Sag was

 

 

 

Philipp Stefan, Sag was, Oetinger 2019, ISBN 978-3-8415-0606-1

Das vorliegende kleine Taschenbuch versteht sich als eine Handreichung an junge Menschen, die sich politisch interessieren und sich einmischen wollen. Auch in ihrem Umfeld geraten sie immer wieder an andere Menschen, die mit populistischen Aussagen versuchen, die Meinungen zu bestimmen und zu steuern.

 

Wie man radikal höflich gegen diese Rechtspopulisten argumentieren kann, zeigt Philipp Stefan in seinem Buch. Nach einer längeren instruktiven Einführung über die Notwendigkeit des Widerspruchs gegenüber zunehmendem Rechtspopulismus gibt er fünf radikal höfliche Gesprächstipps:

  • Bleibe cool!
  • Stelle offene Fragen!
  • Höre zu!
  • Formuliere Kritik höflich!
  • Agiere selbst!

In neun sich anschließenden Beispielen, die den zweiten Teil des Buches ausmachen, wird gezeigt, wie man rechtspopulistische  Argumentationsmuster entschärfen kann. Immer wieder geht es hier darum, Vorwürfe zu widerlegen und eigene Perspektiven einzubringen.

 

Ob damit jeweils der Gesprächspartner überzeugt werden kann, wird immer offen bleiben, und hängt auch von der spezifischen Gesprächssituation ab. Wichtig ist jedoch, gegenüber rechtspopulistischen Aussagen, denen man begegnet, nicht mehr resignativ oder teilnahmslos zu schweigen, sondern seine eigene Perspektive einzubringen.

 

Das bringt vielleicht den anderen zum Nachdenken, auf jeden Fall aber schärft es das eigene politischen Bewusstsein und die eigene Kritikfähigkeit.

 

Ein wichtiges Buch.

Ossip und der rote Faden

 

 

 

Annemarie van Haeringen, Ossip und der rote Faden, Verlag Freies Geistesleben 2018, ISBN 978-3-7725-2838-5

 

 

Das neue Bilderbuch der Niederländerin Annemarie van Haeringen, das Rolf Erdorf ins Deutsche übertragen hat, erzählt fantasievoll und originell von dem kleinen Wichtel Ossip. Er trägt eine rote, spitze Zipfelmütze, die größer ist als er selbst. Ossip hat gerade süße Brötchen gebacken und nimmt sie aus dem Ofen. Doch weil er warten muss und das tut er überhaupt nicht gerne, schaut er sich im Garten um und entdeckt einen roten Faden. Die das Buch betrachtenden Kinder fragen sich, wohin der wohl führt, doch wenn sie genau zuhören gibt Ossip ihnen gleich einen Hinweis. Er sagt nämlich zu selbst, indem er dem Faden folgt: „Hoffentlich ist sie auch zu Hause!“ Das heißt, er will zu jemand gehen, ihr vielleicht die Brötchen bringen?

 

Unterwegs, dem roten Faden folgend, erlebt Ossip einiges Abenteuerliche auf einer Reise voller fantasievoller Bilder. Das Ende ist schön und für den, der am Anfang genau zugehört hat, auch nicht mehr überraschend.

 

Eine schöne Geschichte in der es viel zu entdecken gibt.

 

 

 

 

 

Via Appia. Auf der Suche nach einer verlorenen Straße

 

 

Paolo Rumiz, Via Appia. Auf der Suche nach einer verlorenen Straße, Folio Verlag 2019, ISBN 978-3-85256-774-7

 

Paolo Rumiz, geboren 1947 in Triest darf sicher als bekannteste italienische Reisende gelten. Er berichtete für die Tageszeitung La Repubblica über den Afghanistan- und den Jugoslawien-Krieg. Zahlreiche Essays, Romane und Erzählungen hat er veröffentlicht über seine Reisen an die entlegensten Orte Europas. Seine Bücher stehen kontinuierlich auf den italienischen Bestsellerlisten.

 

Mit dem hier vorliegenden Buch erfüllt er sich einen lange gehegten Wunsch. Er hat die 540 km lange legendäre Römerstraße „Via Appia“ von Rom bis nach Brindisi erwandert und eine wunderbare Reiseerzählung darüber geschrieben.

 

Viele Jahrhunderte hat man in Italien diesen alten Weg vernachlässigt und ignoriert. Mit einigen ebenfalls leidenschaftlichen Reisegefährten hat sich Paolo Rumiz auf den Weg gemacht und ist den alten Pfaden und Wegen gefolgt. Auf allerlei antike Villen und halb verfallene Baudenkmäler sind sie dabei gestoßen, haben Kirchen und Burgen aus dem Mittelalter erkundet und die Wunder der Gastfreundschaft erlebt, von der vielen andere Menschen, die sich auf den Fußweg gemacht haben auf anderen historischen Pfaden , auch berichtet haben.

 

Von einer schwierigen „Rückeroberung“ ist in diesem schönen Buch die Rede, von Vernachlässigung, Schandflecken und Verwüstungen. Rumiz schreibt am Ende:

„Die Kraft des Wanderns liegt darin, dass man allein unterwegs ist, ohne Bewilligung von oben. Sobald ein Weg einmal gezogen ist, wachen die Orte auf, durch die er führt. Er verändert sie zum Besseren. Er kann sogar die beschädigte Beziehung zwischen den Italienern und ihrer Landschaft wieder herstellen.“

 

Und passionierte Wanderer und Italienfreunde zur Nachahmung anstiften.

Komm kuscheln

 

 

Simona Ciraolo, Komm kuscheln, Bohem Verlag 2018, ISBN 978-3-959349-068-2

 

Alle Kinder wollen von Beginn an gerne kuscheln mit ihrer Mutter, ihrem Papa oder Geschwistern. Sie lieben es, es macht ihnen gute Gefühle, sie fühlen sich wohl und behütet. Und die meisten Kinder werden ja auch ausreichend gekuschelt und liebgehabt.

 

Das geht dem kleinen Kaktus Felipe in dem vorliegenden Bilderbuch leider nicht so. Aus einer gepflegten und ordentlichen Kakteenfamilie stammend, die viel Wert darauf legt, gut auszusehen und sich immer vornehm zu verhalten, wächst er auf in dem Bewusstsein, das man anderen niemals zu nahe kommen sollte.

 

Niemand spürt die wahren Bedürfnisse des kleinen Felipe, der nichts anderes möchte, als einmal von jemand anderem in den Arm genommen zu werden und zu kuscheln. Als er einem leuchtend gelben Luftballon begegnet und sich ihm nähert, dauert es nicht lange, bis das Unglück geschieht.

 

Seine Familie schimpft ihn aus und Felipe zieht sich zurück. Er glaubt gelernt zu haben, dass er niemand braucht und am besten alleine lebt. Doch am Rande des Gartens, in den er sich zurückgezogen hat, lebt noch jemand, der sehr einsam ist. Ein Stein weint bitterlich über sein Schicksal. Doch Felipe weiß genau, was zu tun ist.

 

Denn jeder wünscht sich, einfach mal in den Arm genommen zu werden. Ein schönes und originelles Bilderbuch, das genau dazu einlädt. Komm kuscheln!

 

 

Das grosse Summen

 

Brendan Wenzel, Angela Diterlizzie, Das grosse Summen, arsedition 2019, ISBN 978-3-8458-3263-0

Das große Summen ist schon seit etlichen Jahren in unseren Gärten und auf unseren Wiesen kaum her zu hören. Nach jüngsten Berichten hat sich der Bestand an Insekten in unserem Land um 80 % reduziert. Schuld daran sind eine extensive Landwirtschaft und die vielen Pestizide, die den Tod für die meisten Insekten bedeuten. Schon 2014 haben die beiden Engländer Brendan Wenzel und Angela Diterlizzie das erkennt und ein wunderbares Sachbilderbuch für Kinder geschrieben, das nun im Jahr 2019 zeitgleich in England und Deutschland erscheint und das von Cornelia Boese ins Deutsche übersetzt wurde.

 

Mit einem spärlichen Text, der sich wie ein Gedicht reimend von der ersten bis zur letzten Seite zieht, entdecken in einer Rahmengeschichten ein kleiner Junge und seine Katze eine Menge Insekten in ihrem Garten. Die Insekten sind fantasievoll gezeichnet, immer mit großen Augen, aber sind jeweils als Spezies z erkennen. Auch andere Tiere wie etwa ein Waschbär tauchen im Hintergrund auf und können von den das Buch betrachtenden Kindern entdeckt werden.

 

Kraftvolle und farbenfrohe Bilder laden die Kinder ein, in ihrem eigenen Garten oder auf einer nahe gelegenen Weise selbst auf die Suche nach Insekten und Krabbeltieren zu gehen.

 

Auf der letzten Doppelseite des Buches sind noch einmal alle im Buch dargestellten Insekten in Wort und Bild gezeigt. Erstaunlich vielfältig zeigt sich eine Insektenwelt, die stark gefährdet ist.

 

Ein wunderbares Buch, mit dem sich die Kinder lange beschäftigen können.

 

 

Sechs kleine Vögelchen

 

Olivia Cosneau, Bernhard Duisit, Sechs kleine Vögelchen, Kleine Gestalten 2019, ISBN 978-3-89955-827-2

 

Der Kinderbuchverlag Kleine Gestalten aus Berlin überrascht seit einigen Jahren immer wieder mit schönen, künstlerisch wertvollen und originellen Bilderbücher. Das vorliegende zauberhafte und schöne Pop-Up-Buch erzählt in ungewöhnlichem Format mit einfachen von Cyra Pfennings ins Deutsche übertragenen Reimen die Geschichte von sechs kleinen Vögelchen.

 

Sechs kleine Spechtmeisen sind es, die von ihren Eltern in ihrem Nest flügge gefüttert wurden. Doch was machen sie, wenn es soweit ist, den ersten Flug zu unternehmen?

 

Eine der kleinen Spechtmeisen macht sich gleich über eine Sonnblumen her, so hungrig ist sie. Eine andere hat sich weit vorgesagt und wird von einem Habicht bedroht, vor dem sie glücklich fliehen kann. Auch die anderen vier werden von Olivia Cosneau durch das Jahr begleitet, insbesondere die letzte der sechs, die sie im nächsten Frühling bei eine Turtelei beobachtet und die Geschichte damit wieder an ihren Anfang führt

Einfache Reime und bunte Illustrationen machen „Sechs kleine Vögelchen“ zu einem wunderbaren Pop-Up für kleine Kinder. Dabei lernen sie nicht nur das Zählen, sondern auch etwas über die Jahreszeiten, die Natur und den Lauf des Lebens.

 

Bernard Duisit hat die Pop-Up – Modelle kunstvoll und anspruchsvoll aufgebaut.

Atlas der literarischen Orte. Entdeckungsreise zu den Schauplätzen der Weltliteratur

 

 

 

 

Sarah Baxter, Atlas der literarischen Orte. Entdeckungsreise zu den Schauplätzen der Weltliteratur, Brandstätter Verlag 2019, ISBN 978-3-7106-0327-3

 

Nach ihrem „Atlas der spirituellen Orte“ , der 2018 ebenfalls im Brandstätter Verlag erschienen ist, legt die die britische Reiseschriftstellerin Sarah Baxter nun ein weiteres Buch vor unter dem Titel „Atlas der literarischen Orte“, das Amy Grimes mit wunderbaren und farbenfrohen Bildern illustriert hat.

 

Sarah Baxter hat eine veritable Auswahl von Werken der Weltliteratur getroffen und führt ihre Leser an die Orte, an denen sie spielen. In dieser literarischen Reise besucht sie Orte auf dem ganzen Globus. Da finden sich pulsierende Städte voller Urbanität, Plätze spiritueller Ruhe und Zurückgezogenheit, spektakuläre Landschaften, unberührte Natur. Alles Plätze, die die Weltliteratur inspiriert haben.

 

Zusammen mit Sarah Baxter und den Bildern von Amy Grines entdeckt der Leser die Weiten von La Mancha mit Don Quixote, besucht Clara del Valle im Geisterhaus in Santiago, spaziert über den Alexanderplatz in Berlin oder streift mit Cathy und Heathcliff durch das Moor von Yorkshire.

In ihren jeweils 2-3 seitigen Texten beschreibt Sarah Baxter jeweils die Geschichte und Kultur des realen Ortes und verbindet sie dann mit seiner literarischen Wirkung bis in unsere Gegenwart. Amy Grimes` handgemalte Illustrationen mit liebevollen Details komplettieren diese Liebeserklärung an die Phantasie.

Eine bezaubernde Reise durch die Welt der Literatur, die den Leser und Betrachter womöglich zu dem ein oder anderen beschriebenen Werk greifen lassen wird, um es (neu) zu lesen und für sich selbst aufzuschließen.

 

Ein Mann, ein Meer. Entdecke den Jäger in dir

 

 

Udo Schroeter, Ein Mann, ein Meer. Entdecke den Jäger in dir, Bene Verlag 2019, ISBN 978-3-96340-038-4

 

In seinem bei Adeo 2016 erschienen Wandkalender „Bin am Meer“, das Motive und Texte seines gleichnamigen Buches variierte, schrieb der auf die Insel Bornholm ausgewanderte Autor und Natur-und Sinncoach Udo Schroeter unter ein Bild des Monats Juli:

„Die Vergangenheit ist für viele die Welt der Wunden. Die Zukunft ist oftmals die Welt der Angst. Das Leben findet im Hier und Jetzt statt“.

 

Doch vielen gelingt das nicht. Obwohl sie eigentlich alles erreicht haben im Beruf und der Partnerschaft, fühlen sich insbesondere viele Männer immer mehr als Fremde in ihrem eigenen Leben. Wer bin ich eigentlich wirklich? Was ist meine Bestimmung? Wofür bin ich auf der Welt und was ist der Sinn meines Lebens?

 

Auch in seinem neuen Buch, das bei bene in der Droemer-Gruppe erschienen ist, nimmt Udo Schroeter diese Fragen auf und nimmt den (männlichen) Leser mit auf eine Reise nach ganz persönlichen Antworten, zu denen er ermutigen möchte.

 

Jedes Jahr nimmt Udo Schroeter einige Männer mit auf eine Reise ans Meer. In diesem Buch erzählt er davon, wie er mit diesen Männern zusammen den Jäger in sich selbst entdeckt hat,  wie sie altem Wissen auf der Spur sind und in der Natur und am Meer zu sich selbst zurück kommen.

 

Denn für fast alle Männer ist das ein dringend nötiger Prozess. Sie sollen allen alles sein, ihrer Frau ein liebevoller Partner, ihren Kindern ein perfekter Vater und auch noch erfolgreich in ihrem Job. Stark und einfühlsam soll er sein, der heutige Mann und sieht sich doch in einem permanenten Spagat zwischen all diesen Erwartungen an ihn gefangen.

 

Udo Schroeter erzählt in diesem Buch von seinen Exkursionen an die Strände Bornholms, die er regelmäßig mit kleinen  Gruppen von Männern unternimmt.

Sie fangen Fische, machen Feuer, genießen ihre Freiheit und entwickeln im Angesicht der Weite des Meeres und der Kraft der Elemente gemeinsam und jeder für sich selbst eine Vorstellung davon, wie sie ihrem Leben und ihrem Alltag und ihrem Zusammenleben mit anderen einen neuen Klang geben können. Dabei verändern sich alle, mehr als sie vorher für möglich gehalten hätten.
Udo Schroeter zeigt, wie Männer wieder zurück zu ihrer ursprünglichen Kraft finden können. Ein Leben in Stärke, in Liebe, einer Verbundenheit zu sich selbst, seinen Mitmenschen und der Natur.

 

In seinen Geschichten und teilweise meditativ-spirituellen Betrachtungen geht es um die Weisheit des Jägers, um Leidenschaft und Nähe, den Mut, etwas Neues zu wagen und darum, wie ich meine eigentliche Bestimmung entdecken kann.

Der  Zeichner Timo Zett hat den Autor und eine Gruppe von Männern zwei Wochen lang begleitet. Seine Zeichnungen vermitteln dem gebannten Leser etwas von  der Atmosphäre dieser Exerzitien. Udo Schroeter schreibt selbst zu seinem Buch: „Das Buch ist eine Einladung, die Schönheit und den ursprünglichen  Takt des Lebens wahrzunehmen und auf diese Weise zu einer neuen Freiheit, Kraft und zu unserer Bestimmung zu finden.“

 

Und tatsächlich: das Buch kann seinem Leser auch ohne am Meer zu sein, auch ohne Teilnahme an einer solchen zweiwöchigen Exkursion viel davon vermitteln, wieder zu sich selbst zu kommen und seine Kraft zu entdecken.

 

Ein sehr geeignetes Geschenk für Männer, die unter dem Spagat der Erwartungen an sie leiden.

Die einzige Geschichte

 

 

 

 

Julian Barnes, Die einzige Geschichte, Kiepenheuer & Witsch 2019, ISBN 978462-05154-4

 

Julian Barnes neues Buch „Die einzige Geschichte“ ist ein sensibler und kunstvoller  Roman über eine sehr unkonventionelle erste Liebe, die für den jungen männlichen Ich-Erzähler Paul lebenslange Konsequenzen und Folgen haben wird und die ihn schließlich zu der an den Leser gerichteten Frage führt: “Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage.“

 

Paul ist gerade einmal 19 Jahre alt, als ihn seine Mutter Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den traditionsreichen und auf strenge Sitten achtenden Tennisclub des Ortes schickt in der Hoffnung, er könne dort eine geeignete Partnern für sein Leben finden. Paul, der schon lange angeödet ist von dem prüden und langweiligen bürgerlichen Milieu, in dem er aufwächst und das ihm nach seinem ersten Semester an der Universität noch mehr auf die Nerven geht, sucht aus diesen Verhältnissen auszubrechen und rebelliert gegen seine Eltern.

 

Genau in dieser Situation lernt er im Tennisclub Susan kenne, eine verheiratete Frau, die dreißig Jahre älter ist er. Dass er sich sofort in sie verliebt und eine mehr und mehr sehr schwierige und komplizierte Beziehung mit ihr aufnimmt, die insgesamt sich über zwölf harte und lange Jahre hinzieht, ist mehr als nur Teil seines Protestes gegen gesellschaftliche Konventionen. Paul liebt Susan wirklich. Er ist sicher, in ihr die Frau für sein Leben gefunden zu haben. Sie ist so etwas wie der Gegenpart zum Spießerleben seiner Umgebung. Auch Susan, die zwei Töchter hat, die älter sind als Paul, erwacht zu neuem auch sexuellen Leben und Erleben, als sie spürt, dass Paul sie anziehend und liebenswert empfindet und sich für sie verzehrt.

 

Doch diese ersten Schmetterlinge sind bald verschwunden, und die Geschichte der beiden verwandelt sich in die Existenz einer eher tragischen Lebensform. Das ist schon spürbar, als sich Susan von Mann und Töchtern trennt und mit Paul zusammenzieht. Paul schließt sein Jurastudium ab, die Leidenschaft der ersten Zeit ist der Langeweile gewichen, zumal sich bei Susan mehr und mehr eine innere Veränderung zeigt, die sie bald völlig dem Alkohol verfallen lässt. Julian Barnes spürt dieser Entwicklung genau nach, versucht herauszufinden, wie es zu diesem menschlichen Absturz kommen konnte, doch dem Leser wird sie sich nicht erschließen, genauso wenig wie dem tapferen, mittlerweile als Anwalt arbeitenden Paul, der gewissenhaft und treu noch lange hilft, wo er kann, doch irgendwann nach zwölf meist dunklen und traurigen Jahren aufgibt.

 

Julian Barnes reichert wie oft in seinen Büchern seine Geschichte immer wieder an mit Erkenntnissen, Weisheiten, Reflexionen und der genauen Darstellung von Gefühlen.  Poetische Stimmungsbilder beleuchten äußere und innere Befindlichkeiten seiner Figuren. Man ist tief bewegt und angerührt darüber, wie Lebenswege verlaufen können. Was ist vorherbestimmt, und was ist selbst verschuldet? Doch die Frage nach der Schuld stellt sich ihm nicht.  Die ernüchternde, gleichwohl aber befreiende Erkenntnis von Barnes und seinem Erzähler Paul ist die: Lebensläufe werden von unerwarteten äußeren und inneren Entwicklungen mitbestimmt. Entwicklungen indes, die wie diese erste Liebe Pauls sein Leben über eine lange Zeit bestimmen werden. Und so verlässt der Leser den Erzähler und seine Geschichte am Ende, ohne zu wissen, was aus ihm werden wird. Er hat aber die leise Hoffnung, dass es auch für Paul noch einmal möglich sein wird, Liebe zu empfinden und zu geben.

 

Wer selbst in seinem Leben schon einmal von einer außergewöhnlichen Liebe aus der Spur geworfen wurde, wird in diesem Roman vieles wiederentdecken.
 

 

 

Wohin wir gehen

 

 

 

Peggy Mädler, Wohin wir gehen,Galiani Verlag 2019, ISBN 978-3-86971-186-7

 

In ihrem Debütroman „Legende vom Glück des Menschen“ der 2011 auch bei Galiani in Berlin erschien, hatte die 1976 in Dresden geborene Peggy Mädler den gewagten und gelungenen Versuch unternommen, persönliche Erinnerung und die große Geschichte miteinander zu verbinden und nach ihren Beziehungen zu forschen.

 

Es war eine viel beachtete durch biographische Erinnerungen der Autorin getönte Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte, die die Erzählerin des Buches da unternahm. Eine Familiengeschichte in der DDR.

 

Nun, viele Jahre später, legt Peggy Mädler ihren nächsten Roman unter dem Titel „Wohin wir gehen“ vor. Es ist ein nachdenklicher und kluger, ja lebensweiser Roman über entscheidende Fragen des Lebens. Sie fragt mit ihren sympathischen Hauptfiguren nach dem, was bleibt, wenn eine Heimat verloren geht, die Eltern sterben oder auch politische Hoffnungen, die einem lange Kraft und Sicherheit gaben, verschwinden.

 

Wohin soll man gehen, wo will man bleiben, wo findet man Heimat, wenn Landschaften, Orte und Jahre durch die Zeiten sich zwangsweise  verändern? Im Zentrum der sich über mehr als halbes Jahrhundert hinziehenden Handlung stehen die beiden Freundinnen Almut und Rosa. Die eine lernt in ihrem langen Leben, dass es immer etwas zu verlieren gibt und schaut auf ein Leben voller Verluste zurück und die andere hat erfahren, dass das Leben immer irgendwie weitergeht.

 

Und so ist der ganze, leise erzählte Roman eine Geschichte vom Älterwerden, von Abschieden und Neuanfängen und darüber, dass das Leben immer weiter geht.

Die Handlung beginnt in den 1940 er Jahren in Böhmen. Die Mädchen Almut und Rosa sind beste Freundinnen. Doch Almuts Vater stirbt völlig unerwartet und die Mutter begeht daraufhin Selbstmord. Rosas Mutter, eine überzeugte Kommunistin, nimmt nach dem Krieg und der Ausweisung aller Deutschen aus der Tschechoslowakei beide Mädchen mit nach Brandenburg. Peggy Mädler beschreibt sehr eindrücklich, wie sie dort nicht nur unter dem Verlust der alten Heimat und Entwurzelung leiden, sondern auch, wie sie nach und nach sich mit dem neu gegründeten Staat zu identifizieren lernen. Almut und Rosa werden beide Lehrerinnen. Doch kurz vor dem Mauerbau 1961 flieht Rosa nach West-Berlin. Almut leidet lange unter diesem Verlust, wieder ist ihre Welt auseinandergebrochen. Doch sie gibt nicht auf, gründet eine Familie und bekommt mit Elli eine Tochter.

 

Die wiederum hat in der Jetztzeit des Romans genau wie ihre Mutter damals mit Rosa eine Freundin. Sie heißt Kristine und wird sich, nachdem Elli für eine neue Stelle am Theater nach Basel gezogen ist, um die kranke und gebrechliche Almut kümmern.

 

Die Handlung des Romans wechselt zwischen Gegenwart und unterschiedlichen Stadien der Vergangenheit. Erfahrungen und Erinnerungen lagern sich wie Sedimente ab. Lebenswege verschlingen sich, zwischen den Familien und den Generationen. Über Jahrzehnte hinweg geht es immer auch ums Weggehen, Ankommen oder Bleiben. Hauptsächlich aber, zu unterschiedlichen Zeiten, geht es Peggy Mädler darum, mit ruhiger Kraft jenen Moment herauszuarbeiten in den Lebensgeschichten ihrer Figuren, wo sie spüren und erleben, was für sie wirklich zählt im Leben.

 

Peggy Mädler hat für dieses Buch den „Fontane-Literaturpreis der Fontanestadt Neuruppin und des Landes Brandenburg“ erhalten. In der Begründung der Jury heißt es:

„Drei Generationen, drei Freundinnenpaare. Geprägt sind ihre Lebensgeschichten von Brüchen und Veränderungen, ausgelöst durch Krieg, Vertreibung und wechselnde politische Systeme bei den einen, durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse, digitales Nomadentum und Globalisierung bei den anderen. (…) In literarischer Perfektion beschreibt Peggy Mädler Land und Leute, ihre Seele und ihre Sehnsüchte, ihre Prägungen und ihr Scheitern – ganz in der Tradition Theodor Fontanes. Sie braucht dabei nur wenige knappe Striche, um erzählerische Wucht zu entfalten.“

 

Dieser literarkritischen Einschätzung kann sich ein von dem Buch begeisterter Rezensent nur anschließen.  Ich hoffe nur, dass man auf den nächsten Roman von Peggy Mädler nicht mehr solange warten muss.