Schlagwort-Archive: coming of age

Eine Therapie für Aristoteles

 

 

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Melanie Sumner, Eine Therapie für Aristoteles, Dumont 2016, ISBN 978-3-8321-9796-4

 

Ein wahrlich ungewöhnliches Buch der Amerikanerin Melanie Sumner ist hier anzuzeigen. Ein Coming-of Age Roman aus der literarischen Feder von Aristoteles Thibodeau, einem  zwölfeinhalbjährigen Mädchen, der man eine besondere intellektuelle und sprachliche Frühreife bescheinigen kann.

Sie hat lange mit ihrer Familie im fernen Alaska gewohnt und ist nach dem Tod des Vaters mit der Mutter und dem kleinen hypersensiblen Max nach Georgia gezogen. Die Mutter Diane lehrt Literatur an einem streng religiösen College und ist mit ihrem eigenen Leben und erst recht  mit der Erziehung ihrer Kinder heillos überfordert. Max geht regelmäßig zu einer Therapeutin mit mäßigem Erfolg.

Aristoteles, genannt Aris, bleibt zur Lösung ihrer vielfältigen Teenagerprobleme (sie ist ungewöhnlich weit für ihr Alter – ein literarischer Kunstgriff, den man Melanie Sumner zugestehen muss, will man die witzigen und stilistischen Eigenarten des Buches wirklich genießen) eigentlich nur ein ungewöhnliche Form der Eigentherapie. Sie schreibt ein Buch, einen Roman und bedient sich dabei eines Ratgebers „Romane schreiben in 30 Tagen“.

Wie Melanie Sumners sie das tun lässt, ist auf eine belebende und erfrischende Art anders als vieles, was man bisher zu diesem Thema lesen konnte. Es ist unterhaltsam und witzig, wie sie erzählt von ihrer Familie, ihrem Opa und auch von Penn, einem Nachbarn, mit dem sie ihre Mutter gerne zusammenbringen würde. Die versucht indes erfolglos und frustriert über Onlinedatings ihr Glück zu finden, und macht manches Mal einen kindlicheren Eindruck als ihre beiden Kinder, die  sich wacker durch ihr Schicksal kämpfen.

Herrliche Charaktere sind da erschaffen worden und so mancher Exkurs über philosophische und naturwissenschaftliche Themen fordert dem Leser einiges ab. Und er wird immer wieder zum Lächeln und Schmunzeln gebracht, ob der auch sprachlichen Einfälle dieses Mädchens, dem es wie schon so vielen anderen jungen und älteren Menschen zuvor gelingt, sich mit dem Schreiben selbst zu heilen.

Ungewöhnlich empfehlenswert!

 

 

 

Ein besonderer Junge

 

 

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Philippe Grimbert, Ein besonderer Junge, DTV 2015, ISBN 978-3-423-14425-4

Wenn ein Psychoanalytiker mit dem Schwerpunkt Jugendpsychiatrie beginnt Romane zu schreiben, dann muss man damit rechnen, dass er in seinen Büchern entsprechende Stoffe einbaut. Schon in seinem auch als Film ungeheuer erfolgreichen Buch „Ein Geheimnis“, in dem er seiner jüdischen Kindheit nachspürte, hat Grimbert mit Übertragungsphänomenen gespielt.

In „Ein besonderer Junge“  erzählt er die Geschichte eines jungen Mannes, der nach mehreren Versuchen nicht mit seinen Studien an der Universität klarkommt. Da sieht er eines Tages einen Aushang:
„Suche motivierten jungen Mann für die Betreuung eines besonderen Jugendlichen während eines Aufenthalts mit seiner Mutter in Horville (Calvados)“

Wie elektrisiert notiert sich Louis die Angaben. Zwei Wörter haben es ihm angetan, berühren etwas in ihm, was im Verlauf der Handlung näher ausgeführt wird. In Horville war das Sommerhaus, in dem Louis mit seiner Familie über viele Jahre die Sommerferien verbrachte. Horville war der Ort einer jahrelangen tiefen Freundschaft zu Antoine, einem Jungen, dem sich Louis seelenverwandt fühlte. Und er stolpert über das Wort „besonderen“.

Indem er diesen Zettel liest, beginnt seine Erinnerung an seine Kindheit hervorzusprudeln, in der ihn sein Vater immer als einen „besonderen Jungen“ bezeichnete. Louis trifft sich mit dem Vater des zu betreuenden Jugendlichen und fährt dann nach Horville, wo Iannis mit seiner Mutter eine Zeit verbringt, in der sie ihren neuen Roman fertig stellen will.

Viele Helfer haben sich in den letzten Wochen und Monaten schon an der Betreuung des sechzehnjährigen Iannis verhoben und oft schon nach wenigen Tagen ihre Arbeit beendet. Louis wird auch bald klar, warum der stumme Junge nicht nur seiner Mutter eine solche Last ist. Doch er hält durch, baut langsam eine emotionale Beziehung zu dem Jungen auf, der in seinem Verhalten die kleinste Emotion, die in seiner Umgebung spürt, widerspiegelt.

Zunächst widersteht Louis auch den erotischen Avancen der Mutter, bis er sich später von ihr verführen lässt. Diese sexuellen Erfahrungen und die entsprechenden Kindheitserinnerungen an vorpubertäre Sexualität sind nur ein Strang eines Buch, das in kurzen Abschnitten erzählt und in kursiver Schrift den Protagonisten immer wieder in seine Kindheit und seine tiefe Freundschaft zu Antoine führt. Ja, ich wage zu behaupten, dass es diese „durchgearbeiteten“ Erinnerungen sind, die Louis ermöglichen, eine immer stabilere Beziehung zu Iannis aufzubauen, von dem sich herausstellt, dass er hinter dem Rücken seiner eher kalten Eltern schreiben und lesen gelernt hat. Und es ist die zugelassene Trauer um den Verlust seiner Kindheit und die Trennung von Antoine, die es ihm ermöglicht, am Ende auch Iannis gehen zu lassen, doch nicht bevor er etwas absolut Verrücktes tut und sich damit wohl für sein ganzes weiteres Leben befreit.

Eine wunderbare, mit dichter Sprache erzählte Geschichte vom Erwachsenwerden und vom Anderssein.

Noch so eine Tatsache über die Welt

 

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Brooke Davis, Noch so eine Tatsache über die Welt, Kunstmann 2015, ISBN 978-3-95614-053-2

 

Die australische Schriftstellerin Brooke Davis hat mit diesem Erstlingsroman wie mit einem Paukenschlag nicht nur die literarische Bühne ihres Heimatlandes betreten, sondern ihr Buch „Noch so eine Tatsache über die Welt“ ist seit seinem Erscheinen im vergangenen Jahr zu einem internationalen Bestseller geworden, den Kunstmann nun auch dem deutschen Publikum präsentiert.

Erzählt wird die Geschichte von drei Menschen, die nicht nur vom Alter her sich stark unterscheiden. Da ist die siebenjährige Millie Bird, die schon ganz früh immer wieder mit dem Tod und mit schwerem Verlust konfrontiert wird. Zunächst stirbt ihr Hund Rambo, dann auch ihr Vater. Und kurze Zeit später, der Vater ist kaum beerdigt, geht ihre Mutter in einem Kaufhaus „kurz weg“, und kommt nicht mehr wieder. Sie hat sie einfach zurückgelassen wie ein lästiges Stück Gepäck.

Und da ist der siebenundachtzigjährige Karl, der von seinem Sohn in ein Altersheim gebracht wurde, in dem er aber nicht bleiben will und von dort wegläuft. Er geht zuerst mal ins Kaufhaus, bis sich etwas Besseres findet. Und dort trifft er die von der Mutter verlassene Millie.

Als die nach einer sehr unterhaltsamen zu lesenden Episode mit Karl im Kaufhaus allein an ihr Elternhaus kommt, wird das wie alles andere beobachtet von Agatha Pantha, einer zweiundachtzigjährigen Frau, die seit ihr Mann gestorben ist, verbittert nicht mehr das Haus verlassen hat, aber durch ihr Fenster alles sieht und beobachtet.

Diese drei brechen auf eine abenteuerliche Reise auf, um Millies Mutter zu suchen. Was sie dabei finden, ist wie eine Rückkehr zu sich selbst und ins Leben. Und in die Liebe. Denn zwischen dem vereinsamten, aber sehr romantisch veranlagten Karl und der schrägen Agatha bahnt sich im Verlauf des Buches eine ungewöhnliche Liebesbeziehung an. Brooke Davis gelingt es gut, dieses oft belächelte Thema auf eine sehr ernsthafte Weise zu beschreiben, mit Schönheit und Poesie.

Davis lässt ihre Figuren abwechselnd auftreten und so dem Leser immer vertrauter werden. Es geht nicht nur um Liebe und Freundschaft, sondern auch um die ständige Gegenwart und Realität des Todes und vieler anderer Formen von Verlust.

All das erzählt sie auf eine liebevolle, schräge, ernsthafte und gleichwohl lustige Weise, dass man das Buch schnell zu Ende liest und jede unnötige Pause vermeidet.

Ein wunderbares Buch, das geradezu singt vom Glück zu leben.

 

 

Das zweite Leben des Travis Coates

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John Corey Whaley, Das zweite Leben des Travis Coates, Hanser 2015, ISBN 978-3-446-24741-3

 

„Wisst ihr – ich habe gelebt und dann nicht mehr. Ganz einfach. Und jetzt lebe ich wieder.“

Der das von sich sagt, heißt Travis und ist 16 Jahre alt, als er an Leukämie stirbt. Seine Eltern haben einem Versuch zugestimmt, dem sie wenig Erfolg zutrauten. Travis` Kopf wird eingefroren um irgendwann auf einem anderen Körper wieder zum Leben erweckt zu werden. Dass dies schon fünf Jahre später der Fall sein würde, ahnte niemand.

Travis` Kopf wird auf einen anderen Körper transplantiert und er versucht, wieder am normalen Leben teilzunehmen. Doch alle sind mittlerweile 5 Jahre älter geworden, seine damalige Freundin Cate ist mit einem anderen verlobt, und in seiner neuen Klasse sind ihm alle fremd. Während Travis immer noch 16 ist, gestaltet sich sein Verhältnis zu seinen schon fast erwachsenen ehemaligen Freunden sehr problematisch. Und hinzukommt, dass er das Gefühl hat, dass seine Eltern ihm irgendetwas Wichtiges verschweigen.

Travis versucht verzweifelt, sein altes Leben wiederzubekommen, aber es will ihm nicht gelingen. Lediglich seine Beziehung zu seinem alten Freund Kyle funktioniert gut, und mit seinem neuen Kumpel Hatton aus seiner neuen Klasse versteht es sich gut.
Es ist eine interessante Idee, die Whaley mit großer erzählerischer Begabung und Kunst hier in einem empfehlenswerten Jugendbuch umsetzt. Sehr spannend und locker, stellenweise mit viel Humor erzählt lässt das Buch aber auch einiges offen. So kann man sich vorstellen, welchen Rummel eine solche Transplantation auslösen würde. Doch Travis, der uns seine Geschichte hier erzählt, scheint das alles nicht so sehr wahrzunehmen und so liegt der Fokus der Geschichte auf seiner individuellen Wahrnehmung.

Die ist meisterhaft gelungen. Ein originelles und ergreifend-berührendes Buch mit Anleihen an SF.