Offshore. Ein Fall für Kostas Charitos

 

 

 

 

Petros Markaris, Offshore. Ein Fall für Kostas Charitos, Diogenes 2017, ISBN 978-3-257-07003-3

 

In allen seinen bisherigen Romanen der letzten Jahre hat sich der griechische Schriftsteller Petros Markaris mit seinem Kommissar Kostas Charitos, seiner Familie und seinen Kollegen und Bekannten als ein kritischer und Chronist der griechischen Verhältnisse gezeigt. Insbesondere seine Trilogie zur Finanzkrise mit den Bänden „Faule Kredite“, „Zahltag“ und „Abrechnung“ hat seinen Landsleuten schonungslos den Spiegel vorgehalten, aber auch den Lesern in Deutschland etwa eine ganz andere Sicht der tatsächlichen Lebensverhältnisse in Griechenland unter der Krise und der Knute der EU vermittelt.

 

Markaris nutzt mit Kriminalromamen ein literarisches Genre, um die gesellschaftlichen und politischen Zustände und Veränderungen der griechischen Gesellschaft im Zuge der Globalisierung  zu analysieren und zu beschreiben. Er unterhält nicht nur, sondern macht nachdenklich.

 

In seinem neuen hier vorliegenden Buch „Offshore“ hat er eine neue Regierung erfunden, unter der es in Griechenland wieder aufwärts geht, auch weil diese Regierung ideale Bedingungen geschaffen hat für ausländische Investitionen. Die Menschen können sich wieder etwas leisten und so geht auch Charitos wieder öfter essen und hat sein altes Auto auch wieder angemeldet. Seine Frau Adriani hingegen ist weiter skeptisch und traut der Lage nicht. Niemand denkt wirklich darüber nach, wo das so leicht verfügbare Geld eigentlich herkommt.

 

Dass der Mord an einem Reeder und dann auch ich an einem Regierungsbeamten, mit denen er im neuen Fall befasst ist, mit dieser neuen Entwicklung im Zusammenhang stehen könnten, das wird Charitos und dem gebannten Leser erst im Laufe der Zeit klar. Dass sein alter Widerpart auf der Seite der Journalisten, Sotiropoulos, im Laufe der Handlung brutal erschossen wird, macht nicht nur den Kommissar, sondern auch den Leser betroffen, der sich über viele Romane an diesen knorrigen und aufrechten Journalisten gewöhnt hatte. Sein Tod will mit wie ein Abgesang auf den kritischen Journalismus in Griechenland scheinen.

 

Es ist eine erfundene Situation, zugegeben, aber es könnte sein, dass diese Vision von Markaris bald schon zur harten Wahrheit in den Ländern Südeuropas werden könnte.

 

Sein Buch jedenfalls ist eine in einen Krimi gehüllte Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse in seinem geliebten Heimatland.

 

 

54 Minuten. Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe

 

 

 

Marieke Nijkamp, 54 Minuten. Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe, Fischer Verlag 2017, ISBN 978-3 8414-4016-7

 

Hier ist ein Buch anzuzeigen, das in den USA aus nachvollziehbaren Gründen ein großer Erfolg war. Es geht um das in den USA häufige Thema Amok in der Schule.

 

Das Buch beginnt am ersten Schultag des neuen Halbjahres an der Opportunity High School in Alabama. Während die Direktorin Mrs. Trenton ihre übliche Begrüßungsrede in der mit Schülern gefüllten Aula hält, haben sich zwei Schüler ins Schulbüro geschlichen, um in ihren Akten zu lesen. Draußen auf dem Sportgelände trainieren fünf Schüler und ihr Coach auf der Laufbahn für die neue Leichtathletiksaison. Wie immer ist die Rede der Direktorin exakt um zehn Uhr zu Ende. Aber heute ist alles anders.

 

Denn als die Versammlung zu Ende ist, sind die Türen der Aula verschlossen. Es gibt kein Entkommen. Der Schüler Tyler hat die gesamte High School in seine Gewalt gebracht. Es beginnt ein nervenaufreibendes Spiel zwischen dem Amokläufer und einigen Schülern, und es gibt Opfer. Denn Tyler schießt blindwütig um sich und trifft besonders diejenigen, mit denen  er eine Rechnung offen hat, Schüler, von denen er glaubt, dass sie ihm Unrecht getan haben

 

Die Autorin beschreibt die Geschichte dieses 54 lange Minuten dauernden Dramas aus der Sicht von Sylv, Tomas, Autumn und Claire. Alle vier haben oder hatten auf die eine oder andere Weise Kontakt zu dem Attentäter Tyler. Autumn  ist seine Schwester, Sylv wurde von Tyler bedroht, Tomas hat Tyler über lange Zeit fertig gemacht und Claire war eine Zeitlang mit ihm zusammen.

 

In wechselnden Abschnitten, die jeweils einen Zeitraum von nur wenigen Minuten umfassen, was die Spannung ungemein steigert, zeigt Marieke Nijkamp die unterschiedlichen Sichtweisen der vier Jugendlichen auf Tyler. In vielen Rückblenden wird nach und nach deutlich, wie es über eine lange Zeit zu einer Entwicklung gekommen ist, die an diesem Vormittag in der Aula der Opportunity High ihr grausames Ende nimmt. Beeindruckend ist, wie sich mehrere Schüler verzweifelt gegen die Entwicklung stellen und versuchen so viele Kinder wie möglich zu retten, auch indem sie ihr eigenes Leben auf das Spiel setzen. Dieser Mut sich vielleicht mit seiner letzten Lebenstat gegen den Täter zu stellen macht Mut und Hoffnung und ist , so ist man am Ende einer atemlosen Lektüre überzeugt, der Grundstein dafür, dass die Beteiligten dieses Drama in ihrem weiteren Leben auf die eine oder andere Weise überwinden werden und wieder zum Leben finden werden.

 

 

 

 

 

Menschenfischer

 

 

 

 

Jan Seghers, Menschenfischer, Kindler Verlag 2017, ISBN 978-3-463-40670-1

 

In seinem neuen sechsten Fall lässt Jan Seghers alias Matthias Altenburg seinen sympathischen Frankfurter Kommissar Robert Marthaler einem alten, einem sogenannten „kalten Fall“ nachspüren.

Ein Mord an einem Jungen im Jahr 1998 erschütterte damals das ganze Rhein-Main-Gebiet.  Der Mord an Tobias Brüning (Seghers hat sich hier wie so oft einen tatsächlichen Fall als Beispiel genommen wie er im Nachwort schreibt), dem die Kehle durchgeschnitten, Fleisch aus dem Oberschenkel genommen und die Hoden abgetrennt wurden, löste damals eine der größten Ermittlungsaktionen der Nachkriegsgeschichte aus. Doch der Täter wurde nie gefasst.

 

Marthalers alter Kollege Rudi Ferres hatte sich damals in beispielloser Aktivität mit den Ermittlungen befasst und nie aufgegeben, auch nachdem er sich in den Ruhestand nach Frankreich verabschiedete. Als nun Marthaler  2013 einen Anruf von jenem Rudi Ferres bekommt, der Fall sie wieder heiß. Angeblich seien neue Spuren aufgetaucht. Er solle sofort nach Frankreich kommen. Marthaler beißt an, obwohl ein Terroranschlag in Frankfurt alle in Atem hält und bekommt von seiner Chefin Charlotte von Wangenheim die Erlaubnis einige Tage Urlaub zu nehmen.

 

Marthaler nimmt die Akten an sich und kehrt angefixt von dem Fall nach Deutschland zurück, wo sich in der Nähe der Loreley bald eine neue Spur auftut. Dort sind zwei Roma-Jungen spurlos verschwunden.  Eine schillernde Kommissarin namens  Kizzy Winterstein ist dort mit den Ermittlungen beauftragt. Sie hat sowohl Romni als auch jüdische Wurzeln, weil beide Eltern als Babys das KZ überlebten. Eine literarische Figur, wie sie nur Jan Seghers erfinden kann.

Schon bald kommen Marthaler und Kizzy im Rahmen der Ermittlungen, die immer mehr Ähnlichkeiten zu dem Fall Brüning aufweisen, einander nicht nur dienstlich näher und es steht zu erwarten, dass Seghers mit Kizzy seinem tragischen Helden eine neue Gefährtin zugewiesen hat, die ihn  seine unglückliche Beziehung zu Tereza aus den letzten Bänden vergessen lässt.

 

Das Buch ist extrem spannend aufgebaut, wartet bis zum Ende immer wieder mit überraschenden Wendungen auf.  Jan Seghers zählt mit seinen durchrecherchierten und literarisch anspruchsvollen Politikthrillern zu den besten deutschsprachigen Autoren.

 

Weil er extrem hart und akribisch an seinen jeweiligen Büchern arbeitet, wird man nun leider wieder etwa drei Jahre auf den nächsten Band (dann wahrscheinlich wieder mit Kizzy Winterstein) warten müssen. Einen treuen Fan stört das nicht.

Tödlich Naher Osten. Eine Orientierung für das orientalische Chaos

 

 

 

 

Ulrich Kienzle, Tödlich Naher Osten. Eine Orientierung für das orientalische Chaos, sagas. Edition 2017, ISBN 978-3-9446601-2-7

 

Jeder aufgeklärte Zeitgenosse weiß es eigentlich seit Jahrzehnten. Der Nahe Osten ist ein Pulverfass, das irgendwann die Welt in Brand setzen wird. Journalisten wie Ulrich Kienzle und ganz unterschiedliche Wissenschaftlicher wie etwa Dan Diner („Versiegelte Zeit“) haben in Artikeln und Büchern seit langer Zeit immer wieder darauf hingewiesen. Unzählige Friedensinitiativen zwischen Israel und den Palästinensern sind fehlgeschlagen, die schwierige Situation hat sich immer weiter zugespitzt.

 

 

Nun ist seit Beginn des Syrienkrieges und dem immer erbitterteren Bruderkrieg zwischen Sunniten (Saudi-Arabien) und Schiiten (Iran) mit seinen zahlreichen Stellvertreterkriegen (z.B. Jemen) die Situation nicht nur dort noch explosiver geworden. Nicht nur durch die unzähligen Flüchtlinge, die sich von dort auf den Weg nach Europa machen, sind wir in Westeuropa und spezielle in Deutschland ganz nah dran an dem „tödlich Nahen Osten“.

 

Ulrich Kienzles neues Buch versucht  auf eine ganz besondere Weise so etwas wie „Orientierung für das orientalische Chaos“  zu schaffen für den deutschen Leser, der Kienzle aus seiner jahrelangen Fernsehsendungen noch kennt und schätzt.

 

Aus jedem Land des Nahen Ostens, das er aktuell beschreibt, stellt er in kurzen Gesprächen einen Menschen vor, der zur Zeit in Deutschland lebt, weil er dort bedroht war oder aus anderen Gründen fliehen musste. So gibt er seinen aufschlussreichen Geschichten authentische Gesichter und bricht die große Politik auf eine private Ebene herunter. Doch er blickt auch zurück in die Geschichte, berichtet von seiner Zeit als Nahost Korrespondent – und von seinen aktuellen Reisen.

 

Anhand der elf persönlichen Geschichten erklärt anhand von elf Ländern und Regionen des Nahen Ostens die wesentlichen Zusammenhänge der Konflikte zwischen Religion und Terror, Ost und West, Staaten und Ethnien.

 

Das Buch ist aufschlussreich, vermag aber so wie andere auch keine wirkliche Hoffnung vermitteln, dass sich an diesem Chaos im Orient in absehbarer zweit irgendetwas ändert, einfach deshalb, weil es keine gibt.

 

Unsere Außenpolitik scheint relativ hilflos angesichts dieser Diagnose. Ein Hochexplosiver Zustand, der uns auch ohne Flüchtlinge noch Jahrzehnte in Atem halten wird.

 

 

Wenn die Nacht erwacht

 

 

 

Louise Greig, Ashling Lindsay, Wenn die Nacht erwacht, Gerstenberg 2017, ISBN 978-3-8369-5958-2

 

Der Übergang vom Tag zur Nacht hat schon immer Menschen zum staunenden Nachdenken und zu poetischen Beschreibungen geführt. Das vorliegende zuerst 2016 in London erschienene Bilderbuch von Louise Greig und Ashling Lindsay versucht dieses Staunen und diese geheimnisvollen Stimmung, „wenn die Nacht erwacht, für kleine Kinder ab etwa 3 Jahren in Wort und Bild lebendig zu machen.

 

In sparsamen und dennoch sehr dichten Worten  erzählt das Bilderbuch, wie der kleine Max dieses Geschehen in der Wohnung seiner Eltern, draußen vor dem Fenster und in seinem Zimmer beobachtet.

Wohin geht der Tag, wenn er müde ist? Und woher kommt die Nacht?  Max hat eine Nachtkiste in seinem Zimmer, und wenn die Nacht abends munter wie ein Schelm aus der Kiste heraussaust, begrüßt sie Max freundlich. Und mit diesem Zutrauen kann er ruhig schlafen in seinem warmen Bett.

Und am Morgen ist es umgekehrt. Die Nacht schlüpft in die von Max geöffnete Kiste und  der Tag saust heraus:

„Der Tag atmet in die Blätter,

Stille fliegt aus den Bäumen,

Gelb steigt aus den Dächern

Und ein neuen Lied beginnt.“

 

Ein  wunderschönes poetisches Bilderbuch.

 

 

Meine neue Mama und ich

 

 

 

Renata Galindo, Meine neue Mama und ich, NordSüd Verlag 2017, ISBN 978-3-314-10394-0

 

Mit diesem wunderbaren, in einer knappen und reduzierten Bildsprache erzählten Bilderbuch ist es der Amerikanerin Renata Galindo sehr gut gelungen, das in der Kinderliteratur selten angesprochen und dargestellte Thema der Adoption kindgerecht aufzubereiten.

Der kleine Hund, der seine Geschichte erzählt, ist von einer Katze adoptiert worden: „Als ich zum ersten Mal zu meiner neuen Mama heimkam, war ich sehr aufgeregt. Dies würde mein neues Zuhause sein“, erzählt der rotbraune Welpe. Dass seine Mama so ganz anders aussieht als er, verunsichert ihn zuerst und er versucht so auszusehen wie seine Mama, die ein gestreiftes Fell hat. Doch bald schon lernt er, mit Unterschieden umzugehen und sich nicht um die Meinung der anderen zu kümmern. Seine neue Mama macht alles für ihn. Sie backt Pfannkuchen, tröstet ihn, wenn er hingefallen ist. Sicher, manchmal ist er auch wütend und traurig, ohne genau zu wissen warum. Doch seine Mama versteht auch das: „Mama lernt, meine Mutter zu sein, ich lerne, ihr Kind zu sein. Wir lernen beide, eine Familie zu sein.“

 

Es ist eine einfühlsam und warmherzig erzählte Geschichte, die eine n tief berühren kann. Es geht um Liebe, Vertrauen und Geborgenheit in einer nicht ganz gewöhnlichen Familie, die sich erst neu finden muss.

 

Das Thema Adoption wird zwischen den Zeilen hervorragend beschrieben aus der Sicht eines betroffenen Kindes. Ein preiswürdiges Bilderbuch.

 

 

Das Papiermädchen

 

 

 

 

Guillaume Musso, Das Papiermädchen, Piper 2017, ISBN 978-3-492-30856-4

Der neue wieder überaus spannende Roman des französischen Erfolgsautors Guillaume Musso ist in Frankreich schon 2010 erschienen und wird jetzt , vielleicht wegen einer Schreibpause des Autors, von Piper als neuer Bestseller präsentiert.

 

Es ist zu hoffen, dass es ihm nicht so geht,  wie seinem Protagonisten in dem Roman „Das Papiermädchen“. Tom Boyd hat es geschafft, in den letzten Jahren ein so erfolgreicher Schriftsteller zu werden, dass er es sich leisten kann, in Malibu in einer großen Villa zu leben. Über viele Monate war er in einer leidenschaftlichen Beziehung mit einer weltberühmten Pianistin zusammen. Doch die hatte kein wirkliches Interesse an einer längerfristigen und festen Bindung und so ging die Beziehung in die Brüche. Diese Trennung stürzt Tom in seine bisher größte Lebenskrise. Er stürzt total ab, verfällt Drogen und Alkohol, und als sein Freund und langjähriger Berater Milo ihm auch noch gestehen muss, dass er durch die Finanzkrise nicht nur sein ganzes eigenes Vermögen , sondern auch das von Tom, das er verwaltete., verspielt hat, sieht Tom keine wirkliche Zukunft mehr für sich. Obwohl sein Verlag auf den dritten Band einer auf der ganzen Welt erfolgreichen Romantrilogie drängt, weigert sich Tom, auch nur eine einzige Zeile zu schreiben. Auch seine Jugendfreundin Carole, eine Polizistin, die neben Milo versucht, ihn aus seinem tiefen Loch herauszuholen, ist hilflos.

 

Da passiert eines Abends etwas sehr Seltsames, wie meist in den Büchern von Musso, etwas Magisches und Fantastisches, etwas jenseits aller normalen Realität. Eine Frau steht vor seiner Tür und behauptet, sie sei „Billie“, eine Figur aus einem seiner Bücher. Aufgrund einer Panne in der Druckerei ist die neueste Ausgabe des Buches fehlerhaft gedruckt worden. Mitten im Buch bricht der Text mit den Worten „schrie sie und fiel“ ab. Jene Frau, die behauptet Billie zu sein, erzählt ihm, deshalb sozusagen aus dem Buch herausgefallen zu sein aus der Fiktion in die Realität. Der skeptische Tom prüft sie mit Fragen zu seiner Figur, die nur er kennen kann. Als Billie sie alle richtig beantwortet, wächst bei ihm die Überzeugung, sie habe Recht.

Langsam beginnt sie ihm davon zu überzeugen, dass er unbedingt den dritten Band seiner Engeltrilogie schreiben müsse, um ihr endlich in der Fiktion ein anderes Leben zu geben. Der Leser ahnt es schon bald: hier bahnt sich eine ganz ungewöhnliche Liebesgeschichte an.

 

Bis gegen Ende des ersten Drittels wartet man vergeblich auf die von Musso gewohnte Spannung und Tempoaufnahme der Handlung, aber dann geht es los. Während Milo und Carole ihren Freund Tom in einer Klinik zu einer fragwürdigen Therapie unterbringen wollen, springt Tom aus dem Fenster und flieht mit Billie zunächst nach Mexiko, wo er seiner Pianistin noch einmal begegnet und ernüchtert auch innerlich sich von ihr verabschiedet.

 

Doch das ist erst der Beginn eines dramatischen Abenteuers, das Tom und Billie, aber auch Milo und Carole, die ihnen folgen, bis nach Paris führt. Währenddessen macht das einzige bei einer Einstampfungsaktion des Verlags übriggebliebene Exemplar des Fehldrucks eine erstaunliche Reise, die auf magische Weise mit dem gesundheitlichen Zustand von Billie zusammenhängt…

 

Viele überraschende Wendungen, die man von Musso gewohnt ist, erzeugen eine fast unerträgliche Spannung bis zu einem nicht für möglich gehaltenen überraschenden Ende.

 

 

Die Liebe in dunklen Zeiten. Partnerschaft und Depression – Erfahrungen einer Angehörigen

 

 

 

 

Alina Bach, Die Liebe in dunklen Zeiten. Partnerschaft und Depression – Erfahrungen einer Angehörigen, Dumont 2017, ISBN 978-3-8321-9862-6

 

Unter dem Pseudonym Alina Bach hat eine deutsche Kinderbuchautorin und Journalistin hier ein beeindruckendes und bewegendes Buch und persönliches Zeugnis vorgelegt, das anders als die vielen aktuellen Bücher über Depression und ihre Behandlung den Fokus ganz auf die Situation der Angehörigen von an Depression erkrankten Menschen legt.

 

Alina Bach  Jannis Küster trifft, fühlt sie sich vom Leben beschenkt. Es beginnt eine Liebe voller Lebensfreude und Lust, Empathie und Respekt. Doch schon bald bemerkt sie gravierenden Veränderungen im Verhalten des Menschen den sie liebt, wie nie einen anderen zuvor.  Jannis kehrt sich mehr und mehr in sich hinein, ist unendlich müde, zeigt sich unfähig am normalen gesellschaftlichen Leben teilzunehmen und hat schon bald kein Interesse mehr an Sex und Nähe mit seiner Partnerin.

 

Es dauert sehr lange, bis beide begreifen, dass sie es mit einer ausgewachsenen Depression zu tun haben. Das Buch erzählt von „unserer Reise durch Jannis` dunkle Zeit“ ein Weg, der sich über insgesamt neun(!) Jahre erstreckt.

 

Immer ihre eigene Situation kenntnisreich reflektierend erzählt sie sehr persönlich aber völlig unsentimental von dieser Reise durch die Dunkelheit und hat dabei als Leser immer die Angehörigen von anderen Depressionskranken im Blick, die sie anspricht und durch ihre eigene schwere Geschichte ermutigen will, sich durch die Krankheit nicht zerstören zu lassen.

 

Ein hilfreiches Glossar erklärt wichtige Begriffe, die verwendet werden und ein Kapitel „Literaturen“ macht nachvollziehbar, mit welchen literarischen und wissenschaftlichen Texten sich die Autorin über diese ganze Zeit beschäftigt und auseinandergesetzt hat.

 

Tage ohne Hunger

 

 

Delphine de Vigan, Tage ohne Hunger, Dumont 2017, ISBN 978-3-8321-9837-4

 

Mit ihren Romanen „Das Lächeln meiner Mutter (2013) und „Nach einer wahren Geschichte“ 2016) wurde die 1966 geborene französische Schriftstellerin Delphine de Vigan auch in Deutschland einem größeren Publikum bekannt.

 

Die Art und Weise, wie sie in beiden bei Dumont in Köln erschienenen Romanen biographische Erfahrungen literarisch verarbeitete, hat mich damals sehr angesprochen und begeistert.

 

Durch diesen Erfolg ermutigt, hat der Dumont Verlag nun ein Buch veröffentlicht, das 2001 das literarische Debüt de Vigans war und das sie damals wohl auch wegen dem biographischen Charakter und der sehr persönliche  Thematik unter dem Pseudonym Lou Delvig veröffentlichte.

 

In „Tage ohne Hunger“ erzählt sie von der 19-jährigen Laure, die unter einer schweren Magersucht leidet. Als die Krankheit ihr Leben bedroht und ohne rasche Hilfe der baldige Tod droht. Wer den Arzt, der sie anruft und ihr regelrecht befiehlt, sofort in seine Klinik zu kommen, über ihren Zustand informiert hat, bleibt im Dunkel.  Sie wartet noch einige Tage, unschlüssig, was sie tun soll: „In ihrem Bauch klopfte der Tod, sie konnte ihn berühren.“ Und sie wählt die Nummer des Krankenhauses.

 

Dort macht sie jeden Tag Notizen darüber, was mit ihr passiert, wie sie sich fühlt. Sie schreibt über ihre Beziehung und ihre Beziehung zu ihrem Arzt, Dr. Brunel und zu manchen ihrem Mitpatienten.  Sie berichtet ihrem Notizbuch von ihrem dauernden Kampf, von ihrer Sehnsucht nach dem alten Zustand, von der Kraft, die sie aufbringt, durchzuhalten und was ihr dabei hilft.

 

Diese Notizen werden ihr Jahre später, als sie längst wieder in ein normales Leben zurückgekehrt ist und Mutter zweier Kinder geworden ist, helfen, dieses Buch zu schreiben, unter dem Schutz eines Pseudonyms, aber nicht weniger offen und ehrlich. Später dann wird sie mit ihren weiteren Romanen auch öffentlich mit ihrem Namen dafür stehen, dass sie persönlich Erlebtes und Erfahrenes auf eine Weise literarisch verarbeitet, die dem Leser Respekt abringt.

 

„Noch heute sagt sie trotz der vielen Jahre, die vergangen sind, und trotz der Lebensfreude, die sie wiedergefunden hat, genau das, wenn sie davon spricht: Er hat mir das Leben gerettet.“

 

Eine ganz außergewöhnliche und wertvolle Heilungsgeschichte, die unter die Haut geht und nicht nur Betroffenen Mut zum Leben vermittelt.

Ein Himmel für Oma

 

 

 

 

 

 

 

Antonie Schneider, Betina Gotzen-Beek, Ein Himmel für Oma, Coppenrath 2017, ISBN 978-8157-7003-0

 

Nach wie vor ist in unserer Gesellschaft das Thema Sterben und Tod von starken Tabus geprägt. Ich will einmal die These aufstellen, dass diese, nach meiner Einschätzung zunehmende Tabuisierung mit der Tatsache zusammenhängt, dass früher breite Schichten tragende und tröstende religiöse Vorstellungen und Interpretationen nicht mehr tragen und wirken.

 

Wenn Erwachsene schon selbst mit diesem Thema für sich selbst und untereinander eher vermeidend umgehen, dann tun sie erst recht im Verhältnis zu ihren Kindern. Diese kennen noch nicht die herrschenden Tabus und stellen ihren Eltern und Großeltern Fragen über das Sterben und den Tod, wenn sie damit konfrontiert sind.

 

Eltern reagieren dann oft unsicher. Sie scheuen sich über etwas so Unbegreifliches zu sprechen und fragen sich, ob ihr Kind die Wahrheit verkraftet.

 

Das vorliegende Bilderbuch von Antonie Schneider im Coppenrath Verlag, der zuletzt mit „Als Mama nur noch traurig war“ sich einem ähnlich tabuisierten Thema zuwandte), will Eltern dabei unterstützen, offen und doch behutsam mit ihren Kindern über das Thema Tod zu sprechen, wenn diese danach fragen oder wenn es in der Familie durch den Tod etwa von Großeltern auftaucht.

 

In der Geschichte hier geht es um die beiden Geschwister Lena und Valentin , ihre Oma und deren neuer gelber Vogel Chaja. Chaja bedeutet „Leben“ erklärt die Oma ihren Enkeln. Und bald schon ist der Vogel in das gemeinsame Leben mit Eltern, Oma und Kindern integriert.

 

Doch als es Winter wird, wird Chaja krank und irgendwann stirbt der kleine Vogel. Die ganze Familie begräbt ihn im Garten.

Später fragt der kleine Valentin seine Oma, ob sie auch einmal sterben wird, und die Oma antwortet ihm ehrlich und erzählt im Geschichten von Chaja und hält den Vogel so für den kleinen Jungen lebendig.

 

Als irgendwann auch die Oma schwach und bettlägerig und schließlich stirbt sie. Und die ganze Familie hat von ihr gelernt, dass sie über das Geschichtenerzählen in ihren Herzen weiterlebt.

 

Ein warmherzig erzähltes Bilderbuch über Sterben und Tod, Abschied und Trauer und wie liebe Menschen und Wesen in unseren Herzen weiterleben.

 

Die Fachberaterin für Psychotraumatologie Anna Pein hat auf den letzten beiden Seiten, die sich an die vorlesenden Eltern richten, etliche hilfreiche Erklärungen und Hinweise gegeben.