Endland (Hörbuch)

 

 

 

 

 

Martin Schäuble, Endland (Hörbuch) Oetinger Audio 2017, ISBN 978-3-8373-1034-4

 

Das neue Buch des Schriftstellers Martin Schäuble ist eine hauptsächlich für Jugendliche geschriebene, aber auch für Erwachsene höchst interessante Dystopie, die einem beim Lesen jedoch wegen ihrer Realitätsnähe doch sehr unter die Haut geht.

 

Die Handlung spielt etwa zwei bis drei Jahre in der Zukunft. Eine der AfD sehr ähnliche Partei namens „Die nationale Alternative“ hat mit absoluter Mehrheit die Wahl gewonnen und die Regierung gebildet.

Die Wehrpflicht ist wieder eingeführt, Flüchtlinge heißen offiziell Invasoren, Deutschland ist aus der EU ausgetreten, hat sich politisch und wirtschaftlich isoliert. Die D-Mark  ist wieder Zahlungsmittel, das Kopftuchverbot wird streng gehandhabt und es gibt neue, national gereinigte Lehrpläne an den Schulen. Genauso wie man es im Programm der AfD lesen kann. Obwohl es bei Houllebecqs „Die Unterwerfung“ die Islamisten sind, die in Frankreich an die Macht kommen, zeichnet Schäuble bis auf ein hoffnungsvolles Ende zunächst ein ähnlich düsteres Bild, in dem mit dem Fall Franco A. die Realität sogar, selbst zu des Autors eigener Überraschung, die Fiktion überholte.

 

Zu den handelnden Personen: Da ist Anton, der gerade seinen Wehrdienst absolviert, politisch stramm rechts eingestellt ist, auf der Linie der „Nationalen Alternative“. Durch seine Homosexualität und die Tatsache, dass sein Partner Noah ein Regierungskritiker ist, ist er erpressbar und kann einen Geheimauftrag, den er bekommt, nicht ablehnen. Eine radikale Splittergruppe der Regierungspartei schickt ihn als angeblichen Flüchtling in ein Flüchtlingslager, damit er dort einen Anschlag verüben soll. Die Begegnung mit den Flüchtlingen dort verändert ihn ganz allmählich, besonders die Begegnung mit der jungen äthiopischen Flüchtlingsfrau Fana, die vor dem Hunger und dem Elend in ihrer Heimat nach Deutschland geflohen ist und deren Weg von ihrem Leben in Äthiopien bis in das Lager Martin Schäuble sensibel und genau erzählt. Er lässt sie immer abwechselnd mit Anton und Noah zu Wort kommen und erzeugt damit eine ganz besondere Authentizität der drei Personen, ihrem Umgang mit den Verhältnissen und ihrer jeweiligen Veränderung.

 

Das Buch ist gründlich recherchiert. Man spürt, dass Schäuble sich nicht nur in Äthiopien gut auskennt, sondern auch die Politik der Rechten genau studiert hat. Er hat sein Buch jenen 71 Menschen gewidmet, die in Österreich in einem Lastwagen auf der Flucht erstickten. Sie tauchen in seinem Buch auf, überleben dort aber.

 

Ein politischer Thriller für Jugendliche und Erwachsene , wie er aktueller nicht sein könnte. Den vier Personen, die dieses spannende und aufklärerische Buch in eine Hörbuchfassung gebracht haben, Florian Lukas, Jodie Ahlborn, Julian Greis und Hans Löw ist es sehr gut gelungen, die Stimmung und den Geist des Buches einzufangen und etwas von der unbedingten Hoffnung zu vermitteln, dass es sich für junge Menschen lohnt, sich dafür einzusetzen, dass es in Deutschland niemals zu solchen Zuständen kommt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Dummgeheuer Bumm

 

 

 

 

 

Helme Heine, Das Dummgeheuer Bumm, Coppenrath 2017, ISBN 978-3-649-62340-3

 

Das neue Bilderbuch von Helme Heine singt in Wort und Bild ein Loblied der kindlichen Phantasie und Kreativität, für wir Erwachsenen in all unserem  Stress viel zu selten das adäquate Verständnis aufbringen.

Das Dummgeheuer Bumm, ist ein blaues Kuscheltier, das für Erwachsene unsichtbar bleibt. Überall, wo ein Kind es gerade braucht, ist es anwesend. Dort wo ein Kind einsam ist und einen  Freund braucht. Immer dann, wenn es traurig ist und Trost braucht und keinen bekommt. Immer dann, wenn Monster seinen Schlaf bedrohen.

Es bleibt so lange, wie es von dem Kind gebraucht wird, bevor es zum nächsten weiterzieht. Helme spielt mit dem Phänomen, dass viele Kinder lange eine unsichtbaren Freund haben, mit dem sie in Kommunikation stehen, oft es ihren Eltern verheimlichend, weil diese das für nicht normal halten.

„Das Dummgeheuer Bumm“ ist eine heitere, wunderschöne Geschichte über die Sehnsucht von Kindern nach Freundschaft, über Verständnis, Anerkennung und Geborgenheit.

 

Er kommt zu jedem Kind, das ihn in sein Herz lässt.

 

 

Der Muslim und die Jüdin. Die Geschichte einer Rettung in Berlin

Ronen Steinke, Der Muslim und die Jüdin. Die Geschichte einer Rettung in Berlin, Berlin Verlag 2017, ISBN 978-3-8270-1351-4

Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat bis heute mehr als 25000 mutige Männer und Frauen geehrt, die während des Zweiten Weltkriegs Juden retteten. Diese Geschichte ist trotzdem einzigartig. Unter den „Gerechten unter den Völkern“ ist nämlich bislang nur ein Araber verzeichnet: Mohammed Helmy. Er lebte in Berlin. Den ganzen Krieg über blieb er in der Stadt. Der Ägypter balancierte ständig auf einem schmalen Grat zwischen Anpassung und Subversion, und er vollbrachte ein wahres Husarenstück, um die Nazis auszutricksen. So rettete er die Jüdin Anna Boros, indem er sie als eine Muslimin ausgab.

Ronen Steinke erzählt diese wahre Geschichte warmherzig und spannend und wirft mit seinem Buch einen Blick auf eine fast vergessene Welt, die des arabischen Berlin der Weimarer Republik. Diese Araber waren gebildet dachten fortschrittlich und waren alles andere als judenfeindlich. Manche von ihnen stellten sich in den Dienst des Nazi-Regimes, das selbst mit vielen arabischen Ländern gute Beziehungen pflegte.

Aber eine nicht unbedeutende Gruppe – und von ihr handelt diese Geschichte – bildete einen Teil des deutschen Widerstands gegen den NS-Terror.

Ein empfehlenswertes Buch.

Die Geschichte der getrennten Wege

Elena Ferrante, Die Geschichte der getrennten Wege, Suhrkamp 2017, ISBN 978-3-518-42575-6

Der hier vorliegende dritte Band der neapolitanischen Saga von Elena Ferrante mit dem Titel „Die Geschichte der getrennten Wege. Erwachsenenjahre“ ist der bisher beste und auch politischste der bisherigen Roman der auf vier Bände angelegten Reihe. Nicht nur weil er in einer ähnlichen Zeit, eben nur in Italien spielt, hat er mich in vielem an das etwa zeitgleich erschienene vierte Buch der Autobiographie Ulla Hahns mit dem Titel „Wir werden erwartet“ erinnert. Die Geschichte der getrennten Wege weiterlesen

Das Genie

Klaus Cäsar Zehrer, Das Genie, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-06998-3

1886 landet der junge ukrainische Einwanderer Boris Sidis in New York. Er hat keinen Cent in der Tasche, aber einen brillanten Geist und den großen Ehrgeiz, die Welt von Dummheit und Krieg zu befreien – durch Bildung. Wenige Jahre später, Boris ist inzwischen Harvard-Absolvent und ein berühmter Psychologe, wird sein Sohn geboren. Das Genie weiterlesen

Als die Wolke bei uns wohnte

 

 

 

 

 

Sabine Bohlmann; Susanne Straßer, Als die Wolke bei uns wohnte, Anette Betz Verlag 2017, ISBN 978-3-219-11729-5

 

Einem Mädchen fällt auf dem Weg zum Kindergarten eine Wolke auf den Kopf. Es ist eher ein Wölkchen, denn es passt problemlos in die kleine Kindergartentasche. Das Mädchen nimmt die Wolke mit nach Hause und will sie dort aufpäppeln. Nachdem es einiges ohne Erfolg probiert hat, fragt es seine Mutter, was Wolken essen, und erfährt: Wasserdampf. Das ist mit wenigen Worten (und einer kleinen Skizze) schön anschaulich erklärt, und so bastelt das Mädchen mit Spielsachen eine Vorrichtung, damit die Wolke Wasserdampf futtern kann.

Es funktioniert, und die Wolke wächst. Auf den Illustrationen ist sie eine ganz normale Wolke, ein Gesicht hat sie nicht, sie redet auch nicht. Dennoch ist sie dem Mädchen ein Freund, mit dem es spielen kann. Eines Tages entdecken Eltern und Bruder die Wolke, reagieren aber gelassen und nehmen die Wolke quasi als neues Familienmitglied auf. Die Wolke wächst allerdings rasant und hinterlässt ständig Pfützen in der Wohnung … bis der Familienrat beschließt, dass es so nicht weitergehen kann. Es heißt Abschied nehmen. Oder doch nicht?

 

Eine  schöne Geschichte von einer ungewöhnlichen  Freundschaft, witzig und kontrastreich illustriert.

 

Finanzkapitalismus. Kapital und Christentum 2

 

 

 

 

Eugen Drewermann, Finanzkapitalismus. Kapital und Christentum 2, Patmos 2017, ISBN 978-3-8436-0818-3

 

Wie man es von Eugen Drewermann gewohnt ist, geht er auch in dieser neuen Veröffentlichungsreihe mit dem Untertitel „Kapital & Christentum“ sein Thema grundsätzlich an, mit unendlich viel von ihm bearbeiteten Material, historischem und noch mehr zeitgenössischem, Verweisen auf die Literatur und unzähligen Anmerkungen und Verweisen.

 

Was in seinen früheren Büchern schon immer durchleuchtete, wird hier grundsätzlich und grundlegend behandelt: seine Kritik an der zerstörerischen Kraft des Kapitalismus. Hatte der Theologe und Psychoanalytiker früher oft auf die Folgen dieser Wirtschafts“ordnung“ und Produktionsweise für die einzelnen Menschen und ihr Zusammenleben hingewiesen, so legt er in diesem nun schon zweiten Band seiner neuen Reihe auf den Finanzkapitalismus. Es geht grundsätzlich um

  • Geld und Kapital
  • Zins als Schuldgewinn
  • Banken und Börsen

 

 

 

Immer wieder erklärt Drewermann sehr verständlich, aber wie immer mit vielen Details, die Bedeutung dieser wirtschaftlichen und finanzpolitischen Strukturen. Immer wieder betont er die historischen Zusammenhänge der gegenwärtigen Lage und formuliert Lösungswege, die einleuchtend und tatsächlich realisierbar scheinen.

 

Er plädiert für eine nachhaltige und nicht länger wachstumsorientierte Wirtschaftsform. Interessant und aufschlussreich fand ich, dass Drewermann immer wieder sein tiefenpsychologisches Fachwissen einbringt, um damit gegenwärtige globale Phänomene zu beschreiben und zu erklären.

 

Was das alles mit der christlichen Tradition zu tun hat, wird auch im zweiten Band nicht offensichtlich. Nächstes Jahr soll  der dritte Band unter dem Titel „Vom Krieg zum Frieden“ erscheinen. Vielleicht schließt sich dort der auch theologische Kreis.