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Becks letzter Sommer

 

 

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Benedict Wells, Becks letzter Sommer, Diogenes 2015, ISBN 978-3-257-24022-1

 

Dieser Roman ist das sensationelle Debüt eines 1984 geborenen jungen Schriftstellers, der sich im Jahr 2008 mit „Becks letzter Sommer“ wie mit einem Paukenschlag auf die deutsche Literaturbühne katapultiert und große Beachtung gefunden hat. Zu Recht, wie der Rezensent findet, der sich über das ganze Buch immer wieder gefragt hat, woher ein gerade 23-Jähriger die Erfahrung und den Tiefgang nimmt, um sich dermaßen in seine fast doppelt so alten Hauptfiguren hineinzuversetzen.

Mehrmals war ich erinnert an das Debüt von Aron Grünberg, der ähnlich kräftig und unkonventionell wie Benedict Wells vor langer Zeit die Literaturszene aufmischte, aus der er längst nicht mehr weg zu denken ist.

Benedict Wells erzählt die Geschichte einer Beziehung zwischen einem Lehrer und einem Schüler. Der Lehrer, Robert Beck, ist ein im Schulalltag abgestumpfter Pädagoge, der selbst als Musiker irgendwann stehen geblieben ist, und dennoch niemals aufgehört hat, davon zu träumen, mit seinen Texten, die er pausenlos schreibt, irgendwann groß im Musikgeschäft herauszukommen. Er hasst Bob Dylan, weil sein Vater dessen Musik nahezu ununterbrochen hörte und hat dennoch in der Mitte des Buches eine erhellende und ernüchternde Begegnung mit ihm.

Als der siebzehnjährige Rauli aus Litauen in Becks Musikklasse kommt, nimmt der Lehrer diesen Außenseiter , wie die Schüler auch, zunächst nicht wahr. Dann aber entdeckt er zufällig, dass Rauli eine unbeschreibliche Begabung hat. Eines Tages fragt er Beck, ob er dessen E-Gitarre, eine Stratocaster, ausleihen darf und fängt an, darauf zu spielen. Die Musik und die Melodien, die da hervorbrechen, zerreißen Beck fast das Herz. So etwas hat er noch nie gehört. Ein wahnsinniges Talent hat er da entdeckt, einen ungeschliffenen Diamanten. Selbst als Musiker schon vor Jahren kläglich gescheitert, wittert Robert Beck mit Rauli eine neue Chance. Er könnte mit seinen Texten und Raulis Musik als Manager Rauli zu einer beispiellosen Karriere verhelfen und sich selbst den lange gehegten Traum erfüllen, als Shootingstar in die Musikszene zurückzukehren.

Benedict Wells beschreibt nun diese schwierige Beziehung, die Robert Beck mit der undurchsichtigen litauischen Familie des Schülers zusammenführt. Wie er sich in die Seelenwelt eines letztlich am Leben und an der Liebe gescheiterten , fast 40- Jährigen hineinversetzt, ist genial und hat möglicherweise selbst erlebte Vorbilder. Robert Beck versucht verzweifelt, sich der Welt Raulis zu nähern, ihn für sich zu gewinnen, doch der Junge entzieht sich ihm immer wieder.

Eine Melodie mit dem Titel „Finding Anna“ spielt eine große Rolle, die Rauli auf einem seiner viele gelben Zettel notiert hat, als er in die erotische Anna Lind verliebt war, ein Mädchen in Becks Klasse, deren Bild der auch schon mal bei seinen einsamen und traurigen Masturbationen zu Hause imaginiert.

Eine Kellnerin namens Lara taucht auf, die sich in Beck verliebt hat, verbissen dagegen ankämpft und für die Beck aber gar keine wirkliche Empfindung hegt. Er ist regelrecht beziehungsunfähig. Nur mit seinem Freund Charlie, ein groß gewachsener Deutsch- Afrikaner, der früher mit Beck Musik gemacht hat, kann er reden. Charlie ist ein kleiner Philosoph und sprüht vor sarkastischen Lebenseinsichten, kommt aber mit seinem Leben auch nicht zurecht.

Benedict Wells zeichnet mit diesem erfrischenden Roman mit lockerer und leichter Sprache Menschen und ihr Schicksal, die sich auf einem langen Weg befinden zu sich selbst, die jedoch viele Umwege machen müssen und in manchen Sackgassen zunächst stecken bleiben. Plötzlich und unerwartet taucht auf Seite 154 zum ersten Mal der Erzähler des Buches auf, ein Redakteur namens Ben, den Robert Beck für die Pressearbeit für ein Konzert mit Rauli kontaktiert hatte und der zwischendurch immer wieder in Einschüben Beck an Ich“ von seiner Arbeit an dem Buch berichtet. Im Jahr 1999 beginnt die erzählte Geschichte und endet im Jahr 2007, kurz bevor Bens Arbeit an dem Roman abgeschlossen ist. 1990, so erzählt Ben zwischendurch, habe er, 11- jährig, Robert Beck kennen gelernt und als er dann seinen Anruf in der Redaktion erhielt, wo er gerade arbeitete, habe er von dessen Geschichte nicht mehr lassen können.

„Becks letzter Sommer“ ist ein schönes Buch, voller Poesie und Sensibilität mit seinen Figuren, Suchende allesamt. Benedict Wells schildert vor allem Robert Beck ohne Häme und mit tiefen Verständnis für einen Mann in der Krise seines Lebens. Erstaunlich, wirklich, für einen bei Erscheinen des Buches gerade mal 23-jährigen Autor. Wells hat mit weiteren Büchern sein Talent bestätigt und die hier vorliegende Ausgabe ist von Diogenes für die Kinofassung des Buches neu aufgelegt worden.