Der kleine rote Pullover

 

 

 

 

Brigitte Weninger, Katharina Sieg, Der kleine rote Pullover, Annette Betz Verlag 2017, ISBN 978-3-219-11740-0

 

Eine in ein lustiges Rätsel verkleidete heitere Wintergeschichte erzählt Brigitte Weninger in ihrem neuen Bilderbuch, das im Wiener Annette betz Verlag erschienen ist und das Katharina Sieg ansprechend und farbkräftig illustriert hat.

 

Sie beginnt damit, dass der Vater der Rabenfamilie eines Tages einen roten Kinderpullover von der Wäscheleine stiehlt und ihn  dann stolz seiner Frau zeigt. Vater Rabe will mit dem Pullover ein Dach für das Nest seiner Kinder bauen. Doch seine Frau ist dagegen und schimpft, denn die Farbe Rot locke doch nur den Falken an. Vater Rabe wirft den roten Pullover weg, der nun eine besondere Reise unternimmt, indem er verschiedenen Waldbewohnern zu ganz unterschiedlichen Zwecken dient, bis ich am Ende der Förster wiederfindet und ihn als das Kleidungsstück wiedererkennt, das von der Wäscheleine seines Hauses verschwunden war.

 

Er wundert sich und fragt sich, was die verschiedenen Spuren, die die Tiere in der Wolle hinterlassen wohl zu bedeuten haben. „Aber der kleine rote Pullover verriet es nicht.“

 

Die Kinder werden es nach dem Vorlesen besser wissen. Eine schöne Geschichte mit absolut gelungenen und sympathischen Tierfiguren. Die Kinder werden ihre Freude an diesem Bilderbuch haben.

 

 

 

Sommer-Wörter-Wimmelbuch

 

 

 

 

Rotraut Susanne Berner, Sommer-Wörter-Wimmelbuch, Gerstenberg 2017, ISBN 978-3-8369-5611-6

 

Viele Jahrgänge von Kindern sind seit etwa 2004 mit den schlussendlich fünf Bänden der Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner aufgewachsen, haben mit ihnen erkennen und benennen gelernt, konnten mit Hilfe der mit ihnen die großen Bücher immer wieder betrachtenden Eltern die in den Wimmelbüchern verborgenen Geschichten identifizieren und mit ihrer eigenen Phantasie weitererzählen.

Unser Sohn hat über viele Jahre, seit er etwa eineinhalb war, diese Bücher geliebt und kannte die Namen aller auftretenden Personen. Denen, die von Rotraut Berner ohne Namen gelassen worden waren, gab er welche und die Geschichten, die er um sie herum erfand, waren jedes Mal lustig und lebendig.

 

Als ich das neue Sommer-Wörter-Wimmelbuch in die Hände bekam, habe ich mich gern an diese schöne Zeit erinnert. Berner hat aus dem alten Sommerwimmelbuch ein hochkantiges Buch gemacht, das auf jeder Doppelseite verkleinert die alten Bilder zeigt, aber im unteren Fünftel ein kleines Wörterbuch gezeichnet mit den Objekten, die auf der jeweiligen  Seite zu sehen sind. Die Kinder können deshalb neben dem Betrachten der Bilder und dem Erfinden von Geschichten auch die Objekte und Dinge, die unten abgebildet und benannt sind, suchen, finden und ihren Namen aussprechen lernen.

 

Eine schöne Idee. Bei dieser ganz neuen Art, die Welt von Wimmlingen zu entdecken, lernen die Kinder spielerisch, wie die Dinge heißen und wie ihre Namen geschrieben werden.
 

 

Auch Prinzessinnen müssen mal pupsen

 

 

 

 

Ilan Brenman, Magali Le Huche, Auch Prinzessinnen müssen mal pupsen, arsedition 2017, ISBN 978-3-8458-1639-5

 

Wie viele Mädchen in ihrem Alter begeistert sich die kleine Laura für Prinzessinnen und kennt auch einige: Cinderella, Schneewittchen und natürlich die kleine  Meerjungfrau.

 

Eines Tages kommt sie ganz aufgeregt aus dem Kindergarten und rennt gleich mit einer sie quälenden Frage zu ihrem Vater. Ihr Freund Marcello hat Cinderella abfällig als Pups-Prinzessin bezeichnet, was Laura zu der Frage führt: Müssen Prinzessinnen auch pupsen?

 

Ihr Vater reagiert verständnisvoll und mit viel Phantasie. Er zieht das „geheime Buch der Prinzessinnen“ aus dem Regal und erzählt ihr die Geheimnisse, wie Cinderella, Schneewittchen  und auch die kleine Meerjungfrau in bestimmten Situation gepupst haben.

 

Er macht da so gut, dass Lauras Bewunderung für Prinzessinnen keinen Schaden nimmt.

Ein schönes Buch für kleine Prinzessinnen und ihre Väter.

Der Weihnachtswichtel und der kleine Bär

 

 

 

 

Kerstin M. Schuld, Der Weihnachtswichtel und der kleine Bär, Oetinger 2017, ISBN 978-3-7891-0451-0

 

Es ist kurz vor Weihnachten und der Wichtelmann hat in seiner Werkstatt viel zu tun. Weil ihm das Holz für seinen Ofen ausgegangen ist und er friert, zieht er mit seinem Esel in den Wald um etwas Holz zu holen.

Dabei beobachte er zwei Kinder, die mit ihrem Vater einen Weihnachtsbaum aus dem Wald holen und ihn mit ihrem Schlitten heimbringen. Doch die kleine Ida hat ihren Teddybär, den sie auf dem Schlitten mit in den Wald nahm, auf dem schneebedeckten Boden vergessen.

 

Schnell birgt der Wichtelmann den Bär, folgt dem Schlitten und schafft es heimlich, den Bär der kleinen untröstlichen Ida ihr unter den Weihnachtsbaum zu legen. Da ist die Freude groß – auch für den glücklichen Wichtel.

 

Eine wunderschöne, übrigens toll gereimte Wichtelweihnachtsgeschichte für kleine Kinder ab 2 Jahren.

 

 

 

Mehr als alles. Geschichten, Gedichte und Bilder für kluge Kinder und ihre Eltern

 

 

Hubertus Halbfas, , Patmos 2017, ISBN 978-3-8436-0986-9

Und wieder hat der 1932 geborene emeritierte Religionspädagoge Hubertus Halbfas nach seinem konkurrenzlosen dreibändigen Werk „Literatur und Religion“ einen faszinierenden Sammelband herausgegeben, mit dessen Texten er zur religiösen Bildung für fragende Menschen jeden Alters beitragen will und mit denen er die unterschiedlichen Dimensionen des Menschlichen und des Transzendenten erschließen möchte.

 

Immer wieder geht es um die Bedeutung der Sprache und um den Stellenwert des kritischen Fragens. Darin ist er seinem jüngeren Kollegen Rainer Oberthür ähnlich, der mit seinen Büchern den gleichen Ansatz verfolgt.

 

Die einzelnen Kapitel beschreiben den gesamten Horizont menschlichen Lebens: Schweigen, Hören, Sehen, Sprechen, Schreiben und Lesen, Gehen, Fragen, Sich-Selbst-Finden, Lieben, Essen und Trinken, Feiern, Mitgehen, Bebauen und Bewahren, Hüten und Pflegen, Verletzen und Heilen und schließlich: Sterben und Tod.

 

Alles unter der transzendenten Perspektive, die dem Buch den Titel gab: „Es muss im Leben mehr als alles geben.“

 

Ein vergleichsloses Lesewerk, eine Schatzkiste und Fundgrube für ganz unterschiedliche Menschen und Professionen.

Imagine

 

 

 

John Lennon, Jean Jullien, Imagine, Verlag Freies Geistesleben 2017, ISBN 978-3-7725-2800-2

 

Wohl kaum ein anderes Lied der Musikgeschichte hat seit seiner ersten Veröffentlichung so stark die Gefühle und Sehnsüchte von Menschen weltweit so bewegt wie das Lied „Imagine“ von  John Lennon. Eine bewegende und berührende Hymne ging das um die Welt, die sprach und sang von der Kraft und der Fantasie der Menschen, denen es möglich ist sich für eine friedvolle Welt zu engagieren.

 

Weil dieses Lied und seine Poesie ungebrochen wahrhaftig ist, weil sich die Lage in der Welt, gegen die es ansingt, in den Jahrzehnte seit seinen Erscheinen nicht besser geworden ist, hat Amnesty International mit der Unterstützung von John Lennons Witwe Yoko Ono den französischen Illustrator Jean Jullien gebeten, den in der englischen Originalfassung und der deutschen Übersetzung abgedruckten Text zu illustrieren, was ihm mit starken und eindrucksvollen Bilder gut gelungen ist.

 

Yoko Ono schreibt in ihrem Vorwort: „Das Lied ‚Imagine‘ hat eine starke Botschaft: Es wurde aus einer unverkennbar tiefen Liebe für alle Menschen geschrieben.“

 

Dieses wunderbare Bilderbuch kann helfen, diese Botschaft an Generationen weiterzugeben, für die der Name John Lennon kein Begriff mehr ist.

Ermordung des Glücks. Ein Fall für Jakob Franck (Hörbuch)

 

 

Friedrich Ani, Ermordung des Glücks. Ein Fall für Jakob Franck, Hörbuch Hamburg 2017, ISBN 978-3-86952-364-4

 

Selbst versierte Krimileser könnten wahrscheinlich nicht auf Anhieb sagen, wieviel verschiedene Ermittlerfiguren der Schriftsteller Friedrich Ani im Laufe seiner langen  literarischen Tätigkeit schon erfunden hat. Am bekanntesten ist wohl der Kommissar Tabor Süden, den Ani zuletzt aus dem Ruhestand noch in einigen Büchern ermitteln ließ. Wahrscheinlich auch deshalb, weil diese Serie über ein Dutzend Bücher über einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten umfasste. An so manchen Ermittler, der danach folgte, und den Ani meist schon nach zwei oder drei Büchern durch einen anderen ersetzte, erinnert sich kaum noch jemand, was schade ist, denn jeder dieser Männer hatte eine außergewöhnliche Lebensgeschichte, wie sie nur Ani erfinden kann und alle einte sie eine Ermittlungsmethode, die man so bei kaum einem anderen Polizisten in der Krimiszene findet.

 

Anis Ermittler setzen sich selbst auf Spiel. Selbst jeweils auf unterschiedliche Arten aus der Welt gefallen und ihr eigenes Leben und seine Geschichte verloren glaubend, sind sie auf eigentümliche Weise in der Lage, das Schicksal der Täter und ihrer Opfer auf eine fast körperliche Art zu spüren und zu erleben, die sie während ihre Ermittlungen nicht selten selbst an deren Rand des Todes bringt.

 

Ani lässt sie mit Regelmäßigkeit auf Menschen treffen, die auf irgendeine Weise sich selbst verloren gegangen sind. Unsichtbar geworden, leben sie mitten unter uns und Ani gibt ihnen durch seine Kommissare und ihre absolut ungewöhnliche Art, Kriminalfälle zu lösen, ihr Gesicht, ihre Geschichte und ihre Menschenwürde zurück.

 

Sein neuer Ermittler Jakob Franck, den Ani nun schon in einem zweiten Fall präsentiert, ist so ein Sucher nach Verlorenem und Verschwundenem. Seit einiger Zeit im Ruhestand, hat er sich dort noch gar nicht recht eingerichtet, glaubt aber endlich ein Leben  jenseits der Toten  beginnen zu können, nachdem er über viele Jahre in seinem Dezernat sozusagen der Spezialist für die Überbringung von Todesnachrichten war, und das auch nach eigener Einschätzung immer ziemlich gut gemacht hat. So wie viele seiner Vorgänger lebt Jakob Franck allein, nachdem nicht nur sein  Job als Polizist seine Ehe scheitern ließ. Schon in seinem ersten Fall, „Der namensloseTag“, für den Ani völlig zu Recht den Deutschen Krimipreis erhielt, führten ihn seine Ermittlungen nicht nur in die Katakomben seiner eigenen  Vergangenheit, sondern auch auf eine ganz besondere Weise zurück in eine Verbindung zu seiner Ex-Frau Marion Siedler, die einzige Frau, die ihn wirklich kennt und versteht.

 

Auch im neuen Fall wird Jakob Franck schmerzlich mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert. Als nach 34 Tagen, in dem der 11-jährige Lennard Grabbe vermisst wird, seine Leiche gefunden wird, überbringt Franck den verzweifelten Eltern die Nachricht und bleibt die ganze Nacht bei ihnen, schweigend und schon hier mit der schmerzlichen Erinnerung an seine eigene in der Jugend ermordete Schwester konfrontiert.

 

Obwohl Franck alle Protokolle der Mordkommission, die ihn wieder um Unterstützung gebeten hat, durchgeht, und alle Zeugen erneut befrag, fehlt vom Mörder jede Spur. Mit vielen Details, die Franck so herausfindet, baut Ani eine richtige Spannung auf. Auch die umfangreiche Beschreibung des seelischen Zustandes der Eltern des Jungen und eines, wie Jakob Franck bald richtig vermutet, Geheimnisses, das den Onkel von Lennard mit dessen Mutter Tanja verbindet, unterscheidet Anis Stil und literarische Technik von den meisten anderen Kriminalromanen.

 

Während etwa ein Gerichtsmediziner völlig ohne Emotionen arbeitet, setzt sich Franck seinen eigenen Emotionen und denen der Menschen, denen er begegnete, bedingungslos aus. Ani beschreibt das so:

„Was Franck meinte, war sein ureigenes, professionelles, wenn nötig rücksichtsloses Zerstückeln der Umstände, das Ausgraben halbverwester Wahrheiten,  das Offenlegen ebenso verständlicher wie oftmals schmutziger Überlebenstricks. Die Aufklärung eines Mordes oder eines zwielichtigen Todes bedeutete, dass ein Kommissar das Recht hatte, die Welt des Menschen, der gewaltsam gestorben war, von Grund auf zu erschüttern und deren Bewohnern so lange mit unnachgiebiger Genauigkeit ihre Gewohnheiten zu entreißen, bis sie nackt in der Kälte standen und sich ihrer Erbärmlichkeit bewusst wurden. Erst von diesem Moment an – davon war Franck überzeugt – gelangte das Opfer auf den Weg zum ewigen Frieden.“

 

So wie viele seine Vorgänger ist Franck nicht religiös, hat aber immer einen Zugang zu den spirituellen Dimensionen des Lebens und den sündhaften Abgründen menschlicher Existenz. Er nähert sich ihnen mit einer von ihm selbst entwickelten  Methode, die er  „Gedankenfühligkeit“ nennt, und die ihm ungeahnte Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt nicht nur der Menschen, denen er begegnet, vermittelt, sondern auch und gerade in seine eigene.

 

Das macht ihn in manchen Situationen zum Therapeuten und Seelsorger, bringt ihn aber keinen Meter von seinem eingeschlagenen Weg ab. Ein Weg, der ihn Kraft kostet, aber ihn sehr nah kommen lässt, dem, was Ani seit vielen Jahren beschäftigt: der Essenz des Lebens und des Leidens.

 

Im neuen Fall wird von Ani die spirituelle Dimension dieser Essenz ganz besonders betont. Das überraschende Ende des Buches ist meiner nach ernst gemeint und drückt eine leidenschaftliche und unzerstörbare Hoffnung aus auf gelingendes und versöhntes Leben, auch nach dem Tod.

 

 

Die hier vorliegende gekürzte Lesung, die von dem Schauspieler August Zirner hervorragend eingespielt wurde, fasziniert durch ein erstaunliches Gespür für Anis mannigfaltigen Zwischentöne und hat die Tiefen des Buches und der Persönlichkeit von Jakob Franck sensibel eingefangen.

 

 

 

 

Am Grund des Universums

 

 

 

Norbert Scheuer, Am Grund des Universums, C.H. Beck 2017, ISBN 978-3-406-71179-4

 

Mit „Überm Rauschen“, das 2009 erschien und auf der Shortlist für den Deutschen Buchkreis stand, hat der in der Eifel lebenden Schriftsteller Norbert Scheuer seine Leser zum ersten Mal in die leise und verborgene Welt eines Eifeldorfes namens Kall entführt und über seine Bewohner, ihre Beziehungen, ihre Geschichte und ihre Sehnsüchte geschrieben.

 

Mit „Peehs Liebe“ und „Die Sprache der Vögel“ folgte ein weiterer Roman über Kall, ein Buch, das einen treffen kann dorthin, wo man selbst klein und verletzlich, unverstanden und belacht, schwach und unscheinbar ist. Ein Buch, das mit einer faszinierende Sprache von der ersten Seite an Poesie in die Seele des Lesers zaubert, von der er lange zehrt. Und es ist Ausdruck einer Haltung, die Norbert Scheuer an einer Stelle des Buches so ausdrückt: „Vielleicht hat das Leben nur den Sinn, dass man am Ende jemandem eine Geschichte erzählt.“

 

Der in „Die Sprache der Vögel“, seinem dritten Dorfroman in Afghanistan kämpfende und dort schwer verletzte Vogelforscher Paul Arimond ist im vorliegenden Band genauso nach Kall zurückgekehrt, wie der ehemalige Betriebselektriker des Zementwerkes Lünebach. Er will ein Raumschiff bauen und bis ans Ende des Universums fliegen.

 

Der Erzählbogen reicht von der Rückkehr Pauls 2006 bis zum Jahr 2014 und beschreibt eine stille Liebes- und Alltagsgeschichte. Im Hintergrund geht es immer um eine Welt verschollener Dinge und Geheimnisse. Eine Gruppe von alten Männer, die er „die Grauköpfe“ nennt, trifft sich jeden Tag im Cafe und beobachten das Dorfgeschehen und geben ihre eigenwilligen Kommentare dazu ab.  Besonders kritisch und stellenweise auch schadenfreudig kommentieren sie die sehr schleppenden Versuche, durch die Erweiterung des Stausees ein Ferienpark zu errichten und Touristen nach Kall zu locken. Nicht die einzige Veränderung ist das allerdings, die im Dorf vor sich geht. Norbert Scheuer erzählt vom Leben unterschiedlichster Menschen, die Debatten um den Stausee sind sozusagen das Zentrum, um das er sie alle anordnet. Er erzählt von ihnen mit leisen Tönen, unspektakulär beschreibend und mit einer wunderschönen poetischen Sprache, die mich bei den früheren Büchern schon in den Bann  gezogen hat.

 

Der Roman besteht aus vielen kleinen, meist nur drei Seiten umfassenden Geschichten, ein „Reigen aus unendlich vielen vergessenen Geschichten“, wie Scheuer in einer Danksagung schreibt. „Vielleicht kann man sagen, das unser Leben auch nur ein Reigen, aus unendlich vielen vergessenen Geschichten ist.“

 

Vielleicht deshalb lösen Scheuers Geschichten und seine Sprache beim begeisterten Rezensenten eine Art Wärme aus, die ihm eine ganz besondere Wertschätzung für die sonst unsichtbaren und vergessenen Aspekte seines eigenen Lebens und des Lebens insgesamt nahebringt.

 

Kindheit ohne Strafen. Neue wertschätzende Wege für Eltern, die es anders machen wollen

 

 

Katharina Saalfrank, Kindheit ohne Strafen. Neue wertschätzende Wege für Eltern, die es anders machen wollen, Beltz Verlag 2017, ISBN 978-3-40786488-8

 

Das neue Buch von Katharina Saalfrank will nicht belehren, sondern einladen. Einladen zum Nachdenken und Ausprobieren eines Erziehungsstils, der von Anfang an (also meiner Meinung nach schon während der Schwangerschaft!) auf Bindung setzt und auf einen gegenseitigen Umgang zwischen Erwachsenen und zwischen Erwachsenen und Kindern, der von Wertschätzung geprägt ist.

 

An vielen Beispielen zeigt sie, wie ein von Anfang an von Vertrauen in sich selbst und seinen Kindern und gegenseitiger Wertschätzung geprägtes Zusammenleben, Konflikte, die es in jeder Familie gibt, mit wertschätzenden Dialogen und Lösungsgesprächen, lösen hilft, ohne Strafen einzusetzen.

 

Meines Erachtens bedeutet das aber nicht, in bestimmten Fällen auf Konsequenzen zu verzichten. Was meiner Meinung nach aber oft den Erfolg eines solchen Erziehungsstils gefährdet, sind Erwachsene, die selbst anders erzogen wurden und diesen Druck unreflektiert an ihre Kinder weitergeben. Und jene, die ohne jegliche Grenzen und Bindung aufgewachsen sind, und die deshalb ihren eigenen Kindern von Anfang an (Schwangerschaft!) kein Containment geben können.

 

Wer dieses neue Buch von Katharina Saalfrank nicht als Bibel eines Gurus liest, sondern kritisch, wird eine Menge Anregungen finden, auch wenn er sich schon lange auf dem „wertschätzenden Weg“ befindet.

 

 

 

 

Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen. Vom Mut zum selbstbestimmten Leben

 

 

 

Michael Bordt SJ, Die Kunst, die Eltern  zu enttäuschen. Vom Mut zum selbstbestimmten Leben, Elisabeth Sandmann Verlag 2017, ISBN 978-3-945543-39-9

 

Jeder Mensch kann sie haben, die innere Freiheit. Die Freiheit, sein eigenes Leben so führen, wie man es im Einklang mit seiner Seele leben möchte. Nicht das Leben, das andere von mir erwarten, und deren zum Teil fantasierte Erwartungen schon feste Bestandteile meiner eigenen Selbstwahrnehmung geworden sind.

 

Jeder Mensch kann sie haben, diese Freiheit, wirklich und tief selbst zu sein, seine eigenen Entscheidungen zu treffen und auch in Konflikten anderen Meinungen und Lebensentwürfen standzuhalten, ohne sich gleich wieder anzupassen.

 

Das, was viele Menschen noch als Sehnsucht spüren (andere haben es vor lauter Anpassung schon lange vergessen) kann man aber nur erreichen und es dann leben, wenn man bereit ist, sich selbst kennenlernend auf die Spur zu kommen und dabei auch die Schattenseiten anzuschauen. Das scheuen die meisten, und fliehen in die Arbeit, den Stress, das Internet – keine Zeit für sich selbst.

In seinem letzten Buch beschrieb er diese Anstrengung:

„Freiheit gibt es nicht umsonst. Innerlich immer freier zu werden, um auch in unserem Tun frei zu sein, ist, wie wir gesehen haben, ein durchaus anspruchsvoller, zum Teil konfrontativer, manchmal auch schmerzhafte Prozess. Es ist verständlich, wenn Menschen diesem Prozess lieber ausweichen…. Dieser Weg wird, wenn er einmal beschritten ist, eine ganz eigene Dynamik und Kraft entfalten, die Sie tragen und dort halten wird. Eine Dynamik und Kraft, die ausgesprochen heilsam ist und die uns immer tiefer mit uns selbst verbindet.“

 

Um genau diese Form der Arbeit an sich selbst geht auch in seinem neuen hier vorliegenden Buch, in dem er „die Kunst, die Eltern zu enttäuschen“ beschreibt und Mut macht zu einem selbstbestimmten Leben.

Ich selbst habe in meinem Berufsleben als Pfarrer und Seelsorger viele Menschen, zum Teil selbst schon weit über 70 Jahre alt, kennengelernt, die in einer Weise an ihre Eltern ( die manchmal schon tot waren) gebunden waren, dass ihnen für ein freies und selbstbestimmtes Leben kein Platz blieb.

 

In seinem klug aufgebauten Text führt er den Leser zu einer solchen inneren Auseinandersetzung mit den alten Mustern, die sie gegenüber den Eltern unfrei machen. Es geht darum, mit den Eltern seinen Frieden zu finden und die Enttäuschungen im Zusammenhang mit ihnen als ein Übungsfeld zu nutzen für eine immer feinere Selbstreflexion und Selbstwahrnehmung.

 

Er will zu der Erkenntnis führen, dass kein Mensch für das Glück eines anderen erwachsenen Menschen verantwortlich ist, erst recht nicht die Kinder für das Glück ihrer Eltern. Wer diesen Prozess durchlebt und durchlitten hat, wer sich also, wie auch immer, mit seinen Eltern innerlich versöhnt hat, ist in der Regel auch  gegenüber anderen ein freier und versöhnter Mensch.

 

Solange ich mich noch an den Eltern abarbeite, habe ich mich selbst und vor allen Dingen meinen Weg ins eigene Leben nicht gefunden.

 

Ein kleines Buch, das man schnell gelesen hat, das aber Anregungen bietet für eine  innere Arbeit, die sich lohnt.