Die Wahrheit muss heraus. Worte genialer Philosophinnen

 

 

 

 

Stefan Knischek, Die Wahrheit muss heraus. Worte genialer Philosophinnen, Marix Verlag 2018, ISBN 978-3-7374-1105-9

 

In ihrem ebenfalls in diesem Herbst bei Marix erschienenen Buch „Denken um zu leben“ zeigten Marit Rullmann und Werner Schlegel, dass es in jedem beliebigen Zeitalter Frauen gegeben hat, die Philosophie betrieben. Sie waren, obwohl heute wenigen bekannt, Vordenkerinnen ihrer jeweiligen Epochen und bewirkten nicht unerhebliche Veränderungen. Zeitgleich und in enger Beziehung stehend erscheint, herausgegeben von Stefan Knischek, der vorliegende Band „Die Wahrheit muss heraus“, in dem Worte und Aussprüche, Weisheiten und Wahrheiten von Denkerinnen und Philosophinnen versammelt sind, die mit ihren Denkansprüchen, ihrer Leidenschaft und Courage seit der Antike ganze Generationen geprägt haben.

 

Lange und nicht selten vergeblich mussten sie in der akademischen Welt um Anerkennung kämpfen. Dennoch haben diese Frauen aus vielen Jahrhunderten, die in diesem Buch zu Wort kommen, Bedeutung gehabt für das Handeln, Fühlen und Denken vieler Menschen.

 

Zu allen wesentlichen philosophischen Themen hat der Hobbyphilosoph Stefan Knischek Weisheiten und Lebensweisheiten gesammelt: Sein, Freiheit, politisches Leben, Moral und Religion, Arbeit, Geld und Besitz, Bildung, Seele und Gefühle, Vernunft, Wahrheit, Glück und Tod. Es sind Gedanken, die  nie an Bedeutung verlieren werden und wertvolle Ratschläge für unser Handeln zu geben vermögen.

 

Eine Schatzkammer von Weisheiten.

Klär mich weiter auf

 

 

 

 

Katharina von der Gathen, Anke Kuhl, Klär mich weiter auf, Klett Kinderbuch 2018, ISBN 978-3-95470-191-9

 

 

Es kommt daher wie ein Kalender, dieses schöne von Anke Kuhl in ihrer unnachahmlichen Art frech illustrierte zweite Aufklärungsbuch der Sexualpädagogin Katharina von der Gathen.

 

In einem anonymen Briefkasten hat sie im Rahmen eines Projektes Grundschulkinder Fragen stellen lassen und hat sie gesammelt. Neugierige Fragen sind das, die zeigen, wie sich schon ältere Grundschulkinder mit Fragen der Sexualität beschäftigen und wie konkret und praktisch ihre Anliegen sind. Ob der herkömmliche Sexualkundeunterricht in der 4. Klasse dem gerecht wird, wage ich erst recht nach der Lektüre dieses Kalenders nicht zu beurteilen.

 

Nach dem ersten Buch, das 2014 erschien, hat sich, wie sie im Vorwort berichtet, ihre anonyme Fragenbox weiter gefüllt, sodass sie nun „noch mehr echte Kinderfragen zu einem aufregenden Thema“ vorlegt und sie  wieder verständlich und sehr einfühlsam beantwortet. Dabei verzichtet sie auf alles Technische und sprengt ab und zu auch einmal eine Prise Humor hinein, von Anke Kuhls Zeichnungen  dabei prächtig unterstützt.

Immer kindgerecht beantwortet sie Fragen, die sich auch viele Erwachsene schon gestellt haben, wie zum Beispiel: „Wie machen Rollstuhlfahrer Sex?“. Jede Frage, die Kinder interessiert, wird angesprochen und dabei gibt es keine Tabus.
Kindern wird hier vermittelt, dass es beim Thema Sexualität keine Frage gibt, die nicht gestellt werden darf und dass es für alles eine Antwort gibt.

 

Obwohl der Kalender bestückt ist mit Fragen von Grundschulkindern, halte ich ihn durchaus auch für geeignet für den Sexualkundeunterricht in der 6. Klasse.

 

Die Lichter unter uns

 

 

 

Verena Carl, Die Lichter unter uns, S. Fischer 2018, ISBN 978-3-10-397363-1

 

Nicht immer, aber nach etlichen Schicksalsschlägen in den letzten Jahren relativ oft, werden in meiner Familie die Fragen gestellt, die diesen Roman durchziehen wie ein roter Faden:

  • Was sind eigentliche meine Träume von meinem Leben
  • Wie habe ich es mir irgendwann vorgestellt und wie sieht es heute aus
  • Gibt es auch ein gelungenes Leben für mich, für uns, obwohl wir viel mehr als die Hälfte schon hinter uns haben
  • Warum geht es den anderen eigentlich meistens besser als mir

„Die Lichter unter uns“ erzählt auf hohem sprachlichem Niveau eine Geschichte von Träumen, Lebensvorstellungen, Krisen und Neuanfang.

Verena Carl erzählt in diesem neuen Roman von Anna. Sie verbringt mit ihrem Mann Jo und den beiden Kindern Judith (10) und Bruno (6) einen zweiwöchigen Urlaub in Taormina auf der italienischen Insel Sizilien. Als Anna und Jo vor langer Zeit während ihrer Hochzeitsreise dort waren, waren sie glücklich. Alles schien romantisch, die Zukunft lag offen vor ihnen.

Voller Geldsorgen und unklaren Zukunftsaussichten erlebt Anna nun, viele Jahre später, die Tage dort und ihr Lebensgefühl als brüchig. Sie schwankt von ganz innen her.

 

Als sie  Alexander kennenlernt, einen Mann, der ein aufregendes und für Anna total interessantes Leben führt, ein Leben, von dem sie immer geträumt hatte, wird Annas Schwanken existentiell. Anna sieht nicht dessen familiären und existentielle Probleme und spürt nicht, dass auch umgekehrt Alexander sie für ihre Familie bewundert.

 

Die Zweifel am eigenen Leben werden mit jedem Tag mächtiger. Werden die nächsten sieben Tag alles verändern? Wie werden die Protagonisten  aus dieser Begegnung hervorkommen?

 

Verena Carl lässt die Antwort auf diese Fragen, die sich der Leser schon bald stellt, offen, und ist damit überaus realistisch. Denn all das, was bei den Menschen, die sie genau und empathisch beschreibt, aufbricht, wird nicht schnell zu einer Lösung führen.

 

Abwechselnd aus der Sicht der jeweiligen Protagonisten beschrieben, lässt Verena Carl die Handlung vorantreiben. In der Beschreibung ihrer einzelnen Charaktere ist sie tiefgründig, sie schafft eine Atmosphäre, in der sich der Leser quasi mittendrin wähnt. Nicht nur im schönen Urlaubsort Taormina, sondern in den Seelenlandschaften der Protagonisten selbst.

 

Denn die eingangs gestellten Fragen sind nicht wenigen Menschen bekannt. Ich glaube, dass sie zumindest zeitweise schon jeden gequält haben. Deswegen zwingt der Roman den Leser auch an vielen Stellen zur Auseinandersetzung mit seinem eigenen Leben, seinen eigenen Bedürfnissen und Sehnsüchten.

 

Er lässt auch deshalb den Leser nicht los, und beschäftigt ihn lange nach Ende der Lektüre weiter.

 

 

 

 

Fahrräder aus Meisterhand

 

 

 

Christine Elliott, David Jablonka, Fahrräder aus Meisterhand, Delius Klasing 2018, ISBN 978-3-667-11054-1

 

In diesem mit tollen Fotografien bebilderten Buch werden Fahrradmanufakturen auf der ganzen Welt vorgestellt, in denen wahre Enthusiasten Rahmen und ganze Räder in Einzel-und Handanfertigen herstellen. Diese Fahrradbauer sind perfektionistische Handwerker, geniale Ingenieure und Künstler zugleich. Sie konstruieren nicht einfach neue Modelle und Fahrradrahmen. Sie erschaffen Mountainbikes für die höchsten Berge und kniffligsten Trails, Rennräder für die größten Distanzen, Trekkingräder für das nächste Abenteuer und Lastenräder für die Helden des Alltags.
Oft sind sie recht klein, diese hier vorgestellten Werkstätten, liegen versteckt in Hinterhöfen. Und dennoch kommen aus ihnen regelrechte Kunstwerke, individuelle Räder für individuelle Menschen

In ihrem Buch „Fahrräder aus Meisterhand. Modelle, Macher, Manufakturen weltweit“ stellen Christine Elliot und David Jablonka 39 dieser Manufakturen vor:

• Fahrräder aller Art: Rennrad, Mountainbike, City Bike oder Lastenrad
• Exklusive Fahrradmarken und individueller Fahrradbau
• Tolle Fotos, aufgenommen in den Ateliers und Werkstätten der Rahmenbauer

Die Autoren sind selbst passionierte Radfahrer und waren von Australien über die USA und Kanada bis nach Europa unterwegs. Sie besuchten den legendären Alex Singer in Paris, Calfee Design mit ihren ungewöhnlichen Bambusrädern in Kalifornien und die deutsche Edelstahlschmiede Marschall Framework. In ihrem Buch stellen sie nicht nur die Fahrräder und ihre besonderen Features vor. Sie erläutern auch, was die Rahmenbauer antreibt, geben Einblicke in die persönlichen Werdegänge und ergründen die Philosophie hinter den Techniken und Materialien.

Hochwertige Komponenten, exklusives Fahrrad-Design und technische Raffinesse: Das zeichnet die Fahrräder aus den Manufakturen aus. So wird das Fahrrad zum Ausdruck eines Lebensgefühls!

 

 

 

Da geht noch Watt. Segeln an der Nordseeküste

 

 

Maximilian Lessner, Da geht noch Watt. Segeln an der Nordseeküste, Delius Klasing 2018, ISBN 978-3-667-11426-6

 

Die Nordseeküste mit ihren traumhaft schönen Inselwelten, dem Auf und Ab von Ebbe und Flut und wunderschönen Orten und Städtchen entlang der Küste ist schon seit langem für Millionen von vor allem deutschen Touristen ein überaus beliebtes Urlaubsziel.

 

Segler, selbst erfahrene Skipper, meiden jedoch den ansonsten so schonen Nationalpark Wattenmeer, weil sie großen Respekt haben vor der Tiden. Zu umständlich scheint den meisten von ihnen deshalb ein genaues Timing für ihren Törn.

 

Maximilian Lessner, der bisher eher allein in der Ostsee unterwegs war, zeigt anderen  jungen Segler in dem vorliegenden Buch, wie sie ohne Probleme im Wattenmeer segeln können
Maximilian Lessner zeigt dabei nicht nur in über 100 wunderschönen Fotografien, warum die Nordsee zu Recht als eines der schönsten Segelreviere Deutschlands gilt. Er schildert auch viele Segeltörns, die Sie selbst angehen können. In diesem Band hat er versammelt:

• Segel-Mikroabenteuer vor Ihrer Haustür ohne lange Anreise
• Törns für jeden Geschmack: Tagesausflüge, Wochenendreisen, mehrwöchige Sommertörns
• über den Mut zum Lossegeln

Die Nordsee ist ein greifbares Traumziel in unmittelbarer Nähe zu den Heimathäfen der meisten deutschen Segler – kaum zu glauben, dass sie den meisten immer noch völlig unbekannt ist.

 

Für alle Hobbysegler von großen Interesse.

Helle Tage, helle Nächte

 

 

 

 

Hiltrud Baier, Helle Tage, helle Nächte, Krüger 2018, ISBN 978-3-8105-3038-7

 

Anna Albinger ist eine Frau Ende sechzig. Sie lebt in einer Kleinstadt am Fuß der Schwäbischen Alb. Eines Tages erfährt sie von einem Arzt, den sie wegen ständiger Nackenschmerzen aufgesucht hat, dass sie an Lungenkrebs erkrankt ist.

 

Dieses nahe Lebensende konfrontiert Anna erneut aber dieses Mal mit einer großen Wucht, mit ihren jahrzehntelangen Lebenslügen. Sie will sich bevor sie stirbt, endlich ehrlich machen und schreibt einen langen Brief. Ihre etwa 50-jährige Nichte Frederike, die gerade ihre jüngst erfolgte Scheidung noch verarbeitet, soll diesen Brief, dem ein zweiter kurzer an sie selbst beigefügt ist, nach Lappland bringen, der Heimat ihrer Großmutter Igga.

 

Frederike ist wenig begeistert von dieser Idee, will aber ihrer Tante, die sie vor 40 Jahren nach dem frühen Tod ihrer Eltern aufgenommen und ihr sogar ein Studium ermöglichte, diesen letzten großen Wunsch nicht abschlagen. Sie willigt nach langem Überlegen ein und macht sich auf den Weg nach Nordschweden, in die Gegend, in der die Samen leben und in der ihre Großmutter geboren wurde.

 

Als sie Petter Svattko, den Mann, an den der Brief von Anna adressiert ist, trifft, erkennt dieser in Frederike sofort seine leibliche Tochter. Noch am gleichen Tag verschwindet er für Wochen und Frederike muss sich in Petters Hütte selbst versorgen.

 

In ständig zwischen Anna, die zu Hause ihr Leben reflektiert und Frederike, die oben in den noch schneebedeckten Bergen langsam zu sich selbst kommt, wird eine lange von einer großen Lüge geprägte Familiengeschichte erzählt.

 

Das Buch entwickelt immer mehr einen Charme, dem sich der Leser nicht entziehen kann. Er wird angesteckt von der Liebe der Autorin sowohl zu ihrer süddeutschen Heimat als auch zu ihrer neuen Heimat in Lappland.

Wunderschöne Naturbeschreibungen und die Schilderung  einfache Lebensweise der Samen wechseln sich ab mit Porträts von Männern und Frauen, die alle eine bisher verborgene gemeinsame Vergangenheit zusammenhält.

 

 

 

Alltagsgold. 111 Fundstücke aus der Bibel

 

 

 

Diederich Lüken, Alltagsgold. 111 Fundstücke aus der Bibel, Neukirchener Verlag 2018, ISBN 978-3-7615-6527-8

 

„Alltagsgold“  nennt der ehemalige Pastor und heutige freiberufliche Rundfunkredakteur Diederich Lüken seine insgesamt 111 biblischen Miniaturen.

 

In seinem Alltag und in dem anderen Menschen, die er kennt oder denen er begegnet, von denen er hört oder liest findet er Aspekte des Glaubens wieder, die er dann auf jeweils zwei Seiten in den größeren Zusammenhang der Botschaft des Evangeliums stellt.

 

Die kurzen Texte, die zur täglichen Lektüre und Beschäftigung einladen, vermitteln dem Leser, gerade auch dem, der sich selten mit dem Glauben auseinandersetzt, immer wieder die Erkenntnis und Botschaft: ich bin gemeint. Auch in meinem Alltag und meinen Erfahrungen zeigt sich die Güte Gottes.

 

Auch als Einstieg in unterschiedliche Formen von Veranstaltungen innerhalb und außerhalb von christlichen Gemeinden eignen sich diese Texte auf das Beste.

 

Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie

 

 

 

Rachel Joyce, Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie, Krüger 2018, ISBN 978-3-8105-1082-2

Mister Frank ist einer der vielen Einzelhändler in der Londoner Unity-Street. Obwohl die Häuser alt sind, der Putz von den Fassaden bröckelt, ihre Gewinne in Sinkflug sind und ein Immobilienhai sie mit viel Geld lockt, halten die Händler zusammen.

Mister Frank ist ein wichtiger und beliebter Teil dieser wie eine Familie anmutenden Gemeinschaft. Er ist Schallplattenhändler, aber er verkauft sie nicht nur, sondern mit der Musik, die er den Menschen, die gerne in seinen Laden kommen, zeigt, verschenkt er so etwas wie Glück. Vielen Menschen, die in seinen Laden kommen, und die in der offenen und warmherzigen Atmosphäre dort ihr Herz geöffnet haben, hat er schon mit Musik aus einer Krise geholfen. Seine ansonsten ziemlich unfähige Mutter Peg hat Frank diese Liebe zur Musik vermittelt.

Wir schreiben das Jahr 1988, als eine Frau in einem grünen Mantel zum ersten Mal den Laden betritt. Ilse ist eine geheimnisvolle Frau, die in der Folge in zahllosen Gesprächen und nach vielen gemeinsam angehörten und analysierten Musikstücken zu Frank eine immer engere Beziehung aufbaut. Die Musik öffnet ihre Seelen und lässt die beiden geradezu verschmelzen. Auch die anderen Besucher von Franks Laden kommen ihr näher.
Aber es kommt in dieser Annäherung auch vieles ans Licht, das neuen Schmerz verursacht. Die Gemeinschaft der Ladenbesitzer spaltet sich, doch Jahrzehnte später finden sich wieder.
Rachel Joyce hat nach ihren beiden wunderbaren Romanen über Harold Fry erneut ein zauberhaftes Buch geschrieben, ein Roman über Freundschaft, Liebe und die strahlende Lebenskraft von großen Songs und großer Musik.

Die Liebesbriefe von Montmartre

 

 

 

Nicolas Barreau, Die Liebesbriefe von Montmartre, Thiele Verlag 2018, ISBN 978-3-85179-410-6

 

Julien Azoulay ist ein relativ bekannter und erfolgreicher Schriftsteller romantischer Komödien. Vor einigen Jahren hat er auf dem Friedhof Montmartre am Grab von Heinrich Heine seine Frau Helene kennengelernt. Sie haben geheiratet und einen Sohn namens Arthur bekommen.

 

Fünf Jahre später stirbt Helene an Krebs und lässt einen am Boden zerstörten Julien zurück. Sie hat vor ihrem Tod in weiser Voraussicht ihrem Mann ein ungewöhnliches Versprechen abgenommen. Er soll ihr nach ihrem Tod dreiunddreißig Briefe schreiben, für jedes ihrer 33 Lebensjahre einen.

 

Als Julien bei einem Steinmetz den Grabstein für Helenes Grab auf dem Friedhof Montmartre, wo sie begraben werden wollte, in Auftrag gibt, lässt er ein geheimes Fach in den Sockel einer Engelstatue auf dem Grab, die aussieht wie seine Frau, einbauen, in das er die Briefe, die er seiner verstorbenen Frau schreiben wird, einlagern will.

 

Sein Verleger Jean-Pierre Favre, der nach dem Erfolg von Juliens letztem Buch sehnsüchtig auf eine neues Manuskript von ihm wartet, zeigt für Juliens Situation Verständnis. Der indes macht trotz tiefer Trauer die Erfahrung, dass die ersten Briefe an seine Frau ihn auf eine ganz besondere Weise trösten. Schon an dieser Stelle bewundert man als Leser die Klugheit von Helene, die wusste, dass nur die bewusste Auseinandersetzung mit seiner Situation als junger Witwer und alleinstehender Vater eines kleinen Sohns ihn retten wird.

 

Helenes langjährige Freundin Catherine, die im gleichen Haus wohnt und manchmal auf Arthur, der tagsüber in einen Kindergarten geht, aufpasst, trauert auch sehr um ihre Freundin. Sie versucht Julien eine Hilfe zu sein und spürt doch schon bald, dass sie mehr für ihn empfindet. Das wird zu einem späteren Zeitpunkt des Buches noch zu erheblichen Verwirrungen führen.

 

Julien hat vielleicht zwei oder drei Briefe geschrieben, als er eines Tages wieder zusammen mit Arthur am Grab von Helene weilt. Wieder hat er ihr geschrieben von seiner großen Liebe zu ihr, die nun keine Antwort mehr findet, wieder hat er seiner Frau erzählt von seinem Leben, das er nun alleine ohne sie führen muss. Während Julien seinen Brief versteckt, ist Arthur in der näheren Umgebung des Grabes unterwegs und entdeckt eine Frau, die auf einem Baum sitzt.

Diese Frau, die bald vom Baum heruntersteigt, ist Sophie, eine Bildhauerin, die fast jeden Tag auf dem Friedhof ist, wo sie Grabfiguren restauriert. Sophie und Julien kommen ins Gespräch, man spürt gleich, sie sind sich sympathisch. Immer wieder werden sie sich in der nächsten Zeit begegnen, ja mit jedem weiteren Besuch wartet Julien mehr darauf, dass sie erscheint.

 

Als Julien bald danach wieder einen Brief in das Fach unter der Engelstatue legen will, stellt er völlig überrascht fest, dass sie verschwunden sind. Stattdessen liegt ein Herz aus Stein in dem Fach, das er mit nach Hause nimmt. Und so geht es nun mit jedem weiteren Brief von ihm. Der letzte ist verschwunden und eine neue Botschaft an ihn  liegt im Fach. Mal ist es ein Gedicht von Prevert, mal ist es eine Blume, mal sind es Kinokarten für den Film „Orphee“.

 

Julien folgt den Botschaften, ist manchmal sogar aus lauter schmerzhafter Trauer überzeugt, sie stammten auf irgendwelchen unerklärlichen Wegen von seiner Frau.

Was Julien zu diesem Zeitpunkt nicht ahnt, ist, dass jemand ihn die ganze Zeit beobachtet. Jemand, der seine Briefe liest und den nach wie vor mit seinem Schicksal hadernden Julien mit sanfter Hand in die Welt der Lebenden zurücklenken will. Jemand, der sich in ihn verliebt hat …

 

Mit viel Herzenswärme und Einfühlungsvermögen für seine am Boden zerstörte Hauptperson begleitet Nicolas Barreau Julien auf seinem Weg zurück ins Leben. Wieder einmal führt er seine Leser nach Paris, dieses Mal nach Montmartre mit seinen stillen Gässchen, seinen Künstlern, Geschäften und dem Blick von Sacre-Coeur.

 

„Die Liebesbriefe von Montmartre“ ist ein Roman darüber, wie aus etwas unendlich Traurigem etwas Wunderschönes werden kann. Ein Buch darüber, wie das Leben und die Liebe über den Tod siegt. Mögen möglichst viele vom frühen Tod ihres Ehepartners betroffene Menschen diese Erfahrungen machen dürfen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So enden wir

 

 

 

 

Daniel Galera, So enden wir, Suhrkamp 2018, ISBN 978-3-518-42801-6

 

In seinem zweiten Roman, der wie „Flut“ (2013) wieder von Nicolai von Schweder-Schreiner ins Deutsche übersetzt wurde, erzählt der brasilianische Schriftsteller Daniel Galera von einer Gruppe aus drei jungen Männern und einer Frau, die sich damals in der Frühphase des Internets in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts für etwas ganz Besonderes hielten. Sie waren so etwas wie Protagonisten einer neuen Gegenkultur in Brasilien. Eine Kultur aus Punks, Künstlern und digitalen Bohemiens. Ihr großer Anführer war Duke, ein überaus talentiertes Schriftstellertalent, in seinem unnahbaren Wesen und Charakter genial.

 

Nun ist Duke Opfer eines tödlichen Raubüberfalls geworden. Daniel Galera führt seine Leser in das Jahr 2014, kurz vor der Fußball WM nach Porto Alegre, wo seit langem ein Streik das gesamte Leben lahmlegt. Heftige Auseinandersetzungen und Konflikte spalten die brasilianische Gesellschaft schon seit langem. Nun aber scheint alles zu explodieren.

 

Sie haben sich lange nicht mehr gesehen, die ehemaligen Mitstreiter Dukes, die sich nun an seinem Grab versammeln, sich selbst und einander fremd geworden nach einem langen vergeblichen Kampf. Aurora, Antero und Emiliano blicken angesichts des Todes zurück auf ihr eigenes Leben, auf ihr gemeinsames Engagement in einer hoffnungsvollen und ambitionierten Gegenkultur.

Wie war das früher, so fragen sie sich immer wieder und was ist aus ihnen geworden? Was ist mit den Idealen, den Lebensplänen und Hoffnungen geschehen? Und vor allen Dingen kommen sie im Verlauf des Buches einer Frage immer näher, die sie quält: Wer war dieser Duke wirklich? War er wirklich ihr Freund? Oder hat er sie nicht doch bloß für seine Zwecke benutzt? Die immer verzweifeltere Suche nach einer Antwort führt die drei zu einer Hinterlassenschaft, die so berührend wie erschütternd ist.

Der in Teilen sehr bewegende, in anderen hilflos bleibende Roman Galeras ist ein Buch über Aufbrüche und Trennungen, über das Ankommen und über das Verlorensein in der Welt und der eigenen Existenz angesichts einer Gesellschaft, die vor lauter Korruptheit und zum Himmel schreiender Armut nicht reformierbar scheint.

 

Und es ist ein Buch mit immer wieder leisen Annäherungen an das Geheimnis menschlicher Nähe und Freundschaft.