Sich selbst vertrauen. Kleine Philosophie der Zuversicht

 

 

 

Charles Pepin, Sich selbst vertrauen. Kleine Philosophie der Zuversicht, Hanser 2019, ISBN 978-3-446-26226-3

 

Können Sie in der Vielfalt und oftmals auch der schrecklichen Kakophonie der Stimmen in der manchmal völlig unübersichtlichen Welt der Meinungsmache und der gezielten Falschmeldungen noch ihre eigene Stimme spüren? Ist Ihnen, wenigstens bei manchen aktuell diskutierten politischen und gesellschaftlichen Themen deutlich und bewusst, was Ihre eigene Meinung ist, ihre eigene Haltung? Ja?  Dann vertrauen Sie sich selbst und ihrer eigenen Meinung.

 

Haben Sie das schon einmal erlebt, dass Ihnen in einem bestimmten Bereich Ihres Lebens trotz fast grenzenloser Möglichkeiten, relativ schnell klar war, welche Richtung Sie einschlagen würden. Ja? Dann trauen sich sie und sind risikobereit.

 

Bleiben Sie lieber unverbindlich oder können Sie eigene Entscheidungen für eine Sache oder Person treffen, obwohl ihre letzten Zweifel längst nicht ausgeräumt sind, ja, sich niemals werden ausräumen lassen?

Ja, dann haben Sie die Fähigkeit, die wertvolle und reiche Fähigkeit , sich selbst zu vertrauen.

 

Der französische Philosoph Charles Pepin nimmt den Leser auf seiner verständlich zu lesenden und amüsanten „kleinen Philosophie der Zuversicht“ mit auf eine lehrreiche Reise durch die Welt der Literatur, der Kulturgeschichte und der Philosophie und zeigt überzeugend und nachvollziehbar, wie jeder Mensch, der das wirklich will, all dem Ungewissen, der beliebigen Vielfalt und dem Sog der angeblichen Wahrheiten entgegentreten kann mit mehr eigener Zuversicht.

 

Sich dabei selbst zu vertrauen, heißt auch, dem zu trauen, was ich habe und bin. Gerade auch angesichts schlechter Nachrichten oder persönlicher Schicksalsschläge. Der Rezensent weiß aus persönlicher Erfahrung, wie nach der Bewältigung einer Krise das Selbstvertrauen und eben auch die Selbstliebe größer sind als je zuvor.

 

Eine Differenzierung ist dabei wichtig und wird von Pepin am Ende noch einmal hervorgehoben:

„Selbstvertrauen ist nicht gleichbedeutend mit Selbstsicherheit. Wer sich selbst vertraut, findet den Mut, sich dem Ungewissen zu stellen, statt vor ihm zu fliehen. Der findet im Zweifel, in Tuchfühlung mit ihm, die Kraft sich aufzuschwingen“.

 

Die Lektüre dieses Buches vermittelt etwas von dieser wunderbaren Kraft.

 

 

 

Keine Angst, kleiner Hase

 

 

Stefan Gemmel, Marie-Jose Sacre, Keine Angst, kleiner Hase, Carl-Auer Verlag 2018, ISBN 9783-8497-0252-6

 

 

„Keine Angst, kleiner Hase“ ist das dritte Bilderbuch des Autorenteams Gemmel und Sacre, in dem der ungeheuer große und schwere Drache Bodo, der letzte seiner Art im Wald von Tohuwabohu auf jeweils ein anderes Tier trifft. Dieses Mal begegnet der ungewöhnliche Drache, der noch im Leben gebrüllt hat, stattdessen lieber Blumen pflückt und morgens der Sonne ein Begrüßungslied singt und abends dem Mond einen Nachttanz vorführt, einem kleinen Hasen.

 

Der hält den Drachen für mindestens seltsam, als er so die Sonne mit einem Lied begrüßt, und fragt den Drachen: „Benimmt sich so ein Drache?“

 

Und schon entspinnt sich ein Gespräch über das, was Drachen angeblich tun: rumbrüllen und anderen Tieren Angst einjagen. Bode, der Drache, weiß gar nicht, wie das geht und der kleine Hase versucht, es ihm zu zeigen.

 

Bodo probiert es, als der Hase anfängt zu weinen. Bodo tröstet ihn und der Hase gesteht ihm, dass er jemanden sucht, der seine Angst erschrecken kann. Und nun wird Bodo richtig lebendig und brüllt ganz laut in den Wald.

 

Und irgendwann ist auch die Angst des Hasen weg. Und Bodo hat fast ein schlechtes Gewissen.

 

Ein schönes Bilderbuch über die Angst vor der Dunkelheit.

 

 

Unter Hunden

 

 

Andrius Burba, Unter Hunden, Riva 2017, ISBN 978-3-7423-0072-0

 

Unter einen Titel „Unter Hunden“ stellt man sich, bevor man das Buch aufgeschlagen hat, sicher vor, dass darin eine Menge verschiedener Hunde abgebildet sind. Vielleicht auch, dass menschliches Zusammenleben mit Hunden fotografisch thematisiert wird.

 

Die erste Vermutung stellt sich als richtig heraus, doch völlig anders, als man es vermutet hätte. Der Litauer Fotograf Andrius Burba hat eine so noch nie gewählte Perspektive gewählt und in seinem hier vorliegenden Buch verschiedene Hunde von unten fotografiert. Inspiriert wurde er dazu beim Besuch einer internationalen Katzenschau in Vilnius. Unter dem Titel „unter Katzen“ hat er 2016 schon einen ähnlichen Band vorgelegt.

„Was ich mit meinen Fotos aber eigentlich ausdrücken wollte, ist dieses Gefühl der Verlegenheit, das sogar Katzen haben, wenn es um den Teil ihres Körpers geht, den Menschen normalerweise nicht zu sehen bekommen“, schreibt Burba im Vorwort eines gerade für Katzenfreunde besonderen und außergewöhnlichen Bildbandes. Das Gleiche gilt für seinen hier vorliegenden Band über Hunde.

 

Wunderbare Hundekörper von unten auf schwarzen Hintergrund, die nach ihrer Veröffentlichung sehr schnell zu einer Weltsensation wurden.

 

Rettet den Boden. Warum wir um das Leben unter unseren Füßen kämpfen müssen

 

 

 

Florian Schwinn, Rettet den Boden. Warum wir um das Leben unter unseren Füßen kämpfen müssen, Westend 2019, ISBN 978-3-86489-242-4

 

Alle reden über das Klima. Es geht in der aktuellen, stellenweise ins Katastrophische abgleitenden Debatte in der Öffentlichkeit und zunehmend in der Politik um die unterschiedlichsten Maßnahmen, um das bei der Pariser Klimakonferenz verabredete Ziel der Begrenzung der Erderwärmung zu erreichen.

 

Obwohl immer auch dabei hingewiesen wird auf den enormen Anteil, den die Landwirtschaft durch die moderne Weise ihrer Nahrungsmittelproduktion und des Anbaus an der Veränderung des Klimas hat, ist die Grundlage aller Landwirtschaft, eben auch der biologischen, der Boden und seine Humusschicht, bisher viel zu wenig beachtet worden.

 

Der erfahrene und mit etlichen Umweltpreisen für seine engagierte journalistische Arbeit ausgezeichnete Journalist Florian Schwinn zeigt in seinem hier beim Westend Verlag erschienenen Buch, dass wir dem „Boden unter unseren Füßen“ viel mehr Aufmerksamkeit widmen müssen, denn er ist die Grundlage für alles Leben. Wir leben von dem, was der Boden bereitstellt.

 

Schwinn zeigt sehr verständlich und aufschlussreich, welches unglaubliche Leben in nur einer Handvoll Erde es gibt. Da leben mehr Organismen als es Menschen auf der Erde gibt. Mikroorganismen und Regenwürmer, Asseln, Fadenwürmer, Springschwänze uvm sind die biologischen Arbeiter, die dem Menschen zu einem ertragreichen Boden verhelfen. Haben die Bauern in früheren Zeiten noch dafür gesorgt, dass sich der Humus aufbauen kann (ein Millimeter braucht dreihundert Jahre!), beutet die moderne Landwirtschaft diesen Boden nur noch aus. Die Gülle, die als Dünger ausgebracht wird, reicht nicht, um wirklich Humus aufzubauen, sondern vergiftet den Boden und das Wasser zusehends.

 

Florian Schwinn zeigt engagiert und leidenschaftlich, dass mit dem Aufbau von nur vier Promille Humus mehr pro Jahr auf allen landwirtschaftlichen Flächen der weltweite Kohlendioxidausstoß im Boden gespeichert werden könnte. Eine solche weltweite Vier-Promille-Initiative hatte Gastgeber Frankreich bei der Pariser Konferenz vergeblich vorgeschlagen. Obwohl ich mich ausführlich täglich über verschiedene Pressemedien über die Klimadebatte informiere, war mit diese Tatsache bisher nicht bekannt.

 

Florian Schwinn fordert, diese Bodeninitiative wieder aufzunehmen. Ein sofortiges Umdenken sei nötig im Umgang mit unseren Böden. Nur so kann unsere wichtigste Lebensgrundlage gerettet werden. Gleichzeitig könnte so ein wirklich entscheidender Beitrag geleistet werden zum Klimaschutz und zum Erhalt der Artenvielfalt.

 

Mit einer Humuswende, wie er sie vorschlägt, könnte die Landwirtschaft vom Klimazerstörer zum Klimaretter werden. Leider ist diese dringend nötige und „grund“ legende Wende bisher in der zunehmend aufgeheizten Umweltdebatte um Ausstiegsdaten, SUVs und Flugscham noch nicht in den Blick geraten. Übrigens: ist die Humusschicht erst einmal zerstört, ist auf diesen Flächen auch über Jahrhunderte kein ökologischer Landbau mehr möglich.

 

Vielleicht hilft eine grüne Regierungsbeteiligung nach der nächsten Wahl, die uns wohl schneller bevorsteht, als manche denken, der Humuswende den nötigen politischen Schub zu geben und ihre Umsetzung einzuleiten.

 

Dieses Buch stellt den Boden als das zentrale Element für die Kohlenstoffbindung endlich in den Mittelpunkt.

 

 

 

 

Das gute Glück. Wie wir es finden und behalten können

 

 

Michaela Brohm-Badry, Das gute Glück. Wie wir es finden und behalten können, Ecowin 2019, ISBN 978-3-7110-0170-2

 

Michaela Brohm-Badry, die Autorin des vorliegenden Buches, gilt als eine der renommiertesten Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der Positiven Psychologie. Sie arbeitet als Professorin an der Universität Trier mit den Forschungsschwerpunkten Motivation, Lernen und Persönlichkeitsentwicklung.

 

Nach einem einschneidenden persönlichen Erlebnis, schreibt sie ihr erstes populärwissenschaftliches Buch „Das gute Glück“.

 

Um ein wissenschaftliches Buch fertigzuschreiben zieht Michaela Brohm-Badry wohl während eines Freisemesters mit ihren Hunden in eine einsame Mühle auf dem Land. Dort findet sie die Ruhe, die sie braucht um zu schreiben. Doch schon bald sieht sie sich mit dem bisher einschneidensten Erlebnis ihres Lebens konfrontiert. Von jetzt auf gleich fährt ihr ein Schmerz wie eine Pistolenkugel in den Kopf. Weitab von anderen  Menschen bricht sie zusammen. Doch ihre Hündin Nike schubst sie eindringlich und ausdauernd und verhindert so, dass Michaele ins Koma fällt. Irgendwann schafft sie es, an eine Freundin einen Notruf zu schicken. Sie wird gerettet und eine schnelle Operation lässt sie das geplatzte Aneurysma in ihrem Gehirn überleben.

 

Wieder genesen, fragt sie sich, wie man so viel Glück haben kann und ausgehend von ihrem eigenen Schicksal und Leben beginnt sie, sich mit der Frage nach dem menschlichen Glücksempfinden auseinanderzusetzen. Sie erklärt in ihrem Buch, das sie als Ergebnis ihres populärwissenschaftlichen Nachdenkens einen breiten Publikum vorlegt,

 

 

Kann man so viel Glück haben? Die Professorin für Empirische Lehr-Lern-Forschung setzt sich nun eingehend mit dem Glück auseinander: Wir streben alle nach maximalem Wohlbefinden, nach einem sinnhaften Leben, nach Erfüllung im Privaten wie im Beruf. Glücklichsein ist des Menschen größtes Lebensziel. Doch manchen Menschen gelingt das nur unzureichend.  Sie beschreibt, dass die Forschung nachgewiesen hat, dass Glück und die Fähigkeit dazu etwa zur Hälfte genetisch bedingt ist, das heißt auch durch die entsprechende Lebenserfahrung von Vorfahren vererbt.

 

Doch was ist mit der anderen Hälfte? Die Autorin zeigt im vorliegenden Buch, in einer gut lesbaren und inspirierend gelungenen Mischung aus Forschungsbefunden, Assoziationen aus Musik, Geschichte und Literatur einerseits und zahlreichen autobiographischen Passagen, dass Glück und Glücksempfinden auch etwas ist, was der Mensch lernen kann, was wir trainieren können wie etwa ein Hobby.

 

Durch die sehr persönliche Weise, wie sie ihre Leser anspricht, ist ihr Buch nicht nur zu einem wertvollen Ratgeber für Glückssucher geworden, sondern vermittelt auch zahlreiche und hilfreiche Anregungen zu den Themen Trost, Stärke und positiver Lebensmotivation.

 

Das Buch ist in sechs Hauptteile gegliedert:

  1. Leben: Was wir wirklich brauchen
  2. Leidenschaft für Leben und Leistung: Wie wir Energie erzeugen
  3. Sehnsucht-Genuss-Befriedigung: Wie wir kriegen, was wir wollen
  4. Abgründe und Halt: Wann wir uns zerstören und was hilft
  5. Leid! Von Wellentälern und Wellenbergen
  6. Glück und Stimmigkeit: Wie wir finden, was wir suchen

 

Es ist diese absolut gelungene Mischung zwischen persönlicher und biographischer Erfahrung und wissenschaftlichen Erkenntnissen, was dieses Buch so gut lesbar und wertvoll macht für seine Leser. Sie finden vielfältige Anregungen zu den Fragen:

 

– was konkret zum Glück verhilft und wie man es festhält
– was Freiheit, Motivation und Risikofreude mit Glück zu tun haben
– warum glückliche Menschen länger leben und weniger Stress haben
– wie man sich auf das fokussiert, was man am Leben liebt.

 

Ein Buch, das aus den vielen anderen Glücksratgebern auf dem Buchmarkt wohltuend herausragt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Paul und Opa fahren Rad

 

 

Karsten Teich, Paul und Opa fahren Rad, Gestenberg 2019, ISBN 978-3 8369-5614-7

 

In diesem originell gezeichneten Bilderbuch geht es vordergründig um das Radfahren,um Fahrräder und ihre Funktionen. Über den Straßenverkehr und seine Regeln und was man auf einer Fahrradtour so alles erleben kann.

 

Im Hintergrund und zwischen den Zeilen geht es aber auch um das Verhältnis eines kleinen Jungen namens Paul (er ist als kleiner Hase gezeichnet) und seinem auf dem Land auf einem alten Bauernhof lebenden Opa (er ist als langbeinige Ente mit einem extrem langen Hals porträtiert). Denn dieser Opa weckt seinen Enkel aus dessen Urlaubslangweile ohne Kino, Eisdiele und WLAN und Schwimmbad.

 

Es gebe da einen See, sagt er zu Paul. Aber wie dort hinkommen. Sie richten für Paul ein altes unter einer Hecke verstecktes Klapprad verkehrssicher her, und dann machen sie sich auf den abenteuerlichen Weg zum See. Unterwegs erleben sie, was es alles so an verschiedenen Rädern gibt, unter anderem ein Eisrad.

 

Bergauf und bergab geht es zum See. Selbst ein Platten kann die beiden nicht aufhalten. Und eines ist sicher: dieses Abenteuer mit seinem Opa wird Paul so schnell nicht vergessen. Und er wird nicht aufhören wollen in der Zukunft mit einem eigenen Rad unterwegs zu sein.

 

 

Das Große Rennen

 

Heinz Janisch, Gerhard Haderer, Das Große Rennen, Jungbrunnen 2018, ISBN 978-3-7026-5921-9

 

Heinz Janisch, seit vielen Jahren bekannter und von Kindern und Eltern gern gelesener und vorgelesener Autor schöner, witziger und oftmals hintersinniger Bilderbücher hat zusammen mit dem in Österreich nicht weniger bekannten Zeichner Gerhard Haderer hier ein neues lustiges Bilderbuch vorgelegt.

 

Es geht um das legendäre Pferderennen der Welt, das „Race of the Champions“ in England. Alles, was dort Rang und Namen hat, ist auf der Rennbahn und den Tribünen versammelt. Man hat natürlich Wetten abgeschlossen und hofft neben dem Gesehenwerden in der Gesellschaft auch auf einen Gewinn.

 

Doch in diesem Jahr war vor dem Rennen irgendetwas anders als sonst. Eine seltsam aufgeregte und gereizte Stimmung liegt in der Luft. Eine große Unruhe hat einen Teil des Publikums ergriffen. Vielleicht haben sie gerüchteweise schon etwas gehört von der ungeheuren Neuigkeit. Irgendjemand hat beschlossen, dass in diesem Jahr keine Pferde  das große Rennen bestreiten werden, sondern Kamele. Ja, Kamele. Aus alle Teilen der Welt hatte man sie mit dem Zug, mit einem Schiff und auf Lastwagen zur Rennbahn gebracht.

 

Nun kommen sie mit kleinen Reitern aus verschiedenen Nationen auf die Bahn und nach dem Startschuss rasen Zumela, Karas, Oase, Malura, Wüstenblume und Sandsturm los.  Das Rennen ist spannend, die Führung wechselt dauernd und schon nach wenigen Augenblicken hat das wettbegierige Publikum vergessen, dass es sich in diesem Jahr nicht um Pferde, sondern um Kamele handelt. Hauptsache, meine Nummer gewinnt.

 

Als die sechs Kamele gerade auf einer Höhe sind in ihrem Lauf, bleiben sie plötzlich wie auf ein stummes Kommando hin stehen, werfen ihre Jockeys in den Sand und schütteln sich kurz danach alle vor Lachen.

 

Das zunächst konsternierte Publikum weiß nicht, wie es reagieren soll, viele schauen auf ihre Wettzettel, als ein kleines Mädchen vor der Tribüne laut ausruft:  „Alle haben gewonnen!“

 

„Mit einem Mal löste sich die Spannung auf der Tribüne. Die Aufregung und das Erstaunen verwandelten sich in befreites Gelächter.“

 

Ein hintersinniges von Gerhard Haderer ausdrucksvoll illustriertes Bilderbuch voller versteckter Ironie.

 

Sehr empfehlenswert.

 

 

 

 

 

 

Die Wiederentdeckung des Menschen

 

 

 

Andreas von Westphalen, Die Wiederentdeckung des Menschen, Westend 2019, ISBN 978-3-86489-213-4

 

Dass der Mensch wenn es darauf ankommt dem anderen Menschen ein Wolf ist, dass er quasi von Natur aus ein egoistisches, immer auf seinen eigenen Vorteil bedacht und gerade aus der dadurch entstehenden Konkurrenzsituation mit anderen seine optimale Leistung erbringen kann  – das kann als herrschende Meinung nicht nur in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft betrachtet werden, sondern die meisten Menschen würden dieser Einschätzung aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung hauptsächlich im beruflichen Kontext zustimmen.

 

Egoismus, Konkurrenz und Materialismus als den modernen Menschen leitende Interessen. Entspricht  dieses „kapitalistische Menschenbild“ wirklich der Natur des Menschen?

 

Der Autor des vorliegenden Buches widerlegt mit vielen Verweisen auf die wissenschaftliche Literatur vom Menschen diese Einschätzung. Seiner Meinung nach haben jene Wirtschaftswissenschaftler, die sie verbreiten, „offenbar keinerlei Anstrengung unternommen, einen wissenschaftlichen Beleg für ihre Grundannahmen über die Natur des Menschen zu suchen, auf die sie ein ganzes Gebäude errichten, von dessen strenger Wissenschaftlichkeit sie überzeugt sind…“

 

Das ist auch nachvollziehbar, denn „nichts ist gefährlicher für den Kapitalismus, der auf ständigem Wachstum basiert, als Genügsamkeit, als ein zufriedener Mensch … unsere Wünsche sollen durchaus geschürt, aber niemals dauerhaft befriedigt werden…“

 

An vielen Bespielen zeigt der Autor auf, dass der Mensch von seiner Natur her eben nicht egoistisch ist, und dass eine auf den Anderen bezogene Erziehung der Schlüssel für mehr Mitgefühl und Mitmenschlichkeit darstellt. Er zitiert Den Philosophen Richard David Precht, der darauf hinweist, dass die Wirtschaft  „einen egoistischen Hedonisten und unersättlichen Konsumenten (braucht), der niemals zufrieden und auch nie in seiner Gier befriedigt ist. Die Gesellschaft hingegen bedarf eines altruistischen, anständigen, bescheidenen und zufriedenen Mitbürgers“.

 

Und er kommt zu dem einsichtigen Schluss:  „Wir stehen heute vor der Wahl: Entweder gestehen wir offen ein, dass wir das Wirtschaftssystem nicht ändern können. Dann sollten wir aber endlich so ehrlich sein und zugeben, dass dieses fundamental der Natur des Menschen widerspricht und diese zersetzt. Oder wir beginnen endlich, die Wirtschaft dergestalt umzubauen, dass sie der Natur des Menschen entspricht und sich der Mensch nicht mehr pervertieren muss, um sich der Natur der Wirtschaft anzupassen…“

 

Ein wichtiges Buch in einer Zeit, in der das, was den Menschen wirklich ausmacht, unter dem Druck wirtschaftlicher Interessen unterzugehen droht.

 

 

Männer in meiner Lage

 

 

Per Petterson, Männer in meiner Lage, Hanser 2019, ISBN 978-3-446-26377-2

 

In der Nacht des 7. April 1990 geht die norwegische Fähre „Scandinavian Star“ mit 500 Passagieren an Bord auf dem Weg von Oslo nach Frederikshavn in Flammen auf und 159 Menschen kommen dabei ums Leben.

 

Der norwegische Erfolgsschriftsteller Per Petterson („Pferde stehlen“) lässt den Ich-Erzähler seines neuen Roman „Männer in meiner Lage“ von diesem Unglück betroffen sein, indem er die Handlung seines neuen Romans in das Jahr 1992 verlegt. Arvid Jansen, der in dem vorliegenden Buch seine Geschichte erzählt, hat bei dem Unglück nicht nur seine beiden Eltern, sondern auch einen Bruder verloren, nachdem sein anderer Bruder schon kurz vorher gestorben war.

 

Er ist verheiratet mit Turid und hat mit ihr drei reizende Töchter. Turid hat ihn verlassen und die Mädchen mitgenommen. Arvid ist Schriftsteller und lebt weiter in der ehedem gemeinsamen Wohnung. Doch obwohl er ein Stipendium bekommen hat, von dem er noch einige Zeit leben kann, ist an Schreiben nicht zu denken. Er leidet wie ein Tier unter dieser Trennung und auch der katastrophale Tod seiner Eltern und seiner Brüder holt seine Seele mit Macht ein

 

Mit vielen Rückblicken lässt Per Petterson  Arvid auf eine sehr poetische Weise erzählen, wie er sein Leben versucht in der Griff zu bekommen und die Beziehung zu seinen geliebten Töchtern nicht abreißen zu lassen. Eine Tages entdeckt er in Unterlagen, die er in der Wohnung findet, dass seine Frau Turid schon sehr lange geplant hatte, sich von ihm zu trennen und lieber ein anderes Leben mit neuen Freunden (Arvid nennt sie die „Farbenfrohen“), die Trennung aber nach dem Schiffsunglück zunächst verschoben hatte.

 

Das macht für Arvid Jansens alles nicht einfacher. Er stürzt ab und es scheint bei seinem sozialen Abstieg zunächst keinen Weg zurück zu geben, bis er unter Schmerzen wieder die Kurve bekommt und langsam die Verantwortung besonders für seine älteste Tochter Vigdis erkennt und auch übernimmt, die unter der Trennung am meisten leidet und irgendwann zu ihm in die Wohnung zurückkommt. Mit einer eindrucksvollen Sprache voller „Zweideutigkeit, Melancholie, Galgenhumor und Zärtlichkeit“ (Aftenposten) lotet Per Petterson den existentiellen Schmerz und die Konflikte eines Mannes aus, der so kräftig im Leben zu stehen schien, drei erfolgreiche Bücher geschrieben und den lukrativen Auftrag für ein viertes in der Tasche hat, und der dennoch zunächst nicht verhindern kann, dass all diese menschlichen Verluste und Abschiede ihn zusammenbrechen lassen und für immer zu zerbrechen drohen.

 

Seine oft zufälligen Begegnungen mit anderen Frauen sind nicht befriedigend und er sehnt sich zurück zu seiner Familie, weiß aber nicht, wie er sie wieder zusammenbringen kann.

 

Per Petterson hat einen tiefgehenden und ernsten Roman geschrieben über einen verzweifelten Mann und wie er, wie vielleicht viele andere „Männer in meiner Lage“ verzweifelt, voller Schmerz und dennoch mutig versucht, dem Leben und der Zukunft zugewandt sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Behutsam, fast liebevoll und warmherzig ohne sentimental zu werden nähert er sich seinem Protagonisten und lässt ihn auf eine Weise ehrlich zu sich und zum Leser sein, die an vielen Stellen betroffen macht.

 

Auch wenn der Roman in Oslo und Umgebung spielt und man viel darin über das Leben und die Menschen in Norwegen lernt, kann das Schicksal Arvid Jansens stellvertretend für all jene Männer stehen, die die Bedrohung ihrer Beziehung zu lange übersehen und dann, wenn es zu spät ist, nicht wissen, wie ihnen geschieht.

 

Ob er seine Ehe retten kann, soll hier offen bleiben, aber man darf verraten dass er seine Verantwortung wieder entdeckt, zu alter männlicher und menschlicher Stabilität zurückfindet und auch seinen neuen Roman fertigstellen kann.

 

Ein berührender Roman, der trotz allem Schmerz, den er beschreibt, so etwas wie begründete Hoffnung auf das Leben macht.

 

„Männer in meiner Lage“ ist ein Roman, wie ihn Per Petterson seit „Pferde stehlen“ so überzeugend und gekonnt nicht mehr geschrieben hat.

 

 

 

Die Uhr kann gehen. Das Ende der Gehorsamkeitskultur

 

 

Karlheinz Geißler, Die Uhr kann gehen. Das Ende der Gehorsamkeitskultur, Hirzel 2019, ISBN 978-3-7776-2788-5

 

Eine neue Zeitexistenz jenseits des Uhrzeigergehorsams stellt Karlheinz Geißler, ein Experte für Zeit und Zeitempfinden, in seinem neuen Buch als neues Paradigma vor. Es gibt im Leben Wichtigeres als pünktliches oder unpünktliches Erscheinen.

 

Ja, so zeigt Geißler, die Verpflichtung zur Pünktlichkeit zehrt an den Kräften der Betroffenen und macht sie unfrei. Auch der Anspruch nach mehr Flexibilität in der modernen Gesellschaft, beraubt die Uhr ihres angestammten Herrschaftssitzes der Zeitorganisation.

 

So wichtig die Relativierung der Uhr als die das Leben der Menschen und die Ordnung der Gesellschaft beherrschende Instanz sein mag, so sehr Geißler auch recht hat mit seiner Kritik der Gehorsamkeitskultur als ein den Menschen knechtendes Herrschaftsinstrument, so sehr bleibt aber auch für mich jedenfalls richtig und wichtig, dass man sich auf feste zeitliche Vereinbarungen verlassen kann im sozialen Leben. Es ist halt nicht egal, ob jemand zu einem Medenspiel im Tennis etwa kommt, wann er will: Es ist nicht egal, ob der Handwerker einen Termin nennt bzw. einhält oder nicht. Viele weitere Beispiele würden mir noch einfallen.

 

Gleichwohl bleibt der befreiende Hinwies des Buches gültig: sich nicht mehr länger und die Knute der Uhr zu stellen, immer mehr in eine Stunde oder einen Tag hineinzupacken und sich damit seiner Freiheit zu berauben – das tut dem Menschen nicht gut. „Pünktlichkeit und ein gutes Leben, beides lässt sich schwerlich miteinander vereinbaren.“

 

Oder vielleicht doch?