Das Geheimnis der Muse

 

 

 

Jessie Burton, Das Geheimnis der Muse, Insel Verlag 2018, ISBN 978-3-458-36329-3

 

„Nicht jeder erhält am Ende, was er verdient.“

Mit diesem Satz beginnt Jessie Burton ihren zweiten Roman „Das Geheimnis der Muse“, der in über 30 Sprachen übersetzt wurde und nun verfilmt wird. Sie führt den Leser an zwei Schauplätze in zwei Zeiträumen, zum einen nach Spanien ins Jahr 1936 und zum anderen ins London der späten 60er Jahre.

1967 bewirbt sich Odelle, eine junge Frau aus Trinidad, als Schreibkraft am Skelton Institut, einer kleinen Galerie. Odelle selbst ist eine talentierte Schriftstellerin, hat aber ihre Träume, ein Buch zu schreiben erstmal aufgegeben. Doch ihre Chefin Marjorie Quick, die sie unter ihre Fittiche nimmt und eine gewisse Zuneigung zu ihr zu hegen scheint, animiert sie, Vertrauen in ihre Fähigkeiten als Schriftstellerin zu haben, und ermutigt sie, eigene Arbeiten zu veröffentlichen.

Auf einer Party trifft Odelle Lawrie, einen jungen Mann, der Gemälde geerbt hat, dessen Wert im Skelton Institut geprüft wird. Das auffällige Bild hat augenscheinlich eine seltsame Wirkung auf Quick. Es entpuppt sich als Werk von Isaac Robles und führt ins Spanien des Jahres 1936.

Denn um das Gemälde rankt sich ein folgenschweres Geheimnis, das ins Jahr 1936 zurückreicht, als Olive Schloss, eine begabte junge Malerin, in Andalusien auf den Künstler und Revolutionär Isaac Robles trifft. Eine Begegnung, die ungeahnte Konsequenzen nach sich zieht …

Sowohl Olive als auch Odelle sind Frauen mit kreativen Fähigkeiten, und beiden fehlt aus unterschiedlichen Gründen das Selbstbewusstsein, zu ihren Gaben zu stehen. Ihr Leben wird sich durch das Gemälde verquicken. Und so entwickelt Jessie Burton mit viel Kunstverstand  zwischen dem schillernden London der Sechziger und dem schwülheißen Andalusien der Dreißiger eine fesselnde und betörende Geschichte um große Ambitionen und noch größere Begierden.

 

 

 

 

Oh, wer sitzt da auf dem Klo

 

 

 

Harmen van Straaten, Oh, wer sitzt da auf dem Klo, Verlag Freies Geistesleben 2018, ISBN 978-3-7725-2885-9

 

Ein lustiges gereimtes Bilderbuch hat Rolf Erdorf aus dem Niederländischen für den Verlag Freies Geistesleben übersetzt. Harmen van Straaten hat es geschrieben und gezeichnet und dabei vielleicht auch daran gedacht, wie er als Kind oft viel zu lange mit einem spannenden Buch in der Hand auf dem Familienklo saß zum Ärger der anderen Familienmitglieder. Wer weiß! Bei mir war das jedenfalls oft so. Lesen auf dem Klo, so wie es der kleine Junge am Ende des Buches ausdrückt:

„Ich throne hier schon eine ziemliche Weile

Und hatte dabei wenig Gründe zur Eile.

Und weil mein Buch so spannend gewesen,

wollt` ich es auch bis zum Ende auslesen…“

 

Doch die Tiere, die sich mit jeder Seite mehr vor der verschlossenen roten Tür versammeln, weil sie mal müssen, wissen das lange nicht. Sie drehen und  wenden sich von lauter Bedürfnisqual, streiten sich, wer zuerst dürfen darf, wenn die Tür aufgeht und fordern den Besetzer des Klos auf jeder Seite mit einem neuen lustigen Spruch auf, die Tür aufzumachen.

Bär, Schwein, Elefant, Tiger, Pinguin, Affe und die Giraffe – sie alle müssen mal und ihre Not ist groß.

 

Die Kinder, die dieses Buch anschauen, werden sich kringeln vor Lachen, weil sie dieses Gefühl genau kennen, seit sie gelernt haben, aufs Klo zu gehen. Das Gefühl, dass man muss und nicht kann, weil das Klo besetzt oder gar keins da ist.

 

Die lustigen Reime tun ihr Übriges um dieses Buch zu einem echten Vorlesespaß zu machen.

 

Königskinder (Hörbuch)

 

 

 

Alex Capus, Königskinder (Hörbuch), Der Hörverlag 2018, ISBN 978-3-8445-3103-9

 

Der neue kleine Roman von Alex Capus ist neben seiner witzigen Rahmenhandlung und der schönen Hauptgeschichte, die erzählt wird, vor allem ein sprachlicher Genuss. Man spürt die Freude des Autors am Fabulieren bei nahezu jedem einzelnen Satz, den er zu Papier bringt. Das Lesen macht Freude und ist abgesehen von der wunderbaren Unterhaltung, die dieses kleine Buch beschert, eine große Bereicherung für den Leser.

 

In der Rahmengeschichte fahren Max und Tina, ein erfahrenes Ehepaar, trotz gegenteiliger Wetterwarnungen mit ihrem roten Toyota Corolla während eines nächtlichen Schneetreibens eine Passstraße hinauf. Sie sind deshalb ein erfahrenes Ehepaar, weil sie sich gut kennen und einschätzen können, sich bei den wichtigen Dingen immer einig sind, und sich um Kleinigkeiten streiten können wie die Kesselflicker.

 

Das tun sie auch während der Fahrt durch die Nacht, jedenfalls solange bis sie endgültig von der Straße abkommen und im Straßengraben im Schnee stecken bleiben.

 

Um sich die Zeit bis zum Morgen, wenn die Schneeräumgeräte wieder im Einsatz sind, zu vertreiben, und vor allen um angesichts der Kälte wach zu bleiben, schlägt Max vor, eine Geschichte zu erzählen. Eine wahre Geschichte, dessen Rahmendaten er genau recherchiert habe.

 

Mehrfach in der Nacht wird er in seinem Erzählfluss von Tina unterbrochen, die immer wieder unlauteren Kitsch wittert, aber von Max jeweils eines Besseren belehrt wird.

 

Max (Alex Capus) erzählt nun eine alte Liebesgeschichte, die genau in den Bergen ihren Anfang nimmt, in denen sie stecken geblieben sind. Jahrhunderte liegt sie zurück und spielt in der Zeit kurz vor der französischen Revolution, eine Zeit des Aufbruchs und Umbruchs in Europa. Von diesen bevorstehenden Umwälzungen erfährt der Hirtenjunge Jakob nichts. Er kümmert sich um das Vieh eines reichen Bauern und ist mit den Tieren während des ganzen Sommers oben in den Bergen. Als er nach dem Sommer das Vieh nach unten ins Tal bringt, begegnet er nicht zum ersten Mal Marie, der Tochter des Bauern. Die beiden erleben so etwas wie Liebe auf den ersten Blick, denn mehr als sich von weitem anschauen, können sie nicht. Der Bauer wittert diese zarte Annäherung sofort und will sie verhindern.

 

Jakob und Marie jedoch fliehen zusammen auf Jakobs Hütte und verbringen dort viele Tage. Die Knechte des Bauern kommen irgendwann dorthin und wollen Jakob an den Kragen. Der aber teilt ihnen mit, sie sollen dem Bauern sagen, er habe sich zum Kriegsdienst gemeldet und er brauche sich keine Sorgen mehr zu machen.

 

Acht Jahre von 1779 bis 1787 dient Jakob im Regiment Waldner und tut Dienst in Cherbourg am Ärmelkanal, wo es all die Zeit sehr ruhig ist und er von den sich in Europa anbahnenden großen Umwälzungen relativ wenig mitbekommt.

 

Marie indes wartet auf dem Hof ihres Vaters auf Jakobs Rückkehr, und lehnt alle potentiellen Ehemänner, die ihr Vater über die Jahre auf den Hof bringt, barsch ab.

 

An dieser Stelle bringt der erzählende Max Elisabeth, die Tochter des französischen Königs Ludwig XVI. ins Spiel. Sie ist unzufrieden mit dem Leben im Schloss Versailles und ringt ihrem Vater ein Landgut ab, auf dem sie Landwirtschaft betreiben will. Von  allem das Beste, Hühner aus der Bresse , Schweine aus Flandern, Schlachtrinder aus Burgund, Arbeitspferde aus Brabant. Und Milchkühe aus der Schweiz, Freiburger Milchkühe. Und genau hier gibt es die von der mitten in der Nacht im Toyota Corolla zuhörenden Tina ungeduldig erwartete Verbindung.

 

Weil die Kühe in der Fremde kränkeln und keine Milch geben und wegen ihrer schmerzhaft entzündeten Euter brüllen, muss nach einem Freiburger Kuhhirten gesucht werden, der sich mit ihnen auskennt.

 

Jakob ist mittlerweile aus dem Dienst ehrenhaft entlassen worden und kehrt in sein Heimatdorf zurück. Marie, die sich vom Vater nichts mehr sagen lässt, geht mit ihm einen Sommer hoch in die Berge zu Jakobs Hütte und zu den Tieren, denn er nimmt seine alte Tätigkeit wieder auf. Sie verbringen dort glückliche Tage, bis Soldaten nach oben kommen, die Jakob mitteilen, er werde unten im Tal erwartet, es gebe einen wichtigen Auftrag für ihn.

 

Er soll sich auf dem Hofgut der französischen Königstochter um die Milchkühe kümmern. Gehorsam folgt er diesem Auftrag und lässt Marie zurück. Doch beide wissen, dass es nicht für lange sein wird. Tatsächlich lässt Elisabeth, die Königstochter, Marie bald nachkommen, denn sie hat gespürt, wie traurig ihr Helfer ist.

 

Sie erleben dort beide die bewegten Tage der französischen Revolution, wie sich das heruntergekommene und versiffte Schloss leert. Als irgendwann alles vorbei zu sein scheint, nehmen Jakob und Marie ihre Tiere und verlassen das Gut. Sie kaufen einen kleinen Bauernhof und haben zusammen ein langes und glückliches Leben.

 

In Rachel Cusk kürzlich im  Suhrkamp Verlag erschienenem Roman „Kudos“ ist das Erzählen eine Art moderne Form von Beichte. Hier bei Capus ist das Erzählen eine Art von Daseinsversicherung gegen den Tod durch Kälte, der außerhalb des gestrandeten Autos droht. So ähnlich wie Sheherezade, die mit jeder Nacht und jeder neuen Geschichte ihr Leben verlängert.

 

Der wunderbare kleine Roman von Alex Capus ist ein literarisches Kleinod, kraftvoll und poetisch in der Sprache, lebendig, dicht und plastisch erzählt.

 

Eine warmherzige Erzählung, wie ein Märchen, und doch offenbar historisch verbürgt und genau recherchiert.

 

Die Hörbuchfassung seines letzten Buches „Das Leben ist gut“ hatte Alex Capus noch selbst eingelesen, wenig überzeugend wie ich damals fand. Nun hat der Hörverlag für das neue Buch den genialen Sprecher und Schauspieler Ulrich Noethen mit der ungekürzten Lesung beauftragt, die ihm wie bei so vielen anderen seiner Lesungen hervorragend gelungen ist. Er hat dieses wahre Märchen über eine Liebe, die viel überstehen muss, überzeugend und warmherzig interpretiert.

 

 

 

Der Bärenberg

 

 

Max Bolliger, Jozef Wikon, Der Bärenberg, Bohem 2018, ISBN 978-3-85581-528-9

 

Der Bilderbuchverlag Bohem aus der Schweiz hat in diesem Herbst den Bilderbuchklassiker von Max Bolliger mit den klassischen Illustrationen von Jozef Wilkon wieder aufgelegt.

 

„Der Bärenberg“ ist eine Geschichte von Angst und Mut, eine Geschichte von Selbstvertrauen und Kraft und dem Mut zum eigenen Weg.

Drei kleine Bären sind miteinander unterwegs. Sie stehen am Fuße eines Berges, dessen Gipfel einladend im Sonnenlicht strahlt. Alle drei sehnen sich danach, dort oben zu sein, und beschließen hinaufzuklettern. Sie machen sich frohgemut auf den Weg, singen unterwegs Bärenlieder. Als sie kurze Zeit später an eine Wegkreuzung kommen, müssen sie eine Entscheidung treffen. Ist der rechtsabbiegende Weg der Richtige oder der nach links?

Sie können sich nicht einigen und so geht jeder seinen eigenen Weg. Der erste Bär nimmt den linken Weg, der zweite den rechten, der dritte kann sich nicht entscheiden. Kurze Zeit später hört der frohen Sinnes dahinschreitenden erste Bär die Stimme des dritten Bärs hinter sich, der ihn vergeblich einzuholen versucht, denn er bleibt immer wieder stehen und schaut zurück.

 

Der erste Bär kommt an einen steilen Abgrund, über den ein Steg führt auf dem auf der anderen Seite ein Wolf ihm den Weg versperrt. Mutig kämpft der Bär mit dem Wolf, spürt während des Kampfes seine Kräfte wachsen. „Du hast mich besiegt!“ sagt der Wolf am Ende und gibt den Weg zum Gipfel frei.

 

Dem zweiten Bär, der den rechten Weg gewählt hatte, passiert ähnliches. Auch ihm folgt hasenfüßig und vergeblich der dritte Bär, bevor er an einem anderen Steg einem Tiger gegenübersteht, der ihm den Weg streitig macht. Der zweite Bär besiegt mit Kräften, die aus dem Mut entstehen, den Tiger und trifft oben auf dem Gipfel den ersten Bär.

 

Der dritte kleine Bär indes hatte den Tiger von weitem gesehen und war schnell wieder nach Hause zurückgelaufen.  Die beiden anderen auf dem Gipfel mit der wunderschönen Aussicht aber nehmen sich etwas vor:

„Wie schade, dass der dritte kleine Bär nicht bei uns ist“, sagen sie. „Aber wir wollen ihm davon erzählen, Wir müssen ihm helfen, seinen eigenen Weg zu gehen und sich weder vor Wölfen noch vor Tigern zu fürchten.“

 

Ein Bilderbuch mit einer wunderbaren Botschaft: jeder gehe seinen eigenen Weg, fürchte sich nicht vor dem Kampf mit dem „Wolf“ oder dem „Tiger“ die sich ihm in den Weg stellen wollen.  Und: manchmal führen auch unterschiedliche Wege zum selben Ziel. Ein Bilderbuch, das eine Botschaft auch durchaus für die vorlesenden Erwachsenen besitzt.

 

 

Sammel & Surium. Bücher und Bilder aus 40 Jahren

 

Rotraut Susanne Berner, Sammel & Surium. Bücher und Bilder aus 40 Jahren, Gerstenberg 2018, ISBN 978-3-8369-5682-6

 

Der Gerstenberg Verlag, der seit vielen Jahren Bücher von Rotraut Susanne Berner veröffentlicht hat ihr mit diesem Begleitbuch zu einer gleichnamigen Ausstellung ein Denkmal gesetzt. Die Ausstellung, die das künstlerische Gesamtwerk von Rotraut Susanne Berner präsentiert, wird vom 18. August bis zum 18. November 2018 im Wilhelm Busch- Deutsches Museum für Karikatur & Zeichenkunst in Hannover zu sehen sein.

 

Sie zeigt Arbeiten von Berner aus 40 Jahren in verschiedenen thematischen Bilderbögen:

  • Buchstaben & Salat
  • Gänse & Blümchen
  • Gretchen & Fragen
  • Habe & Seligkeit
  • Nest & Häkchen
  • Kopf & Kino
  • Techtel & Mechtel
  • Welt & Räume
  • Wimmel & Welt
  • Druck & Technik
  • Papp & Satt
  • Rotraut & Susanne

 

 

Der ZEIT- Autor Benedikt Erenz und Berners Kollege Axel Scheffler würdigen Rotraut Susanne Berner zu Beginn des wertvollen Buches mit eigenen Porträts ihrer jahrzehntelangen Arbeit, die so vielen Kindern und Menschen Freude gemacht hat. Erenz schreibt: „Berners Kunst führt uns ins Offene, komisch oft und gern ein bisschen belustigt über uns selbst.“

 

Ein schönes Geschenk für alle erwachsenen Freunde Berners. Von denen gibt es mehr, als man denkt.

 

 

 

 

 

Schlaft recht schön

 

 

 

 

Tomoko Ohmura, Schlaft recht schön, Moritz Verlag 2018, ISBN 978-3-89565-364-3

 

In seinem neuen von Ursula Gräfe aus dem Japanischen übersetzte Bilderbuch erzählt Tomoko Ohmura von verschiedenen Tieren und wie sie sich auf unterschiedliche Weise auf ihren Winterschlaf vorbereiten.

Die Marienkäfer bauen sich aus Blättern und Reisig ein Bett. Die Eichhörnchen sammeln zunächst Tannenzapfen, Nüsse und Beeren, bevor sie sich zum Winterschaf hinlegen. Bei den Igel gräbt jeder ein Loch, legt es mit Blättern aus und haben dann ein warme und gemütliches Lager. Auch die Bären polstern ihre Höhle weich aus, in der sie den Winter verbringen.

 

Auf der letzten Seite hat Ohmura alles noch einmal nebeneinander in einer Schneelandschaft beim Überwintern gezeigt.

 

Ein schönes Gute-Nacht-Buch zu einem immerwährenden und bei Menschenkindern allabendlich wiederkehrenden Thema.

Der Zopf (Hörbuch)

 

 

 

Laetitia Colombani, Der Zopf (Hörbuch), Argon Hörbuch 2018, ISBN 978-3-8398-1619-6

 

In diesem wunderbaren Bestseller aus Frankreich geht es um drei Frauen, wie sie nicht unterschiedlicher sein könnten. Drei Frauen aus drei Kontinenten, jede mit ihrem eigenen Schicksal und doch auf eine magische Weise miteinander verbunden.

 

Da ist Smita aus Uttar Pradesh in Indien. Sie und ihre Tochter gehören zu den Dalit, den Unberührbaren, die Gandhi einmal „Kinder Gottes“ nannte. Ihre Aufgabe ist es, täglich die Latrinen der Bewohner des Ortes reinigen, die höher gestellt sind als sie. Mit bloßen Händen holt sie die Exkremente ihrer Nachbarn heraus und entsorgt sie auf den Feldern. Ihr Mann arbeitet als Rattenfänger auf jenen Feldern. Die Tiere, die ihm in die Falle gehen, darf er nach Hause mitnehmen. Smita brät sie dann abends, oft die einzige Nahrung für die Familie. Während Smitas Mann treu im Glauben auf seine Wiedergeburt in einem hoffentlich besseren Leben wartet und sich still in sein Schicksal fügt, beschließt Smita, die will, dass ihre Tochter Lalita Lesen und Schreiben lernt, ihr Leben in die Hand zunehmen. Mitten in der Nacht geht sie mit den wenigen Ersparnissen zusammen mit ihrer Tochter fort. Sie verlässt Dorf und Ehemann, um für sich und die Tochter ein neues Leben zu beginnen.

Ihre Reise wird sie irgendwann in einen Tempel führen, wo sie für ihre spirituelle Reinigung ihrem Gott Vishnu ihren Zopf opfert.

 

Diese Haare sind zusammen mit anderen die Rettung für die altehrwürdige Perückenfirma der 19-jährigen Giulia aus Palermo, die nach einem Unfall des Vaters, der ihn in ein immerwährendes Koma fallen lässt, verzweifelt versucht, die durch erhebliche Schulden und sinkende Nachfrage ihrer edlen Produkte kurz vor dem Bankrott stehende Firma und die Arbeitsplätze der Mitarbeiterinnen zu erhalten.

Die Haare aus Indien, von besonders guter Qualität, sind der Rohstoff, für Perücken besonders hohen Standards, von denen eine schließlich in Kanada landen wird.

 

Dort, auf der anderen Seite des Atlantiks lebt die erfolgreiche Anwältin Sarah in Montreal. Sie hat sich über viele Jahre trotz zahlreicher Anfeindungen als Frau in ihrem Beruf durchgesetzt. Immer hat sie es geschafft, die Sorge für ihre drei Kinder und ihren Beruf miteinander zu vereinbaren. Der Preis dafür war hoch. Sie hat schon zwei Scheidungen hinter sich und als sie nun als Partnerin ihrer Kanzlei aufgenommen werden soll, denkt sie, mit noch mehr Anstrengung sei auch das zu schaffen.

Da erfährt sie von einer Krebserkrankung, die sie erst einmal verdrängt, die sie dann niederhaut und sie schließlich zwingt darüber nachzudenken, was ihr im Leben wirklich etwas bedeutet, was ihr wichtig ist. Ganz schafft sie den Turnaround nicht, aber eine Perücke aus Guilias Werkstatt in Palermo wird ihr helfen, neuen Lebensmut zu schöpfen und ihr normales Leben wieder aufzunehmen.

 

Laetitia Colombani erzählt die Schicksale dieser drei Frauen, die auf unterschiedliche Weise dieselbe Sehnsucht nach Freiheit verbindet abwechselnd. Ohne dass sich die Frauen kennen, bewegen sich ihre Geschichte sozusagen aufeinander zu. Jede auf ihre Weise kämpft gegen die Widerstände des Lebens.

 

Die Autorin hat aus diesen drei Geschichten eine Art Zopf geflochten, der symbolisch den ersten Zopf Smitas ersetzt.

 

Es ist ein berührender Roman ohne aufgesetzte Sozialkritik. Laetitia Colombani schildert ihre drei Frauenfiguren mit Bedacht, ohne hintergründige Kritik und achtet so das, was sie verbindet trotz aller unüberbrückbaren Unterschiede: die Sehnsucht nach Freiheit und die Erfahrung, dass es sich lohnt, neu anzufangen und für sie zu kämpfen.

 

Der Argon Verlag hat für die ungekürzte  Hörbuchfassung dieses ungewöhnlichen Debüts aus Frankreich den einzig richtigen Weg gewählt und drei Sprecherinnen mit der Interpretation der drei Frauen beauftragt.

Eva Gosciejewicz interpretiert mit viel Begeisterung in der Stimme und sehr identifiziert mit der Figur die Sizilianerin Giulia, die nach vielen Rückschlägen erfolgreich den väterlichen Betrieb erhält. Die mehrfach als Sprecherin ausgezeichnete und selbst als Schriftstellerin erfolgreiche Schauspielerin Andrea Sawatzki leiht ihre Stimme überzeugend der erfolgreiche und an Krebs erkrankten Anwältin Sarah. Für die von Laetitia Colombani besonders eindrucksvoll beschriebene indische Mutter Smita hat der Verlag mit Valery Tscheplanowa die Schauspielerin des Jahres 2017 gewonnen, deren Interpretation diese arme Frau voller Hoffnung auf Zukunft sehr lebendig werden lässt.

 

Ein ungewöhnliches und absolut gelungenes Hörbuch. Eine von drei wunderbaren Stimmen geprägte Hymne auf das Leben und den Mut aller Frauen dieser Welt.örbcuhfassung dieses +

 

 

Flugangst 7A,(Hörbuch)

 

 

Sebastian Fitzek, Flugangst 7A,(Hörbuch) Argon Hörbuch 2018, ISBN 978-3-8398-1586-1

 

Mats Krüger ist ein erfahrener und erfolgreicher Psychiater. Vor vielen Jahren ist er per Schiff von Deutschland nach Argentinien  ausgewandert. Wie so oft war das eine Flucht. Er konnte die tödliche Krankheit seiner über alles geliebten Frau nicht mehr ertragen und verließ sie und seine damals noch kleine Tochter. Niemals wollte er je wieder zurückkehren. Doch seine Tochter Nele, mit dem HIV-Virus infiziert, ist schwanger geworden und hat ihn gebeten nach Berlin zurückzukommen und ihr bei der Geburt und danach beizustehen.

Mats Krüger leidet unter erheblicher Flugangst und so absolviert er nicht nur ein Flugangst-Seminar, sondern informiert sich auch wie manisch über Flugzeugabstürze und die Sicherheit von Flugzeugen.

 

Er bucht mehrere Sitze auf einem Langstreckenflug von Buenos Aires nach Berlin, um möglichst sicher zu gehen. Doch schon bevor das Flugzeug abhebt, gibt er seinen Sitz in der Business Class an eine junge Mutter mit einem Baby ab. Ein Vorgang, den der Leser bald vergisst…

Nachdem er seinen Platz eingenommen hat und versucht, seine in ihm tobenden Ängste einigermaßen zu bewältigen, klingelt sein Telefon. Ein Unbekannter spricht mit verstellter Stimme und teilt Mats mit, dass sich ein früherer Patient von ihm an Bord befindet. Ein Mensch, den Mats vor langer Zeit in einer langwierigen Therapie von mörderischen Gewaltphantasien heilte. Diesen Mensch, der sich bald als die Purserin des Fluges herausstellt, soll er seelisch so destabilisieren, dass die Mordphantasien wieder zum Vorschein kommen und durch sien das Flugzeug zum Absturz gebracht wird.

 

Kurz nach dem Start des Flugzeugs erfährt Mats Krüger, dass seine kurz vor der Geburt stehenden Tochter entführt wurde und von einem offenbar Verrückten festgehalten wird. Hilfe glaubt Mats nur zu finden bei Feli, einer ehemalige Kollegin, die er ebenso sitzen gelassen hat, wie seine Frau.

 

Obwohl Feli an diesem Tag heiraten soll, macht sie ich auf die Suche nach Nele und kommt dem Entführer bald gefährlich nah. Sehr nah und direkt geht es bald auch im Flieger zu. Ziemlich rätselhaft erscheint zunächst, wie der Erpresser all diese Vorgänge geplant hat. Die ehemalige Patientin im selben Flugzeug, und weit weg in Berlin zeitgleich der Überfall auf Nele.

 

Wie immer in seinen Büchern baut Sebastian Fitzek eine fast unerträgliche Spannung auf, inszeniert immer wieder neue Wendungen bis zu einer wieder völlig überraschenden Lösung.

 

Die vorliegende autorisierte Lesefassung ist ein weiteres gelungenes Produkt der nun schon über 10 Jahren dauernden Zusammenarbeit zwischen dem Autor Sebastian Fitzek und dem Sprecher Simon Jäger. Für das Hörbuch von „Passagier 23“ erhielten die beiden die Goldene Schallplatte.

 

Simon Jäger gelingt es mit seiner Stimme und seiner Interpretation hervorragend die dem Roman eingebaute Spannung auch physisch erlebbar zu machen.

 

 

 

Königskinder

 

Alex Capus, Königskinder, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-26009-2

 

Der neue kleine Roman von Alex Capus ist neben seiner witzigen Rahmenhandlung und der schönen Hauptgeschichte, die erzählt wird, vor allem ein sprachlicher Genuss. Man spürt die Freude des Autors am Fabulieren bei nahezu jedem einzelnen Satz, den er zu Papier bringt. Das Lesen macht Freude und ist abgesehen von der wunderbaren Unterhaltung, die dieses kleine Buch beschert, eine große Bereicherung für den Leser.

 

In der Rahmengeschichte fahren Max und Tina, ein erfahrenes Ehepaar, trotz gegenteiliger Wetterwarnungen mit ihrem roten Toyota Corolla während eines nächtlichen Schneetreibens eine Passstraße hinauf. Sie sind deshalb ein erfahrenes Ehepaar, weil sie sich gut kennen und einschätzen können, sich bei den wichtigen Dingen immer einig sind, und sich um Kleinigkeiten streiten können wie die Kesselflicker.

 

Das tun sie auch während der Fahrt durch die Nacht, jedenfalls solange bis sie endgültig von der Straße abkommen und im Straßengraben im Schnee stecken bleiben.

 

Um sich die Zeit bis zum Morgen, wenn die Schneeräumgeräte wieder im Einsatz sind, zu vertreiben, und vor allen um angesichts der Kälte wach zu bleiben, schlägt Max vor, eine Geschichte zu erzählen. Eine wahre Geschichte, dessen Rahmendaten er genau recherchiert habe.

 

Mehrfach in der Nacht wird er in seinem Erzählfluss von Tina unterbrochen, die immer wieder unlauteren Kitsch wittert, aber von Max jeweils eines Besseren belehrt wird.

 

Max (Alex Capus) erzählt nun eine alte Liebesgeschichte, die genau in den Bergen ihren Anfang nimmt, in denen sie stecken geblieben sind. Jahrhunderte liegt sie zurück und spielt in der Zeit kurz vor der französischen Revolution, eine Zeit des Aufbruchs und Umbruchs in Europa. Von diesen bevorstehenden Umwälzungen erfährt der Hirtenjunge Jakob nichts. Er kümmert sich um das Vieh eines reichen Bauern und ist mit den Tieren während des ganzen Sommers oben in den Bergen. Als er nach dem Sommer das Vieh nach unten ins Tal bringt, begegnet er nicht zum ersten Mal Marie, der Tochter des Bauern. Die beiden erleben so etwas wie Liebe auf den ersten Blick, denn mehr als sich von weitem anschauen, können sie nicht. Der Bauer wittert diese zarte Annäherung sofort und will sie verhindern.

 

Jakob und Marie jedoch fliehen zusammen auf Jakobs Hütte und verbringen dort viele Tage. Die Knechte des Bauern kommen irgendwann dorthin und wollen Jakob an den Kragen. Der aber teilt ihnen mit, sie sollen dem Bauern sagen, er habe sich zum Kriegsdienst gemeldet und er brauche sich keine Sorgen mehr zu machen.

 

Acht Jahre von 1779 bis 1787 dient Jakob im Regiment Waldner und tut Dienst in Cherbourg am Ärmelkanal, wo es all die Zeit sehr ruhig ist und er von den sich in Europa anbahnenden großen Umwälzungen relativ wenig mitbekommt.

 

Marie indes wartet auf dem Hof ihres Vaters auf Jakobs Rückkehr, und lehnt alle potentiellen Ehemänner, die ihr Vater über die Jahre auf den Hof bringt, barsch ab.

 

An dieser Stelle bringt der erzählende Max Elisabeth, die Tochter des französischen Königs Ludwig XVI. ins Spiel. Sie ist unzufrieden mit dem Leben im Schloss Versailles und ringt ihrem Vater ein Landgut ab, auf dem sie Landwirtschaft betreiben will. Von  allem das Beste, Hühner aus der Bresse , Schweine aus Flandern, Schlachtrinder aus Burgund, Arbeitspferde aus Brabant. Und Milchkühe aus der Schweiz, Freiburger Milchkühe. Und genau hier gibt es die von der mitten in der Nacht im Toyota Corolla zuhörenden Tina ungeduldig erwartete Verbindung.

 

Weil die Kühe in der Fremde kränkeln und keine Milch geben und wegen ihrer schmerzhaft entzündeten Euter brüllen, muss nach einem Freiburger Kuhhirten gesucht werden, der sich mit ihnen auskennt.

 

Jakob ist mittlerweile aus dem Dienst ehrenhaft entlassen worden und kehrt in sein Heimatdorf zurück. Marie, die sich vom Vater nichts mehr sagen lässt, geht mit ihm einen Sommer hoch in die Berge zu Jakobs Hütte und zu den Tieren, denn er nimmt seine alte Tätigkeit wieder auf. Sie verbringen dort glückliche Tage, bis Soldaten nach oben kommen, die Jakob mitteilen, er werde unten im Tal erwartet, es gebe einen wichtigen Auftrag für ihn.

 

Er soll sich auf dem Hofgut der französischen Königstochter um die Milchkühe kümmern. Gehorsam folgt er diesem Auftrag und lässt Marie zurück. Doch beide wissen, dass es nicht für lange sein wird. Tatsächlich lässt Elisabeth, die Königstochter, Marie bald nachkommen, denn sie hat gespürt, wie traurig ihr Helfer ist.

 

Sie erleben dort beide die bewegten Tage der französischen Revolution, wie sich das heruntergekommene und versiffte Schloss leert. Als irgendwann alles vorbei zu sein scheint, nehmen Jakob und Marie ihre Tiere und verlassen das Gut. Sie kaufen einen kleinen Bauernhof und haben zusammen ein langes und glückliches Leben.

 

In Rachel Cusk kürzlich im  Suhrkamp Verlag erschienenem Roman „Kudos“ ist das Erzählen eine Art moderne Form von Beichte. Hier bei Capus ist das Erzählen eine Art von Daseinsversicherung gegen den Tod durch Kälte, der außerhalb des gestrandeten Autos droht. So ähnlich wie Sheherezade, die mit jeder Nacht und jeder neuen Geschichte ihr Leben verlängert.

 

Der wunderbare kleine Roman von Alex Capus ist ein literarisches Kleinod, kraftvoll und poetisch in der Sprache, lebendig, dicht und plastisch erzählt.

 

Eine warmherzige Erzählung, wie ein Märchen, und doch offenbar historisch verbürgt und genau recherchiert.

 

 

Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest. Tiergedichte für Kinder

 

 

Tanja Dückers u.a., Ein Nilpferd steckt im Leuchtturm fest. Tiergedichte für Kinder, Mixtvision 2018, ISBN 978-3-95854-126-9

 

Solche Bücher für Kinder und solche Kooperationen, die zu ihrer gelungenen Entstehung führen, wünscht man sich öfter. Die Internationale Jugendbibliothek, das Lyrik Kabinett und die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung haben 10 bekannte Künstler zu zwei Workshops eingeladen, um miteinander etwas Lyrisches und Künstlerisches für Kinder zustande zu bringen.

 

Der hier vorliegende von  Mixtvision in München verlegte Band mit Tiergedichten für Kinder zeugt, dass ihr Bemühen erfolgreich war. Ich stelle mir beim Lesen und Betrachten des Bandes vor, dass die sechs Lyriker Michael Augustin, Tanja Dückers, Heinz Janisch, Mathias Jeschke, Arne Rautenberg und Ulrike Almut Sandig zusammen mit den Illustratoren Nadia Budde, Julia Friese, Regina Kehn und Michael Roher eine Menge Spaß miteinander hatten.

 

Ganz unterschiedliche lyrische Formen haben die Autoren eingesetzt und die Künstler haben mit verschiedenen Techniken experimentiert. Ein lustiges Buch ist entstanden, das Kindern und Erwachsenen viel Freude bereiten kann.

 

Ein Beispiel von einem meiner Kinderbuchlieblingsautoren Heinz Janisch:

„Der Meerhase

Ich habe heute einen Meerhasen gesehen,

tief unten im Meer,

Er wollte auf einem Bein stehen,

aber im Wasser geht das schwer.

Dann hat er einen Salto gemacht

Mund mir eine Karotte gebracht,

Plötzlich war wieder fort.

Das Meer ist ein rätselhafter Ort.“