Schlagwort-Archive: Brigade Rosso

Tod eines glücklichen Menschen

 

42715190z

 

Giorgio Fontana, Tod eines glücklichen Menschen, Nagel & Kimche 2015, ISBN 978-3-312-00664-9

 

Giorgio Fontana, ein junger 1981 geborener italienischer Schriftsteller aus Mailand, gehört seit seinem Debütroman  „Im Namen der Gerechtigkeit“ zu der glücklicherweise immer größer werdenden Zahl italienischer Schriftsteller und Intellektueller, die den moralischen Zustand und Verfall ihres Heimatlandes nicht länger hinnehmen wollen und mit ihren Büchern und öffentlichen Auftritten dem etwas entgegen setzen, das für Italien hoffen lässt.

In seinem hier vorliegenden Roman geht es zum einen um die Aufarbeitung der Zeit des Terrors der Roten Brigaden in Mailand und zum anderen um das Streben nach Gerechtigkeit und wie schnell es geschehen kann, dass sich ein Staatsanwalt in seinen Prinzipien denen annähert, die er aus moralisch und juristischen absolut lauteren Gründen verfolgt.

Staatsanwalt Colnaghi, die Hauptperson seines neuen, wieder bei Nagel & Kimche erschienenen Romans, hat  dieses Engagement von seinem Vater geerbt, der im Krieg im Widerstand gegen die Nazis kämpfte und dabei seine Familie und seinen Sohn im Stich ließ.

In schraffiert gedruckten Rückblicken beschreibt Fontana diese Widerstandsgeschichte des Vaters und stellt sie immer wieder  dem im Jahr 1981 angesiedelten Handeln seines Sohnes gegenüber.

Der ist mit missionarischem Eifer damit beschäftigt, den Roten Brigaden auf die Spur zu kommen. Dabei will er beim unermüdlichen Studium von deren aufgeblasenen Manifesten herausfinden, was diese Terroristen bewegt. Welche Vorstellung von einer gerechten Gesellschaft haben sie und wie unterscheidet sie sich von seiner eigenen? Als er in einer spektakulären Aktion den Top-Terroristen Gianni Meraviglia fassen kann, ist Colnaghi nicht wirklich zufrieden. In unzähligen Gesprächen versucht er zu verstehen, welche Ideale und Werte es rechtfertigen, ein Menschenleben zu vernichten und in der Folge noch mehrere andere von Familienmitgliedern dazu, was Tanja Kinkel in ihrem neuen Roman „Schlaf der Vernunft“   auf beeindruckende Weise gezeigt hat.

Auch Meraviglia träumt von Gleichheit und Gerechtigkeit, aber er wählt einen komplett anderen Weg. An diesen Gegensätzen leidet der Leser, gerade wenn er diese bleiernen Zeiten in Italien und in Deutschland miterlebt hat, mit. Bei Colnaghi kommt noch dazu, dass er sich immer wieder mit seinem  Vater vergleicht, dessen Widerstands- und Lebensgeschichte Fontana parallel erzählt und dabei manches entdeckt, was ihm gar nicht gefallen will.

Ein intensiver Roman, der ein ganzanderes Italien zeigt, eines, das Hoffnung macht.

Dass es in unserer Welt nicht erst seit kurzem eine Form von Gewalt und Terror gibt, für die die Frage nach Gerechtigkeit gar keine Bedeutung mehr hat, steht auf einem anderen Blatt.