Seit wann ist die Erde rund. Wien sich die Völker unseren Planeten vorstellten

 

 

Guillaume Duprat, Seit wann ist die Erde rund. Wien sich die Völker unseren Planeten vorstellten, Knesebeck 2018, ISBN 978-3-86873-135-4

 

Das vorliegende Sachbuch, an dem der Autor nach eigenen Angaben über acht Jahre lang gearbeitet hat, ist nicht nur für Kinder ab 9 Jahren, wie vom Verlag empfohlen, geeignet, sondern auch für alle Erwachsenen, die sich für die Entstehung von Weltbildern quer durch die Zeit interessieren, und den Zusammenhang dieser Weltbilder mit der jeweiligen Kultur, die sie geprägt haben. So ist etwa das Weltbild der Bibel, das über eine lange, lange Zeit dominierend war, von dem babylonischen Schöpfungsmythos geprägt, den die jüdischen Theologen nach der Vertreibung ins babylonische Exil dort kennen gelernt und für die Erklärung ihrer eigenen Geschichte adaptiert und verändert hatten. Jeder Theologe lernt das in seinem alttestamentlichem Studium; von den in diesem Buch beschriebenen und erklärten vielen anderen Vorstellungen von der Welt und ihrer Entstehung aus den verschiedenen anderen Kulturen der Welt habe ich jedenfalls bei diesem Studium nichts erfahren. Ein Buch wie das vorliegende hätte mir helfen können, quasi komparatistisch die eigene Tradition einzuordnen.

Das Buch des Franzosen Guillaume Duprat nimmt seine Leser auf eine spannende und sehr lehrreiche Zeitreise mit, bei der sie erfahren, welche Vorstellungen die vielen Völker dieser Erde und ihre Kulturen von der Form und vom Aussehen unserer Erde hatten und zum Teil heute noch haben. Mit vielen Klapptafeln und schönen Illustrationen ist das Buch ausgestattet, und eine Datumsleiste von der Frühzeit bis heute gibt eine wichtige Orientierungshilfe bei der historischen Einordnung.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, das nicht umsonst nach seinem ersten Erscheinen 2009 den Kinder- und Jugendbuchpreis LUCHS der ZEIT erhalten hat.

Ich kann fliegen

 

Fifi Kuo, Ich kann fliegen, Orell Füssli 2018, ISBN 978-3-280-03583-2

 

 

Der kleine Pinguin hat ein großes Problem: er träumt davon, so wie die anderen Vögel fliegen zu können. Immer wieder schaut er ihnen am Himmel bewundernd nach, wenn sie dort ihre Kunststücke vorführen. Zwar sagt ihm sagt Vater, dass sie Pinguine seien, und Pinguine eben mal nicht fliegen können, sondern hervorragend ausgestattet seien zum Schwimmen, doch der kleine Pinguin gibt seinen Traum nicht auf.

 

Immer wieder versucht er es, probiert alles Mögliche: er versucht zu flattern, er nimmt ordentlich Anlauf. Alles umsonst. Auch nachdem ihn sein Vater noch einmal getröstet hat, versucht er es wieder und rutscht einen Eisabhang hinab mitten ins Wasser des Eismeers. Sein Vater, der die ganze Zeit ein Auge auf ihn hatte, kommt ihm zu Hilfe, fängt ihn  auf und zeigt ihm dann im Wasser, wie schön es sein kann zu schwimmen. Da spürt der Pinguin, dass die Fähigkeit, sich so immer Wasser bewegen zu können, ja so etwas ist wie Fliegen. Nicht in der Luft wie eine Möwe, sondern eben wie ein Pinguin im Wasser.
Kunstvolle und schöne Illustrationen erzählen eine warmherzige Geschichte auf ihre Weise.

 

 

 

Die Live Butterfly Show

 

 

 

Jan Wagner, Die Live Butterfly Show. Gedichte, Hanser Berlin 2018, ISBN 978-3-446-26043-6

 

Vier Jahre ist es her, dass Jan Wagners preisgekrönter Gedichtband und Lyrikbestseller „Regentonnenvariationen“ erschienen ist, ein Buch, das nicht nur Wagners Ruf als ungewöhnliche rund phantasiebegabter Lyriker begründete, sondern auch nicht unwesentlich zu einer neuen lange nicht erlebten Begeisterung eines breiteren Publikums für Gedichte  beitrug. Vor einem Jahr wurde wohl auch deswegen Jan Wagner in Darmstadt der Büchnerpreis verliehen, was seinen Bekanntheitsgrad weiter steigerte.

 

Nun zeigt er mit seinem neuen Gedichtband „Die Live Butterfly Show“ nicht nur einen für einen Lyrikband ungewöhnlichen Titel an, sondern zeigt sich mit den etwa 50 neuen Gedichten als einen routinierten Dichter und außergewöhnlicher Sprachjongleur, der nach wie neugierig und offen auf die Dinge des Alltags schaut und dem Leser ermöglicht, sie in einer ganz neuen Perspektive anzuschauen.

 

Egal, was Wagner, in seiner Dichtkunst mit jedem Band souveräner werdend, beschreibt, welches Wesen oder welchen Gegenstand, er verwandelt sie poetisch nun lässt sie gleichsam fliegen.

 

Immer wieder probiert er sich auch an alten Formen, ohne sich sklavisch an sie binden. Wagners Gedichte sind Sprachexperimente, die dem Leser Spaß machen.

 

 

 

 

Die Liebe in diesen Zeiten

 

 

 

Chris Cleave, Die Liebe in diesen Zeiten, DTV 2018, ISBN 978-3-423-21754-5

 

Der Londoner Journalist und Autor Chris Cleave wurde für seinen ersten Roman „Liebe Osama“ mit Preise überhäuft und auch seine folgenden Romane „Little Bee“ und „Gold“ kamen bei der Kritik gut an.

 

Auch sein neuer Roman „Liebe in diesen Zeiten“ (im englischen Original „Everyone Brave Is Forgiven“), der in einer deutschen Erstausgabe bei DTV premium erschienen ist, erzählt er eine bewegende und erschütternde Geschichte aus den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs, als die Deutschen über lange Zeit nicht nur London bombardierten und die englische Bevölkerung nicht nur an den Folgen dieser Angriffe litt, sondern auch daran, dass es kaum Hoffnung auf Besserung gab.

 

Die im September 1939 beginnende Romanhandlung erzählt von zwei Hauptfiguren und deren Schicksal. Zum einen ist da die sehr junge Londoner Lehrerin Mary North, die aus gutem Hause stammt und deren Vater als Mitglied des Unterhauses versucht, in die Regierung zu kommen. Mary löst sich im  Laufe der Handlung von der strengen Ordnung ihrer Familie und versucht, oft in freundschaftlicher Auseinandersetzung mit ihrer Freundin Hilda, sich als Hilfslehrerin für benachteiligte Kinder einzusetzen. Unter anderen für einen schwarzen Jungen namens Zachary. Sie will ihm Schreiben und Lesen beibringen, aber er lehrt sie etwas nicht weniger Wichtiges.

 

Und da ist der Restaurator Alistair Heath, der sich gleich zu Beginn  des Kriegs freiwillig zur Armee meldet und im Laufe der Jahre, die Cleave chronologisch verfolgt,  fürchterliche Erfahrungen macht, schließlich aber unter dem Verlust seines rechten Armes überlebt.

 

Doch nicht nur er erleidet in diesem Krieg schwere körperliche und seelische Verletzungen. Chris Cleave beschreibt auf dem Hintergrund einer bewegten und immer wieder vom krieg bedrohten Lebensgeschichte, wie der Krieg Zerstörungen und Verwüstungen anrichtet im Herzen und der Seele von Menschen und wie er fast verhindert, dass sie noch lieben können.

 

Ich habe durch die Lektüre des Buches viel gelernt über den Bombenterror der Nazis auf England und erinnerte mich beschämt daran, die ich als Schüler schon Ende der sechziger Jahre von englischen Familien aufgenommen wurde wie ein eigener Sohn. Da war kein Ressentiment mehr spürbar.

 

Cleave hat für seinen Roman Erinnerungen seines Großvaters verwendet, der auf Malta lebte und ebenso wie Alistair Heath die lange Belagerung der Insel durch die Nazis und ihre Verbündeten erlebte.

 

„Liebe in diesen Zeiten“ ist ein engagierter, über lange Strecken melancholischer Roman, der die Schrecken des Krieges und seine Folgen für die Seelen der Menschen beschreibt und dennoch eine Hymne auf die große Kraft der Liebe singt.

 

Ein großer Roman über Liebe, Freundschaft, Mut und Verlust in Zeiten des Krieges.