernte er im Laufe der Haft, insbesondere bei seiner Arbeit mit behinderten Menschen in den von Bodelschwingschen Anstalten in Bethel sein eigenes Handeln zu reflektieren. Auch die Rückkehr zu seinem im Luxus und in im Glamour und der Verführung der Macht verloren gegangen Glauben halfen hm im Laufe der Jahre, die bittere Erfahrung des Scheiterns und der auf sich geladenen Schuld als eine Chance zu inneren Veränderung zu begreifen.

 

 

Er berichtet ehrlich und schonungslos, ohne weitere Entschuldigungen zu suchen, wie er lernte seine Schuld zu akzeptieren, Stolz, Gier und Machthunger loszulassen und über die bitteren Jahre der Haft zu seinem inneren Frieden zu finden.

 

Thomas Middelhoff hat nach der Zäsur in seinem Leben, die er sicher gerne vermieden hätte, aber schlussendlich akzeptiert hat als neue Chance, zu einem einfachen, aber intellektuell reicheren Leben gefunden. „Das Leben ist heute voller Gottvertrauen und ohne Ängste. Ich bin heute bescheidener, aber glücklicher… Meien Reputaion ist dahin, aber die Menschen begegnen mir in der Öffentlichkeit offen und respektvoll.“

 

Zunächst war ich skeptisch ob einer solchen Lebensbeichte, vermutete alte Hybris in neuem Büßergewand. Aber man nimmt ihm nach dem Lesen seine Läuterung ab. Vielleicht kann es Menschen, die an anderen Formen von alter Schuld leiden, ermutigen, ähnlich offen vor sich selbst damit umzugehen.

 

Was ich nicht verstanden habe: warum hat Thomas Middelhoff auf dem Coverbild die Augen geschlossen? Das passt irgendwie nicht zum Inhalt.

 

 

 

 

 

Heilige Hallen. Die geheime Fahrzeugesammlung von Mercedes-Benz

 

 

 

Christof Vieweg, Heilige Hallen. Die geheime Fahrzeugesammlung von Mercedes-Benz, Delius Klasing 2019, ISBN 978-3-667-11666-6

 

Zwölf Hallen sind es, deren Standorte streng geheim gehalten werden, in denen Mercedes-Benz seine Modelle für nachfolgende Generationen aufbewahrt. Man nennt sie im Konzern die „Heiligen Hallen“.

 

Diese Sammlung wurde schon Anfang des 20. Jahrhunderts begonnen und umfasst mittlerweile mehr als 1000 Autos. Besondere, selten Autos sind dabei, aber auch Prototypen, die nie in die Produktion gingen.

 

Für diesen Bildband hat Christof Vieweg exklusiv die Erlaubnis erhalten, einige dieser seltenen Fahrzeuge zu fotografieren und die Geschichte zu schrieben, die mit ihnen verbunden ist.

 

Vieweg hat 50 Modelle ausgewählt und präsentiert sie in großformatigen Studioaufnahmen.

 

Der Band ist ein einzigartiges Highlight für jeden Autoliebhaber, speziell wenn er auf Autos mit dem Stern steht. Es eignet sich sehr gut als Geschenk für die bald bevorstehenden Festtage.

Leuchttürme. Wegweiser der Meere

 

 

 

Roman Beljajew, Leuchttürme. Wegweiser der Meere, Gerstenberg 2019, ISBN 978-3-8369-6017-5

 

Es gibt sie in allen Farben und Formen, klein, groß, aus Stein oder Holz, an Land oder mitten auf dem Ozean. Majestätisch wachen sie über das Meer und führen Seefahrer schon seit Tausenden von Jahren sicher in den Hafen und an gefährlichen Klippen vorbei. Die Rede ist von Leuchttürmen überall an den Küsten dieser Welt.

 

Das vorliegende Sachbilderbuch für wissbegierige Kinder ab etwa 8 Jahren erklärt mit vielen Abbildungen, wie Leuchttürme funktionieren und gibt einen lehrreichen und reich illustrierten Überblick über die Geschichte der Leuchttürme von den ersten Leuchtfeuern der Römer, über den legendären Leuchtturm von Alexandria bis hin zu den modernen und automatisierten  Leuchttürme etwa in der Bretagne, in Russland oder in den USA.

 

Die einzelnen Kapitel sind mit Fragen überschrieben, denen dann nachgegangen wird. Beispiel: „Wie weit sieht man das Lichtsignal?“

 

„Leuchttürme“ , das zuerst 2017 in Russland erschienen und von Thomas Weiler ins Deutsche übersetzt wurde ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie man ein technisches Bauwerk, seine Geschichte und seine Funktionsweise so kindgerecht erklären und beschrieben kann, dass die Lektüre und das Betrachten wirklich Freude macht, und nicht nur Wissen vermittelt.

 

  1. Es ist das allererste Buch für Kinder aus dem Russischen, das ich je besprochen habe.