Die Universität

 

Andreas Maier, Die Universität, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42785-9

 

Mit dem vorliegenden sechsten Band seines autobiographischen Romanprojekts „Ortsumgehung“ hat der in Friedberg in der Wetteraus geborene und aufgewachsene Schriftsteller Andreas Maier nicht nur schon über die Hälfte des auf angeblich elf Bände angelegten Werkes vollendet, sondern in dem Roman „Die Universität“ verfestigt sich auch eine schon in „der Kreis“ angelegte Wende in seiner Entwicklung, die Geburt eines Künstlers und einer Idee von der Welt und seiner Aufgabe in ihr.

 

Inspiriert von Thomas Bernhard, über den er auch promovierte, entwickelte Andreas Maier schon in den Bänden „Das Zimmer“, „Das Haus“, „Die Straße“, „Der Ort“  und „Der Kreis“ seit 2010 von Buch zu Buch das autobiographische Erzählen als Kunstform und erweiterte sukzessive sein Beobachtungsspektrum. Quasi wie in konzentrischen Kreisen erzählt er immer wieder von seiner Kindheit und Jugend und setzt mit jedem Buch immer wieder neu an, bezieht sich auf Bekanntes, fügt Neues hinzu und begleitet als erwachsener Intellektueller mit großem Einfühlungsvermögen sich selbst als Kind und Jugendlicher auf dem Weg in die Welt und ins künstlerische, ästhetische und politische Bewusstsein.

 

In der Zwischenzeit ist Andreas Maier an der Universität in Frankfurt. Wir schreiben die Jahre 1988-1989. Noch immer trägt er seine Liebe zur Buchhändlertochter aus Friedberg in sich, auf deren Spuren er sich in seiner Heimat bei kurzen Besuchen zu Hause bewegt.

 

Doch hauptsächlich erzählt er in knappen Kapiteln und Miniaturen von seinem Leben als Student, von seinen Beobachtungen in Seminaren des berühmten Karl-Otto Apel über Wahrheitstheorie und dessen unendlichen Exkursen. Ende der 80 er Jahre gab es noch keine festgelegten Bachelorstudiengänge, sondern das Studium war relativ frei, bewegte sich zwischen Besuchen der Unikneipe Dr. Flotte und verzweifelten Versuchen, eine Orientierung für das eigene Leben zu finden. Andreas Maier treibt die Orientierungslosigkeit bald schon zu einem Arzt. Die Schilderung von dessen Anamnese ist ebenso köstlich zu lesen wie Maiers Beobachtung und Reflexionen über Kommilitonen in Apels stickigem Seminar.

Als er auf der Suche nach einem Zimmer in einer ziemlich heruntergekommenen Dachbude glaubt in einem auf dem Boden liegenden Erotikmagazin eine ehemalige Freundin zu sehen, geraten im Gegenwart und Vergangenheit ziemlich durcheinander.

 

Etwas mehr Klarheit verschafft ihm ein Studentenjob bei einer Art Pflegebörse, wo er als Neuling zuerst zu einer besonders schwierigen Patientin geschickt wird. EWs stellt sich heraus, dass er die Ehefrau des schon 1969 verstorbenen Philosophen Theodor Adorno, Gretel Adorno versorgen muss. Er lässt sich von ihr zerkratzen und beschimpfen, aber eigentlich versteht er sich mit ihr besser als mit seiner ganzen Umwelt.

 

Zusammen mit seinen Kollegen, mit denen er im Schichtdienst Gretel Adorno versorgt, erfüllt er ihr eine schon Jahre gehegten Wunsch: sie möchte noch einmal an ihrem Platz im legendäre Cafe Laumer in der Bockenheimer Straße sitzen, wo sie in den Sechzigern mit ihrem Mann oft anzutreffen war.

Die Universität ist ein Roman über die Möglichkeit, überhaupt von so etwas wie „Ich“ oder „Person“ zu sprechen. Vergleiche hierzu Maiers Frankfurter Poetikvorlesungen, die 2006 bei Suhrkamp erschienen sind.  Es ist jener Zustand Anfang zwanzig, in dem wir zwar noch im Rollenspiel der Jugend verhaftet sind, zugleich aber längst begriffen haben, dass es irgendwo anders hingehen muss.

Andreas Maier ist mit diesem sechsten Roman seiner Reihe eine leise Geschichte über jemanden gelungen, der seinen Platz in der Welt finden will, ohne sich selbst zu verlieren.

 

In einer Anmerkung auf Seite 86 schreibt Maier: „Nach wie vor bin ich dann für ein paar Augenblicke neben mich gesetzt, wie wenn meine jetzige Bad Nauheimer Gegenwart im Jahre 2009 und das Zimmer meines Onkels, in dem ich das hier schrieb, durchscheinend werden und dahinter ein anderes früheres Bild herandrängt.“

 

Schon in „Der Kreis“ hatte mich eine Bemerkung vermuten  lassen, dass die Bände von „Ortsumgehung“ längst fertig sind. „Die Universität“ jedenfalls wurde 2009 geschrieben und erst 9 Jahre später veröffentlicht. Was auch immer der Grund dafür ist – offensichtlich hat der mittlerweile in Hamburg lebende Andreas Maier schon seit Längerem Zeit für ein ganz neues Projekt. Auf das bin ich sehr gespannt.

 

Andreas Maiers Zyklus ist ein beeindruckendes Erinnerungsprojekt und bis jetzt ein wertvolles literarisches Zeugnis dessen, was Kindheit und Erwachsenwerden bedeuten können.

 

 

Die Arroganz der Macht. Hochmut kommt vor dem Fall

 

 

Rüdiger Voigt, Die Arroganz der Macht. Hochmut kommt vor dem Fall, Tectum 2018,ISBN 978-3-8288-4077-5

 

Das Verhältnis zwischen den Politikern und den Bürgern, die diese gewählt haben (oder auch nicht, immer mehr bleiben frustiert zu Hause) hat sich verändert. Es ist schwer zu sagen, wann dieser noch nicht zu seinem Ende gekommene Prozess begann, aber dass er an allen Ecken und Enden spürbar ist, ist eine schmerzhafte Erkenntnis für alle, die die Demokratie für die beste Form halten, wie Menschen in einem staatlichen Gemeinwesen zusammenleben.

 

Der Staat wird nicht nur autoritärer, sondern er bestimmt in zunehmenden Maße immer mehr zuvor absolut private Bereiche seiner Bürger. Trump, Ungarn, Polen auf der einen Seite, und auf der anderen Seite ein wachsender Unmut, wachsende Entfremdung vom Politischen und eine grobe Ablehnung der Eliten und der repräsentativen Demokratie, nicht nur bei Anhängern der AfD.

 

Das vorliegende Buch , eine Sammlung von Vorträgen und Aufsätzen ist ein gelungener Versuch, sich angesichts einer immer unübersichtlicheren politischen Lage mit dem begrifflichen Instrumentarium der politischen Theorie Klarheit zu verschaffen, um als Konsequenz daraus für eine Revitalisierung der Demokratie durch Bürgerengagement zu plädieren.

 

Es  wird deutlich, dass die Arroganz der Herrschenden auch in einer Demokratie immer wieder durchbrechen kann und dass viele zu beobachtende Krisenphänomene nicht nur auf die heutige Zeit beschränkt sind. Die Binsenweisheit, dass Hochmut vor dem Fall kommt, kann dabei auch als Aufforderung zu einer Wiederaneignung der Demokratie verstanden werden.

 

 

 

 

So viel mehr als Sternenstaub

 

 

Rainer Oberthür, Marieke ten Berge, So viel mehr als Sternenstaub, Gabriel 2018, ISBN 978-3-522-30499-3

 

Rainer Oberthürs Leidenschaft ist es, Kindern unterschiedlicher Altersstufen die großen Fragen des Lebens nahezubringen und dabei immer das Angebot des christlichen Glaubens und der biblischen Traditionen ins Spiel zu bringen.

In diesem neuen von Marieke ten Berge ansprechend illustrierten Bilderbuch für Kinder ab 5-6Jahren geht es um die Einzigartigkeit jedes Menschen, die auch gilt, wenn er sich deutlich macht, dass er im Bezug auf das unendliche Weltall nur ein Stabkörnchen darstellt. Wenn wir uns selbst und unsere Welt anschauen, so lehrt Oberthür die Kinder, dann kommen wir doch aus dem Staunen nicht mehr heraus und eine Frage löst die andere ab: woher kommt unsere Welt? Warum bin ich hier? Gibt es Gott wirklich und ist er Himmel? Und wo bitte ist das?

 

In kurzen, sehr poetischen Texten, die mit den schönen Bildern von Marieke ten Berge wunderbar harmonieren, erzählt Rainer Oberthür, immer sehr persönlich gefasst, von Gottes Liebe zu den Menschen, davon, wie man mit ihm sprechen kann und wie man sich bei Gott geborgen fühlen kann, auch wenn die Angst und die Zweifel einen quälen und ,man es schwer hat im Leben oder in der Schule.

 

Kinder, denen man dieses Buch vorliest oder die, wenn sie schon etwas älter sind, sich selbst mit ihm beschäftigen, erfahren auf eine sehr sensible Weise, was Gott mit ihrem Leben und ihrem Alltag zu tun hat.

 

Kindgerecht philosophierend findet Oberthür Antworten nach dem Warum und nach dem Mehr und auch nach dem, was über unsere Welt und unseren Verstand hinausgeht. Auch wenn  klar wird, dass wir es niemals ganz werden ergründen können, kommt das Buch zusammenmit den Kindern dem Geheimnis Gottes ein Stückchen näher.

 

Rainer Oberthürs Bücher sind für Kinder geschrieben. Aber auch Jugendliche und Erwachsene können von diesen Texten noch viel lernen für ihren Glauben und vor allen Dingen für ihre Zweifel und Fragen.

 

 

Revanche. Der zehnte Fall für Bruno, Chef de police

 

 

Martin Walker, Revanche. Der zehnte Fall für Bruno, Chef de police, Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-07025-5

 

In seinen bisherigen Büchern mit dem sympathischen Bruno Courreges, dem Chef de Police in dem kleinen Städtchen St. Denis im Perigord ist es dem Engländer Martin Walker jedes Mal sehr gut gelungen, ein aktuelles Thema in einem konkreten Kriminalfall zu verbinden mit sehr aufschlussreichen Rückblicken in die dunklen Kapitel der französischen Geschichte.

 

Auch im zehnten Band einer Reihe, die an Unterhaltungsqualität nicht nachlässt, lässt Martin Walker seinen Bruno nicht nur wieder einer Menge Menschen begegnen ( man muss sich wirklich konzentrieren beim Lesen, dass man mit den vielen Namen nicht durcheinander kommt), sondern erfreut den Leser mit einer Menge an historischen Informationen, die er erneut hervorragend recherchiert hat. Dieses Mal gehen die Zusammenhänge zum einen weit zurück in die Zeit des Mittelalters und dem legendären Schatz der Templer und ihn direktem Zusammenhang damit geht es um ein geheimnisvolles Dokument mit möglichen und erheblichen Auswirkungen auf den Nahostkonflikt um die Frage, wem Jerusalem historisch gehört.

 

Als auf der alten Burg Commarque in der Nähe von St. Denis  eine Frau von einer Mauer zu Tode stürzt, nachdem dort eine seltsame Inschrift hinterlassen wurde. Es stellt sich heraus, dass diese Archäologin zusammen mit anderen auf der Suche nach einem höchst explosiven historischen Dokument war, das die politisch höchst aktuelle Frage um Jerusalem völlig neu stellen würde.

 

Schon ganz am Anfang der Ermittlungen stellt sich eine schöne, attrakrti8be Frau bei Bruno vor, die für das Justizministerium in Paris arbeitet und bei Bruno zwei Wochen lang sozusagen eine Art Praktikum machen soll. Im Verlaufe des Buches wird sie nicht nur den in digitaler Hinsicht eher unbedarften Bruno in die Tricks der digitalen Welt einführen, sondern damit auch wesentlich zur Aufklärung beitragen. Auch ein israelischer Agent namens Jacov wird neben dem aus den anderen Büchern schon bekannten Brigadier vom französischen Geheimdienst und Brunos großer Liebe Isabel in die Ermittlungen eingeschaltet (eine arabische Terrorgruppe ist auch hinter dem sagenumwobenen Dokument her), mit dem Amelie sehr schnell eine amouröse Beziehung aufnimmt.

 

Dies feststellend und seiner Isabel nachtrauernd (sie hat in einem der früheren Bücher ein Kind von Bruno abgetrieben, weil sie sich für die Karriere in Brüssel und Paris entschied), lässt Martin Walker seinen Bruno angesichts dieser neuen Beziehung und angesichts der Heirat der beiden Archäologen Horst und Clothilde( auch sie kennen wir aus dem letzten Buch) sich fragen:

„Ob ihm auch einmal eine Frau begegnen würde, die mit ihm zu leben bereit war, ihm Kinder schenkte und mit ihm alt werden möchte, während Enkel nachwuchsen?“  Und der Leser fragt sich erneut, ob ihm Martin Walker in einem der nächsten Bücher wohl diese Gnade erweisen wird?

 

Ich liebe diese Bücher mit ihrer Fülle von Beziehungen der Dörfer untereinander, ihrer Liebe zu gutem Essen und guten Wein. Dem Perigord jedenfalls haben sie in den letzten Jahren eine deutlich gestiegene Zahl an Touristen gebracht. Der Rezensent bedauert, es immer noch nicht dorthin geschafft zu haben.

 

 

Der Käfer. Auto-Biographien

 

 

Jürg Lehmann, Katja Volkmer, Der Käfer. Auto-Biographien, teNeues 2018, ISBN 978-3-96171-080-5

 

Jörg Lehmann, der als hauptberuflicher Fotograf eigentlich nichts mit Autos zu tun hat, sondern vor allem als Food-Fotograf sich einen Namen machte, ist seit langem fasziniert vom VW-Käfer, einem Auto, das schon bald nach Beginn seiner massenhaften Produktion zum Kult nicht nur in Deutschland wurde. Kaum ein Auto weckt so viele Emotionen wie der VW Käfer. Ob es mit ihm zum ersten Rendezvous ging, auf den Sonntagsausflug oder in ferne Länder der Buckelporsche ist in den Erinnerungen vieler Menschen so präsent wie in den Jahren, als er noch die Ränder der Straßen säumte. Er gehörte zur Familie, wurde mit Kosenamen bedacht und fast jeder hat seine eigene Geschichte darüber zu erzählen.

 

Katja Volkmer hat für dieses Buch vergnügliche wie dramatische Geschichten rund um den wahren Volkswagen gesammelt und erzählt sie zu anrührenden, skurrilen und kunstvollen Bildern, allesamt aus privaten Fotoalben. Zusammengetragen hat sie Joerg Lehmann über Jahre auf Flohmärkten und Versteigerungen.

 

Als Ergebnis präsentieren die beiden VW-Fanatiker einen fantastischen Bildband, der jeden Fan des VW-Käfers und seines Kultes begeistern wird. Das Buch eignet sich für alle Käfer Fans als Geschenk zu allen möglichen Anlässen.

Ein Buch, das nicht nur die Geschichte des VW-Käfers erzählt, sondern mit ihm auch ein Stück Bundesrepublik.

 

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Glücklich ohne Gott

 

 

 

 

Robert E. Manus, Glücklich ohne Gott, Tectum Verlag 2018, ISBN 978-3-8288-4066-9

 

Die Zugehörigkeit der Bevölkerung zu einer der beiden großen christlichen Kirchen  befindet sich im Sinkflug. Große Austrittswellen, zunächst oft aus finanziellen Gründen bei niedriger Affinität zur Kirche, später dann immer wieder auch von überzeugten Christen aufgrund unsäglicher Missstände in den Kirchen finanzieller und moralischer Art, haben die Mitgliederzahlen erheblich sinken lassen und beiden Großkirchen zu bedeutenden Einsparungen und strukturellen Veränderungen gezwungen. Als Beispiele seien hier nur der Skandal um den Limburger Bischofssitz und die zahllosen Fälle von sexuellem Missbrauch in den vergangenen Jahrzehnten durch katholischen Priester und Ordensleute, die vor wenigen Jahren bekannt wurden.

 

Oft wird aus den zurückgegangenen Mitgliederzahlen der Kirchen geschlossen, dass auch weniger Menschen an Gott glauben und sich als Christen bezeichnen. Das ist nicht der Fall. Viele Menschen verlassen die Kirche, aber kehren nicht ihrem Glauben den Rücken.

 

Dennoch ist festzuhalten: obwohl allenthalben von einer Rückkehr der Religion gesprochen wird, hat der Philosoph Habermas vor einjgen Jahren in einer Rede gesagt:

„Die praktische Vernunft verfehlt ihre Bestimmung, wenn sie nicht mehr die Kraft hat, ein Bewusstsein von dem, was fehlt, von dem, was zum Himmel schreit, zu wecken und wachzurütteln.“

 

Die Theologen haben damals etwas vorschnell geglaubt, Habermas habe damit die Religion salviert, und seine Texte schnell aufgegriffen. Wenn ich es recht sehe, waren die protestantischen Theologen hierbei zurückhaltender. Sie haben sich an der sich bis auf den heutigen Tag hinziehenden Debatte über die „Wiederkehr der Religion“ viel weniger beteiligt als ihre katholischen Kollegen, hier insbesondere die Jesuiten.

 

Der Autor des vorliegenden, beim religions-und kirchenkritischen Verlag Tectum erschienenen Buches, Robert E. Manus ist von Haus kein Theologe. Aber  er hat sich sein ganzes bisheriges Leben lang mit religiösen und philosophischen Fragen beschäftigt und eine klassische katholische Erziehung durchlaufen. Bald schon begann er sich mit seinem katholischen Erbe auseinanderzusetzen und sich langsam davon zu lösen. Jahrzehntelang hat er sich damit gequält, seinen immer mehr ins Wanken geratenen  christlichen Glauben festzuhalten, was ihm aber immer weniger gelang. Als er dann das umstrittene und meiner Meinung nach mit vielen Mängeln behaftete Buch „Der Gotteswahn“ von dem radikalen und fanatischen Religionsfeind Richard Dawkins las, „wusste ich, es ist falsch, nur tolerant zu sein.“

 

In seinem umfangreichen und mit zahllosen Anmerkungen versehenen  Buch spricht Manus all diejenigen Menschen an, die sich so wie er kritisch mit ihrem christlichen oder muslimischen Glauben auseinandersetzen und sich vielleicht von ihm lösen möchten.

 

Nach einer ausführlichen religionswissenschaftlichen Auseinandersetzung kommt er zu dem Schluss, dass Bibel und Koran keine Dokumente sind, die Liebe und Toleranz predigen,  sondern eher Bücher der Abgrenzung des Hasses und der Gewalt.

Er glaubt, dass ein erfülltes und glückliches Leben besser gelingt ohne den Bezug auf Gott und bezieht sich am Ende seines Buches auf Gottfried Keller, der in einem Brief an Wilhelm Baumgartner schrieb:

„Wie trivial erscheint mir gegenwärtig die Meinung, dass mit dem Aufgeben der sogenannten religiösen Ideen alle Poesie und erhöhte Stimmung aus der Welt verschwände! Im Gegenteil! Die Welt ist mit unendlich schöner und tiefer geworden, das Leben ist wertvoller und intensiver, der Tod ernster, bedenklicher und fordert mich nun erst mit aller Macht auf, meine Aufgabe zu erfüllen und mein Bewusstsein zu reinigen und zu befriedigen, da ich keine Aussicht habe, das Versäumte in irgendeinem Winkel der Welt nachzuholen.“

 

Ich beschränke mich auf die Dokumente und Traditionen des christlichenGlaubens, wenn ich bemerken muss, dass Manus die revolutionäre Botschaft des Neuen Testamentes vermengt mit den Aussagen der Bibel, die man im historischen Kontext lesen muss und von denen man sich trennen muss. Ich werfe ihm auch vor, dass er das

bahnbrechende Werk „Toleranz und Gewalt“  aus dem Jahr 2007  des Münsteraner Religionshistorikers und Priesters Arnold Angenendt (ist jetzt auch als Taschenbuch lieferbar) nicht beachtet und gewürdigt hat. Dem geht es  hauptsächlich um die Tatsache, dass die drei Schwert-Worte im Neuen Testament immer wieder in ihrer wahren Bedeutung beachtet werden müssen, um ihrem neuerlichen Missbrauch entgegenzuwirken:
Einmal das beim ersten Hinhören erschreckende Wort: ‚Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert‘ (Mt.10,34). Gemeint ist das geistige Schwert der Abtrennung von der blutsverwandten Eigenwelt, also ein metaphorischer Gebrauch zur Bezeichnung schmerzhaft – notwendiger Lebensentscheidungen. Dem zweiten Schwert-Wort zufolge ist das Wort Gottes ’schärfer als jedes zweischneidige Schwert…; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens.‘ Das physische Schwert jedoch wird abgelehnt. Als Jesu Jünger ihn bei seiner Verhaftung mit einen realen Schwert verteidigen wollen, gebietet er: ‚Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.'(Mt. 26,52)

Das sind die theologischen Grundlagen des Christentums.  Manfred Lütz hat in seinem neuen mit Arnold Angenendt zusammen verfassten Buch „Der Skandal der Skandale“ diese Erkenntnisse  für einen breiten Kreis von Lesern zugänglich gemacht. Ich kann es nur empfehlen für alle die Menschen, die die platte Kritik meiden und es lieber mit der wirklichen Aufklärung halten, eben auch im Diskurs um das strittige Thema Religion.

 

 

 

 

 

 

Deine Würde entscheidet

 

Udo Baer, Gabriele Frick-Baer, Deine Würde entscheidet, Beltz Verlag 2018, ISBN 978-3-407-86508-3

 

Jeder Mensch kennt dieses Gefühl bzw. diesen Zustand und erlebt ihn mehr oder weniger oft. Manche leiden sogar täglich daran. Es geht um Fragen und Situationen im Leben und im Alltag, wo Entscheidungen gefordert sind. Soll ich diese oder jene Arbeit noch machen, oder mir lieber die nötige Ruhe gönnen? Darf ich auch mal mir Zeit für mich nehmen oder gehen die Bedürfnisse der Kinder immer vor? Soll ich zur Arbeit gehen, obwohl mich echt krank fühle?

Oder, schwerwiegender: soll ich meine Ehe oder Beziehung endlich beenden und gehen, oder wegen der Kinder bleiben?  Soll ich mich gegen meinen unverschämten Chef wehren, oder ist die Angst um meinen Arbeitsplatz mächtiger?

Immer wieder haben Menschen in ihrem Leben wichtige Entscheidungen zu treffen. Was aber, wenn die Antwort auf die Frage: „Wie soll ich mich entscheiden?“ lautet: „Ich kann mich nicht entscheiden“?

Dann kommen die Selbstzweifel und Versagensgefühle, weil man glaubt, entscheidungsunfähig zu sein.

Das erfahrene Autoren- und Therapeutenpaar Udo Baer und Gabriele Frick-Baer kennt diese Fragen auch aus ihrem eigenen Leben und Arbeiten und empfiehlt in ihrem neuen Buch „Deine Würde entscheidet“ sich in solchen Situationen auf eine von ihnen postulierte innere Instanz zu besinnen, die einem Orientierung geben kann: das eigene Würde-Ich.

Diesen Selbstwertkompass trägt jeder Mensch in sich und er ist maßgeblich für ein gutes Leben. Mit vielen Anregungen und Übungen zeigen die Autoren, wie man mit dem Beachten des Würde-Ichs sein Selbstwertgefühl festigen und für sein Leben eine neue Orientierung finden kann.

Zentral ist das Kapitel über die Würde in der Paarbeziehung. Um eine Beziehung gesund zu erhalten ist es dringend notwendig, die Würde und das das Würde- Ich des jeweils anderen zu achten und zu pflegen. Dieser Nährboden gilt aber auch für jede andere wichtige Beziehung, die wir zu anderen Menschen haben, durchaus auch im beruflichen  Bereich.

Es geht darum, die eigene Würde und die des Anderen als eine grundsätzliche und essenzielle Lebenshaltung zu erlernen und zu praktizieren. Vielleicht könnte damit die Welt ein wenig besser werden, jedenfalls dort, wo ich selbst mich in ihr bewege.

Ich war an vielen Stellen bewegt angesichts der spirituellen Dimension dieser Haltung, die auch in dem dem Buch vorangestellten Satz zu spüren ist:

„Das Leben kennt nur zwei Wege:

Der eine führt ins Paradies, der andere in die Hölle.

Doch sie kreuzen sich an vielen Stellen.“

(Serhij Zhadan „Mesopotamien“)

 

 

 

 

Wer andern eine Bombe baut

 

Christopher Brookmyre, Wer andern eine Bombe baut, Galiani Verlag 2018, ISBN 978-3-86971-163-8

 

Schon im Jahr 2001 hat der in seiner Heimat Schottland mehrfach preisgekrönte Schriftsteller Christopher Brookmyre diesen raffinierten Thriller geschrieben, der nun nach drei anderen Romanen von ihm ins Deutsche übersetzt und bei Galiani in Berlin veröffentlicht wurde.

Es ist eine Geschichte über eine Auftragsterroristen, angefüllt mit schwarzem Humor, spannend und gleichzeitig unterhaltsam zu lesen

 

Es wird erzählt von Raymond Ash, der seine früheren Träume von einer Musikkarriere begraben hat, und nun, Mitte 30, Vater eines Babys ist und einen nervigen Job als Lehrer hat. Sein alter Kumpel Simon ist schon seit drei Jahren tot. Umso überraschter ist Ray, als er eines Tages diesen Simon am Glasgower Flughafen sieht. Und dann überschlagen sich die Ereignisse.

Zusammen mit der Polizistin Angelique de Xavia (sie trat schon in „Die hohe Kunst des Bankraubs“ 2014 auf) gerät er  in sehr gefährliche Situationen. Die beiden müssen ihr Bestes geben um einen Terroranschlag zu verhindern, den Simon, der sich sehr verändert hat, offensichtlich verüben wird. Nur das Ziel ist lange unklar…

 

Hervorragende Milieubeschreibungen paaren sich mit einer dichten Spannung in einem sehr aktuellen Roman, der seiner Zeit bei seinem Erscheinen 2001 offenbar weit voraus war.

 

 

 

deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten

 

 

Thea Dorn, deutsch, nicht dumpf. Ein  Leitfaden für aufgeklärte Patrioten, Knaus Verlag 2018, ISBN 978-3-8135-0810-9

 

Schon in ihrem damals zusammen mit Richard Wagner verfassten Buch unter dem Titel „Die deutsche Seele“ hat Thea Dorn darüber nachgedacht, ob man heutzutage überhaupt öffentlich sagen darf, etwas sei »deutsch« oder »typisch deutsch«? Kann man sich mit dem Deutschsein heute endlich versöhnen? Man muss es sogar, meinten Thea Dorn und Richard Wagner damals, lange vor den AfD-Zeiten. Sie verspürten eine große Sehnsucht danach, das eigene Land wirklich kennen zu lernen, und machten Inventur in den Beständen der deutschen Seele. Ihr Buch war eine erkenntnisreiche und unterhaltsame Reise an die Wurzeln unseres nationalen Erbes und ging durchaus ans Eingemachte.

 

Mittlerweile durch ihre Zugehörigkeit zum Literarischen Quartett auch einem großen Publikum bekannt, hat Thea Dorn in den vergangenen Jahren diese Position in vielen öffentlichen Debatten, Talkshows und Texten immer wieder vertreten und sich immer dabei jeweils von den Positionen der AfD auf der einen und denen der Linken und Grünen etwa auf der anderen Seite abgegrenzt.

 

Da sie findet, man dürfe kontroverse Themen wie Heimat, Leitkultur, Nation nicht den Rechten überlassen, hat sie ein neues Buch verfasst mit dem Titel „deutsch, nicht dumpf“. Ein „Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“ soll es sein.

Ja, einen aufgeklärten Patriotismus hält sie für genauso möglich wie nötig. Der Auftritt der AfD und anderer hat die Frage, ob die Rede von Heimat und Patriotismus nicht letztlich dazu führen wird, dass neuer Chauvinismus, Rassismus und Nationalismus eine Renaissance erfahren. Oder ist es nicht so, wie Thea Dorn und immer mehr andere, die sich in die rechte Ecke stellen lassen wollen, deutlich machen, dass in Zeiten von Migration und Globalisierung das Beharren auf unseren kulturellen und historischen gewachsenen Besonderheiten die Bedingung dafür ist, dass wir jene Liberalität und Zivilität  bewahren können, auf die Deutschland seit langem wirklich stolz sein kann?

Im neuen Buch, das ein leidenschaftliches Plädoyer für den Nationalstaat ist und gleichzeitig eine Absage an den „pöbelnden Muffhaufen, der Ressentiments schürt“. Sie grenzt sich Thea Dorn gegenüber Rechten gleichermaßen ab wie gegenüber denen, bei dem Stichwort „Nation“ nur in alten, längst überholten linken Reflexen verharren. In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk sagt die Philosophin:  „Ich glaube, es muss uns gelingen, eine positive Identität, einen positiven Bezug zu diesem Land zu finden. Was natürlich nicht heißt, dass jemals relativiert werden darf, was dieses Land an Verbrechen auf dem Kerbholz hat. Aber ich glaube, dass der Gründungsmythos der Bundesrepublik, dass man seine Identität einzig daraus bezieht, zu sagen: ‚Nie wieder die Verbrechen!‘ – Das reicht alleine nicht.“

 

Sie befürchtet, dass sich immer mehr Menschen aus dem bürgerlich-liberalen Milieu Positionen zuwenden, wie sie die AfD vertritt oder wie sie abgeschwächt, aber doch sehr kritikwürdig, Henryk M. Broder und viele andere Intellektuelle in der jüngsten „Erklärung 2018“ vertreten, die das größte Problem in  der massenhaften Zuwanderung sehen.

 

Ihr lesenswerter Leitfaden positioniert sich dazwischen, plädiert für einen aufgeklärten Patriotismus (ähnlich wie in letzter Zeit etwa Robert Habeck von den Grünen) und ist deshalb ein sehr wichtiger Beitrag in der gegenwärtigen kulturellen Debatte in unserem Land.

 

 

 

 

 

 

Der Preis des ewigen Lebens. Das Christentum auf dem Weg ins Mittelalter

 

 

Peter Brown, Der Preis des ewigen Lebens. Das Christentum auf dem Weg ins Mittelalter, Philipp von Zabern 2018, ISBN 978-3-8053-5150-8

 

Der protestantisch geprägte aus Irland stammende Historiker Peter Brown gilt nicht nur der Fachwelt als einer der renommiertesten Experten für das frühe Christentum und die Spätantike. Er war es hauptsächlich, der nach 1970 diese Epoche zu einem Hauptarbeitsfeld der althistorischen Forschung gemacht hat. Durch seine verständlichen  Darstellungen hat er diese Epoche einem breiten Publikum nahe gebracht, ebenso wie die Theologie des Augustinus von Hippo, als dessen bester Kenner er seit seinem inzwischen in einer überarbeiteten Fassung vorliegenden Buch aus dem Jahr 1967 gilt.

 

Auch sein neues bei Philipp von Zabern erschienenes Buch zeichnet sich durch eine hohe Verständlichkeit auch für historischen und theologischen Laien aus.

Den sich zwischen 250 und 650 n. Chr. vollziehenden grundlegenden Wandel in der jungen christlichen Kirche beschreibt Brown in „Der Preis des ewigen Lebens“. Das Geld begann eine immer wichtigere Rolle zu spielen in der Beziehung zwischen Gott und den Gläubigen sowie den Lebenden und den Toten. Die auch gesteuerte und gepuschte Sehnsucht der einfachen Menschen nach Erlösung ließ sie für ihr Seelenheil immer mehr Geld ausgeben, mit dem dann Kirche und Klöster reich wurde und bis heute zeugen von steingewordenem damaligem Glauben.

 

Gekonnt und verständlich schildert Brown der grundlegenden Wandel antiker Wertvorstellungen und das Aufkommen neuer Gesellschaftsideale im historischen Übergang vom Römischen Reich zu einer neuen Epoche. Eine konfliktreiche Zeit, in der neue christliche Ideale auf eine spätantike Lebenswirklichkeit prallen.

 

Der Autor lässt seine Leser hautnah teilnehmen an den Debatten der Zeitgenossen über ein neues Verständnis von Reichtum und Geld in einer Gesellschaft, deren wohlhabender Teil durch einen tiefen Graben von der großen Mehrheit der Armen getrennt war. Der Autor bringt dem Leser die Lebensformen der einfachen Menschen wie der Oberschichten nahe, und lässt ihn Zeuge werden von deren Nöten und materiellen Alltäglichkeiten. Vor diesem Hintergrund schildert Brown den welthistorisch bedeutsamen Prozess, der das Ende des Römischen Reiches einleitete und durch den eine ursprünglich der Armut verpflichtete Kirche zu einer wohlhabenden Institution wurde. Ein nuancenreiches und grandioses Panorama einer faszinierenden Epoche, die unsere Wertvorstellungen bis heute prägt und in der die meisten  Menschen  eine Frage bewegte: „Wie kann ich bereits zu Lebzeiten dafür Sorge tragen, dass meine Seele im Jenseits Frieden findet?“

 

Inwieweit diese damals mit viel Geld gestillte Sorge heute in säkularisierten Formen den Gang unseres Lebens und unserer Gesellschaft bestimmt, darüber wäre es sicher einmal wert, nachzudenken. Denn auch die Reformation im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit hat dieses weit verbreitete Denken nicht auslöschen können, man könne als Mensch durch gute Werke (oder Spenden) seiner Seele und seinem Gewissen etwas Gutes tun.