Orte der Stille 2019

 

 

Frank Krahmer, Orte der Stille 2019, Dumont Kalenderverlag 2018, ISBN 978-3-8320-3920-2

 

Der Kalender, mittlerweile haben ihn die meisten auf dem Handy oder Smartphone, ist leider für viele Menschen zu einem Instrument geworden, das ihnen nicht etwa anz9iegt, wann Sonntag und damit Ruhetag ist, welche Feiertage es zu begehen gilt oder wenn das Frühjahr und andere Jahreszeiten beginnen, sondern etwa, was sie mit Terminen füllen, bis sie nicht mehr wissen, welcher Tag heute ist.

 

Wandkalender aus dem Dumontkalenderverlag wollen ihrem Nutzer durchaus auch Orientierung geben, in welchem Monat, und welcher Woche sie sich befinden, ein schneller Blick auf einen ganzen Monat schafft Durchblick.

 

Doch Wandkalender wie der vorliegende „Orte der Stille“ des mittlerweile sehr bekannten Naturfotografen  Frank Krahmer wollen mehr. Sie laden den Nutzer ein, sozusagen beim Blick auf ihre Bilder die Zeit anzuhalten, sich inspirieren zu lassen von der Schönheit der Bilder und damit auch von  der Schönheit der Welt und des Lebens.

 

Orte der Stille mitten im oft hektischen Alltag: die wunderschönen Bilder Krahmers aus dem Allgäu, aus China, Neuseeland, Australien, Slowenien und immer wieder aus zauberhaften Landschaften Deutschlands laden ein zum Innehalten, zum Nachdenken und vielleicht zu der Frage, ob der Termin, der da gerade im Kopf Gestalt annahm beim Blick auf den Kalender, wirklich sein muss.

Wo wir uns finden

 

 

 

Nicholas Sparks, Wo wir uns finden, Heyne 2018, ISBN 978-3-453-27173-9

 

Nicht ohne  Grund ist der 1965 geborene und in North Carolina, wo auch die meisten seiner Bücher spielen, lebende Nicholas Sparks seit Jahrzehnten der literarische Garant für erfolgreiche Liebesromane der höheren Qualität. Romane, die, geschickt aufgebaut und immer hervorragend recherchiert, mit ihrer Handlung nicht nur eine romantische Liebesgeschichte erzählen, die trotz aller Hindernisse und Tragik meistens gut ausgeht, sondern die auch immer noch andere interessante und wissenswerte Thema mit transportieren.

 

In seinem neuen hier vorliegenden Buch „Wo wir uns finden“ ist es die Welt des Safari – Guides Tru Walls, der, in Simbabwe auf der Farm eines herrischen und rassistischen Großvaters geboren, mit 18 Jahren sein Elternhaus verlässt und fortan auf verschiedenen Lodges als Guide für meist wohlhabende Touristen arbeitet. Er liebt seine Arbeit und kennt den Busch und die Tiere wie kaum ein anderer seiner Kollegen.  Eines Tages erhält Tru eine Botschaft seines Vaters, den er nie kennegelkernt hat. Der Vater lebt in den USA, hat eine tödliche Krankheit und möchte Tru treffen, um ihm zu sagen, warum er damals seine Familie und den noch ungeborenen Sohn verlassen hat.

 

Tru lässt sich darauf ein und fliegt nach North Carolina. Dort in einem Ort nahe der Grenze zu South Carolina namens Sunset Beach hat sein ihm unbekannter Vater ein dreistöckiges Haus für ihn gemietet mit allen Annehmlichkeiten, wo er ihn in ein paar Tagen treffen will.

 

Nur wenige hundert Meter von diesem Haus, in das sich Tru voller Spannung auf eine ungewisse Begegnung mit einem fremden Mann einquartiert hat, ist die 36-jährige Hope Anderson gerade in einem idyllischen Strandhaus angekommen, dass seit Jahrzehnten ihrer Familie gehört, in dem sie wunderbare Sommer in ihrer Kindheit verbracht hat.

 

Sie will sich zurückziehen, denn verschiedene Dinge machen ihr zu schaffen und sie sucht nach Klarheit. Außerdem ist sie am Ende der Woche, die sie dort verbringen will zur Hochzeit einer Freundin eingeladen. Aber Josh, der Mann, mit dem sie seit sechs Jahren zusammen ist, mit dem sie sich ein Familienleben mit Kindern erträumt, wird nicht dabei sein. Er hat es nach einem Streit mit Hope (es ging um ihre gemeinsame Zukunft) vorgezogen mit Freunden in Las Vegas abzuhängen. Zusätzliche schwierige Fragen nach ihrer Zukunft werden ihr durch die tödliche Krankheit (ALS) ihres Vaters gestellt.

 

Da, als ob es so hätte sein sollen in den Plänen des Schicksals, trifft Hope auf Tru und es ist bei beiden Liebe auf den ersten, reifen Blick. Sie verbringen wunderbare Tage miteinander, erzählen sich aus ihrem Leben. Doch zwei Dinge werfen bald schon einen dunklen Schatten über ihre Zukunft, die so schön sein könnte: Tru kann keine Kinder mehr zeugen und Hopes Partner Josh taucht doch unerwartet auf der Hochzeit auf, zeigt sich reumütig und macht Hope einen Heiratsantrag.

 

Tru hingegen hat seinen Vater getroffen, viel über seine Familie erfahren und trennt sich versöhnt von ihm. Er will Hope mitnehmen nach Simbabwe und die steht vor der schwersten Entscheidung ihres Leben, die ihr das Herz zerreißen wird.

 

Ob sich Tru und Hope für immer verloren gehen?

 

In einem faszinierenden Roman nimmt Nicholas Sparks seine Leserinnen und Leser wieder mit auf die verschlungenen und geheimnisvollen Pfade, die die Liebe und Träume in einem Menschenleben gehen können. Man kann das Buch, das der Autor mit einem persönlichen Prolog und Epilog versehen hat, in dem er etliches erzählt aus seiner schriftstellerischen Praxis, nicht mehr aus der Hand legen, hat man es einmal begonnen.  Ein langer regnerischer Sonntag reicht aus, um ein Buch zu lesen, dessen Geschichte auch den Leser umfängt mit seinem Charme.

Neujahr (Hörbuch)

 

 

 

Juli Zeh, Neujahr (Hörbuch), der Hörverlag 2018, ISBN 978-3-8445-2979-1

Henning ist ein moderner Mann. Ein Mann, für den Gleichberechtigung nicht nur ein wohlfeiler Slogan ist. Er, der seinen Beruf als Lektor eines Sachbuchverlags liebt, hat sich zusammen mit seiner Frau Theresa für ein Familienmodell entschieden, wie es nach wie vor nur wenige praktizieren. Beide haben sie ihre gut dotierten Arbeitsstellen halbiert und sich auf dem Dachgeschoß ihres Hauses ein Homeoffice eingerichtet, in dem sie zusätzlich (unentgeltlich natürlich) arbeiten können, wenn die Kinder schlafen. Sie kümmern sich im gleichen Maß um die Familie und die Kinder. Eigentlich sind sie zufrieden mit ihrer jeweiligen Situation.

Doch Henning geht es zunehmend schlecht. Sein Leben überfordert ihn. Familienernährer soll er sein, Ehemann und begehrenswerter Liebhaber und liebevoller Vater seiner Kinder. Jede dieser Rollen möchte er gerne füllen und findet sich in keiner wirklich und befriedigend wieder. Seit sein zweites Kind, seine Tochter Bibbi vor etwa zwei Jahren geboren wurde, leidet er unter schweren Angstzuständen und Panikattacken. Später, als das Buch zu Ende ist, wird dem Leser deutlich werden, warum diese Begegnungen mit dem, was er „ES“ zu nennen gelernt hat, nicht vorher begonnen haben.

 

Seine Frau Theresa versucht ihm zunächst aufrichtig zu helfen, sie probieren Vieles, doch dann gibt sie auf. Henning ist mit seinen Attacken allein und verbirgt sie.

„Manchmal geht er ins Bad und guckt in den Spiegel. Unfassbar, dass man ES nicht sieht. Während das Herz einen irrsinnigen Tanz mit tödlichen Pausen tanzt, sieht sein Gesicht aus wie immer. Natürlich merkt Theresa, was mit ihm los ist. Aber sie sagt nichts dazu. ES ist zu Hennings Privatsache geworden.“

 

Vielleicht hofft er durch den Urlaub, den er heimlich im Internet über Weihachten und Neujahr 2017/2018 für seine Familie gebucht hat, davon loszukommen, wieder Kraft zu schöpfen. Schon während er wochenlang nach Unterkünften auf Lanzarote sucht, erfasst ihn eine seltsame Erregung.

 

Theresa erklärt sich nach einigen Widerständen einverstanden und so verbringen sie die Weihnachtstage in einem kleinen „Scheibenhaus“ in Playa Blanca. Doch Erholung ist das alles nicht. Die Kinder müssen dauernd beschäftigt werden und nur spät am Abend kommen die Eheleute zu sich selbst.

 

Auch ein spontan wenige Tage vor Silvester gebuchtes Silvestermenü stellt sich als Flop heraus, zumal Theresa dort mit einen Franzosen tanzt, und heftig mit ihm flirtet.

 

Nach einer unruhigen und kurzen Nacht steht Henning am Neujahrsmorgen sehr früh auf und fährt mit einem geliehenen Fahrrad den steilen Anstieg nach Femes hinauf. Er hat kaum gefrühstückt, der Sekt von Silvester steckt ihm noch in den Knochen und er hat weder Proviant noch etwas zu trinken mitgenommen.

Auf der Fahrt blickt er in Gedanken zurück auf die Zeit, seit ES ihn besucht. Er weiß, es ist verrückt, kaum zu schaffen. Doch irgendetwas, was während der Fahrt immer stärker wird, treibt ihn nach oben, als hoffe er dort etwas zu finden, was ihn rettet.

 

Als Henning dann endlich, nach langer Qual das 500 m hoch gelegene Femes erreicht, da trifft es ihn wie einen Schlag und er erkennt, dass er schon einmal hier gewesen ist.  Er schiebt sein Fahrrad bis zu einem hoch über dem Ort gelegenen Haus, das ihn magisch anzieht.

 

Dort oben, so erkennt er, war er einmal mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Luna im Urlaub, zu der ihn bin heute eine ganz besonders enge, aber auch komplizierte Beziehung verbindet. Und er erinnert sich daran, wie sich damals etwas ganz Schreckliches zugetragen hat – so schlimm, dass er es bis heute verdrängt hat, bis ES nach der Geburt von Bibbi wieder hoch kommt.  Was damals geschehen ist, von Juli Zeh über weite Strecken des Buches gekonnt beschrieben, verfolgt ihn  bis heute.

 

Juli Zeh beschreibt in einem gut aufgebauten Familienroman, wie stark unsere Kindheit unser Lebensgefühl bestimmt. Ein Roman, der in der zweiten Hälfte zu einem regelrechten Thriller sich verwandelt, den man atemlos verschlingt. Gekonnt und fast spielerisch arbeitet sie immer wieder mit verschiedenen Ebenen von Zeit und Wahrnehmung. Ihr Psychogramm einer modernen und emanzipierten Ehe und Familie geht unter die Haut, weil es so nahe am eigenen Leben sich abspielt.

 

Auch mit „Neujahr“ zeigt Juli Zeh wieder neu, dass man einen unterhaltsamen Roman schreiben kann, ohne die literarische Qualität aus dem Auge zu verlieren. Ich wünsche mir, dass viele berufstätige Familienmänner und – frauen dieses Buch lesen, sowohl zur Unterhaltung, als auch als Anregung, öfter einmal darüber nachzudenken, wie ihre Kindheit und ihre vielleicht ungeklärte Beziehung zu den Großeltern ihrer Kinder ihr eigenes Leben umschattet und behindert.

Florian Lukas gelingt es in der hier vorliegenden ungekürzten Lesung des Buches für den Hörverlag in München hervorragend sich in den Protagonisten Henning hineinzuversetzen und setzt sowohl das Psychogramm seiner Geschichte und Persönlichkeit als auch die schrecklichen Erlebnisse seiner Kindheit gekonnt und spannend in Szene.

 

 

 

 

 

Der kleine Trommler

 

 

 

Bernadette Watts, Der kleine Trommler, NordSüd Verlag 2018, ISBN 978-3-314-10450-3

 

Seit Beginn ihrer Karriere vor über 50 Jahren schon illustriert die 1942 geborene und in Kent in England lebende Künstlerin Bernadette Watts Bücher, vorzugsweise für Kinder, für den Nord Süd- Verlag in Zürich.

 

In England ist es ein berühmtes und allen Menschen bekanntes Weihnachtslied. In Deutschland hat es der junge Heintje vor Jahrzehnten bekannt gemacht.

 

Nun erzählt Bernadette Watts für Kinder die Geschichte dieses Liedes. Sie erzählt von dem kleinen Trommler Benjamin, der am Heiligen Abend auf drei stolze Reiter trifft. Sie wollen zu dem neugeborenen König und ihn mit ihren großzügigen Gaben beschenken.

 

Auch Benjamin würde gerne dem Kind etwas schenken, doch er denkt, er habe nichts, was dem Christuskind angemessen sein könnte. Dennoch macht er sich zusammen mit seiner Freundin Rachel auf zum Stall. Sie, die als Bedienung im örtlichen Gasthaus arbeitet, will dem Kind ein Paar kleine warme Schuhe bringen. Sein Zögern angesichts ihrer Armut kommentiert Rachel so: „Er wird nicht auf unsere Kleider achten, er wird nur in unsere Herzen sehen!“

 

Dort am Stall angekommen, lacht das Kind, als Rachel ihm die Schuhe schenkt. Und Benjamin hat nichts. Ein Lächeln der Mutter des Kindes ermutigt ihn zu fragen: „Soll ich für den neugeborenen König etwas auf meiner Trommel spielen?“

 

Und er spielt und spielt. „Der kleine Trommler fühlte, wie sein Herz sich mit Glück füllte. Er spürte die Wärme. Er fühlte sich geliebt und spielte weiter und weiter.“

 

Sehr warmherzig und zartfühlend hat Bernadette ihre eigene Geschichte, die Elisa Martins ins Deutsche übersetzt hat, illustriert.

 

Ein schönes Bilderbuch zur Weihnachtszeit.

 

 

Über den Dächern von New York

 

 

 

 

George Steinmetz, Über den Dächern von New York, Dumont Kalenderverlag 2018, ISBN 978-3-8320-3899-1

 

Der international renommierte amerikanische Fotograf George Steinmetz ist spezialisiert auf Luftaufnahmen. Immer wieder  fliegt er auch über New York und fotografiert den Big Apple für sein „newyorkairbook“ auf Instagram.

Dabei entstehen sehr oft absolut ungewöhnliche und  faszinierende Stadtansichten. Blickwinkel und Perspektiven, aus der man die schon hundert Mal abgebildeten Sehenswürdigkeiten New Yorks so noch nie gesehen hat.

Zwölf seiner besten Bilder haben die Lektoren des Dumontkalenderverlags in diesem opulenten Wandkalender für das Jahr 2019 versammelt. Sie lassen den Betrachter und New York-Liebhaber einen Blick von oben werfen auf den Central Park, auf die mit gelben Taxis gesäumten Avenues oder auf die Aussichtsplattform des Rockefeller Center.

 

Ein wunderschöner Kalender für alle, die New York lieben. Er entschädigt bis zur nächsten Reise.

Eine zauberhafte Reise im Märlitram

 

 

 

Boni Koller, Christiane Schöngart, Eine zauberhafte Reise im Märlitram, Nord Süd Verlag 2018, ISBN 978-3-314-10454-1

 

Der 1913 gebaute Wagen der Züricher Straßenbahn is der älteste ihrer Flotte und verkehrt seit 1958 in der Weihnachtszeit auf einem Rundkurs in der Zürcher Innenstadt. Zum weihnachtlich verzierten Tram – früher in weiss, heute in rot – haben nur Kinder im Alter zwischen vier und zehn Jahren Zutritt. Eine Fahrt dauert etwa 25 Minuten. Im roten Märlitram werden den Kindern von zwei Engeln Weihnachtsmärchen vorgelesen, während das Tram vom Samichlaus gelenkt wird. Jedes Jahr werden 7000 bis 10.000 Kinder befördert. Das Sondertram verkehrt mit Unterstützung des Warenhauses Jelmoli, das auch den Verkauf der Billette durchführt.

 

Züricher Kindern ist die berühmte Märlitram seit jeher ein Begriff. Kaum eines, das nicht mindestens einmal mit ihr gefahren wäre. Für alle anderen Kinder, auch die in Deutschland und Österreich hat sich Boni Koller eine stimmungsvolle und heitere Weihnachtsgeschichte ausgedacht und Christiane Schöngart hat sie zauberhaft illustriert.

 

Sie erzählt von der kleinen Mia, die heute zum ersten Mal auf der Märlitramn mitfahren darf.  Sie wartet aufgeregt am Bahnsteig , als ihr ein weinender Junge begegnet, der kein Ticket hat, aber auch mitfahren möchte. Soll sie dem Jungen namens Nico ihr Ticket schenken und selbst auf die Fahrt verzichten?  Als sie genau das getan hat, intervenieren die beiden Engel und der Samichlaus und holen Mia in die Tram. Gemeinsam genießen sie dann eine wunderbare Fahrt.

 

Das Lied, das die Kinder auf der Märlitram singen ist gegen Ende des Buches abgedruckt mit einem Link zu einem Download.

 

 

Mein Andersopa

 

 

 

Rolf Barth, Daniela Bunge, Mein Andersopa, Hanser 2018 , ISBN 978-3-446-26057-3

 

Immer mehr Menschen erkranken in ihrem Alter an irgendeiner Form von Demenz. Und in der Folge, sind immer mehr Kinder von einem Phänomen betroffen, dass sich ihre geliebten Großeltern, manchmal sehr schnell in ihrer Persönlichkeit verwandeln und unsinnige Dinge tun und sagen.

 

Die hier von Rolf Barth erzählte Geschichte, von Daniel Bunge eindrucksvoll illustriert versucht auf anrührende und ermutigende Weise sich diesem Thema zu stellen.

 

Sie erzählt von Nele und ihrem Opa. Opa ist ein feiner Mann, der sehr viel Wert auf sein Äußeres legt, stets in weißem Hemd und Sakko auftritt und jeden freundlich grüßt. Nele ist stolz auf ihn, auch weil er immer Zeit für sie hat und auf sie achtgibt. Sie gehen miteinander spazieren, besuchen die Oma auf dem Friedhof und machen viele andere schöne Sache gemeinsam.

 

Doch eines Tages, als Nele wieder ihren Opa besucht, trifft sie ihn am helllichten Nachmittag unrasiert im Schlafanzug an. Diesen Großvater nennt sie fortan ihren Andersopa.

 

Sie lernt keine Angst vor seinen Veränderungen zu haben, und zieht sich nicht vor ihm zurück. Ihre Mutter nimmt sie mit zu Opas Hausarzt, der ihr erklärt, was in Opas Gehirn vor sich geht und warum er so geworden ist.

 

Und als er dann bald seine eigene Wohnung aufgeben muss und zu Neles Familie und seiner Tochter zieht, da lernt sie das wertzuschätzen, was ihre Mutter ihr gesagt hat, nachdem sie vom Arzt erfahren haben, dass man nichts machen kann: „Eigentlich hat das auch etwas Gutes. Du hast eben zwei Opas: den von früher –und deinen Andersopa“.

 

Eine berührende und ermutigende Geschichte, die kleinen Kindern verständlich machen kann, was mit Menschen vor sich geht, die an Demenz erkranken. Die Familien und Angehörigen belastenden und stellenweise unerträglichen Begleitumstände dieser Krankheit, besonders in ihrem fortgeschrittenen Stadium, sind bewusst nicht angesprochen.

 

 

Neujahr

 

 

 

Juli Zeh, Neujahr, Luchterhand Verlag 2018, ISBN 978-3-630-87572-9

 

Henning ist ein moderner Mann. Ein Mann, für den Gleichberechtigung nicht nur ein wohlfeiler Slogan ist. Er, der seinen Beruf als Lektor eines Sachbuchverlags liebt, hat sich zusammen mit seiner Frau Theresa für ein Familienmodell entschieden, wie es nach wie vor nur wenige praktizieren. Beide haben sie ihre gut dotierten Arbeitsstellen halbiert und sich auf dem Dachgeschoß ihres Hauses ein Homeoffice eingerichtet, in dem sie zusätzlich (unentgeltlich natürlich) arbeiten können, wenn die Kinder schlafen. Sie kümmern sich im gleichen Maß um die Familie und die Kinder. Eigentlich sind sie zufrieden mit ihrer jeweiligen Situation.

Doch Henning geht es zunehmend schlecht. Sein Leben überfordert ihn. Familienernährer soll er sein, Ehemann und begehrenswerter Liebhaber und liebevoller Vater seiner Kinder. Jede dieser Rollen möchte er gerne füllen und findet sich in keiner wirklich und befriedigend wieder. Seit sein zweites Kind, seine Tochter Bibbi vor etwa zwei Jahren geboren wurde, leidet er unter schweren Angstzuständen und Panikattacken. Später, als das Buch zu Ende ist, wird dem Leser deutlich werden, warum diese Begegnungen mit dem, was er „ES“ zu nennen gelernt hat, nicht vorher begonnen haben.

 

Seine Frau Theresa versucht ihm zunächst aufrichtig zu helfen, sie probieren Vieles, doch dann gibt sie auf. Henning ist mit seinen Attacken allein und verbirgt sie.

„Manchmal geht er ins Bad und guckt in den Spiegel. Unfassbar, dass man ES nicht sieht. Während das Herz einen irrsinnigen Tanz mit tödlichen Pausen tanzt, sieht sein Gesicht aus wie immer. Natürlich merkt Theresa, was mit ihm los ist. Aber sie sagt nichts dazu. ES ist zu Hennings Privatsache geworden.“

 

Vielleicht hofft er durch den Urlaub, den er heimlich im Internet über Weihachten und Neujahr 2017/2018 für seine Familie gebucht hat, davon loszukommen, wieder Kraft zu schöpfen. Schon während er wochenlang nach Unterkünften auf Lanzarote sucht, erfasst ihn eine seltsame Erregung.

 

Theresa erklärt sich nach einigen Widerständen einverstanden und so verbringen sie die Weihnachtstage in einem kleinen „Scheibenhaus“ in Playa Blanca. Doch Erholung ist das alles nicht. Die Kinder müssen dauernd beschäftigt werden und nur spät am Abend kommen die Eheleute zu sich selbst.

 

Auch ein spontan wenige Tage vor Silvester gebuchtes Silvestermenü stellt sich als Flop heraus, zumal Theresa dort mit einen Franzosen tanzt, und heftig mit ihm flirtet.

 

Nach einer unruhigen und kurzen Nacht steht Henning am Neujahrsmorgen sehr früh auf und fährt mit einem geliehenen Fahrrad den steilen Anstieg nach Femes hinauf. Er hat kaum gefrühstückt, der Sekt von Silvester steckt ihm noch in den Knochen und er hat weder Proviant noch etwas zu trinken mitgenommen.

Auf der Fahrt blickt er in Gedanken zurück auf die Zeit, seit ES ihn besucht. Er weiß, es ist verrückt, kaum zu schaffen. Doch irgendetwas, was während der Fahrt immer stärker wird, treibt ihn nach oben, als hoffe er dort etwas zu finden, was ihn rettet.

 

Als Henning dann endlich, nach langer Qual das 500 m hoch gelegene Femes erreicht, da trifft es ihn wie einen Schlag und er erkennt, dass er schon einmal hier gewesen ist.  Er schiebt sein Fahrrad bis zu einem hoch über dem Ort gelegenen Haus, das ihn magisch anzieht.

 

Dort oben, so erkennt er, war er einmal mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Luna im Urlaub, zu der ihn bin heute eine ganz besonders enge, aber auch komplizierte Beziehung verbindet. Und er erinnert sich daran, wie sich damals etwas ganz Schreckliches zugetragen hat – so schlimm, dass er es bis heute verdrängt hat, bis ES nach der Geburt von Bibbi wieder hoch kommt.  Was damals geschehen ist, von Juli Zeh über weite Strecken des Buches gekonnt beschrieben, verfolgt ihn  bis heute.

 

Juli Zeh beschreibt in einem gut aufgebauten Familienroman, wie stark unsere Kindheit unser Lebensgefühl bestimmt. Ein Roman, der in der zweiten Hälfte zu einem regelrechten Thriller sich verwandelt, den man atemlos verschlingt. Gekonnt und fast spielerisch arbeitet sie immer wieder mit verschiedenen Ebenen von Zeit und Wahrnehmung. Ihr Psychogramm einer modernen und emanzipierten Ehe und Familie geht unter die Haut, weil es so nahe am eigenen Leben sich abspielt.

 

Auch mit „Neujahr“ zeigt Juli Zeh wieder neu, dass man einen unterhaltsamen Roman schreiben kann, ohne die literarische Qualität aus dem Auge zu verlieren. Ich wünsche mir, dass viele berufstätige Familienmänner und – frauen dieses Buch lesen, sowohl zur Unterhaltung, als auch als Anregung, öfter einmal darüber nachzudenken, wie ihre Kindheit und ihre vielleicht ungeklärte Beziehung zu den Großeltern ihrer Kinder ihr eigenes Leben umschattet und behindert.

 

 

 

 

Gute Reise, Karlchen

 

 

 

Rotraut Susanne Berner, Gute Reise, Karlchen, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-26058-0

 

 

Über ein Dutzend Bilderbücher über ihre Lieblingsfigur Karlchen hat die auch durch ihre Wimmelbücher bekannte Autorin und Illustratorin Rotraut Susanne Berner in den letzten zwei Jahrzehnte seit 2001 veröffentlicht und vielen Kindern und den vorlesenden Eltern damit viel Freude gemacht.

 

Karlchen heißt eigentlich Karl Nickel, ist drei bis vielleicht sechs Jahre alt und geht in den Kindergarte, oder ist er mittlerweile schon in der Schule? Er lebt mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Klara in einem kleinen Ort, wo auch seine Oma Nickel, sein Freund Ole und seine Cousine Käthe wohnen.

 

In „Gute Reise, Karlchen!“ geht es um das Zugfahren. In jedem Jahr in den Sommerferien fährt Karlchen mit Mama und Papa in den Urlaub. Am liebsten fahren sie mit dem Zug. In diesem Jahr darf Karlchen seine beste Freundin Monika mitnehmen.

Als er ihr kurz nach Beginn der Reise die Lokomotive zeigen will, möchte Monika lieber nach hinten durchgehen, während Karlchen durch fünf Waggons nach vorne geht, am Speisewagen vorbei, wo Süßigkeiten locken.

 

Doch er ist müde und schläft im Fahrradwaggon ein. Als er aufwacht, beginnt ein aufregendes Abenteuer um sein verlorenes Portemonnaie.

 

Doch alles geht gut aus, denn in einem fahrenden Zug kann ja nichts verloren gehen. Ein schönes Bilderbuch für Kinder ab etwa drei Jahren.

 

 

 

 

321 superschlaue Dinge, die du unbedingt wissen musst

 

 

 

 

 

Mathilda Masters, 321 superschlaue Dinge, die du unbedingt wissen musst, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-26060-3

 

Als Kind habe ich solche Bücher geliebt, auch wenn ich damals keines fand, das von so hoher Qualität in Wort und Bild war, wie das vorliegende von Mathilda Masters mit den tollen Illustrationen von Louize Perdieus.

 

Auf fast 300 Seiten hat die Autorin insgesamt 321 vergnügliche und überraschende, immer aber lehrreiche Informationen und Fakten aus allen Lebensbereichen gesammelt, die sie so aufgeteilt hat:

  • Wundersame Tierwelt
  • Dein Körper, das Wunderwerk
  • Sport ist (meistens) gesund
  • Berühmte und berüchtigte Menschen
  • Eine Reise durch die Geschichte
  • Unser toller Planet Erde
  • Auf Weltreise
  • Die wunderbare Welt der Wissenschaft
  • Über Wörter und Sprache
  • Alles, was da grünt und blüht
  • Zu den Sternen und weiter

 

In diesem Buch können sich wissbegierige Kinder ab etwa 10 Jahren verlieren. Wundern Sie sich nicht, wenn sie bald nachdem die es verschenkt haben, mit allen möglichen Informationen versorgt werden.

 

Ich hätte es damals geliebt.