Jetzt sind wir einfach glücklich. Vorlesegeschichten

 

 

 

 

Marjaleena Lembcke, Claudia Burmeister, Jetzt sind wir einfach glücklich. Vorlesegeschichten, Nilpferd 2019, ISBN 978-3-7074-5224-2

 

Ein wunderschönes Vorlesebuch mit kurzen Vorlesegeschichten für Kinder von Marjaleena Lembcke ist hier vorzustellen, das Claudia Burmeister zart und liebevoll illustriert und koloriert hat.

 

Inspiriert von ihrer eigenen Enkeltochter Charlotte hat die Autorin insgesamt 11 kurze Geschichte aus der Lebenswelt eines kleinen Mädchens aufgeschrieben. Besuche im Zoo, bei den Nachbarn und bei der Oma werden ähnlich schön und mit einfacher Sprache beschrieben wie die Erfahrung leichter und  auch schwerer Krankheit des Kindes.

 

Die Erfahrung, wenn die Eltern für eine kurze Zeit nicht zu Hause sind, wenn Oma zu Besuch kommt oder wenn das Mädchen Lotti traurig ist oder fröhlich lachen kann, weil es ihm gut geht.

 

Besonders gut hat mir die Geschichte gefallen, in der Lotti zusammen mit ihrem Bruder ins sogenannte Lachland fährt, wenn zu Hause durch launige Eltern mal schlechte Stimmung ist. Und da lachen auch die Eltern plötzlich wieder.

 

Kinder lernen durch diese schönen Vorlesegeschichten, dass es auch in ihrem Leben und Alltag immer etwas zu beobachten und zu erfahren gibt. Leichte Geschichten sind das, denen es  gelingt, mitten hinein in den Alltag so etwas wie Poesie zu zaubern, und von kleinen Schwächen und großen Freuden erzählt.

 

 

Gott wohnt im Wedding (Hörbuch)

 

 

Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding (Hörbuch), der Hörverlag 2019, ISBN 978-3-8445-3265-4

 

Schon zuvor sei es gesagt: der neue Roman von Regina Scheer ist meiner Meinung nach ein Meisterwerk. Noch besser als in ihrem ersten Roman „Machandel“ gelingt es ihr, Gegenwart und  Vergangenheit auf dem Hintergrund deutscher Geschichte am Beispiel von Einzelschicksalen miteinander zu verknüpfen.

 

Auf über 400 Seiten geht es um ein Haus im Berliner Stadtteil Wedding und seine Geschichte im 20. Jahrhundert und in den ersten 15 Jahren des 21. Jahrhunderts. Die Lebensgeschichten der Menschen, die mit diesem Haus verknüpft sind, sind alle quasi schicksalhaft miteinander verbunden und erzählen eindrucksvoll von deutscher, jüdischer und ziganer Vergangenheit und Gegenwart.

 

Leo Lehmann kehrt nach 70 Jahren, die er in Israel in einem Kibbuz gewohnt hat, zusammen mit seiner Enkel Nira nach Berlin zurück, um mit seinem Anwalt Ansprüche nach Rückgaben von Eigentum zu klären, das seiner Familie von den Nazis gestohlen wurde. Eigentlich wollte er nie wieder zurückkehren, doch nun steht er vor dem Haus in der Utrechter Straße im ehemals roten Wedding und erinnert sich. Während die Autorin Leo während seines Aufenthaltes seine ehemalige Heimat erkunden lässt und in vielen Rückblicken nicht nur seine Geschichte erzählt, sondern auch die seines ebenfalls jüdischen Freundes Manfred, verliebt sich seine Enkelin Nira in Amir und wird am Ende ihren Großvater nicht mehr zurück nach Israel begleiten.

 

In dem alten Haus, das von Spekulanten heruntergewirtschaftet wurde, wohnt noch die über neunzigjährige Gertrud, die mit der Geschichte von Manfred und Leo während der Nazizeit eng verbunden ist. Auch sie wird sich in vielen Rückblicken erinnern. Der Roman ist so konstruiert, dass sich Leos und Gertruds Erinnerungen fast zwangsläufig aufeinander zu bewegen.

 

Doch nicht nur dieser Strang jüdischer Verfolgungsgeschichte durchzieht das Buch, sondern auch die der Sinti und Roma. Laila, die seit einiger Zeit in dem verfallenden Haus wohnt, lernt erst im Laufe des Buches, dass ihre Sintifamilie einst auch in diesem Haus gewohnt hat.

Regina Scheer ist deren Verfolgungsgeschichte bis auf den heutigen Tag (in dem Haus wohnen aktuell viele Sinti und Roma aus Rumänien und Bulgarien, die sich in Berlin ein bessere Leben erhoffen und schamlos ausgebeutet werden) sehr wichtig und sie nimmt neben den Erinnerungen von Leo und Gertrud sehr viel Platz ein. Tatsächlich ist dieser Roman der erste dieser Art, der mir zur Kenntnis gelangt ist, der den Sinti und Roma in Vergangenheit und Gegenwart eine angemessene Würdigung zukommen lässt.

 

All diese Geschichten bündeln sich in einem Haus, das Regina Scheer durch einen literarischen Kunstgriff immer wieder selbst von seiner bewegten Geschichte und die ihrer unterschiedlichen Bewohner in Vergangenheit und Gegenwart erzählen lässt. All diese Leben hat Regina Scheer zu einem großen literarischen Epos verwoben, ein Epos voller Wahrhaftigkeit und menschlicher Wärme.

 

Es sind diese vielen unterschiedlichen Menschen, die sich trotz allem etwas bewahrt haben von ihrer tiefen Menschlichkeit, die den Leser berühren und bewegen.

 

Ein großer Roman, vielschichtig konstruiert und mit viel Herzblut geschrieben. Mit diesem Buch empfiehlt sich Regina Scheer schon jetzt für eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2019.

 

Der Schauspieler Johannes von Bülow hat diese sehr gelungen gekürzte Hörbuchfassung eines großen Romans auf eine bewundernswerte Weise eingelesen, die allen Figuren, und es gibt ja wahrlich viele in diesem Buch eine einzigartige und authentische Stimme gibt.

 

Beim Hören fühlt man sich bald wie ein stiller, unsichtbarer Bewohner dieses Hauses , in dem sich die Lebenswege von Einheimischen und  Zugezogenen, von Verfolgten, Verlierern und Verachteten kreuzen, alle miteinander auf der Suche nach einem kleinen Stückchen Glück.