Coaching to go

 

 

 

 

Monika Bylitza, Coaching to go, Neukirchener Verlag 2017, ISBN 978-3-7615-6385-4

 

In diesem kleinen und handlichen Selbstcoachingbuch hat die Autorin Monika Bylitza jeden Monat des Jahres unter ein Thema gestellt, dazu auf wenigen Seiten einige knappe Einführungstexte geschrieben und dann für jeden Tag des Monats einen Denkimpuls notiert, der den Nutzer einen Tag lang beschäftigen soll.

 

Die Reihe der Monatsthemen zeigt, dass die einzelnen Schritte hin zu einem neuen bewussteren Lebens- und Arbeitsstil aufeinander aufbauen. Überzeugend stellt sie zwölf Kompetenzen in den Fokus, die Führungskräfte und Mitarbeitern mit Verantwortung weiterbringen sollen, immer auf eine prägnante und (berufs-) alltagstaugliche Weise:

  • Klarheit schaffen
  • Kompetenz zeigen
  • Menschen führen
  • Veränderungen gestalten
  • Intuition zulassen
  • Den Umgang mit Zeit kultivieren
  • Konflikte managen
  • Stille suchen
  • Prioritäten setzen
  • Perspektiven gestalten
  • Perfektionismus ablegen
  • Advent stimmungsvoll gestalten

 

Das ganze Jahr über täglich oder zumindest sehr regelmäßig genutzt, werden die angebotenen Denkanstöße einsickern in ein sich langsam veränderndes Bewusstsein und einen menschlicheren (beruflichen) Alltag.

 

Auch für Menschen ohne Führungsverantwortung kann und wird dieses Büchlein, angemessen genutzt, eine segensreiche Veränderung bringen.

Der Zufall, das Universum und du

 

 

 

 

Florian Aigner, Der Zufall, das Universum und du, Brandstätter Verlag 2017, ISBN 978-3-7106-0074-6

 

Florian Aigner ist Physiker und Wissenschaftserklärer. Er promovierte über theoretische Quantenphysik und schreibt heute über Wissenschaft und Technik – unter anderem in seiner Kolumne „Wissenschaft und Blödsinn“ in der Futurezone. Oft hinterfragt er auch esoterische Behauptungen, die immer wieder mit echter Wissenschaft verwechselt werden.

In seinem neuen hier vorliegenden Buch geht er der Frage nach den wissenschaftlichen Wurzeln des Zufalls nach. Denn wir halten vieles für Zufall, die zahlen etwa, die den Lottogewinn garantieren oder die Wahrscheinlichkeit von Regenfällen in trockenen Gebieten. Trotzdem gehen nicht nur Laien davon aus, dass sich die Welt an Naturgesetze hält, die berechenbar und vorhersehbar sind. Sonst gäbe es nicht die Flut an Prognosen von Fachleuten, denen unterschiedliche wissenschaftliche Berechnungen zugrunde liegen.

 

Wenn man sich, wie Florian Aigner in diesem Buch auf die Suche nach den wissenschaftlichen Wurzeln des Zufalls begibt, stößt man auf Schmetterlinge, die mit einem Flügelschlag den Lauf der Welt verändern, auf winzige Teilchen, die ihre Eigenschaften ganz zufällig festlegen, und auf genetische Mutationen, die das Leben in neue Bahnen lenken. Auf der anderen Seite ist es schwer, den Zufall richtig einzuordnen. Wir glauben Muster zu sehen, wo in Wirklichkeit nur das Chaos am Werk ist, wir verwechseln echte Leistung mit purem Glück.

 

Florian Aigner nimmt  in einem lehrreichen und gut verständlichen unterhaltsamen Buch seine Leser mit auf eine spannende Reise durch viele Wissenschaften und was sie zur Frage der wissenschaftlichen Wurzeln des Zufalls zu sagen haben. Die Suche nach der tiefen Bedeutung des Zufalls für das Universum und das Leben jeden Einzelnen ist informative, lehrreiche und unterhaltsame Lektüre zugleich.

 

 

Zuckersand

 

 

 

 

Jochen Schmidt, Zuckersand, C.H. Beck 2017, ISBN 978-3-406-70509-0

 

Der neue Roman „Zuckersand“ des Berliner Schriftstellers Jochen Schmidt hat mich von der ersten Seite an verzaubert und mich mitgenommen und gleichzeitig zurückgeführt in eine Zeit, als es mir so ähnlich ging wie dem Ich-Erzähler des Buches. Ich vermute, dessen Erzählungen von seinem Alltag mit seinem zweijährigen Sohn Karl haben viel zu tun mit persönlichen Erfahrungen des Autors, denn so zärtlich und liebevoll kann nur einer ein kleines Kind beschreiben und seine Wahrnehmung der Welt, der es selbst beim Wachsen begleiten durfte.

 

Während der Autor das Leben des kleinen Karl und seine vielfältigen Versuche, die Welt zu entdecken, zu benennen und zu verstehen, beschreibt, gehen seine Erinnerungen zurück in seine eigene Kindheit. Er lebt quasi in dem Spagat, sowohl Karls Kindheitsglück zu gewährleisten und zu schützen vor allem, was es bedrohen könnte, und gleichzeitig nicht nur die Erinnerungen an seine Kindheit zu bewahren, sondern auch zahllose Gegenstände zu konservieren, an denen er hängt, die er regelrecht sammelt zum Leidwesen seiner Partnerin Klara.

Karls Vater und seine Mutter haben eine immer noch selten vorkommende Rollenverteilung. Der Vater ist wohl seit kurz nach seiner Geburt zu Hause, kümmert sich um Kind und Haushalt, während die Mutter vollzeit arbeiten geht. Per SMS hält er sie tagsüber in Wort und Bild über Karls Entwicklung, über seine Aussprüche und Entdeckungen auf dem Laufenden und bemüht sich tapfer, nicht nur ein guter Vater, sondern auch ein guter Hausmann und Partner zu sein.  Und er macht Erfahrungen, ist mit Gefühlen konfrontiert, die ich selbst kenne und die zu dem Wertvollsten zählen, auf das ich in meinem bisherigen Leben zurückblicken kann.  Wie konnte ich ihm zustimmen, wie viele hundert mal habe ich das selbst gefühlt, wenn er an einer Stelle, ein Versteckspiel mit seinem Sohn beschreibend, fassungslos notiert: „Wie sollte ich mit meinen Gefühlen für diesen Jungen leben, ohne davon vollkommen gelähmt zu werden?“

 

Seinen Sohn dabei  bestaunend, wie der die Welt entdeckt, erlebt er sich selbst und seine eigene Geschichte neu. Es ist ein ganz besonderes Geschenk, das uns unsere Kinder machen, wenn sie uns dergestalt mit unserem Allerinnersten konfrontieren. Wir sehen uns in ihnen neu, anders. Die Gemeinschaft mit ihnen hat heilende Wirkung. Sie kitzeln das Wertvollste aus uns heraus: bedingungslose Liebe.

 

„Zuckersand“ ist ein lustiger, witziger und berührender Roman über das Vatersein. Mich hat er in eine Zeit zurückgeführt vor dreizehn Jahren, als mein eigener Sohn begann zu krabbeln, dann zu sprechen und dann fragend die Welt zu entdecken. Diese ersten Jahre, in denen ich rund um die Uhr mit ihm leben und lernen durfte, sind die schönsten meines Lebens. Eines kann ich dem Ich-Erzähler die Romans vorhersagen: die Gefühle, die Beziehung zu unseren Kindern werden mit ihrem Älterwerden, ihrem Eintritt in den Kindergarten, dann in die Schule und ihrem zunehmenden Selbständigwerden nicht weniger intensiv. Wir müssen nur lernen, sie immer mehr loszulassen.

 

Kinder sind das größte Geschenk, das das Leben für uns bereithält.

 

 

Fast eine Familie

 

 

 

 

 

Bill Clegg, Fast eine Familie, S. Fischer 2017, ISBN 978-3-10-002399-5

 

Dieser Debütroman von Bill Clegg ist in den USA ein gefeierter Erfolg gewesen. Lange stand  er auf der Bestsellerliste der New York Times und ist sowohl für den  Man Booker Prize als auch für den National Book Award nominiert gewesen. Etwas, was literarischen Debüts nur höchst selten widerfährt.

 

Der Roman erzählt in zunächst zusammenhanglos daherkommenden Strängen die Geschichte von June Reid. Am Tag der Hochzeit ihrer Tochter – das ganze Haus ist voll mit Gästen aus der Familie – geht das Haus in Flammen auf. Niemand außer June überlebt diese Katastrophe. Fast bewusstlos vor tiefem Schmerz flieht June den Ort ihres Leids, setzt sich in ihren Wagen und fährt quer durch die USA, wo sie sich in einem Hotel einmietet in der Hoffnung, dass sie hier niemand finden wird.

 

Bill Clegg hat dem Chaos und der Zerstörung der Familie eine literarische Form gegeben, indem er nach Junes überstürzter Abreise immer wieder neue Personen unchronologisch erzählen lässt. Das macht das Lesen zunächst schwer und ich war lange Zeit versucht, das Buch aus der Hand zu legen. Doch ganz langsam entwickelt sich ein Bild. Wie in einem Mosaik setzt Clegg die Bruchstücke von Junes Familie wieder zusammen, die einzelnen Beziehungen und Konflikte, die gesamte Familiendynamik und die nachbarschaftlichen Beziehungen, in die sie eingebunden war.

 

Langsam und dem Leser einiges an Geduld abfordernd, bringt das Kleinstadtgerede, das Clegg zu Wort kommen lässt in verschiedenen immer wiederkehrenden Personen, ganz langsam die Wahrheit über das furchtbare Feuer zu Tage. Gleichzeitig spannt sich unter June ein Netz tief empfundener Mitmenschlichkeit. Ob es sie retten und zurück ins Leben holen kann, bleibt lange offen.

 

Dieser Roman ist eine bewegende Hymne an die Macht des Mitgefühls, eine literarische Stimme, die ein anderes Amerika zeigt, als das, was zur zeit die Schlagzeilen beherrscht.

 

 

 

 

 

Papa ist nicht aufzuhalten

 

 

 

 

 

Nadine Brun-Cosme, Aurelie Guillerey, Papa ist nicht aufzuhalten, Ravensburger Verlag 2017, ISBN 978-3-47344687-2

 

Als mein Sohn anfing zu sprechen, begann auch ein Spiel, das sich über viele Jahre hinzog. Er stellte Fragen über Fragen. Und die eine Antwort von mir, evozierte die nächste Frage und so konnte das gehen ohne Ende.

 

So ähnlich ist auch der kleine Max gestrickt in dem 2015 in Frankreich erschienenen Bilderbuch von Nadine Brun-Cosme, das Aurelie Guillerey sehr originell illustriert hat. Als sein Papa ihn wie jeden Morgen in seinem grasgrünen 2CV in den Kindergarten bringen will, springt das Auto nicht an. Nach längeren Versuchen klappt es aber doch und Papa bringt Max in den Kindergarten. Doch beim Abschied („Bis heute Abend, kleiner Mann!“) verwickelt Max seinen Papa in ein längeres Frage-Antwort-Spiel, das wie das ganze Buch in von Bernd Penners für den Ravensburger Verlag wunderbar ins Deutsche übertragenen Reimen abgefasst ist. Was ist, wenn das Auto wieder nicht anspringt? Doch der Vater ist um eine phantasievolle Antwort nicht verlegen und sagt, dann nehme er eben Nachbars Traktor. Und wenn der gar nicht da ist ?

 

Die Antworten des Vaters auf Max` prompt ausgesprochene Einwände („und wenn….?“) werden immer phantastischer und der Junge beginnt Spaß am dem Spiel zu haben, für das sich der geduldige Vater ein paar Minuten vor dem Kindergarten Zeit nimmt. Auch wenn er vor so mancher Antwort kurz überlegen muss – er bleibt ihm keine schuldig.

 

So zeigt er seinem Sohn: was auch immer geschieht, er wird ihn nicht allein lassen. Ein sehr schönes, in lustigen Reimen gefasstes Bilderbuch mit sich wiederholenden Elementen, die Kinder mitsprechen können, das erzählt von der starken Bindung zwischen einem Vater und seinem kleinen Sohn.

 

 

Ayda, Bär und Hase (Hörbuch)

 

 

 

 

Navid Kermani, Ayda, Bär und Hase, Sauerländer Audio 2017, ISBN 978-3-8398-4876-0

 

Ayda ist 5 Jahre alt und wohnt im Kölner Viertel Eigelstein direkt hinter dem Dom. Ihre Eltern stammen aus dem Iran und haben sich in Köln während ihres Studiums kennen gelernt.  Aydas Vater, sie nennt ihn auf persisch „Baba“, ist ein großer und treuer Fan des 1. FC Köln, obwohl die Mannschaft oft verliert. Aber treue Fans stört das nicht. Ayda versteht zwar nichts von Fußball, aber Babas Treue zu seinem Verein imponiert ihr doch sehr.

 

Ayda ist ein intelligentes Kind. Sie besucht den Kindergarten, hat dort aber kaum Freunde. Paul und Lisa, mit denen sie am meisten zu tun hat und die beide ein ganzes Jahr älter sind als sie, nennen Ayda einen „Knirps“, obwohl Ayda doch bald zusammen mit den beiden in die Schule kommt.

 

Ayda fühlt sich unglücklich und allein. „Üzüntülü“, wie die türkische Ladenbesitzerin Frau Oztürk immer sagt, „betrübt in der Seele“. Sie erzählt abends ihrem Vater davon, und der versucht ihr klar zu machen, dass das Traurigsein zum Leben dazu gehört, und es eben nur manches Mal Momente reinen Glücks gibt. Ayda ist nicht ganz davon überzeugt, und als sie sich am nächsten Tag im Kindergarten wieder so allein fühlt, fährt sie, ohne jemand Bescheid zu sagen, mit ihrem kleinen Fahrrad bis zum Rhein und dort am Ufer entlang.

 

Sie passt -in Gedanken versunken- einen Augenblick nicht auf und stürzt. Blutend und verzweifelt liegt sie auf dem Asphalt des Fahrradwegs, als ein Hase und ein Bär vor ihr stehen, die im nahen Wäldchen wohnen. Sie bringen Ayda zurück, und nun beginnt die Geschichte einer großen Freundschaft.

 

Aydas Eltern sind von den beiden neuen tierischen Freunden ihrer Tochter begeistert, sie dürfen bei Ayda übernachten, Ayda darf sie mit in den Kindergarten nehmen, und als die Ferien beginnen, macht es Aydas Vater sogar möglich, daß die beiden in einem Wohnwagen mitfahren können nach Spanien, wo sich die Großfamilie einmal im Jahr trifft. Verwandte mit Onkeln, Tanten, Großeltern, Cousins und Cousinen kommen aus dem Iran und aus den USA.

 

Ayda verlebt einen glücklichen Sommer, zumal sie dort in Spanien noch einen Esel kennen lernen, der dann aber leider nicht nach Deutschland mit zurück kann.

Doch sie haben dem armen Esel zu einer neuen Unterkunft verholfen, und was Ayda dem Esel zum Abschied  sagt, ist die wunderbare Schlüsselbotschaft des ganzen Buches:

„Wenn man unglücklich ist, muss man sich nicht damit abfinden, sondern versuchen, es zu ändern!“

 

Zurück in Deutschland helfen die beiden Tiere Ayda, sich auch in der Schule durchzusetzen, indem sie bei einem Wettkampf die großen Jungs besiegen. Da Ayda besonders an den Wochenenden den Hasen und den Bären im Wäldchen besuchen kann, ist am Ende ihr Glück vollkommen. Obwohl ihr Vater sagt: „Wenn die nie ‚üzüntülü’ bist, dann weißt du auch gar nicht, was das Glück ist.“  Doch Ayda antwortet: „Aber wenn ich ganz fest daran glaube, dass es schöner wird, wirklich richtig mächtig dran glaube, dann kann es noch schöner werden, das Leben, oder ?“

 

Navid Kermani, 1967 in Siegen geboren, ist Orientalist und Islamwissenschaftler. Er besitzt die deutsche und die iranische Staatsbürgerschaft und lebt als freier Schriftsteller und Regisseur in Köln. Wichtige Themen seiner Werke sind das Verhältnis zwischen Westen und Orient, der Kampf bzw. der Dialog der Religionen, sowie die menschliche Ursuche nach dem Gottesbild und dem Sinn des Leids.

 

Navid Kermani hat  -wohl ganz speziell für seine Tochter, nehme ich an-

Schon 2006 ( damals erschien das Buch im Picus Verlag in Wien) ein schönes Kinderbuch der Hoffnung geschrieben, das Kindern Mut machen kann, sich für neue Erfahrungen zu öffnen, auch dort, wo sie fremd sind oder sich fremd fühlen.

Er erzählt viel von persischen Redewendungen und Sitten. Schön ist z.B. die Schilderung von „taarof“ jener persischen Form der Höflichkeit, die dem anderen immer seine Würde lässt, auch dann, wenn man ihn hart kritisiert.

 

Und er pflegt einen ganz eigenen Stil, als Autor mit seinen kleinen Lesern in einen lockeren und lustigen Dialog zu treten, bevor er dann unvermittelt mit der Geschichte fortfährt.

 

Ein sehr gelungenes Buch eines Autors, dessen Werke( viele sind seitdem erschienen)  für Erwachsene noch der weiteren Entdeckung und Würdigung warten.

 

Der aus vielen Tatort-Krimis bekannte Schauspieler Dietmar Bär hat mit seinem warmen Bärenbass dieses nun wieder aufgelegte Kinderbuch Navid Kermanis auf eine warmherzige Weise mit viel Einfühlungsvermögen eingelesen und macht das Hören zu einem echten Vergnügen bis zum Ende.

 

Zwänge bewältigen

 

 

 

 

Burkhard Ciupka-Schön, Zwänge bewältigen. Ein Mutmachbuch, Patmos 2017, ISBN 97-3-8436-0914-2

 

Viel mehr Menschen als man herkömmlich denkt, leiden oft schon seit Jahrzehnten unter Zwängen. Oft beginnen sie im Kindes- und Jugendalter und werden erst später erkannt. Nicht selten haben Menschen mit Zwangserkrankungen einen beschwerlichen und schmerzlichen Weg durch die Welt der Therapie hinter sich, oft ohne dass es ihnen eine wirkliche Lösung brachte.

 

Der Psychotherapeut Burkhard Ciupka-Schön hat sich seit langem mit Zwangserkrankungen befasst und in seiner Praxis bewährte verhaltenstherapeutische Methoden zur Behandlung von Handlungs- und Gedankenzwängen angewendet und weiter entwickelt.

 

Mit viel Wissenswertem zum Thema Zwang, mit Vorschlägen und  Fragebögen zur Selbsteinschätzung und Selbsthilfe und mit vielen aufschlussreichen Fallberichten von Menschen, die ihre Zwänge überwinden konnten, gibt er betroffenen Menschen mit diesem Buch eine begründete Hoffnung, auch aus einem Teufelskreis herauszukommen, der ihr Leben beeinträchtigt.

 

 

Fleisch

 

 

 

 

 

Simone Meier, Fleisch, Kein und Aber 2017, ISBN 978-3-0369-5754-8

Der Klappentexte verspricht eine lustige, stellenweise auch lustvolle Geschichte über zwei Protagonisten, die auf die fünfzig zugehend mit dem Jungsein und dem Älterwerden kämpfen. Ein interessanter Stoff denkt und beginnt  zu lesen. Doch bald schon stellten sich nicht nur wegen der Flachheit der Figuren (sind die denn kein bisschen erwachsen nach fast fünf Jahrzehnten?), sondern auch wegen der Sprache von Simone Meier bei mir Irritationen ein, die mich bis zur Mitte des Buches nicht mehr verließen. Ein Vorblättern in das letzte Viertel zeugte mir, dass sich an der Flachheit der Figuren und der stellenwiese frivolen Flapsigkeit der Sprache nicht änderte, sodass ich die Lektüre aufgab und mich lieber einem inhaltlich und sprachlich anspruchsvolleren Roman zuwandte.

Kein & Aber hat in diesem Frühjahr einen Roman im Programm, den ich gelesen habe und sehr empfehlen kann. Die Geschichte eines Selbstbefreiungsversuches aus mormonischem Fundamentalismus: „Loretta“ von Shawn Vestal.

Die Rückkehr

 

 

 

 

Hisham Matar, Die Rückkehr. Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater, Luchterhand 2017, ISBN 978-3-630-87422-7

 

 

„Die Rückkehr“ ist das bisher persönlichste Buch des libyschen Schriftstellers Hisham Matar, in dem er seine jahrzehntelange obsessive Suche nach dem Verbleib seines Vaters dokumentiert und damit gleichzeitig eine Liebeserklärung an das Libyen seiner Kindheit und ein verzweifelter Aufschrei über das, was die Gaddafi-Tyrannei und eine gescheiterte Revolution aus einem einst blühenden Land und seiner Kultur gemacht haben.

 

Das Buch beginnt im März 2012 an einem Tag auf dem Flughafen in Kairo. Hisham Matar, seine Frau Diana und seine Mutter wollen das, wie sich herausstellen wird, letzte Zeitfenster nutzen, um nach der Revolution noch einmal in die Heimat zu fliegen und dort nicht nur Verwandte zu besuchen, sondern vielleicht auch endgültige Klarheit über das Schicksal des seit 1990 verschwundenen Vaters zu bekommen.

 

Und während sich die drei der alten Heimat nähern und während sie dort bei einem längeren Aufenthalt eintauchen in die Welt ihrer weit verzweigten Verwandtschaft, erzählt Matar sein eigenes Leben und das seines Vaters, dem er nachspürt, seit der 1990 vom ägyptischen Geheimdienst an Gaddafi ausgeliefert wurde.

Jaballa Matar war bis 1973 als libyscher Diplomat bei den Vereinten Nationen in New York tätig. Dort wurde auch 1970 der Sohn Hisham geboren. 1973 kehrte die Familie nach Libyen zurück, wo Hisham Matar seine frühe Kindheit verbrachte, bevor die ganze Familie wegen des regimekritischen Engagements des Vaters zunächst nach Kenia und später nach Kairo fliehen musste.

 

Von London aus, wohin Hisham 1986 gegangen war, um dort Architektur zu studieren, erlebt er 1990 mit, wie Ägypten seinen Vater über Nacht an Gaddafi auslieferte. Später stellt sich heraus, dass er sofort nach Abu Salim gebracht wurde, jenem berüchtigten Gefängnis, in dem tausende Regimegegner verschwanden.

33 Jahre hat Hisham Matar auf der Suche nach der Wahrheit über seinen Vater, die ihn über den halben Erdball führte und selbst mit Gaddafis Sohn verhandeln ließ, von dieser Rückkehr geträumt und sich gleichzeitig vor ihr gefürchtet. Er will nun endgültig Gewissheit, ob der Vater noch am Leben ist, bzw. unter welchen Umständen er ums Leben gekommen ist. Sein Buch ist, meisterhaft komponiert und sicher unter großen Schmerzen geschrieben, nicht nur der Bericht über diese Reise, sondern auch eine in vielen Rückblicken erzählte Geschichte seines Landes und eine Introspektion seiner eigenen Heimatlosigkeit und Verzweiflung angesichts des verschwundenen Vaters.

 

Es beginnt, mit jenem Tag, als Gaddafi 1969 in Libyen de Macht an sich reißt und den König stürzt. Anfänglich so wie viele andere seiner Generation diesen Aufbruch in eine neue politische Ära durchaus begrüßend, entwickelt sich Jaballa Matar aber schnell zu einem entschiedenen Gegner eines Systems, dem später nicht nur Tony Blair, sondern auch die deutschen Grünen huldigen sollten.  Mit der Figur seines Vaters verknüpft Matar diese politische Geschichte. Mit der seines Großvaters verschafft er dem Leser Einblicke in die Zeit, als Libyen unter italienischer Besatzung stand, eine Herrschaft, die das Land wirtschaftlich und kulturell ausbeutete und von der in Italien auch heute noch niemand etwas wissen, geschweige denn aufklären will.

 

Die Worte Matars bringen auch dem politisch aufgeklärten Leser ein Land und eine Kultur nahe, die er so nie wahrgenommen hat, ragte doch Libyen unter den sogenannten gescheiterten Staaten besonders heraus.

 

Als Hisham Matar im März 2012 nach Libyen kommt, ist die Arabellion schon fast gescheitert. Die Möglichkeit einer besseren Zukunft besteht noch, doch der Bürgerkrieg ist schon ein Teil des Alltags, die Zerstörung der Hoffnungen schon in vollem Gange: „Ich bin“, so schreibt er, „nie irgendwo gewesen, wo Hoffnung und Besorgnis ähnlich groß waren. Alles schien möglich, und so gut wie jeder, den ich traf, sprach in einem Atemzug von seinem Optimismus und düsteren Vorahnungen.“

 

Mit viel Einfühlungsvermögen zeichnet er die zahlreichen Menschen, mit denen er über seinen Vater und deren eigene Erfahrungen spricht. Diese Teile des Buches, in denen der Autor selbst immer wieder auf dem Spiel steht, sind auch sprachlich meisterhaft gelungen. Das antike Vater-Sohn-Drama, jene enge Bindung über den Tod hinaus bestimmt das ganze Buch.

 

„Die Rückkehr“ ist ein wie alle große Literatur dem Tod und der Dunkelheit abgerungenes Buch. Es erzählt von Vätern und Söhnen, von Heimat und Exil und von jenem in allen arabischen Ländern gescheiterten Traum vom demokratischen Aufbruch.

 

Ein großes Buch, das spricht vom Schmerz und  von der Kraft derer, die die Hoffnung nicht aufgeben können.