Der Blick fremder Augen

 

 

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Andrea Sawatzki, Der Blick fremder Augen, Droemer 2015, ISBN 978-3-426-28139-0

 

Dieses neue Buch von Andrea  Sawatzki, das genau wie ihre drei früheren Bücher mit Sicherheit im Laufe des Jahres 2016 verfilmt werden wird,  ist viel mehr als ein klassischer Kriminalroman. Zwar gibt es mit Melanie Fallersleben eine Kommissarin, und es gibt auch einen  Fall. Doch der Schwerpunkt des spannenden  Buches liegt in der genauen Inspektion der Innenseiten und psychischen  Biographien  ihrer  Protagonisten.

Sich in die Opfer genauso wie in die Täter hineinzuversetzen, geradezu  zu verschmelzen mit ihrer Geschichte um sie zu verstehen, das ist für Melanie Fallersleben der schwierigste Teil ihrer Arbeit. Aber auch eine  Dimension, die sie über die Maßen fasziniert und regelrecht gefangen nimmt.

Intime Akte sind für sie Begegnungen mit toten Opfern, in deren Leben sie im Rahmen ihrer Ermittlungen eintaucht. Und in der Verfolgung  der Täter  ist sie nicht weniger  intensiv. Ihre Nachforschungen machen auch vor den tiefsten  Abgründen der menschlichen Seele nicht  halt.

Kein Wunder,  dass sie, die selbst nach der Trennung  von ihrem Mann noch unter den Folgen einer schweren Lebenskrise leidet, von der Ermittlung in ihrem neuen  Fall bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit geführt wird. Denn sie tritt in einem Fall unendlicher Grausamkeit lange auf der Stelle.  In einem klassischen Kriminalroman wäre das langweilig und würde die Spannung rausnehmen.  Nicht so bei Andrea Sawatzki.

Mit ihrer auch sprachlich anspruchsvollen Beschreibung ungeahnter psychologischer Abgründe steigert sie mit jeder weiteren Seite eine Spannung, die auch durch die am Ende wenig überraschende Handlung nicht geschmälert wird und das Buch zu einer exquisiten Unterhaltung macht.

Man darf auf die Verfilmung ebenso gespannt sein wie  auf Sawatzkis nächstes Buch. So langsam beginnt sie sich  im illustren Kreis anspruchsvoller Krimiautoren zu etablieren.

 

 

Und mancher noch ist auf dem Weg

 

 

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Olaf Daecke  (Hg.), Und mancher noch ist auf dem Weg. Stufen des Lebens – von Dichtern gesehen, Urachhaus 2014, ISBN 978-3-8251-7898-7

Nicht nur die Anthroposophie, sie aber ganz besonders,  geht davon aus,  dass unser menschliches Leben von der Geburt bis zum Tod verschiedene Entwicklungsstufen durchläuft. Während viele Menschen durch immer größer gewordenen  Druck gar keine Muße mehr finden, über ihr Leben nachzudenken um es gegebenenfalls auch in eine andere Richtung zu lenken, haben die Dichter zu allen Zeiten diese Poesie besessen, indem sie die Verschiedenartigkeiten der menschlichen Lebens- und der Entwicklungsstufen  beschrieben und charakterisiert haben.

Olaf Daecke hat insgesamt acht dieser Lebensstufen identifiziert  und zu jeder eine Anzahl von Gedichten und auch Prosatexten ausgewählt. Sie sind alle mit einer Zahl versehen, die im Anhang auf die jeweilige Quelle hinweist. Wertvolle Worte sind das, die nicht nur in Zeiten, wo wir unser Leben aufbauen und es wächst hilfreich werden können,  sondern die auch in biographischen Einschnitten, bei Wendepunkten im Leben und in Krisen helfen können, zu neuen orientierenden Einsichten  und Vertiefungen zu kommen.

Ein Buch, das sich wunderbar zum Verschenken zu ganz verschiedenen Anlässen  eignet.

 

 

Plötzlich und unerwartet

 

 

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Kirsten Schubert,  Plötzlich und unerwartet. Der steinige Weg der Erben und Unternehmensnachfolger , Murmann  Verlag 2015, ISBN  978-3-86774-466-9

Es kann in jedem privat geführten Unternehmen  geschehen, und es geschieht landauf  landab jeden Tag. Durch den Tod des bisherigen  Inhabers der oft über eine lange Zeit von ihm geführten mittelständischen  Firma, kommt es meist völlig unvorbereitet für die Erben zum Schwur. Oft genug ist noch nicht einmal  hinreichend geregelt,  wie das Erbe überhaupt  verteilt wird und wie es mit der Firma und der Verantwortung für Dutzende oder Hunderte  von Arbeitsplätzen weitergehen soll.

Die Autorin des vorliegenden Buches,  Kirsten Schubert, die mittlerweile ein eigenes Beratungsunternehmen leitet, das  Unternehmerfamilien  bei der Nachfolgeregelung  und beim Generationenübergang beratende  Hilfestellungen anbietet, kennt diese Fragen aus eigener Erfahrung.

An vielen Beispielen bekannter und oft großer Unternehmensfamilien erläutert  sie,  welche Hürden und Probleme  auftreten können auch außerhalb plötzlicher  Todesfälle.  Sie sieht das Vererben von Unternehmen  als eine Lebensaufgabe,  die von ihren  Eigentümern  oft unterschätzt wird, nicht nur zum Schaden der Firma und ihrer Mitarbeiter und deren Angehörigen, sondern auch zum Ärger  der Erben. Sie vergleicht die Regelung des Nachlasses  und der Nachfolge  mit einer Schifffahrt  durch ein Riff. Deshalb nannte sie ihr  Beratungsunternehmen  „reef consulting“.

Das, was sie selbst erlebte, dass nämlich alle Stolpersteine, auf die sie als Nachfolgerin und Miterbin eines Familienunternehmens  traf, gleichzeitig immer auch Lösungsansätze für seine erfolgreiche Sicherung bargen, das legt sie am Ende eines auch für Anwälte und Steuerberater eminent  wichtigen Buches in einer Art Checkliste vor, von denen der zentralste Rat zitiert werden soll : „Betrachten Sie das unverzagte  Nachdenken über das, was nach Ihnen kommt, gleichermaßen als persönliche und unternehmerische  Pflicht.“

Der ermutigende Hinweis, dass „Nachfolger “ auf Englisch „successor“ heißt,  beendet ein für alle großen und kleinen Unternehmen und Unternehmer und Unternehmensnachfolger wichtiges  Buch.

Der Mittagstisch

 

 

 

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Ingrid Noll, Der Mittagstisch, Diogenes 2015, ISBN 978-3-257-06954-9

 

Mit den Büchern von Ingrid Noll geht es mir seit Jahren so ähnlich wie mit den Brunetti – Romanen von Donna Leon, die wie Nolls Romane ebenfalls bei Diogenes in Zürich erscheinen.  Weil ihre Vorgänger so überaus erfolgreich waren, neigen die Autorinnen dazu, auch im nächsten,  von einer treuen und nicht kleiner werdenden Fangemeinde sehnlichst erwarteten Buch mit dem gleichen Strickmuster zu arbeiten.

Bei Ingrid Noll sind es vorzugsweise Frauen, die, mit viel schwarzem Humor beschrieben, auf die eine oder andere geniale Weise unliebsame Zeitgenossen entsorgen und sie sich vom Hals schaffen.

Im neuen Buch ist es die alleinerziehende Nelly, Mitte dreißig,  die sich  mit der Einrichtung eines Mittagstisches in ihrem Haus eine steuerfreie Nebeneinkunft zu sichern glaubt. Offiziell kocht  die begnadete Köchin nur für Freunde, und glaubt, deshalb kein Gewerbe anmelden zu müssen.

Und so beschreibt Ingrid Noll einen illustren Kreis von Mittagsgästen, wobei Nelly insbesondere den Männern  große  Aufmerksamkeit  widmet.  Doch als ihr Lieblingsgast Markus eines Tages  seine Freundin Grete mitbringt, ist es mit  der Gastfreundschaft vorbei. Nelly beginnt zu handeln, wobei ihr ihre genauen  Kochkenntnisse sehr behilflich sind.

Wie in allen früheren Romanen bietet  Ingrid Noll köstliche und leichte Unterhaltung mit Menschen, deren böse Seite ihrer  Persönlichkeit sie vorzugsweise  zum Ausdruck bringt und mit selbstbewussten  Frauen, die meist ohne strafrechtliche Folgen sich Probleme vom Hals schaffen.

Witzig und überaus amüsant  ist eine solche Lektüre  und ihre treuen  Fans wünschen sich von der agilen Achtzigjährigen noch viele weitere  Romane.

 

Das Mädchen mit dem Fingerhut

 

 

 

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Michael Köhlmeier,  Das Mädchen mit dem Fingerhut,  Hanser 2016, ISBN  978-3-446-25055-0

 

Die Orte und Städte, in denen der neue schmale  Roman  von Michael  Köhlmeier  spielt, können in jedem Land Westeuropas liegen. Ein Europa, das in diesen Tagen zu zerbrechen droht an einer Herausforderung, die sich die meisten Regierungen weigern, gemeinsam zu meistern und zu lösen. Ob dies überhaupt möglich ist, ohne wesentliche Werte aufzugeben und für unantastbar gehaltene Rechte auszusetzen, das werden die nächsten Wochen und Monate zeigen.

Michael Köhlmeier Roman handelt von Kindern. Drei von Hunderttausenden,  die sich mit Eltern oder alleine auf den Weg in eine vermeintlich bessere  Zukunft gemacht  haben und versuchen, in einem fremden Land ohne  Sprachkenntnisse  zu überleben.

Das sechsjährige Mädchen,  dessen Geschichte  Michael Köhlmeier sensibel und mit einer schlichten, poetischen Sprache verfolgt,  ist mit einem „Onkel“, der nicht näher beschrieben wird,  ins Land  gekommen. Der setzt sie auf dem Marktplatz einer  größeren Stadt  vor dem Laden von Bogdan ab,  einem freundlichen Händler, der dem stummen Mädchen zu essen gibt. Sein Freund, der Fischhändler, unterstützt ihn dabei, rät jedoch, die Polizei zu rufen, um sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Als das Mädchen das Wort „Polizei“ hört , beginnt es zu schreien wie am Spieß.

Abends holt sie der Onkel an einer verabredeten Stelle wieder ab und setzt sie am nächsten Tag wieder bei Bogdan ab. Als nach einigen Tagen  der Onkel  nicht da ist, irrt das Mädchen durch die Stadt und wird irgendwann von einer freundlichen Polizeibeamtin in ein Heim gebracht. Dort trifft sie auf einen älteren Jungen namens Schamhan und den kleinen  Arian. Schamhan kennt sowohl die Sprache des Mädchens als auch die des kleinen Jungen.

Sie fliehen aus dem Heim und versuchen sich durchzuschlagen. Schamhan redet von einem Haus, das er finden will, wo sie über den Winter  bleiben können,  weil seine  Bewohner im Süden in der Sonne sind.

Niemand weiß,  wo die Kinder herkommen. Das Mädchen wird Yiza  genannt, weil es auf eine entsprechende nicht verstandene Frage dieses Wort gesagt hat.  Irgendwann ist auch der große

Junge  verschwunden, und auch Arian kommt nicht wieder, als eine alte Frau das Mädchen bei sich aufnimmt, offenbar ohne die Behörden zu informieren.  Doch Arian findet sie Monate später, schlägt die alte Frau brutal nieder, und sie fliehen erneut.

„Arian ist  der Kapitän.  Er geleitet  das Schiff zu den Freunden und in den Sommer. Die Freunde, das sind  eine Horde  von Zerlumpten, die bereits zu alt sind für Mitleid und Rührung. “

Mit diesen  Worten lässt Michael Köhlmeier seinen nachdenklichen Roman enden. Einen Roman, der erzählt  von Menschen ohne Herkunft. Ein Roman, der sich Sentimentalitäten verweigert und dennoch mit kräftigen Worten und lebendigen Bildern erzählt  von der kindlichen Kraft  des Überlebens.

Ein Buch ohne gutes Ende, obwohl sich im seinem Verlauf an mehreren  Stellen ein solches anbot. Aber die Wirklichkeit  sieht oft anders aus. Dunkler,  trauriger, ohne wirkliche Hoffnung.