König sein

 

 

Mario Ramos, König sein, Picus 2017, ISBN85452-199-0

 

Dieses Bilderbuch ist ein Lehrstück über die Macht, vers6tändlich für Kinder aufbereitet, aber auch für die vorlesenden Erwachsenen zum tiefen Nachdenken anregend angesichts der gegenwärtigen Weltlage und der Ängste, die sie in Eltern hervorruft, wenn sie an die Zukunft ihrer Kinder denken.

 

Leo ist der König der Tiere. Unbestritten von allen. Aber seit Neuestem erlässt er Gesetze, so wie es ihm  gerade passt. Er will sogar den Vögeln das Fliegen verbieten. Dennoch wächst der kleine Gilli zu einem neugierigen und mutigen Vogel heran, der als Einziger die Freiheit des Fliegens kennenlernen darf. Eine Sache versteht er aber gar nicht: Wieso gehorchen die Tiere dem Löwen, nur weil er eine goldene Krone auf dem Kopf trägt? Er stellt die Fragen, die sich die anderen schon längst abgewöhnt haben, seit sie sich der Herrschaft des Löwen ohne Gegenwehr unterworfen haben. Und er handelt.

Er fliegt zum König und stibitzt ihm die Krone vom Kopf. Aber wer soll sie von nun an tragen? Und was wird die Krone aus ihm machen?

 

Mario Ramos inszeniert eine typische Herrscherbiografie, die von Macht korrumpiert wird. Durch den Wechsel der Herrscherfiguren nimmt er aber die Schuldfrage vom Löwen weg, das Problem wird die Macht an sich, die denjenigen korrumpiert, der mit ihr ausgezeichnet wurde. Keine moralische Botschaft wird hier in den Mittelpunkt gestellt, sondern zum Nachdenken angeregt, was die Macht mit ihrem Inhaber macht, wie sie korrumpiert und die Persönlichkeit verändert.

 

Ein mit Buntstift und Pinsel farbmächtig gezeichnetes Bilderbuch mit viel Tiefsinn.

 

 

Die Geschichte des verlorenen Kindes (Hörbuch)

 

 

Elena Ferrante, Die Geschichte des verlorenen Kindes (Hörbuch), der Hörverlag 2018, ISBN 978-3-8445-2584-7

 

Der lange von einer immer größeren Fangemeinde erwartete Abschluss einer literarisch einzigartigen Tetralogie einer sich immer noch erfolgreich in der Anonymität haltenden italienischen Autorin liegt nun vor und ich nehme an, zehntausende von Lesern haben in den letzten Tagen so wie der Rezensent kaum etwas anderes getan, als die letzten 600 Seiten dieses monumentalen Werkes über eine absolut ungewöhnliche lebenslange Frauenfreundschaft zu verschlingen und zu erfahren, wie sich das im ersten Band als Grund für dieses Werk genannte plötzliche Verschwinden von Lila im Alter von 66 Jahren erklärt.

 

Zunächst blendet Elena Ferrante zurück in die Zeit Mitte der siebziger Jahre, als Elena, eine mittlerweile auch in anderen Ländern bekannte Schriftstellerin jeglichen Kontakt zu ihrer lebenslangen Freundin Lila vermeidet. Doch 1979 zieht sie, offiziell um authentischer schreiben zu können, wieder in den Rione in Neapel zurück und die alte Nähe zu Lila wird neu belebt. Die ist mittlerweile zusammen mit ihrem Partner eine erfolgreiche Unternehmerin geworden. Beide Freundinnen erfolgreich und reif geworden – das hätte normalerweise die Grundlage sein können für eine Abkehr von der jahrzehntealten Konkurrenz, die sie beide pflegen bis hin zur Grenze der Selbstzerstörung.

 

Mir ist gerade in diesem letzten vierten Band, der das Verhältnis der beiden Frauen und ihr jeweiliges unruhiges Leben von Mitte der siebziger Jahre bis hin zu ihrem Alter und Lilas mysteriösem Verschwinden beschreibt, nachdem sie unter ähnlich ungeklärten Umständen lange Zeit vorher ihre Tochter verlor (beide Freundinnen waren etwa zeitgleich von den Männern, die sie am meisten liebten, mit denen sie aber kein Glück finden konnten, schwanger geworden – Grund und Ursache für erneute Konkurrenz und permanente Vergleiche), nicht wirklich klar geworden, von wem diese lebenslange Feindschaft und Missgunst innerhalb einer stellenweise idealen Freundschaft tatsächlich ursächlich ausgegangen ist.

 

Die im vorliegenden abschließenden Band mehr als in den drei vorherigen sehr selbstkritische Einsicht und Lebensbilanz der ich-erzählenden Elena lässt vermuten, dass ihr eigener Anteil daran nicht gering zu schätzen ist.  War man in den ersten Bänden noch relativ sicher, dass es sich bei den vier Romanen um so etwas wie eine Autobiographie handelt, halte ich es mittlerweile für denkbar, das Elena Ferrante, ihr Bekanntes und von ihr in Neapel und anderswo Erlebtes integrierend, die Handlung und die Personen der Tetralogie erfunden hat.

 

So oder so, die „Neapolitanische Saga“, wie sie nach dem ersten Band schon genannt wurde, ist eine der besten und literarisch beeindruckendsten Romanserien, die ich jemals gelesen habe. Ob das große Geheimnis um Lila gelüftet wird, soll hier an dieser Stelle offen bleiben. Bleiben Sie gespannt, auch auf ihr im Sommer 2018 erscheinendes Buch „Frantumiglia: Mein geschriebenes Leben“.

 

Der vollständigen Lesung mit einer Gesamtlaufzeit von über 17 Stunden, die die Schauspielerin Eva Mattes für den Hörverlag eingespielt hat, gelingt es hervorragend, das in Dickens`scher Dichte beschriebene Neapel und Italien des ausgehenden 20. Jahrhunderts lebendig zu machen sowie einer unvergleichlichen Freundschaft mit ihrer Stimme Charakter zu verleihen.

Eva Mattes macht das Buch zu einem wahren Hörerlebnis.

 

Wenn ich mal groß bin, werde ich…

 

 

 

David Ryski, Wenn  ich mal groß bin, werde ich…, Kleine Gestalten 2017, ISBN 978-3-89955-798-5

 

Schon 2016 hat der englische Künstler Dawid Ryski in seinem ebenfalls bei Kleine Gestalten verlegten Bilderbuch „Alle Tiere“ seine kleinen Leser mit ausdruckstarken und farbenfrohen Bildern gefangen genommen.

 

Nun, ein Jahr später, veröffentlicht der Verlag sein nächstes Bilderbuch, in dem er sich mit den Träumen kleiner Jungen und Mädchen befasst, was sie später einmal werden wollen. Sören Mahs hat zu den jeweiligen Bildern, die etwa 80 % der Seite  einnehmen, einen in eine schöne persönliche Kurzgeschichte gefassten Text geschrieben.

 

Wissen Sie noch, welche Berufsträume Sie hatten, als Sie ein kleines Kind waren? Mit welchen beschäftigt sich ihr Kind oder Enkel gerade?

 

Neben den gängigen und viele Generationen überdauernden Wünschen wie Feuerwehrmann oder Astronaut gibt es in diesem Buch auch die vom Schlagzeuger in der Punk Rock Band, vom Journalisten oder Designer und noch viele andere spannende Berufe zu entdecken.

 

Auf Kinder und Erwachsene unterhaltsame Weise begeistert dieses Bilderbuch seine  Leser mit ganz neue Ideen für ihre Tagträume.

 

 

 

 

 

Das kleine Lumpenkasperle

 

 

 

Michael Ende, Das kleine Lumpenkasperle, Thiemann 2018, ISBN 978-3-522-45882-5

 

Im Jahr 1996 zuerst erschienen, legt der Thienemann Verlag Michael Endes kleines Buch vom „Lumpenkasperle“ mit wunderbaren Illustrationen von Roswitha Quadflieg wieder auf und bringt es so neuen Generationen nahe, die von Michael Ende vielleicht nur „Momo“ oder „Die unendliche Geschichte“ als Film kennen.

In knappen Worten erzählt Michael Ende die Geschichte eines aus Lumpen zusammengenähten Kuscheltieres.

Das einzige im Leben, was das kleine Lumpenkasperle wirklich ernst nimmt, ist sein Beruf. Und sein Beruf ist das Spaßmachen – er macht dem kleinen Büblein Spaß, dem es gehört. Aber eines Tages sieht das Büblein viele neue Spielzeuge im Schaufenster eines Geschäftes. Da mag es sein kleines Lumpenkasperle auf einmal nicht mehr und wirft es aus dem Fenster. Doch mit der Zeit – ohne das Lumpenkasperle – wird das Büblein traurig und trauriger. Es kann ja nicht wissen, dass sein Lumpenkasperle ihn ganz gewiss nicht vergisst. Schließlich ist es der Beruf vom Lumpenkasperle, eben diesem Büblein Spaß zu machen. Und so kehrt er nach vielen Abenteuern mit Unterstützung der Großmutter bald wieder zu seinem Eigentümer zurück. Und der ist glücklich.

 

Ein poetisches Bilderbuch, das Kinder motivieren kann, ihr jeweiliges Kuscheltier aufzuheben, auch wenn sie irgendwann nicht mehr mit ihm spielen. Es wird sie ihr Leben lang an ihre Kindheit erinnern.

 

 

 

 

 

Die Küste. Lebensraum zwischen Land und Meer

 

 

 

 

Bruno P. Cremer, Fritz Gosselck, Die Küste. Lebensraum zwischen Land und Meer, Theiss  2018, ISBN 978-3-8062-3553-1

 

Die Orte, wo Land und Meer direkt aufeinandertreffen, sind nicht nur für die Menschen, die dort geboren wurden oder dort leben, sondern auch für alle, die jemals an einem solchen Ort waren, Orte der Sehnsucht und der Transzendenz. Sie sind ein Symbol für den Übergang einer Dimension in die andere und haben die Gedanken und Geschichten vieler Völker aller Generationen überall auf der Welt fasziniert und beschäftigt.

 

An dieser Grenzlinie haben sich einige der schönsten und faszinierendsten Naturräume der Erde herausgebildet. Neben einer einzigartigen Flora und Fauna entstehen im Wechselspiel von Wind und Wellen, von Wasser und Land sich stetig verändernde Landschaften.

Obwohl sie nur einen schmalen Saum am Rande der Kontinente bilden, gehören unsere Küsten zu den spannendsten und dynamischsten Gebieten auf der Welt. Ob feinsandiger Strand oder felsiges Kliff, von den Gezeiten geprägtes Watt oder windgepeitschte Dünen: Alle Küsten bieten eine atemberaubende Natur zum Entdecken, Erfahren und Erleben.

 

Die beiden Autoren dieses faszinierenden Buches, das sich auf die Beschreibung der Küsten von Nord- und Ostsee und den speziellen Lebensräumen des Wattenmeeres befasst,  sind ausgewiesen Fachleute.

Dr. Bruno P. Kremer studierte Biologie, Chemie und Geologie und lehrte an der Universität zu Köln, Fritz Gosselck studierte Biologie und spezialisierte sich auf Meeresbiologie. Mit diesem Buch haben sie einen großartigen Mix geschaffen.

 

Sie nehmen ihre Leser mit auf Dünenwanderungen, auf steile Klippen und lüften das Geheimnis der Gezeiten. Sie beschreiben die Tier- und Pflanzenwelt in diesem besonderen und einzigartigen Ökotop zwischen Land und Meer.

 

Sie beantworten viele Fragen, die sich der Leser und Küstenliebhaber vielleicht schon oft gestellt hat. Wie entstand die Ostsee? Wie kommt es zu Wellen?

 

Viele Farbfotos laden zunächst einmal ein zum Blättern und Träumen. Bevor man sich mit den verständlichen und ausführlichen Texten befasst. Und dann vielleicht seinen nächsten Urlaub an der Küste plant. Ort der Sehnsucht.

 

 

Alles was fährt

 

 

 

Richard Scarry, Alles was fährt, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-01228-6

 

Dieses wunderschöne Bilderbuch ist ein  Klassiker, der in vielen Ländern erschienen ist und nun dankenswerterweise von Diogenes in Zürich wieder aufgelegt wird.

 

1974 zum ersten Mal in New York in den USA veröffentlicht, legt der Diogenes Verlag in Zürich dieses Bilderbuch neu auf. Auf verschiedenen Themenseiten können die Kinder mit Tierfiguren nachvollziehen, was es  alles für verschiedene Fahrzeuge zu sehen und zu erleben gibt. Das Buch erscheint zeitgleich mit einem anderen Klassiker von Richard Scarry, einem Wörterbuch in dem unzählige Dinge und Sachen zweisprachig in Englisch und Deutsch benannt sind.

 

Insbesondere für Kinder, die zweisprachig mit Deutsch und Englisch aufwachsen ist das Buch geeignet. Aber auch für die anderen schadet es sicher nicht, schon vor der Grundschule manche Dinge auch mit einen englischen Wort benennen zu können.

 

Ich hoffe, dass Diogenes noch viele der über 300 Bücher (sie wurden oft in Zeichentrickserien umgesetzt) des 1994 verstorbenen Richard Scarry wieder auflegt.

 

Mit diesen beiden Bilderbüchern jedenfalls werden Ihre Kleinen einen großen Spaß haben. Man kann sich wie in einem Wimmelbuch stundenlang damit beschäftigen.

 

Die Kinder können in dem schönen Buch die Familie Schwein auf ihrem Weg an den Strand begleiten, wo sie ein Picknick machen wollen. Auf diesem Weg begegnen ihnen allerlei Fahrzeuge – aber auch ein fünfsitziges Bleistiftauto und ein Ameisenbus, ein Bananenmobil und ein Gewürzgurkengefährt.

Sie sehen natürlich alle so aus, wie sie vor über 60 Jahren aussahen, aber das gibt dem Buch heute einen ganz besonderen Charme.

 

 

Ganz anders könnten wir leben

 

 

 

Margot Käßmann, Ganz anders könnten wir leben, Bene ! Verlag 2018, ISBN 978-3-963400-02-5

 

Dieses erste Buch des neuen Verlags bene! In der Droemer Gruppe ist das Ergebnis des sehr persönlich geprägten Nachdenkens von Margot Käßmann über eines ihrer größten  Vorbilder.

„Warum Martin Luther King mein großes Vorbild ist“ – darüber gibt die bekannte evangelische Theologin in biographischen Erinnerungen und mit vielen Originaltextstellen von Martin Luther King Auskunft.

 

Es ist, wie sie selbst schreibt, eine Art Selbstvergewisserung angesichts einer Welt, in der nach mutigen Aufbrüchen und leidenschaftlichen Hoffnungen nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 gerade auch unter den Christen in aller Welt, sich in den letzten Jahren Hass und Gewalt quasi flächendeckend wieder einen Raum geschaffen haben, den damals niemand für möglich gehalten hat. Andersdenkende werden schnell mundtot gemacht, in einzelnen Ländern auch ermordet.

 

Wie kann man als aufrechter Christ oder Christin in diesen dunklen Zeiten an der Hoffnung auf Frieden festhalten, ohne zu resignieren? Wie kann man die Vision von einer anderen Welt lebendig erhalten, ohne in Skepsis und Zweifel zu verfallen?

 

Die Erinnerung an Martin Luther King und seine Lebenspraxis lässt Margot Käßmann Mut schöpfen, den sie mit diesem kleinen Büchlein an ihrer Leserinnen und Leser weitergibt.

 

Wer mehr von dieser beeindruckenden der christlichen Theologin erfahren möchte und ihrem Friedensengagement, der sei hingewiesen auf die gerade auch im bene Verlag erschienene Biografie von Uwe Birnstein „Margot Kaßmann, Folge dem, was dein  Herz dir rät“.

 

 

Im Gefängnis. Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern

 

 

 

Thomas Engelhardt, Monika Osberghaus, Im Gefängnis. Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern, Klett Kinderbuch 2018, ISBN 978-3-95470-186-5

 

Der Verlag minedition hat in diesem Frühjahr ein Bilderbuch des Franzosen Emmanuel Bourdier veröffentlicht mit dem Titel „Haselnusstage“, das die Geschichte eines Jungen erzählt, dessen Vater schon seit Jahren im Gefängnis sitzt und der jeden Mittwoch zusammen mit seiner Mutter den Vater dort besucht.So wie das Buch beginnt, endet es:

„Eine Stunde.
Eine Stunde mit ihm. Um mich in sein Lachen zu kuscheln,
seinen Haselnussduft zu atmen,
ihm beim Muskelaufpumpen und Ohrenwackeln zuzuschauen,
von ihm ‚mein Sohn‘ genannt zu werden und den Hals
nach draußen zu den Wolken zu recken. Nur eine mickrige Stunde.“

Düstere, farblose und tief traurigen Bilder zeigen das Schicksal eines Jungen, der in der Schule  schlecht ist und von den anderen Kindern gemieden und gemobbt wird.

„Haselnusstage“ ist ein Wagnis. Ein mutiges, weil so tief trauriges und hoffnungsloses Bilderbuch, das den Blick öffnen und schärfen will für die Kinder, die schon zu Beginn ihres Lebens auf der Verliererseite sind, und dort wohl auch bleiben werden.

 

 

Das hier vorliegende Buch widmet sich demselben Thema, tut das aber ausführlicher und wie ich finde, deshalb auch hoffnungsvoller als „Hasennusstage“. Thomas Engelhardt und Monika Osberghaus erzählen in ihrem Buch „Im Gefängnis“ die Geschichte der achtjährigen Sina. Ihr Papa muss für zwei Jahre ins Gefängnis. Er hat etwas Schlimmes getan und muss nun dafür geradestehen. Die kleine Sina versteht das alles nicht. Sie hat keine Ahnung von dem Ort, an ihr Vater jetzt lebt.

 

Für Kinder wie Sina haben die beiden Autoirren dieses Buch verfasst, aber auch für alle anderen Kinder. Denn das Gefängnis ist ein Ort, von dem schon kleine Kinder wissen, dass es ihn gibt, den aber kaum jemand kennt, auch nicht die vorlesenden Erwachsenen. Ein schlimmer, aber auch ein interessanter Ort.

 

Vom ersten Tag seiner Gefängniszeit an können die Leser Sinas Papa dort begleiten. Sie erfahren alles über den Alltag hinter Gittern: Was es dort zu essen gibt, wer dort lebt und arbeitet, die eine Zelle aussieht, welche Sondersprache es dort gibt und vieles mehr. Und: wie es ist, wenn man wieder rauskommt in die Freiheit.

 

Ein hervorragend illustriertes Sachbuch für Kinder, das ebenso wie „Haselnusstage“ einen Preis verdient hat.

 

 

Leinsee (Hörbuch)

 

 

 

Anne Reinecke, Leinsee (Hörbuch), Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-80390-7

 

Der hier anzuzeigende Debütroman der 1978 geborenen und mit ihrer Familien in Berlin lebenden  Schriftstellerin Anne Reinecke ist ein wirkliches literarisches Ereignis, das schon vor einem Erscheinen mit einem Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin ausgezeichnet wurde.

 

Wegen seines künstlerischen Reichtums, seiner poetischen Sprache und seiner menschlichen Tiefe werden sicher noch weitere Auszeichnungen dazu kommen, vielleicht eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2018.

Die Hauptperson des bewegenden Romans ist Karl, der zu Beginn der Handlung 26 Jahre alt ist. Er ist der Sohn von August und Anna Stiegenhauer, die seit langem als die die deutsche Kunstszene dominierenden Künstler nicht nur in ihrem Heimatland gefeiert werden.

 

In dieser total symbiotischen Beziehung war von Anfang an kein Platz für ein Kind. Karl ist vor etwa zwei Jahrzehnten mit der Begründung, ihm die bestmögliche Erziehung zukommen zu lassen, in ein Internat gekommen und dort aufgewachsen. Dort hat er auch einen neuen Nachnamen angenommen.  Unter diesem Namen ist er seit einigen Jahren als Künstler in Berlin erfolgreich und total angesagt.

 

Als Karl, der seit seinem Abitur vor sieben Jahren nicht mehr zu Hause bei seinen Eltern war, die Nachricht vom Tod seines Vaters erhält, wird sich sein Leben, wie sich herausstellen wird, ab diesem Augenblick total verändern. Der Vater hatte sich selbst getötet, weil er die Vorstellung, ohne seine im Sterben liegende Frau leben zu müssen nicht ertragen konnte.

 

Er fährt nach Leinsee, jenen Ort, an dem seine Eltern wohnen. Er muss dort die Beerdigung des Vaters organisieren und sich um die sterbende Mutter kümmern. Die jedoch erholt sich nach einer Operation auf geien auch für die Ärzte überraschend Weise von ihrer Krankheit und Karl kommt ihr so nahe, wie er es sein ganzes Leben nicht erlebt hat. Allerdings verwechselt seine Mutter ihn konsequent mit ihrem Mann.

 

Während seine Freundin Mara in Berlin ihn immer heftiger drängt, nach der Beerdigung des Vaters, schnell nach Berlin zurückzukehren, auch weil wichtige Kunsttermine auf ihn warten. Denn Karl hat sich zwar mit einem eigenen, sich von dem der Eltern scharf abhebenden Stil nicht nur in Berlin einen Namen gemacht und die Händler reißen ihm seine Werke geradezu aus den Händen.  Doch er weiß, dass er von dem Lebensstil von Vater und Mutter geprägt ist, der nicht nur in deren Arbeiten eingeflossen ist, sondern auch Fundament für seine eigene Karriere als Künstler bildet, indem er sich deutlich von ihm abhebt.

 

Nun in Leinseesieht er sich in einer für ihn ungewohnten Lage, die seine gewohnte Ordnung durcheinanderwirbelt. Da ist zum einen der persönliche Assistent seiner Eltern, der genau zu wissen scheint, was mit dem Werk der Stiegenhauers zu geschehen hat, den Karl aber abblitzen lässt.

 

Und da ist etwa achtjähriges Mädchen, das eines Tages im Garten des Hauses am Leinsee, das der Vater ihm vermacht und das er, so wird sich herausstellen,  in den folgenden Jahren zurückgezogen als Atelier und bescheidenen Wohnraum nutzten wird, auf einem Baum sitzt. Zu diesem Mädchen entwickelt Karl bald schon eine besondere Beziehung. Tanja, so heißt sie, wohnt offenbar in der Nachbarschaft und kommt, wahrscheinlich ohne Wissen ihrer Eltern, immer wieder in den Garten Karls. Mit ihrer kindlichen Unbekümmertheit und ihrem fröhlichen Wesen lockt sie Karl zurück in ein Leben voller ungeahntere Leichtigkeit, das er völlig umkrempelt und, obwohl nach wie vor mit seinem Werken sehr erfolgreich, sich von dem Druck des Kunstmarktes löst. Tanja bringt Karls Kreativität zu völlig neuen Höhepunkten, genauso wie er ihren zum Leuchten verhilft. In der Freundschaft mit Tanja, die sich über zehn Jahre über das ganze Buch hinzieht, begegnet ihm seine eigene Kindheit und Jugend und er macht Frieden mit seiner Vergangenheit.

Ihre Präsenz, Ihr Wesen und was sie in ihm auslöst, ist auch der Hauptgrund für seine Entscheidung, in Leinsee zu bleiben.

 

Anne Reinecke hat jedes Kapitel ihres spannenden und berührenden Buches mit einer Farbe überschrieben, die durch ein Adjektiv nähe qualifiziert wird. Die so entstehende Farbpalette kann man als Metapher sehen für Karls vielfältigen und sich auch im Laufe der Handlung verändernden Gefühlen sehen.

 

„Leinsee“ ist ein Roman über einen Menschen, der sich aus einer großen Traurigkeit befreit, und dem es gelingt, mit seiner Vergangenheit sich auszusöhnen und sogar zwischen ihr und seiner Gegenwart ein Band zu spannen. Ein Roman, der erzählt von einer ungewöhnlichen Eltern-Kind –Beziehung und von einer zarten, sich langsam entwickelnden Liebe.

 

Ich bin begeistert von diesem Debüt, das der Lektor von Diogenes mit viel literarischem Gespür aus der Vielzahl der eingesandten Manuskripte  zielsicher ausgewählt hat. Glückwunsch an den Verlag und Hochachtung vor der Autorin, die uns hoffentlich bald schon mit einem Nachfolgeroman beschenkt.

 

Der ungekürzten Lesung von Franz Dinda kann man anhören, mit welcher Begeisterung und Bewunderung er selbst das Buch zunächst gelesen und dann auch eingelesen hat. Seine feinfühlige Interpretation wird diesen sensationellen literarischen Debüt voll gerecht.

 

 

 

 

 

Kommst du raus spielen?

 

 

Rob Hodgson, Kommst du raus spielen, arsedition 2018, ISBN 978-3-8458-2295-2

 

In der Höhle sitzt ein kleines Tier.  Niemals traut es sich, seine Höhle zu verlassen. Vor der Höhle sitzt der böse Wolf und wartet Tag und Nacht, dass das kleine Tier endlich aus seiner Höhle kommt. Es will nicht mit dem Wolf spielen, es will nicht der Freund des Wolfes sein und es findet auch nicht, dass es in der Höhle langweilig ist. Aber der Wolf bleibt weiter vor der Höhle. Dann hat er die Idee. Er bietet einen leckeren Donat an und schon klappt es. Das Tier kommt heraus und ist gar nicht so klein wie man vielleicht dachte.
Man ahnt, dass der Wolf nicht nur Freundschaft sucht, sondern das kleine Wesen in seinem Magen landen soll. Er ist listenreich und gibt nicht auf, er will das Wesen aus der Höhle locken. Aber er hat wohl nicht damit gerechnet, wer dort wohnt und sieht sich dann jemandem gegenüber, der größer und stärker ist.

 

Eine unterhaltsame Geschichte, die zeigt wie aus natürlicher Feindschaft eine dicke Freundschaft werden kann.