Drüber & Drunter. In aller Welt

 

 

 

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Anne-Sophie Baumann, Drüber Drunter. In aller Welt, Gerstenberg 2016, ISBN 978-3-8369-5925-4

 

Wie sieht die Welt eigentlich von unten aus? Was ist unter dem Polareis, unter einem Vulkan, munter einer Insel, unter der Wüste  und unter dem Regenwald?  Welche Tiere leben dort oder finden ihren Unterschlupf, welche Bodenschichten gibt es dort schon seit ewigen Zeiten und welche Bedeutung haben sie?

 

Mit einem Bilderbuch in ungewöhnlichem Format (32×15) laden Anne-Sophie Baumann und Charline Picard kleine Kinder ab etwa 4 Jahren zu einer Entdeckungsreise unter die Erde ein. Erstaunlich, wieviel Leben es gibt unter der Erde.

 

Viele große und kleine Klappen müssen geöffnet werden, damit die Geheimnisse und Überraschungen des Untergrunds gelüftet werden können. Das Buch bietet viele Informationen, spart aber auch nicht mit lustigen Einwürfen, zum Beispiel dem alten Moped eines wohl in der Wüste Verirrten.

 

Sehr zu empfehlen.

Ich hab dich unendlich lieb…..

 

 

 

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Astrid Debordes, Pauline Martin, Ich hab dich unendlich lieb…, Kleine Gestalten 2016, ISBN 978-3-89955-764-0

 

Dieses Bilderbuch richtet sich an Kinder ebenso wie an Erwachsene. Es erzählt in einer klaren und aufrichtigen Sprache, die von Claudia Sandberg ins Deutsche übertragen wurde, von einer Mutter und ihrem Sohn Max. Der Vater kommt zwar auch vor, hauptsächlich geht es aber in diesem Buch um die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind.

Mit vielen aus dem Alltag des Sohnes herausgegriffenen Beispielen antwortet die Mutter auf die Frage, die jedes Kind bewegt: „Mama, wirst du mich eigentlich für immer liebhaben?“

Und es ist die absolute Bedingungslosigkeit dieser mütterlichen Liebe, die überzeugt und bewegt. Kinder und Müttern werden, wenn sie dieses Buch miteinander lesen und betrachten, vielleicht noch weitere Lebenssituationen entdecken und identifizieren, in denen diese Liebe wahrhaftig wird.

Besonders gut hat mir das Sprachspiel gefallen: „Ich hab dich liebe, wenn du dich anlehnst, und wenn du dich auflehnst.“

Die Illustrationen von Pauline Martin korrespondieren ideal mit dem von Astrid Desbordes gefundenen Wortbeispielen. Sie erwecken sie geradezu zum Leben.

Das Bilderbuch hat mich ein wenig an den Klassiker von Sam McBratney erinnert, der 1994 unter dem Titel „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?“ erschienen und seither über zwei Dutzend Auflagen erlebte.

Bobby

 

 

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Eddie Joyce, Bobby, DVA 2016, ISBN 978-3-421-04651-2

 

Eddie Joyce, der Autor dieses empfehlenswerten Romans ist in Staten Island geboren und aufgewachsen. Man spürt seinem Romandebüt auf fast jeder Seite ab, wie sehr er diesen Stadtteil von New York liebt, der unter den Bezirken New Yorks schon immer die geringste Bedeutung hatte.

Eddie Joyce Roman beschäftigt sich mit den Langzeitfolgen des Anschlages auf die Zwillingstürme in New York am 11. September 2001 und er hat sich eine ganz normale Familie aus Staten Island dafür ausgesucht. So wie der Familie des bei dem Anschlag ums Leben gekommenen Feuerwehrmannes Bobby Amendola geht es in New York noch vielen Familien, in denen auch nach 15 langen Jahren die Wunden, die dieser weltweit schlimmste Terroranschlag gerissen hat, längst nicht verheilt sind.

Das Buch handelt vom Leben der irisch-italienischen Einwandererfamilie Amendola, von Gail und Michael und ihren drei Söhnen Peter, Franky und Bobby.

In der Gegenwartsebene arbeitet Peter als erfolgreicher Anwalt in Manhattan, schlittert jedoch gerade in meine große Lebenskrise, Franky ist schwer alkoholabhängig und bekommt zum Leidwesen seiner Eltern sein Leben einfach nicht in den Griff und Bobby ist seit zehn Jahren tot.

Dessen Witwe Tina hat einen neuen Mann kennengelernt und es ist letztlich diese Tatsache, die bei allen Familienmitgliedern die Wunde des Todes von Bobby neu aufreißt. Denn Wade, so heißt der Mann, soll zusammen mit Tina zum Geburtstag von Klein-Bobby zum ersten Mal in der Familie eingeführt werden.

Wie werden alle das aufnehmen? Was wird geschehen? Wie wird sich die Familie in der Zukunft entwickeln?  Doch Eddie Joyce bleibt nicht nur in der Gegenwart, sondern er lässt insbesondere Gail immer wieder sich erinnern. Ihr Gedächtnis und das des auktorialen Erzählers blättern sich vor dem Leser auf wie ein Album, wie ein familiäres Tagebuch, das zurückreicht bis in Zeit der Einwanderung der beiden Familienstränge. Und es ist ein Dokument eines sich verändernden Stadtteils New Yorks.

Im Original trägt der 2015 bei Random House in New York erschienene Roman den Titel „Little Mercies“. Das kann man übersetzen mit „Kleine Gnaden oder Barmherzigkeiten“. Und von solchen Gnadenmomenten, von solchen Zeiten und Augenblicken der Freude in einer Familie, in der bei allen Mitglieder auch noch nach zehn Jahren immer der Schleier des Schmerzes über jeder einzelnen Seele liegt so wie damals der Staub über Manhattan, erzählt ein Buch, das mich gefangen nahm, mich berührte und mir ein Stück Geschichte erzählte von New York und Staten Island und von Basketball, jenem Spiel, das Bobby so liebte.

Ein Buch mit einer sanften, einer segensreichen Botschaft: so groß der Schmerz auch ist, die „little mercies“ werden ihn langsam aber sicher aushöhlen und verwandeln in neues Leben und neuen Lebenssinn.

 

 

Die Kinderbibel zum Vorlesen

 

 

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Sabine Rahn, Die Kinderbibel zum Vorlesen, Ellermann 2015, ISBN 978-3-7707-2121-4

 

Diese hier in einer Neuauflage vorliegende Kinderbibel von Sabine Rahn mit wunderbaren Illustrationen von Britta Gotha zeichnet sich vor allem  durch ihre Verständlichkeit aus.

Sabine Rahn möchte Kinder die Welt und die Geschichten der Bibel nahebringen und vor allen Dingen von der Botschaft von Jesus Christus erzählen.

Ihre Übertragung ist lebendig, kindgerecht und dort, wo sie es nötig fand, in kursivem Druckbild mit eigenen Erläuterungen ergänzt. Ich halte das für absolut legitim, weil Bibellektüre und  -nacherzählung immer schon Interpretation ist. Natürlich kann sie nicht alles erzählen, deshalb beschreibt sie immer wieder in eigenen Worten und kursiv gedruckt „wie es weiterging“, bevor sie zu einem nächsten Abschnitt in der Bibel kommt.

Sabine Rahns Interpretationen sind natürlich theologisch anfechtbar. Sie sind geprägt von einer modernen zeitgenössischen Auslegung und mögen sehr konservativen Christen für ihre Kinder als ungeeignet erscheinen.

 

Ich hingegen finde diese Kinderbibelausgabe hervorragend gelungen.

Alles im Griff

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Martin Suter, Alles im Griff, Diogenes 2016, ISBN 978-3-257-24342-0

 

Martin Suter ist ein Meister kurzer Texte, mit denen er schon seit über zehn Jahren aus der „business class“ berichtet. Dass er nebenbei auch wunderbare lange Romane mit hoher literarischer Qualität schreibt und mit der Allmen-Reihe eine bemerkenswerte Krimifigur erfunden hat, sei hier nur erwähnt.

Die hier unter dem Titel „Alles im Griff“ publizierte „business soap“ ist in ihren einzelnen Kapiteln schon vor über zehn Jahren erschienen. Sie wurden 2004 zwischen März und Dezember im Magazin des „Tages-Anzeigers in Zürich zuerst veröffentlicht. Böse, bissig und zynisch mit viel schwarzem Humor verschafft Martin Suter seinen Leser wieder Einblicke in die seltsame Welt des Managements und der business class.

Tobler heißt der Held des neuen Buches. Sehr bewusst und mit konkreten Karriereabsichten und  -plänen hat er neu bei der Firma CRONSA angefangen. In seiner alten Firma waren alle „Beförderungskanäle verstopft“. Er denkt, die neue Firma sei dagegen dynamisch und kein Ort für Sesselkleber.

Doch schon bald wird klar – dem Leser noch früher als dem tragischen Held – dass auch in der neuen Firma er mit dem alten Problem konfrontiert ist. Sehr gekonnt und stilistisch scharf beschreibt Suter die tägliche Anstrengung, das Buckeln und Treten, den Kampf um Anerkennung und Aufstieg, die Beziehungen unter den Kollegen und deren familiäres Umfeld.

Von Geschichte zu Geschichte (jeweils etwa zwei Seiten) spitzt sich die Lage zu und endet in einem überraschenden Schluss.

Doch, so heißt es am Ende des Epilogs?

„Von Tobler wird man noch hören.“

In einem nächsten Buch? Köstliche Lektüre für nebenbei.

 

 

Glauben im Zweifel

 

 

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Norbert Scholl, Glauben im Zweifel. Der moderne Mensch und Gott, Lambert Schneider 2016, ISBN 978-3-650-40145-8

 

Der emeritierte katholische Theologieprofessor Norbert Scholl versucht in diesem vorliegenden Buch all jene Menschen anzusprechen, die die Erkenntnisse moderner Naturwissenschaften und einen persönlichen Glauben an Gott vielleicht schon seit langem nicht mehr zusammen bringen können.

Da gleichzeitig immer mehr Menschen sich auf die Suche nach dem „Anderen“, etwas Höheren, nach Transzendenz ihres begrenzten Lebens machen und sich danach sehnen, entsteht eine schmerzhafte Lücke, die Norbert Scholl sehr verständlich und materialreich zu schließen sucht.

Auf der einen Seite untersucht er die Ansätze bei den Naturwissenschaften du  konstatiert: „Trotz oder wegen aller unbestreitbar großen Erfolge in der Erforschung des Universum, seiner Rätsel und Geheimnisse zeigt sich, dass jede gewonnene Antwort und jede neue Erkenntnis wieder neue Fragen aufwerfen“.  Die Leugnung der Existenz einer transzendenten Kraft sei wissenschaftlich unhaltbar.

Und er sucht auf der anderen Seite Ansätze bei der Theologie und zeigt, „dass eine ‚nachmetaphysische‘ Gottesvorstellung und das sich daraus ergebende ‚neue Denken von Gott‘ sich durchaus mit den Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaften vertragen.“

In diesem Zusammenhang bekomme auch das Beten einen neuen Sinn.

Ein lehrreiches, kluges Buch für Naturwissenschaftler und Theologen und für alle Menschen, die das kritische Fragen lieben und sich sehnen nach der transzendenten Kraft, die sie ins Leben gerufen hat und trägt.

 

 

 

Finsternis in Deutschland

 

 

 

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Ernestine Amy Buller, Finsternis in Deutschland, Elisabeth Sandmann 2016, ISBN 978-3-945543-09-2

 

Siebzig Jahre hat es gedauert, bis das vorliegende Buch auf Deutsch erschienen ist. Vielleicht deshalb, weil niemals zuvor in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands eine die Wiedergeburt rassistischer und völkischer Vorstellungen und Haltungen so stark gewesen ist wie heute, wo ein quer durch Europa grassierender Rechtspopulismus (das Wort beschreibt es bei weitem nicht zutreffend, was gerade in Europa geschieht) auch in Deutschland nicht haltmacht und weitaus mehr Menschen anzieht als es sich in Wahlergebnissen der AfD ausdrückt.

Wie gerät ein ganzes Volk in die Fänge des Extremismus und was denken ganz normale Menschen darüber? Diese Frage hat auch in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts die Engländerin Ernestine Amy Buller beschäftigt, die zwischen 1934 und 1938 mehrfach nach Deutschland reiste, und eine Vielzahl von Gesprächen  mit Menschen aller Gesellschaftsschichten führte.

„Dieses Buch beruht ausschließlich auf tatsächlich von mir Erlebtem. Manche der geschilderten Begebenheiten stimmen bis ins kleinste Detail, bei anderen habe ich aus Gründen der Verschleierung Kleinigkeiten verändert. Weshalb das nötig war, dürfte der Leserschaft unmittelbar einleuchten.“

Obwohl viele ihrer Gesprächspartner mit Verfolgung rechnen mussten, sollten ihre Äußerungen publik werden, redeten sie erstaunlich offen. Viel differenzierter als man heute annehmen würde, sind die Stimmen vieler dieser Zeitzeugen ein Beleg dafür, wie auf der einen Seite sehr viel vor allem innerer Widerstand gegen die herrschende Ideologie der Nazis  vorhanden war, auf der anderen Seite aber auch dafür, wie stark das Regime schon in seinen Anfängen kritische Menschen brach und zur Anpassung zwang.

Als ich dieses hochaktuelle Buch las, erinnerte ich an einen Besuch der Darmstädter Inszenierung des Musicals Cabaret und eine Stelle, die ich früher immer übersehen und überhört hatte und die mir dieses Mal so unter die Haut ging, dass ich im Theater zu frieren begann.

Nachdem der Nazi Ernst Ludwig der Zimmervermieterin Fräulein Schneider, die einen Heiratsantrag des jüdischen Kaufmanns Herrn Schulz annehmen will, unverhohlen droht und sie ihr amerikanischen Gast Clifford Bradshaw für die Lösung der Verlobung tadelt, singt sie eine bewegende und berührende Arie, in dem sie ihren jungen Gegenüber immer wieder fragt: „Was würdest du tun?“

Und ich saß in meinem Sessel, fühlte mich angesprochen und wusste keine Antwort.

Für das, was spätestens nach den sechziger Jahren undenkbar war, und das nun im Gewand des Rechtspopulismus wieder aufersteht, hat niemand unter den Intellektuellen, niemand unter den Politikern, niemand in der Zivilgesellschaft eine wirkliche Antwort.

Und das macht mir Angst. Was das für unsere Kinder bedeutet, hat Heinrich Wefing in der ZEIT vom 30.6.2016 eindrücklich beschrieben.