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Der einsame Engel

 

 

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Friedrich Ani, Der einsame Engel, Droemer 2016, ISBN 978-3-426-28147-5

 

Friedrich Ani ist ein rastloser Schreiber. Kaum hat er mit einem neuen, seinen ehemaligen Kommissar Tabor Süden in vielem ähnlichen Ermittler in „der namenlose Tag“ (Suhrkamp) zum wiederholten Mal den Deutschen Krimipreis gewonnen, legt er bei seinem Stammverlag Droemer auch schon den nächsten, den insgesamt zwanzigsten Roman seines schwermütigen und seinem Autor ans Herz gewachsenen Tabor Süden vor.

Dazwischen fand er noch Zeit für die Vorlage eines hervorragenden, gleichermaßen preiswürdigen Drehbuches, das vor einiger Zeit für das Fernsehen in dem Drama „Operation Zucker: Jagdgesellschaft“ verfilmt wurde.

Der neue Roman knüpft an die Story des letzten („M“) und nimmt besonders zu Beginn Beug darauf. Dort war die Detektei Liebergesell, für die Tabor Süden arbeitet, nachdem er vor Jahren auf der Suche nach seinem verschollenen (!) Vater nach einer Zeit de Kellnerns in Köln wieder nach München zurückgelehrt ist, mit ihren Nachforschungen nicht nur auf die Spuren des verschwundenen Sohns von Edith Liebergesell gestoßen und hatte seinen Tod geklärt, sondern in der Auseinandersetzung mit Neonazis ist auch der Kollege Leonard Kreutzer ums Leben gekommen.

Nun haben eben jene Neonazis in der Detektei Feuer gelegt und die Einrichtung vollständig zerstört. Nicht nur Tabor Süden, sondern auch seine Chefin Edith Liebergesell und seine Kollegin Patricia Roos stehen vor einem Scherbenhaufen ihrer beruflichen und persönlichen Existenz.

Niemand weiß, wie es weitergehen soll, alles steht in Frage und insbesondere Tabor Süden versinkt in eine schier bodenlose Trauer um Leonard Kreutzer, an dessen Tod er sich die Schuld gibt und um alles andere, was er verloren glaubt.

Der einzige Ausweg aus dieser, auch mit viel Alkohol getränkten Schwermut ist seine Arbeit, Ermittlungsarbeit, Suche nach Verschwundenen.

Als Emma Fink, Angestellte des Münchnern Obst- und Gemüsehändlers Justus Greve, diesen bei der Detektei als vermisst anzeigt, und die Detektei mit der Suche nach ihm beauftragen will, nimmt Tabor Süden seine Arbeit wieder auf. Mit der ihm eigenen Methode von Intuition, einer überbordenden Empathie und einer ganz besonderen Fragetechnik, mit der er die Geheimnisse seiner Gesprächspartner und deren Seelen erkundet, such er sich der vermissten Person wieder so anzunähern, dass er stellenweise fast eins mit ihr wird.

Und am Ende kommt Tabor Süden nicht nur seiner Kollegin Patricia Roos näher, sondern auch den Rätseln des Vermissten und der Auftraggeberin. Und die Zukunft der Detektei bleibt offen. Und die die von Anis Serie auch.

In einer Zeitungsrezension war einmal über Anis Bücher folgender Satz zu lesen: „Wer Anis Geschichten liest, lernt anders denken“. Das trifft auch und erst recht auf das neue Buch zu. Aber ich möchte ergänzen: er lernt auch anders mitfühlen und anders über Menschen urteilen, die die Gesellschaft längst abgeschrieben hat, die lebendig tot sind, und schon lange, bevor sie abtauchen, längst in sich selbst verschwunden sind, in „leeren Zimmern“ leben.

Reich an intensiver Sprache mit starken und ausdruckskräftigen Bildern nimmt Friedrich Ani seine Leser wieder mit auf eine spannende Reise durch Bereiche unserer Gesellschaft, die er seinen Tabor Süden erkunden lässt wie kaum ein anderer Krimiautor der Gegenwart. Anspruchsvolle Literatur voller Poesie und Kraft von höchster Qualität.