Passt nicht, Ein Suchbuch

 

 

Mieke Scheier, Passt nicht, Ein Suchbuch, Kunstanstifter 2018, ISBN 978-3-942795-64-7

 

Ein recht ambitioniertes Suchbuch, mit dem Kinder, die ja auch beim Memory oft die Erwachsenen schlagen, sicher mehr anfangen können als die Großen hat die Künstlerin Mieke Scheier hier im nicht weniger ambitionierten Mannheimer Kunstanstifter Verlag vorgelegt.

 

Auf der jeweils rechten Seite hat sie einen Gegenstand versteckt, der überhaupt nicht zu den anderen auf der Seite passt.

Es beginnt mit der Obergruppe. Ist die Obergruppe gefunden worden, geht es darum, einen Gegenstand zu finden, der anders ist und nicht zur Gruppe passt. Auf der darauffolgenden linken Buchseite wird das Suchrätsel aufgelöst, indem der gefundene Gegenstand im falschen Kontext gezeigt wird. Die nächste Obergruppe bezieht sich auf den unpassenden Gegenstand der vorhergegangenen Seite. So bildet sich eine lustige Kette.

 

Zarte Farben und reduzierte Formen ziehen den kleinen und großen Betrachter in wunderschöne Bilderwelten, die von verschiedenen Drucktechniken inspiriert wurden.

Ein raffiniertes und überraschendes Such-Buch für Groß und Klein.

Die Welt der Rekorde. Unglaubliches aus aller Welt. Der Atlas der Extreme

 

 

Sarah Tavernier, Die Welt der Rekorde. Unglaubliches aus aller Welt. Der Atlas der Extreme, Kleine Gestalten 2018, ISBN 978-3-89955-813-5

 

Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass ich in meiner Kindheit nicht nur sehr viele Bücher gelesen habe, sondern auch ein Faible hatte für Rekorde und die sie dokumentierenden Statistiken.

 

Das vorliegende zuerst in Frankreich erschienene große Buch über die Welt der Rekorde, über Unglaubliches aus aller Welt, dieser Atlas der Extreme hätte mich damals sicher über Wochen beschäftigt und in Atem gehalten.

 

Genauso wird es heutigen Kindern gehen, die dieses große Buch in Händen halten, sei es in der Schulbibliothek oder zu Hause, wenn die Eltern es ihnen gekauft haben.

Es richtet sich an Kinder, die schon lesen können und die schon früh Interesse zeigen für Phänomene ihrer Umwelt und der Natur.

 

Die Rekorde und Extreme sind in Kapitel aufgeteilt. Da geht es um:

  • Die Kleinsten. Die Größten
  • Die Leichtesten. Die Schwersten
  • Die Langsamsten. Die Schnellsten
  • Die Kürzesten. Die Längsten
  • Am Leisesten. Am Lautesten
  • Die Kältesten. Die Heissesten

 

Ein wunderbares Buch, das nicht nur Schüler zum Schmökern und Stöbern einlädt. Auch für entsprechend interessierte Erwachsene sehr zu empfehlen.

Widerfahrnis

 

 

 

 

Bodo Kirchhoff, Widerfahrnis,tb, DTV 2018, ISBN 978-3-423-146418

 

Bodo Kirchhoff ist ein Sprachkünstler und gehört seit vielen Jahren nicht nur zu den hervorragendsten Schriftstellern deutscher Sprache, sondern spätestens seit seinem Freundschaftsroman „Eros und Asche“ auch zu meinen Lieblingsautoren.

 

Seine sprachmächtige und doch bescheidene Schreibkunst stellt er auch in seinem neuen Buch „Widerfahrnis“ mit viel Poesie überzeugend unter Beweis. Nicht ohne Grund wurde es für den Deutschen Buchpreis 2016 nominiert.

 

Bodo Kirchhoff hat die Gattung der Novelle gewählt um eine Geschichte zu erzählen, die zwei ältere Menschen auf eine gemeinsame Reise führt, eine Reise, auf der sie die Liebe neu entdecken, aber auch hart und unerbittlich mit dem Leid und dem Schicksal der Flüchtlinge konfrontiert werden, die über das Mittelmeer nach Europa kommen, sich eine bessere Zukunft erhoffend.

 

Reither, der männliche Protagonist der Novelle, war bis vor kurzem Verleger eines kleinen, aber anspruchsvollen Kleinverlags in einer deutschen Großstadt, aber weil es mittlerweile „mehr Menschen gibt, die schreiben als lesen“ hat er seinen Verlag liquidiert und lebt nun von dem bescheidenen Erlös in einem ruhigen Tal am Alpenrand.

 

Er hat sich noch nicht richtig dort eingelebt, hängt immer noch seinen Erinnerungen nach und versucht, sich neu zu erden, als er in der Bibliothek seines neuen Wohnortes ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur den Namen der Autorin.

 

Er rätselt noch über dieses Buch, das die tragische Geschichte einer Frau und ihrer lebensmüden Tochter erzählt, als es abends an seiner Tür klingelt. Vor der Tür steht, so stellt sich im Laufe des Abends heraus, Leonie Palm, etwas jünger als Reither, eine Frau, die früher ein Hutgeschäft besaß, das sie aber aufgeben musste, weil niemand mehr nach Hüten verlangte. Angeblich will sie Reither als Fachmann für einen aus Frauen bestehenden Lesekreis gewinnen, Frauen, die alle selbst sich im Schreiben versuchen. Doch, Reither vermutet es schon bald, es stellt sich heraus, dass es Leonie Palm vor allem um ihr eigenes Werk geht, das sie mit voller Absicht, Reither würde es finden, in der Bibliothek liegen gelassen hatte.

 

Obwohl Reither zunächst überhaupt nicht nach Gesellschaft zumute war, kommen die beiden sich innerhalb weniger Stunden immer näher und fassen noch in der Nacht  den Entschluss, mit dem Cabrio von Leonie Palm nach Süden zu fahren. „Widerfahrnis“, so hat Leonie auf seine Frage geantwortet, wäre der Titel gewesen, den sie ihrem Buch gegeben hätte. Und ein Widerfahrnis erleben die beiden nun auf einer Fahrt, die sie in drei Tagen bis nach Sizilien bringt.

 

Dabei begegnen sie nicht nur einer Liebe, auf die sie beide nicht mehr vorbereitet sind, sondern auch, zunächst nur angedeutet, auf Sizilien dann manifest, Menschen, die unter elenden Bedingungen eine neue Heimat in Europa suchen.

 

Schon als Reither und Palm den Brenner passieren, beschreibt Kirchhoff ein Lager von Flüchtlingen unter freiem Himmel. Später dann immer wieder.

 

Erst als sie in Sizilien – ihr gemeinsames Glück können sie kaum fassen- vor ihrem Hotel einem Mädchen begegnen, das sie geradezu zu verfolgen scheint, schiebt sich eine andere Realität in ihr bisher kaum zu glaubendes spätes Glück.

 

Wie es ausgeht, wird hier nicht verraten, nur, dass der Leser sich gar nicht losreißen kann von wunderbaren Landschaftsbeschreibungen, die die beiden Protagonisten auf ihrer Reise durchfahren. „Widerfahrnis“ ist ein sprachliches Meisterwerk und zeigt Bodo Kirchhoff auf der Höhe seiner literarischen Kunst.

Der deutsche Buchpreis war mehr als verdient.

 

 

Über uns

 

 

 

 

Eshkol Nevo, Über uns, DTV 2018, ISBN 978-3-423-28131-7

 

Eshkol Nevo zählt seit langem zu den erfolgreichsten Schriftstellern in Israel. Viele seine Romane sind auch in Deutschland veröffentlicht worden und nicht nur der Rezensent schätzt seine unabhängige Stimme.

 

Sein neuer Roman beschreibt die Menschen, die in einem dreistöckigen Haus in einem bürgerlichen Vorort von Tel Aviv wohnen. Jedem Stockwerk und seinen Bewohner widmet er ein großes Kapitel und deckt deren Lügen und Selbsttäuschungen schonungslos auf.  Doch obwohl er in die dunklen Lebensecken der Bewohner sein grelles Licht richtet, bleibt er seinen Figuren gleichwohl wohlgesonnen. Er fühlt mit ihnen und richtet sie nicht. Und dennoch ist er überzeugt davon, dass sie so nicht weiteröleben können, wollen sie nicht am Leben völlig vorbeigehen.

 

Vom ersten bis zum  dritten Stock arbeitet sich Nevo durch dieses Haus, dessen Bewohner durch vielfältige Lebensfäden miteinander verbunden bzw. verstrickt sind.

 

Im ersten Stock des Hauses leben Ayelet und Arnon. Seit Ayelet mit der mittlerweile siebenjährigen Tochter schwanger war, haben die beiden Probleme mit ihrem Sexleben.  Nebenan wohnen Ruth und Hermann, ein älteres Ehepaar, die gerne auf die Tochter der jungen Nachbarn aufpassen, wenn diese mal wieder versuchen, ihre Probleme ins Lot zu bringen.

Arnon verdächtigt den etwas dementen Hermann, sich seiner Tochter ungehörig genähert zu haben. Doch was nach vielen Befragungen sich herausstellt, ist Arnons Problem mit seinem eigenen Liebesleben.

 

Chani ist eine frustrierte Frau, emotional vernachlässigt von einem permanent auf Geschäftseise weilenden Ehemann. Sie wohnt dort mit ihren beiden Kindern. Sie hat ein Verhältnis mit dem kriminellen Bruder ihres Ehemanns, das sie trotz aller Gefahren wieder zu sich selbst kommen lässt.

 

Im dritten Stock wohnt Dvorah, eine pensionierte Richterin. Sie lebt im Schatten ihres verstorbenen Ehemanns, von dem sie sich zu befreien sucht, indem sie ihm ihre Lebensbeichte auf den Anrufbeantworter spricht.

 

Seine drei Erzählungen über seine drei Protagonisten hat Eshkol Nevo an das Strukturmodell der menschlichen Seele von Sigmund Freud angelehnt.

Sehr warmherzig und dennoch schonungslos lässt Nevo seine Figuren die drei Instanzen Ich, Es und Über-Ich darstellen. Drei Menschen richten ihre Monologe an drei unterschiedliche Hörer. Menschen sind das, die in großes seelischer Bedrängnis sich befinden. Menschen, denen plötzlich, während sie sich redend zu öffnen versuchen, klar wird, dass etwas in ihrem Leben schief gelaufen ist. Alle drei sind sie an einem Punkt angelangt, der sie zwingt, zu reden.

 

Der Leser ist in der Zuhörerrolle, und weil die Geschichten der Protagonisten so voll sind mit Alltagserfahrungen, wird er sich in manchem wiederentdecken.

 

Nevos freundlicher Blick auf die Menschen ist es, die jene zu Wort kommen lässt, die sonst schweigen und deshalb in Einsamkeit, Schuld oder Enttäuschung untergehen.

 

 

 

 

Das Buch der Flucht. Die Bibel in 40 Stationen

 

 

 

Johann Hinrich Claussen, Das Buch der Flucht. Die Bibel in 40 Stationen, C.H. Beck 2018, ISBN 978-3-406-72690-3

 

Unter einem solchen Blinkwinkel habe ich die  Bibel und ihre Geschichten noch nie beschrieben gelesen. Der Theologe Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland liest und interpretiert die Botschaft der Bibel, Alts und Neues Testament al eine fortwährende Geschichte der Flucht, Vertreibung und Verschleppung von Menschen. Menschen, die fliehen müssen, dann in der Fremde leben und fortwährend nach Heimat suchen.

 

Es beginnt mit der Geschichte der Vertreibung von Adam und Eva, den ersten  Menschen, aus dem Paradies, nachdem sie auf die Schlange gehört hatten und nicht auf Gott, der sie nach seinem Bilde erschaffen hatte.  Der Auszug aus Ägypten und später dann die Vertreibung aus der Heimat und die lange Zeit im babylonischen Exil.

 

Auch Jesus und seine Jünger werden als Heimatlose beschrieben, die durchs Land ziehen auf der Suche nach dem neuen Reich Gottes.

 

Es sind wunderbare und prägnante Nacherzählungen und damit immer auch Interpretationen, mit denen Johann Hinrich Claussen auch den Bibelkundigen dieses alte Buch noch einmal völlig neu aufschließt und zugänglich macht, insbesondere für diejenigen Leser, die selbst, vielleicht schon ihr ganzes Leben lang, auf der Suche sind nach auch spiritueller Heimat.

Claussen folgt dem roten Faden, der die ganze Bibel durchzieht und der so konsequent und durchgängig bisher kaum wahrgenommen wurde. Es ist ein Buch voller Geschichten über den Untergang und den Verlust von Heimat, über Flucht und Exil und die nie verlöschenden Sehnsucht nach der Rückkehr in das gelobte Land, die Heimat. All das, so Claussen überzeugend, prägt die Geschichten des Alten und Neuen Testamentes, aber auch das prophetische Reden und die Lieder der Psalmen.

In knappen Erläuterungen zeigt er, welche realen historischen Erfahrungen von Zerstörung, Flucht und Exil den Texten zugrunde liegen. So erweist sich die Bibel als ein Produkt traumatischer Erfahrungen. Ihre Geschichten, Lieder, Gebote und Theologien wurden Verfolgten und Vertriebenen zur neuen, unverlierbaren Heimat – und sind es für viele Menschen bis heute.

 

Die Theologie des Paulus, die dem Christentum seine Prägung gab, bezeichnet er als „Geburt der Theologie aus Heimatlosigkeit“, ein faszinierender Ansatz, der mich seitdem nicht mehr loslässt.

 

Das für alle an der biblischen Botschaft interessierte Menschen sehr empfehlenswerte Buch ist illustriert mit 44 ausgewählten Fotografien aus den Jahren 1860 bis 1950, die auf bewegende Weise zeigen, wie Menschen überall auf der Welt durch Kriege und Verfolgung heimatlos werden. Hier hätte ich mir auch einige Fotografien von Flüchtenden aus den letzten Jahren gewünscht.

 

 

 

 

Frühstück im Wolseley

 

 

 

 

A.A. Gill, Frühstück im Wolseley, Gerstenberg 2018, ISBN 978-3-8369-2151-0

 

Das Wolseley ist eine seit langem angesagte Adresse in London für ein außergewöhnliches Frühstückserlebnis. Hier trifft sich, wer in der Stadt Rang und Namen hat. Aber auch viele ganz normale Gäste und Touristen sind hier anzutreffen in einer tollen, wenn auch etwas lauten Atmosphäre.

Eine sehr gediegene Einrichtung und Ausstattung in einer großen Halle und viele kleine Tische und Sitzgelegenheiten laden zum Verweilen und Genießen ein, Ein sehr freundlicher und zuvorkommender Service und eine kleine aber feine Speisekarte insbesondere das berühmte Egg benedictine erfreuen den Gast.

 

Alles, von der köstlichen Erdbeerkonfitüre bis zu den feinen Kuchen, wird im Hause selbst produziert. Ein Frühstück im Wolseley ist ein echtes Erlebnis, und da die vorderen Tische nicht reservierbar sind, ist ein Spontanbesuch jederzeit möglich.

 

Das vorliegende Buch ist eine Hommage an diese legendäre Location und bietet mit 26 Rezepten die Möglichkeit, vieles auch zu Hause selbst zu machen.

 

 

 

Stadt ohne Gott

 

 

 

Rainer Merkel, Stadt ohne Gott, S. Fischer 2018, ISBN 978-3-10397348-8

 

Rainer Merkels letzter großer Roman „Bo“, die Geschichte über eine Jungen, der in Liberia seinen bei der GTZ arbeitenden Vater sucht und dabei mit einem amerikanischen Mädchen namens Brilliant so manches Abenteuer erlebt, war das literarische Produkt eines langen Aufenthaltes des Autors in Liberia. Rainer Merkel war als embedded journalist nicht nur in Liberia, sondern auch im Kosovo und in Afghanistan. Er hat über diese Aufenthalte und die Erfahrungen die er dort gemacht, viele Essays und andere Texte geschrieben.

 

Nun legt er einen neuen Roman über die Stadt Beirut, oft als „Paris des Ostens“ bezeichnet, vor. Der Roman erzählt von einer Dreiecksbeziehung zwischen der Deutschen Rosie, die in der Hoffnung auf ein neues Leben nach Beirut gereist ist, dem libanesischen Modemacher Rafik, der Schiit ist, dem syrischen Christen Daoud und dem Soldaten Thierry.

 

Die sich anbahnenden, durchkreuzten und neu verhandelten Liebesbeziehungen im Roman spielen sich vor der Kulisse des Bürgerkriegs ab. Ein Scharfschütze verwundet junge Menschen, die in Untergrundkrankenhäusern behandelt werden müssen, die Männer fahnden nach dem Nutzen der Schuld, Rosie fragt nach dem Religiösen in der Natur, sucht nach der Liebe in einer Stadt ohne Gott – und verschwindet dann auf einmal in den Ruinen von Baalbek. Der Roman wird getragen durch Dialoge und Reflexionen, die Handlung tritt dagegen zurück. Er ist eine eindringliche Botschaft einer Jugend, die ohne Gott auszukommen sucht.

 

 

Flugangst 7A

 

 

 

 

 

Sebastian Fitzek, Flugangst 7A, Droemer 2018, ISBN 978-3-426-19921-3

 

Mats Krüger ist ein erfahrener und erfolgreicher Psychiater. Vor vielen Jahren ist er per Schiff von Deutschland nach Argentinien  ausgewandert. Wie so oft war das eine Flucht. Er konnte die tödliche Krankheit seiner über Alles geliebten Frau nicht mehr ertragen und verließ sie und seine damals noch kleine Tochter. Niemals wollte er je wieder zurückkehren. Doch seine Tochter Nele, mit dem HIV-Virus infiziert, ist schwanger geworden und hat ihn gebeten nach Berlin zurückzukommen und ihr bei der Geburt und danach beizustehen.

Mats Krüger leidet unter erheblicher Flugangst und so absolviert er nicht nur ein Flugangst-Seminar, sondern informiert sich auch wie manisch über Flugzeugabstürze und die Sicherheit von Flugzeugen.

 

Er bucht mehrere Sitze auf einem Langstreckenflug von Buenos Aires nach Berlin, um möglichst sicher zu gehen. Doch schon bevor das Flugzeug abhebt, gibt er seinen Sitz in der Business Class an eine junge Mutter mit einem Baby ab. Ein Vorgang, den der Leser bald vergisst…

Nachdem er seinen Platz eingenommen hat und versucht, seine in ihm tobenden Ängste einigermaßen zu bewältigen, klingelt sein Telefon. Ein Unbekannter spricht mit verstellter Stimme und teilt Mats mit, dass sich ein früherer Patient von ihm an Bord befindet. Ein Mensch, den Mats vor langer Zeit in einer langwierigen Therapie von mörderischen Gewaltphantasien heilte. Diesen Mensch, der sich bald als die Purserin des Fluges herausstellt, soll er seelisch so destabilisieren, dass die Mordphantasien wieder zum Vorschein kommen und durch sien das Flugzeug zum Absturz gebracht wird.

 

Kurz nach dem Start des Flugzeugs erfährt Mats Krüger, dass seine kurz vor der Geburt stehenden Tochter entführt wurde und von einem offenbar Verrückten festgehalten wird. Hilfe glaubt Mats nur zu finden bei Feli, einer ehemalige Kollegin, die er ebenso sitzen gelassen hat, wie seine Frau.

 

Obwohl Feli an diesem Tag heiraten soll, macht sie ich auf die Suche nach Nele und kommt dem Entführer bald gefährlich nah. Sehr nah und direkt geht es bald auch im Flieger zu. Ziemlich rätselhaft erscheint zunächst, wie der Erpresser all diese Vorgänge geplant hat. Die ehemalige Patientin im selben Flugzeug, und weit weg in Berlin zeitgleich der Überfall auf Nele.

 

Wie immer in seinen Büchern baut Sebastian Fitzek eine fast unerträgliche Spannung auf, inszeniert immer wieder neue Wendungen bis zu einer wieder völlig überraschenden Lösung.

 

Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, so fasziniert war ich nicht nur von der Handlung und dem Plot selbst, sondern auch davon, wie Fitzek ihn sprachlich umgesetzt hat.

 

 

Ein unvergänglicher Sommer (Hörbuch)

 

 

 

 

Isabel Allende, Ein unvergänglicher Sommer (Hörbuch), Der Hörverlag 2018, ISBN 978-3-8445-3109-1

 

Auf mehreren Zeitebenen angesiedelt ist der neue Roman der Erfolgsautorin Isabel Allende. Auf der Gegenwartsebene führt sie ihre Leser in das winterliche Brooklyn in New York. Der an der New York University lateinamerikanische Politik lehrende Richard hat auf den glatten Straßen auf seinem Heimweg einen Auffahrunfall. Er gibt der Unfallgegnerin seine Karte und denkt sich nichts weiter dabei. Die Versicherungen werden das regeln. Doch kaum ist der allein lebende und eigenbrötlerische Professor wieder zu Hause, klingelt es und die Fahrerin des anderen Autos steht vor seiner Tür.

Sie heißt Evelyn, stammt aus Guatemala und arbeitet bei einer Familie als Kindermädchen. Sie ist extrem verängstigt, weil sie als Illegale im Land lebt und steht völlig aufgelöst vor Richard, als sie ihm erzählt, sie habe den Wagen ihres Arbeitsgebers gegen dessen Erlaubnis benutzt um trotz der Glätte dringend benötigte Windeln zu kaufen für das Kind, das sie quasi rund um die Uhr betreut. Und außerdem liege eine gefrorene Leiche im Kofferraum des Wagens.

 

Richard wendet sich an die in seinem ziemlich heruntergekommenen Souterrain wohnende Untermieterin Lucia, die er aus Chile als Dozentin an seinen Fachbereich geholt hat. Lucia hat zwei Bücher über die vielen Verschwundenen nach dem Militärputsch 1973 geschrieben, zu denen auch ihr Bruder gehörte. Schon seit einiger Zeit, so stellt sich heraus, fühlen sich Lucia und Richard zueinander hingezogen, doch erst während der Aktion in den nächsten beiden Tagen kommen sie sich wirklich näher.

 

Es wird nämlich ziemlich schnell klar, dass sie wegen des illegalen Staus von Evelyn auf keinen Fall die Polizei informieren dürfen. Sie beschließen nach anfänglichem Widerstand Richards, die Leiche verschwinden zu lassen. In diese, etwa ein Drittel des Buches umfassende Rahmenhandlung mit der zarten, späten Liebesgeschichte zwischen Lucia und Richard, erzählt Isabel Allende in Rückblenden die durchweg dramatischen und bewegenden Lebensgeschichten von Richard, Lucia und Evelyn.

 

Evelyns Kindheit und Jugend in Guatemala wird erzählt und die dramatische Geschichte ihrer Flucht mit Schleppern in die USA. Mit der Geschichte Lucias reflektiert Isabel Allende viel von ihrer eigenen Geschichte vor und nach dem Militärputsch in Chile 1973. Und auch Richards wechselvolle Vita hat viel mit Lateinamerika zu tun, lebte er doch lange in Brasilien, dessen Politik auch Thema seiner Dissertation war.

 

Indem Isabel Allende abwechselnd mit der fortschreitenden Rahmenhandlung in den Rückblicken von Richard, Evelyn und Lucia viel lateinamerikanische Geschichte der letzten Jahrzehnte reflektiert (oft Thema ihrer Romane), verschafft sie insbesondere ihren jüngeren Lesern, die diese Zeit nicht persönlich erlebt haben, eine wichtige Informationsquelle. Besonders Evelyns Geschichte reflektiert die Erfahrungen von Flüchtenden überall auf der Welt.

 

Nach einer ersten unsicheren Nacht in Richards Wohnung machen die drei sich noch im Morgengrauen auf den Weg in die nördlichen Wälder zu einer Hütte an einem See. Dort wollen sie das Auto mit der Leiche versenken.  Diese abenteuerliche Reise mit einem völlig überraschenden Ausgang wird alle drei Protagonisten des Romans verändern. Während sie unterwegs sind, die Leiche, deren Identität Evelyn mittlerweile offenbart hat, verschwinden zu lassen entwickelt sich zwischen Richard und Lucia eine Liebesgeschichte, von der beide nicht mehr gedacht hatten, sie zu Lebzeiten zu erleben.

 

„Ein unvergänglicher Sommer“ ist ein politischer Roman mit vielen spirituellen Notizen, ein Roman mit drei unterschiedlichen Fluchtgeschichten und ein Buch voller Hoffnung auf  Erlösung von einer als schrecklich erlebten Vergangenheit, auf neuen Anfang und neue Liebe auch im späten Alter.

 

Das Buch passt mit seiner Fluchtthematik in unsere Zeit und erzählt wie immer bei Allende von starken Frauen.

 

Die im eisigen Schnee spielende Gegenwartshandlung lässt den Titel lange unverständlich erscheinen, bis er am Ende einen tiefen lyrischen Sinn erhält.

 

Barbara Auer hat diesen vielleicht persönlichsten Roman von Isabel Allende in der vorliegenden ungekürzten Lesung des Hörverlags auf eine warmherzige und feinfühlige Weise interpretiert.

 

 

 

 

 

 

Heimliche Versuchung. Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall (Hörbuch)

 

Donna Leon, Heimliche Versuchung. Commissario Brunettis siebenundzwanzigster Fall (Hörbuch), Diogenes 2018, ISBN 978-3-257-80389-1

 

Dieser neue, der mittlerweile 27. Roman von Donna Leon mit ihrem Commissario Guido Brunetti aus Venedig hat mir im Gegensatz zu den letzten Romanen wieder richtig gut gefallen. Zwar muss man sich nach wie vor mit einer zunächst langsam sich abzeichnenden Handlung arrangieren und einem Stil, der recht wenig mit anderen Krimis zu tun hat. Leons Romane entwickeln sich in den letzten Jahren zunehmend zu mehr oder weniger resignierten Beschreibungen des bewusst in Kauf genommenen Verfalls einer alten und ehrwürdigen Stadt, die jedes Jahr über 1000 alteingesessene Einwohner verliert und der die Millionen Touristen, insbesondere die, die von den Kreuzfahrtschiffen angelandet werden, den Rest geben. Leon lässt ihren Commissario immer deutlicher darüber reflektieren.

 

Im vorliegenden Buch spricht eines Tages eine alte Bekannte von Brunettis Ehefrau Paolo in der Questura vor. Eine Architekturprofessorin macht sich Sorgen um ihren heranwachsenden Sohn, von dem sie vermutet, dass er Drogen konsumiert. Brunetti wird aus ihren Schilderungen nicht recht klug, zumal sie sich bei seinen Nachfragen nach einem Dealer sehr seltsam verhält.

Kurze Zeit später ruft man Brunetti mitten in der Nacht zu einem Tatort. Ein schwer verletzter Mann liegt neben einer Brücke. Es ist völlig unklar, ob es ein Unfall war oder ob der Mann, der sich als der Ehemann der Professorin, die ihn in der Questura aufsuchte, herausstellt, einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.

 

Hat er sich etwa mit dem Dealer seines Sohnes getroffen und die Sache ist aus dem Ruder gelaufen?  Brunetti hat keine konkreten Anhaltspunkte. Er findet keine wirklichen Fakten, geschweige denn einen Täter. In der Questura steht die sonst so korrekte Signorina Elletra unter dem Verdacht , der Ausgangspunkt eines Informationslecks zu sein, was Brunetti extrem irritiert. Dafür ist sein Chef Patta dieses Mal sehr kooperativ und unterstützend.

 

Der Roman war für mich eine unterhaltsame Lektüre. Ich lese Leons Bücher auch schon lange nicht mehr als Krimis, sondern als Milieustudien einer verfallenden Stadt und als Charakterstudien von interessanten Menschen.

Die hier vorliegende ungekürzte Lesung von Joachim Schönfeld besticht durch ihren ruhigen Duktus und eine Stimme, die sich hervorragend in die handelnden Personen hineinversetzt und das Hörbuch so zu einem wirklichen Erlebnis macht.